Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 19

Chapter 193,646 wordsPublic domain

»Aber _er_ hat,« sagte der Bauer mit frechem Ton, »und was ihm gehört, gehört auch Dir. Wenn Du mir nicht helfen kannst, wende ich mich an ihn selber!«

»Um der Madonna willen, Gaetano! ... Sprich, wie viel brauchst Du?«

»Dreihundert Scudi.«[8]

[8] 1200 Mark.

»Und Du meinst, daß ich sie habe?«

»Aber Du kannst sie schaffen.«

»Bis wann?«

»Sogleich. Meinst Du, daß ich mich so lange in Rom aufhalten kann, bis es Dir passen wird?«

»Ich schicke Dir das Geld zu -- aber geh' jetzt!«

»Daß ich ein Narr wäre. Da könnte ich lange warten und müßte zuletzt meinen Weg noch einmal machen.«

»Aber woher nehmen?« stöhnte das Weib in Verzweiflung. »Und der Prälat kann jeden Augenblick kommen -- er darf Dich nicht antreffen, er darf auch nicht erfahren, daß Du hier warst ...«

»Um so besser, so beeile Dich!«

Er ließ sich breit und roh in einen der Polstersessel fallen, und seine gierigen Augen schweiften die Wände entlang, indes das Weib noch immer mit gerungenen Händen vor ihm stand.

»Gaetano, ich bitte Dich, gehe!«

»Nein!«

Da atmete Lucia tief auf.

»So warte hier.«

Sie eilte hinaus, ihr Gewand rauschte auf dem Teppich, und ging in die Zimmer des Prälaten. Sie wußte, daß er in einem Fache des Sekretärs in seinem Arbeitszimmer Geld habe, auch daß er damit ziemlich sorglos umging und nicht sehr zu zählen pflegte, da er ein bedeutendes Privatvermögen besaß. Aber ihr schlug das Herz, so daß es ihr beinahe die Kehle zusammenzog und ihre Hände waren eiskalt und feucht, und obwohl die weichen Teppiche ihre Schritte unhörbar machten, schlich sie doch auf den Zehen -- sie wußte, daß sie einen Diebstahl begehen wollte.

Als sie vor dem Sekretär stand, überkam sie eine Ohnmachtsanwandlung, aber mit übermenschlicher Kraft zwang sie sich, stark zu sein; sie sah um sich, als ob sie sich vergewissern wollte, ob sie niemand sähe, dann öffnete sie das Fach und sah eine Anzahl Rollen darin liegen. Sie wog sie in der Hand -- dem Gewichte nach mußte es Gold sein, dann faßte sie eine derselben fester, ließ sie rasch in ihre Tasche gleiten, schob das Fach zu und eilte, wie von Furien gejagt, davon. Todbleich kam sie bei Gaetano an.

»Da -- nimm!«

Der Bauer griff zu, sah das Geschenk flüchtig an, und las auf demselben: 400 neapolitanische Dukaten[9]. Ein breites Grinsen ging über sein rohes Gesicht.

[9] 1 neap. Dukaten -- 3,40 Mark.

»Das genügt. Ich danke. Aber nun kannst Du mir auch noch einen Kuß geben, Lucia ... Du bist noch schöner geworden, als Du damals warst ... Die Tölpel mögen mich für Deinen Bruder halten ... unter vier Augen ...«

Er näherte sich lüstern mit funkelnden Augen dem schönen Weibe, aber das stieß ihn zurück und sagte heiser:

»Rühre mich nicht an!«

»Schade, daß Du so stolz geworden ... einmal war ich Dir gut genug -- und was soll ich denn Deinem Kinde sagen? ...«

»Schweig, um der Heiligen willen und geh!«

»Ja, ja!« sprach er, da er ihr angstverzerrtes Gesicht schaute, »und vergiß nicht zum nächsten Vierteljahr!«

Er stolperte hinaus, Lucia aber sank in einen Sitz und schlug die zitternden Hände vor das Gesicht.

Der Bauer ging langsam, mit der Rechten mit der Geldrolle in seiner Tasche spielend, durch das Vorzimmer und auf dem Flur traf er Sisto.

»Ah, mein Junge, meine Schwester ist gut« -- sagte er, eine Hand voll Goldstücke hervorziehend, von denen er dem Knaben eins reichte. Der aber weigerte sich, es anzunehmen, und in demselben Augenblicke rief ihn auch die Stimme der Signora.

Er eilte in ihr Gemach und fand sie noch immer sehr erregt, so sehr sie sich auch bemühte, ruhig zu erscheinen. Sie empfing ihn ziemlich streng:

»Der Mann, welcher eben gegangen, ist mein Bruder nicht, Sisto -- verstehst Du mich? -- Er ist ein ferner Verwandter von Monsignore, von welchem dieser nicht belästigt zu werden wünscht, und Du wirst Dich hüten, ihm etwas zu sagen, daß er hier gewesen sei. Das mögen auch die anderen wissen, denen er etwa den Unsinn, daß ich seine Schwester sei, vorgeschwätzt hat. Dafür sorge, und wehe dem, der gegen diese Anweisung handelt. Geh!«

Der Knabe ging, aber er fühlte mit seinem naiven Sinne heraus, daß hier im Hause nicht alles in Ordnung sein müsse, und das war ihm unbehaglich.

Einige Tage später war er im Arbeitszimmer des Prälaten und hatte diesem eine Meldung zu machen. Parelli schien verstimmt und suchte in den Schubläden und Fächern seines Sekretärs, murmelte auch unverständliche Worte vor sich hin, bis er sich zu dem Knaben wandte und ihn scharf anblickend, fragte:

»Sisto, hast Du von meinem Schreibtisch etwas fortgenommen?«

Der Junge sah mit seinen großen, treuen Augen zu seinem Herrn auf und sagte einfach:

»Nein, gnädiger Herr!«

»Mir fehlen -- mir fehlt -- hm ... mir fehlt etwas!«

»Was ist's, Monsignore? Vielleicht ist's verlegt worden?«

»Nein, nein -- aber, es ist gut, Du kannst gehen!«

Mit schnellen Schritten ging der Prälat im Gemache auf und nieder:

»Ich kann das Geld nicht ausgegeben haben, es lag gewiß hier ... Sisto hat es nicht, unmöglich! Wenn er mit solchen Augen lügen könnte, müßten selbst Engel zu stehlen imstande sein. Giovanni ist mir ganz treu und sicher; er nimmt keine Stecknadel; wer könnte sonst noch? -- Lucia? Pah, wozu? Ich erfülle alle ihre Bedürfnisse ... sollte ich mich doch irren und die kleine Summe zu Tognola u. Co. gegeben haben? -- Ich muß vorsichtiger mit meinem Gelde sein, und darf niemanden in Versuchung führen.«

Nach diesem Selbstgespräch schloß er den Sekretär, zog den Schlüssel ab und ging bald darauf aus. Er beschloß, Quandt aufzusuchen und zu sehen, wie weit er mit seinem Bilde gekommen war.

Dieser beeilte sich, wie erwähnt, nicht allzu sehr. Seinen beiden Modellen that dies nicht leid; sie kamen nur zu gern in das Atelier des deutschen Malers, wo es manchen Leckerbissen, und, was mindestens Sisto noch lieber war, manches freundliche Wort gab. Frau Friederike war in den prächtigen Jungen geradezu vernarrt. Sein treuherziges, offenes Wesen, sein frisches, schönes Gesicht mit den dunklen Locken und den blitzenden Augen hatten es der jungen, kinderlosen Frau angethan, und Sisto selbst fühlte sich bald in der freundlichen Behausung des deutschen Malers heimisch, mehr noch als im Palais des Prälaten, wo er sich doch bei aller Güte seines Herrn fremd vorkam.

Auch die Kunst fesselte ihn an Heinrich Quandt. Der Junge hatte eine schönheitsfrohe Seele, jenes feine, angeborene Kunstverständnis, wie man es in Italien auch bei ganz schlichten Leuten trifft, und wenn der Maler an seiner Staffelei ruhte, trat er manchmal leise hinter denselben und schaute über dessen Schulter nach dem Bilde, aus welchem ihm sein Ebenbild entgegenblickte.

»Gefällt Dir's, Sisto,« frug ihn einmal Quandt.

»Sehr, Herr -- ich wollte, ich könnte das auch machen!«

»Hast Du denn niemals eine Beschäftigung getrieben?«

»Nein, Herr; die Ziegen habe ich gehütet und dabei den Dudelsack gespielt.«

»Aber Lesen und Schreiben hast Du gelernt?«

»Ja, Herr, bei dem Pfarrer von Subiaco.«

»Möchtest Du denn nicht ein Gewerbe erlernen?«

»Eins wohl, Herr, die Bildschnitzerei. Ich habe das auch schon versucht ...«

»Weiß Monsignore davon?«

»Nein, Herr!«

»Dann will ich mit ihm reden.«

Der Knabe errötete und stammelte:

»Ach, das würde mich sehr glücklich machen, Signore.«

An demselben Tage, an welchem dies Gespräch stattfand, war der Prälat nach dem Atelier gekommen. Er freute sich an dem Bilde, das er schon als sein Eigentum betrachtete und rühmte namentlich den Kopf Sistos, der sich mit lebensvoller Schönheit von der Leinwand abhob. Da benützte der Maler die Gelegenheit, Parelli den Wunsch des Knaben vorzutragen, und dieser zeigte sich sogleich geneigt, demselben entgegenzukommen.

»Ich habe auch schon gedacht, daß der Junge etwas anderes werden soll, als ein Bedienter, und wir wollen sehen, ob er Talent hat; es soll mich freuen. Aber wissen Sie, warum ich eigentlich heute komme? Ich wollte Sie und Ihr Frauchen einladen, morgen mit mir in die Campagna zu fahren, nach Tivoli; Frau Friederike muß ja hier in Ihrem Atelier verkümmern. Was meinen Sie?«

»Sie sind zu freundlich, Monsignore ... aber wenn Sie gestatten, rufe ich meine Frau, damit Sie selbst ihre Freude sehen können. O, sie ist wie ein Kind, und so leicht glücklich zu machen!«

Schon nach wenigen Augenblicken eilte Friederike herein, die lieblichen Wangen rot übergossen. Ihre Blicke sagten, daß sie schon wußte, um was es sich handle, und der Prälat war entzückt, als er solche unmittelbare, reine Freude sah. So ward alles für den anderen Morgen verabredet, und zur bestimmten Stunde hielt der bequeme und vornehme Wagen des Bischofs vor der Thüre des kleinen Hauses. Friederike setzte sich zu seiner Rechten, Quandt, ihr gegenübersitzend, hatte die besondere Freude, immerwährend ihr glückliches, rosiges Gesicht, ihre schönen, schimmernden braunen Augen zu sehen und war so doppelt froh.

Der Morgen war außerordentlich schön, etwas kühl, aber von wunderbarer Klarheit, und wie eine Glocke von Azur wölbte sich der Himmel über der ewigen Stadt, deren Gassen noch schweigend lagen. Durch die Porta San Lorenzo ging es hinaus und die alte Via Tiburtina entlang. Durch einen felsigen Engpaß zwängt sich die Straße hinab nach dem Teverone, und dann rollte der Wagen auf dem Lavaboden fort, hinein in die Campagna. Weithin dehnt sich ihr müdes Flachland, nur da und dort von einer Hügelwelle gefurcht. Vergebens sucht das Auge nach freundlichen Baumgruppen und grünen Gärten -- und doch liegt ein eigentümlicher Reiz über der Landschaft.

Eine Poesie der Schwermut redet aus dieser öden Ebene, die um so ergreifender wird bei dem Gedanken, daß unfern die Blutwelle einer modernen Kultur lebensvoll in den Adern einer Weltstadt pulsiert, eine unausgesprochene Klage, wie das Leid des Weltgeistes, webt in dieser weichen, träumerischen Luft, und die da und dort auftauchenden und vom Horizont sich klar abhebenden Bauwerke reden alle eine für den Historiker und den Kunstfreund allein verständliche Sprache. Von seiner Höhe herab schaut San Angelo -- das alte Corniculum -- und fernher winkt das Kloster und Kastell von Monticelli, bis endlich in der Nähe von Castel Arcione das Bild der Landschaft freundlicher wird und der Wagen zwischen graugrünen Oliven und dunklen Steineichen über den antiken Brückenbogen der Ponte Lucano hinwegrollt, jenseits deren sich das Grabmal der Gens Plautia, ähnlich dem berühmten der Cäcilia Metella, erhebt.

Nun gebot der Prälat den Fahrweg einzuschlagen zur alten Villa Hadrians, des kunstsinnigen Römerkaisers, die mit ihren umfänglichen Trümmerresten aus rotem Backstein ungemein malerisch sich abhebt von dem wild und dichtverwachsenen Gebüsch, über das mit ihrem ernsten Grün Cypressen und Pinien emporragen, während Lorbeer und Feige mit freundlich heller Färbung sich dazwischen zwängen.

Heinrich Quandt kannte das prächtige Landschaftsbild, und dennoch war er aufs neue entzückt, und machte auf seine Einzelheiten auch seine Begleiter aufmerksam. In der alten Kaiservilla übernahm der Prälat die Führung als ein kundiger und zugleich feinsinniger Cicerone. Er verstand es, vor dem Geiste der beiden andern aus den Ruinen das glänzende Haus des Imperators wieder aufleben zu lassen mit seinem Theater und seinem Nymphäum, von dem der cypressenbeschattete Weg nach der Poikile und den anstoßenden Räumen des Sprechsaals und des Notatoriums führt. Zuhöchst aber lag der eigentliche Kaiserpalast mit seinen säulengetragenen Prunksälen und Bäderresten. Und wie um dem ernst und trübe stimmenden Bilde einer versunkenen Herrlichkeit das Gepräge friedlichen Behagens zu verleihen, grünt auch hier um die Trümmerreste der Oelbaum, und der Weinstock umschlingt sie mit seinen grünen, beweglichen Ranken und Reben.

Die drei Reisenden fuhren nun nach der Ponte Lucano zurück und von da auf der neuen Straße langsam empor nach der freundlichen Stadt, die mit ihren weißen Mauern aus dem Grün hervorlugt, traulich und anmutig, indes um ihren Fuß die Wasserfälle des Anio brausen und rauschen. Das alte Tibur -- das heutige Tivoli -- ist reich an Schönheit, und die Patrizier der Kaiserzeit, die hier ihre Villen bauten, haben es ebenso gewußt, wie die modernen Künstler, welche hierher wallfahren.

Ueber die Piazza fuhr der Wagen, bis dahin, wo in der Nähe der Aniobrücke der Vicolo della Sibilla zu dem Gasthofe »La Sibilla« emporleitet. Hier hielten die Reisenden Rast, da wo hoch über dem linken Flußufer der schöne Tempel sich erhebt mit seiner runden Säulenhalle, der wie ein Asyl des Friedens über dem Brausen und Schäumen der Wasser steht. Freundliche Kranzgewinde zieren den Fries, und an den Umlaufdecken sind Kassettonen mit Rosetten. Aber das Auge wendet sich doch auch hier der gewaltigen, elementar schaffenden Natur zu. Zur Linken stürzen die Wasser des Anio von einer Höhe von etwa 100 Metern mit wildem Tosen hinab über die Uferwand in die schaumverschleierte Schlucht -- ein herrlicher und erhebender Anblick!

Der Prälat wußte zu erzählen, wie im Jahre 1826 der Anio zornig über seine Ufer getreten sei und einen Teil von Tivoli in wildem Ansturm in den Abgrund gerissen habe. Beim Sibillentempel waren auf dem Felsvorsprunge noch Trümmer aus jener Katastrophe zu sehen. Damals wurde dem Flusse Gewalt angethan, und er mußte sich demütigen vor menschlicher Kraft und Kunst und seinen Weg nehmen durch zwei Gänge, die durch den Berg Catillo getrieben waren. Hierher ward der Anio im Jahre 1834 geleitet, und in Gegenwart des Papstes Gregor XVI. brausten die gestauten Wasser zum ersten Male über die Felswand hinab.

In der Nähe des Tempels, in einer herrlichen Umgebung, hatten sich die Reisenden einen Platz gesucht, um ein Mahl einzunehmen. Unfern von ihnen an einem Tische aber saß einsam ein junger Mann, dessen Collare den Priester verriet. Er war hochgewachsen und schlank, mit frischem, gerötetem Gesicht und klaren blauen Augen. Als ihn der Maler bemerkte, sprach er:

»Das ist ein Deutscher -- und es will mir eigentlich nicht gefallen, daß ein Landsmann hier bei dieser Schönheitsfülle, die zur Aussprache lockt, vereinsamt sitzt. Gestatten Sie Monsignore, daß ich ihn anspreche, und, wenn er genießbar erscheint, ihn zu uns bringe?«

»Ganz gewiß, lieber Quandt!« erwiderte der Prälat, und der andere stand auch gleich darauf vor dem Tische. Einige Worte, gegenseitig gewechselt, genügten dem erfahrenen Maler, um seinen Mann zu beurteilen, und so führte er ihn gleich darauf am Arme heran und stellte ihn vor:

»Herr ~Dr. theol.~ _Frohwalt_ aus Prag.«

Parelli entfaltete dem jungen Priester gegenüber seine ganze Liebenswürdigkeit.

»Sie sind gewiß anläßlich des Konzils nach Rom gekommen.«

»Jawohl, ich gehöre zu dem geistlichen Gefolge Seiner Eminenz des Prager Fürsterzbischofes.«

»Der Kardinal Schwarzenberg. Ach, ein ausgezeichneter Herr, ein feiner, vornehmer Herr ... nun, ich freue mich, Sie kennen zu lernen, und Sie verbinden uns, wenn Sie sich uns anschließen.«

»Ich bin für die gütige Aufforderung um so dankbarer, als ich eigentlich von meinen Reisegefährten treulos verlassen erscheine. Ich hatte heute morgen mit zwei jungen Franzosen, welche ich zufällig traf, einen Wagen gemietet für den ganzen Tag. Während der Fahrt zeigte sich, daß wir nach unsern ganzen religiösen und sittlichen Anschauungen nicht zusammen paßten, und als ich ausstieg, um die Villa Adriana zu besuchen, fuhren sie weiter, und wir wollten uns hier in ›La Sibilla‹ zusammenfinden. Sie sind nicht da und, wenn sich der Wirt, bei welchem ich mich erkundigte, nicht getäuscht hat, sind sie weiter gefahren nach Subiaco und haben mich hier zurückgelassen.«

»Ein Gewinn für uns,« sprach Parelli verbindlich, »und ich freue mich, Ihnen zur Rückfahrt nach Rom noch einen Platz in meinem Wagen anbieten zu können.«

»Den ich mit größtem Dank annehme, Monsignore.«

Nun wurde das Gespräch allgemeiner und heiter, und man fand immer mehr gegenseitiges Gefallen an einander. Da ließ sich nahe bei ihnen an einem Tische ein vierschrötiger Mensch nieder, seiner Kleidung und seinen Manieren nach ein Bauer. Breit und behäbig stemmte er sich auf seine Ellenbogen und sah ziemlich unverschämt nach dem Prälaten und seinen Begleitern, die sich nicht weiter um ihn kümmerten.

Als ein Kellner zu ihm herantrat, bestellte er die teuersten Gerichte und den besten Wein, und erregte dadurch zweifellos das Mißtrauen des Anfragenden. Er sah zu demselben mit einem schiefen Blick aus zusammengekniffenen Augen empor und sagte laut, daß man es weit hören konnte:

»Glaubt Ihr, weil ich den Bauernkittel trage, daß ich kein Geld im Sacke habe? Es gelüstet mich auch einmal, wie Herrenleute zu leben -- und ich kann's. Ja, mein Schwager ist auch ein Monsignore, so gut wie der da drüben ... mein Schwager nämlich, bei dem mein -- na ... meine Schwester lebt. Hier ist ein neapolitanischer Dukaten und da noch einer und noch einer -- das wird wohl reichen -- he?«

Er warf die Goldstücke auf den Tisch, daß sie klangen und sah mit rohem Lachen bald den Kellner, bald die ihm nahesitzenden Gäste an. Parelli aber war bleich geworden. Er erschrak, er wußte selbst nicht weshalb, bei den Worten des rohen Burschen -- er dachte an Signora Lucia, und dann auch an das Gold, das ihm abhanden gekommen war: Es war dieselbe Münzsorte, mit welcher dort der Bauer um sich warf. Ihm war, als müsse er nach einem Zusammenhange suchen, aber er scheute das Aufsehen und mochte nicht an Dingen rühren, die ihm bedenklich werden konnten. Aber mit seinem Behagen war es vorüber, und mit ängstlicher Hast drängte er zum Aufbruch, zum Besuch der Wasserfälle.

Man folgte ihm, und da sie bei dem Bauer vorüberschritten, hob dieser eben sein Glas mit funkelndem Weine, hielt es ihnen entgegen und rief:

»Auf Euer Wohl und auf meine Gesundheit!«

Parelli errötete vor Unwillen, aber er ging ruhig weiter und hinter ihm und seinen Begleitern verklang das rohe Lachen des ungeschliffenen Burschen.

Sie stiegen nun abwärts zu den Kalkfelsen und gingen stromaufwärts zur Grotta della Sirene, wo ihnen ein Strahl des Falles entgegenrauschte, in dessen aufstäubenden Wasseratomen sich die schrägfallende Sonne brach und damit einen Regenbogenglanz über das Bild goß. Und wie sie weiter wanderten, wechselten die Bilder, aber überall war Anmut und Schönheit ihre Begleiterin, bis man von der Terrasse des Belvedere fast alle die Herrlichkeiten der sprühenden, blinkenden Cascatelle vor sich hatte. Hier rauschte und brandete der große Wasserfall in seiner Majestät niederwärts, und alle die kleineren Fälle dienten ihm mit ihren malerischen Einzelheiten zur köstlichen Folie.

Von da aus gingen sie, um nicht umkehren zu müssen, geradeaus weiter. Bei dem Kirchlein ~S. Maria di Quintiliolo~ mußten sie anhalten. Eine Prozession mit wehenden Fahnen kam herbeigezogen. Ein Kreuz wurde vorangetragen von einem jungen Mönche; ihm folgten eine Anzahl Ordensleute und dann Männer, Weiber und Kinder, singend und betend. Es war ein malerischer Anblick, aber erhebend oder andachtsvoll wirkte er nicht. Der Prälat zog vor dem Kruzifix seinen breitrandigen Hut, Frohwalt und Quandt thaten desgleichen, indes die junge Frau erstaunt, mit großen, verwunderten Augen, welche deutlich bekundeten, daß ihr der Anblick neu war, den lebhaften, singenden Zug an sich vorübergehen ließ. Als der letzte, ein zerlumpter Campagnole mit langem, grauem Bart, offenbar ein Bettler, kam, warf ihm der Prälat eine Münze in den abgezogenen, schäbigen Filzhut und fragte:

»Warum veranstaltet man diese Prozession nach ~S. Maria di Quintiliolo~?«

»Wir bitten, daß die Madonna die Väter des Konzils erleuchten möge, damit sie die Unfehlbarkeit des heiligen Vaters annehmen.«

Damit humpelte der Alte weiter; die Reisegefährten aber wandten sich schweigend ab und schritten zwischen den alten, knorrigen Olivenbäumen abwärts gegen die Ponte dell' Aquoria, wo ihr Wagen wartete.

Jeder von den drei Männern aber hatte seine eigenen Gedanken, und die Rückfahrt nach der ewigen Stadt war im Grunde minder heiter, als die Fahrt am Morgen, nur Frau Friederike besaß ihre unbefangene Fröhlichkeit und suchte mit ihrem Plaudern eine freundlichere Stimmung herbeizuführen. Frohwalt saß ihr gegenüber. Er schaute auf den roten plaudernden Mund und in die hellen braunen Augen, die so sonnig lachten, und als ihm beim Abschiede die junge Frau die Hand reichte und die Hoffnung aussprach, ihn bald einmal als ihren Gast zu sehen, sagte er so lebhaft und rasch zu, daß er darüber unwillkürlich errötete.

Auch Monsignore Parelli hatte ihn freundlich und herzlich zu einem Besuche eingeladen. Und so ging er in träumerisch-angenehmer Stimmung über die Ponte di Ripetta hinüber an das andere Tiberufer, wo in ewiger Majestät der Dom des heiligen Petrus ragt und wo er seine Wohnung hatte.

Vierzehntes Kapitel.

Das Konzil war feierlich in einem Seitenschiffe von St. Peter eröffnet worden, und das Aussehen von Rom nahm von da ab eine noch mehr kirchliche Färbung an. Die Zahl der geistlichen Würdenträger, welche sich an dem Sitze des Papsttums eingefunden hatten, war eine ungewöhnlich große -- siebenhundertfünfzig Bischöfe fast aus allen Teilen der Welt waren zusammengekommen zu jenem außerordentlichen kirchlichen Ereignis, und zumal um den Vatikan und seine Umgebung sah man Tag aus, Tag ein die mehr oder minder vornehmen Wagen hinrollen, in welchen die Väter der Kirche zum Konzil oder von demselben fuhren. Seit langer Zeit war der Glanz und die Herrlichkeit des päpstlichen Stuhles nicht so zu Tage getreten.

Wenn aber seitens der Macher des neuen Glaubenssatzes und seitens der unbedingten Anhänger der Unfehlbarkeit geglaubt worden war, daß der Schimmer der päpstlichen Heiligkeit, der Atem Roms allein schon genügen werde, die versammelten Väter leicht zur Annahme der Neuerung zu bewegen, so hatte man sich einem Irrtum hingegeben. Schon in einer der ersten Sitzungen war Kardinal Schwarzenberg aufgetreten und hatte dem Konzil einige Wünsche vorgelegt, welche die Jesuiten und ihre Freunde nicht erwartet hatten, die ihnen nicht bloß unbequem waren, sondern ihnen sogar einige Bedenken erweckten.

Der erste dieser Wünsche war, daß man, schon aus Klugheitsrücksichten nicht unnötiger Weise die Zahl der Glaubenssätze vermehren möge. Man sollte nicht vergessen, daß, zumal in Deutschland, wo Katholiken und Protestanten neben und durcheinander wohnten, jeder neue Glaubenssatz mehr zur Verwirrung als zur Beruhigung der Gemüter beitrage.

Das klang wie ein deutlicher Widerspruch und er ging von einem Kirchenfürsten aus, welchen man um seiner Abkunft, wie um seiner Stellung willen immerhin zu berücksichtigen hatte. Die Hoffnung, welche sich die Jesuitenpartei gemacht hatte, daß man den in Frage stehenden Glaubenssatz durch einstimmigen Zuruf annehmen werde, wie vordem jenen von der unbefleckten Empfängnis Mariä, erwies sich trügerisch, und man sah sich umsomehr zu einem andern Vorgehen genötigt, als auch noch mancher andere streitbare und tüchtige Herr in Rom eingezogen war, der nicht ohne weiteres die Waffen streckte.

Es war an einem Spätnachmittage, als sich in der Wohnung des Kardinals Schwarzenberg die deutschen und österreichischen Bischöfe zu einer Besprechung eingefunden hatten. In dem geräumigen, vornehmen Saale saßen sie an einem langen Tische, Männer, unter welchen mancher sich durch hervorragendes Wissen und durch Geist auszeichnete. Es herrschte einerseits eine gedrückte, andererseits eine gereizte Stimmung. Der Prager Kardinal hatte das Wort und sagte mit seiner klaren, ruhigen Stimme: