Part 9
Es hätte des verräterischen Gleichklanges (Bobingen, Göggingen) nicht bedurft: ich wußte, noch ehe ich einen Blick auf die Landkarte geworfen hatte, daß diese beiden Orte nicht weit voneinander entfernt waren. – Was bedeutete nur die merkwürdige Nachschrift in Jorindes Brief? Sollte sie den Verdacht ablenken? – Sie konnte allerdings auch bedeutend harmloser aufgefaßt werden: Jorinde lud mich ja ein, sie in ihrem „Sommersitz“ zu besuchen. Also gab sie mir naturgemäß auch die nähere Anweisung, wie ich hinzukommen hätte. O diese teuflische doppelte Auslegung, die überall möglich war! Bedeutsam aber war das Wort „Sommersitz“ (wie es überhaupt in diesem Briefe nichts Bedeutungsloses gab). Wies „Sommersitz“ nicht auf dauernden Aufenthalt hin, – also würde Jorinde nach der Hollandreise wieder dahin, zu ihm zurückkehren? Daß sie an dieser unserer gemeinsamen Reise festhielt, sich auf sie freute, gab mir seltsamerweise keinen Trost. Alles wurde überwogen durch den Eindruck, daß sie ihren Sommerplan in einem wesentlichen Punkte dem Rate jenes Dritten angepaßt hatte, daß er schon Autorität genug besaß, sie zu raschem Entschluß zu veranlassen, – wie nahe aber sind Liebe und Autoritätsglauben bei einer Frau – und nun wohnte sie, ihm bequem erreichbar, mitten in jener bayrischen Landschaft, der sie beide entsprossen waren, wohnte ständig da, nicht zu kurzen Spaziergängen nur, und noch dazu bei seinen Verwandten! Das war es, was mich am meisten aufregte: Die vage Vorstellung von Familienvertrautheit mit jenem anderen, von dörflich anspruchslosem Leben, mir unzugänglich, von einem gemeinsamen Spiel, das ich nicht durchschauen konnte, von einer Verbundenheit, die mich ausschloß. Sie waren ja alle zusammen eine Familie gegen mich! – Und das sollte ich dulden, sollte abwarten bis zur Erledigung meiner „Geschäftssachen“, – von denen Jorinde so obenhin sprach, obwohl ich ihr von der gefährlichen Wendung, die der Prozeß gegen meine Brüder genommen, mehrmals ausführlich geschrieben hatte. – Nein, nein, sie irrte, – ich würde mich durch diese „Geschäftssachen“ nicht abhalten lassen, sofort zur Stelle zu sein, – ich hatte kein Interesse mehr an ihnen! Wozu sich in einer vorgeschobenen Position behaupten wollen, wenn der Mittelpunkt nicht mehr zu halten ist? So beauftragte ich sofort nach Empfang des Schicksalsbriefes meinen Rechtsanwalt, einen Vergleich zu schließen, – meine Brüder sollten alles nehmen, was sie wollten, mir nur einen finanziellen Anteil lassen; die geistige Leitung der Fabrik beanspruchte ich nicht mehr. Ich konnte sie ja auch nicht mehr leisten. Mußte am Ende noch froh sein, wenn ich Kompagnons bekam, die mir die Arbeit abnahmen, zu der ich mich mehr und mehr unfähig fühlte. – Der Zusammenbruch war da. Ein Plan schwebte mir vor, – in Augsburg oder sonst in Jorindes Nähe eine Wohnung für mich zu nehmen. Ich hielt es nicht länger aus, fern von ihr zu leben. Das war das einzige Klare an diesem Plan, – unbestimmte Hoffnungen schwirrten allerdings rings um ihn. Mit ihr zusammen von vorn anfangen, – vielleicht, wenn sie meine Frau war – wiewohl ich einsah, daß dies im Wesen nicht viel ändern konnte. Nun, jedenfalls ging es auf die Art wie bisher keinen Tag mehr weiter! Wie hatte ich es nur so lange ertragen können – keine Stunde, in der nicht völliger Umsturz drohte – ein Umstand, so gleichgültig wie die Tatsache, daß das Liter Milch in Bobingen um zwei Mark billiger war als in der Stadt, genügte, um mein Lebensglück, dem ich gern all mein Hab und Gut geopfert hätte, über Nacht zu vernichten, – auch hier allerdings jene verfluchte Doppeldeutigkeit, wenn ich den Brief genau las: es hieß dort, daß gute Milch in der Stadt „nie“ zu sehen war „oder nur für neun Mark“. Was bedeutete, um aller Heiligen willen, was bedeuteten hier die Worte „ober“ und „nur“? Es war nicht zu durchdringen, ebensowenig wie dieses ganze dumpfe Geheimnis zwischen Jorinde und mir. Verzaubert war ich, verzaubert die Frau, wie in jenem schauerlichen Märchen meiner Kindertage. Unmöglich, einander festzuhalten. Das ging über Menschenkraft hinaus! Und doch hatte ich auf dieser Welt nichts, nichts anderes mehr zu schaffen, als Jorinde für immer und in tiefster Einigkeit bei mir festzuhalten. –
Das Vorwärtsrütteln der Eisenbahn war doch noch eine Art Beruhigung für die tobenden Nerven.
Ich hatte wieder telegraphiert. Aber Jorinde war diesmal weder im Kaffeehaus noch im Restaurant. – Die Gespenstererscheinung unserer vorigen Begegnung huschte durch den bläulichen Glaskorridor, saß schattenhaft am weißgedeckten Tisch im leeren Speisesaal. – Es war natürlich diesmal damit zu rechnen gewesen, daß Jorinde gerade am Tage meiner Reise in Bobingen draußen sein und mein Telegramm nicht erhalten würde. Ich hatte es vorhergesehen. – Dennoch: was hätte ich nicht darum gegeben, von ihr auch diesmal wieder mit solch einem sanften ehelichen Kuß empfangen zu werden, der eigentlich jede weitere Auseinandersetzung überflüssig macht oder wenigstens von Anfang an in gute Bahnen lenkt ...
Was nun? – Ich irrte die Maximilianstraße hinunter, bestellte Kaffee in der prunkvollen Halle des Fuggerhauses, das jetzt das „Hotel Drei Mohren“ ist. – Die Enttäuschung hatte unerwartete Gegenkräfte in mir ausgelöst. Ich wußte plötzlich, _wußte_ bestimmt, daß Jorinde mich liebte. Wenn solche Liebe vergehen kann, dann kann ja alles vergehen. Es war unmöglich ... Auch aus ihrem letzten Brief las ich nun einen zärtlichen Ton heraus, der mir im ersten Schreck ganz entgangen war. Die Anrede gleich „Mein guter, lieber Mann“. Unzähligemal wiederholte ich mir die vier Worte.
Sollte ich nach Bobingen hinausfahren, sie überraschen! – Der Gedanke, daß ich sie mit dem Mechaniker dort antreffen würde, war mir schrecklich. Die Situation mochte noch so unverfänglich sein; nur ihn sehen, diesen Eindringling, – das schon schien mir in seiner brutalen Tatsächlichkeit meine Kräfte zu übersteigen.
Doch vielleicht war sie gar nicht draußen? War in der Stadt – und nur ein Zufall hatte sie abgehalten, rechtzeitig zu mir zu kommen? – Eine neue Hoffnung. Ich erbebte vor Glück bei dem Einfall, daß ich sie vielleicht in ihrer Wohnung finden würde. Wiewohl es doch ersichtlich nichts Böses sein mußte, wenn sie in ihr Landheim hinausgefahren war: ich flehte Gott um die Gnade an, daß es nicht geschehen sein möge, – sonst ja, aber heute, gerade heute, möge es nicht geschehen sein!
Rasch ins Auto. – Als müßte sich alles so wiederholen, wie es damals, bei unserem letzten glücklichen Zusammentreffen gewesen war, ließ ich den Wagen an der Ecke der Frohsinnstraße halten. Oh, solche Wiederholungen haben etwas entsetzlich Leichenhaftes an sich und nützen gar nichts. – Ich ging die Gabelsbergerstraße hinein, – denselben Weg, den sie damals gegangen war, um den Koffer zu packen – an der Ecke noch hatte sie sich umgewandt und mir zugelächelt! Dann stand ich vor dem Haus, in dem sie seit geraumer Zeit wohnte. Ich sah es zum erstenmal; denn so nahe heran hatte ich sie nie begleiten dürfen. Hier also lebte sie. Wie seltsam! Dies der Erdenfleck, zu dem alle meine Briefe, all meine unendliche Sehnsucht und Bangigkeit hingeflogen waren. – Da mischte sich der wütende Gedanke ein, daß vielleicht, nein sicherlich, auch die Sehnsucht eines anderen denselben Weg, dasselbe Ziel hatte. – Wie unrein war doch alles, ach, ohne meine Schuld, – nichts in der Welt konnte sich rein erhalten!
Im dritten Stock öffnete ein graubärtiger, sehr großer und dürrer Mann die Tür, an der ich geläutet hatte. Nein, das Fräulein sei seit heute morgen nicht zu Hause gewesen. Sonst wisse er nichts, gar nichts ... Er höre auch schlecht, er bitte, lauter mit ihm zu reden ...
So blieb also doch nichts übrig, als nach Bobingen hinauszufahren.
Ohne viel zu überlegen, nahm ich den nächsten Zug. Möglicherweise verfehlte ich sie nun erst recht. Sie konnte in jedem der Züge sitzen, die jetzt gegen Abend von Bobingen in der Richtung Augsburg zurückfuhren. – Doch gab es keine Wahl mehr für mich. Das sinnlose Starren in die vorbeirasenden Gegenzüge gab ich bald auf. – So wie es kommen muß, kommt es jetzt, dachte ich. Ist sie nicht draußen, so fahre ich sofort wieder zurück. Ein tolles Ringelspiel. Nun, jedenfalls sehe ich sie heute noch vor Nacht, das ist die Hauptsache. Allerdings bringe ich sie draußen in Verlegenheit, in dem Nest. Schon ein Zusammentreffen in Augsburg fand sie unschicklich, hatte Angst um ihren Ruf. Und nun erscheint plötzlich ein Berliner Herr in dem Dorfe, besucht die Schauspielerin ... Dazu macht sich doch jeder seinen Text ... Jorinde wird sehr böse sein, ihre Einladung war vielleicht nicht ernst gemeint oder hatte gewisse Vorsichtsmaßregeln zur Voraussetzung ... Es wäre wohl das beste, mich diesmal gar nicht als ihr Bekannter einzuführen. Ich kann ihr ja ein Zeichen geben, daß ich gleichsam inkognito da bin, – ein Fremder.
Und warum bin ich gekommen? Nun, es wäre doch lächerlich, in Augsburg zu bleiben, wenn ich schon einmal die weite Fahrt gemacht habe, und sie nichts davon wissen zu lassen. Ich komme nur, um sie zu benachrichtigen. Draußen müssen wir gar nichts miteinander reden, sehen einander nur im Einverständnis an, – dann fahren wir in demselben Zug, aber scheinbar ohne Kenntnisnahme voneinander, nach Augsburg zurück. Von dort vielleicht sofort weiter nach R. Vielleicht genügt auch ein kurzes Gespräch in Augsburg. Ich will diesmal wirklich ganz bescheiden sein. In drei, vier Sätzen muß sich alles sagen lassen. – Wenn ich aber von Augsburg zurückreiste, wenn wir einander diesmal (es wäre das _erste_mal) verfehlten: dann würde doch auch Jorinde dies übelnehmen, sich über mich ärgern. Sie freut sich ja, wenn ich komme. Immer hat sie sich so ehrlich damit gefreut. Und nun hätte ich am Ende sie in Bobingen lassen und nach Berlin zurückkehren sollen, ohne sie zu sehen? Undenkbar! Jorinde wäre untröstlich, wenn sie das erführe ... Bleibt nur der eine Ausweg: mich möglichst unauffällig in ihre Nähe schleichen, mich bemerkbar machen – und sie dann gleich nach Augsburg oder sonstwohin mitnehmen.
So belog ich mich auf ganz raffinierte Art. Oder war es Wahrheit? – Jedenfalls hatte ich mich in eine ganz sonderbare Situation gebracht, in der ich nun _gezwungen_ war, eine Art _ungewollter Spionage_ zu treiben. Der Detektiv, den ich früher als tief unter der Würde unserer Liebe stehend abgelehnt hatte, dieser Detektiv war nun – ich selbst.
Bobingen. – Ich stieg aus. Vorsichtig verließ ich den Bahnhof.
Ich brauchte nicht weit zu gehen.
Die alleeumsäumte Straße, die zum Bahnhof führte, kamen zwei Menschen in langsamem Schritt einher. Ich erkannte von weitester Ferne Jorinde in weißem Kleid – und ihn, den Mann. – Zitternd trat ich hinter einen Baum, ließ die beiden näher kommen. Sie gingen nicht im Schlußarm, sondern ungefähr einen Schritt voneinander entfernt. Ich konnte nicht unterscheiden, ob sie miteinander sprachen oder nicht. Während sie an mir vorübergingen, schwiegen sie.
Gewohnt, mit dem ersten Blick Jorindes Aussehen zu prüfen, fand ich, daß sie leicht abgebrannt war, – die blonden schlanken Augenbrauen flammten im gebräunten Gesicht. Sie sah gut aus, – auch in der Gestalt etwas voller als sonst, – die sehnsuchterweckende Kindlichkeit ihrer Arme, ihrer Hüften, ihres Schrittes war geblieben; nur gesünder und weniger zerbrechlich strahlte all diese Anmut, die einstens mein gewesen war ... Warum hatte sie nur das mit dem „Knochengerüste“ geschrieben? Es peinigte mich, weil in diesem Augenblick alles darauf ankam, ob man Jorindes Worten unbedingtes, wörtliches Vertrauen schenken könne oder nicht.
Den Mann hatte ich noch gar nicht recht angesehen, da waren die beiden schon im Bahnhofsgebäude verschwunden.
Meilenweit weg wünschte ich mich. – Überall in der Welt war es schön, nur hier nicht.
Hinter den Nadelwäldern sank die Sonne eines reinen Sommerabends. Die Landschaft schien aufzuatmen, sobald die beiden in den Bahnhof traten. – Ich aber mußte ihnen nach. Von der betäubenden Tatsache, daß ich nun wirklich wie in meinen schlimmsten Träumen meine Frau mit einem fremden Mann gesehen hatte, von diesem wahnwitzig schmerzenden Druck befreite mich weder das leise Blasen der Landluft noch der weite Ausblick in die grünen Hügel ringsum. – Zwar hatte ich nichts Böses gesehen. Und doch: ich hatte gesehen, wie es sich ausnahm, wenn meine Frau nicht an mich dachte. Das war grauenvoll. Und so leicht, so natürlich nahm es sich aus wie alles, was sie tat! Nun hatte ich also gleichsam die mir abgewendete Seite ihrer Seele gesehen. Es war mir, als stürze ich in einen Sumpf, dessen schmutzige Wellen mir über das vor Scham erglühende Gesicht schlugen ...
Und doch mußte ich hinter den beiden her. Es war ein Verhängnis, begründet in der Logik der Situation. – Denn nun würde entweder der Mechaniker heimfahren, der Jorinde besucht hatte, und nachher könnte ich dann hier im Ort mit Jorinde sprechen (wovon nur? ich wußte eigentlich gar nicht, wovon), oder Jorinde fuhr weg, und der Mechaniker blieb bei seinen Verwandten. Dann mußte ich doch in denselben Zug springen, um gleichzeitig mit Jorinde nach Augsburg zu kommen und möglichst bald mit ihr zu reden, möglichst bald, – denn die Spannung in mir war nicht mehr lange ertragbar. Jedenfalls also hatte ich den Abschied der beiden zu beobachten, um mein weiteres Verhalten danach einzurichten. – Das aber war es, was mich eigentlich anzog, wenn ich nachträglich ganz ehrlich gegen mich sein will: es reizte mich, ihren Abschied zu beobachten. Beim Abschied mußte sich doch zeigen, in welchem Verhältnis sie zueinander standen, ob sie einander bloß die Hand drückten, kurz – oder lang, sehr lang – oder ob sie einander gar küßten ... Nun stand die Entscheidung über mein Leben unmittelbar bevor. Ausflüchte, verschiedenfache Deutung würde es dann nicht mehr geben. O wie fürchtete ich mich vor der Entscheidung, und wie wünschte ich sie herbei ...
Ich löste, nach allen Seiten spähend, eine Fahrkarte, lugte durch die Tür in den geringeren Warteraum, vergewisserte mich, daß sie nicht dasaßen, – und hatte schon die dunkle Ecke dieses Zimmers entdeckt, von der aus ich am halb offenen roten Vorhang des Büfetts vorbei in den Wartesaal zweiter Klasse blicken konnte. Dort hatten die beiden an der dem Vorhang gegenüberliegenden Wand Platz genommen, unter einem goldgerahmten Spiegel, ziemlich weit weg von mir. – Obwohl sie in der Nähe des Fensters, im Licht saßen, sah ich sie infolge der Entfernung durch die rauchige Stubenluft hin nicht deutlich. Noch weniger allerdings konnten sie mich in meinem finsteren Winkel erkennen; hätten mich selbst dann nicht erkannt, wenn sie geahnt hätten, daß ich in der Nähe war. – Sie benahmen sich völlig unbefangen, sehr ruhig. Saßen nicht nahe beieinander, sondern durch die Tischecke getrennt. Nun bemerkte ich, daß sie sprachen. Doch offenbar war es kein aufregendes Gespräch, denn sie tranken in regelmäßigen Abständen ihren Tee, – was mir natürlich nicht gelang. – Eigentlich hatte ich den Eindruck, daß sie sich miteinander langweilten. Doch gibt es ja auch ein Schweigen zuzweit, das auf den höchsten Grad der Vertrautheit hindeutet. – Ihre Gesichtszüge verschwammen, ich konnte die beiden Schatten, die, wie mir vorkam, seit einer Ewigkeit einander etwas erzählten und die noch eine Ewigkeit lang so beisammen sitzen würden, nicht enträtseln. Ich bemerkte nur, daß Jorinde ihren Hut abgenommen hatte. Ihr blondes Haar glänzte in der Halbdämmerung.
Endlich eine Bewegung! – In angestrengtem Hinschauen hatte sich das ganze Zimmer, in dem ich saß, samt dem Nebenraum, samt allen Gruppen wartender Bauern und Bäuerinnen wie in Stein verwandelt. Nun fuhr der Zug ein, und mir war es eine Befreiung, mit den anderen zusammen aufstehen, auf den Bahnsteig hinausstürmen zu dürfen.
Im Gedränge stand ich dicht hinter den beiden.
Der Zug hielt ganz kurz. Nun also mußte es geschehen! – Doch ich sollte noch länger auf die Folter gespannt werden. Eine Möglichkeit, auf die ich nicht gerechnet hatte, – aber dabei freilich von Anfang an die wahrscheinlichste von allen: der Mechaniker stieg zusammen mit Jorinde ein. – Es gab gar keinen Abschied zwischen ihnen. Es war ein gemeinsamer Ausflug gewesen, und nun fuhr er mit ihr zurück.
Ich hatte gerade noch Zeit, mich in einen anderen Waggon zu stürzen. Dann setzte sich der Zug in Bewegung.
Die unerwartete Wendung steigerte in mir das Gefühl von Jorindes Treulosigkeit, – ich gab mir keine Rechenschaft, warum. Bisher war ja nichts, rein nichts geschehen, was nicht vollständig der Darstellung in Jorindes Briefen entsprochen, worauf ich nicht hätte vorbereitet sein müssen.
Nun führte also derselbe Zug uns drei dahin. – Wäre er doch entgleist! – In meinem Kopf tauchten wirre Sätze auf, wie etwa „Es könnte ja ein Eisenbahnglück geschehen“ – und andere Verdrehungen.
Wenn nun der Zug entgleiste – und ich würde nicht gerettet, stürbe mit ihr zugleich – das wäre freilich sehr schön –, aber das Totenkleid könnte ich ihr nicht nähen lassen – nach ihren Angaben: aus schwerem weißen Taft, viereckig tief ausgeschnitten, mit weißen Rosen unter der Brust, – o du liebe Eitelkeit du, ich weiß ja, daß ich es dir versprochen habe, aber nun siehst du doch: alle Versprechen habe ich gehalten, wie ich sie dir damals bei unserem ersten Abendessen in der Reginabar gegeben habe, alle, alle getreu, nur dieses eine kann ich nicht halten, weil ich doch selbst mit zerschmetterten Rippen daliege ...
Aber der Zug fuhr lustig weiter und nichts geschah.
Nur ich stand auf, setzte mich, fand keine Ruhe und stand wieder auf. – Dann begann ich den Verbindungsgang durch den ganzen Zug hinzuschreiten. Ich konnte der Verlockung nicht widerstehen, in die hellerleuchteten Coupés hineinzuschauen. Obwohl dies ja nun ohne alle Beschönigungsmöglichkeit nichts als nackte Spionage war ...
Die beiden saßen in einem leeren, glänzend lackierten Abteil dritter Klasse.
Ich sah hinein, ging weiter, – kehrte zurück und sah wieder hinein. – Sie saßen nebeneinander auf derselben Bank, aber wiederum nicht dicht beisammen, nicht Hand in Hand, – sondern in ruhigem und, wie es schien, wenig angeregtem Gespräch. – Sie waren ja allerdings den ganzen Tag lang beisammen gewesen und hatten Zeit gehabt, einander über alles ihre Meinung zu sagen.
Es war ein furchtbarer Anblick. Die beiden so zusammengehörig – und ich, von Jorinde aus betrachtet, eigentlich in Berlin, – so fern, gar nicht in Betracht kommend.
Da stehe ich nun, dachte ich – und es ist wirklich wie im Märchen. Festgebannt stehe ich – und Jorinde, mein Glück, trägt man mir vor meinen Augen davon wie ein gefangenes Vöglein auf offener Hand. Und ich kann die Glieder nicht regen, nicht einmal den Mund öffnen zu schmerzlichem Schrei ...
Mit einem Male merkte ich, daß Jorinde, die am Fenster saß, vom Mechaniker halb verdeckt, ihre glänzenden blauen Augen, in die in diesem Augenblick die volle Deckenbeleuchtung einstrahlte, emporhob und auf mich zu richten begann.
Sie überlegte wohl ... eine Ahnung stieg in ihr auf ...
Ich hatte mich vom seitlichen Türpfosten aus trotz aller Vorsicht etwas zu weit nach vorn geschoben, und es war nicht ausgeschlossen, daß sie mich erkannt hatte.
So trat ich denn ein.
Im Eintreten legte ich, streng blickend, einen Finger an die Lippen – dann wandte ich mich sofort mit dem Rücken gegen die beiden, beschäftigte mich nur damit, umständlich meinen Hut im Gepäcknetz unterzubringen. So schnitt ich jede Begrüßung ab.
Ich wollte fremd sein. – Ursprünglich wohl, um ihr alle Verlegenheit zu ersparen; denn ich wußte, daß Jorinde dem Mechaniker von meiner Existenz nichts erzählt hatte. – Sie trug ja auch den Ehering oder Verlobungsring nicht an der Hand. Es war das erste, wonach ich im Eintreten sah. Hätte sie diesen Ring an der Hand gehabt, so wäre mir nicht sofort klar gewesen, daß sie dem Mechaniker gegenüber das ledige, Werbungen zugängliche Mädchen spielte, – so hätte mich das Gefühl der Fremdheit, das ja auch sonst stets gegenwärtig war, bei diesem letzten Zusammensein nicht übermeistert. Ich hätte mich einfach als ihr Mann oder ihr Verlobter vorgestellt, und alles wäre gut gewesen. Der Ring, der Ring hätte uns gerettet. Aber Jorinde trug den Ring nicht. Sie war von mir abgerückt, – ihre Art war niemals die meine gewesen, – allerdings liebte ich sie gerade darum, – doch für die maßlosen Qualen, die daraus entsprangen, mußte ich mich nun auch rächen.
Und so war es neben dem Bestreben, ihr eine gesellschaftliche Peinlichkeit zu ersparen, auch noch das deutliche Bewußtsein, sie zu bedrängen, was mich erfüllte. Denn ich sah, daß sie Angst hatte. Vor meiner Miene vielleicht. Jedenfalls vor meinen Absichten, die sie nicht erraten konnte, – die freilich auch mir unbekannt waren, von Moment zu Moment neu hervorschossen.
Ein Lächeln, das sie wagte, erwiderte ich nicht.
Plötzlich erhob sie sich, streckte die Hand aus und nannte (nein, wie geistesgegenwärtig) einen falschen Namen, – fragenden Tons, als erkenne sie mich erst jetzt und nicht ganz sicher. „Herr Bühler?“ Damit wäre ich in die Unterhaltung einbezogen worden – und jede Gefahr vorbei.
Aber gerade das wollte ich nicht.
Ich verbeugte mich: „Gnädige irren wohl“ – und nannte einen anderen, gleichfalls falschen Namen.
Damit rückte ich, jede Annäherung durch eine Gebärde ausschließend, in meine Ecke ab.
Der Mechaniker nahm das unterbrochene Gespräch mit ihr wieder auf.
Ich begriff Jorindes Angst. – Wie, wenn er ein Wort sagte, das unmißverständlich eine nahe Beziehung zwischen ihnen andeutete ...
Um den Abschied hatten sie mich betrogen ... Nun aber hielt ich mehr als den Abschied in der Hand: ihr Gespräch.
Ich tat, als sähe ich durch die Tür in den Gang hinaus, in die roten Funkengarben, die draußen in der Nacht am Fenster vorbeiflogen. Dabei lauschte ich auf jedes Wort, – lauschte auf die unheimliche Stille, die bald entstand. – Denn Jorinde antwortete nicht. Blaß geworden, starrte sie vor sich hin.
Sie tat mir leid, – aber nun war es zu spät. Ich konnte doch jetzt nicht hintreten und mich nachträglich als ihr Ehemann verbeugen. Die Fremdheit, von uns wissentlich gestiftet, wuchs nun als ein eigenes lebendiges Wesen, unabhängig von uns, ins Gigantische.
Es waren ganz leere Dinge, von denen der Mechaniker sprach, – von einer Schwester erzählte er ihr, die nun bald heiraten würde, von den Vorbereitungen in seinem Dorf, – auch er würde zur Hochzeit fahren und freute sich schon darauf. – Daß Jorinde sich ängstigte, merkte er gar nicht. – Jetzt erst sah ich ihn an. Das also war er – der Dritte, die Maus im Zimmer! Er sah wirklich aus wie eine Maus. So unansehnlich, so klein. Wohl um zwei Köpfe kleiner als ich. Sein Gesicht war gelblich und mager, die Augen blaß. – Jorinde hatte einmal gesagt, daß sie helle Augen nicht mochte, nie einen Mann mit hellen Augen lieben könnte. Und einen Augenblick, ganz vorübergehend, beruhigte mich diese Erinnerung. Auch sie also liebte das Fremde wie ich. Sie liebte meine schwarzen, ich ihre blauen Augen. In einer anderen Situation hätte ich mich vielleicht daran gehalten. Hier aber war es schon zu wild!