Leben mit einer Göttin

Part 8

Chapter 83,516 wordsPublic domain

Nun allein im breiten Ledersitz des Autos – allein und doch auf so ganz andere Weise allein als vor wenigen Stunden in der Bahn – denn nun war es ja sicher, daß Jorinde in wenigen Minuten wieder da sein würde. O Sicherheit, die mich umfing – nach all den Zweifeln und Aufstörungen der letzten Zeit. Gerade in meinem Alleinsein kam mir diese Sicherheit erst richtig zu Bewußtsein. Es war eine süße Ruhe, eine Art Schlaf. Jede Faser meines Körpers, das spürte ich, kehrte allmählich zur Ruhe zurück. Alles ringsum fühlte ich als vollständigen Frieden. – Da stellte der Chauffeur draußen den Motor ab. Es war wie ein Schlag. Nun erst merkte ich, daß der Wagen bis jetzt mit gehendem Motor gestanden war, tüchtig durchgeschüttelt; und diesen Lärm, dieses Zittern hatte ich in meinen vibrierenden Nerven immer noch als Ruhe empfunden; jetzt aber tauchte ich in die wirkliche Stille unter wie in ein laues Bad. – Vielleicht war es eine leichte Ohnmacht, die mich umfing. – Ich kam wieder an die Oberfläche. „Wie lange warten wir schon?“ Der Chauffeur zog die Uhr, zeigte mir etwas. Ich verstand ihn nicht. Es war mir auch einerlei. O diesen Frieden genießen – bis ans Lebensende, – es wäre Glückes genug. Und selbst, wenn Jorinde jetzt überhaupt nicht zurückkäme – oder wenigstens noch lange nicht – es wäre Frieden, der silbergraue Frieden des Himmelreichs. Der Regen fiel, kaum sichtbar, – nur ein leichtes Abwärtswallen der dämmerigen Luft, – ein leises Rauschen an den großen Glasfenstern, durch die ich hinaussah, nach rechts und nach links, doch beinahe ohne den Kopf zu bewegen. So müde, so müde! Die Straße war fast menschenleer. Aber die Häuser machten einen warmen, anheimelnden Eindruck. Ich hatte das Gefühl, als ob ich schon einmal – vor Jahren, als Kind vielleicht – hier gewesen wäre. Oder vielleicht hatte ich die Straßenansicht einmal geträumt. Das Schattenbild einer angenehmen Erinnerung mischte sich mit lieblich gedämpften Farben in die Gegenwart. Nun kam ein Radfahrer vorbei. Klar sah ich alles – und doch trunken. Er hielt an, indem er seine Hand an die Seitenwand des Autos legte. So stützte er sich leicht an unseren Wagen, immer auf seinem Rad aufrecht sitzend, und fragte den Chauffeur irgendwas. Der hatte offenbar nichts dagegen, gab bereitwilligst Auskunft. Beide lachten. Dann fuhr der junge Bursch davon.

Ich ließ nochmals das Fenster hinunter. „Wie heißt die Straße hier?“

„Frohsinnstraße.“

Frohsinnstraße! – Doch eine alte Frau, die wie eine Hexe aussah, stand in der Nähe und sah immer wieder in den Wagen herein. Was mochte sie wollen, warum ging sie nur immer ein paar Schritte weit, blieb dann wieder stehen und kehrte um, um zu mir hereinzuspähen? – Ach nein, sie hatte nichts Böses im Sinn. Eine Straßenbahn kam, nahm die Alte mit. Ich hatte nur die Haltestelle nicht bemerkt, an der sie gewartet hatte.

Ach nein, – das Leben ist nicht so bös. Wir ängstigen uns grundlos. Es gibt eine Frohsinnstraße. Die Hexe wird mitgenommen. Man erteilt Auskünfte, Mensch und Mensch helfen einander unter gemütlichem Lachen. Der Regen fällt weich, befruchtend in den grauen Frühlingsabend. – Und Jorinde – kommt sie denn wirklich nicht? Nun dauert es eigentlich schon gar zu lange. Ein Telephongespräch wegen Rollenübernahme, ein wenig Einpacken, das kann doch nicht so lange dauern? – Ach nein, sie kommt gewiß. Viel ist zwar möglich, viel ist bei Jorinde möglich, – das aber scheint doch undenkbar, daß sie mich hier im Auto warten ließe. Ich spüre zwar ein Tröpfchen Unsicherheit, – aber das ist nur ganz genau jenes winzige Tröpfchen, das nötig ist, um den Ozean von Sicherheit, in dem ich schwimme, fühlbar zu machen.

Und da ist sie ja schon, – im grauen Reisemantel, die Lederkappe aufgesetzt das Köfferchen in der Hand.

Vorwärts, Chauffeur, in den Abend, in die Nacht, zum Bahnhof, zu den Sternen. – Es gibt keinen glücklicheren Menschen als mich.

Man hört oft die Redensart: Othello, das Drama der Eifersucht. – Die so reden, haben nie erlebt, was Eifersucht ist.

Othello ist das Drama einer plumpen Täuschung. Eifersucht spielt wohl eine Rolle dabei, – doch ist Othello weit entfernt davon, den Urtyp des Eifersüchtigen darzustellen. Beweis: daß er sich zum Schluß widerlegen läßt, seine Eifersucht für durchaus unbegründet, Desdemona für vollendet treu hält. Wer so fühlen kann, ist auch vorher nie wirklich eifersüchtig gewesen. Das Wesen der Eifersucht liegt ja eben darin, daß sie unter allen Umständen unvergänglich und unwiderlegbar ist, daß sie sich vollständig außerhalb des Gebiets von Beweis und Nichtbeweis hält. So wie es ein Vertrauen gibt, das eines Beweises nicht bedarf, so wie wahrer Glauben den Versuch eines Beweises gar nicht erträgt, – so gibt es auch ein Mißtrauen ohne Beweis, das ist die Eifersucht. Wahre Eifersucht hat daher etwas vom Rang des Religiösen an sich, freilich nicht auf der Lichtseite, sondern auf der dunklen Hemisphäre des Daseins. Denn nicht das ist Eifersucht, daß man eine Frau für treulos hält, ohne genügende Beweise, auf bloßen Verdacht hin; – nein, weiter noch, der Eifersüchtige fühlt und weiß, daß es überhaupt niemals, durch kein Mittel auszumachen ist, ob die Frau treu ist oder nicht, daß es nichts in ihrem Benehmen gibt, was nicht nach beiden Richtungen hin, als Argument für Treue wie für Untreue, gedeutet werden könnte, daß auch die Frau, selbst wenn sie helfen wollte, bei der Deutung ihrer eigenen Seele ebensowenig weiß wie der, der sich um sie abhärmt, und daß daher jeder Deutungsversuch ganz zwecklos, das Eifersuchtsgefühl dagegen das einzig Sichere, das Absolute ist. – Vielleicht ist dies allerdings schon eine solche Definition der Eifersucht, wie sie nur ein Eifersüchtiger geben kann. Gut, ich stecke eben in meiner Welt, – das leugne ich ja nicht.

Das wundervolle Zusammensein mit Jorinde hatte nichts genützt. Gar nichts.

Daß sie sofort und mit Freude mein war wie nur je, – daß also diese schöne Frau mir angehörte, so oft es möglich war, – hätte mir das nicht genügen können? – War es nicht phantastisch, die ausschließliche Herrschaft über ihre Gedanken zu beanspruchen. Wann hast du an mich gedacht? Wie oft? Oh, so kindisch, danach zu fragen, – und dabei nie kontrollierbar – und dennoch, sobald ich nur wieder in Berlin war, meine Sorge Tag und Nacht.

Eine Entscheidung hatten die schönen zwei Tage in R. nicht gebracht. – Wohl sah ich Jorindes schlanken Leib in hundert lockenden Bildern vor mir, roch förmlich das rotbraune alte Hotelzimmer mit seinem schwachen Seifen- und Haarwasserparfüm, mit seiner frischgebügelten Bettwäsche, dem Metall der kleinen elektrischen Lampe auf dem Nachttisch, – erlebte nochmals Jorinde in der Pracht ihrer Hingabe, nochmals ihr Streicheln über mein Haar, ihre Anschmiegungen, süßer als die irgendeiner anderen Frau der Welt – sah mich am Morgen ihren goldenen Armreifen auf der Marmorplatte vor dem Spiegel tanzen lassen, hörte ihre lieben Scheltworte (sie war so ordentlich und sparsam, fand das kostbare Stück ein wenig zerkratzt), – das alles beruhigte nicht, belebte nur meinen sehnsüchtigen Schmerz.

Während ich mich mit Entzücken der geringsten Erinnerung hingab, dem Surren und Glitzern, Tanzen und Niederfallen dieses Goldrings auf den Marmor, – ging sie wahrscheinlich mit dem Mechaniker spazieren. Denn es war stillschweigende Übereinkunft geblieben, daß sie den Verkehr fortsetzen würde.

Vielleicht legten sie beim Gehen Hand in Hand? Und wenn sie einander nur mit dieser gewissen sehnsüchtigen Beharrlichkeit Aug’ in Aug’ schauen! – Es ist doch unmöglich für einen jungen Mann, an Sommerabenden, neben einem schönen Mädchen, – – ich zitterte vor Wut, wenn mir diese Szenerie erschien. Doch ich war wehrlos. Sie drängte sich auf.

Nun war also Jorinde wieder abgetrennt von mir, den unbekannten Einwirkungen einer fremden Welt überlassen. Das „Du“ fiel mir ein, das sie zuerst zugegeben, dann abgeleugnet hatte. Der Ausruf „Günther“. – Um wieviel beweiskräftiger jetzt all dies als in ihrer Gegenwart. – Mir wurde klar (woran ich in Augsburg und R. gar nicht gedacht hatte), daß diese beiden Umstände einander unterstützten. Wen man duzt, den ruft man auch mit dem Vornamen. – Und weiter: das Interesse an seiner selbständigen Stellung. – Ich bedauerte, nicht genauer hingehört zu haben, als sie von diesen Dingen sprach.

Manchmal dachte ich ganz kalt: „Was hätte ich davon, wenn ich nun wirklich herausbrächte, daß sie ihn mehr liebt als mich, – oder daß er einen wesentlichen Teil ihrer Gedanken in Anspruch, also mir fortnimmt. Wie könnte ich mich denn trösten? Es gibt ja nichts! Ich habe mein Leben ganz und gar auf sie gestellt. Das war eine Zeitlang so süß – immer, immer sie vor Augen zu haben, nur ganz kurz bei den dringendsten Dingen des Bedarfs zu verweilen – und dann wieder zu ihr die Gedanken! Wie ist es jetzt? Der Gedanke an sie ist Qual. Will ich mich aber von ihm ablenken, so falle ich ins Leere, – es ist einfach rund um sie nichts da, keine Interessen, keine Welt, sie schwebt als einziger bewohnbarer Fleck mitten im leeren Raum. Also bin ich ja auf sie allein angewiesen. Wozu die Zweifel, ich muß ja doch bei ihr bleiben, mag sie sein, wie sie will. – Am Ende wäre es am besten, sie anzuleiten, wie sie mir am wenigsten Verdacht einflößte. Sie brauchte ja überhaupt nichts vom Mechaniker zu schreiben. – Ob ich mir nur einreden könnte, daß ich ihr glaube: das ist die Frage dabei.“

Ich fühlte, wie ich tiefer und tiefer mich entwürdigte. – Es gab verzweifelte Stimmungen, in denen ich mich nur noch daran klammerte, daß sie, zumindest für einige Zeit noch, meine Unterstützung brauchte. Das Geld, früher ein Grund zur Unruhe in der zarteren Auffassung unserer Liebe, wurde nun eine Art von Ruhepunkt: so sehr hatte ich meine Ansprüche, meine Auffassung von Ruhe und innerer Sicherheit hinuntergestimmt. Der absurde Gedanke, die Geliebte durch einen Detektiv beobachten zu lassen, kam mir nahe. Glücklicherweise ließ ich mich niemals dazu herbei, dieser Versuchung nachzugeben. Eine solche Veranstaltung hätte ja dem ganzen Sinn unserer Beziehung geradezu ins Gesicht geschlagen. – Hielt ich mich aber auch in dieser einen Hinsicht aufrecht, so fühlte ich doch, wie sich alles Edle meiner Seele in Zersetzung befand. In widerlicher Bescheidenheit überblickte ich manchmal die Trümmerreste meines Glückes und fand sie immer noch – beträchtlich genug. Das war schlimm. Das trieb mich zu einem Gefühl, das mir vordem ganz fremd gewesen war: Selbstverachtung.

Wie aber, wenn der Mechaniker reich wurde, – wozu er ja vermöge seiner Tüchtigkeit auf dem besten Wege schien? – Dann hätte sie mich ja nicht mehr gebraucht. – So gab es für jede Gemeinheit eine Gegengemeinheit, um deren allenfalls heilsame Wirkung auf mich aufzuheben.

Nein, ich sollte kein Behagen mehr haben. Entweder auf der allerobersten Stufe der Reinheit und des Glückes – oder gar nicht atmen können – jedes Mittelding, jedes Durchschlüpfen war ausgeschlossen.

Wie oft versuchte ich den Kern meiner Unruhe zu fassen. Etwa so: Jorinde log nicht. Richtig. Aber ihre Stimmungen wechselten. Immer wahrhaftig, war sie doch immer eine andere! Wie in ihren Briefen, deren Herzlichkeit wiederum knapp nach den Tagen in R. mich beglückt und – verwöhnt hatte, in der Folge aber dem bekannten kühleren Ton zu weichen begann. Unmöglich, diesen Prozeß, der nach jedesmaligem Zusammentreffen einsetzte, durch irgendein Kunstmittel aufzuhalten. – Manchmal glaubte ich klar zu sehen, daß ich sie ganz anders behandeln müßte, um sie mir dauernd zu sichern. Brutal, gleichgültig, selbst treulos! – Aber wäre mir auf diese Art nicht das beste meiner Liebe, die unendliche Zärtlichkeit und Verehrung, die ich für Jorinde empfand, verlorengegangen? Von allem abgesehen: meiner ganzen Natur nach war ich eben unfähig, anders zu lieben als auf diese gefahrvoll unverstellte, lautere, das ganze Herz ergreifende, auf meine Art.

Denn das ist doch das Schönste von allem: ganz aufgehen in Arbeit und Sorgfalt um die Geliebte, nicht bloß Leidenschaft für sie fühlen, sondern geradezu freundschaftliches Wohlwollen, – so daß man ihr guten Erfolg in allem wünscht, Ruhm, Zufriedenheit, Gesundheit, – so daß man fähig wird, jeden Schritt, den sie nach vorwärts macht, als Bereicherung des eigenen Seins, ja mit einer Dankbarkeit zu genießen, die über die Dankbarkeit für eigenes Glück weit hinausgeht. Erst diese wahrhaft menschliche Stufe der Liebe scheint mir wahre Liebe zu sein. Doch ist es nicht Menschlichkeit im gewöhnlichen Sinn, hat nichts mit Nächstenliebe, mit banaler, wenn auch guter Anteilnahme an unserem Nebenmenschen zu tun – es ist ja eine Göttin, an der man Anteil nimmt, nicht ein Mensch –, es ist ein frevelhaftes Emporsteigen in die heidnischen Berge Thessaliens, von denen man schnell wieder hinabgeschleudert werden kann, wie Tantalus in den Hades hinab, – o wie deutlich mischt sich das Feuer der Vermessenheit in die kühle Tugend, die Sünde der Fremdheit noch in die vertrauliche Hilfsbereitschaft. Wenn mich nun aber Jorinde beleidigte oder in ängstliche Spannung versetzte, mußte ich mich in Verteidigungszustand gegen sie setzen – und das war das Schreckliche: Da wo es mich drängte, mein Herz in süßestem Wohlwollen zu verströmen, wie Tantalus an seine göttlichen Freunde, und wo ich auch die Fähigkeit in mir fühlte, dies rückhaltlos zu tun, da mußte ich mich wehren, Böses ersinnen, vergiftenden Trotz.

Ein Glück, daß mir bei all dem immer noch klar blieb, daß die Schuld an diesem Verfall nicht auf Jorindes Seite, sondern ausschließlich, ausschließlich auf meiner Seite war. Jorinde war richtig, so wie sie war. Wäre nun auch ich richtig, wäre ich stärker, kälter, vertrauensvoller gewesen, so hätte ich den Anforderungen standgehalten, die das Leben mit einer Göttin, – oder vielleicht das Leben schlechthin stellt ...

Doch ich wurde ja zusehends schwächer. Die schlaflosen Nächte ließen einen einseitigen Schmerz in meinem ganzen Körper zurück. Auf der rechten Seite schmerzte der Kopf, das Rückgrat, die Hüfte, sogar der Schenkel. – Jorinde foltert mich! Geradezu körperlich tut sie mir weh! Es ist nicht nur die seelische Spannung, die ich nicht länger ertrage, – auch dieses Aufpeitschen fieberhafter Blutströmungen halte ich nicht mehr aus!

Als ein besonderes Mißgeschick erschien es mir, daß um diese Zeit die Photographie der unbekannten Dame, die mich immer so tröstend an Jorinde erinnert hatte, aus der Bahnhofshalle am Nollendorfplatz verschwand. Aller Trost wurde aus meinem Leben entfernt ...

Ich gab den Kampf nicht auf. Ich suchte Trost in der Religion, befaßte mich mit verschiedenen Philosophien, – doch was ich auch hörte und las, es bekräftigte mich in meiner Grundüberzeugung: Frieden ist nur im Schoß der Geliebten.

Dieser Frieden ist mir unwiederbringlich verlorengegangen, und so sterbe ich gern.

Auch die Bücher der Dichter durchstöberte ich auf der Suche nach einem beruhigenden Wort. Aber die modernen wissen nichts von der Liebe, – von verzehrender, unterjochender Liebe, wie ich sie meine, – und bei den älteren, die wohl das Wesentliche davon empfunden haben (so scheint es), stieß mich die fremdartige Umgebung ab. Nur ein einziges Mal empfing ich aus einem Kunstwerk unmittelbar das, wonach ich dürstete. An einem schönen Frühlingssonntag spielte man in einem Vormittagskonzert Beethovens letztes, schönstes Quartett, das Quartett des Abschieds. Ich kannte es längst und sehr genau, hatte es selbst wiederholt gespielt, – aber jetzt erst, in meiner ärgsten Zerrüttung, verstand ich es. Welch ein tiefer Schmerz der Anfangstakte, – dann sofort ein die Brust weitendes Hauptthema, frei herausgesungen, – gleichsam der Idealzustand der heiteren Ruhe, der für immer dahin ist. Wie Phantasmagorie tauchen leichte punktierte Figuren auf, man glaubt Anklänge an die Pastoralsymphonie gleicher Tonart zu erkennen. Oh, da war Glück, da war Verbundenheit in Gott, Frieden, Größe, Andacht. Traut aber irgendwer dem aufsteigenden Motiv, das jetzt (beim ersten Forte) Entschlossenheit, Energie vorspiegelt? Nein, nein, – bald setzen die schwermütigen Anfangstakte ein, durch harmloses Geplänkel hindurch dringen sie immer mehr an die Oberfläche, beherrschen die Durchführung, – und der arglose Schluß dieses Satzes hebt sich von drohend schwarzem Gewitterhimmel ab. Donner und Blitz, Feuerwerk aller Rhythmen, Orgie und Satire ist denn auch im Scherzosatz entfesselt. Der Violinbogen springt, die Bässe poltern monoton. Ein rasender Schrei nach Vergessen, nach Wollust, nach Betäubung und Schmerz. – Bis dann in der unbegreiflichen Eingebung des Lento der „Abschied“ wirklich da ist, in all seiner Melancholie süß und zart, Keim des Wahnsinns, der sich bis ans Sternengewölbe entfaltet. Klagt nicht das herrliche Cis-Moll-Zwischenspiel wie ein Requiem? Das Grab ist geöffnet, schwarze Fahnen wallen, von Kerzen düster erhellt, – hinab, hinab in grenzenlose Tiefe alles, was mir lieb war, alles, woran meine Gedanken sich anklammerten, woraus sie Kraft und Erquickung sogen! Das liebliche Bild der Geliebten erscheint nochmals, von Sopranfiguren umspielt. Rückhaltslos, ja rückhaltslos wird hier das Herz dem Wahnsinn geöffnet. Die trügerische Reinheit der Dur-Harmonien baut Phantasiefreuden auf, man spürt die sehnsuchtsvolle, nie mehr stillbare Leere einer Seele, die mit letzter Ausschweifung an ihren Erinnerungen hängt. – Dann aber, welch eine Erlösung, beginnt Beethoven zu sprechen: „Der schwer gefaßte Entschluß.“ „Muß es sein? – Es muß sein! Es muß sein!“ Furchtbare Frage zuerst, dringender und immer dringender gestellt. Dann setzt mutig und frisch die Antwort ein. Weg mit allen kranken Gefühlen, – leben, leben, da dies nun doch einmal unser Teil ist! Wie nun mit einemmal der Bann gebrochen ist, ein quellender Strom neuer Themen einsetzt, – zart ansteigend bis zu dem in sich gefaßten, schrittweisen, wundervoll männlichen Marschthema in A-Dur. „Es muß sein, es muß sein!“ bekräftigt immer wieder eine oder die andere Stimme dazu, treibt den rüstigen Wanderer vorwärts in eine neue Landschaft. Welch ein Aufbruch! Welch eine beneidenswerte Sicherheit wiedergefundenen Selbstbewußtseins! – Was ich aber am meisten bewundere, ist Beethovens Seelenerkenntnis: sich losreißen von der Geliebten – das erscheint anfangs ziemlich leicht und einfach. So folgt auf die pathetische, doch einfach harmonisierte Frage „Muß es sein?“ recht schnell die nicht einmal sehr aufgeregte Antwort des Allegro „Es muß sein“. Gewissermaßen so: „Adieu, leben Sie wohl, gnädiges Fräulein. Es war ja sehr nett, was wir miteinander erlebt haben. Aber so, wie sich die Sache jetzt gestaltet hat, geht sie ja offenbar nicht weiter. Das sehen Sie doch wohl selbst ein. Wir quälen einander nur gegenseitig. Also ist es das beste, wenn wir einander frischweg die Hände zum Abschied reichen. Nichts für ungut, vielleicht auch mal auf Wiedersehen. Adieu.“ – So etwa klingt mir der Anfang des Schlußsatzes. Aber nach der Reprise verdüstert sich das Bild sehr schnell. Das Marschthema bekommt schon einen leise sentimentalen Einschlag; sinkt dann in tiefere Lagen, sequenzartig, Moll, von tiefen Trillern untermalt, unheimlich. – Und nun die erschütterndste Episode: die Frage „Muß es sein?“ taucht nochmals auf, jetzt aber gewaltiger, im Glanz eines furchtbaren Tremolo aller Oberstimmen. Und die Antwort: „Es muß sein!“ klingt nun nicht mehr kurz und schnell, – ach, sie hat vielmehr das Tempo der Frage („Grave“) angenommen, nur leise, vorsichtig, ohne Impetus. Klage, nichts als tränenreiche, widerstandslose Klage ist die Antwort geworden. Sie muß sich auf den Baß der Frage stützen, sonst bräche sie in sich zusammen. – O Schauer, Schauer der Wahrheit! Beethoven, wie konntest du wissen, daß es so und nicht anders ist: zunächst so leicht der Entschluß, dieser Liebe ein Ende zu machen, und erst nach einiger Zeit in seinem ganzen gräßlichen Ernst, in seiner unwiderruflichen Schmerzhaftigkeit erkannt! Erst leicht, dann schwer ist der Abschiedsentschluß, – so lehrt wirkliches Erlebnis, indes schablonenhafte Stümperpsychologie das Umgekehrte voraussetzen würde. Solcherart sind die Einblicke, die das Werk des Genius von dem bloßer Talente scheiden. – Und nun zu Ende: nochmals Zusammenraffen aller guten Kräfte, um den Wahnsinnskeim zu überwinden. Sieg! Sieg! Ein Sieg in Zartheit, in stiller Einkehr. Sanft ertönt es jetzt, fragend und antwortend zugleich, in süßer, schon unirdischer Schwebe: „Es muß sein.“ Und dann _pizzicato_, leicht und fein trippelt der Meister aus der Welt davon, entfernt sich still aus dem Leben, ohne viel Aufhebens zu machen. Diese letzten Takte sind wohl das Zauberhafteste, was Beethoven geschrieben hat. Ein Lächeln erfüllt sie, ein sacht verspieltes, fast kindliches Lächeln, etwas spieldosenhaft Liebliches, – die Spieluhr einer anderen Welt erklingt. Ohne Leidenschaft und Leid – rein und leicht ist das Himmelreich. – Und das Herz sagt „Amen“ und sagt wohl noch: „Möge auch mir solch seliges Ende beschieden sein!“

Der letzte und _entscheidende_ Brief Jorindes lautete:

„Mein guter, lieber Mann! Ich teile Dir mit, daß ich ein Zimmer in Bobingen gemietet habe, wo ich nach Schluß der Saison (ganz bald) wohnen und Dich erwarten werde, bis Du mit Deinen Geschäftssachen fertig bist. Dann fahren wir zusammen nach Holland, hurra, wie ich mich freue, gelt? Ich nahm das Zimmer schon jetzt, um in diesen letzten Wochen der Saison gelegentlich einen oder zwei Tage dort verbringen zu können. Meine Nerven sind kaputt. Wenn es nur der Spielplan häufiger erlaubte hinauszufahren! Neulich traf ich den Mechaniker – zufällig, in der Stadt –, er fand, daß ich sehr elend aussähe und hat mir dann dieses Zimmer verschafft, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Das Haus gehört Verwandten von ihm. Ich erhalte da auch sehr billig Milch, fette Sahne, wie man sie in der Stadt nie zu sehen bekommt oder nur für neun bis zehn Mark das Liter, während es hier nur sieben Mark kostet. Du bist mir doch nicht böse, gelt, daß ich das gemacht habe (nämlich die Miete), ohne Dich vorher anzufragen. Es eilte, denn schon machen sich überall Sommergäste unangenehm bemerkbar. – Möchtest Du mich nicht einmal in meinem Sommersitz besuchen? Es ist sehr einfach hier. Auch die Gegend ist nicht berückend. Um so schöner wird dann die Reise nach Holland mit Dir, dann hast Du auch wenigstens eine Frau mit, die nicht ein bloßes Knochengerüst ist. Ich meine infolge dieser Kur, die ich jetzt mache. Also, nicht böse sein! Schreibe bald, viel und lieb. Und schone Dich doch ein wenig, ich bitte Dich darum. Rege Dich nicht auf. Es ist wirklich kein Anlaß vorhanden. Iß brav, sonst mag ich Dich nicht, wenn Du wieder so hohläugig ausschaust wie neulich. Das war doch gänzlich unnütz und überflüssig. Hoffentlich siehst Du das nun ein. – Es küßt Dich

Deine dankbare Jorinde.

PS. Man fährt mit der Eisenbahn nach Bobingen, nicht mit der Elektrischen.“

Ich war natürlich im Augenblick entschlossen, nach Augsburg zu reisen, und zwar unverzüglich.