Leben mit einer Göttin

Part 6

Chapter 63,618 wordsPublic domain

Jorinde also kam weiter mit meinem Feinde zusammen – und jeder Brief, der mir die Fortdauer dieses Umgangs erklären sollte, steigerte meine Qual. Die Gründe, die Jorinde vorbrachte, machten die Sache nur noch ärger. Übrigens führte sie diese Begründungen in aller Argslosigkeit an, – denn wiewohl ich meine Unruhe nicht ganz verhehlte, schämte ich mich doch, all meine Furcht um sie, meinen ganzen bejammernswürdigen Zustand einzugestehen. Es hätte mich in ihren wie in meinen eigenen Augen allzu tief herabgesetzt. Ihre Forderung, daß ich Vertrauen zu ihr haben müsse, war ja unwiderleglich, – kam geradezu aus dem Mittelpunkt unserer Beziehung heraus, die sich doch völlig auf Glauben, ja auf Glauben ohne Beweis aufbaute. Es hätte nur leider eines stärkeren Herzens bedurft, um diese Stellung zu halten, – das sah ich ein. Wußte aber zugleich, daß es etwas anderes als diese höchst gefahrvolle Stellung für mich, ja für jeden wahrhaft Liebenden gar nicht geben könne. So mühte ich mich denn weiter, solange es eben gehen mochte, – nahm mir vor, alle die kleinen, wahnsinnig schmerzhaften Nadelstiche, die ihre Briefe mir (in aller Arglosigkeit) zufügten, nicht zu beachten, erst bei der nächsten Zusammenkunft mündlich die ganze Sache mit ihr zu besprechen. – Zu meinem Unglück war aber gerade diesmal diese nächste Zusammenkunft in ziemliche Ferne gerückt. Bei unserem letzten Beisammensein hatten wir beschlossen, – in dem vollkommenen, geradezu kameradschaftlich wohligen Einverständnis, das damals zwischen uns geherrscht hatte, damals ganz besonders, damals mehr als je vorher – hatten beschlossen, daß wir uns vor den Sommerferien nicht mehr sehen und mit voller Kraft nur unseren schwierigen Berufsaufgaben widmen würden, um uns dann am Ende der Arbeitssaison für so viel Entsagung durch eine herrliche Sommerreise nach Holland und an die Nordsee belohnen zu können. Jorinde studierte damals zum erstenmal eine moderne Rolle, – die Hauptrolle in Max Brods neuem Lustspiel „Klarissas halbes Herz“. Die Gestalt der kapriziösen, dabei aber nicht oberflächlichen, sondern von großer Leidenschaft besessenen „Klarissa“ stellte ungeheuere Anforderungen, verlangte Blut und Mark der Schauspielerin (nebenbei bemerkt: auch diesem Stück, in dem so viel von Untreue die Rede ist, schob ich zu einem gewissen Teil die Schuld an meiner inneren Unruhe zu. Die Wankelmütigkeit der Bühnenfigur mußte ja in irgendeiner Weise auf die Darstellerin abfärben. Den Gemahl Klarissas aber beneidete ich um seine eisernen Nerven). – Und so wie meine Frau, stand auch ich vor wichtigen Entscheidungen. Meine beiden jüngeren Brüder bedrohten mich mit einem Prozeß. Ich hatte sie nach dem Tode des Vaters aus der Erbschaft vollständig abgefunden. Nun aber machten sie trotzdem Ansprüche auf die Fabrik geltend. Das Aufblühen des Unternehmens stach ihnen wohl gewaltig in die Augen. Sie wünschten als Kompagnons einzutreten, mit ganz minimalen Einlagen, die ihnen als Rest des väterlichen Vermögens geblieben waren, aber mit vollen Herrenrechten. Die Früchte meiner Arbeit, auf die Jorindes Sonnenstrahlen herabgeleuchtet hatten, sollten mir abgenommen werden. Mehr als das: meine wissenschaftlichen Experimente waren bedroht, wenn die rein kaufmännisch denkenden Brüder als gleichberechtigte Inhaber neben mich traten. – So setzte ich mich denn kräftig zur Wehr, und Jorinde hatte bisher Anteil an meinem Kampf genommen, tat dies wohl auch weiterhin ... nur ich war unterhöhlt, mich selbst beschäftigte nur noch ausschließlich die Beobachtung des „Dritten“, der, täglich und stündlich von mir verwünscht, in immer neuer Darstellung aus Jorindes Briefen hervorgrinste. Es war allerdings in diesen Briefen nicht viel die Rede von ihm. Nur hie und da widmete ihm Jorinde ein Wort. Mir aber schien es, als ob die Briefe von nichts andrem mehr handelten.

Ihre Gründe, – arglos vorgebracht, wie ich schon sagte, aber um so peinigender für mich: daß sie blutarm sei, an Schlaflosigkeit leide – der Arzt habe ihr Spaziergänge verordnet – sie habe aber keine Lust, allein spazierenzugehen. Und mit Theaterleuten wolle sie außerhalb des Theaters nichts zu tun haben. „Die gehn mir schon ohnehin auf die Nerven“, schrieb sie. „Du wirst doch begreifen, daß man sich manchmal nach Abwechslung sehnt. Es ist mir so sympathisch, einmal mit einem Menschen zu reden, der mit der Hand arbeitet, nicht immer nur mit dem Kopf.“

Und ich? – notierte ich an den Rand dieses Briefes ...

Oh, ich verstand Jorinde nur allzu gut. – Hier tat sich der Abgrund zwischen ihr und mir auf. Wir gehörten eben jeder doch in eine andere Welt. Das Abendessen im Hause ihres Vaters tauchte vor meinen Augen auf. Die dunklen Möbel, – der junge Privatdozent mit dem edlen, kühnen Landsknechtgesicht, Pfeife rauchend, – der Vater, der wie ein Förster aussah, der die Stadt verabscheute und im bayrischen Wald auf die Jagd ging. Auch der Mechaniker, der seine Hand nach meiner Jorinde ausstreckte, kam aus den Tiefen dieses undurchdringlichen Waldes. Er holte nun meine Frau heim. Mit ihm war sie tief innerlich verbunden, durch ihre Einfachheit, ländliche Stille, – es war kein Zufall, daß er früher bei ihrem Vater gearbeitet hatte, daß er Kindheitserinnerungen in ihr weckte. Nein, sie gehörten beide gleichsam zu derselben großen Familie. – Ich dagegen, der schmächtige Berliner aus der glattgewalzten nordischen Sandwüste, ich, der Natur entfremdet, vergeblich bemüht, aus meinem ausgedörrten Herzen Vertrauen zur großen Mutter Erde, zu meiner Göttin heraufzupumpen ... was hatte ich im Grunde mit Jorinde gemein. Nur lieben konnte ich sie, dunkel lieben, grenzenlos, – das Herz sehnte sich nach der großen Mutter, ohne daß mein Kopf dahin nachzufolgen vermochte, wo es meinem Herzen so wohl tat. Wo war der Weg, der zu ihr führte! Wie anders hätte der Mechaniker sie besessen, – besaß sie vielleicht schon! Waldströme rauschten um seine mächtige Gestalt, wie ein brauner Holzfäller im finsteren Bergtal trat er, die blanke Axt geschultert, aus dem Dickicht, – so erschien er mir im Traum. Ich wollte mit ihm ringen. Aber er berührte mich kaum, er ging mit Jorinde vorbei; sie hatte mich gar nicht angesehen.

Unmöglich, zu ihr zu gelangen. Es war nicht meine Welt. – Eine klare Erkenntnis: sie lebte in dem „anderen Deutschland“. Es gibt ja zwei verschiedene Staaten dieses Namens. Berlin – und: Deutschland ohne Berlin. Solange man in Berlin ist, merkt man dieses andere Deutschland nicht. Aber es ist nicht minder da. Grundverschieden, trotz äußerlicher Ähnlichkeit mit Berlin, wie sie sich etwa im Bau neuer Stadtviertel zeigt oder in der sauberen Maschinenschrift der Gutachten von Professor Grothius. Das ist nur Mimikry. Alle deutschen Städte treiben eine Art Mimikry, sind berlinähnlich – im Innersten aber, ebenso wie das ganze ungeheuere Feld- und Waldland ringsum, etwas ganz anderes als Berlin. –

Es war natürlich vergebliche Mühe, durch solche Überblicke allgemeinster Art die Herrschaft über mich selbst oder gar über Jorinde erlangen zu wollen. – Jeder neue Brief warf mich aus meiner erkünstelten Ruhe. „Wäre es Dir vielleicht lieber, wenn ich meine freie Zeit mit der frivolen Theaterclique verbrächte?“ schrieb Jorinde. Gewiß wäre es mir lieber, hundertmal lieber – antwortete ich. Und ich fühlte es wirklich so. Oder bildete mir zumindest ein, so zu fühlen. Ausführlich stellte ich ihr meine Motive dar. Theater – das wäre im Umkreis ihres Berufs gelegen! Ein Verkehr, den man pflegen muß, um nicht durch Separation allzuviel Feindseligkeiten zu erregen. Der Verkehr mit dem Mechaniker aber war – freiwillig, in einem gewissen Sinn überflüssig. Gerade das war es, was mich erregte. Auf Theaterleute wäre ich nie eifersüchtig gewesen. Wiewohl ich diese Art von Verkehr kenne, – man spricht da mit einer hübschen Frau nie anders, als indem man sie streichelt, indem man mit der Hand an ihrem Ärmel auf- und abfährt. Doch gerade diese zur Konversation gehörigen Liebesbezeugungen stumpfen ab. – Nein, nein, niemals hätte ich es mir beifallen lassen, auf ihre Kollegen vom Theater eifersüchtig zu sein. So verrückt sei ich denn doch nicht ...

In ihrer Antwort lachte sie mich aus (wie sie überhaupt in ihren Briefen den guten Humor nicht verlor. Ich glaubte sogar zu bemerken, daß sie seit der Begegnung mit dem Holzfäller-Mechaniker in wesentlich fröhlicherer Stimmung war als vordem). – „Du hast mich doch ganz, mit Leib und Seele“, hieß es dann an einer anderen Stelle, ernsthaft, in dem Brief. – Ja, ja, du bist mein, rief es in mir. Ein Jubel, ein frischer Atemzug, der mich erquickte nach all der Not. Wie Duft des Meeres, wenn man zerarbeitet, müde, zum erstenmal nach langem Stadttagewerk zur Düne, zum Strand hinunterläuft, direkt vom Bahnhof, – um den reinen brausenden Sturm einzuatmen, der über die ungeheuere Wasserfläche fährt. Mein Gott, Jorinde ist ja mein, ist ja noch mein. Das Holde, Unübersehbare, Unausdenkbare meines Glückes kam mir wieder plötzlich zu Bewußtsein, wie neu geschenkt. – Doch gleich darauf klemmten sich mir die Lungen ein. Ich hatte weitergelesen: „Er liebt mich, – doch weiß er, daß ich nie heiraten werde.“

Da stand es nun also, schwarz auf weiß. Da stand es, was ich gefürchtet hatte. Mein Argwohn war also nicht, wie ich insgeheim doch gehofft, übertrieben gewesen, – zu einem Teil war er schon in Erfüllung gegangen, zu einem wesentlichen Teil. – Er liebte sie. Eigentlich ganz selbstverständlich. Kann man mit Jorinde verkehren, ohne von ihrer einleuchtenden Schönheit überwunden zu werden? – Und nun wuchs meine Unruhe ins Grenzenlose. Der eine Satz im Brief Jorindes eröffnete tausend Fragen. Es war klar, und es ging ja auch deutlich genug aus dem Brief hervor, daß Jorinde sich dieser neuen Liebe gegenüber abwehrend verhielt. Aber kam es denn nur auf sie an? Der Dritte war ja gleichfalls ein lebendiger Mensch, keine Puppe, – gewiß entfaltete er Kräfte, seinem Charakter gemäß, über den ich mir aus den spärlichen Andeutungen Jorindes leider gar kein Bild machen konnte. Sie betonte zwar immer, daß sie „alles schrieb“, – schrieb aber gar nichts Wesentliches, so schien es mir nun, – nicht einmal, wie der Mechaniker hieß, wußte ich bis jetzt. Nicht einmal den Namen, o mein Herr und Gott! ... Das tat freilich nichts zur Sache. Und auch auf seinen Charakter kam es eigentlich nicht so sehr an, – mochte er auch der bescheidenste, unzuversichtlichste Mensch der Welt sein, ganz ängstlich vor Jorinde, noch ängstlicher als ich, – die Tatsache, daß er ein lebendiges Wesen war, genügte ja durchaus, um mich auf das fürchterlichste zu stören. Auch eine Maus ängstigt sich ja vor Menschen, – dennoch schläft man nicht gern in einem Zimmer, in dem man eine lebendige Maus knabbern hört. Daß sie ein lebendiges Wesen ist, daß man nicht weiß, was sie im nächsten Augenblick machen, wohin sie spazieren wird, – – ja, ganz ebenso unheimlich war mir der Dritte, der sich, und sei es noch so behutsam, in meinem und Jorindes dunklem Schlafzimmer zu rühren begann.

In allem merkte ich von nun an seine Wirkungen, – Jorindes Briefe schienen mit nicht so zärtlich wie zuvor. Geheimnisvollerweise war es ja seither so gewesen, daß die Liebe, die aus ihren Briefen sprach, sich in auf- und absteigender Linie bewegte. Es nahm immer denselben Verlauf: die Briefe, die unmittelbar auf einen Abschied folgten, glühten geradezu, – es gab da Wendungen wie „Ich zittere nach Deinem Mund“ – „Ich kann die Nacht nicht überleben nach so sonnigen Tagen“ – Wendungen, wie ich selbst sie gern geschrieben hätte, hätte ich mir nicht längst schon angewöhnt, meine Gefühle brieflich nur gedämpft auszudrücken, um Jorinde nicht zu verstimmen. Doch es nutzte ja nichts. Die Abkühlung ließ nicht auf sich warten. Die folgenden Briefe waren nicht nur gleichgültiger, – das könnte man für eine bloße Einbildung halten, – nein, sie waren geradezu meßbar mit geringerer Lust, geringerem Mitteilungsbedürfnis geschrieben: nämlich kürzer, mit großem, freiem Rand, großen Buchstaben, großen Zwischenräumen zwischen den Zeilen und ohne jenen Briefschmuck, den ich am meisten liebte, nämlich ohne diese quer an den Rand gesetzten, manchmal rings um den ganzen Briefbogen herumführenden Nachschriften, die so richtig das Gefühl vermitteln, daß sich der Briefschreiber aus dem Zusammenhang mit dem Adressaten nicht lösen mag, daß er verweilt, daß ihm immer noch etwas Neues einfällt, wie in lebendigem Gespräch unter vier Augen. – Dies alles also fehlte bei späteren Briefen. Ich sah die Ebbe jedesmal kommen, wurde aber immer neu von ihr überrascht.

Es war wohl ein natürlicher Vorgang, was sich in Jorindes Briefen ausdrückte und was nur mir in meiner Perspektive als widerspruchsvoll erschien, es war ein Naturablauf der Gefühle, wie Blühen, Reifen und Verwelken von Pflanzen. Aber diesem Naturablauf gewachsen zu sein, – das eben war die Aufgabe, die meine Kräfte überstieg. Und auf dem abwärtsgleitenden, wankenden Boden eines nur mit Mühe und äußerster Selbstbeherrschung zu führenden Briefwechsels tauchten nun überdies die Auswirkungen des „Dritten“ auf. Sie ließen sich nicht konkret feststellen, – ließen sich aber ahnen. Gab man sich Ahnungen hin, dann waren diese Emanationen, diese Überschattungen durch eine fremde Ansicht freilich überall da. So etwa in Jorindes Schrift, die schon begonnen hatte, der meinen ähnlich zu werden (süßeste Entdeckung! geheimste Freude!), und die nun wieder ihre alten, von mir unabhängigen oder ganz fremden Buchstabenformen annahm. – Oder wenn ich ihr allerlei Medikamente gegen ihre Schlaflosigkeit schickte, sie aber Medikamente überhaupt ablehnte und an den Spaziergängen als viel gesünderem Heilmittel festhielt, – was lag näher, als darin die Beeinflussung durch Meinungen eines Naturburschen zu sehen, wie dieser Mechaniker einer sein mochte! Gewiß mußten seine Ansichten (einfach die Kraft seiner Gegenwart) allmählich die Oberhand gewinnen, mich und meine besondere Ideenwelt bei Jorinde verdrängen.

Gerade das aber war es, was sie nie zugab. Ihrer Ansicht nach liebte sie mich „immer gleich“. Es gab für sie kein Auf und Ab der Gefühle. Wenn sie doch wenigstens dieses Auf und Ab zugegeben hätte, – ich glaube, dieses bloße Zugeständnis, dieses Einsehen, daß es so sei, hätte mich schon ein wenig getröstet, über das ärgste hinweggebracht. „Schau, du mußt doch selbst bemerken, daß deine Briefe vor einem Monat ganz anders geklungen haben als heute, viel inniger, viel mehr für mich Partei ergreifend, mich entschuldigend, da wo es not tat, meine Vorzüge gegen meine Schwächen ausspielend.“ Aber nein, das merkte sie nicht. „Ich liebe dich immer gleich.“ Es war mir, als trüge sie eine Maske wie aus Zement; hinter diesem Satz aber „Ich liebe dich immer gleich“, hinter der Oberfläche der Maske bröckelte es, unaufhaltsam. – Dabei war es ja durchaus keine Lüge, wenn sie „immer gleich“ sagte. Ehrlicherweise sagte sie das. Schließlich mußte ich ihr ja zugestehen, auf ihre Art zu leben und zu lieben, – und in ihren Augen waren eben gewisse Verschiebungen, Änderungen, die bei mir unendlich viel bedeuteten, so gut wie gar nichts. – Leider konnte mir auch diese Einsicht nicht helfen. Denn zugegeben, daß sie selbst überzeugt davon ist, mich „immer gleich“ zu lieben, daß sie die geringen Stufen der Abschwächung, die mich so besorgt machen, gar nicht empfindet, – so könnte es doch eines Tages geschehen, daß ihr wie mit einem Ruck das allmählich, nun aber schon merklich gesunkene Niveau ihrer Liebe fühlbar wird. Was dann!? Sie wird gleichsam in ihrer versperrten Vorratskammer von Liebe nachsehen, die sie gefüllt glaubt, und plötzlich bemerken, daß diese Kammer ausgeraubt ist. Und sie, – sie wird das so natürlich hinnehmen wie den ganzen Lebenslauf. Ich aber – ich habe ja zusehen müssen, offenen Auges, wie man aus dieser Kammer Stück für Stück das, was mir gehört, weggetragen hat, – und ich darf mich gar nicht zur Wehr setzen, denn die Herrin sieht den wochenlang fortgesetzten Diebstahl nicht, will ihn nicht sehen – und die ganze Welt lacht mich aus und schreit: „Eifersucht! Eifersucht!“

Ja, ja, – alle Qualen der Eifersucht lernte ich nun kennen. Nicht daß sie den anderen liebt, – nicht das ist ja der Schmerz des Eifersüchtigen, – sondern daß sie mich nicht mehr so sehr liebt wie früher, daß mir durch ein anderes Gefühl, sei es auch an sich gering, ein Anteil an ihrem Herzen, das vordem ganz mein eigen war, entzogen wird, daß ich nicht mehr Alleinherrscher bin und daß man nicht absehen kann, wohin, zu welcher Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse dieses Abzwacken von Nebengefühlen im Laufe der Zeit führen mag ... O mein Gott, nun war es wohl endgültig um meinen Seelenfrieden geschehen.

Ich ging keinen Augenblick so weit, auch in meinen schwärzesten Befürchtungen nicht, zu glauben, daß Jorinde dem Mechaniker das gewährt hatte, was sie „das Materielle“ nannte und gewissermaßen verabscheute. Weit entfernt war dieser Verdacht. Ich kannte ja Jorindes Stolz. Sie schätzte sich selbst viel zu hoch ein, als daß sie sich zur Frau zweier Männer erniedrigt hätte. – Aber gab es denn nicht andere, für mich ebenso schreckliche Möglichkeiten der Hingabe? Oh, unendlich süße Möglichkeiten, wenn Jorinde es war, die in ihnen erschien, – ein Kuß etwa – unvorstellbar, wahnsinnig, daß ein anderer als ich sie küssen sollte. Und doch wußte ich ja, daß sie über Küsse ganz anders dachte als ich. „Was liegt denn an einem Kuß“ – ich konnte diesen Ausspruch von ihr aus meinem Gedächtnis leider nicht wegbringen. – Ich raste bei dieser Erinnerung! Und malte sie weiter aus. Ja, genügte denn nicht ein Händedruck, – oder der Tanz – oder ein langes, in guter Ruhe über Stunden hin geführtes Gespräch, in dem die Seele sich ergießt, Zeit hat, mit allem, was sie wünscht und hofft, ans Licht zu kommen. Oh, war es nicht fürchterlich, – ein anderer konnte mit Jorinde reden, so oft er Lust dazu hatte, und ich, ich mit all meiner Sehnsucht war eingesperrt in die Ferne der Kilometer, ein Gefangener, der gegen das Gitter des Raumes tobt. – „Denkst du immer an mich?“ Diese Frage war ja niemals zu beantworten, schon damals nicht, als nur Jorinde und ich allein einander gegenübergestanden waren, – schon damals hatten sich alle erdenklichen Gegenstände zwischen uns geschoben, um unsere Gedanken abzulenken, – schon damals war das bloße Nichtwissen um jede Minute des anderen mir wie ein fürchterlicher Mangel in der Struktur des Menschen erschienen – jetzt aber wußte ich ja überdies noch, daß sie zu gewisser Zeit ganz bestimmt nicht an mich, sondern an den anderen dachte, geistig mit ihm beschäftigt war. Es war anders nicht möglich. Sie mußte zur Haltestelle der Elektrischen gehen, seinetwegen, – mußte danach streben, die festgesetzte Stunde nicht zu versäumen, – o Qual, o Qual, – ja, fühlte sie denn nicht, waren ihre Sinne wirklich so stumpf, dies nicht zu erkennen, daß sie mit jedem Schritt zu dieser Station der Elektrischen hin einen grauenvollen Diebstahl an meinem, meinem Gut beging! Daß jede Bemerkung, dem anderen zugeflüstert, ein Verrat an mir war!

Ich konnte nicht länger an mich halten. Ich schrieb ihr offen, wie ich es fühlte.

Ihre Antwort brachte mich zur Verzweiflung. – Ich könne mir eben nicht vorstellen, so klagte sie, in welch einer peinlichen, lähmenden Umgebung sie lebe. Die unangenehmen Kollegen – und zu Hause die Wirtin, über die sie schon immer geklagt hatte, ein unfreundliches, zanksüchtiges Geschöpf. „Du mußt doch einsehen, daß man das Bedürfnis hat, einmal auch ein schlichtes, vernünftiges Wort zu reden – nicht ewig Klatsch und Niedrigkeit anzuhören. Aber Du gönnst mir die Freude nicht, obwohl ich Dir wiederhole, daß es nichts Gleichgültigeres geben kann als diesen Umgang. In den letzten Tagen war er meine einzige Rettung.“ (Welche Widersprüche in den paar Zeilen: meine Randbemerkung.) „Ich danke Gott auf den Knien, daß der Mechaniker mich nicht verlassen hat. Ich hatte Streit mit der Wirtin, ich mußte sofort ausziehen. Und da ist er vom Morgen bis zum Abend mit mir gelaufen, Wohnung suchen, bis ich endlich schlecht und recht einquartiert bin. Ich wohne jetzt in der Gabelsberger Straße, ganz nett. Ohne den Mechaniker wäre ich verloren gewesen. Du siehst also, wie unrecht es von Dir ist“ u. s. f.

Ich war empört. Das wenigstens hatte ich bisher für mich in Anspruch genommen: der einzige zu sein, der ihr half. Meine Göttin war ja in einer gewissen, rein äußerlichen Hinsicht mein Geschöpf. Von dem Gespräch in der Reginabar an hatte ich ihr Schicksal bestimmt, ihre Bahn Schritt für Schritt ermöglicht. Und nun mischte sich ein anderer ein. Ich erklärte, dies unter keinen Umständen dulden zu wollen ...

Nicht daß in ihrer Antwort viel von meiner Herzlosigkeit die Rede war, daß sie sich aufs neue über mein Mißtrauen beschwerte, nicht ihre Auflehnung gegen meine „Eifersüchtelei“ (mit diesem zahmen Worte benannte sie es merkwürdigerweise) brachte mich nun vollends aus der Fassung. Ein Satz am Anfang ihres Briefes war es, der mich ganz tief erschreckte. Da hieß es: „Dein Schreiben, für das ich Dir danke, hat mich sehr gelangweilt. Es ist immer nur der alte Trödel.“ – Was für ein Ton! Es war die erste Grobheit in unserem Briefwechsel, der bisher nie verwildert, nie ausgeartet war – bei aller Erregung nie. Und nun – „gelangweilt!“ – Das hieß doch offenbar, daß der andere schon von ihrem Herzen Besitz ergriffen hatte. Liebe konnte so nicht sprechen! Es war gewiß nicht bloße Empfindlichkeit von mir, daß ich dies sofort ganz scharf spürte. Mochte sie es wissen oder nicht, sie war mir verloren. – Alle Selbstbeherrschung schwand. Berufsarbeit war lächerlich unwichtig. Ich mußte sie sehen! Retten, was zu retten ist. Mit dem nächsten Zug nach Augsburg. – An diesem Tage ging keiner mehr. – Es blieb nichts übrig, als den Morgen abzuwarten.

In schlafloser Nacht (schlaflos wie schon eine ganze Reihe von Nächten vorher, nur noch bohrender, noch fieberhafter als die anderen) gab es eine einzige Hilfe für mich, ein einziges Mittel, nicht irrsinnig zu werden. Ich mußte mir vorstellen, daß zwischen uns beiden wirklich Schluß war. Auf alle günstigen Umstände, die Zweifel an diesem düsteren Ende wecken konnten, auf die Liebesbeteuerungen (selbst noch in ihrem letzten Briefe) durfte ich vorläufig, für diese Nacht, keine Rücksicht nehmen, absichtlich mußte ich sie zu vergessen suchen. Nur kein Schwanken! Nur nicht jetzt das unermeßliche heilige Glück sehen, die große offene Fläche, gut zu leben – und im nächsten Augenblick hinuntergeschleudert, für immer aus dem Licht verdrängt sein. Gerade diese Zweifel zwischen Ja und Nein peinigten mich ja am meisten. – Zu Ende, zu Ende! Mit diesem tödlichen Schmerz des Abschieds in der Brust fand ich noch am allerehesten einen Zustand, der zwar nicht Ruhe genannt werden kann, der aber doch noch innerhalb des Faßbaren und Möglichen lag. Jorinde geht mich nichts mehr an. Weg, alle Gedanken an sie weg! Sie ist nicht, ist nie gewesen. – Da schrak ich zusammen. Das wäre doch noch gräßlicher als alles. Daß sie nicht lebt, daß das Ganze eine bloße Einbildung von mir gewesen ist – nein, lieber leiden, lieber verzichten und ganz weggehen, als ihre Existenz aufgehoben sehen. Aus diesem tiefsten „Nein“ zum bloßen Abschied, aus dunkelstem Schwarz in gemäßigtes Grau mich erhebend – so dämmerte ich dem Morgen entgegen.

Wie habe ich nur die zehn Stunden Eisenbahnfahrt zwischen Berlin und Augsburg überleben können!