Part 4
Prüfend, aber möglichst vorsichtig, überschaute ich die nächste Umgebung, die größtenteils aus Herren und einigen schlichten Matronen bestand. Nur links von mir -- in der ersten Reihe, sah ich die wohlfrisierten Köpfe zweier eleganten Damen auftauchen. Sollte das ...? Meine Brust wogte so heftig auf und nieder, daß ich, um mich nicht bemerklich zu machen, oder aufzufallen, den Atem dämpfen mußte. O Gott! Sollte sie es wirklich sein? Schien das nicht das nämliche goldige Lockengeringel im Nacken zu sein, wie es mir viele Stunden lang auf jenem Maskenballe vor Augen geschwebt? Damals freilich wurde das herrliche Blond des Vorderhaares von der scheußlichen Maske neidisch verhüllt. Ja gewiß! Diese und keine andere mußte =bella= Susanna sein!
Allein so viel ich mich auch drehte und wendete, von ihren Augen vermochte ich nichts zu erspähen; immer blieben nur die nach aufwärts gekämmten blonden Haarsträhne des Hinterhauptes sichtbar. -- Da -- noch während ich dies niederschreibe -- lähmt ein krampfartiges Gefühl die Muskeln meiner Rechten -- da taucht plötzlich in der Hand der blonden Dame ein Fächer -- ein ausgebreiteter Fächer auf. Mein Herzschlag stockt; denn mit glühenden Blicken erspähe ich darauf -- das eigenhändig gemalte Bild! Sie ist's! So juble ich vor stummem Entzücken und verkrieche mich förmlich hinter den breiten Rücken eines behäbigen Berliner Rentiers, um recht ungestört nach der Angebeteten hinüberschauen zu können. Einmal -- hoffte ich -- würde sie doch wohl den Kopf nach mir herumwenden. Ein unglücklicher oder vielmehr glücklicher Zufall kam mir zur Hilfe. Noch war der erste Akt nicht zu Ende gespielt, da ließ eine Dame in der zweiten Sitzreihe ihr Opernglas mit ziemlichem Geräusch zur Erde fallen. Natürlich wendeten sich sofort eine Anzahl höchst indignierter Gesichter nach der Ruhestörerin um, =la bella= Susanna ebenfalls. Allmächtiger Gott! Sind denn meine Augen getrübt, -- bin ich verrückt oder treibt der Satan sein Spiel mit mir? Keuchend stößt mein Atem aus der Brust, so daß der gemütliche Rentier neben mir wohl gedacht haben mochte, ein Mensch im letzten Stadium der Lungenschwindsucht befinde sich in seiner Nähe. Einerlei -- ja, was geht mich die ganze Welt an! Wie gelähmt starre ich in das als engelhaft schön erträumte Antlitz von Madame de Baranow. Wut und Abscheu krampfen mir das Herz zusammen. Das also ist die vermeintliche Beauté, um deren Figur und Grazie selbst Juno vor Neid geborsten wäre? O pfui! Welch' ein tückisches Spiel, welche Grausamkeit der Natur! Ein pockennarbig gelbes Gesicht mit wulstigen Negerlippen, in welchem eine niedrige Stirn und kleine geschlitzte Tartarenaugen den fatalen Gesamteindruck noch erhöhen, zeigt sich meinen getrübten Blicken. Doch wie ist mir denn! Plötzlich taucht in meinem wilderregten Geiste auch eine Erinnerung auf. Diese widrigen Züge kenne ich ja; der cynisch-frivole Ausdruck derselben war mir durchaus nicht fremd?
Heiliger Brahma! Gleich einem zündenden Funken fiel es in das Gedächtnis Deines armen Freundes. Lieber Karl! Entsetze Dich nicht! Denn -- die häßliche, uns allen von Rom her nur zu wohlbekannte Paula Uschakow war es, welche schon damals gerade mich mit ihrer Affenliebe immer verfolgt und gepeinigt hat. Und ich Narr, -- ich Esel, -- bin hier so einfältig auf den Leim gegangen! Meine Empörung kannte keine Grenzen; alles wurde mir mit einem Schlage klar. Du, mein Freund, mußt es ja noch wissen, daß Paula, nachdem sie vergeblich darnach getrachtet, durch ihr nicht unbedeutendes Talent unter den deutschen Künstlern sich einen Mann zu erobern, schließlich einen alten, sehr reichen Russen geheiratet haben soll. Und jetzt muß das abscheuliche Weib mir solch' einen Streich aufspielen! Wirklich schändlich -- empörend! Ist es nicht wahrhaft jammervoll, daß mein reizendes, poetisches, alle zarten Empfindungen der Menschenbrust versinnbildlichendes Fächerbild in solche Hände geraten! Dabei aber tönen, als ob ein guter Geist sie gesprochen, Agnes' Worte sogleich in mein Ohr: »O, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!« Nein, ihr, diesem reinen, unschuldsvollen Kinde habe ich wirklich noch nie eine derartige Freude gemacht, habe sie ja kaum beachtet, während ich drei Monate meiner kostbaren Zeit nur an diese Kokette gedacht. Vor Wut zitternd ballte ich heimlich die Faust nach den Damen in der ersten Sitzreihe hin, drückte dann den Hut so tief wie möglich in die Stirn und verließ eilends das Theater. Erst auf der Straße atmete ich ein wenig freier auf. Da es kaum halb neun Uhr war, so fand ich unter den Linden noch einige elegante Läden geöffnet. In dem ersten besten Galanterie-Bazar, wo ich hineinstürme, verlange ich einen kostbaren, aber unbemalten Fächer.
»Schwarz?« fragt schüchtern die Verkäuferin mit ängstlichem Blicke in mein erhitztes Angesicht. Sie mochte wohl gedacht haben, ich sei angetrunken.
»Nein, rot -- feuerrot!« entgegnete ich diktatorisch und hielt schon nach zwei Momenten ein wahrhaft entzückendes Exemplar in den Händen. Die geforderten vierzig Mark erschienen mir eine Lappalie. Ich hätte fünfhundert Mark gezahlt, wenn sie verlangt worden wären, ohne eine Miene zu verziehen. Darauf warf ich mich in eine Droschke und ließ mich schnurstracks nach Hause fahren. Totenstill -- öde und einsam dünkte mir in diesem Momente mein sonst so behagliches Heim.
Der verwundert mich anstarrenden Dienerin befahl ich, im Atelier sofort einige Lampen anzuzünden, während ich nur ganz beiläufig fragte, ob irgend eine Nachricht von meiner Frau gekommen wäre. Die bejahende Erwiderung bewies mir, daß man im Hause eben besser orientiert sei, als ich, der Ehemann. Denn bald erfuhr ich aus dem Munde des Dienstmädchens, Agnes gedächte schon in den nächsten Tagen zurückzukehren.
Deswegen mußte ich also fleißig sein, um das, was mir vorschwebte, rechtzeitig zu vollenden.
Nun gute Nacht, Bruderherz! Vielleicht schreibe ich morgen oder übermorgen weiter. Ich spüre nämlich in mir das Bedürfnis, einer fühlenden Seele mich mitzuteilen. Gehab Dich wohl und gieb bald Nachricht
Deinem
Gilbert.«
* * * * *
Berlin, den 8. Mai 188.
»Alter lieber Freund!
Wie neugeboren fühle ich mich, wenigstens, wie ein Mensch, der eine lange Krankheit überstanden und nun mit hoffnungsseligen Empfindungen in der Brust jetzt ein sonniges Dasein vor sich sieht. -- Übrigens -- Du bist ein Diplomat, Freundchen! Vielleicht haben auch Deine Briefe, der warme, herzliche, durchaus nicht mentorhafte Ton, der daraus spricht, sowie Dein stets vermehrtes Interesse für Agnes ein wenig zu meiner Heilung beigetragen.
Aber ich will dem Gange meines »kleinen Romans« nicht vorgreifen, sondern da weiter erzählen, wo ich im letzten Briefe stehen geblieben bin.
So höre denn! Nachdem ich schon an dem nämlichen, für mich so verhängnisvollen Abende eine Skizze entworfen, warf ich mich mit wahrem Feuereifer auf das Malen des roten Fächers, indem ich täglich einige Stunden darüber festsaß. Kein Kunstwerk -- kein Bravourstück sollte diese Arbeit werden, -- Gott behüte! Ich malte ja für Agnes, für mein junges, sanftes Weib. Etwas aber wollte ich darauf zaubern, was die Augen des holden Wesens in seliger Freude strahlen machen, -- ein Etwas, was ihr sagen sollte, daß ihr Gatte .... Doch halt! Die Feder geht schon wieder im Galopp davon!
Endlich -- endlich ist das Bildchen vollendet, und meine Mühe zeigt sich vom schönsten Erfolge gekrönt. Da die Farben noch eine Weile trocknen mußten, spannte ich den Fächer ausgebreitet auf ein Stück Karton, und trug ihn, im Gefühl seliger Befriedigung hinüber ins Zimmer meiner Frau. Dort plazierte ich ihn auf Agnes Schreibtische hinter einem wahren Walde von Maiglöckchen, ihren Lieblingsblumen.
Es war der nämliche Nachmittag, an dem meine Frau eintreffen sollte. Nachdem ich in mein Atelier zurückgekehrt, versuchte ich alle rebellischen, mir selbst ganz neu und fremdartig erscheinenden Gedanken durch anstrengende Arbeit zu ersticken, rührte mich auch nicht von der Stelle, als ich eine Droschke am Hause vorfahren hörte. Direkte Mitteilung, daß Agnes heimkommen würde, war mir, dem Hausherrn, ja gar nicht gemacht worden, und hatte ich es nur =en passant= erfahren. Darum sah ich keine Veranlassung, der Zurückkehrenden entgegenzueilen. Zwar drang öfteres Thürenzuwerfen und Stimmengemurmel dumpf zu mir herüber, doch blieb es für die nächste halbe Stunde in meiner Klause ganz still. Ich male -- male eifrig weiter, obgleich ein sonderbares Flimmern in den Augen mich die Farben kaum unterscheiden läßt. Da -- auf einmal macht ein schüchternes Klopfen jeden Nerv in mir erzittern. »Herein!« konnte ich nur mit Kraftanstrengung über die Lippen bringen, und als bald darauf ein goldbraunschimmerndes Haupt in der Thür erscheint, erkenne ich mit raschem Blicke, wie Agnes den Fächer hinter sich verborgen hält.
»Schon da?!« rief ich mit einer Unbefangenheit, die mich selbst in Erstaunen setzte. Während ich, Pinsel und Palette beiseite geworfen, der Eintretenden entgegeneilte, brachte ich keine Silbe heraus und zog nur schüchtern und ungelenk die kleine Hand an die Lippen.
»Ich wollte Dich überraschen, Gilbert, und nun bist Du mir zuvorgekommen, hast mir solch' eine reizende, süße Überraschung bereitet,« kam es stockend aus Agnes' merklich zitterndem Munde.
»Ich? Wie so?« fragte ich mit gut gespielter Harmlosigkeit.
»Aber, Gilbert! Nennst Du das nichts?«
Mit diesen Worten, die von holdseligem Erröten und glücklichem Lächeln begleitet waren, hielt sie mir den wohlbekannten Fächer vor die Augen.
»So? Also das kleine Ding da macht Dir etwas Spaß, Agnes?« Ich glaube, daß ich zu dieser eigentlich nichtssagenden Bemerkung wirklich ein recht einfältiges Gesicht gemacht habe.
»Etwas Spaß?« wiederholte sie leise. »Weiß ich doch gar nicht, wie Du dazu kommst, mir solch' eine unendliche Freude zu bereiten, Gilbert? Das Bild ist -- ist entzückend!«
»Es sind Deine Züge. Wenigstens habe ich mir Mühe gegeben, dieselben aus -- dem Gedächtnis auf den Fächer zu zaubern. Das -- andere, was noch darauf ist, sind -- natürlich nur Gebilde meiner Phantasie.« Ich sah ihr jedoch, während ich das sagte, zum erstenmale voll in die Augen. Allein, wie mit Purpur übergossen, hatte sie den Blick rasch zur Erde gesenkt.
Teuerster Carolo! Es fehlte wahrhaftig nicht viel daran, so hätte ich meine Agnes, das liebliche Geschöpf, mit einem Jubelschrei an die Brust gezogen, um ihr frei vom Herzen herunter alles das zu enthüllen, was seit jenem heilsamen Theaterabende meine Pulse fliegen ließ. Doch Gott bewahre! Ich überwand mich. Nicht jetzt -- nicht um des Fächers willen sollte die Scheidewand zwischen uns in nichts versinken. Stand doch gerade ein anderes Fächerbild gleich einem mahnenden Gespenste vor meinem Geiste -- ein anderes Bild, was die Weihe eines so seligen Moments sicherlich gestört haben würde. In sanfter, liebender Fürsorge führte ich mein junges Weib nur hinüber in ihr Zimmer, küßte sie schüchtern auf die Stirn und -- ging. --
Aber Du willst natürlich gern wissen, warum mein Geschenk Agnes so ganz besonders wertvoll dünkte, warum sie vor seliger Freude darüber errötet war? Gut, auch das sollst Du jetzt erfahren! Das Fächerbild zeigt nichts anderes, als eine jugendschöne Mutter, die, strahlendes Glück in ihren Zügen, über ihr neugeborenes Kindlein sich niederbeugt!
Bist Du jetzt mit mir zufrieden, =amico=?
Dein Gilbert.«
* * * * *
(24 Stunden später.)
»Herzensfreund!
Was ich diesem »meinem kleinen Romane« noch hinzuzufügen habe, ist wenig, doch ist es das Bedeutungsvollste, was ich während meiner Künstlerlaufbahn jemals erlebte.
Nur eine kurze Spanne Zeit verfloß, nachdem Agnes zu mir zurückkehrte; aber eine Wandlung ist seitdem vor sich gegangen -- mit ihr -- mit mir -- mit und in unserem Heim, daß ich vor staunender Bewunderung und stummer Verzückung oft die Hände falte und flüstere: »O Gott, bin ich denn solchen Glückes auch wert?«
Aber Du wirst ungeduldig und neugierig über das Mysteriöse meiner Worte oder errätst Du vielleicht jenes Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen Freund plötzlich zu einem völlig Anderen umgeschaffen? -- --
Bald nach ihrer Ankunft und unserem Wiedersehen im Atelier hatte Agnes, weil sie ruhebedürftig war, sich zu Bett gelegt. Ich aber langte nach meinem Hut und stürmte hinaus; hinaus in den wonnig warmen Maienabend zog es mich. Die erste mir entgegenkommende Droschke rufe ich an und fahre in den Tiergarten. In Gottes freier Natur wollte ich allein sein mit meinen Gedanken und Empfindungen. Ich wußte -- fühlte, daß ein veredelnder Läuterungsprozeß in mir vor sich ging, und diese heilsame Krisis mußte sich ganz still, fern von allem Menschengewühl vollziehen. Nicht mehr als der Gilbert, den Du, mein Freund, gekannt und welchen Du aus all' diesen Briefen noch zur Genüge studieren konntest, -- nein, nein, und tausendmal nein! -- nur als ein Mann wollte ich Agnes wieder vor die Augen treten, der das von ihr einst mit so scharfer Betonung gesprochene, heilige Wort »Pflichten« zu würdigen und im ganzen Maße zu erfüllen verstand. Verachtungswert erschien mir plötzlich mein verflossenes Leben gegen das wahre, süße Glück, welches ich heute, als mein junges Weib so holdselig schüchtern neben mir im Atelier stand, vor mir auftauchen gesehen. Und dennoch bin ich lange Monate wie ein Blinder an diesem Schatze vorübergeschritten, ohne ihn zu heben und mein eigen zu nennen. --
Viele Stunden mochte ich wohl im Tiergarten umhergeirrt sein; denn längst war die Sonne zu Rüste gegangen und die ersten Schatten der Maiennacht zogen bereits über Wege und Rasenplätze. Als ich nach der Uhr sah, zeigte sie schon ein Viertel vor Zehn. Da durchzuckte plötzlich ein heftiger Schrecken meine Glieder. In meinem Freuden- und Glückestaumel war ich von Hause fortgestürmt, hatte nicht bedacht, daß Agnes meiner vielleicht bedürfen könnte. Sie war allein! Wenn ihr irgend etwas zugestoßen! Jähe Angst befiel mein Herz. O, ich war doch immer noch der alte Egoist, welcher zuerst nur an sich selbst dachte!
Im Sturmschritt ging's nun nach dem Droschkenhalteplatz. Gott Lob! Dort steht richtig noch das schlichte Gefährt, dessen ich mich zur Herfahrt bedient. Ich drücke dem Kutscher fünf Mark in die Hand und befehle ihm, im Galopp nach der angegebenen Adresse zu fahren. Zu Hause angelangt, renne ich, von düsteren Ahnungen gepeinigt, die zwei Stiegen zu meiner Wohnung hinan und trete atemlos in den Vorsaal. Nichts regt sich -- alles mäuschenstill! Dem Himmel sei Dank! Meine allzubange Sorge war demnach unbegründet, und mit diesem Gefühl der Erleichterung öffne ich die Thür nach dem Wohnzimmer meiner Frau, an welches ihr Schlafzimmer stößt. -- Da -- da, Allmächtiger, was ist das? Welch' seltsam fremde Laute tönen von dort heraus an mein Ohr! Ich halte mir den Kopf mit beiden Händen -- ich taumle. Das klägliche Schreien eines kleinen -- meines Kindes ist's, was ich vernehme.
Gleich einem Rasenden laufe ich vorwärts, -- keine Macht der Erde hätte mich in diesem Momente zurückzuhalten vermocht -- und befinde mich alsbald in dem matt erhellten Heiligtum. Hatte Agnes mein Kommen gehört oder hatte das teure Wesen meine Gegenwart nur geahnt? Zwar gedämpft, aber dennoch deutlich klingt hinter einer hohen spanischen Wand mir mein Name entgegen: »Gilbert!«
Nun war es mit Fassung und Selbstbeherrschung an mir vorbei. Ungeachtet der Anwesenheit einer mir unbekannten Wärterin, ungeachtet des aus dem Hintergrunde plötzlich auftauchenden, strengverweisenden Gesichts meiner Frau Schwiegermutter -- machte ich auf den Zehenspitzen zwei Sätze gegen den Bettschirm hin und lag, ehe ich selbst noch recht zur Besinnung kam, am Lager derjenigen, die mich zu neuem, besseren Leben zurückgeführt, den Kopf auf deren kleine Rechte gestützt, knieend und unter Schluchzen flüsternd: »Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«
Da schob sie mit der einen freien Hand einen bisher an ihrer Brust liegenden, meinen unerfahrenen Blicken paketähnlich dünkenden Gegenstand, woraus nur ein dunkles Köpfchen sich bemerklich machte, sanft nach mir hin und schlang mit zärtlichem Drucke ihren Arm um meinen Hals.
»Das ist mein Dank für das süße Fächerbild! Hier ist Dein Sohn! Freust Du Dich über dieses Geschenk, Gilbert?« --
Für heute aber sei es genug, mein lieber Karl! Als ich blind, thöricht, leichtsinnig und von bösen Leidenschaften verfolgt war, fand ich der Worte genug, Dir zu schreiben. Jetzt bin ich am Ende. Das Glück ist stumm. Sei darum nachsichtig mit mir! Das beste wäre übrigens, Du kämest bald selbst nach Berlin und beglücktest damit Deinen
stets getreuen Freund Gilbert.«
Aus Großtantchens Hofdamenleben.
Deutlich steht die greisenhafte, schlanke Gestalt der Cousine des seligen Großvaters noch vor meinem Geiste.
Damals -- lange Jahre sind nun auch seitdem vergangen -- imponierte mir Achtzehnjährigen, die ich erst seit wenigen Monaten mit stolzem Selbstgefühl das Prädikat »Frau« trug und somit in Tante Babettens Familie hineingeheiratet hatte, diese kleine wahrhaft originelle Dame von vierundneunzig Jahren gewaltig.
Noch niemals im Leben hatte ich einem so alten menschlichen Wesen gegenüber gestanden, und als ich zum erstenmal in dem mit steifer Empirepracht möblierten Paradezimmer mich tief zur Erde niederbückte, um meiner alten Verwandten, die kerzengerade und unleugbar hoheitsvoll von ihrem Sitze sich erhob, in Ehrfurcht die runzelige Hand zu küssen, da überkam mich eine Empfindung, als wäre ich um acht Jahrzehnte zurückversetzt, und eine jener mythenhaften Ahnmütter, deren Existenz mir nur dunkel vorschwebte, sei plötzlich zum Leben erwacht. Wie konnte dieses mumienartige, zusammengeschrumpfte Gesichtchen, mit den kaum einem Menschen ähnlichen wimperlosen trüben Augen noch Spuren von Leben, Geist und Intelligenz verraten? Was wohl würde dieses seltsame Wesen aus einer längst begrabenen Zeit mit mir, dem heiteren Kinde des neunzehnten Jahrhunderts, sprechen? War es denn möglich, daß dasselbe überhaupt noch Interesse zu finden vermochte an Leuten und Verhältnissen, die -- nach meiner Idee -- den Anschauungen jener Tage so weit entrückt lagen? Das alles dachte ich im ersten Moment meiner Bekanntschaft mit Tante Babette.
Wie sehr sollte ich mich jedoch geirrt haben! Heute noch, nachdem der Greisin kleiner Körper längst von allen irdischen Mühsalen ausruht, -- heute noch gehören alle die Stunden, welche ich in ihrer Gesellschaft verbringen durfte, mit zu den liebsten, heitersten Erinnerungen meines Lebens. Tante Babette war zwar ein Original, allein ein geistreiches, witziges, zuweilen etwas elegisch angehauchtes, zuweilen aber auch ein wenig scharf boshaftes Original. Von Gedächtnisschwäche und dem bei solch' hohem Alter vielleicht sehr natürlichen Verwechseln von Personen, Namen und Daten war an Großtantchen keine Spur zu bemerken. Staunen erregte es in mir wirklich, wie sie für alles, was in der eigenen Familie, unter ihren Bekannten, ja sozusagen in der Welt vorging, nicht bloß das lebhafteste Interesse bezeigte, sondern wie sie sogar in den reichen Schatz ihrer Erlebnisse mit einer Sicherheit und Genauigkeit zurückzugreifen vermochte, um dieses oder jenes interessante Stücklein oder lustige Episode eines langen, erfahrungsreichen Lebens ans Tageslicht zu fördern.
Dreißig Jahre war Tante Babette als Hofdame bei einer thüringischen Herzogin gewesen, und schien es besonders diese Zeit zu sein, bei der ihr reger Geist am liebsten verweilte. Kam es mir, der in Andacht Lauschenden, dabei doch zuweilen vor, als rolle sich ein Stück Geschichte oftmals vor meinen Augen auf.
In bunten Farben schilderte mir die alte Dame unter vielem anderen das amüsante Leben am zeitweiligen Hofe der Kaiserin Josephine zu Kassel, dessen wechselvollen Reiz Tante Babette in Begleitung ihrer Herzogin kennen zu lernen das seltene Glück gehabt. Mit eigenen Augen hatte sie den überaus glänzenden Kreis geschaut, in welchem Josephine durch Schönheit wie durch Geist, die Königin Hortense dagegen durch liebenswürdige Anmut den Mittelpunkt gebildet. Sobald sie aus jener Zeit erzählte, dann reckte sich die kleine, dürftige Gestalt in die Höhe, und dünkte es mir zuweilen, als husche dabei ein Schimmer einstiger Jugend über die welken, verwitterten Züge von Tante Babette, die übrigens niemals schön gewesen sein soll. Ganz besonders aber war es _ein_ Name, der ihre matten Augen stets in merkbarem Feuer aufflammen machte.
Zwar bezeigte Großtantchen sich immer als gute Patriotin, hing auch mit Leib und Seele treu an ihrem Königshause und hatte in Preußens Sturm- und Drangperiode gewiß im tiefsten Innern unter des Usurpators Joch geseufzt und getrauert. Allein trotzdem schlug ihr Herz, wie sie mir oftmals versichert hatte, in einer ihr unerklärlichen, halb bangen, halb berauschenden Freude, wenn sie in jener aufregenden, so verhängnisvollen Zeit des Weltbezwingers Antlitz mit den durchdringenden, stahlgrauen Adleraugen einmal begegnete. Lächelnd und ungeachtet ihrer vierundneunzig Jahre mit fast jungfräulichem Senken der Lider gestand Tante Babette mir eines Tages ein, daß sie nie für einen anderen Mann geschwärmt habe, als für den großen Kaiser Napoleon.
»Und er?« hatte ich mit schüchternem Einwurf zu fragen gewagt; worauf Großtantchen -- noch in der Erinnerung an die dahingegangene Jugend und deren mannigfache Enttäuschungen -- seufzend erwiderte, daß der Stolze, Gewaltige der kleinen, so wenig schönen Hofdame wohl eigentlich niemals Beachtung, ja kaum einen eingehenden Blick geschenkt. Und dennoch hatte eine Schicksalstücke an dem für eine still im Busen getragene Neigung so blinden, undankbaren Mann sich zu rächen ersonnen. Tante Babette sollte eine, wenn auch nur zweifelhaft ehrenvolle Revanche haben.
Ihre eigenen, genau in der ihr charakteristischen, sentimentalen, dabei jedoch scharf witzigen Redeweise wiedergegebenen Worte sind es daher auch, welche ich hier bringe, und die in nachstehender kleinen Episode aus Großtantchens Hofdamenleben mir damals eben so scherzhaft als originell erschienen, daß ich heute, nach fast fünfundzwanzig Jahren, weder irgend Bedenken hegen, noch eine Indiskretion zu begehen fürchte, wenn ich sie wahrheitsgetreu nacherzähle:
»Der Kaiser -- der Kaiser sollte auf Besuch zu meinen Herrschaften kommen! Gleich einem Lauffeuer durchflog diese überraschende Kunde unser herzogliches Schloß. Wann er eintreffen, wie lange der hohe, mächtige Gast in unseren bescheidenen Mauern weilen würde, davon verlautete fürs erste noch nichts. Mir genügte, daß er _kam_, daß ich ihn sehen, daß meine Füße denselben Boden berühren sollten, den er _gestreift_! Eines Abends war ich länger als gewöhnlich bei der Frau Herzogin in deren Gemächern zurückgehalten worden. Der französische Roman, welchen vorzulesen mir befohlen worden, hielt uns dermaßen in Aufregung und Spannung, daß wir der späten Stunde gar nicht gedachten. Endlich -- ich glaube, es schlug bereits halb zwölf Uhr -- nahm meine Gebieterin mir das Buch aus der Hand und hieß mich zur Ruhe gehen.
»Mit tiefem Kompliment nach rückwärts hatte ich mich verneigt und war die Thürklinke bereits in meinen Fingern, als die hohe Frau einen seidenen Shawl ergriff und eigenhändig ihn mir um Kopf und Schultern schlang.
»›Die Gänge des Schlosses sind kalt, und der Weg nach Ihren Zimmern ist weit, mein liebes Kind!‹ sagte sie dabei freundlich wie immer. ›So, nun aber laufen Sie recht schnell, ich wünsche, daß Ihnen niemand begegnen möge! Denn -- denn ...‹
»Der Herzogin weitere Worte verstand ich nicht mehr, da sie mich rasch auf die Stirn küßte und zur Thür hinausschob.