Part 19
[253] Schlußsätze wie dieser: das Nichtweiße ist weiß, erhält man nur dann durch einen einzigen Schluß, wenn die Prämissen etwa lauten: jedes Animalische ist weiß und nichtweiß; jeder Mensch ist animalisch, obgleich hier zunächst nur folgt: der Mensch ist weiß und nichtweiß, und daraus erst: das Nichtweiße ist weiß. Sonst aber muß man entweder das eine Glied des Gegensatzes direkt aufstellen und das andere durch Schluß gewinnen, oder beide durch Schluß. Im zweiten Falle wird die Absicht der Widerlegung noch besser verschleiert als im ersten, vgl. Anm. 46. Aus dieser Erklärung sieht man, daß die angenommene Lesart die richtige ist. Darauf hat schon +Waitz+ S. 511 f. aufmerksam gemacht, vgl. auch +Maier+ II a 352. -- Der letzte Satz in diesem Kapitel 64 b 25 ff. scheint auf die Erklärung über die Weisen des Gegensatzes zurückzuverweisen, die am Anfang des Kapitels steht.
[254] Hier beginnt der 2. Teil des 2. Buches, der bis Kap. 21 einschließlich geht. Er handelt von den Schwächen und Mängeln des Syllogismus, nachdem der 1. Teil von seiner Tragweite und Kraft gehandelt hat. Fehler beim Schließen sind freilich bereits im 3. Teil des 1. Buches erörtert worden. Aber das waren, wie +Maier+ 353 f. mit Recht bemerkt, formale Verstöße gegen die syllogistischen Regeln. Noch ist aber auf allgemein methodische Fehler hinzuweisen, die den +Beweis+ gefährden. Es sind das Verstöße, die vorliegen können, auch wenn der Syllogismus selbst formell völlig korrekt ist. Ein erster Fehler dieser Art ist die sog. petitio principii, τὸ ἐν ἀρχᾖ oder ἐξ ἀρχῆς αἰτεῖσθαι, vgl. +Soph. Widerll.+ 5, 167 a 36 ff.; 6, 168 b 22 ff.; 7, 169 b 13; 27, 181 a 15 ff. Er besteht darin, daß man voraussetzt, was zu beweisen ist. Die lat. technische Bezeichnung ist, wie +Trendelenburg Elem. log. Arist+. § 42 betont, nicht ganz zutreffend. Ein Prinzip kommt hier nicht in Frage, sondern eine von Anfang ins Auge gefaßte Folgerung, die man, statt sie zu beweisen, vorausgesetzt; vgl. in unserer Übersetzung der Soph. Widerll. Anm. 58.
[255] Sie setzen entweder voraus, daß sie nicht konvergieren, oder, daß die Gegenwinkel, die eine Transversale mit ihnen bildet, sich gleich sind, was beides doch erst eine Folge der Parallelität ist.
[256] A sei eine Winkelsumme von 2 Rechten haben, B dreiseitige Figur, C Dreieck. Es soll unbekannt sein, daß das Dreieck eine Winkelsumme von 2 Rechten hat, aber ebensowenig bekannt, daß die dreiseitige Figur sie hat. Postuliert man nun, daß die dreiseitige Figur sie hat, so ist es noch nicht klar, daß eine petitio principii vorliegt. Denn es kann ja auch ein B und ein C geben, die voneinander verschieden sind. Wohl aber liegt am Tage, daß man mit Hilfe eines solchen Postulates keinen apodiktischen Schluß errichten kann, weil das Beweismittel logisch früher sein muß als das Demonstrandum. Wenn aber, wie in unserem Falle, C und B, Dreieck und dreiseitige Figur, identisch und umkehrbar sind, so liegt tatsächlich die petitio principii vor. Denn man beweist idem per idem. Ob aus der gleichseitigen Figur auf das Dreieck geschlossen wird, oder umgekehrt, trägt nichts aus. -- Mit νῦν δὲ τοῦτο κολύει Z. 17 scheint gemeint: nun aber steht die Unterlassung der Umkehrung der Begriffe der Führung eines förmlichen Beweises oder der Errichtung eines förmlichen Schlusses im Wege. Es scheint nicht gemeint, was +Maier+ 355, 1 angibt: „nun aber verhindert man das.“ Dagegen hat Maier das Folgende, Z. 18 f., vortrefflich erklärt, und wir sind ihm in der Wiedergabe gefolgt. Nimmt man die Umkehrung vor, so beweist man, daß A dem B zukommt. Der Schluß heißt dann: jedes Dreieck hat eine Winkelsumme von 2 Rechten; jede dreiseitige Figur ist ein Dreieck; jede dreiseitige Figur hat eine Winkelsumme von 2 Rechten. Hier wird τόἐξ ἀοχῆς postuliert.
[257] Der Fall unterscheidet sich von dem vorigen dadurch, daß nicht der Obersatz, sondern der Untersatz so wenig bekannt ist wie der Schlußsatz. Beispiel. Alles, was lacht, weint auch; jeder Mensch lacht; jeder Mensch weint.
[258] In den bejahenden Schlüssen kann die petitio principii wie in der 1. so in der 3. Figur vorkommen, nicht in der 2., die keine bejahenden Schlüsse hat. Beispiel: Manches Animalische weint; jedes Animalische nimmt wahr; manches Wahrnehmende weint. Man kann ebensogut sagen: Manches Wahrnehmende weint; jedes Wahrnehmende ist ein animalisches Wesen; manches Animalische weint. In den verneinenden Schlüssen kann die verneinende Konklusion und die bejahende Prämisse nicht identisch sein, und darum kommen für die 1. und für die 3. Figur nur die Fälle in Betracht, wo dieselben Bestimmungen einem tatsächlich identischen Subjekt abgesprochen werden. Beispiel: Keine dreiseitige Figur hat eine Winkelsumme, die nicht 2 Rechten gleich ist; jede dreiseitige Figur ist ein Dreieck; kein Dreieck hat eine Winkelsumme, die nicht 2 Rechten gleich ist. Man kann ebensogut sagen: kein Dreieck hat eine Winkelsumme, die nicht 2 Rechten gleich ist; jedes Dreieck ist eine dreiseitige Figur; keine dreiseitige Figur hat usw. In der 2. Figur kommen umgekehrt nur die Fälle in Betracht, wo demselben Subjekt tatsächlich identische Bestimmungen abgesprochen werden. Beispiel: Jede Tugend ist ein löblicher Habitus; die Feigheit ist kein löblicher Habitus; die Feigheit ist keine Tugend. Man könnte ebensogut sagen: jeder löbliche Habitus ist eine Tugend; die Feigheit ist keine Tugend; die Feigheit ist kein löblicher Habitus; vgl. +Maier+ 356 f.
[259] Vgl. +Topik+ 8, 13 Anfang: „Wie der Fragende das ursprünglich zur Erörterung Stehende und das Gegenteil fordert, ist für den Fall, daß das Gespräch um der Wahrheit willen geführt wird, in der Analytik erklärt worden; wie man es aber fordert, wenn es sich um Wahrscheinliches handelt, soll jetzt erklärt werden usw.“
[260] Bei dem apagogischen Verfahren zeigt man, daß das kontradiktorische Gegenteil, die Antiphasis, des Demonstrandum auf ein falsum führt. Wenn man nun einwendet, daß das falsum nicht aus der Antiphasis entspringt, so richtet man sich gewissermaßen gegen diese selbst, und in diesem Sinne redet Aristoteles hier. Man vergleiche, auch zu der Wiedergabe der unmittelbar folgenden Sätze, +Maier+ 245, 1.
[261] Der Einwand: die Falschheit entspringt nicht aus der Annahme, hat also auch im verneinenden deiktischen Schluß keine Stelle.
[262] Unter Topik sind die sophistischen Widerlegungen verstanden. Vgl. uns. Übersetzung der letzteren, Einl. IV. Gemeint ist die Stelle 5, 167 b 21 ff. Das Beispiel von der absurden Behauptung des Zeno zielt darauf, daß dieser Sophist die Bewegung leugnete, weil, wie er vorgab, die Annahme einer Bewegung den Satz umstoßen würde, daß das Unendliche nicht durchmessen oder durchschritten werden kann. Er illustrierte, wie man weiß, diesen Gedanken an dem Beispiel des Achilles, der eine Schildkröte verfolgt und sie nie erreicht, vgl. +Physik+ 6, 2. 233 a 21 ff. und besonders 9, 239 b 14 ff. Man könnte also daraufhin schließen: gesetzt die Seite und die Diagonale des Quadrates wären kommensurabel, dann würde, eben durch die Messung, das Unendliche durchschritten, was unmöglich ist. Also sind sie nicht kommensurabel. Aber das Durchschreiten des Unendlichen folgt nicht aus der angenommenen Messung, sondern aus der Annahme, daß jede Strecke unendlich viele aktuelle Teile hat. Wenn Aristoteles sagt, daß die falsche Folge mit der anfänglichen Annahme in diesem Beispiel gar nicht zusammenhängt, so meint er, daß das Beweismittel -- die Strecke hat unendlich viele Teile -- mit der Annahme -- Seite und Diagonale haben ein Maß -- keinen Terminus gemein hat. Er meint aber selbstverständlich nicht, daß die Folge mit der Annahme so wenig zu tun hat, wie eine beliebige falsche Folge mit einer beliebigen Annahme. Das müßte z. B. +v. Kirchmann+ annehmen, wenn er Erläuterung 239 d, S. 233 schreibt: „Es würde der logisch falsche Unmöglichkeitsbeweis lauten: die Diagonale des Quadrats ist durch die Seitenlinie des Quadrats meßbar. Nun folgt der Beweis des Zeno, dessen Schlußsatz lautet: also gibt es keine Bewegung. Da nun dieser Schlußsatz unmöglich ist, so könnte man sagen: Also ist der Obersatz falsch, mithin sein Gegensatz wahr, d. h. die Diagonale wird nicht durch die Seitenlinie gemessen. Hier kann man nun einwenden: daß das Falsche des Obersatzes nicht aus dem unmöglichen Schlußsatze folge, weil sie beide keinen solchen logischen Zusammenhang haben, wie es zu einem richtigen Schluß gehört.“
[263] Das ist der Fall, in dem der Beweis für das Absurdum mit der falschen Annahme einen Terminus gemein hat. 1. Beispiel: Alles Vernünftige ist ein Mensch; alles Wahrnehmende ist vernünftig; jedes Pferd nimmt wahr; also ist jedes Pferd vernünftig. Das ist absurd. Also ist es falsch, daß alles Vernünftige ein Mensch ist. 2. Beispiel: Alles Wahrnehmende ist vernünftig; jeder Vierfüßler nimmt wahr; jedes Pferd ein Vierfüßler; also jeder Vierfüßler vernünftig. Das ist absurd. Also ist es falsch, daß jedes Pferd ein Vierfüßler ist.
[264] Die Konvergenz zweier Parallelen kann sowohl aus der Ungleichheit der Gegenwinkel folgen, die durch sie und eine Transversale gebildet werden, als auch daraus, daß sie mit der Transversalen, die senkrecht auf ihnen steht, ein Dreieck bilden. Den Einwand und seine Lösung hat +Maier+ 248 f. gut erklärt.
[265] Dieses Kapitel ist praktischer Natur: es gibt an, wie man beim Disputieren einer Niederlage vorbeugt und die eigene Sache zum Siege führt. Mit dem Vorausgehenden hängt es insofern zusammen, als dort methodische Fehler erörtert werden, die den Beweis fälschen, worin die praktische Mahnung liegt, sie zu vermeiden. Die Anweisung am Schluß besagt, daß man mit dem Untersatz anfangen soll, der den Mittelbegriff zum Prädikat hat, nicht mit dem Obersatz. Will man z. B. den Satz gewinnen: der Mensch lacht, so fange man mit dem Satz an: der Mensch ist vernünftig.
[266] Während das vorige Kapitel eher in die Dialektik oder Topik gehört, ist das gegenwärtige, entsprechend dem Charakter der ersten Analytik, wieder allgemein syllogistischer Natur. Wann ist eine Widerlegung, ein Elenchus, möglich? Wo ein Schluß möglich ist. Denn die Widerlegung ist ein Schluß, dessen Konklusion das kontradiktorische Gegenteil der gegnerischen Behauptung besagt, wie es Soph. el. 1, 165 a 2 f. heißt. Es muß also wenigstens eine Prämisse zugestanden sein. Denn aus zwei verneinenden Prämissen geht kein Schluß hervor. Auch muß wenigstens eine Prämisse allgemein sein.
[267] Der formell richtige Ansatz der syllogistischen Begriffe war der Gegenstand des 1. Beispiels, methodische Fehler beim dialektischen und wissenschaftlichen Beweisverfahren sind innerhalb des 2. Beispiels behandelt worden. Dieses Verfahren kann aber auch durch die inhaltliche Falschheit der Prämissen gefährdet werden, und von dieser ist im gegenwärtigen Kapitel wenigstens insofern die Rede, als nach der Möglichkeit gefragt wird, ob man etwas zugleich wissen und nicht wissen kann, so daß man von dem einen, dem ein Prädikat ursprünglich zukommt, es weiß und von dem anderen, dem es ebenso ursprünglich zukommt, es nicht weiß. Vgl. +Maier+ 360. +Silv. Maurus+ bezieht den Ausdruck „beim Ansatz oder der Thesis der Begriffe irren“ speziell auf die Fehler beim apagogischen Schluß.
[268] Körperlich kommt dem Animalischen und dem Wahrnehmenden an sich zu. Beides kann ebenso einem Dritten, z. B. dem Pferd, nach dem ganzen Umfang der Art zukommen. Wenn man nun meint, körperlich komme allem Animalischen und dieses jedem Pferd zu, und zugleich meint, körperlich komme keinem Wahrnehmenden und dieses jedem Pferde zu, und aus beiden Prämissenpaaren den Schluß zieht, so meint man gleichzeitig: jedes Pferd ist körperlich -- kein Pferd ist körperlich.
[269] Körperlich kommt dem Lebenden und dem Animalischen zu, aber dem Animalischen durch das Lebende. Man kann nun wieder beides jedem Menschen zukommen lassen und so wie Anm. 64 aus je einem Prämissenpaare die Konklusionen gewinnen: jeder Mensch ist körperlich -- kein Mensch ist körperlich.
[270] Man kann nicht annehmen, daß körperlich jedem Animalischen und keinem Wahrnehmenden zukommt, beides aber dem Pferde. Denn da müssen sich die Sätze: jedes Animalische ist körperlich, und kein Wahrnehmendes ist körperlich, widersprechen. Denn wenn man annimmt: allem, dem animalisch zukommt, kommt körperlich zu, und weiß, daß animalisch dem Pferde zukommt, so weiß man auch, daß dem Pferd das Prädikat körperlich zukommt. Wenn man nun aber wieder meint, körperlich komme keinem zu, dem Wahrnehmendes zukommt, und läßt wahrnehmend jedem Pferde zukommen, so kann körperlich keinem Pferd zukommen.
[271] Gemeint ist, daß man zwar die beiden Prämissenpaare in Anm. 65 nicht zugleich annehmen kann, wohl aber von jedem Paare etwa den Obersatz ohne den Untersatz oder das eine Paar ganz und von dem anderen nur eine Prämisse. Zieht man dann die andere Prämisse nicht bei, so zieht man auch nicht immer die Folgerung aus beiden. Und dann kann man bezüglich dieser Folgerung auch irren. Im nachstehenden wird erklärt, wie man eine Folgerung nicht immer absieht, um eben dies verständlich zu machen, daß man bezüglich ihrer auch irren kann.
[272] Hier tut sich eine grundsätzliche Kluft zwischen der arist. und der platonischen Erkenntnislehre auf, vorausgesetzt, daß +Plato+ nicht bildlich gesprochen hat, sondern im eigentlichen Sinne zu verstehen ist. Nach Plato würden wir keine Wissenschaft ganz neu erwerben, nach Aristoteles aber ist jede eigentliche Wissenschaft die Gewinnung und der Besitz eines Wissens, das wir vorher nicht gehabt haben. Der apodiktische oder wissenschaftlich beweisende Syllogismus hat darin seine Bedeutung, daß er das einzige uns gegebene Mittel ist, um von der Erkenntnis der Prinzipien zu anderen Erkenntnissen fortzuschreiten, die in den Prinzipien dem Keime nach enthalten sind.
[273] Er glaubt nicht, daß alle Mauleselinnen fruchtbar sind, weil er keinen dahin gehenden Schluß errichtet hat. Und so ist seine Meinung, daß diese Mauleselin trächtig ist, seiner Wissenschaft, daß alle Mauleselinnen unfruchtbar sind, nicht entgegengesetzt und mit ihr verträglich. Die Wissenschaft ist dreifach: allgemein, partikulär und aktuell. Die erste hat wer weiß, daß alle Mauleselinnen unfruchtbar sind; die zweite wer weiß, daß diese Mauleselin es ist; damit er aber auch die dritte habe, muß er sie sehen. Denn wenn er sie nicht mehr sieht, kann sie etwa eingegangen sein, und alsdann ist die Wissenschaft: sie ist unfruchtbar, keine Wissenschaft mehr, weil was nicht ist, auch nicht gewußt wird. Deshalb heißt es in der 2. Analytik, Buch 1, Kap. 8 Anf.: „Von dem Vergänglichen gibt es keine Wissenschaft schlechthin, sondern nur per accidens, weil die Wissenschaft von ihm nur zu Zeiten Gültigkeit hat.“
[274] Kleon kann tapfer und lügenhaft, und so gut und schlecht sein, und so kann was gut ist, schlecht sein.
[275] Unvermittelter Übergang zum 3. und letzten Teil des 2. Buches! Nachdem der 1. von der Tragweite und der 2. von den Mängeln der Schlüsse gehandelt hat, handelt der 3. von der Zurückführung der rhetorischen Begründungen auf den Schluß. Das vorliegende Übergangskapitel handelt von der Umkehrung der syllogistischen Begriffe und den neuen Urteilen, die man so gewinnt und von denen im folgenden Gebrauch gemacht werden soll. Der erste kurze Absatz enthält die 1. Regel für die Umkehrung, die im folgenden Absatz begründet wird.
[276] Wenn man in Barbara durch vernünftig als Mittelbegriff schließt, daß jeder Mensch lacht, und der Begriff Mensch mit dem Begriff lachen konvertibel ist und ebenso der Schlußsatz es ist, so läßt sich auch der Mittelbegriff mit den Außenbegriffen vertauschen und somit jede der beiden Prämissen umkehren.
[277] 2. Regel: In einem verneinenden Schluß werden, wenn der Mittelbegriff mit den Außenbegriffen konvertibel ist, diese negativ unter sich vertauscht. Sind die Außenbegriffe konvertibel, so wird auch der Mittelbegriff negativ mit demjenigen Außenbegriff vertauscht, von dem er verneint wird. Die Regel wird in diesem und den zwei folgenden Absätzen begründet und erklärt. -- 1. Wenn der Mittelbegriff negativ mit dem Oberbegriff konvertibel ist, so werden die Außenbegriffe negativ unter sich vertauscht. Denn in dem Schluß I b: kein Vernünftiges wiehert; jeder Mensch vernünftig; kein Mensch wiehert -- wird vernünftig negativ mit wiehern vertauscht -- kein Wieherndes vernünftig. Schließt man nun in II b: jeder Mensch vernünftig; kein Wieherndes vernünftig; kein Wieherndes ein Mensch, so hat man die Außenbegriffe negativ miteinander vertauscht. 2. Auch wenn der Mittelbegriff affirmativ mit dem Unterbegriff konvertibel ist, werden die Außenbegriffe negativ unter sich vertauscht, wenn z. B. der Untersatz, wie vorhin, heißt: jeder Mensch ist vernünftig. 3. Wenn im Untersatz der Mittelbegriff affirmativ und im Schlußsatz der Oberbegriff negativ mit dem Unterbegriff konvertibel ist, so kann auch im Obersatz der Oberbegriff negativ mit dem Mittelbegriff vertauscht werden. Beweis: Der Schluß sei: Kein Vernünftiges wiehert; jeder Mensch vernünftig; kein Mensch wiehert. Kehrt man Unter- und Schlußsatz um, so folgt in II b: jedes Vernünftige ein Mensch; kein Wieherndes ein Mensch; kein Wieherndes vernünftig. Man sieht hieraus, daß es im Text heißen muß: wem A zukommt, dem kommt C nicht zu, nicht umgekehrt, wie Bekker hat: wem C zukommt, dem kommt A nicht zu. Wir stehen hier auf der Seite von +Waitz+ u. +Maier+. Am Schluß bemerkt Ar., daß man unter 3 vom Schlußsatz ausgeht, wie es bei der 1. Regel geschah. -- Im folgenden werden noch vier weitere Regeln für die Umkehrung der Begriffe aufgestellt und erklärt, bis 68 a 25. Bezüglich ihrer verweisen wir der Kürze halber auf +Maier+ 340 f., Anm. 3; ebenso für den 2. Teil des Kapitels auf 353, 1. In diesem 2. Teil wird im Vorübergehen eine 7. Regel beigefügt, darüber, welche Opposita mehr oder minder wünschenswert sind.
[278] Vgl. +Nikomachische Ethik+ 2, 3. 1105 b 9.
[279] Der dritte und letzte Teil des 2. Buches ist ein Gegenstück zu dem 3. Teil des 1. Buches. Dort wurde gezeigt, wie die formlosen Schlüsse auf die schulgerechten Schlüsse zurückgeführt werden, hier wird gezeigt, wie andere Methoden der Begründung doch zuletzt auf einen Schluß und eine bestimmte Figur zurückgehen müssen, wenn sie überhaupt geeignet sein sollen, ein Urteil hervorzurufen. Insofern bringt dieser Abschnitt eine letzte Begründung für die Wichtigkeit der syllogistischen Theorie und für die Notwendigkeit, die Regeln alles geordneten Schließens zu kennen und zu beobachten. In diesem Sinne schreibt +Maier+ a. a. O. 368 ff.: „Der Syllogismus ist nicht eine Begründungsform neben anderen, sondern die Begründungsform schlechthin. Darum werden auch die Folgerungsmethoden, die vom normalen Syllogismus abweichen, die syllogistische Gestalt wenigstens durchscheinen lassen müssen, wenn anders sie Anteil haben wollen an der Stringenz, die der syllogistischen Funktion zukommt. In der Tat liegen nicht bloß die gewöhnlichen apodeiktischen und dialektischen Schlüsse, sondern ebenso die rhetorischen und überhaupt alle Überzeugungsweisen, welches nun auch ihre Argumentationsmethode sein möge, in einer der drei Figuren. Das will der letzte Teil der ersten Analytik beweisen. Aristoteles stellt also die nicht-syllogistischen Begründungsmethoden zusammen, um nun auch sie auf die syllogistischen Figuren zu reduzieren: die Induktion, das Paradeigma, die Apagoge, die Enstase und das Enthymen. Nun lehrt die genauere Untersuchung, daß diese Begründungsmethoden alle zuletzt auf zwei fundamental verschiedene Formen zurückgehen: den Syllogismus und die Epagoge. In allen Fällen verwenden wir zum Beweisen und Überzeugen entweder den Syllogismus oder die ἐπαγωγή. So ist es die nächste Aufgabe der Untersuchung, die Epagoge auf die syllogistischen Figuren zurückzuführen. Die übrigen ›nichtsyllogistischen‹ Begründungsmethoden sind nichts anderes als irgendwie modifizierte Formen des Syllogismus oder der Induktion.“
[280] Man folgert z. B. durch den Außenbegriff Krähe, Elefant, Mensch, Pferd, Maultier und alles andere Langlebige den anderen Außenbegriff die Langlebigkeit, als Prädikat für das, was ohne (zu viel) Galle ist und was im Syllogismus als Mittelbegriff steht. Denn der Syllogismus würde lauten: das Gallenlose langlebig; Krähe usw. gallenlos; Krähe usw. langlebig.
[281] Der vollkommene induktive Schluß lautet: C (jede Krähe usw.) ist A (langlebig); B (alles Gallenlose) ist C (Krähe usw.); B (alles Gallenlose) ist A (langlebig). Dieser Schluß setzt aber voraus, daß C mit B konvertibel ist und es kein C gibt, das kein B ist. Die Ansicht von +Grote+, Aristotle 190 a u. +Maier+ 371 a, als ob Zeile 68 b 24 τὸ μέσον Nominativ wäre: „wenn der Mittelbegriff nicht noch weiter reicht als C“, lehnen wir ab.
[282] Berufung auf die 6. Regel im vorigen Kapitel! „Wenn A und B dem ganzen C zukommt und C mit B konvertibel ist, muß A jedem B zukommen.“ In unserem Falle kommt langlebig und gallenlos allem C zu, das ist dem, was sich aus allen einzelnen Gliedern, Krähe usw., zusammensetzt, und langlebig und gallenlos sind konvertibel. So muß denn alles Gallenlose langlebig sein.
[283] Das ist der Unterschied zwischen Induktion und Syllogismus. Die Induktion liefert die Prinzipien, erste und unvermittelte Sätze, während der Syllogismus aus den Prinzipien durch einen Mittelbegriff die Folgerungen zieht.
[284] Ein zweiter Unterschied dieser Begründungsmethoden! Vgl. Anm. 76.
[285] Eine Folgerung! Der Syllogismus fußt auf dem, was von Natur früher ist, dem Mittelbegriff als dem Gedanken der Ursache, während die Induktion auf dem fußt, was für uns früher, bekannter und einleuchtender ist, der Erfahrung als Ergebnis der sinnlichen Wahrnehmung. Vgl. +Topik+ I, 12 Ende und 8, 2 Anfang.
[286] Das Paradeigma oder Beispiel geht auf die Induktion zurück. Bei der Induktion wird ein Außenbegriff dem Mittelbegriff durch den anderen Außenbegriff vindiziert, s. Anm. 76. Dasselbe geschieht bei dem Beispiel, nur daß der Beweis statt durch den anderen Außenbegriff durch ein ihm Ähnliches geführt wird.
[287] Das Beispiel unterscheidet sich von dem normalen Syllogismus, sofern dieser von dem Ganzen auf den Teil, von dem Allgemeinen auf das Besondere schließt, während jenes von dem einen verwandten Fall auf den anderen die Anwendung macht. Von der Induktion hinwieder unterscheidet es sich dadurch, daß diese von den Teilen zu dem Ganzen übergeht, während das Beispiel von einem bekannteren Teil zu einem anderen minder bekannten gelangt. Außerdem beweist die Induktion nicht noch den Oberbegriff, z. B. nicht gut, von einem Dritten, z. B. Bekriegung der Thebaner durch Athen, während das Beispiel dies wohl tut.
[288] Die Abduktion, von der hier die Rede ist -- nicht zu verwechseln mit der Apagoge im Sinne der deductio ad absurdum --, gehört hierher, sofern auch sie eine Weise darstellt, einen Satz außerhalb des streng syllogistischen Weges zu gewinnen, nur freilich nicht so, daß man ihn vollständig gewinnt, sondern ihm nur näher kommt. Dies geschieht, wenn man statt des Untersatzes entweder einen Satz nimmt, der ebenso oder noch mehr glaubwürdig ist als der Schlußsatz oder einen solchen, der durch weniger Zwischenglieder bewiesen wird.