Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 12

Chapter 123,587 wordsPublic domain

Am selben Nachmittage war es, daß auch Hans Stahl von der Kleinseite, wo das Wendische Seminar sich befindet, über die Franz-Josefsbrücke hinübergegangen war, um dem Treiben zu entgehen. Der junge Theologe, der sonst sehr frisch und lebensfroh erschien, war seit einiger Zeit trübsinnig geworden. Er brachte seine Gedanken nicht mehr fort von dem lieblichen Mädchenbilde in der Zeltnergasse, und die Ballade von den zwei Königskindern, die nicht zusammenkommen konnten, verfolgte ihn seit jenem Sonntag-Nachmittag unaufhörlich. Wie die Motte war er um das Licht geflattert und hatte sich die Flügel versengt, aber er konnte trotzdem das Licht nicht meiden. Fast jeder Ausgang führte ihn in die Nähe des Hauses des Professors Holbert, in die Zeltnergasse, und wenn er bei solchen Streifereien Therese auch nur ab und zu flüchtig begegnete, grüßen und ihren Gegengruß entgegennehmen konnte, so war er höchst beglückt.

Auch heute schien er einen guten Stern zu haben. Schon hatte er die Zeltnergasse passiert und stand auf dem Altstädter Ring vor der berühmten astronomischen Uhr, wo eben die Apostel an den offenen Fenstern vorbeischritten, während das Totengerippe die Stundenglocke zog, als ob er das alles noch nie gesehen hätte. Im Grunde aber war es weniger die Uhr, als das zahlreiche Publikum, das mit gespanntem Interesse dem Vorgang sich zuwendete, was ihn interessierte. Dabei hatte er gar nicht bemerkt, daß Professor Holbert mit seiner Tochter vorübergingen, gleichfalls flüchtig nach dem alten Prager Wahrzeichen aufschauten und sich dann nach der alten St. Niklaskirche wendeten.

Gerade als sie dort um die Ecke verschwanden, hatte er sie noch bemerkt, und wie der vom Bogen geschnellte Pfeil eilte er ihnen nach. Sie anzusprechen auf der Gasse hätte er wohl nicht gewagt, aber »errötend ihren Spuren folgen« zu dürfen, schien ihm bereits ein Glück, und sobald er beide wieder vor sich gewahrte, schritt er langsam hinter ihnen drein, die Blicke immer auf die schlanke, elastische Mädchengestalt gerichtet, die im hellen Frühlingskleide ungemein anmutig aussah.

Vater und Tochter gingen Arm in Arm, im freundlichen Gespräch und lenkten zur Verwunderung Stahls hinein in die Karpfengasse, und von da nach dem Ghetto. Ihm war es gleichgültig, was sie dort wohl suchen mochten, in den engen, düstern, schmutzigen Gäßchen, wo der Trödel daheim ist, und wo gegenüberwohnende Nachbarn sich zu den Fenstern heraus beinahe die Hände reichen können. Eine schwere, unbehagliche Luft brütet fast immer, besonders aber während des Sommers, in diesen Regionen, zwischen diesen engbrüstigen Häusern, die von bösen, gehässigen Zeiten zu erzählen wissen, in denen die Christen nicht immer die würdigere Rolle gespielt haben.

Die beiden mit ihrem lebenden Schatten hinterdrein kamen aufatmend heraus bei dem jüdischen Rathause, dessen Uhr statt der Ziffern hebräische Buchstaben weist, und deren Zeiger von rechts nach links wandern, warfen einen Blick nach der altersgrauen Altneuschulsynagoge hinüber, die schon im Jahre 590 n. Chr. erbaut worden sein soll, und an deren dunkle, wohl nie übertünchte Wände mehr als einmal das Blut gemordeter Juden spritzte. Professor Holbert beabsichtigte heute, da er für eine historische Arbeit dessen bedurfte, im Archive des Rathauses nach einem alten Dokumente zu forschen und veranlaßte seine Tochter, ihn auf dem naheliegenden Beth Chajim zu erwarten, und so gingen sie nach freundlichem Händedruck auseinander.

Das Herz Stahls schlug rascher, als er dies bemerkte, und sobald der Professor sich abgewendet, folgte er mit beschleunigtem Schritte dem Mädchen, das er auch am Eingange des alten Friedhofes ereilte und begrüßte. Sie dankte einigermaßen überrascht, aber ohne jede Verlegenheit und nahm auch die ihr angebotene Begleitung des jungen Theologen, der auch heute kein geistliches Abzeichen trug, an. Den aufdringlichen Fremdenführer, welcher seine Dienste anbot, wies Stahl zurück mit dem Bemerken, daß er genugsam hier bekannt sei, um sich selbst als Führer empfehlen zu können, und langsam trat das junge Paar in einen der seltsamsten Friedhöfe ein, die es wohl überhaupt geben mag.

_Beth Chajim_, Haus der Lebenden! Es ist eine schöne, symbolisch tiefe Bezeichnung -- aber der Besucher fühlt, daß er in einer Stadt der Toten ist, und noch dazu in einer uralten, mit recht unregelmäßigen Gassen und Gäßchen, mit tausenden stiller Wohnungen, die bedeckt sind von ebenso vielen alten, grauen, verwitterten Steinen mit hebräischen Inschriften und alttestamentlichen Symbolen. Sie hocken neben und über einander, sehen sich über die Schultern weg, wie um sich an einander zu stützen, oder auch, als ob sie wunderliche alte Geschichten sich zuraunten. Hier liegen Geschlechter über einander geschichtet, und der Fuß berührt keinen Flecken, unter dem nicht Tote ruhen. Vom Denkmal der Sarah Katz berichten die geschwätzigen Führer, daß es aus dem Jahre 606 der christlichen Zeitrechnung stamme, und bei dem Grabe des Rabbi Löw bleiben sie stehen und rühmen die Gelehrsamkeit und Weisheit des Mannes, dessen verwitterter Leichenstein mit Eisenklammern zusammengehalten wird und bedeckt ist von größeren und kleineren Steinen und Scherben, wie fromme Pietät sie hier niedergelegt hat. Unter den Symbolen findet sich häufig ein Krug, das Sinnbild des Stammes Levi, während zwei wie zum Segen emporgehaltene Hände auf Aarons erlauchtes Geschlecht deuten. Es ist etwas eigenes um die Kinder dieses Stammes; sie kommen nach dem Totenacker nur, wenn sie gestorben sind; ein Betreten bei Lebzeiten macht sie unrein. An besonderer Stelle, dem Ephel, der eine ansehnliche Erhöhung bildet, liegen Tausende von Kinderleichen, und Jahrhunderte haben diesen Hügel getürmt.

Was aber den seltsamen Reiz dieses Friedhofs besonders erhöht, das sind die uralten Hollunderbüsche, die dicht an einander gedrängt, ihre Kronen in einander verwachsen und die verwitterten Leichenmale überdecken und umhüllen; durch ihr Gewirr führen schmale Steige über das Gras hin, Gäßchen, enger als jene im Ghetto, und ungleich anmutiger.

Und es war im Mai. Der Flieder blühte; seine blauen Dolden hingen dicht gedrängt zwischen dem grünen Blattwerk, weit herab auf die grauen Steine, und ein wundersamer, süßer Duft wob durch den Beth Chajim, berauschend und berückend. Durch Blüten und Duft gingen zwischen den Gräberreihen die beiden jungen Menschen hin, und es mochte ein liebliches Bild sein, als sie nach kurzer Wanderung sich auf einer Steinbank niederließen, im Schatten des blauen Flieders: Hans Stahl im dunklen Anzug, das Mädchen heller gekleidet; beide Gesichter voll Jugendfrische und Lebensdrang -- ein seltsamer Kontrast zu dem Orte, wo sie waren!

Das ungefähr dachte auch der Vetter Martin, der ganz unfern von ihnen, ungesehen hinter einem Strauche stand, und sich an dem hübschen Stimmungsbilde so freute, daß er die Augen nicht davon wenden konnte. Warum hätte er auch gehen sollen? Er hätte vielleicht das Pärchen aufgescheucht, und Geheimnisse schienen hier nicht verhandelt zu werden, außer solche des Herzens, und die haben zu allen Zeiten denselben Ausdruck gefunden. Das wußte der Alte, er hatte auch einmal von Liebe gestammelt -- es war lange her -- aber ein anderer war ihm zuvorgekommen, ehe er die Liebste heimführen konnte, und seitdem war er ein einsamer Wanderer geblieben.

Daran dachte er jetzt nicht; er gönnte auch dem hübschen jungen Paar das trauliche Selbander, und wäre eigentlich erstaunt gewesen, wenn der junge Mann nicht gesagt hätte:

»Ist das nicht herrlich hier? -- So losgelöst von der ganzen Welt zu Zweien zu sitzen unter blühendem Fliedergesträuch und auf Minuten alles vergessen zu können außer dem, was man zur Seite hat -- das ist ein Augenblick, wie ich ihn längst geträumt!«

Der Alte sah zwischen dem Blattgewirr eine feine Röte in das Antlitz des Mädchens steigen und deutete sie in seiner Weise, aber er war wunderlich enttäuscht, als er dasselbe sagen hörte:

»Ja, es ist eigenartig schön hier; ich bin vor Jahren einmal hier gewesen, damals blühte aber der Flieder nicht, und das giebt dem fremdseltsamen Bilde einen besonderen Reiz.«

»Den schönsten Reiz aber erhält es durch Ihre Anwesenheit; Sie verschönen mit Ihrer Anmut ja alles, was um Sie her ist ... o Fräulein Therese, lassen Sie mich die wenigen Augenblicke nützen, die ein freundliches Geschick mir gegönnt hat, Ihnen zu sagen, daß ich Sie unaussprechlich lieb habe ...«

Das Mädchen war wie erschrocken beiseite gerückt und sagte halb verlegen, halb im Tone der Entrüstung:

»Aber Herr Stahl, wie können Sie als Theologe ...«

»O, Sie brauchen nur ein Wort zu sprechen, und ich bin es nicht mehr. Ich tauge ja doch nicht für den Beruf, den man mir eigentlich aufgezwungen hat, und wenn ich wüßte, daß Sie mich ein wenig lieb haben könnten, Fräulein Therese ...«

»Sie versetzen mich in eine peinliche Lage, und ich bedauere eigentlich, daß Sie diese Situation, in welche ich Ihnen vertrauensvoll gefolgt bin, in solcher Weise ausnützen --«

Das klang so ernst, so abwehrend und bestimmt, daß der alte Lauscher hinter dem Hollundergebüsch ein sehr verdutztes Gesicht gesehen hätte, wenn er jetzt in einen Spiegel hätte schauen können; aber nun verdroß ihn auch die Rolle, die er hier spielte. Ein wenig Glück und Liebessonnenschein in zwei jungen Herzen hätte ihn gefreut, der Mißklang verstimmte ihn, und so schlich er sachte weiter, ohne zu hören, was Therese sonst noch dem feurigen Theologen sagte. Ihm war -- er wußte selbst nicht warum -- das Behagen, das er an dem Orte empfunden, vergällt, und er fühlte etwas wie Erbitterung, wobei ihm nicht ganz klar war, ob sich dieselbe mehr gegen den jungen Mann richtete, der eigentlich als Theologe gar nicht von solchen Dingen zu reden hatte, oder gegen das Mädchen, das den armen Teufel, der es vielleicht ganz gut meinte, so kurz abfahren ließ.

Er ging langsam an den grauen Steinen hin, bis ein anderes Bild ihn von seinen Gedanken einigermaßen ablenkte. Zwischen den Hollunderbüschen war eine grüne Lichtung, und hier kauerten einige schmutzige, bleiche Kinder, die mit großen, dunklen Augen nach dem fremden Manne hinstarrten, ohne sich weiter in ihrem Spiele stören zu lassen. Der Sonnenschein fiel auf die Gruppe, über die die blauen Fliederdolden herhingen, die Kleinen redeten mit fremdem Accent, und der Alte glaubte sich weit weg versetzt nach fernem Südland. Langsam ging er weiter, und unfern von sich sah er nun den jungen Theologen hineilen mit geröteten Wangen und brennenden Augen, dem Ausgange zu.

Gegen Abend war Vetter Martin wieder nach der Altstadt zurückgegangen und suchte den Gasthof auf, wo er Herberge genommen hatte. Es war »zum alten Ungelt« hinter der Teynkirche, deren interessante, architektonisch hervortretenden Türme ein besonders malerisches Gepräge dem Altstädtischen Ring verleihen. Als er eintrat in die Gaststube, fand er sie heute zum Johannistage besonders gefüllt, und er suchte nach einem Platze. Nahe bei einem Fenster war ein kleiner Tisch, und dort saß nur ein einziger Gast, in welchem Martin den jungen Theologen vom Beth Chajim wieder erkannte. Das Interesse, welches er an demselben nahm, ließ ihn rasch einen freien Sitz neben ihm in Beschlag nehmen. Hans Stahl dankte nur flüchtig dem Gruße des Fremden, der dann behaglich sein Pfeifchen hervorzog, es stopfte und anbrannte und nun vergnüglich seine Wölkchen in die bereits brav durchräucherte Luft paffte.

»Prächtiges Festtagswetter heute, wie?« fragte er.

»Jawohl!« stieß der andere hervor, und that einen tiefen Zug aus seinem Glase.

»Besonders angenehm auf dem alten Judenfriedhof zu genießen,« fuhr Vetter Martin gleichmütig fort, Hans Stahl aber schielte ihn von der Seite mit einem seltsam fragenden Blicke an und wurde dabei rot; er knurrte ein verlegenes: »Möglich!«

»Sie sind doch dort gewesen, wenn ich nicht ganz irre!«

»Jawohl, aber das kann Sie doch nichts kümmern!«

»Gott bewahre, junger Herr, aber darum brauchen Sie weder hitzig noch unhöflich zu werden; ich kann doch nicht dafür, daß Sie bei der jungen Dame kein Glück gehabt haben.«

»Teufel, Herr -- das verbitte ich mir!« brauste der Theologe auf -- »schämen Sie sich übrigens, wenn Sie gelauscht haben.«

»Habe ich -- sehr unfreiwillig, aber mit großer Teilnahme für Sie, so daß Sie gar nicht in so undankbarer Weise mich anzufahren brauchen.«

»Ich brauche Ihre Teilnahme nicht!«

»Das glaube ich, daß das Ihre Meinung ist, und betreffs Ihrer Liebesgeschichte mögen Sie recht haben; so etwas muß jeder mit sich selber ausmachen, und Sie machen mir den Eindruck, als ob Sie die Willenskraft dazu hätten. Aber etwas anderes hat mich interessiert -- warum haben Sie auch nicht einen Platz für Ihre Eröffnungen sich ausgesucht, der weniger dem Publikum zugänglich ist? Sehen Sie, ich bin auch einmal Theologe gewesen, aber ich habe bei Zeiten eingesehen, daß ich dazu nicht tauge, habe umgesattelt und fühle mich wohl dabei, und darum habe ich für jeden Teilnahme, Rat, und wenn's geht, Hilfe, von dem ich höre, daß er ins falsche Fahrwasser gekommen ist. Daß Sie zu allem andern besser passen, als zum Gottesgelehrten, leuchtet mir ein.«

Hans Stahl sah den Alten beinahe verdutzt an, und seltsam umgewandelt frug er:

»Mit wem habe ich die Ehre?«

»Sehen Sie, da schlagen Sie schon einen andern Ton an, und mir ist, als sollten wir noch gute Freunde werden. Im übrigen heiße ich schlechtweg Martin -- der ~Dr.~ der Theologie Peter Frohwalt pflegt mich auch Vetter Martin zu nennen -- und bin meines Zeichens Privatgelehrter und Weltbummler aus Vergnügen, und nun sagen Sie mir einmal ehrlich, wie Sie mit Ihrem heißen Herzen und Ihren schönheitsbegeisterten Augen unter die Kirchenväter geraten sind. Apropos, Sie haben ja nicht einmal ein geistliches Abzeichen?«

Hans Stahl hatte merkwürdiges Vertrauen fast mit einmal gewonnen zu dem wunderlichen alten Herrn mit dem verwitterten, gutmütigen Gesichte, und er brauchte gerade an diesem Tage jemanden, dem er dies Vertrauen schenken konnte. So that er denn allmählich sein junges Herz weit auf und erzählte von den Verhältnissen, welche ihn auf die theologische Laufbahn gebracht hatten, sowie zuletzt auch von der heißen Neigung, welche ihn zur Tochter Professor Holberts erfaßt hatte. Die Mitteilsamkeit schien ihm wohl zu thun, und auch der Alte hörte ihm, ruhig sein Pfeifchen rauchend, zu, nickte einigemale verständnisinnig mit dem grauen Haupte und sagte, als er schwieg:

»Da sind Sie wohl ein Sohn von dem Leinenfabrikanten Bruno Stahl in ** in der Lausitz, der früher in Görlitz lebte, und Ihre Mutter war eine geborene Wildung aus Lauban?«

Der junge Theologe starrte einige Sekunden mit weit offenen Augen und geöffneten Lippen den Alten an, ehe er dessen Fragen bejahte.

»I, sehen Sie doch, was man für wunderliche Geschichten erlebt! Das ist ja, als ob mich der liebe Herrgott gerade Ihretwegen jetzt nach Prag und ins »Alte Ungelt« geschickt hätte und nach dem alten Judenfriedhofe. Und Ihre Geschichte ist mir interessanter als die des Rabbi Löw und der alten Sarah Katz zusammengenommen. Wissen Sie, Ihren Vater kenne ich, und Ihre gute Mutter habe ich gekannt mitsamt deren Familie. Wir sind einmal im Riesengebirge mit einander gereist, haben herrliche Tage verlebt, und Ihr Vater und ich, wir haben uns verwachsen wie zwei gute alte Freunde, und ich bin später auch in Görlitz gewesen. Damals hatten Sie die ersten Höschen an, und darum nehmen Sie mir's nicht übel, wenn ich Sie heute nicht wiedererkannt habe. Mit Ihrem Vater habe ich auch Briefe gewechselt, bis er nach ** übersiedelte, aber ich bin ein schlechter Briefschreiber, und so ist die Sache ins Stocken geraten. Aber nun will ich einmal das Versäumte nachholen, und Sie sollen sehen, daß ich Sie aus dem theologischen Fangeisen heraushole.«

»Auch das würde ich Ihnen ewig danken, lieber Herr --«

»Na, sagen Sie ruhig: Vetter Martin! Das bin ich gewöhnt, und ich habe meine Neffen beinahe in allen Kulturstaaten sitzen, da kommt's auf einen mehr bei meiner Erbschaft nicht an. Aber ohne Scherz: Sie sind mir um Ihres Vaters willen wie ein lieber Verwandter, und ich helfe Ihnen. Top! Und wenn wir Sie erst heraushaben aus dem Seminar, dann besuchen Sie die Kunstakademie, vorausgesetzt, daß Sie Talent haben -- ich will mir morgen einmal die Dilettantenleistungen Ihres Pinsels ansehen -- und wenn Sie was Rechtes sind, dann gehen Sie wieder zu Therese Holbert -- --«

»Nein, Vetter Martin,« seufzte Stahl mit kläglicher Miene -- »sie hat mich in einer Weise abfahren lassen, daß ich fürchten muß, es sitzt wirklich schon ein anderer im Herzen --«

»Dann lassen Sie ihn sitzen, mein Junge! Theresen giebt's noch mehr!«

»Aber nur _eine_ Therese Holbert.«

»Darüber reden wir erst in den nächsten Kapiteln. Fürs erste -- haben Sie denn heute Urlaub, so lange auszubleiben?«

»Nein, ich habe mich eben in meinem Unmut hier festgesetzt, bereit, es auch auf eine Ausschließung aus dem Seminar ankommen zu lassen, nur um frei zu werden.«

»Nur ruhig' Blut, junger Freund! So geht das nicht; Sie müssen mit Ehren abgehen. Ich begleite Sie jetzt nach Hause, erzähle Ihrem Rektor, daß Sie einen guten Bekannten Ihres Vaters getroffen, und bitte für Ihre Versäumnis nachträglich um seine Entschuldigung. Und dann findet sich das Weitere!« -- --

So kam Vetter Martin an diesem Tage noch einmal nach der Kleinseite herüber, und nachdem er im Wendischen Seminar glücklich seine Absicht erreicht hatte, schritt er langsam und trotz des Menschengewühls auf der Brücke doch mit einer stillen Befriedigung in der Seele wieder nach dem »Alten Ungelt« zurück.

Am nächsten Morgen holte ihn Frohwalt beizeiten ab, und nachdem sie zuerst im Kinskyschen Garten auf dem Smichow, der im ersten Frühlingsschmucke ungemein freundlich war, einige Zeit zugebracht hatten, gingen sie wieder nach der Kleinseite, um den alten Pfarrer zu besuchen. Zuvor aber gedachte Martin, sich über die künstlerische Befähigung Hans Stahls zu unterrichten, und während er Frohwalt nach der Spornergasse vorausschickte, ging er nach dem Wendischen Seminar.

Der junge Theologe erwartete ihn mit einer gewissen Aufregung; er hatte seine Zeichnungen und Malereien zusammen gesucht und legte sie nun dem Alten vor, der, behaglich in seinem Stuhl lehnend, sie aufmerksam betrachtete. Er besaß auch dafür einen geschulten Kennerblick, und Hans Stahl atmete auf, als er sagte:

»Es steckt etwas drin, und in guter Schule kann aus Ihnen etwas werden. Zum Domherrn sind Sie verdorben, Hans, aber es ist zur Seligkeit nicht gerade notwendig, daß Sie die violette Halsbinde kriegen. Also es bleibt dabei: Ich lege mich bei Ihrem Vater ins Mittel, wenn's notthut, persönlich, und es wäre das erste Mal, daß ich mein Pulver umsonst verschossen hätte, wenn er nicht zur richtigen Erkenntnis der Sachlage gebracht werden könnte. Bis dahin treiben Sie noch ein Weilchen Ihre Dogmatik und Moral, denn seine Pflichten muß man unter allen Umständen thun. Jetzt Gott befohlen -- ich habe noch einen Patienten zu besuchen.«

Er ging, und bald darauf trat er bei dem alten Pfarrer ein. Der fühlte sich heute seltsam wohler, und Vetter Martin ließ sich's nicht nehmen, ihn sowohl als Frohwalt für diesen Tag als seine Gäste zu betrachten. Sie aßen zusammen Mittag in einer freundlichen Restauration der Kleinseite und nachmittags mietete der Alte, weil dem Pfarrer das Gehen doch ein wenig sauer wurde, einen Wagen, und sie fuhren hinaus nach dem Baumgarten, dem Lieblingsvergnügungsorte der Prager. Die herrlichen Bäume waren freilich noch wenig belaubt, aber der Rasen und das Strauchwerk grünte, und der Lenz hatte seine duftenden Blüten ausgestreut über den schönen Flecken Erde, über dem ein herrlicher blauer Himmel sich ausspannte. Der große Restaurationsgarten war sehr besucht, die milde, warme Luft ermöglichte den Aufenthalt im Freien, eine Militärkapelle spielte fröhliche Weisen, und als der greise Kaiser Ferdinand der Gütige, zusammengebeugt, aber fortwährend grüßend und nickend in seinem mit zwei Braunen bespannten Wagen vorüberfuhr, als bei den Klängen der schönen Haydnschen Volkshymne sich alles von den Sitzen erhob, da wurde dem alten Pfarrer die Seele weit und froh, und er warf auf einige Stunden alles von sich, was ihn drückte und quälte.

Vetter Martin sah seine feuchtflimmernden Augen aufleuchten mit einem fremden Glanze des Glücks und fühlte sich selber ergriffen. Er lud den alten Herrn für den Herbst in seine Heimat ein, denn für's erste gedachte er noch einige Zeit auf Geratewohl ins Bayernland und durch das Fichtelgebirge, den Rhön- und Thüringerwald zu streifen -- und jener sagte freudig zu.

Es war ein Nachmittag, mit welchem alle drei, als sie abends heimkehrten, zufrieden waren, und als Vetter Martin mit der nächsten Morgenfrühe aufbrach, und mit dem Ränzel auf dem Rücken und dem derben Stocke in der Hand durch die kühlen, stillen Gassen schritt, hatte er das Bewußtsein, hier zwei Menschen glücklich gemacht zu haben, den Theologen Hans Stahl und den ehemaligen Pfarrer von Nedamitz.

Neuntes Kapitel.

Ueber der Altstadt Prags hingen dunkle Wetterwolken. Langsam und schwer waren sie über die Moldau herübergekommen, und schienen sich jetzt dicht niederzusenken über das Kloster der Kreuzherren und das alte Klementinum. Eine drückende Schwüle brütete in den Gassen, die Leute hasteten heimwärts, und auch der Schutzmann, welcher bei dem Denkmal Karls IV. stand, sah sich nach einem Obdach um, sobald das Wetter losbrechen würde. Dabei war es etwa um die zehnte Stunde vormittags.

Durch das Thor des Klementinums ging langsam mit gesenktem Kopfe ein noch junger Mann, einfach aber gut gekleidet; es war der Uhrmacher Freidank. Er bog hinter dem Thore nach links ab, wo der Eingang zum Priesterseminar war, aber ehe er die Glocke zog, schien er noch einmal mit sich zu kämpfen. Er atmete einigemale tief, hob die Hand, ließ sie sinken und hob sie aufs neue, und als jetzt die Glocke ertönte, schrak er zusammen.

Er trat nun in den Korridor, dessen Kühle wohlthuend berührte bei der Gewitterhitze in den Gassen und fragte einigermaßen zaghaft den Pförtner, ob er den Herrn ~Dr.~ Frohwalt treffen könne. Dieser bejahte und wies ihm den Weg, und Freidank ging langsam, noch immer mit beengter Brust, weiter, die Treppen hinan, bis vor die bezeichnete Thür. Er pochte, und auf das »Ave!« von innen trat er ein. In demselben Augenblicke flammte der erste Blitz des losbrechenden Gewitters nieder und beleuchtete sein ohnehin bleiches Gesicht mit bläulichem Glanze, so daß Peter Frohwalt zwiefach erschrak wie vor einer Geistererscheinung und beinahe entsetzt von seinem Sitz aufsprang. Im Geroll des Donners verklang der Gruß des Eintretenden, dem es selbst unheimlich erschien, daß er hier bei Blitz und Donner ankam, und den das erschreckte und dabei doch finstere Gesicht seines geistlichen Schwagers noch mehr verschüchterte.

Frohwalt bot ihm nicht die Hand, auch nicht einen Sitz; er fragte, nachdem das Rollen verklungen, kühl und beinahe strenge:

»Was wollen Sie von mir?«

Der andere aber drehte langsam den Hut in seinen Händen, und hob nun sein treuherziges Auge auf; er sprach: