Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben
Part 15
»Wollen Sie das Wesentliche ihrer Grundsätze? Das ist die Lehre vom Probabilismus und: der Zweck heiligt die Mittel. Ihnen wird man stets vorgehalten haben, daß das Letztere eine Erfindung der Feinde des Ordens sei, daß trotz aller Aufforderungen und Preisaussetzungen noch niemand diesen Ausspruch habe einem Jesuiten nachweisen können, aber auch das ist echt jesuitisch. Gefallen ist dieses Wort in so offener Weise vielleicht niemals, aber die Thatsache, daß ihre Moral darauf hinausläuft, ist nicht wegzuleugnen. Oder ist es etwas anderes, wenn selbst die ärgsten Laster je nach den Umständen nicht bloß entschuldigt, sondern sogar gebilligt werden von ihren Schriftstellern? Ich habe hier die Schriften eines Vasquez, Perez de Lara, Suarez, Gomez, Veracruz, Dias, Dealkozer und vieler anderer, und Sie können mir glauben, daß ich sie vorurteilsfrei und gewissenhaft studiert habe, und was ich fand, hat mich traurig und zornig zugleich gemacht. Sehen Sie, ich greife auf Geratewohl in meine Zettel. Hier der Pater Kaspar Hurtado sagt ~de sub. pecc. diff.~ 9: ›Einer, der eine Pfründe besitzt, kann ohne eine Todsünde den Tod desjenigen wünschen, welcher eine Leibrente auf diese Pfründe hat; auch kann ein Sohn den Tod seines Vaters wünschen und sich erfreuen, wenn derselbe erfolgt, jedoch nur um des zu erhaltenden Genusses willen, nicht wegen eines persönlichen Hasses.‹ Was sagen Sie dazu? -- Und hier, bei Sanchez und Filutius: ›Man darf auch eine Unwahrheit beschwören, wenn man einen geistlichen Vorbehalt macht, das heißt, das Entgegengesetzte bei sich denkt.‹ -- Ist das nicht: Der Zweck heiligt das Mittel? -- Hier Eskobar im Kapitel über den Diebstahl: ›Frauen, welche am Spiele Freude haben, dürfen ihren Männern das Geld dazu entwenden.‹ -- Hier, Sanchez in seiner Moraltheologie, 2. Buch, Kap. 89, billigt den Zweikampf, und bei derselben Materie sagt Navarrus, man dürfe einen Feind, der uns durch einen Prozeß unseres Gutes berauben will, sogar heimlicherweise töten. Auch Eskobar behauptet, seinen Feind zu töten, sei kein Verrat, selbst wenn es hinterrücks geschehe, ja selbst dann nicht, wenn man sich mit ihm ausgesöhnt und versprochen habe, seinem Leben nicht nachzustellen -- vorausgesetzt, daß keine sehr enge Freundschaft bestehe. -- Hier, Eskobar: ›Versprechen verpflichten zu nichts, wenn man, während man sie macht, sich vornimmt, sie nicht zu halten.‹ Hier der Pater Valentia im dritten Bande, Seite 2039: ›Wenn man ein zeitliches Gut für ein geistliches giebt, nämlich Geld für ein Benefizium oder eine Pfründe, so ist das eine augenscheinliche Simonie. Wenn man es aber giebt als ein Mittel, um den Willen desjenigen, der sie zu vergeben hat, zu bewegen, daß er dieselbe uns giebt, so ist dies keine Simonie, obwohl derjenige, der sie vergiebt, das Geld als sein vornehmstes Augenmerk betrachtet und erwartet.‹ Dasselbe findet sich bei dem Jesuiten Tanner im 3. Bande, Seite 1519. Heißt das nicht: Der Zweck heiligt das Mittel? -- Ich will Ihnen nicht mehr Proben vorlegen, auch nicht von der Probabilitätslehre, nach der man unter mehreren Meinungen derjenigen zu folgen berechtigt ist, welche einem am besten gefällt, auch wenn eine andere wahrscheinlicher ist. Hier habe ich die Belege bei dem Jesuiten Emanuel Sa, im ~aphorismo de dubiis p. 183~, bei ~P.~ Filutius aus Rom in ~Mor. Quaest tr. 21, cap. 4, no. 128~, bei Sanchez und vielen anderen. -- Aber verzeihen Sie: ich halte Ihnen hier eine Vorlesung über Jesuiten und Jesuitenmoral -- das kommt davon, wenn man in einer Materie arbeitet, auch wenn sie wenig erquicklich ist -- aber es soll mir lieb sein, wenn Sie aus alledem erkennen, wie sehr es nötig ist, angesichts des Konzils und der neuen Lehre auf der Hut zu sein vor einer Ueberrumpelung, denn nicht im Vatikan, sondern bei dem Jesuitengeneral laufen die letzten Fäden der gegenwärtigen Bewegung zusammen.«
Frohwalt hatte mit steigender Erregung den im ruhigsten Tone gehaltenen Auseinandersetzungen gelauscht, und fand auch nun, nachdem Professor Holbert schwieg, nicht gleich das geeignete Wort. Endlich sagte er:
»Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Mitteilungen, wenn ich auch gestehen muß, daß sie eine Umwälzung in mehr als einer Hinsicht in mir zu bewirken geeignet sind. Das alles kommt mir zu plötzlich, zu überwältigend, das muß ich mit mir verarbeiten, und Sie verzeihen, wenn ich betreffs der Jesuiten nicht sogleich volle Zustimmung und das richtige Wort finden kann. Betreffs der Unfehlbarkeit aber bin ich durch Ihre Darlegung befestigt worden in der Meinung, welche ich bisher besessen, und ich weiß nun, daß ich ruhig nach Rom gehen werde, um so mehr, als ich auch nach den Aeußerungen des Herrn Professor Meyer die Zuversicht habe, daß Seine Eminenz und zweifellos auch andere Kirchenfürsten niemals einem solchen Glaubenssatz zustimmen werden.«
Holbert zuckte leicht mit den Achseln:
»Hoffen Sie nicht zu viel, mein lieber Freund! Wir wollen den Himmel bitten, daß er Unheil abwende von unserer heiligen Kirche und wollen selbst fest bleiben bei ihrer alten, guten Lehre, geschehe auch, was wolle!«
»Ja, Herr Professor, das wollen wir!« sagte Frohwalt warm und herzlich, und die beiden Männer legten einen Augenblick schweigend Hand in Hand.
»Und nun kommen Sie zu einer Tasse Kaffee, Therese wird sich freuen ...«
»Entschuldigen Sie mich heute, Herr Professor, mir ist die Seele zu voll, ich muß einige Stunden für mich allein sein!«
»Ich verstehe Sie und darf Sie nicht zurückhalten!«
Noch einmal reichten sie sich die Hände, dann ging der Adjunkt. Als er in das Vorzimmer kam, stürzte aus dem Salon Hans Stahl in höchster Erregung an ihm vorüber, ohne Gruß und Wort. Langsam folgte er ihm die Treppen hinab; auf der Straße aber konnte er keine Spur mehr entdecken von dem Extheologen. Er kümmerte sich um denselben auch nicht weiter, sondern schritt durch die Hibernergasse hinaus gegen die Bastei, und dort ging er mit gesenktem Haupte, nach innerer Ruhe ringend.
Durch seine Seele fegte es wie ein Gewittersturm, und zwei Dinge vor allem waren es, die ihn mächtig bewegten, zwei Worte, die wie zündende Blitze ihn durchzuckt hatten. Das eine war das, was Holbert von der Duldung gesprochen hatte, das andere dessen Ansichten über den Jesuitenorden. Hätte ein anderer solche Aeußerungen gethan, so würde Frohwalt von heiligem Zorn erfüllt worden sein, aus diesem verehrten Munde aber hatten sie ein gewaltiges Gewicht. Der Professor galt bei allen nicht bloß als ein durchaus charakterfester Ehrenmann, sondern auch als das Muster eines wahrhaft religiös gesinnten Mannes; seine Worte waren darum auch seine Ueberzeugung und ein Mann von seiner Bedeutung sprach eine solche nicht aus, ohne sie zuvor in seiner Seele fest und sicher begründet zu haben. Es mußte doch etwas an der Forderung der Duldung sein, wie sie dieser herrliche Mann in derselben Weise wie der Vetter Martin betonte; sie mußte menschenwürdig und edel und mit dem innersten Kerne des Christentums im Einklang sein. Das gab ihm zu denken.
Noch mehr aber das andere. Er war durch seine Studie und seine Erziehung im Seminar gewöhnt worden, die Jesuiten als die edelsten und mutigsten Vorkämpfer der katholischen Kirche zu betrachten; er hatte darum in eigenen Gewissensnöten gerade bei ihren Beichtstühlen Rat und Trost gesucht, aber er mußte sich in dieser Stunde gestehen, daß er, als er zum letzten Male nach dem Tode des alten Pfarrers bei St. Ignaz auf dem Karlsplatze gewesen, unbefriedigt und wenig erhoben von dannen ging, ja daß er daheim gerade durch einen jesuitischen Ausspruch betreff des Probabilismus schwankend und unsicher geworden war. Was er heute von der Moral der Jesuiten auf Grund unanfechtbarer Belege -- und an deren Echtheit war bei dem Charakter Holberts nicht zu zweifeln -- erfahren hatte, ließ ihn sein ganzes eigenes theologisches Wissen höchst unsicher und einseitig erscheinen. Warum wurden von den Moraltheologen derartige Lehren verheimlicht, beziehungsweise nicht verurteilt? Lag in dem Orden wirklich eine solche Macht, daß man nicht den ehrlichen Mut fand, seitens der kirchlichen Gelehrten gegen ihn vorzugehen, oder hatte derselbe wirklich die höchste Gewalt in der Kirche, so daß er daran denken konnte, auch das Papsttum zu seinem Werkzeug zu machen?
Wie dem auch war, Frohwalt fühlte, daß sich in seinem Geistesleben eine Wandlung zu vollziehen anfing, aber er wußte auch, daß dieser Vorgang noch Stunden schwerer Kämpfe im Gefolge haben werde. Wenig beruhigt kam er gegen Abend heim, und bis tief in die Nacht brannte an seinem Tisch die Lampe.
Auch Hans Stahl fand an diesem Abend keine Ruhe. Er war am Nachmittage mit pochendem Herzen zu Professor Holbert gegangen, und in der stillen Hoffnung, nachdem er der Theologie untreu geworden, auf Therese einen günstigen Eindruck zu machen. Er nahm es als ein gutes Vorzeichen, als das Mädchen ihn empfing, und, da ihr Vater zur Zeit mit Frohwalt in seiner Studierstube war, ihn nach dem freundlichen Salon führte. Eine kleine Befangenheit, welche sie bei seinem Anblick in Erinnerung an den Vorgang im Beth Chajim erfaßt hatte, überwand sie mit der Sicherheit der Weltdame rasch genug, und so kam sie ihm wie immer entgegen, und als ob jene Stunde nie zwischen ihnen gewesen wäre.
Gerade das ermutigte Hans Stahl. Sie hatte ihm ihre Verwunderung ausgesprochen über seine äußere Erscheinung und nun erzählte er ihr mit einer gewissen freudigen Erregung von der Wandlung, welche in seinen Verhältnissen eingetreten war. Dann fuhr er, beim Anblick des schönen Mädchens wärmer werdend, fort: »Ich habe den Drang, mit ganzer Kraft mich der Kunst zu widmen, und wage zu behaupten, daß ich nicht der schlechteste ihrer Jünger sein werde, wenn ich die schönste Hoffnung hegen darf, meinen jungen Lorbeer einst zu Ihren Füßen niederlegen zu dürfen.«
Theresens Antlitz überflog eine Röte; der Jüngling aber schien dieselbe zu mißdeuten, und so faßte er nach ihrer Hand, und hielt sie fest, obwohl das Mädchen sie ihm zu entziehen strebte, und dabei stammelte er mit stockendem Atem:
»Sie wissen, wie unendlich lieb ich Sie habe, daß Sie die Sonne meines Lebens, das Licht meines Schaffens sind, daß ein Wort von Ihnen mich selig und elend macht. Heute darf ich mit mehr Recht von meiner Liebe reden als damals -- o Therese, lassen Sie einen Schimmer des Glückes auf mich fallen, in Ihnen lebt mir ja alles, was mir das Dasein begehrenswert macht -- --«
Das Mädchen war aufgesprungen und hielt wie abwehrend die Hände gegen Stahl ausgestreckt; jetzt unterbrach sie den heißen Fluß seiner Rede:
»O mein Gott, Herr Stahl, ich darf Sie ja nicht anhören, sprechen Sie nicht weiter! Ich will Ihnen sagen, daß Sie mir lieb und wert sind, daß ..., aber weshalb davon sprechen, ich muß Ihnen Mut und Hoffen rauben, wenn Sie es wirklich auf mich gesetzt hatten -- ich bin so gut wie verlobt mit ~Dr.~ Haller, und unsere Beziehung wird in den nächsten Tagen veröffentlicht!«
Hans Stahl fühlte, wie alles Blut aus seinem Antlitz wich, wie er, von einem Schwindel erfaßt, zurücktaumelte auf seinem Sitze, dann schlug er beide Hände vor die Augen, aber ein Wort fand die gequälte junge Seele nicht. Therese wurde von tiefem Mitgefühl erfaßt; sie legte ihre Hand leicht auf seinen Arm, die Wahrheit und Tiefe seines Empfindens erschütterte sie:
»Fassen Sie sich, Hans ... wir wollen recht gute Freunde bleiben!«
»Ein Bettelbrot!« preßte er hervor, dann stieß er beinahe heftig die Hand des Mädchens von seinem Arme hinweg, sprang auf und eilte hastig, ohne Gruß, davon.
Er war lange in den Straßen hin- und hergelaufen, ehe er heimging in die freundliche Stube, welche er in der Eisengasse bewohnte. Er hatte eine Leinwand auf der Staffelei beim Fenster; die stieß er hinab und trat mit dem Fuße hinein, ihm war die Kunst und beinahe sein Leben verleidet. Mit seinem Schmerz über den Verlust der Geliebten mischte sich aber der Zorn gegen den glücklichen Nebenbuhler, und dieser begann zuletzt bei ihm zu überwiegen. Er haßte diesen ~Dr.~ Haller, so lang er ihn kannte, er hatte die Empfindung, als könne derselbe Therese niemals wirklich glücklich machen, und immer mehr lebte er sich in den Gedanken hinein, daß er sie auch nicht besitzen dürfe.
Seinem etwas phantastischen Wesen erschien es in dieser Stunde als das Richtigste, seinen Nebenbuhler herauszufordern und zwar gleich zu einem Pistolenduell über das Taschentuch. Ihm war es ganz gleichgültig in seiner jetzigen Stimmung, wenn er dabei zu Grunde ging, wenn nur auch der Verhaßte nicht die Braut heimführte. So kam es, daß er nach manchem Erwägen noch in der Nacht sich hinsetzte und thatsächlich eine Herausforderung an ~Dr.~ Haller schrieb, die er auch noch zur selben Stunde hinabtrug nach dem nächsten Briefkasten. Er schlief erst gegen Morgen ein und hatte die wunderlichsten und zugleich beängstigende Träume, so daß er wie in Schweiß gebadet erwachte.
Doch bereute er am Morgen nicht, was er gethan hatte und sah mit Spannung der Antwort ~Dr.~ Hallers entgegen. Sie traf bereits gegen Abend bei ihm ein: ein Dienstmann hatte sie überbracht und lautete:
»Mein Herr Stahl! Ihre Stilübung ist mir zugegangen und ich glaube nicht, daß Sie bei ruhiger Erwägung mir zumuten werden, dieselbe ernst zu nehmen. Ich habe sie darum auch nicht dem Staatsanwalt, sondern dem Papierkorb übergeben und erachte damit die Sache für erledigt.
Ergebenst
~Dr.~ Haller.«
Stahl war außer sich über den kalten Hohn des verhaßten Menschen, den er mit Wollust hätte erschlagen, erschießen, erwürgen mögen. Er war auch nicht geneigt, diese geringschätzige Behandlung ruhig hinzunehmen; er sah vielmehr darin einen Ausfluß von Feigheit und gedachte, seinen Gegner, wenn Worte nichts vermochten, durch die That zu überzeugen, daß seine »Stilübung« ernst zu nehmen sei. Den ganzen Tag rannte er ruhelos durch die Gassen und erwog einen Plan um den andern, ohne zu einem Entschlusse kommen zu können. Anfangs hatte er daran gedacht, ~Dr.~ Haller in seiner Wohnung aufzusuchen und ihn thätlich anzugreifen, doch verwarf er das aus mehr als einem Grunde; am allerliebsten wäre er ihm im Hause Holberts, in Gegenwart Theresens an die Kehle gesprungen, aber das war ja thöricht.
So hatte er sich den Tag über ziellos herumgetrieben und war immer in die Nähe der Zeltnergasse gekommen, wohin ihn sein Herz zog und der Haß zugleich, denn er vermutete, daß Haller mindestens gegen Abend zu seiner Braut gehen werde.
Darin hatte er sich auch nicht getäuscht. Er sah den Verhaßten in der neunten Abendstunde vom Altstädter Ringe herankommen, ein überlegenes Lächeln um die Lippen, mit einem kleinen Stöckchen spielend, und in Stahls Seele bäumte sich der Haß auf. Die Straße war belebt, einen Angriff, welcher hier erfolgte, mußte jener als schwere Beleidigung empfinden ...
Der junge Mann verlor bei diesem Gedanken alle Selbstbeherrschung; in dem Augenblicke, da Haller in das Haus Holberts eintreten wollte, sprang er gegen diesen vor, und mit dem Rufe: »Elender Feigling!« versetzte er ihm einen Schlag ins Gesicht, daß der Getroffene zurücktaumelte, aber im nächsten Moment auch schon seinen Angreifer erfaßt hatte und ihm zurief:
»Unreife Jungen müssen das Stäbchen spüren!« Dann schlug er mit seinem Stocke auf ihn ein, während Stahl mit den Fäusten um sich hieb.
Das spielte nur einige Sekunden. Die Leute waren stehen geblieben, ihre Entrüstung wendete sich gegen den Angreifer, und ehe noch der nächste Schutzmann herbeikam, war Hans Stahl bereits von einigen kräftigen Händen erfaßt und festgehalten worden, während Haller ihm noch einen derben Hieb mit seinem Stöckchen versetzte. Der Geschlagene war sprachlos vor Wut, der Doktor aber rief dem Sicherheits-Wachmann zu:
»Nehmen Sie diesen Burschen fest, der mich gröblich angefallen hat. Mein Name ist ~Dr.~ Haller -- das Weitere werde ich selbst veranlassen.«
Er wandte sich nach der Thür des Hauses, in welchem Professor Holbert wohnte, Hans Stahl aber ließ sich willenlos, elend bis in die tiefste Seele hinein, von dem Schutzmann hinwegführen. Er hatte mit der Empfindung, jetzt erst Therese für immer verloren zu haben, auch noch die andere, daß er sich in Prag unmöglich gemacht und die eben erst neu eingeschlagene Laufbahn sich selbst verdorben habe.
Elftes Kapitel.
Zu Beginn des Herbstes fand die Hochzeit Theresens mit ~Dr.~ Haller statt und zwar auf besondern Wunsch der Braut in der freundlichen Kirche bei den Kapuzinern zu St. Josef, und ~P.~ Severin war es, welcher die Trauung vollzog. Als Professor Holbert dem Guardian diese Bitte Theresens vortrug, war der würdige alte Herr einigermaßen in Verlegenheit gekommen, aber da sein junger Ordensbruder ihm seine einstige Herzensbedrängnis in der Beichte anvertraut hatte, mochte er darüber nicht sprechen, sondern erklärte, daß er die Entschließung darüber ~P.~ Severin selbst überlassen müsse.
Zu seiner Verwunderung nahm dieser den Wunsch scheinbar völlig ruhig auf, und erklärte sich bereit, denselben zu erfüllen; er fügte seinem milden, freundlichen Ordensvorgesetzten gegenüber bei, er betrachte auch das als eine Buße, welche ihm der Himmel auferlegen wolle.
So fuhren am festgesetzten Tage eine Anzahl Kutschen vor dem Thore des Klösterchens vor und zwischen der gaffenden Menge hindurch führte ~Dr.~ Haller, dessen äußere Erscheinung heute besonders vorteilhaft aussah, die liebliche Braut, die in ihrem weißen Gewande, mit dem Myrtenkränzlein im Haare einer anmutigen, frischen Blüte vergleichbar war.
Hinter ihnen schritt Professor Holbert mit der Mutter des Bräutigams am Arme und die andern Gäste, eine kleine, aber vornehme und auserlesene Schar.
Das Kirchlein hatte sich zur Feier besonders geschmückt, und weihevoller Orgelklang kam dem Brautpaare entgegen, das auf rotsammtenen Kissen auf der untersten Stufe des Altars niederkniete. Jetzt erschien aus der Sakristei der junge Priester. Er allein sollte die heilige Handlung vornehmen, ohne jede Assistenz, so hatte es Therese gewünscht, und Professor Holbert war mit der Einfachheit in jeder Hinsicht völlig einverstanden. Die Angehörigen des Bräutigams hätten freilich mehr Aufsehen gewünscht.
Severin war so blaß, wie wohl nie im Leben; sein wallender dunkler Bart ließ die Blässe noch mehr hervortreten, und seine Augen hatten einen müden Schimmer. Niemand ahnte, was in der Seele des jungen Priesters vorging, welchen furchtbaren Kampf er kämpfte und welche Selbstüberwindung er übte.
Gerade in diesen Augenblicken, da Therese, umwoben von dem ganzen jungfräulichen Liebreiz, in dem weißen, duftigen Gewande vor ihm kniete, das liebliche Haupt demutsvoll und fromm nach ihm emporgehoben, ging durch seine Seele ein unsagbares Gefühl heißen Schmerzes. O, die Entsagung verlangt von ihren Märtyrern fürchterlich harte Opfer! Das Herz des jungen Priesters zuckte und er konnte es nicht hindern, daß ihm davon auch die Hände bebten, als er sie wie zum Segen auf die mit der Stola umwundenen Hände des jungen Paares legte und dann über ihre Häupter hielt, und da er das Wort sprach, welches diesen Bund unauflöslich verknüpfen sollte, da meinte er, sein Herzschlag müsse stocken, und die Worte kamen heiser, hervorgepreßt von seinen Lippen.
Nun war es vorbei. Er wandte sich nach dem Altare zurück, hielt sich daran fest mit zitternden Fingern, und dann erst schritt er langsam, müde, wie ein gebrochener Mann, nach der Sakristei, um das Meßgewand anzulegen. Er mußte sich doch einige Augenblicke niedersetzen -- er fühlte, daß er sich zu viel zugetraut hatte. -- Dann erst ging er wieder zum Altare zurück, um die Messe für die Neuvermählten zu zelebrieren. Mit solcher Inbrunst hatte er vielleicht niemals noch das lateinische Meßgebet gesprochen, mit heißerer Andacht nie den Leib des Herrn in den Händen gehalten; er fühlte sich wie ein Sünder, und dennoch wie ein Sieger.
»~Ite, missa est!~« sprach er zum Volke gewendet; sein Blick streifte noch einmal die Lichtgestalt der jungen Braut, dann war das Schlimmste überwunden, aber er wußte kaum, wie er nach seiner Zelle gekommen war.
Hier warf er sich auf sein hartes Lager, schlug beide Hände vor das Gesicht und schluchzte in sein Kissen hinein; ihm war zum Sterben weh. »Der Menschheit ganzer Jammer« erfaßte ihn, niemals würde ihm ein Glück scheinen, das ihm, dem Entsagenden, als das höchste und herrlichste dünkte, das Glück, ein geliebtes Wesen am Herzen halten, in ihm aufgehen zu dürfen in Leid und Lust.
Plötzlich riß er sich empor, wild und zornig, mit den Händen faßte er nach den Knoten seines Gürtelstricks, er hätte sich am liebsten gegeißelt, um in qualvoller Selbstpeinigung zu vergessen, und da dies nicht wohl anging, sank er auf den Betschemel nieder, schlug das Haupt gegen dessen Kante, und so lag er vor dem schlichten Kreuzbilde lange auf den Knieen. Dann erhob er sich und ging zu dem Guardian. Er bat denselben, ihn fortzugeben in ein kleines, armes Klösterchen, wo es am meisten Entbehrung, Demütigung und Mühe gebe, ihn verlange nach Einsamkeit und Thätigkeit. Der alte, würdige Priester verstand ihn. Er sprach:
»Gott segne Sie, lieber Bruder, Sie sind auf dem rechten Wege, und der Herr wird Ihnen in dem Kampfe, welchen Sie so tapfer kämpfen, nicht den Sieg vorenthalten. Ich werde bei dem ~P.~ Provinzial Ihre Versetzung beantragen.«
Er drückte ihm herzlich die Hand; Severin ging, und schon acht Tage später befand er sich auf dem Wege nach der kleinen, freundlichen Landstadt, in welcher Peter Frohwalt daheim war. Als er den ihm wohlbekannten Ort unter sich liegen sah, als das rote Dach des Kapuzinerklösterchens mit dem kleinen Turme ihm zu winken schien, ging ihm die Seele auf; die Brust wurde ihm weit; er breitete die Arme aus, und mit rascheren Schritten ging er zu Thal.
Im Garten bei dem Kloster war Obsternte. Schwer von Aepfeln und Birnen beugten sich die Zweige, die wenigen Mönche aber, die hier lebten, waren, breitrandige Basthüte auf den Häuptern, beschäftigt, den Gottessegen zu bergen. Der eine stand auf der Leiter, ein zweiter hatte eine Schürze über sein Ordenskleid gebunden, und las auf, was herabfiel, und selbst der treffliche Guardian hielt einen fast gefüllten Korb am Arme. Als Severin bei ihnen eintrat mit seinem »Gelobt sei Jesus Christus!« und sie den Ordensbruder erkannten, ließen sie alles stehen und liegen. Der von der Leiter kam herab, und der Guardian umarmte und küßte ihn. Da ward es Severin unendlich wohl zu Mute, und alles, was sonst noch auf Erden war, versank hinter ihm wie ein Traum.
Ja, hier war es ungleich schöner, als in Prag. Kein Lärm und Geräusch störte die liebliche Idylle, und wenn er des Morgens das Fenster seiner Zelle öffnete und hinaussah ins freie, weite Land, das im Herbstsonnenglanz sich hindehnte, bis wo fern die blauende Hügelkette den Blick begrenzte, dann war er so ruhig und wunschlos, so glücklich in seiner Entsagung und Armut.
So vergingen ihm einige Wochen. Da geschah es, daß er eines Morgens, während er bei der Messe sich an dem Altar umwendete, in einem der vordersten Kirchenbänke eine Frauengestalt gewahrte, bei deren Anblick ihm alles Blut aus den Wangen wich. Es war kein Zweifel, daß es Therese war. Auch sie sah halb erstaunt, halb erfreut nach ihm hin, als er beim Segnen sich noch einmal umwendete, und in ihren Augen stand etwas wie ein stiller Gruß. Und da er nach dem Gottesdienste wie ein Träumer aus der Kirche heraustrat, um über den Hof hinweg nach dem Klösterchen selbst zu gehen, da trat sie ihm mit freundlichem Gruß entgegen und reichte ihm die Hand.
Er folgte dem Drange des Augenblicks, als er das feine, behandschuhte Händchen zwischen seine beiden Hände nahm, durch welche ein leises Zittern der Erregung lief, und mit nicht ganz sicherer Stimme fragte er, während seine Augen seltsam schimmerten:
»Wie kommen Sie hierher, Frau Doktor?«