Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 11

Chapter 113,533 wordsPublic domain

Drei Dinge stehen jedwedem Menschen zu, Die niemand niemals ihm verkümmern darf: Die Gabe Gottes, daß er sei und froh sei; Die Hilfe seiner Lebensmitgenossen; Das Dritte macht ihn aber erst zum Menschen: Das Recht, den Gott zu ehren, und _die Seinen In Not und Tod zu lieben_. Ohne Liebe Fällt dieses große Haus der Welt zusammen, Ein jedes kleine Haus und jedes Herz. Drum ohne dies Recht muß er lieber sterben, Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.

Er las die Verse zweimal, dreimal, als ob er sie recht fest seinem Gedächtnis einprägen wolle, und dabei überkam ihn eine freundliche Ruhe. Mit dem Gedanken an seine Lieben schlief er ein, und so ging ihm der schöne Tag schön zu Ende.

Am anderen Morgen reiste seine Mutter heimwärts; er hatte sie nach dem Bahnhofe begleitet und stand mit ihr bereits auf dem Perron. Sie drückten sich noch einmal die Hände, und jetzt erst sagte schüchtern die alte Frau:

»Darf ich Marie nicht grüßen von Dir? -- Es braucht's ja niemand zu erfahren. Du und ich, wir haben eine große Freude gehabt, gönne ihr auch ein Teilchen!« Frohwalt sah einen Augenblick zur Seite, that einen kurzen Atemzug und sprach dann, wieder der Mutter zugewendet:

»Ja, grüße sie von mir!« -- --

Der Zug brauste pfeifend, stöhnend hinaus aus dem Bahnhofe, der Adjunkt aber ging mit leichtem Herzen und mit einer gewissen Freudigkeit heim.

Noch an demselben Vormittage fuhr er in Begleitung des Syndikus der Universität nach dem Hradschin, um sich, wie es Brauch war, als neugeschaffener Doktor dem Kanzler der Hochschule, dem Erzbischof, vorzustellen.

Sie wurden, ohne im Vorzimmer lange warten zu müssen, bei dem Kirchenfürsten vorgelassen. Der Kardinal Fürst Schwarzenberg war eine in jeder Weise aristokratische Erscheinung, hochgewachsen und schlank, mit einem länglichen, feinen, frischgeröteten Gesicht und klaren Augen, und seine Persönlichkeit erschien noch vorteilhafter gehoben durch die hochrote Soutane, welche in eine wallende Schleppe auslief; auf dem kurzen, silbergrauen Haare lag ein kleines, gleichfalls hochrotes Seidenkäppchen. Frohwalt war nach tiefer Verneigung zu ihm herangetreten, und küßte die feine Rechte, der Kardinal aber sprach in leutseligster, herablassender Weise mit ihm über seine Studien, zumal sein Lieblingsstudium, und befragte ihn zuletzt auch nach seiner Heimat und seinen Angehörigen.

»Ob seine Schwester verheiratet sei?«

Der junge Doktor errötete und fühlte eine Sekunde lang den Atem beengt; er hatte die Empfindung, daß der Kirchenfürst, der ihm mit seinem klaren Blicke tief in die Augen schaute, im nächsten Momente auch nach seinem Schwager fragen müsse. Es geschah nicht, im Gegenteil, die Audienz war zu Ende, aber Frohwalt war, indem er wieder nach seinem Seminar zurückfuhr, ernst und still. Er dachte daran, wie er sich im Grunde doch seiner Schwester schämen müsse, und beinahe reute ihn der Gruß, welchen er der Mutter für sie aufgetragen hatte. -- --

Einige Tage später hatte sich im erzbischöflichen Palais an der Tafel des Kirchenfürsten eine besonders erlesene Gesellschaft zusammengefunden: Zwei Domherren, darunter Kanonikus Kupetz, einige Professoren der theologischen Fakultät und Professor ~Dr.~ Holbert, der sich besonderer Beliebtheit bei dem Kardinal erfreute. Kaum minder angesehen war der gleichfalls anwesende Professor der Moraltheologie ~Dr.~ Sales Meyer. Er trug das Ordensgewand der Cisterziensermönche, die weiße Tunik mit dem schwarzen Skapulier und der schwarzen Binde. Sein etwas volles, gerötetes Gesicht sprach von Geist und Klarheit, Frische und Energie, und die Augen sahen klar und scharf durch die spiegelnden Brillengläser.

Das Gespräch hatte ein ernstes und bedeutsames Thema erfaßt. Für den 8. Dezember des laufenden Jahres, des Jahres des Heils 1869, war eine allgemeine Kirchenversammlung nach Rom berufen worden, und die Herzen der katholischen Christenheit waren bewegt, die der Kirchenfürsten und der gelehrten Theologen erregt. Man war noch im Unklaren, um was es sich handle, und der Kardinal selbst gab diesem Empfinden Ausdruck:

»Seit dreihundert Jahren hat ein solch' Ereignis nicht stattgefunden, und es ist begreiflich, daß es unsere Gemüter erfaßt, umsomehr, als eine besondere Veranlassung nicht erkennbar ist. Wir haben keine Spaltung in der Kirche und keine neue Irrlehre zu bekämpfen, auch keine großen theologischen Streitfragen, die der Entscheidung auf solchem Wege harrten.«

»Wäre es nicht möglich, Eminenz,« -- nahm Kanonikus Kupetz das Wort -- »daß angesichts der zersetzenden, auf Umsturz von Altar und Thron gerichteten Bestrebungen der Sozialdemokratie oder der Freimaurer der heilige Vater Gelegenheit nehmen wollte, durch eine großartige Kundgebung der gesamten Kirche dem Vordringen derselben einen Damm zu setzen?«

Der Kardinal schüttelte wie ungläubig das Haupt, und Professor Meyer sprach mit seiner klaren, ein wenig trocken lehrhaften Stimme:

»Ich erachte das für wenig wahrscheinlich, obwohl ich die Bedeutung eines solchen Vorganges auch in diesem Sinne nicht unterschätzen würde. Befremdlich erscheinen muß es jedoch, daß man mit dem eigentlichen Zweck geheimnisvoll hinter dem Berge hält -- wozu in Dingen, welche alle Gläubigen interessieren müssen, sich in den Schleier des Geheimnisvollen hüllen?«

»Wozu, wenn es sich um keine Streitfrage handelt, die Geister zuvor entfesseln und durch theologische Zänkereien schon vorher die Gemüter verbittern?« fragte der Kardinal dagegen.

Jetzt nahm Professor Holbert das Wort:

»Verzeihung, Eminenz -- aber ich bin vielleicht in der Lage, eine nicht unwichtige Andeutung der kommenden Dinge geben zu können. Mir ist heute früh erst eine italienische Zeitung zugegangen, ein Blatt, das in streng kirchlichem Sinne und unter dem Einfluß des Jesuitenordens redigiert wird, und da steht es ziemlich unverblümt zu lesen, daß es bei dem bevorstehenden Konzil sich um nichts Geringeres handle, als dem heiligen Vater die _Unfehlbarkeit_ zuzusprechen.«

Das Wort fuhr wie ein zündender Strahl durch den ganzen Kreis. Eine Falte legte sich zwischen die feinen Augenbrauen des Kirchenfürsten:

»In welchem Sinne glauben Sie, daß man eine solche verkünden wolle?«

»Ich fürchte, Eminenz, in völlig persönlichem Sinne, insofern es sich um eine der Zustimmung der Kirche nicht bedürfende Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittensachen handelt.«

»Aber, Herr Professor« -- sagte der Kirchenfürst im Tone des Vorwurfs -- »ist es nicht unbillig, dem heiligen Vater solch' selbstsüchtige Pläne zu unterschieben?«

»Er ist so ergeben, so milde, wie sollte er dazu kommen?« fragte der andere Kanonikus, der Professor Holbert aber blieb völlig ruhig, und erwiderte:

»Ich darf wohl annehmen, daß meine kirchliche Gesinnung, die mir Herzenssache ist, in diesem Kreise genugsam bekannt ist, ebenso wie der Freimut, mit welchem ich meine Anschauungen und Ueberzeugungen auszusprechen gewohnt bin; mit Rücksicht auf beides bitte ich Eure Eminenz um Verzeihung, wenn ich in einem derartigen Glaubenssatze nur den letzten Schluß eines seit Jahren verfolgten Vorgehens erblicken kann. Wenn ich denke, welche Fülle von Ablaßerteilungen, Heilig- und Seligsprechungen der Papst auf Anlaß seiner Berater aus dem Orden der Gesellschaft Jesu in den letzten Jahren vollzogen hat, ja wie man geflissentlich sogar die Kunde von angeblich durch ihn ausgeübten Wundern verbreitet hat, so will mich bedünken, als ob man damit nur die Voraussetzungen geschaffen zu dem Schlusse, der nun gezogen werden soll. Auch die Art, wie vor Jahren der Glaubenssatz von der unbefleckten Empfängnis Mariä entstand, hat nicht bloß mir zu denken gegeben, aber der Vorgang wird mir heute verständlicher. Etwa 100 Bischöfe, darunter circa 80 italienische, die zusammen nicht so viele Seelen vertreten, als Seine Eminenz, unser Herr Kardinal-Fürsterzbischof, haben bei einem Zusammensein in Rom durch einfachen Zuruf zu dem vom Papste vorgelegten Glaubenssatz dessen Aufstellung als Glaubenssatz bewirkt. Wo hat man sich dabei viel um die Kirche gekümmert?«

»Die Sache war ja immerhin anders,« nahm Professor Meyer das Wort. »Damals wurde etwas, was der fromme Sinn des katholischen Volkes schon lange glaubte, weil es seinem Herzensbedürfnis entsprach, zum Glaubenssatz erhoben -- aber ein Glaubenssatz von der persönlichen Unfehlbarkeit des heiligen Vaters wäre eine Neuerung, welche die Gemüter verwirren müßte und schweres Unheil bringen könnte.«

»Aber, meine Herren, das ist ja Schwarzseherei! Die Sache liegt doch einfach: Entweder die Unfehlbarkeit ist eine bereits alte Lehre, oder wenn dies nicht nachgewiesen werden kann, kann sie nicht aufgestellt werden,« sprach der Kardinal.

»Ja, ein Glaubenssatz kann doch nur dann für die Kirche Gültigkeit haben, wenn die Mitglieder eines Konzils denselben einhellig oder nahezu einhellig annehmen. Das ist aber in diesem Falle kaum zu erwarten,« bemerkte einer der theologischen Professoren.

»Das sollte man meinen, Herr Kollege,« erwiderte ~Dr.~ Holbert, »ich fürchte aber, daß man in Rom auch vor einer Majorisierung nicht zurückschreckt, wenn es sich um einen fest vorbereiteten Plan handelt.«

»Aber da würden wir doch auch noch auf dem Platze sein,« meinte der Kardinal mit einem feinen Lächeln, und ~Dr.~ Holbert senkte schweigend den Kopf.

Den sonst so ruhigen Professor Meyer schien die Angelegenheit besonders zu erregen:

»Ich kann noch nicht an solche Absicht glauben; es würde den geschichtlichen Ueberlieferungen, den geschichtlichen Thatsachen ins Gesicht schlagen und sich niemals aus Ueberlieferung und Schrift begründen lassen. Man kann aus vielen Gründen dem katholischen Volke nicht zumuten, daß es glaube, der Papst könne auf dem ganzen Gebiete des Glaubens und der Sitten der höchste Lehrer, Richter und Gesetzgeber sein, und tausend fromme und gelehrte Kirchenfürsten und Kirchenlehrer ständen auf dem Boden des Irrtums, wenn der heilige Vater, der weder gelehrt zu sein braucht, noch auch -- dafür spricht ja leider die Geschichte -- immer tugendhaft, für gut befindet, eine besondere Meinung zu haben.«

»Und wohin sollte das im Staatsleben führen« -- sprach wieder Holbert -- »wenn der jeweilige Papst mit seiner unfehlbaren Meinung in die Rechte der Staaten und der Völker eingreifen würde? Die Völker sind nicht mehr wie im Mittelalter, sie sind mündig geworden und lassen sich von Rom nicht mehr Gesetze geben, die unter Umständen der bloßen Willkür ihre Entstehung verdanken. Heute haben wir einen milden, guten Herrn auf dem Stuhle des heiligen Petrus, wer aber kann für seine Nachfolger bürgen?«

»Ich glaube, meine Herren, wir regen uns unnützer Weise auf« -- sagte der Kardinal mit der Absicht, das Gespräch, das eine unbehagliche Wendung zu nehmen drohte, zu wechseln, und seine Gäste waren taktvoll genug, ihn zu verstehen. -- Die Wogen der erregten Gemüter glätteten sich, man kehrte zu harmloseren Tagesfragen zurück, und Seine Eminenz verstand auch hier, den feinsinnigen, liebenswürdigen, vornehmen Wirt zu machen. Unter andern kam die Rede auch auf ~Dr.~ Peter Frohwalt, der dem Kardinal nach seiner äußeren Erscheinung wie nach seinem ganzen Wesen einen sehr guten Eindruck gemacht hatte; er hörte mit Vergnügen, daß auch Professor Holbert sich lobend über den jungen Adjunkten äußerte, und sprach aus, daß er denselben im Auge behalten wollte.

Der Frühling brachte für Prag wie alljährlich das Fest des Landesheiligen Johannes von Nepomuk, der bekanntlich als Märtyrer des Beichtgeheimnisses in den Fluten der Moldau gestorben sein soll. Da, wo auf der steinernen Brücke heute sein Standbild steht, ließ ihn, wie erzählt wird, König Wenzel, der Luxemburger, in die Wellen schleudern, aber ein Kranz von sieben hellen Sternen umleuchtete noch das Haupt des Toten, dessen Leib nachher im Dome von St. Veit beigesetzt wurde, dessen Gedächtnis am 16. Mai jeden Jahres festlich begangen wird. Seine angeblich unversehrte Zunge wird in kostbarer Monstranz der Verehrung des Volkes ausgestellt.

Auch in diesem Frühling waren Tausende nach der böhmischen Hauptstadt gekommen, das Fest mitzufeiern, und über die Brücke nach der Höhe des Hradschin bewegte sich eine bunte Menge, meist Landvolk, und im Dome drängten sich Hunderte um das Grabmal des Heiligen, den massiven, schwerfälligen Sarkophag, zu welchem 27 Zentner feinen Silbers verwendet worden sind, und um welchen eine Anzahl Lampen ihr trauliches Licht ausgießen. Unter ihnen stand diesmal auch der wunderliche Heilige, Vetter Martin, der zwar Prag schon kannte, aber es bei Gelegenheit dieses Festes auch einmal sehen wollte.

Ihm behagte dies Leben und Treiben nicht, noch weniger die unvermeidlichen tschechisch-nationalen Kundgebungen, welche regelmäßig mit diesem Feste verbunden werden; diese angeputzten Banderien, diese buntscheckigen Sokolisten waren ihm nichts weniger als eine Herzensfreude, und so stapfte er am Morgen des Festes bereits wieder hinüber nach der Altstadt, um im Klementinum bei Peter Frohwalt vorzusprechen.

Der war erfreut, als der Alte bei ihm eintrat.

»Das riecht ordentlich nach Theologie bei Euch, etwas muffig, als ob schon lange kein frischer Luftzug hereingekommen wäre, so daß es sich Unsereinem auf die Brust legt -- nimm mir's nicht übel, Peter! Ja so, Du hast ja jetzt eine akademische Würde, und dazu will ich Dir auch meinen Glückwunsch sagen. Ich wäre gern zur Promotion gekommen, aber mir that's leid um Deine Schwester, das arme Wurm, das nicht einmal thun darf, als ob es sich darüber freute -- und sie hat sich doch gefreut mitsamt Deinem Schwager. Na, was machst Du denn auf einmal für einen schiefen Nasenwinkel ... ja so, Dir ist etwas in die Schleimhäute gefahren, Du kannst Freidank nicht riechen! Aber ich sage Dir, er ist ein prächtiger Mensch und trägt Deine Schwester auf den Händen. Er weiß, daß er doppelt an Liebe geben muß, weil er auch den Bruder zu ersetzen hat. Herrgott, da schwatze ich, und weiß doch, daß ich Dir kein Vergnügen damit mache -- na, wovon das Herz voll ist ... und so weiter. Höre, das Prag ist ein unausstehliches Nest am Johannistage; man lebt wie in einer Heringstonne, und selbst wenn man mal ausspucken will, trifft man einen Verehrer des heiligen Nepomuk. Und wenn das Geschmeiß nur wirklich noch wegen des Heiligen herkäme! Aber das alles kommt zu seinem Pläsir. Nur die vielen Leierkästen! Aber jetzt rede Du -- -- während ich mich einmal in die Sophaecke setzen und, wenn Du nichts dagegen hast, ein Pfeifchen in Ruhe schmauchen will!«

Er hatte den Worten eigentlich die That schon vorausgeschickt, schmunzelte behaglich und sagte:

»Sieh, das ist der erste schöne Augenblick im goldenen Prag! Also, wie lebst Du?«

Frohwalt begann nun von seiner Tagesarbeit und von seinen Studien zu reden, von der Hoffnung auf einen Lehrstuhl an der Hochschule, und der Alte merkte, wie solche Aussichten auf die Zukunft ihn freudig bewegten. Als der Adjunkt geendet, sprach er, behaglich dampfend:

»Du bist ja tüchtig und fleißig, und ich gönne Dir von Herzen, daß Du einmal zum violetten Collare kommst, aber ein wenig Glück gehört zu dem allem auch. Dein alter Nedamitzer Pfarrer hat auch einen guten Kern gehabt und hat's wohl auch an Fleiß nicht fehlen lassen, aber ihm hat das Glück gefehlt, in die richtigen Verhältnisse gekommen zu sein. Was hörst Du von ihm?«

Frohwalt erzählte, was er wußte, und der Vetter vergaß, an seinem Pfeifchen zu saugen.

»Hm, hm, -- also abgethan -- in's alte Eisen -- das wird er nicht lange aushalten! Höre, Peter, das ist ein elend' Leben, wie's ihm zuteil geworden ist. An der richtigen Stelle, in guten Händen, wäre er ein brauchbarer Kerl geworden, aber die Theologie allein thut's nicht. Also in der Spornergasse sitzt er mit seinem alten Zinnkrug -- da will ich doch einmal zusehen, was er macht. Kommst Du mit?«

Frohwalt wurde einigermaßen verlegen.

»Ich bin heute mittag beim Kanonikus Kupetz eingeladen, der seinen Namenstag feiert, darum muß ich Dich sehr um Entschuldigung bitten, wenn ich mich nachmittags Dir nicht widmen kann. Du nimmst mir's nicht übel -- bitte -- morgen stehe ich dafür den ganzen Tag zu Deiner Verfügung.«

»Selbstverständlich, mein Sohn, kommt erst der Herr Kanonikus -- nein, übelnehmen ist nicht! Da paßt mir's doppelt, wenn ich Deinen alten Parochus wiederfinde und ihn vielleicht in die freie Natur locken kann; denn in den Gassen ist mir's heute unheimlich. Ich begleite Dich über die Brücke nach der Kleinseite!« -- So geschah es, und bald schritten sie selbander durch den alten Brückenturm und bewegten sich langsam im Gewühle der Menschen, welche heute mehr als je die Brücke belebten, vorwärts. Vor dem Standbilde des heiligen Johannes gab es eine kleine Stauung; der Adjunkt zog andächtig seinen Hut, Vetter Martin aber nickte dem Heiligen vertraulich wie einem alten Bekannten zu.

Vor der Wohnung des Pfarrers trennten sie sich, nachdem Frohwalt dem Alten einen Gruß aufgetragen hatte, und dieser stapfte nun langsam über den unfreundlichen Hof und die Treppe im Hintergebäude empor. Er erschrak, als er bei dem Pfarrer eintrat, über die Aermlichkeit dieser Verhältnisse, noch mehr aber, als er den Bewohner dieses Raumes auf seinem alten Sopha, bedeckt mit einem zerschlissenen Schlafrock, liegen sah. Der Mann sah elend und heruntergekommen aus mit seinem fahlen Gesicht und den breiten Säcken unter den schwimmenden Augen.

»Ach, der Vetter Martin!« rief er jetzt, sich halb emporrichtend, und eine schnelle Röte, ob der Freude oder Verlegenheit wäre schwer zu sagen gewesen, flog über das graue Gesicht.

»Na ja, da sind wir, Herr Pfarrer,« knurrte der Alte, halb fröhlich, halb gerührt, und indem er mit der Rechten die Hand des andern drückte, hielt er ihn mit der Linken davon ab, aufzustehen.

»Liegen bleiben, liegen bleiben -- Sie sind krank!«

»Ja, ich bin leidend!« seufzte der andere -- »schwere Beine, schweren Kopf, elenden Magen, ich wollt', ich läge auf dem Nedamitzer Kirchhofe, denn in meinem Dorfe muß es tot hübscher sein, als hier lebendig. Nehmen Sie Platz -- das ist mir eine rechte Freude in meinem Elend!«

Martin saß schon neben ihm am Tische und sagte:

»Der alte Diogenes hat in einer Tonne gewohnt, und da war's wohl noch unbequemer als bei Ihnen!«

»Ja, der alte Diogenes!« seufzte der Pfarrer -- »der hat's immer noch hübscher gehabt als ein alter Priester mit seiner Hungerpension. Ich setzte Ihnen gern irgend etwas vor, aber ich habe nichts zu Hause ...«

Das klang so traurig und ergreifend, und Martin hatte die Empfindung, als ob der alte Herr sich schon lange nicht satt gegessen haben müßte; er sagte:

»Na, da hatte ich mich darauf gefreut, einmal mit Ihnen Mittag essen zu können; selbstverständlich sollten Sie mein Gast sein, denn in Nedamitz war ich der Ihre -- aber Sie können wohl nicht ausgehen?«

»Ich bin zu elend heute, darum habe ich mir von meiner Nachbarsfrau nur eine Wassersuppe kochen lassen -- --«

»Hm, eine Wassersuppe und heute, zum heiligen Feiertage -- --«

»Und zu meinem Namenstage obendrein!« seufzte der alte Priester und seinem Besucher that das gute Herz weh. Er dachte daran, wie der Kanonikus Kupetz seinen Namenstag feiern werde, und der arme Teufel hier hätte sich an den Brosamen seines reichen Tisches satt essen können; er fragte:

»Haben Sie denn jemanden, den Sie fortschicken können, und der Ihnen etwas besorgt?«

»O ja, die Nachbarsfrau!«

»So -- na, dann erlauben Sie mir, daß ich mir mein Mittagessen zu Ihnen holen lasse, mir paßt das Feiertagstreiben heute nicht!«

Dann ging er eilends hinaus, und der Pfarrer sah ihm mit verwunderten Blicken nach. Er erhob sich indes doch, und suchte nach einem Rock und einem alten, schmutzigen Collare, und als Vetter Martin nach kurzem zurückkam, fand er ihn in der Sophaecke sitzend.

»Das ist nichts mit Wassersuppe für Ihren schwachen Magen -- glauben Sie mir, Herr Pfarrer -- eine gebratene Taube ist für einen Kranken viel besser! Ich habe mir erlaubt, eine für Sie kommen zu lassen, und will Ihnen zu Liebe auch einmal meine vegetarischen Grundsätze beiseite thun. Wir wollen denken, wir säßen in der Nedamitzer Pfarrei und wollen auch den heiligen Nepomuk feiern!«

Dem Priester rannen zwei schwere Thränen über die Wangen; er streckte wortlos dem Alten die Hand hin, dieser aber begann von der Botanik und von seinen Reisen zu reden, bis die Nachbarsfrau mit einem großen Korbe anrückte. Sie deckte den Tisch mit einem sauberen Linnen, und dann begann sie auszupacken: Geflügel und Braten, Mehlspeisen und Kompott, als ob ein halb Dutzend Menschen essen sollten, und dazwischen stellte sie eine Flasche dunkelglutigen Vöslauers und zwei Gläser. Sie wünschte wohl zu speisen und ging. Der Pfarrer aber saß da, wie in einem Märchen, und atmete den Duft der Speisen ein, und vermochte noch immer nicht zu reden.

Vetter Martin war der liebenswürdigste Wirt; er legte dem andern vor und schenkte ihm ein, und sie stießen an auf den Namenstag. Die Wassersuppe schien doch nicht besonders Grund gelegt zu haben, und der alte Weltwanderer verstand auch, diese Sorte »schlechter« Mägen zu behandeln. Der Pfarrer thaute auf; er vergaß Elend, Sorge und Unwohlsein und erzählte von vergangenen schönen Tagen, Vetter Martin aber feierte ein Johannisfest, wie er es sich nicht hatte träumen lassen.

So war es um die dritte Nachmittagsstunde geworden, und der Alte forderte den Priester zu einem kleinen Spaziergange auf; dieser aber erklärte, daß er beim besten Willen nicht gehen könne, seine Beine wären zu schwach, und außerdem habe ihn der gute Wein etwas angegriffen und schläfrig gemacht. Da wollte sein Besucher nicht weiter in ihn dringen, und nachdem er ihm versprochen hatte, am nächsten Tage wieder zu kommen, verließ er ihn. Von dem Mahle aber war noch so viel vorhanden, daß es wohl noch für zwei Tage für den Pfarrer ausreichen mochte.

Es war ein herrlicher Maitag; schimmernde weiße Wölkchen zogen über den dunkelblauen Grund des Himmels hin, und die grauen Häuser der steil ansteigenden Spornergasse erschienen freundlich und festlich. Trotzdem hatte Vetter Martin keine Neigung, den Berg emporzuklimmen. Er bog unterhalb des Kleinseitener Ringes in eine Nebengasse gegen das Augustinerkloster zu St. Thomas hin ab, ging vorüber an dem umfangreichen Wallensteinschen Palais, der Prager Residenz des gewaltigen Friedländers, und gelangte endlich an der Moldau entlang zu dem neuerbauten Kettensteg, unterhalb der Franz-Josefsbrücke. Dieser Uebergang über den Fluß war ihm neu, und das lockte ihn zum Ueberschreiten.

So kam er nach oder Altstadt zurück, aber in diesem abgelegenen Teile derselben war kein festliches Gewoge, hier herrschte Stille und beinahe kleinstädtisches Behagen. Dabei fühlte sich Vetter Martin wohler, und er schlenderte langsam weiter, bis er mit einem Male hineingeriet in die engen Gäßchen des alten jüdischen Ghetto. Da fiel ihm ein, daß just in dieser Zeit, da der Flieder blühte, der alte Judenfriedhof Beth Chajim besonders stimmungsvoll und sehenswert sein müsse, und daß er dort heute zweifellos in voller Einsamkeit das wunderlichste Fleckchen der böhmischen Hauptstadt genießen könne Er kannte sich gut genug hier aus und fand auch bald sein Ziel.