Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 18

Chapter 183,763 wordsPublic domain

»Es ist mir lieb, daß ich Sie allein treffe, meine Freundin,« sagte Felice, »und daß ich Ihnen sagen kann, daß Sie allen Einfluß aufzubieten haben, daß der Bischof sich nicht gegen den Glaubenssatz stellt und so sich unangenehmen Folgen aussetzt. Er ist etwas freisinnig angekränkelt und wir haben schon lange ein Auge auf ihn, aber wir sind duldsam, so lange er nicht ein selbständiges, der heiligen Vereinigung unseres Ordens und dem päpstlichen Stuhle widerstrebendes Verhalten zeigt. Wir lassen einem jeden seine Privatanschauung und mischen uns auch nicht in seine privaten Beziehungen« -- er hob bei diesen Worten bedeutsam die Augenbrauen -- »so lange er ein unbedingt gehorsamer Sohn der Kirche ist. Auf seine Zustimmung zu dem neuen Glaubenssatz wird mit solcher Sicherheit gerechnet, wie auf die Stimmen der anderen italienischen Bischöfe, die nicht erst zu prüfen und zu erwägen, sondern einfach abzustimmen haben. Wenn ich das Ihnen sage, so wissen Sie, warum es geschieht, Signora.«

Frau Lucia senkte mit einem leichten Erröten auf dem immer noch schönen Gesichte das Haupt und sagte:

»Sie und Ihr hochwürdiger Orden dürfen immer auf mich zählen, und so lange ich in diesem Hause Einfluß habe -- --«

In diesem Augenblicke klirrte es im Nebenzimmer, dem Arbeitsgemache des Prälaten, als ob etwas herabgefallen und zerschmettert worden wäre. Beide sprangen auf und eilten, in der Meinung, Parelli sei zurückgekommen, dahin. Als sie die Thür öffneten, sahen sie einen seltsamen Anblick. Unweit vom Eingang bei der Bibliothek lag auf dem Boden eine immerhin wertvolle Vase, die auf einer Säule gestanden hatte, zertrümmert auf dem Fußboden und dabei stand Sisto, dem alles Blut aus den Wangen gewichen schien, mit gefalteten Händen und weitgeöffneten, auf die Scherben gerichteten Augen.

»O Signora,« stammelte er, als er Lucias ansichtig wurde, diese aber stürzte wild und zornig auf ihn zu.

»Du hast gelauscht, verdammter Spitzbube!« kreischte sie, und dann erfaßte sie den Knaben mit der Linken bei seinen dunklen Locken und während sie ihn hin- und herzerrte, schlug sie ihn in das Gesicht. Es war nur ein einziger Schlag, und ihm folgte ein Aufschrei, so grauenhaft und entsetzlich, daß das Weib und der Jesuit gleichzeitig davor zurückfuhren: das war Schmerz, trostloser Jammer und leidenschaftliche Wut zugleich. Vor ihnen aber stand Sisto und sah mit unheimlich großen und unheimlich funkelnden Augen nach Lucia; indes sich seine Hände schmerzhaft ballten, zog ihm eine Art Krampf die Oberlippe empor, so daß die blanken, weißen, fest aufeinandergebissenen Zähne zwischen den roten Lippen hindurchschimmerten, und der Körper beugte sich vor wie zum Sprunge. Die ganze Erscheinung hatte etwas von einem jungen, zu höchster Wut gereizten Raubtier, das sich eben mordgierig auf seinen Gegner werfen will.

Pater Felice war wieder vorgesprungen, aber sein Dazwischentreten hätte wohl wenig gefruchtet, wenn nicht eben jetzt Parelli erschienen und laut und bestürzt gefragt hätte:

»Was bedeutet das?«

Beim Klange seiner Stimme durchlief den Körper des Knaben ein Zittern, die geballten Fäuste lösten sich, die Spannung in seinem ganzen Wesen hörte plötzlich auf, und mit heiß hervorquellenden Thränen stürzte er zu den Füßen des Prälaten nieder:

»O, Monsignore, -- ich habe die Vase zerschlagen beim Abstäuben -- schlagt mich -- stoßt mich mit Füßen -- von Euch will ich alles dulden, aber _sie_ soll mich nicht schlagen, ein Weib nicht -- das ertrage ich nicht!«

Und wieder schüttelte es den jungen Körper wie im Fieberfrost, so daß Parelli mitleidig auf ihn niederschaute und freundlich sprach:

»Steh auf, Sisto -- Du sollst gar nicht geschlagen werden!«

»Aber _sie hat_ mich geschlagen, ins Gesicht geschlagen!« schrie er wieder auf und nun war ihm die Röte ins Antlitz wiedergekehrt und die Augen blitzten.

»Er verdient Strafe nicht nur wegen des Schadens, nein, weil er ein Horcher ist, und das ist unverschämt,« sagte kalt die Signora, der Knabe aber rief leidenschaftlich:

»Beim heilgen Sixtus, ich habe nicht gehorcht!«

»Und er ist wie ein zorniges Tier, vor dem man sich fürchten muß, und darum muß er aus dem Hause,« sprach das Weib leidenschaftlicher, und Parelli geriet bei diesem Tone sichtlich in Verlegenheit. Da nahm Felice das Wort:

»Ihr seid zu heftig gewesen, Signora, und vergeßt, daß der Knabe ein Wildling ist, der erzogen werden muß. Wenn er hier fortgejagt wird, wißt Ihr nicht, in welche Hand er fällt, und wie sein Seelenheil gefährdet werden kann. Hier ist er in gesicherter und guter Hand, und Ihr könnt an ihm ein gottgefälliges Werk thun!«

Sisto horchte hoch auf; er sah mit großen, verwunderten Augen nach dem Sprecher und dann nach seinem Herrn. Dieser aber sagte:

»Steh auf, Sisto, und bitte die Signora um Verzeihung für Deine Wildheit, die Du Dir abgewöhnen mußt und dann bleiben wir wieder die Alten.«

Der Knabe atmete einigemale hastig, dann sprang er, blutrot im Gesichte, auf, trat mit gesenkten Augen an Lucia heran und sprach halblaut, mit gepreßter Stimme:

»Vergebt mir, Signora, wenn ich Euch erschreckt habe, bitte!«

Sie sah ihn halb zornig, halb triumphierend von oben her an, und sprach dann:

»Wenn zwei so hochwürdige Herren Dich unterstützen, will ich's vergessen, ich hoffe aber, daß ich nicht wieder Veranlassung habe, über Dich zu klagen!«

Das klang kühl und hochmütig, und Sisto fühlte auch, wie ihn fröstelte bei den Worten. Nun atmete er tief auf, ging zu dem Prälaten, drückte einen langen, heißen Kuß auf dessen Rechte und legte dieselbe dann an seine Brust, während er mit Augen voll unsäglicher Liebe und Hingabe zu ihm aufschaute, so daß dieser gerührt und ergriffen, ihm wie segnend die Hand auf die dunklen Locken legte und dann milde und freundlich sagte:

»So -- jetzt bringe hier die Scherben fort!«

Dreizehntes Kapitel.

In der Nähe der Piazza Colonna steht ein kleines, freundliches Haus mit seinem Gärtchen, in welchem dicht und wirr Taxus und Lorbeer wuchert und dunkle Pinien hinwegschauen über die nicht hohe Mauer. Es gehörte der Witwe eines wenig bekannten Bildhauers, und die unteren Räume, die zum Teil als Atelier eingerichtet waren, bewohnte zur Zeit ein deutscher Maler, Heinrich Quandt, mit seinem jungen Frauchen.

Es war noch früh am Morgen; hell blinkte der Sonnenschein durch die Fenster, und das Paar saß am Frühstückstische. Es war eine prächtige deutsche Erscheinung, die in ihrem ganzen Wesen mit dem blondlockigen Haarwuchs und den lebhaften, leuchtenden Augen den Künstler nicht verleugnete, und die Frau paßte zu ihm wie eine liebliche Ergänzung. Sie hatte braune, sammtweiche Augen, dunkles Haar um die weiße Stirn und sah so kernfrisch und heiter drein, daß es ein prächtiges Bild bot, die beiden in dem ziemlich einfach eingerichteten Raume sitzen zu sehen.

Sie waren aus den sogenannten Flitterwochen lange heraus und nun das vierte Jahr verheiratet, und er hatte seinen Schatz schon immer einmal nach Rom führen wollen, aber immer mußte es verschoben werden. In diesem Herbste machte er ernst und gedachte das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden: Sein Frauchen sollte die ewige Stadt sehen, und er gedachte einige Studien zu machen.

Er hatte sie auf seinen Schoß gezogen und hielt sie mit dem linken Arm umschlungen, und sie lehnte sich leicht an ihn, indes er plauderte:

»Ist Dir's denn nicht wie ein Traum, Fritzel -- er pflegte Friederike so abzukürzen -- daß wir hier in Rom beisammen sitzen und während der Herbst daheim alles entblättert und in graue Nebelschleier hüllt, hinaussehen nach einem tiefblauen Himmel und eine Fülle grünender Gärten in der Nähe haben? Das ist ja heute ein köstlicher Tag und herrliches Wetter und geeignetere Stimmung, Dich mit Deinem blühenden Leben zwischen den Ruinen des alten Rom herumzugeleiten, kann es nicht geben. Ist Dir's recht, wenn wir heute gleich dem Forum und was drum und dran hängt, unsern Besuch machen?«

»Ich lasse mich von Dir führen, und wo Du bei mir bist, ist's hübsch; aber Du darfst Deinem dummen Weibchen nicht übelnehmen, wenn es ab und zu einmal eine ungeschickte Frage thut und auf die gütige Nachsicht seines Führers sündigt!«

»Gott bewahre, Schätzchen; frage nur nicht mehr, als ich beantworten kann. Also mache Dich fertig, das Heute gehört den alten Göttern und den Cäsaren, und morgen fangen wir an, das Atelier einzurichten.«

Er küßte sie auf die braunen, lieben Augen und schob sie sanft von sich, und schon kurze Zeit später schritt das Pärchen, Arm in Arm, quer über den Corso, durch dessen glänzende Häuserreihen die junge Frau erstaunt die Augen gleiten ließ, und durch die Via de Muratte, bis sie vor der herrlichen Fontana di Trevi stehen blieben.

Erstaunt, mit glänzenden Augen schaute Friederike zu dem gewaltigen marmornen Meergott auf, der auf seinem von Seepferden gezogenen Muschelwagen thront, während unter seinem von Tritonen geführten Gespann die Wasserfluten spielend hervorbrechen zwischen Klippen und Blöcken, und sich in das weite Becken ergießen, aus dessen ruhigem Spiegel das Bild des blauen Himmels schaut.

»Das ist der Quell, aus dem man nicht trinken darf, wenn nicht seine Wassernymphe uns mit allgewaltiger Sehnsucht hieher zurücklocken soll, Fritzel.«

Die junge Frau lehnte sich inniger auf den Arm des Gatten.

»Du hast wohl daraus getrunken, Heinrich?«

»Gott bewahre, und wenn auch, mich lockt keine Wassernymphe, seitdem ich Dich kenne.«

Dann schritten sie weiter, zwei glückliche Menschen, schön, schlank, träumerisch -- echte Deutsche, daran blieb den braunen Römern und Römerinnen, an denen sie vorüberkamen, kein Zweifel. Heinrich Quandt kannte sich hier gut aus. Er lenkte nach dem Platz des Kapitols. An der Rückseite des Senatorenpalastes führte er seine Gattin nach dem alten Tabularium, und von seinem offenen Thorbogen aus ließ er sie einen Blick thun über die in Trümmer gesunkene Herrlichkeit des alten Rom. Da lag das Forum Romanum mit all den Resten einer großen vergangenen Zeit, und schweigend, an einander gelehnt, schauten sie beide darüber hin. Derselbe Sonnenschein, der einst hier den Volksversammlungen geleuchtet, der die Festzüge auf der »heiligen Straße« zum Kapitol heranziehen sah, bei dessen Glanz von der menschenumwogten Bühne her kühne Redner zum Volke sprachen, welche auf den Bauten Julius Cäsars und den Tempeln und Triumphthoren der Kaiser flimmerte, er schien ihnen jetzt noch eben so mild und warm, und die beiden träumerischen Kinder des Nordens sahen mit ihrer lebhaften Phantasie die Ruinen sich beleben von den Bildern der Geschichte, die ihnen hier erst anfingen verständlich zu werden.

Endlich gingen sie weiter -- für diesmal sollte es nur ein flüchtiges Wandern sein -- vorüber an dem in mehr als einer Beziehung bedeutenden Triumphbogen des Septimus Severus, über dessen Travertin-Unterbau sich schöne Marmorsäulen erheben, zwischen welchen drei Durchgänge hinführen; sie betrachteten darnach die schönen weißen, kannelierten Marmorsäulen des Vespasiantempels, sowie die Reste des auf Granitsäulen sich erhebenden Saturntempels, die Basilika Julia, den Dioskurentempel, und der Künstler konnte es sich nicht versagen, wenigstens einen Blick in die S. Lukas-Akademie zu thun, und seinem Weibe einige besonders schöne Reliefs von Canova und Thorwaldsen zu zeigen, sowie im Salone di Raffaeli sie auf einen seiner Lieblinge: Lukas malt die Madonna und Raffael sieht ihm zu -- aufmerksam zu machen.

Sie war so dankbar, so verständnisvoll und glücklich bei seinen Erläuterungen, daß er gar nicht hätte aufhören wollen, sie von einem Schönen zum andern zu geleiten, aber er wußte sich zu beherrschen -- es durfte nicht zu viel werden, damit keine Uebersättigung eintrete, und so mahnte er daran, endlich auch an den Leib und seine Bedürfnisse zu denken, und sie wandten sich wieder dem neuern Rom zu, um irgend ein Speisehaus aufzusuchen. Quandt war eine Erinnerung an ein solches mit Garten geblieben, das nicht weit von Aracoeli lag, aber er wußte es doch nicht wieder zu finden und hielt eben Umschau, wen er wohl fragen könnte, als sein Blick auf einmal auf einer Erscheinung haften blieb, so plötzlich, so gebannt, daß er auch den Arm seiner Frau fester an sich zog und mit dem Finger ihr Auge nach jener Richtung lenkte.

Ein gebräunter, armselig aber bunt gekleideter Junge von etwa zwölf Jahren mit nackten Beinen kauerte auf einer Schwelle und sah mit leuchtenden Blicken zu einem andern auf, der zu ihm redete und dabei ein kleines Aeffchen, das ihm auf die Schulter geklettert war, und dessen Fesselkettchen der erstere in der braunen Hand hielt, liebkoste. Der andere aber war etwa vierzehnjährig und trug einen braunen, hübschen Tuchanzug, wie vermögender Leute Kinder, ein spitzes Filzhütchen auf den dunklen Locken und hatte ein prächtiges Gesicht, als ob er aus dem Rahmen eines Bildes von Murillo herausgeschnitten wäre, und dieser andere war Sisto Brenta.

Das Ganze aber bot ein Genrebildchen von köstlichem Reiz für das Malerauge, und Heinrich Quandt, der jetzt sogar den Arm Friederikens freiließ, trat, einem schnellen Antriebe folgend, an die Gruppe heran.

»Du willst ihm wohl sein Aeffchen abkaufen?« fragte er Sisto. Dieser sah einen Augenblick groß und ernst den Fremden an, dann zog er höflich sein Hütchen und sprach:

»Nein, Signor -- den würde Beppo auch nicht hergeben, denn er muß mit ihm sein Brot verdienen. Aber wir sind aus einem Dorfe und ich freue mich, daß ich ihn getroffen habe. Es geht ihm schlecht, dem armen Beppo und seinem Piccolo -- nicht wahr?«

Und Sisto streichelte das Aeffchen, welches ihn zu kennen schien und sich die Liebkosung gern gefallen ließ.

»Hört, Ihr Beide könntet mir eine Freude machen, und ich würde mich gern dankbar dafür bezeigen. Ich bin Maler und möchte Euch malen, so wie Ihr hier seid; wollt Ihr morgen zu mir kommen?«

»Darf Piccolo mit?« fragte schüchtern Beppo, und Heinrich Quandt erwiderte:

»Freilich, um Deinen Piccolo ist mir's gerade so zu thun, wie um Dich selber; also, willst Du kommen?«

»Ja Herr, gerne, wenn ich weiß, wohin.«

Der Maler nannte ihm seine Adresse und wandte sich dann an Sisto, an dessen prächtigem Kopfe ihm ganz besonders gelegen war. Er wußte nicht recht, wie er diesem beikommen sollte, denn sein feiner Anzug führte ihn einigermaßen irre.

»Und wie ist's mit Dir -- mit Euch,« verbesserte er sich, »kleiner Signor?«

»O ich bin kein Signor, ich bin so arm wie Beppo, und wenn ich eine bessere Jacke habe, so verdanke ich sie dem guten Monsignore Parelli, der mich als Diener in sein Haus genommen hat. Wenn er erlaubt, daß ich zu Euch komme, Signor, so thue ich's gerne.«

»Wie, der Bischof Parelli ist Dein Herr? Derselbe, welcher in der Via di Governo wohnt? Den kenne ich, und er mich auch. Hier, nimm diese Karte mit und erzähle ihm meinen Wunsch, dann läßt er Dich gewiß kommen. Sag' ihm auch, daß ich nicht versäumen würde, ihm meinen Besuch zu machen. Also morgen, ihr Burschen - auf Wiedersehen!«

Heinrich Quandt drückte Beppo auf Abschlag ein Geldstück in die Hand, erkundigte sich dann nach dem Speisehause, welches er suchte, und ging mit Friederike weiter.

Am andern Vormittage stellte sich Beppo mit seinem Aeffchen pünktlich ein, während Sisto auf sich warten ließ. Endlich kam er, aber nicht allein, sondern der Prälat begleitete ihn. Quandt war erstaunt und erfreut über den Besuch und nahm Gelegenheit, auch seine Frau vorzustellen. Parelli mit seinen liebenswürdigen, gewandten Manieren wußte rasch die anfängliche Befangenheit Friederikens zu verscheuchen, erzählte, wie er vor Jahren bereits den jungen deutschen Maler kennen und schätzen gelernt habe und auch ein gutes Bild von ihm besitze. Er freue sich, die alte Bekanntschaft erneuern, beziehentlich erweitern zu dürfen und erklärte es als selbstverständlich, daß er das neue Gemälde, die beiden Knaben, zu erwerben wünsche. Damit Quandt seine Modelle gesichert habe, wollte er Beppo überdies, so lange der Maler seiner bedurfte, Aufnahme bei sich gewähren, eine Mitteilung, die auch den beiden jungen Landsleuten große Freude bereitete.

So war alles in schöner Ordnung. Der Maler begann sein Bild mit Lust und Behagen, doch gönnte er sich dabei auch jene Muße, die er für sein Frauchen brauchte, damit sich dasselbe nicht langweile, und Beppo zumal war mit dem langsamen Fortschritt der Malerei sehr einverstanden, weil er während desselben so gute Tage hatte, wie niemals zuvor. Im Hause des Prälaten ging es ihm vortrefflich, und auch Piccolo konnte sich nicht beklagen, da er mit seinem lustigen Wesen bald der Liebling der Diener geworden war. Sie trieben im Hofe des Palais manche Kurzweil mit ihm, bis eines Tages Frau Lucia darauf aufmerksam wurde, und jetzt überhaupt erst erfuhr, daß noch ein zweiter kleiner Campagnole das Asylrecht des Hauses erhalten hatte.

Sie machte auch diesmal dem Prälaten Vorwürfe, aber der entgegnete lächelnd:

»Nur auf einige Tage, Lucia -- und er stört Dich ja nicht, der arme Teufel!«

Sie murmelte einige unwirsche Worte und damit war die Sache abgethan.

Es war an einem Nachmittage und der Prälat war ausgegangen. Giovanni der Kammerdiener hatte diese Gelegenheit benutzt, um einen Besuch zu machen, und das andere Dienstpersonal hatte sich in dem schattigen Hofe um Beppo und seinen Affen eingefunden, und dieser gab nun eine höchlich belustigende Extravorstellung, bei welcher auch Sisto, angeregt durch seinen Kameraden, mitwirkte, indem er den Dudelsack blies, welchen ein Stalljunge verschafft hatte. Signora Lucia, deren Zimmer nach einer andern Seite hin lagen, konnte kaum sich gestört fühlen, und so überließen sich alle Beteiligten rückhaltlos dem Vergnügen.

Da erschien eine neue Persönlichkeit. Man wußte nicht recht, wo sie hergekommen war, aber sie war eben mit einem Male da, mitten in der lustigen Gesellschaft, die ihn beinahe verdutzt anschaute. Er war ein vierschrötiger Bauer, seinem Anzuge nach aus dem Neapolitanischen, und er lachte über die Späße des Aeffchens so lustig und laut, als ob er ein volles Recht hätte, hier zu sein.

Da stellte ihn der Koch, welcher dem Range nach in diesem Kreise am meisten dazu berufen schien, zur Rede, und fragte, was er denn wolle?

»Ja so« -- lachte der Angeredete breit und grinsend, so daß eine Reihe blanker Zähne aus dem mit großen Bartstoppeln bedeckten Munde hervorglänzten -- »ich will hier einen Besuch machen!«

Jetzt sah erst Beppo, der mit seinem Piccolo beschäftigt gewesen war, auf, und gleichzeitig flog ein Strahl des Erkennens durch sein Auge.

»Vetter Gaetano!« rief er laut, und eilte auf den Mann zu.

»Ih, sieh einmal, das ist der kleine Beppo aus Castel S. Pietro! Ei, Beppo, kleine Kröte, wie kommst Du hierher?«

»O, ich suche mein Brot zu verdienen in Rom mit dem Piccolo da!«

»Ja, ja -- und ich will auch mein Brot verdienen. Was macht denn Dein Vater, der Vetter Grisante?«

»Ach, der ist tot!«

»Tot! -- das ist eine schlechte Sache! Hm, ich hätt' ihn gern noch einmal besucht, da ich just in der Nähe bin -- aber wenn er tot ist -- -- heda, ihr Leute! Ich halte es mit den Lebenden -- könnt Ihr mir sagen, ob ich hier in dem Hause Frau Lucia Vergani finde?«

Die Domestiken sahen den vierschrötigen Bauer erstaunt und beinahe entrüstet an, dann warfen sie sich gegenseitig fragende Blicke zu, und endlich sagte einer:

»Ich glaube, so heißt die Signora.«

»Eh -- es kann gar kein Irrtum sein! Das Haus gehört doch dem Monsignore Parelli?«

Er drehte sich um und schickte sich an, nach der Freitreppe zu gehen, aber einer der Bedienten trat ihm in den Weg:

»Hoho, Freund -- so schnell geht das nicht! Erst müssen wir Euch melden!«

»Melden? Hahaha, mich? Na meinethalben, meldet mich: Gaetano Vergani aus der Chiana di Sorrento! Sie wird sich freuen, mich wiederzusehen, das dürft Ihr glauben, Sie wird sich freuen! Hahaha!«

Der alte Bursche war offenbar nicht ganz nüchtern, und die Diener hatten Bedenken, ihn zu der Dame zu führen.

Der Koch aber sprach:

»Laßt ihn Sisto anmelden! Die Signora kann ihn ja nach Belieben empfangen oder abweisen!«

Und so geschah's, und während Beppo unten im Hofe erzählte, daß Gaetano ein weitläufiger Vetter sei, den er mit seinem Vater vor zwei Jahren im Neapolitanischen besucht hatte, wo er ein kleines Gütchen besaß, stieg der Bauer mit seinem jungen Begleiter die breite Treppe hinauf, über deren Marmor ein bunter Teppich lief, und er sah sich überall mit neugierigen großen Augen um.

»Hm, ich meine, sie wohnt hier recht hübsch, hübscher als wir bei Sorrent.«

»Dafür ist sie auch die Verwandte des hochwürdigsten Herrn Bischofs!« sagte Sisto.

Der Bauer pfiff durch die Zähne, blieb einen Augenblick stehen, legte den Zeigefinger an die Nase, und sagte:

»Aha, Verwandte! Auf die Art wäre ich wohl auch mit dem hochwürdigsten Herrn Bischof verwandt; das ist mir neu, aber sehr schmeichelhaft!«

Der Knabe wurde verblüfft durch diese Aeußerung:

»Wieso denn?« stotterte er beinahe verlegen.

»Na, weil ich der Bruder von Eurer Signora bin.«

Sisto traute seinen Ohren kaum; er hielt sich an der Ballustrade fest, und sah mit offenem Munde den vierschrötigen Menschen an.

»Ah, nun kriegst Du Achtung vor mir, kleine Kröte -- jetzt mach' aber auch, daß ich die Dame zu sehen bekomme, ich vergehe sonst vor Sehnsucht!«

Er lachte roh auf und stieg dann weiter, und Sisto ging langsam hinterdrein.

Im Vorzimmer der Signora hieß er den Bauern warten; er selbst pochte an die Thüre und trat erst nach erhaltener Erlaubnis ein. Lucia hatte, wie immer außerordentlich elegant gekleidet, auf einem Ruhebette gelegen und in einem Bande mit Bildern geblättert; sie sah nun gelangweilt und augenscheinlich verdrießlich nach dem Knaben.

»Verzeiht, Signora,« -- sagte dieser -- »es ist ein Mann da, ein Bauer aus der Chiana di Sorrento, welcher Euch zu sprechen wünscht; er heißt Gaetano Vergani.«

Das schöne Weib fuhr aus seiner bequemen Lage auf und starrte erblassend nach Sisto; aber sie wußte sich zu beherrschen und sprach mit kaum merklicher Erregung der Stimme:

»Ich kenne den Mann nicht; hat er gesagt, was er wünscht?«

»Nein, Signora; aber er erklärt, er sei Euer Bruder!«

Lucia stand wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil neben dem Knaben und faßte ihn hart an beiden Schultern an:

»Und Du glaubst doch solche Thorheit nicht? -- Das muß ein Verrückter, ein Wahnsinniger sein! Warum hat man den Menschen ins Haus gelassen, war denn niemand zur Stelle, der ihn hinauswarf?«

Die Stimme des Weibes war kreischend und drang bis in das Vorgemach an das Ohr des Bauern. Diesem behagte das Warten überhaupt nicht, und die Worte, die er vernahm, regten ihn auf, so daß er jetzt ohne weiteres die Thür öffnete und eintrat.

Aus den Wangen Lucias war alles Blut gewichen; sie taumelte und mußte sich an der nächsten Sessellehne festhalten; der Mensch aber lachte roh:

»Das Wiedersehen greift Dich wohl zu sehr an? Nun, nun, ich wollte Dich nicht erschrecken, will auch gar nicht lange bleiben.«

Sisto huschte bei diesen Worten hinaus; er fühlte, daß er überflüssig sei, und nun erst, nachdem die Signora sah, daß der Junge verschwunden sei und nachdem sie sich durch den Augenschein überzeugt hatte, daß er auch nicht im Vorzimmer horche, wandte sie sich, noch immer nach Fassung ringend, zu dem Manne:

»Unseliger, was führt Dich her? -- Habe ich Dir nicht jedes Vierteljahr geschickt, was ich Dir versprochen?«

»Ja, ja, schöne Lucia -- und beim Teufel, Du bist schön -- aber wie es so geht, ich habe Unglück gehabt und sie wollen mir das Häuschen verkaufen. Schreiben kann ich nicht, und so muß ich selber kommen, um Dir's zu sagen. Du mußt helfen, Du hast's ja -- Du wohnst hier wie eine Fürstin --«

»Ich habe gar nichts,« stöhnte das Weib, das jetzt beinahe fassungslos auf einen Stuhl gesunken war und die Hände krampfhaft in einander verschlang.