Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 14

Chapter 143,607 wordsPublic domain

Aber die Wirkung war nicht nachhaltig. Es war eine seltsame Fügung, daß er, daheim angekommen, ein lateinisches Buch aufschlug und gerade dort eine Stelle fand, wo der Jesuitenpater Laymann sagt: »Ein Doktor, welcher befragt wird, kann einen Rat geben, nicht allein, der seiner Meinung nach wahrscheinlich, sondern der auch seiner Meinung entgegen ist, wenn er von andern für wahrscheinlich gehalten wird und wenn diese Meinung, welche der seinigen entgegen ist, demjenigen, welcher ihn um Rat frägt, günstiger und angenehmer wäre. Ja, ich sage mehr, daß es nicht unrecht sein würde, ihm einen solchen Rat zu erteilen, wenn er auch selbst versichert wäre, daß er allerdings falsch ist.«

Was war nach solchen Grundsätzen von den Trostworten des Jesuitenpaters zu halten? -- Hier mußte das eigene Gewissen zuletzt der beste Ratgeber sein, und das sprach Frohwalt nicht frei von einer gewissen Lieblosigkeit und Härte, und das Bild des alten Pfarrers trat immer wieder wie ein stummer Ankläger vor seine Seele.

Er hatte eine fürchterliche, qualvolle Nacht, in welcher der Schlaf ihn floh, in welcher er an Vetter Martin dachte, der es verstanden hatte, auch dem alten, verkommenen Priester freundliche Seiten abzugewinnen, und dem er nicht wagen würde, mitzuteilen, wie er zu dem Pfarrer gesprochen hatte. Und gerade der letztere Umstand ließ ihn fühlen, daß er ein Unrecht begangen hatte, das er nicht einmal mehr gut machen konnte. Aber eine Lehre wollte er wenigstens aus dem fürchterlichen Vorgange ziehen. Er wollte in ähnlichen Fällen mehr dem Menschen, als dem katholischen Priester gehorchen.

Als er nach wenigem Schlafe unerquickt am andern Morgen erwachte, war sein erster Gang nach der böhmischen Sparkasse, wo er ein kleines Sümmchen -- Erträgnisse seiner litterarischen Thätigkeit -- niedergelegt hatte. Er ließ sich dreihundert Gulden auszahlen. Die packte er daheim in einen Umschlag, schrieb dazu einige Zeilen, und schickte sie an seine Mutter. Sie sollte das Geld Freidank übergeben unter welchem Vorwande immer, nur ihn sollte sie nicht nennen.

Als er den Brief bei der Post aufgegeben hatte, und heimging, überkam ihn seit Stunden wieder einmal ein Gefühl innerer Ruhe; er hatte die Empfindung, wenigstens nach einer Seite hin eine Lieblosigkeit wieder gut gemacht zu haben, und ihm ging das schöne Gedicht Ferdinand Freiligraths durch den Sinn:

O lieb', so lang Du lieben kannst, O lieb', so lang Du lieben magst, Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo Du an Gräbern stehst und klagst.

Dann weinst Du wohl und klagst Dich an, Doch keine Thräne heißer Reu' Macht eine welke Rose blüh'n, Erweckt ein totes Herz auf's neu.

Zehntes Kapitel.

In der kleinen schlichten Klosterzelle zu St. Josef, welche Severin bewohnte, saß dieser im Gespräche mit dem Alumnus Vogel beisammen, als es kurz und hastig an die Thür klopfte und Hans Stahl hereintrat. Er trug denselben Anzug, in welchem er bereits die Aufmerksamkeit Frohwalts auf sich gelenkt hatte, und welchen auch die beiden Anwesenden mit Verwunderung und Staunen bemerkten.

»~Et vox in faucibus haesit~ -- und sie konnten das Maul nicht aufthun!« rief lachend der Extheologe anstatt eines Grußes -- »na, wie paßt mir denn die neue Kluft, he?«

Der Kapuziner fand zuerst das Wort.

»Ja, sind Sie's denn wirklich, Stahl?«

»Leibhaftig, Hochwürden -- und ich habe die Anwartschaft auf das Sakrament der Priesterweihe, da es zur Seligkeit nicht unumgänglich notwendig ist, aufgegeben.«

Er hatte sich in einem Stuhle niedergelassen und zog sein Zigarrenetui hervor:

»Ist's gestattet, in dieser profanen Weise hier die fromme Luft zu verderben?«

Severin reichte ihm ein Streichholz, und nun kam erst Vogel dazu, zu fragen:

»Ja, sagen Sie um's Himmelswillen, wie ist das gekommen?«

»Ja, wie ist das gekommen?« -- Hans Stahl erzählte kurz und bündig, aber mit einer gewissen Begeisterung von seinem Nothelfer. Dieser Vetter Martin! Er hatte wirklich seine Absicht durchgesetzt, und zwar in Person. Er hatte, anstatt nach Thüringen zu wandern, seinen Stab mehr gegen Osten gewendet, war in die Lausitz gegangen, und eines schönen Tags bei seinem Bekannten vom Riesengebirge eingetreten. Und nun entfaltete er seine ganze prächtige und unwiderstehliche Beredsamkeit und wußte selbst die fromme Frau des Hauses so geschickt bei ihren schwachen Seiten zu fassen, daß auch sie nicht länger widerstrebte, Hans aus dem Seminar gehen zu lassen, damit er sich der Kunst widme; nur hatte sie den Wunsch, daß er der Kirche auch als Maler diene und sich besonders religiöse Stoffe wähle. So war dieser frei geworden und besuchte bereits seit zwei Tagen die Kunstakademie.

Das erzählte er mit ergötzlichem Humor und schloß:

»Trotzdem hoffe ich, daß wir Freunde bleiben, denn es ist immer hübsch, wenn man mit den Vertretern der Kirche auf gutem Fuße steht.«

»Weiß es denn schon Professor Holbert?« fragte Severin.

»Nein, aber ich gehe noch heute zu ihm, um mich als angehenden Künstler vorzustellen -- aber Ihr sitzt ja hier in gelehrten Studien, ich habe wohl gestört?«

»Ja, Severin sucht mir eben aus der Kirchengeschichte den Nachweis zu liefern, daß es gar nicht möglich sei, einen Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit des Papstes aufzustellen,« sagte Vogel.

»Die Geschichte mit dem neuen Konzil macht Euch wohl die Köpfe warm?« sprach Stahl -- »da bin ich doppelt froh, daß ich aus der Gottesgelahrtheit heraus bin, und ruhig als gläubiger Laie abwarten kann, bis es heißen wird: ~Roma locuta est!~« (Rom hat gesprochen.)

»Das ist's eben, was es in diesem Falle nicht heißen darf. Nicht, daß Rom gesprochen hat -- darauf kommt es nicht an -- die Kirche muß ihre Stimme abgeben, und Kirchenfürsten und Gelehrte sind jetzt schon klar, daß ein solcher Glaubenssatz eine Unmöglichkeit ist,« bemerkte Severin.

»Man würde aber doch von Rom aus nicht die Absicht haben, denselben aufzustellen, wenn nicht ausreichende Gründe dazu vorhanden wären« -- erwiderte der Alumnus.

»Jesuiteneinflüsse,« brummte der Extheologe.

»Da kann Stahl recht haben,« sprach der Kapuziner, »ich kann mir nicht helfen, ich liebe, wohl auch auf Grund meiner kirchengeschichtlichen Studien, die Gesellschaft Jesu nicht, denn sie hat nicht immer das Beste der Kirche erreicht, aber ich meine doch, daß sie nicht über die Köpfe der Kirchenfürsten hinweg etwas durchsetzen kann, und in den Kreisen der letzteren scheint keine Neigung für die Neuerung vorhanden zu sein.«

»Professor Meyer soll wenigstens im Kollegium sich ganz entschieden gegen die Unfehlbarkeit ausgesprochen haben, und er weiß jedenfalls, daß er damit auch im Sinne unseres Kardinals Schwarzenberg spricht, aber trotz alledem: Die Frage ist: Was bleibt dann übrig, wenn der Glaubenssatz doch beschlossen wird?« sprach wieder Vogel, und Hans Stahl brummte abermals: »Unterducken!«

»Nein, das glaube ich nicht« -- sagte Severin mit einer gewissen Erregung -- »dann führt's zur Kirchenspaltung, denn was bis heute nach allen Ergebnissen der Wissenschaft und Moral unmöglich ist, kann morgen nicht als wirklich angenommen werden von Männern, die als charakterfest gelten, und unfehlbar ist der Papst niemals gewesen, das beweist die Kirchengeschichte häufig genug, ja gerade die Geschichte des Jesuitenordens giebt dafür ein schlagendes Beispiel. Im Jahre 1759 hat Papst Clemens XIII. in einer Bulle die Jesuiten als die frömmsten und uneigennützigsten Menschen hingestellt, und zehn Jahre später hat sein Nachfolger Clemens XIV. gleichfalls in einer Bulle den Orden aufgehoben, weil er den Frieden der Welt störe. Und beide Päpste müßten unfehlbar gewesen sein, denn ein solcher Glaubenssatz muß rückwirkend sein. Und was soll man antworten, wenn die Gegner der Kirche hohnlachend hinweisen auf einen Fall wie jenen mit dem Papste Vigilius? Die Geschichte der Päpste ist in jener älteren Zeit ohnehin nicht sehr sauber, so daß es wahrlich nicht notthut, durch solche Neuerungen die Aufmerksamkeit besonders darauf hinzulenken.«

»Was war's denn mit dem Papste Vigilius?« fragte Stahl; »man muß, wenn man wohlfeil dazukommen kann, sein Wissen auch in solchen Fragen zu bereichern suchen.«

»Er war der Nachfolger des heiligen Silverius -- --«

»Halt einmal, hier weiß ich -- glaube ich -- auch etwas!« rief Stahl; -- »war der heilige Silverius nicht der leibliche Sohn seines Vorgängers auf dem Stuhle Petri, des heiligen Hormisdas?«

»Jawohl. Silverius wurde auf unerwiesene Anklagen des Priesters Vigilius hin abgesetzt und in eine öde Gegend verbannt, wo er nahezu vor Hunger starb; sein Verleumder aber wurde sein Nachfolger. Er ließ sich unglücklicher Weise später in theologische Streitigkeiten ein, wobei er die Unfehlbarkeit sehr wohl hätte brauchen können, aber er hatte sie zweifellos nicht. Denn als er gezwungen wurde, sich nochmals vor einem Konzil zu verantworten, das in Konstantinopel stattfand, erklärte er selbst, er habe geirrt und sei ein Werkzeug des Teufels gewesen.«

»Na, Kinder, das genügt mir, und nun habe ich wegen der Unfehlbarkeit keine weiteren Bedenken; Eure theologische Gelehrsamkeit aber wird mir ungelehrtem Menschenkinde unheimlich, ich gehe!«

Hans Stahl erhob sich, legte seine Zigarre beiseite, und nach einigen Scherzworten und einer Einladung, ihn in seinem »Atelier« zu besuchen, ging er davon.

Die Frage wegen des Konzils und der Unfehlbarkeit des Papstes war eine brennende geworden, und die Gemüter maßgebender Kreise waren davon noch viel mehr erregt, als die der Alumnen. Der Kardinal Schwarzenberg hatte wiederholt mit seinen Theologen Rücksprache gepflogen, und es war ihm zu fester Ueberzeugung geworden, daß man den Versuch, den neuen Glaubenssatz aufzustellen, mit allen Mitteln bekämpfen müsse, und dazu war er auch ernstlich entschlossen. Fürs Erste hielt er Umschau nach gelehrten Helfern, die ihn nach der ewigen Stadt begleiten sollten, und die vielseitigen rühmenden Empfehlungen, welche er über Peter Frohwalt gehört, richteten seine Aufmerksamkeit auch auf diesen, und so kam es, daß der junge Doktor der Theologie und Adjunkt an der theologischen Fakultät eines Morgens durch einen fürsterzbischöflichen Diener zu seiner Eminenz befohlen wurde.

Einigermaßen aufgeregt folgte er der Aufforderung und fuhr nach dem Hradschin. Der Kirchenfürst empfing ihn diesmal noch leutseliger als das erste Mal und bot ihm einen Sitz an. Sein Auge lag einige Sekunden mit forschender Ruhe auf dem Antlitz des jungen Priesters, und die geistvolle Frische, die aus demselben redete, der klare Blick des blauen Auges, das sich vor dem seinen keine Sekunde senkte, gefiel ihm; ziemlich unvermittelt fragte er:

»Haben Sie sich bereits ein Urteil gebildet in der schwebenden Frage der päpstlichen Unfehlbarkeit?«

»Eminenz, ich habe mich damit beschäftigt vom Standpunkte meiner Wissenschaft, aber ich wage nicht, ein Urteil auszusprechen, bevor nicht überlegene Männer sich geäußert haben.«

»Die Hauptsache bleibt die Redlichkeit der Forschung und der gute Wille, der Kirche zu dienen.«

»Daß ich diese beiden besitze, glaube ich ohne Ueberhebung versichern zu dürfen.«

»Das habe ich bei Ihnen vorausgesetzt, und ich habe Sie deshalb rufen lassen. Man hat mir Ihre Tüchtigkeit und Ihren kirchlichen Sinn zugleich gerühmt, und ich wünsche darum, daß Sie mich nach Rom zum Konzil begleiten; eine geeignete Beschäftigung werde ich für Sie finden. Sind Sie des Italienischen mächtig?«

Eine heiße Blutwelle schoß Frohwalt nach dem Kopfe, die Mitteilung kam ihm zu unerwartet und öffnete ihm mit einmal einen weiten, herrlichen Ausblick.

Er wußte kaum Worte zu finden; endlich stammelte er:

»Ich bin erdrückt von der Gnade und Ehre, Eminenz, und was nur immer meine schwachen Kräfte vermögen ..., das Italienische hoffe ich bei einiger Uebung beherrschen zu können, ich habe mich schon lange damit beschäftigt ...«

Ein freundliches Lächeln spielte um die Lippen des Kardinals, dem die Ueberraschung des jungen Priesters offenbar Freude machte; er sprach:

»Das ist ja schön, und ich hoffe, daß wir zum Segen unserer heiligen Kirche nach der ewigen Stadt gehen werden. Das Weitere werden Sie noch erfahren, auch empfehle ich Ihnen, sich mit Herrn Professor Meyer ins Einvernehmen zu setzen, welcher mich gleichfalls begleiten wird.«

Peter Frohwalt war entlassen, aber vor dem Thore des Palastes stand er noch eine Weile wie ein Träumer und starrte um sich. Klarer Himmel lag über ihm, in den Bäumen der Domherrnallee rauschte es leise, und in der Brust fühlte er wie das Klingen einer Glocke, die mit jeder Schwingung sagte: »Nach Rom! Nach Rom!«

Eben als er langsam nach der Kleinseite hinabsteigen wollte, kam aus der Gegend von Strahow her Professor Meyer. Der Adjunkt ging auf ihn zu, grüßte und teilte ihm, noch immer in Erregung, mit, was soeben geschehen war. Das glänzende, glatte Antlitz des anderen war umspielt von einem freundlichen Lächeln; ihm war die Kunde offenbar nicht neu, und nun gingen sie selbander langsam hinab durch die steile Spornergasse. Frohwalt lag daran, aus dem Munde des angesehenen Theologen eine Meinung zu hören über seine Auffassung der Unfehlbarkeit, und mit seiner gewöhnlichen Ruhe und in schlichter, klarer Weise sprach dieser aus, was er seinerzeit schon dem Kardinal gegenüber geäußert hatte: Ein solcher Glaubenssatz würde zur Beunruhigung der Gemüter beitragen und sei vom Standpunkte der Moral wie der Kirchengeschichte schwer anfechtbar.

Beim Klementinum schieden sie von einander, und Frohwalt, noch immer erregt von der Unfehlbarkeitsfrage, wie von der ehrenvollen Aufforderung, schritt durch den Korridor des Seminars. Da sah er den Alumnus Vogel, und in der Freude seines vollen Herzens, das nach Mitteilung drängte an einen, von dem er wußte, daß er ihn lieb habe, rief er ihn heran und sagte:

»Vogel, ich werde mit dem Herrn Kardinal nach Rom reisen zum Konzil!«

Der Seminarist sah mit einem geradezu bewundernden Blicke zu seinem Landsmann auf, und wünschte ihm Glück zu solcher Auszeichnung. Dann aber setzte er beinahe schüchtern hinzu:

»Meinen Sie, Herr Doktor, daß man den Glaubenssatz aufstellen wird?«

»Daran ist kaum zu denken; es widerspricht nach den berufensten Meinungen der Lehre der Kirche, der Kirchengeschichte und dem kanonischen Recht. Die Bischöfe, zumal die deutschen, werden niemals zustimmen.«

Mit dieser bestimmten Versicherung verließ Frohwalt den Alumnus und trat in sein Zimmer, wo er mit großen Schritten auf- und abging, um einigermaßen ruhiger zu werden. Dabei überkam ihn beinahe ein Unbehagen über den zuversichtlichen Ton, in welchem er zu Vogel gesprochen hatte, und er beschloß, nachmittags zu Professor Holbert zu gehen, und auch die Meinung dieses ausgezeichneten und wahrhaft kirchlich gesinnten Mannes zu hören.

Diesen Vorsatz führte er auch aus, und sobald es das Gesetz des Anstands gestattete, machte er sich auf nach der Zeltnergasse. Therese empfing ihn, so heiter lächelnd, ja fast strahlend, daß ihm erst diesmal die Schönheit des Mädchens auffiel, und sie führte ihn in das Arbeitszimmer ihres Vaters.

Der Professor saß an seinem Schreibtische in dem weiten, freundlichen Raume, welcher seine Bestimmung bis in die Einzelheiten hinein nicht verleugnete. Er empfing den Adjunkten herzlich und unterbrach dessen Entschuldigung wegen der Störung in liebenswürdigster Weise. Er setzte sich neben ihn auf das Sopha und Frohwalt berichtete, was ihn herführte, und bat um seine Anschauung in der schwebenden Frage.

~Dr.~ Holbert wurde ernst.

»Mein lieber Herr Doktor! Ich gönne Ihnen von Herzen, daß Sie die ewige Stadt sehen, aber, aufrichtig gestanden, hätte ich eine andere Veranlassung dazu gewünscht. Ich fürchte, Sie werden wenig Freuden dort erleben, um so mehr aber Enttäuschungen. Dieses Konzil wird der Kirche keinen Segen bringen, und was man dabei in Szene setzen will, ist mehr als bedenklich. Sie wollen meine ehrliche Meinung, und, wenn ich Sie recht verstehe, vor allem jene des Kirchenrechts-Lehrers. Nun, da sage ich kurz und bündig: Ein Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit wäre geradezu ein Frevel. Was ist dann überhaupt noch Kirchenrecht, wenn der Papst unfehlbar ist? Es verliert alle und jede Festigkeit, denn das Oberhaupt der Kirche kann nach Belieben jeden durch die Ueberlieferung geheiligten Satz desselben vernichten, _jeden_ die Kirchenzucht betreffenden neu einführen. Er kann beliebig jede Diözeseneinteilung aufheben, alle Benefizien beseitigen, Ehehindernisse nach Gutdünken schaffen und verwerfen, jedes Recht des einzelnen Bischofs aufheben, nach Belieben eingreifen in die heiligsten Verhältnisse der Ehe, der Kindererziehung, in die Ausübung der Sakramente, so daß man ohne weiteres behaupten darf, daß es unter einem solchen Glaubenssatze in der Kirche überhaupt kein eigentliches Recht mehr gebe, sondern eine Herrschaft der reinen Politik. Wohin das führen sollte, ist ersichtlich. Dem Papste gegenüber gäbe es kein Recht eines Bischofs oder Erzbischofs mehr, derselbe urteilte in allem ganz wie es ihm beliebte, und wehe dem Kirchenfürsten, der nun nicht ganz mehr so tanzen wollte, wie von Rom aus gepfiffen würde. Lüge, Verleumdung und Angeberei gerade gegen die besten, ehrenwertesten Bischöfe käme an die Tagesordnung, die schmutzigste, ultramontane Presse, sobald sie nur dem Papste zu schmeicheln verstünde, wäre oben auf ... ach, und in dogmatischer Hinsicht selbst -- welch ein trostloser Gedanke für das gläubige Gemüt, daß es unter diesem neuen Glaubenssatze überhaupt feste Glaubenslehren nicht mehr gäbe. Bis jetzt wußte der gläubige Katholik -- und das konnte ihm eine schöne Beruhigung gewähren -- daß nur das gelehrt werden dürfe, was aus der Bibel und den Kirchenvätern als immerwährender Glaube in der Kirche vorhanden war, und nun sollte auf das Gebot des Papstes hin alles Beliebige zum Glaubenssatze gemacht werden können?«

»Aber so weit würde das doch nicht gehen -- von allem Beliebigen könnte doch wohl nicht die Rede sein,« wendete Frohwalt etwas zaghaft ein.

»Und weshalb nicht? Warum sollte der Papst nicht die konstitutionelle Staatsverfassung, die Parität und anderes von seinem Stuhle aus als ketzerisch erklären? Betrachten Sie doch den Syllabus und die Encyklika, und bedenken Sie, daß, wenn der Papst für unfehlbar erklärt wird, auch alle seine Erlasse, von Anfang seiner Regierung an unfehlbar und darum unabänderlich sein müssen. Ich weiß nicht, welchen Standpunkt Sie einnehmen, ich bin duldsam auch gegen Andersgläubige und sehe gerade darin das Wesen des wahren Christentums; ich würde mich, falls die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatze würde, trotz meiner kirchlichen Gesinnungen als unter dem Banne betrachten müssen, denn Nummer siebzehn des Syllabus erklärt es für einen Irrtum, daß man hoffen dürfe, daß auch Andersgläubige die ewige Seligkeit erlangen können. Ich habe einen lieben Freund, seine Frau ist protestantisch -- ein prächtiges Weib -- und ich sollte annehmen müssen, daß der Mann alle Hoffnung darauf, daß seine Frau die ewige Seligkeit erlange, aufgeben müsse? -- Das ist nach meiner innersten Ueberzeugung Gotteslästerung! Sie kennen ja auch den Syllabus, und ich glaube, es genügt dieser Hinweis.«

Frohwalt wurde es einigermaßen unbehaglich. Er schätzte ~Dr.~ Holbert ganz außerordentlich, und empfand beinahe etwas wie Beschämung, als er diesen von Duldung reden hörte. Er hatte nicht den Mut, einzugestehen, daß er gerade den erwähnten Passus des Syllabus ganz besonders hoch gehalten und geradezu bethätigt hatte. Er zwang sich beinahe zu der Frage:

»Und welchen Zweck sollte man mit dem neuen Glaubenssatze eigentlich anstreben?«

»Aber, mein lieber Herr Doktor, das ist ja sonnenklar; man will die unbeschränkte kirchliche Macht damit feststellen.«

»Sollte man nicht einfach bemüht sein, das in den Augen der Welt einigermaßen erschütterte Ansehen der Kirche wieder herzustellen?«

~Dr.~ Holbert zuckte die Achseln.

»Ich zweifle nicht, daß man dies als Beweggrund betonen wird, um die Sache unverfänglicher erscheinen zu lassen. Sehen wir aber genauer zu, wo das Ansehen der Kirche am meisten gesunken ist, so zeigt es sich, daß es da geschah, wo man es am stärksten betonte, in den strengkatholischen Staaten, in welchen eine unbeschränkte Regierungsgewalt mit dem Jesuitismus Hand in Hand gegangen ist. Und wohin das jesuitische Erziehungssystem geführt hat, ist den sachlich Urteilenden nicht unklar. Eine Fülle von Aeußerlichkeiten in Wissenschaft und religiösem Wandel ist dabei zu Tage gekommen. Prüfen Sie doch die Jesuitenzöglinge auf ihre Gründlichkeit und vor allem auf ihre wissenschaftliche Unbefangenheit, und Sie werden Wunder erleben. Ich weiß es aus Erfahrung. Die ganze Erziehung arbeitet lediglich nach der Schablone, und wie die Wissenschaft nur rein äußerlich angeeignet wird, so ist es auch mit dem Glauben. Auf beiden Gebieten ist darum eine bedauerliche, aber geflissentlich großgezogene Unselbständigkeit vorhanden. Das können Sie bei jeder Mission sehen. Die Leute sind wie weiches Wachs in den Händen der Jesuitenprediger, drängen sich zu den Beichtstühlen, zerfließen in Thränen, und im nächsten Augenblick begehen sie die alte Sünde wieder, um am andern Tage wieder scheinbar reuevoll vor dem Missionar auf die Kniee zu fallen. Glauben Sie mir, die Sittenlosigkeit, die ohne Zweifel zumal in den romanischen Ländern vorhanden ist, ist die Folge der durch dieses System großgezogenen rein äußerlichen Werkheiligkeit, bei welcher der Mensch noch überdies in ununterbrochener Angst lebt, daß er nur nicht eines der Gebote übertrete. Und darin sehen deshalb Tausende ihre ganze religiöse, kirchliche Lebensaufgabe, während ihr Gottesdienst ein Lippengebet, ihre Buße die mindest einmalige jährliche Beichte ist, und das genügt, wenn sie im übrigen nur das Ansehen der Kirche, richtiger das des Pfarrers, Bischofs und so weiter gebührend anerkennen und sich vor ihm demütig beugen.«

»Sie malen mit düsteren Farben, Herr Professor.«

»Ich male nach der Natur, mein lieber Herr Doktor, und ich wollte, ich könnte etwas Freundlicheres auf der Palette haben. Ihnen scheint es düster, weil Sie -- und Sie dürfen mir die Aeußerung nicht übel nehmen -- infolge Ihrer ganzen theologischen Erziehung nicht unbefangen sind, ich aber lasse mich nicht beeinflussen von irgend welchem Standesvorurteil, und dabei finde ich bei größtem Wohlwollen für die Kirche und ihre Priester, bei treuester Anhänglichkeit an dieselbe, die Gebrechen leichter heraus.«

»Sie sind also kein Freund des Jesuitenordens?«

»Ich kann mich für ihn und seine Grundsätze nicht erwärmen. Sie beurteilen ihn nach den Vertretern, welche Sie hier persönlich kennen gelernt haben und nach dem Umgang mit ihnen, und ich gebe Ihnen gern zu, daß man mit einem ~P.~ Klinkowström und andern sehr gut verkehren kann. Die Predigten des Erwähnten sind zudem geistvolle Feuilletons, die aber, wenn Sie ganz ehrlich sein wollen, zwar angenehm unterhalten, auch eine geistige Anregung bieten -- erbauen, in tiefster Seele erfassen, hinausheben über das Zeitliche können sie nicht -- vielleicht sollen sie es auch nicht, denn man hat Rücksicht zu nehmen auf das Publikum, und dies vergißt der Jesuitismus nie. Doch um auf unsern eigentlichen Gesprächsstoff und den Zusammenhang mit diesem zurückzukommen: Meinen Sie, daß Papst Pius IX. jemals von selbst auf den Gedanken gekommen wäre, die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatz erheben zu lassen, wenn nicht die Jesuiten ihn darauf gebracht hätten? -- Sie sind es, die den schwachen Greis völlig in der Hand haben, und es ist zuletzt nicht die Macht des päpstlichen Stuhles, sondern ihre eigene, wofür sie arbeiten. Und das ist für mich gleichfalls ein Grund, mich gegen den neuen Glaubenssatz auszusprechen. Ich werde das um so entschiedener thun, als ich mir darauf hin die Jesuitenmoral etwas genauer angesehen habe und mich nicht überzeugen kann, daß dieselbe der Welt oder der Kirche zum Segen sei. Sehen Sie hier -- diese Auszüge!«

Der Professor nahm eine Anzahl einzelner Blätter von seinem Schreibtische.