Part 7
Jemand sprach mit mir, und ich antwortete. Ein freundlicher alter Herr mit weiß umrandeter Glatze, den ich (ich wußte nur nicht, woher) ziemlich gut kannte. Seine Freude über die Fortschritte der Elektrifizierung in Deutschland konnte ich freilich nicht so recht teilen; dennoch war ich froh, daß ich mir nicht ganz allein überlassen blieb. Ich bat öfters um Entschuldigung für meine Zerstreutheit. Ich erwartete eine Frage. Es war mir unmöglich, nicht _davon_ zu reden – und schließlich deutete ich an, daß ich sehr traurig sei und einer furchtbaren Entscheidung entgegenfahre. „Es wird schon gut ausfallen“, tröstete mich der Alte. Wie mir schien, mit echtem Mitleid. Ich war geneigt, seine Worte als Orakel zu nehmen. Es konnte ja vielleicht wirklich noch alles ins Rechte gebracht werden. Ich gestattete mir probeweise diesen Gedanken, kurz nur spielte ich mit ihm, – immerhin ertrug ich bei Tag die Unsicherheit eher als in der Nacht. „Glauben Sie das im Ernst?“ fragte ich aufatmend. Er lächelte: „Warum nicht?“ Dann sprach er wieder von der neuen Schnellbahn zwischen Leipzig und Halle.
Stundenlang hielt ich mich aufrecht. Der Mann half mir, indem er mich zwang, meine Gedanken doch einigermaßen ihm zuzuwenden. – Nur einmal noch konnte ich mich nicht enthalten, von mir zu reden. Der Zug hielt in R. Diesen Ort hatten wir so oft zum Zielpunkt unserer Ausflüge von Augsburg aus gemacht. Erregt verließ ich das Abteil, stand im Gang draußen und betrachtete, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, sehnsüchtig den Platz vor dem Bahnhof, der für einen Moment sichtbar wurde. Als ich wieder eintrat, sagte ich: „Hier in R. war ich einmal sehr glücklich.“ – „Erinnerungen?“ fragte mein Freund. – „Schöne Erinnerungen, die machen mich jetzt traurig.“ – „Ach, gehen Sie, es gibt doch nichts Besseres als solche Erinnerungen.“ Da verstummte ich, – hörte ihm aber auch nicht mehr zu.
Ich hatte Jorinde telegraphisch gebeten, sie möge mich „genau halb fünf“ im Café Königshof erwarten.
Im Grunde zweifelte ich nicht daran, daß sie _nicht_ da sein würde. Da alles vorbei war ...
Nun mußte die Entscheidung fallen. Nur noch Minuten! – Aber die wenigen Minuten von der Bahn bis zum Café erschienen mir länger als die ganze Reise. Es war, als kämen die Pferde überhaupt nicht vorwärts. Atemlos saß ich im Wagen, atemlos wie im schnellsten Lauf. Regen schlug an die klappernden Glasscheiben. Unter diesem Regen war die Luft wie zusammengepreßt, so schwer, kaum in die Lunge einzuziehen.
Der Wagen hielt vor dem Café.
Ich trat ein, durchlief den Raum mit einem Blick, – ging dann prüfend von Tisch zu Tisch, denn das Café war dicht besetzt, es konnte also eine einzelne Person in der Menge sehr leicht dem Auge entgehen. – Nein, lauter fremde Menschen – sie war nicht da, wiewohl die Uhr schon einige Minuten über halb fünf zeigte.
Sie war nicht da. –
„Ich hatte es ja nicht anders erwartet.“ Mehrmals sagte ich mir das vor. – Zugleich fühlte ich, daß ich nur deshalb das Ungünstige so bestimmt erwartet hatte, um mich dann vom Günstigen überraschen zu lassen. Es geschieht ja immer das Unerwartete. Ein kluger Mann richtet seine Erwartungen demgemäß ein ...
Nur jetzt nicht wahnsinnig werden! Jetzt nicht den Kopf verlieren!
Die ganze zehnstündige Fahrt, die hinter mir lag, pulsierte mir fieberisch wüst in allen Gliedern, rüttelte an meinem Hirn.
Sie hätte eigentlich doch kommen können, – dachte ich. Wenn auch nur zum Abschied – sie hätte kommen können. So grausam brauchte sie nicht zu sein. Mich nach langer Fahrt hier einfach stehen zu lassen! – Tränen waren mir nahe. Nein, sie hätte wirklich kommen müssen. Unbedingt. Eine einfache Höflichkeitspflicht. In aller Ruhe: Adieu und ein freundliches, friedliches Abschiedswort. Das war doch das mindeste, was ich nach all der großen Liebe verlangen durfte. Ein Auseinandergehen ohne Gruß – das war hart, geradezu überraschend hart, das hatte ich eigentlich doch in meinen ärgsten Vorstellungen nicht erwartet ...
Es fiel mir ein, daß Jorinde vielleicht „Restaurant“ statt „Café“ gelesen haben konnte. Dicht neben dem Café, nur durch einen verglasten Korridor getrennt, lag ein Weinrestaurant. Ich ging hinüber. – Das Restaurant, schneeweiß gedeckt, war ganz kühl und leer.
Wie ich aber, vom Restaurant her zurückkehrend, den Korridor betrat, sah ich Jorinde die Stiegen heraufkommen, den Regenschirm schließen und eilig ins Café eintreten.
Jorinde! –
Ich rief sie. Ein heiserer, dumpfer Laut nur, – aber sie hatte mich gehört – oder sah mich. Sie blieb stehen. Ich durchschritt den Korridor, glaubte zu fallen, – fiel aber nicht, stand ganz fest und reichte ihr die Hand.
„Wie geht’s?“ sagte sie frisch. Ganz so, wie sie es immer zu sagen pflegte.
Ich nickte nur. Dann sagte ich wohl etwas, daß es im Café zu voll sei – daß ich seit gestern mittag keinen Bissen gegessen hätte –, wir könnten daher lieber ins Restaurant gehen.
Mit jener leichten Bereitwilligkeit, die ich so sehr an ihr liebte, von der ich mir aber aus ihren Briefen nie einen Begriff machen konnte, so daß ich beim jedesmaligen Zusammentreffen aufs neue überrascht war, sie so durchaus nicht widerspenstig zu finden, – ganz gutwillig also schlug Jorinde sofort den Weg nach rechts ein, durch den Korridor. – Wie bezaubert sah ich sie an. Sie war sehr blaß, schmaler als sonst, offenbar überarbeitet. Ein rosa Strohhut vermehrte noch mit seinen Reflexen den fahlen Glanz ihrer Wangen. Wie müde – – und wie schön!
Auch sie musterte mich: „Du siehst furchtbar schlecht aus.“
Ich zuckte die Achseln.
Plötzlich sah sie sich um, schüchtern, – der Korridor war leer, – da hatte sie sich zu mir gebeugt, und ich fühlte ihren weichen Kuß auf meinem Mund. Nicht ganz kurz, aber auch nicht leidenschaftlich, nicht lüstern gehaucht, – eine volle Berührung der Lippen mit ehrlicher Kraft. Es war der selbstverständliche Kuß zweier Ehegatten, ohne jeden Hintergedanken. Süßeres habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehabt als diesen unerwarteten Kuß. Nicht als ob sie mich besonders beglücken oder erlösen wollte, hatte sie mich geküßt. Nein, ein Kuß wie immer, – ein Kuß, weil Küssen zur Begrüßung unter uns üblich und weil eben alles beim alten war. Nach diesen allerqualvollsten verworrenen Stunden der Nacht und Bahnfahrt – nichts konnte so wohl tun wie dieser einfache klare wiesenblumenhafte Kuß.
Ich hatte mir während der ganzen Reise vorgenommen, vom Mechaniker überhaupt nicht zu sprechen. Nur ihrer Wohnung wegen war ich gekommen. Da sie etwas von „schlecht und recht einquartiert“ geschrieben hatte, war ich eben besorgt. Der Streit mit ihrer Wirtin, die neue Krise ... ich redete drauflos, von nichts anderem als ihren Wohnungssorgen. Mochte sie es glauben oder nicht: kein anderer Grund hatte mich veranlaßt, unserer Verabredung zum Trotz noch vor der Sommerreise zu kommen.
Wir saßen an einem breiten Ecktisch des großen, vollständig leeren Speiselokals.
„Nein, wie du aber schlecht aussiehst“, unterbrach mich Jorinde öfters. Hörte sie überhaupt zu?
„Nein Wunder“, erwiderte ich. „Die Fabrik macht mir große Sorgen. Du weißt: der Prozeß.“
War es denn nur möglich! Nach all den wahnsinnigen Ausschreitungen meiner Phantasie bewegte ich mich nun wieder auf der Bahn des Alltäglichen. Die Fabrik, der Prozeß! Wie leicht ging das! Und neben mir, an der nächsten Tischkante saß Jorinde. – Der Kellner kam, man bestellte – Jorinde legte die Jacke ihres helldrappen Kostüms ab, der Kellner und ich halfen ihr – ihre Bewegungen fächelten mir das so lange vermißte Aroma ihres Puders, den Erdbeerduft ihres Leibes zu – nun in der weißen Seidenbluse, in der die zarten Schultern sich abzeichneten – so schlank – war es wirklich dasselbe Wesen, an das sich all meine grausamen Befürchtungen hefteten? – Und jetzt, mit welcher Einfachheit reichte sie mir über den Tisch hin die rechte Hand, die innere Handfläche nach oben gekehrt, eine schlichte Aufforderung, meine Hand in die ihre zu legen wie zur Erneuerung alter, nie unterbrochener Freundschaft. Mein Gott, war es am Ende möglich, daß alle die Qual meiner aufgestachelten Einbildungskraft – durchaus grundlos gewesen wäre? ...
„Auch du siehst nicht besonders aus“, sagte ich, indem ich ihr prüfend in die leicht umschleierten Augen sah.
„Ja – Saisonende! Ich bin ziemlich am Rand mit meiner Kraft.“
„So viel Mühe hast du?“
„Nie hätte ich gedacht, daß mich das Theater so anstrengen würde.“
Sie nahm ihren Beruf sehr ernst. Verbürgte das nicht, daß sie auch im Leben nicht leichtsinnig sein konnte?
„Warum wir einander nur so quälen.“ Ich gab ihr die Hand, nach der sie die ihre ausgestreckt hatte. „Da wir doch ohnehin so viel Energie aufwenden müssen, jeder in seinem Beruf –“
„Es ist wirklich überflüssig“, sagte sie und sah mich dabei mit schelmischem Lächeln an, das zu ihren und meinen Worten nicht ganz zu passen schien. Aber sehr weich und zärtlich hielt sie meine Hand fest ... Nun bot sie mir, leicht vorgeneigt, zum zweitenmal die Lippen. Wie von einem leichten Traum umfangen, bewegte sich ihr Gesicht lieblich mir entgegen. – Ich weiß nicht, was da ganz plötzlich in mich gefahren sein mochte. Alle unterdrückte Wut kam in mir empor, die Wut eines Sklavenaufstandes gleichsam, Rachedurst für erlittene Demütigungen, – zitternd, meiner selbst nicht mächtig, von äußerster Gier erfüllt, sie gleich jetzt, auf der Stelle zu besitzen, wenn es möglich gewesen wäre – mit heißem Griff riß ich das Mädchen an mich – es war nicht der kühle Kuß wie im Vorraum – sondern meine Zähne drangen in ihre Lippen, während gleichzeitig meine Finger an ihrer Kehle lagen. Sie schrie leise auf, machte sich los. Blut färbte ihr Taschentuch, das sie an den Mund führte ... Betroffen stammelte ich etwas von Entschuldigung. Kaum gewonnen, sollte sie mir wieder verlorengehen? „Sei nicht böse, ich bitte dich – sei doch nicht böse. Ich weiß nicht, was ich getan habe, ich weiß nicht, was mit mir los ist ...“
Sie schwieg lange, – war es ein strafendes Schweigen oder war sie nur so erschreckt? Abgewendet, stumm, – wie ich aber bat, sie solle mir doch zur Strafe, zur Vergeltung gleichfalls die Kehle zudrücken, lachte sie plötzlich auf.
„Nun ist also alles wieder gut?“ sagte ich mit jäher Energie. „Oder bist du mir böse?“
„Nein, ich bin dir nicht böse“, erwiderte sie innig.
Wir sahen einander ernsthaft an. Es lag wirklich nicht der mindeste Grund vor, einander böse zu sein. Man verdüstert sich nur ganz mutwilligerweise das Leben, – rätselhaft, warum. Bei Licht betrachtet, besaßen wir doch alle Vorbedingungen eines großen reinen Glückes. Wir liebten einander, wir waren jung, gesund, nicht arm ...
„Und doch hast du mir so beleidigend geschrieben?“
„Ich?“
„Geradezu grob – daß einer meiner Briefe dich gelangweilt hat. Das war doch schon sehr arg.“
Sie redete eifrig auf mich ein, bis ich ihr versprach, diesen ihren häßlichen Brief zu vernichten, zu verbrennen. – Sie sei eben nervös gewesen, ich solle ihr doch verzeihen, – ich wisse doch, daß sie niemand als mich habe, auf der ganzen weiten Welt niemand sonst ...
„So ist es dir recht, daß ich heute gekommen bin – obwohl es anders vereinbart war?“
„Ich bin froh“ – wie aufrichtig, wie klar sie das sprach!
„Heute abend fahren wir nach R. Bist du einverstanden?“
Sie zögerte keinen Augenblick. „Da muß ich nur noch nach Hause gehen und meine Sachen für die Nacht zusammenpacken. – Morgen spiele ich nicht, für übermorgen mach’ ich mich auch noch frei.“
Ich ließ mir das Reichskursbuch bringen. Wir sprachen eine Weile ganz sachlich nur von den möglichen Abendzügen nach R. – Mein Gott! In meinen kühnsten Träumen hätte ich gestern nicht zu hoffen gewagt, daß sie mehr als eine Viertelstunde für mich Zeit haben würde. Und schon diese Viertelstunde hätte mich namenlos glücklich gemacht. Ein gutes Wort nur, ein kurzes, klärendes Gespräch – das war das äußerste, was ich bestenfalls erwartet hätte. Und nun, und nun, – welche unfaßbare Wendung – welch eine Nacht knapp vor mir! – und dabei so selbstverständlich, so ohne jeglichen Sturm, als könne es gar nicht anders sein – nun saß ich neben ihr, und wir berieten in aller Sachlichkeit, ob wir um acht Uhr oder schon um sieben fahren sollten, ob wir bei einiger Eile noch zum ersten Zuge zurecht kämen und so fort. – Es gibt eine Sachlichkeit über allen Räuschen der Welt, eine Ruhe, stürmisch lebendiger als alle Kunstmittel der Nervenmassage, – diesen höchsten aller Räusche genoß ich nun.
Der Kellner brachte das Bestellte. – Noch nie im Leben habe ich um diese Zeit einen Braten gegessen. Aber Jorinde drängte: „Du siehst ja ganz verhungert aus. Wie kannst du nur so unvernünftig sein, – während der ganzen Fahrt nichts essen!“
„Auch gestern nicht – seit deinem letzten Brief.“
„Du mußt ihn verbrennen. Vergiß nicht, du hast es mir zugesagt. – Nein, so unvernünftig zu sein! Und lauter Dummheiten.“ Unter solchen Reden schnitt sie mir den Braten, fütterte mich geradezu. Aber ich konnte schon das erste Stück nicht herunterwürgen. Hunger hatte ich wohl, aber nicht den mindesten Appetit.
„Bitte, so iß doch.“
„Ich kann nicht.“
„Du mußt.“
„Also hilf mir. Nimm die Hälfte.“
„Gut. – Aber du auch, du auch. – Sonst komme ich heute abend nicht mit.“
Jedes Wort haftet mir im Gedächtnis. Weltumstürzende Aussprüche großer Staatsmänner können ihrer Umgebung nicht wichtiger erscheinen als mir diese lieben Sätzchen Jorindes, die so besorgt klangen, deren freundlicher Klang mich beglückte. Nach all den Peinigungen des Briefwechsels – welch eine Ruhestunde, welche Erholung! Es war, als würden die Fesseln aufgeschraubt, die meine Seele bis dahin in unnatürlich zusammengedrückter Haltung schmerzend festgehalten hatten. Nun streckte sie sich, gradete ihren Rücken, brachte den Blutkreislauf wieder in Fluß. – Belebend der Rotwein dazu, dessen blühender Schein auf das feine Linnen des Tischtuchs fiel.
Alles so seltsam, daß mir der Kopf wohlig weh davon tat. Das große Lokal, für Abendbeleuchtung bestimmt, – im kalten nüchternen Tageslicht lag es in ungewohnter Schmucklosigkeit, gleichsam übertrieben unfestlich da – dazu vor den Spitzenvorhängen draußen ein unfreundlicher Regennachmittag – und all dies, was sonst melancholisch gemacht hätte, wirkte andachtsvoll, – die Stille wie das Schweigen in einer Kirche, – zauberhaft alles und so zart, daß es wie in feinem Regenbogendunst zu zittern schien, in völlig unmateriellen Farben, kaum mehr der Erde angehörig und ihrem dumpfen Reich. Eine Gasthausstube wie tausend andere: das Paradies! –
Wir sprachen natürlich auch vom Mechaniker. Ich weiß nicht, ob sie oder ich damit begann. Jedenfalls hatte ich lange genug an mich gehalten. „Wie heißt er denn eigentlich?“
„Günther Schmidt.“
„Siehst du, nicht einmal das hast du mir geschrieben – wie er heißt. Und dabei behauptest du noch, mir immer alles geschrieben zu haben.“
„Habe ich auch“, erwiderte sie kühn.
Aber sie hatte recht, wahrhaftig recht. Wie lächerlich erschien mir plötzlich die ganze Angelegenheit. „Alles“ schreiben, – was sollte das denn eigentlich bedeuten? Wer vermöchte denn „alles“ zu schreiben? Und war der Namen nicht wirklich ganz unwichtig? – O unwichtig dies und jenes, wenn Jorinde neben mir saß und ich ihre Hand hielt! Ich hörte denn auch kaum auf sie hin, als sie Näheres über den Mechaniker erzählte, von der Hessingschen Anstalt, an der er arbeite, von Hessing selbst, dem genialen Erfinder, der, aus dem Handwerksstand hervorgegangen, bessere Schienen für verkrüppelte Glieder anzufertigen gewußt als alle diplomierten Chirurgen der Welt, – von der Tradition seiner Anstalt, die den Fachmann der Praxis über den Akademiker stelle, – so daß auch der Mechaniker keinen gewöhnlichen Mechanikerposten dort bekleide, sondern einer der ersten sei ...
„Er interessiert dich?“
„Aber nein, – er ist mir doch vollständig gleichgültig.“
Ich atmete auf, erst jetzt, – als sei gerade dies das rechte Wort gewesen, das ich erwartet hatte. „Ach, Jorinde, warum hast du mir denn das nie geschrieben?“
„Ich glaube doch, daß ich es dir oft genug geschrieben habe.“
Auch ich entsann mich jetzt. Aber es hatte nie so überzeugend geklungen wie in diesem Augenblick.
„Ich will dir etwas gestehen“, plauderte sie. „Anfangs habe ich die Sache in meinen Briefen ein wenig aufgebauscht. Es gefiel mir ganz gut, dich eifersüchtig zu machen. Nachher aber ...“
„Nachher?“
„Nachher wurde es zuviel des Guten.“
„Da warst du dann beleidigt, weil ich eifersüchtig wurde, – wie du mich doch haben wolltest.“
„Ja.“
„Einfach ja?“
„Ja.“
Etwas in mir riet, dies doch nicht so ganz glatt hingehen zu lassen. Nicht etwa, weil ich gegenwärtig irgendwelche Besorgnis empfand, auch nur den Schimmer einer Angst um meine Frau, – wohl aber der Zukunft wegen. „Und wie du nun sahst, daß es zuviel des Guten wurde,“ sagte ich, „da hast du die Sache in deinen Briefen wohl wieder – abgebauscht?“
„Nein, – die bloße Wahrheit!“
„Du siehst nun aber, wie schwer dies alles zu regulieren ist. Fängt man einmal mit so etwas an, so weiß man nicht, wo man endet. Ich meine das auf die ganze Beziehung zwischen dir und ihm.“ Wunder wie verständig redete ich mit ihr. Ich beherrschte die Situation. Nun durfte ich eine gefährliche Frage stellen, wiewohl ich mir vorgenommen hatte, auf diesen Punkt unter keiner Bedingung einzugehen. „Wie verkehrt ihr eigentlich miteinander? Ihr sagt einander: „Du?“
Zu meiner Überraschung: „Ja.“
Ich legte Messer und Gabel weg: „Nun, das genügt wohl ...“ Ich fühlte die Zimmerdecke auf mich stürzen ...
Eine kurze Pause. Dann lachte sie auf: „Das hast du dir wohl gedacht? Aber nein, wir sagen natürlich Sie zueinander.“
Was ist nun die Wahrheit? Das, was sie zuerst gesagt, oder die Berichtigung, als sie mein tiefes Entsetzen sah? ... Dies blieb eine dunkle Stelle dieses sonst so lichten Zusammenseins. „Kannst du es mir schwören?“ – „Ja.“ „Bei dem, was dir am heiligsten ist?“ – „Ja.“ – „Beim Grab deiner Mutter?“ – „Ja.“ – War es die kurze Antwort, dieses „Ja“, das zu wenig Substanz enthält, um einem so mächtigen Strom von neuer Unruhe den Weg zu sperren, – ich weiß den Grund nicht. Weiß nur, daß von dieser Gesprächswendung etwas Unaufgelöstes in meinem Herzen zurückblieb. – Und noch etwas anderes stimmte nicht ganz. Ich hatte sie küssen wollen. Sie wehrte ab. So ist nun einmal Jorinde! Zweimal hat sie selbst mich völlig ungescheut geküßt, – nun wo ich dasselbe wollte, wies sie angstvoll auf den Spiegel an der fernen gegenüberliegenden Wand: man könnte uns vom Korridor aus sehen! Doch nicht dieser Widerspruch erregte mich, sondern ihr Aufschrei: „Günther!“ – Also hatte auch er sie geküßt – oder zumindest küssen wollen? – Merkwürdig, daß sie bei ihrem Irrtum gar nicht verlegen wurde. Nie werde ich die Wahrheit herausbringen. Ihr ganzes Benehmen zeugte von so unbedingter Treue, – an der Hauptsache dieser Treue zweifelte ich ja auch gar nicht, – es verwirrte sich nur alles für einen Moment, dann wurde es wieder klar. Ich hatte Selbstbeherrschung genug, von diesem Zwischenfall kein Wort zu reden. Nur bei späterer Gelegenheit fragte ich sie, wie sie den Mechaniker anspreche.
„Herr Schmidt.“
„Anders nicht?“
„Manchmal auch Herr Günther.“
„Oder vielleicht manchmal auch kurzweg – Günther?“
„Nein, das nie.“
„Wirklich nicht?“
„Glaubst du, daß ich lüge?“
Es ist also nicht ausgeschlossen, daß ich mich verhört habe. Ja, ich muß die Möglichkeit zugeben, daß ihr Aufschrei im Moment des Kusses vielleicht weder „Herr Günther“ noch „Günther“ gelautet hat, sondern irgendwie ganz anders. Denn eine Lüge habe ich eigentlich nie von Jorinde gehört.
Noch manches fragte ich. Ich erfuhr, daß sie nie mit ihm Briefe gewechselt habe, – sie ließ auch nie zu, daß er für sie zahle, – das hätte eine Verpflichtung bedeutet. Und getanzt? – Ein einziges Mal!
Mein Gott, ich zermalme sie ja – dachte ich einen Augenblick lang, – so deutlich war es, daß ich, ich allein alle ihre Gedanken ausfüllte, daß mein Argwohn ihr unrecht tat, daß die Episode mit dem Mechaniker viel bedeutungsloser war, als ich je hätte glauben können. Gerade Ausdrücke, die Jorinde so nebenher gebrauchte, bestärkten mich in dieser neuen glücklichen Ansicht. „Er respektiert mich“, sagte sie von ihm. Oder: „Er ist ein Kind. Du kannst dir eben nicht vorstellen, wie ein unreifer Mensch das alles betrachtet.“ So spricht eine Frau nicht von einem Mann, der ihr etwas bedeutet.
„Aber er liebt dich.“
„Ich weiß es nicht.“
„Hat er denn nie etwas davon gesagt?“
„Nein. – Ach, du meinst, daß alle so sprechen und fühlen wie du. Ein kleiner Mechaniker. Er würde es gar nicht wagen. Und er braucht ja eine reiche Frau, um selbständig zu werden. Das ist seine Hauptsorge. Davon spricht er, von nichts anderem sonst. Du meinst, alle Menschen denken nur an Liebe wie du.“
Ich küßte ihre Hand. „Aber wo ist dein Ring?“
Sie trug ihn nicht. Es hätte Aufsehen unter den Kollegen erregt.
„Und bei Herrn Günther.“
„Ach, laß doch den, – nun gewiß, er ginge keinen Schritt mit mir, dazu ist er viel zu ehrlich.“
„Nun also?“
„Gönnst du mir wirklich die kleinen Spaziergänge nicht?“
„Wenn er sich nun aber wirklich in dich verliebte! Das kannst du doch auf keine Weise ausschließen. Bedenke, welche Verantwortung du auf dich nimmst. Du machst ihn für sein ganzes Leben unglücklich.“
Ihr Gesicht wurde hart. „Was geht das mich an! Ich kann nichts dafür, wenn mir die Männer nachlaufen. Ich tue nichts dazu.“
So verstellen sich Göttinnen. – Eben noch hatte ich mich ihr überlegen gefühlt, hatte gefürchtet, sie zu zermalmen mit meiner Herrschaft, – nun war ich wieder zu Furcht und Anbetung verwiesen. Und dabei behandelte sie mich zart. Sah sie, daß ich traurig wurde, so milderte sie das eben Gesprochene, entschuldigte sich, führte immer wieder an, daß die letzten Rollen alle ihre Kräfte verzehrt hätten. Eine arme Schauspielerin, eine geplagte Anfängerin, – aber nur Achtung, nicht übermütig werden, sonst zeigt sie den Blitz und den schuppigen Ägisschild mit dem Gorgohaupt. –
Wir fuhren im Auto zu ihrer Wohnung. Nicht ganz bis hin. Sie mochte in der Gasse nicht auffallen. So ließ ich an der Ecke zuvor halten. Ehe sie ausstieg, umfing ich sie: „Und freust du dich auf heute abend?“
„Ich habe doch lange genug warten müssen.“
Ich drückte sie fester an mich, ihren weichen, biegsamen Körper. – Sie lachte mir noch zu, ehe sie um die Ecke verschwand. – O Natur, Natur! Dieses eine Wort entschuldigte doch für alle Qual.