Kurzgefaßte Deutsche Stilistik

Part 6

Chapter 63,415 wordsPublic domain

+Als+ steht: ~a~) +gleichstellend+, z. B.: Er starb +als Jüngling+, +als Greis+; ich spreche +als Freund+ mit dir u. ähnl. Als bezeichnet hier die völlige Wesenseinheit, die Einerleiheit; im Gegensatz dazu deutet wie nur die +Ähnlichkeit+ an. Man unterscheide: „Er sprach +als Freund+ zu mir“ und: „Er sprach +wie ein Freund+ mit mir.“ Treffend sagt Goethe: „Vom Schiff aus behandelte man sie (die Delphine) nicht +als+ Geleitsmänner (die sie doch waren) sondern +wie+ Feinde (die sie nicht waren).“

~b~) +erklärend+, z. B.: „Alle Übel des Erdenlebens, +als+ Armut, Not, Krankheit usw., hatte er kennen gelernt.“ Hier kann auch +wie+ oder +nämlich+ gebraucht werden, z. B.: Einige Tiere, +wie+ das Pferd, die Kuh, der Hund u. a., leisten dem Menschen große Dienste.

~c~) +vergleichend+. Man merke folgende Regel: +Nach Komparativen+ steht +als+, nach dem +Positiv+ dagegen, überhaupt zur Bezeichnung der bloßen Gleichheit oder Ähnlichkeit steht +wie+. Man sagt richtig: schwerer +als+ Blei, er ist größer +als+ du; grün +wie+ Gras, er ist schlank +wie+ eine Tanne, er ist +so schlank wie+ eine Tanne, er ist ebenso groß +wie+ ich (doch ist hier auch zulässig: er ist ebenso groß +als+ ich).[20]

~d~) +ausschließend+ (nach Verneinungen). Nach verneinenden Wörtern steht +als+, nicht +wie+. Daher sagt man richtig: +Niemand als+ du kann das getan haben, er redet +anders+, +als+ er denkt (nicht: +wie+ er denkt), ich wünsche +nichts als+ Ruhe usw. Nicht zu verwechseln ist hiermit die Konstruktion: Niemand hat gekämpft +wie+ du u. ähnl. Hier gehört die Konjunktion nicht zu +niemand+, sondern zum Verbum. +Niemand als du hat gekämpft+, d. h. du allein hast gekämpft; +niemand hat gekämpft wie du+ dagegen heißt: es kämpften noch viele außer dir, aber keiner +so tapfer+ (oder so ausharrend u. ähnl.) +wie+ du.

~e~) +Das Zusammenstoßen zweier+ =als= +ist zu meiden+. Man gebraucht dann besser das alte vergleichende +denn+, z. B.: Lieber betteln, +denn als+ Gaukler (nicht: als als Gaukler) sein Brot verdienen. Er erschien mehr als Freund, +denn+ als Feind.

27. Wortstellung.

Die Wortstellung hat für die schriftliche Darstellung dieselbe Bedeutung wie der Redeton für den mündlichen Vortrag. Eine falsche Wortstellung verletzt genau so wie eine falsche Betonung.

~a~) Man vermeide alles +Gezwungene+ und +Unnatürliche+ in der Wortstellung. Nicht gut ist die Wortstellung z. B. in folgenden Sätzen: „Er bequemte sich, für gute Zahlung +mit Blumen und Früchten+ manche Abteilung zu verzieren“ (statt: manche Abteilung mit Blumen und Früchten zu verzieren). -- „Diesmal ward +um+ Mitternacht +eine außerordentliche Sitzung+ auf den anderen Morgen durch den Gerichtsboten angesagt“ (statt: durch den Gerichtsboten eine außerordentliche Sitzung angesagt). -- „Christen, die aus eigener Erkenntnis es sind“ (statt: die es aus eigener Erkenntnis sind).

~b~) Man vermeide +nachklappende+ Satzteile. Unschön sind in schlichter Prosa Sätze wie: „Dieser neue Kummer hat tief gebeugt +das greise Haupt+“ (statt: das greise Haupt tief gebeugt). -- „Er war dein Gast und hatte sich gesetzt +an deinen Herd+.“ Nur bei großem Schwung der Rede oder in poetisch gefärbter Prosa ist ein solches Nachsetzen der näheren Bestimmung gestattet; man vgl. z. B. Fichtes Reden. -- Durchaus verwerflich ist jedoch eine Wortstellung wie die folgende: „Ich nahm von meinen Freunden dankbar alles, was mir angeboten, gegeben, nein aufgedrängt wurde, +an+.“

~c~) Man ordne namentlich die +Adverbialbestimmungen+ an rechter Stelle ein, um so Zweideutigkeiten zu vermeiden. Falsch ist z. B. die Wortstellung in den Sätzen: „Ich bitte mein Ausbleiben +höflichst+ entschuldigen zu wollen“ (statt: Ich bitte höflichst, mein Ausbleiben entschuldigen zu wollen). -- „Der Präsident zeigt das Ableben des Abgeordneten des dritten Wahlbezirks +nach dreitägiger Krankheit+ an“ (statt: das nach dreitägiger Krankheit erfolgte Ableben) usw.

~d~) +Negationen+ und hervorhebende +Partikeln+ stehen in der Regel unmittelbar vor oder nach dem Worte, das verneint oder hervorgehoben werden soll, z. B.: +Nicht+ euer Mut macht mich staunen, sondern eure Keckheit. -- +Auch+ ich war in Arkadien geboren. -- Man unterscheide: +Ich wenigstens+ hoffe noch darauf. Ich +hoffe wenigstens+ noch darauf. +Wenigstens darauf+ hoffe ich noch. -- +Ich selbst+ habe es dir gesagt. Ich habe es +dir selbst+ gesagt. -- +Ich allein+ habe dich verteidigt (kein anderer). Ich habe +dich allein+ verteidigt (deine Genossen nicht mit).

~e~) Man vermeide die Umstellung des Subjekts nach +und+. Häßlich klingen Sätze wie: Der Dichter war an diesem Orte geboren, und +fanden seine Werke+ dort die ersten begeisterten Verehrer (statt: und +seine Werke fanden+). Nur im Volkstone, z. B. in Märchen, Sagen, ist diese Umstellung gestattet (vgl. z. B. Grimms Märchen); sie ist altes deutsches Sprachgut, wie etwa die doppelte Verneinung, und unterliegt daher der nämlichen Beurteilung.

~D.~ Stilistik des zusammengesetzten Satzes.

28. Der Bau der Sätze im allgemeinen.

Jeder Satz soll +übersichtlich+ und +wohllautend+ sein. Man beachte bei allen Sätzen: ~a~) ihre +Form+, ~b~) die Art ihrer +Verknüpfung+, ~c~) ihre +Stellung+, ~d~) ihren +Rhythmus+. Nur wenn nach allen diesen Seiten hin der Satz keinen Anstoß erregt, kann er als stilistisch tadellos bezeichnet werden.

29. Form der Sätze.

~a~) Hauptgedanken erhalten die Form von +Hauptsätzen+, Nebengedanken die Form von +Nebensätzen+. Gegen diese Regel wird häufig dadurch gefehlt, daß ein Hauptgedanke in Form eines +Relativsatzes+ einem anderen Satze angefügt wird, und daß umgekehrt einem Nebensatze ein +Hauptsatz+ (statt eines Nebensatzes) beigeordnet wird. Zu tadeln sind demnach Sätze wie die folgenden: „Gestern brach in dem Hauptgebäude des Schlosses Wilhelmshöhe, das jetzt vom Kaiser bewohnt wird, Feuer aus, +das aber durch schleunige Hilfe wieder gelöscht wurde+“ (statt: wurde aber durch schleunige Hilfe wieder gelöscht). -- „Der König, der uns diese Verfassung gegeben hat, und +er hat sich derselben auch untergeordnet+“ (statt: gegeben und sich derselben auch untergeordnet hat). -- „Hier ragten zwei Felsen empor, von denen der eine kahl war; +der andere war mit Gestrüpp bewachsen+“ (statt: von denen der eine kahl, der andere mit Gestrüpp bewachsen war). -- Doch kann man einem Nebengedanken, +wenn er hervorgehoben werden soll+, die Form eines +Hauptsatzes+ geben. So kann ich dem Satze: „Wir verehren diesen Mann, weil er unserem Vaterlande eine Achtung gebietende Stellung gegeben hat“, auch folgende Form geben: „Wir verehren diesen Mann, +denn er hat unserem Vaterlande eine Achtung gebietende Stellung gegeben+.“ Durch diese Umänderung erhält der Nebengedanke besonderes Gewicht.

~b~) Man strebe nach +Ebenmaß+ in der Form der Sätze. Die wichtigste Regel ist hier folgende: Einander entsprechende Satzglieder (z. B.: Subjekt und Prädikat mit ihren Bestimmungen) oder Sätze (z. B.: beigeordnete oder parallele Haupt- und Nebensätze) müssen annähernd +gleichen Umfang+ und möglichst +gleiche grammatische+ Form haben. Da das Prädikat in der Regel den Hauptton trägt, so muß es mit seinen Bestimmungen meist größeren Umfang als das Subjekt haben, z. B.: „+Ich höre staunend die Gewalt des Mundes, der mir von je so unheilbringend war.+“ Das Tonverhältnis würde daher unschön sein, wenn das Prädikat +geringeren+ Umfang hätte als das Subjekt, z. B.: „Der liebliche, von Blume zu Blume flatternde Schmetterling, ein Meisterwerk der Natur, ein kleines Wunder der Schöpfung, dessen kurze Lebenstage munterem Tändeln gewidmet sind, +erfreut uns+.“ Ebenso darf das Prädikat, wenn es oft auch größeren Umfang als das Subjekt haben muß, doch nicht +unverhältnismäßig+ erweitert sein, wie in folgendem Satze: „Die Gemsenjagd ist +ein gefährliches, schwindelfreien Kopf, kühnen Mut, gute Lungen und ausdauernde Muskelkraft erforderndes, gerade darum aber von gesunden, kräftigen Menschen begehrtes Vergnügen+“ (statt: Die Gemsenjagd ist ein gefährliches Vergnügen; es erfordert schwindelfreien Kopf usw. Gerade darum aber wird es von gesunden, kräftigen Menschen gern aufgesucht). -- Gleichmäßige grammatische Form haben die Sätze in folgender Periode: „So übt der Mensch in der Jugend seine Kräfte, damit er im Kampfe des Lebens nicht unterliege; so zieht er schwere Arbeit dem leichten Spiele vor, damit er des Lebens Preis erjage.“ Zu tadeln wäre es, wenn hier im zweiten Teile des Satzbildes +auf diese Weise+ statt so, oder +auf daß+ statt +damit+ gesetzt würde. Durch schönes Gleichmaß der Form zeichnen sich folgende Sätze aus: „Das Buch war das beste, das ihnen die angenehme Ruhe ließ, im Lesen wenig zu denken, das ihnen das Vergnügen schaffte, hier und da ein Blümchen zu finden, ohne sich bücken zu dürfen, das sie in den süßen Traum einwiegte, das hier zu lesen, was sie selbst schon gedacht zu haben glaubten.“ +Herder.+ -- „Ihr Blick und alles, was Sie umgibt, zeigt mir, daß Sie sich Ihres vergangenen Lebens freuen können, daß Sie auf einem reinen schönen Wege in einer sicheren Folge gegangen sind, daß Sie keine Zeit verloren, daß Sie sich nichts vorzuwerfen haben.“ +Goethe.+ -- Ganz besonders fehlerhaft ist es, wenn von zwei beigeordneten Satzgliedern das eine als bloßes Satzglied, das andere als Nebensatz dargestellt wird, z. B.: „Er gönnte sich Tag und Nacht keine Ruhe +aus Ehrgeiz+ und +weil er nach Reichtum+ strebte.“ Ebensowenig darf man einen vollständigen Nebensatz einem verkürzten oder einer Apposition beiordnen, z. B.: „Der Dichter hat uns hier mit einem Werke beschenkt, +so eigenartig, so ganz dem Geiste unserer Sprache und unseres Volkes entsprechend+, +und in welchem+ sich kühner Schwung der Rede mit hohem Fluge des Geistes paart.“

~c~) Dagegen muß +jeder untergeordnete+ Satz +anders+ gebaut sein, als der ihm zunächst +übergeordnete+. +Verschiedenheit+ der Form ist hier ebenso unbedingtes Erfordernis wie bei parallelen oder beigeordneten Sätzen +Gleichartigkeit+ der Form. So ist es zu tadeln, wenn zwei konjunktionale Objektsätze, von denen der eine dem anderen untergeordnet ist, gleichmäßig mit daß eingeleitet oder durch den +bloßen Konjunktiv+ angeknüpft sind, z. B.: „Ich habe mich bemüht zu zeigen, +daß+ der Charakter der vollkommen gebildeten Sprachen dadurch bestimmt wird, +daß+ die Natur ihres Baues beweist, +daß+ es dem Geist nicht bloß auf den Inhalt, sondern vorzüglich auf die Form der Gedanken ankommt.“ -- „Mein Freund ließ mir sagen, er habe soeben gehört, mein Heimatsort sei durch eine Feuersbrunst eingeäschert worden“ (statt: er habe gehört, +daß+ mein Heimatsort eingeäschert worden sei). Tadellos ist dagegen der Satz: „Man hoffte, er würde erkennen, daß seine Stellung unhaltbar geworden sei.“ -- Überhaupt strebe man bei der Unterordnung nach möglichster Abwechselung nicht nur in der +Form+, sondern auch in der +Art+ der Nebensätze. So ist der folgende Satz anstößig, weil die aufeinander folgenden untergeordneten Sätze immer wieder Attributsätze sind: „Die versammelten Zuschauer erhoben ein Gebrüll der getäuschten Rachsucht, +welches+ demjenigen zu vergleichen ist, +das+ der Tiger ausstößt, +dem+ sein Wächter die Speise fortreißt, +welche+ er eben verschlingen wollte.“

~d~) Man setze überhaupt die +Unterordnung+ nicht durch eine zu +lange Reihe von Gliedern fort+, auch dann nicht, wenn die Nebensätze verschiedener Art sind. Schlecht gebaut ist z. B. der folgende Satz: „Die Leichtigkeit, mit welcher schnell eine nicht geringe Zahl bedeutender Kunstwerke auf +einen+ Platz versammelt worden, zeigt zur Genüge, +wieviel+ Vortreffliches Berlin in sich faßt, +das+, bei Privatpersonen zerstreut, nur diesen und den in jene Familien eingeführten Personen bekannt, dennoch dazu geeignet wäre, die Mehrzahl des kunstliebenden Publikums zu erfreuen, +welches+, um sich an der Vereinigung der königlichen Kunstschätze zu ergötzen, den vollendeten Bau des Museums erwarten muß; +daher+ es gewiß sehr zu wünschen wäre, +daß+ ein ähnliches festbestehendes Lokal zuvörderst sich hier befände, +wo+ Besitzer schätzbarer Gemälde und Kunsthändler das Beste aus ihren Sammlungen zur Kenntnis des Publikums bringen, besonders aber auch die Künstler Berlins ihre zuletzt vollendeten Arbeiten aufstellen lassen möchten, +um+ dadurch sowohl Raum für die neu angefangenen in ihren Ateliers, als mehr noch eine kostbare Zeit zu gewinnen, +welche+ durch die Verpflichtung verloren geht, täglich diejenigen +zu empfangen, welche+ neugierig zu einem oder dem anderen bekannt gewordenen Werke ihres Pinsels wallfahrten.“ +A. v. Helwig.+

~e~) +Gleichförmiger+ Bau mehrerer Sätze, die +aufeinander folgen+, ist zu vermeiden. Anstößig ist es namentlich, wenn die Sätze immer wieder mit demselben Subjekt beginnen, z. B.: „Der +Tiger+ ist ein prächtiges Tier, anmutig in seinen Bewegungen, aber von niedriger, grausamer Gemütsart. Er hat einen auf kurzen Beinen ruhenden Körper, wildrollende Augen und eine feuerrote Zunge, die er stets weit aus dem Rachen hervorstreckt. Er hat keinen anderen Instinkt als eine beständige Wut, einen blinden Grimm. Er wartet im Rohrdickicht, am Ufer der Seen und Flüsse auf die zur Tränke kommenden Tiere. Er sucht sich seine Beute aus oder vervielfältigt vielmehr seine Morde.“ (Besser: Der Tiger ist ein prächtiges Tier usw. +Sein Körper+ ruht auf kurzen Beinen; die wildrollenden Augen und die feuerrote Zunge, die dieser Tyrann der indischen Wälder stets weit aus dem Rachen hervorstreckt, bekunden seine unersättliche Blutgier. Er hat keinen anderen Instinkt, als eine beständige Wut usw. Im +Rohrdickicht+, am Ufer der Seen und Flüsse wartet er usw. +Dort+ sucht er sich seine Beute aus usw.)

30. Art der Verknüpfung.

~a~) Für die +Zusammenziehung+ zweier Sätze gilt folgende Regel: Zwei Sätze dürfen nur dann zusammengezogen werden, wenn die Begriffe, die bei der Zusammenziehung nur +einmal+ gesetzt werden, sowohl dem +Inhalte+ als auch der +grammatischen+ Form nach in beiden Sätzen völlig dieselben sind. So sind folgende Zusammenziehungen falsch, weil der +Inhalt+ verschieden ist: „Der Knabe wird sechs Jahre alt, jetzt in die Schule geschickt und zunächst lesen lernen“ (das Verbum +werden+ muß wiederholt werden; denn es ist das erstemal selbständiges Verbum, das zweitemal [wird geschickt] Hilfsverbum zur Bildung des Passivs, das drittemal [wird lernen] Hilfsverbum zur Bildung des Futurums). -- „Der Kaufmann +hatte+ sein ganzes Vermögen verloren und nur noch ein Haus in seiner Heimat“ (+hatte+ ist das erstemal Hilfsverbum, das zweitemal selbständiges Verbum in der Bedeutung +besitzen+). -- In folgenden Sätzen ist die +grammatische Form+ nicht dieselbe: „Das erst ist die vollkommene Freiheit, +einen Herrn+ weder zu haben noch zu sein“ (statt: weder einen Herrn zu haben, noch ein Herr zu sein). -- „Der Brief, +der+ heute früh angekommen ist und ich sofort gelesen habe.“ -- Vgl. S. 40. -- Ferner gilt als Regel, daß die zusammengezogenen Begriffe nicht +ungleichartig+ seien, wie etwa in dem Satze: „Alle Georgier sind Christen, von Adel oder Bauern und geneigt zur Trunkliebe, gute Jäger und dem Erdbeben ausgesetzt.“ Auf solcher Zusammenstellung von Ungleichartigem beruhen vielfach die Witze Heinrich Heines.

~b~) +Beigeordnete+ Nebensätze müssen durch +dasselbe Pronomen oder dieselbe+ Konjunktion mit dem Hauptsatze verbunden werden. Zwei einander beigeordnete Relativsätze müssen z. B. beide mit +der+ oder beide mit +welcher+ eingeleitet werden. „Schon mancher Reisende ist ein Opfer der grausigen Schneewirbel geworden, +die+ der Sturm in den Hochpässen umhertreibt und +die+ (nicht +welche+) den Wandrer namentlich im Winter überraschen.“ Nicht gut ist der Satz: „Man suchte zu erforschen, +wie+ der Schnee entstünde, +auf welche Art+ (besser: +wie+) seine Kristalle sich zusammenfügten“ usw. Vgl. S. 46.

~c~) Nebensätze, von denen der eine dem anderen untergeordnet ist, sind so viel als möglich durch +verschiedene+ Konjunktionen einzuleiten. Von zwei Bedingungssätzen, die im Verhältnis der Unterordnung zueinander stehen, würde z. B. am besten der eine mit +wenn+, der andere mit +falls+ zu beginnen sein, z. B.: „Es ist immer rührend, +wenn+ auch der schwache Nestor sich dem ausfordernden Hektor stellen will, +falls+ kein jüngerer und stärkerer Grieche mit ihm anzubinden sich getraut.“ +Lessing.+ -- Stehen zwei Relativsätze im Verhältnis der Unterordnung zueinander, so wendet man abwechselnd +der+ und +welcher+ zur Verknüpfung an, z. B.: „Er (Ignatius Loyola) hatte die unbeschränkte Leitung einer Gesellschaft in Händen, auf +welche+ ein großer Teil seiner Intuitionen überging, +welche+ ihre geistlichen Überzeugungen mit Studium auf dem Wege bildete, auf +dem+ er sie durch Zufall und Genius erworben hatte; +welche+ zwar seinen jerusalemischen Plan nicht ausführte, +bei dem+ sich nichts erreichen ließ, aber übrigens zu den entferntesten, erfolgreichsten Missionen schritt und hauptsächlich jene Seelsorge, +die+ er immer empfohlen, in einer Ausdehnung übernahm, +wie+ er sie niemals hatte ahnen können; +welche+ ihm endlich einen zugleich soldatischen und geistlichen Gehorsam leistete.“ +Leopold von Ranke.+ Zu tadeln sind demnach Sätze wie die folgenden: „Der Fremde, +welcher+ das Haus, in +welchem+ (statt: +in dem+) er seine Kindheit verlebt hatte, wieder betrat.“ -- „Ein Bedienter, +der+ lange Zeit treu und redlich einem Herrn gedient, +der+ aber nun gestorben ist (statt: +welcher+ nun gestorben ist), sucht ein anderweitiges Unterkommen.“

31. Stellung der Sätze.

~a~) Die +Objektsätze+ und +Adverbialsätze folgen+ in der Regel dem Hauptsatze +nach+; nur wenn sie +hervorgehoben+ werden sollen, erhalten sie ihre Stellung +vor+ dem Hauptsatze. Regelmäßig: „Ich sehe, daß ihr meiner nicht bedürft.“ „Wie wurde mir, als ich ins Innere der Kirche trat.“ Inversion: „Daß er betrogen ist, kann er nicht sehen; daß sie Betrüger sind, kann ich nicht zeigen.“ „Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich umgeben.“ „Und wie er sitzt und wie er lauscht, teilt sich die Flut empor.“

~b~) +Attributsätze+ stehen in der Regel unmittelbar nach dem Worte, das durch sie näher bestimmt wird, z. B.: „Die Hoffnung, daß sie endlich doch den Sieg über ihre Bedrücker erringen würden, erhielt unsere Vorfahren in schwerer Lage aufrecht.“ Andere Beispiele s. S. 40.

~c~) +Subjektsätze+ stehen in der Regel vor dem Hauptsatze, z. B.: „Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.“ Nachgestellt wird der Subjektsatz, 1. wenn er einen weit +größeren Umfang+ hat als der Hauptsatz, z. B.: „Daß er das Gute will, ist außer Zweifel; aber leider ist es ebenso gewiß, +daß+ geistige Beschränktheit ihn verkehrte Mittel zu guten Zwecken ergreifen und Schwäche des Willens ihn auch ergriffene rechte Mittel nicht durchführen läßt“; 2. wenn der Hauptsatz +hervorgehoben+ werden soll, z. B.: „Es ist +so schwer+, im Freunde sich verdammen.“ „Ganz +unleidlich+ ist’s, was wir erdulden“; 3. wenn der Hauptsatz ein +Fragesatz+ ist, z. B.: „Ist’s denn so nötig, daß er sich entfernt?“

~d~) +Zwischensätze+ dürfen nicht zu +lang+ sein. Nicht gut ist z. B. der Satz: „Der Brocken, welcher die höchste Erhebung des Harzes bildet und schon während des ganzen Mittelalters wohl bekannt war und namentlich in der Sage eine große Rolle spielte, aber noch nicht von fröhlichen Wanderern, sondern höchstens von unheimlichen Hexen bestiegen wurde, gewährt selten eine gute Fernsicht.“ Der Zusammenhang des übergeordneten Satzes wird hier durch den Zwischensatz fast aufgelöst. Sind lange Zwischensätze nicht zu vermeiden, so muß nach Beendigung des Zwischensatzes der übergeordnete Satz von neuem begonnen werden, z. B.: „Daß die Vorsteher jener helvetischen Republiken weder den Herrn Linguet noch seine Annalen für wichtig genug gehalten, sich um ihretwillen auch nur der geringsten Unannehmlichkeit auszusetzen, die daraus hätte erfolgen können, +wenn Blätter+, worin nicht nur so viele öffentliche Korps und Gesellschaften in Frankreich aufs heftigste angegriffen werden, sondern selbst über Nationen, Könige, Fürsten und öffentliche Welthändel mit zynischer Freiheit ins Gelag hinein räsoniert wird, +wenn, sage ich, Blätter+ dieses Schlages öffentlich aus einer helvetischen Druckerei hervorgegangen wären.“ +Wieland.+

~e~) Wenn ein +Nebensatz in einen anderen eingeschoben+ wird, so darf +er nicht gleich nach der Konjunktion+ des übergeordneten Satzes eingeschaltet werden, sondern es muß mindestens +ein den Inhalt+ andeutendes Satzglied (Subjekt, Objekt usw.) voraufgegangen sein. Nicht gut ist daher der Satz: „Es genügt, +wenn+, da der Geist immer unbewußt danach verfährt, er für jeden einzelnen Teil einen solchen Ausdruck findet, der ihn wieder einen anderen mit richtiger Bestimmtheit auffassen läßt.“ Richtig ist dagegen der Satz: „Wie glücklich war ich, daß tausend kleine Vorgänge zusammen, +so gewiß als+ das Atemholen Zeichen meines Lebens ist, mir bewiesen, daß ich nicht ohne Gott auf der Welt sei.“ +Goethe.+ Ist ein Nebensatz in einen +Relativsatz+ eingeschoben, so kann er unmittelbar auf das Relativpronomen folgen, da das Relativpronomen nicht bloß zur Verknüpfung dient, sondern zugleich ein wichtiges Satzglied im Relativsatze bildet. Tadellos ist daher der Satz: „Jeder hat etwas in seiner Natur, +das, wenn+ er es öffentlich ausspräche, Mißfallen erregen müßte.“ +Goethe.+

~f~) Adverbialsätze dürfen +nicht+, wie im Lateinischen, +unmittelbar nach dem Subjekte+ des Hauptsatzes stehen. Fehlerhaft sind daher die Sätze: „Orgetorix, +nachdem+ er sich des Adels versichert, kam in die Gemeinde der Eidgenossen.“ „Der Major, +als+ er in sein Zimmer trat, fühlte sich wirklich in einer Art von Taumel“ usw.

~g~) +Konditionalsätze+, die die Form eines Fragesatzes haben, müssen immer dem Hauptsatze vorangehen, z. B.: „+Ist sie begeistert und von Gott gesandt+, wird sie den König zu entdecken wissen.“ +Schiller.+ Falsch dagegen: „Jede Form, wie köstlich auch immer ihr Inhalt sei, +hat sie einmal ihre Zeit überlebt+, kann so wenig als der Leichnam eines Menschen wieder erweckt werden.“

~h~) +Einschachtelung von Nebensätzen ist zu vermeiden.+ Zu tadeln sind Sätze wie die folgenden: „Christliche Prediger, die sich durch den Ernst, mit welchem sie sich mit den inneren Kämpfen des religiös bewegten Lebens beschäftigten, auszeichneten, waren willkommen.“ -- „Die Gesetze der Schwere, wie sie Newton und andere große Astronomen, welche dadurch einen Ruf, der bis in die Ewigkeit dauern wird, erlangt haben, aufstellen, sind jetzt allgemein bekannt.“

~i~) Nebensätze, die einander +beigeordnet sind+, müssen immer +unmittelbar nebeneinander+ stehen, sie müssen also entweder beide Vordersätze oder beide Zwischensätze oder beide Nachsätze sein. Fehlerhaft ist z. B. der Satz: „+Daß er der Heimat nahe sei+, ward ihm jetzt immer deutlicher, +und daß ihm große Freude bevorstehe+.“

32. Rhythmus des Satzes.

Der Rhythmus des Satzes beruht auf dem Wechsel stärker und schwächer betonter Satzglieder und Sätze. Je wichtiger ein Begriff oder ein Gedanke ist, desto stärker ist seine Betonung. Der Rhythmus wird nur dann ein wohlgefälliger sein, wenn ein lebendiger Wechsel mannigfacher Tonverhältnisse stattfindet und wenn dieser Wechsel nicht unregelmäßig und willkürlich, sondern mit schönem Ebenmaß der Sätze verbunden ist. Man beobachte daher hauptsächlich folgende Regeln: