Kurzgefaßte Deutsche Stilistik

Part 7

Chapter 73,374 wordsPublic domain

~a~) Ein +zu geringer Wechsel+ der Betonung ist zu meiden, denn der Stil wird dadurch +eintönig+ und +schleppend+. +Eintönig+ wird der Stil z. B., wenn lauter kurze Hauptsätze aufeinander folgen: „Peter war groß und von edlem Anstande. Er hatte eine geistreiche Physiognomie. Er drückte sich gut aus und redete mit Feuer, er hatte viel natürliche Anlagen zur Beredsamkeit und hielt oft Anreden. Gegen äußere Pracht war er sehr gleichgültig und überließ es seinem Günstling Menzikof, sie, wo es nötig war, zu zeigen. Nie war wohl ein Mensch arbeitsamer, unternehmender und weniger zu ermüden.“ Man nennt solche Sätze +zerhackte Sätze+. +Schleppend+ wird der Stil, wenn die Perioden +zu lang+ sind, wenn die +Unterordnung+ durch eine +zu lange Reihe von Gliedern+ fortgesetzt wird, vgl. S. 47; wenn +zuviel gleichartige Satzteile+ aneinandergereiht werden, vgl. S. 42, und wenn Nebensätze +eingeschachtelt+ werden, vgl. S. 51.

~b~) Die Satzglieder und einzelnen Sätze einer Satzverbindung oder eines Satzgefüges müssen nach ihrem Inhalte und Umfange in möglichstem +Ebenmaße+ stehen. Vgl. S. 45.

~c~) Anhäufungen +schwach betonter+ oder +unbetonter+ Wörter sind zu vermeiden. Fehlerhaft ist daher der Rhythmus in folgenden Sätzen: „Ich kann Ihre Briefe nicht entbehren: +da Sie mir sie also nicht als ein+ Almosen wollen zukommen lassen“ usw. +Lessing.+ „Er wunderte +sich+, +wie sie+, +die sie es doch selbst+ gesehen habe, das bezweifeln könne.“

~d~) In einer Periode verhalten sich +Vordersatz+ und +Nachsatz+ zueinander wie +Hebung+ und +Senkung+. Der Ton steigt bis zum Ende des Vordersatzes und sinkt dann allmählich bis zum Schlusse des Nachsatzes. Wenn der Nachsatz zu lang ist, namentlich wenn er aus mehreren beigeordneten Gliedern besteht, wird daher der Rhythmus leicht schleppend. Deshalb ist folgende Periode nicht mustergültig: „Wenn das Bücherlesen seinen eigentlichen Zweck erreichen, den Verstand aufklären, den Geschmack bilden, das Herz veredeln, Kraft und Stoff zum Denken, Handeln und Genießen geben, oder was ebensoviel heißt, wenn es uns weiser, besser und froher machen soll: so ist es nicht genug, gleich Irrenden in der Bücherwelt umherschwanken oder immer in einem Meere fremder Gedanken zu schwimmen, indes die Quelle der eigenen in uns vertrocknet; sondern wir müssen mit Wahl und Ordnung, mit Muße und Selbsttätigkeit lesen und dürfen keines der wenigen, aber guten Bücher aus der Hand legen, ehe wir uns über die Hauptgedanken des Verfassers befriedigende Rechenschaft zu geben imstande sind.“ Meisterhaft gebaut ist dagegen folgende Periode Schillers: „Wenn von der menschlichen Natur, solange sie menschliche Natur bleibt, nie und nimmer zu erwarten ist, daß sie ohne Unterbrechung und Rückfall gleichförmig und beharrlich als reine Vernunft handle und nie gegen die sittliche Ordnung anstoße; wenn wir bei aller Überzeugung sowohl von der Notwendigkeit, als von der Möglichkeit reiner Tugend uns gestehen müssen, wie sehr zufällig ihre wirkliche Ausübung ist und wie wenig wir auf die Unüberwindlichkeit unserer besseren Grundsätze bauen dürfen; wenn wir uns bei diesem Bewußtsein unserer Unzuverlässigkeit erinnern, daß das Gebäude der Natur durch jeden unserer moralischen Fehltritte leidet; wenn wir uns alles dieses ins Gedächtnis rufen; so würde es die frevelhafteste Verwegenheit sein, das Beste der Welt auf dieses Ungefähr unserer Tugend ankommen zu lassen.“ In dieser Periode sind nicht nur Vordersatz und Nachsatz zu einem rhythmisch schönen Ganzen verbunden, sondern auch jedes Glied der Periode hat für sich wieder einen wohlgefälligen Rhythmus.

III. Besondere Stilistik.

~A.~ +Die Arten des Stiles.+

33. Prosaischer und poetischer Stil.

Die Prosa ist mehr auf die Mitteilung der Gedanken gerichtet, die Poesie dagegen strebt vor allem nach Schönheit der Darstellung. Der Schöpfer der prosaischen Rede ist daher im allgemeinen der Verstand, der Schöpfer der poetischen Rede die Phantasie. Während die prosaische Rede vor allem Deutlichkeit und Übersichtlichkeit erfordert, verlangt der poetische Stil in erster Linie Anschaulichkeit, Lebendigkeit und Schönheit der Form. Selbstverständlich darf auch der prosaische Stil nicht unschön und der poetische Ausdruck nicht unklar und ohne Verstand sein, aber es handelt sich hier darum, was an erster Stelle dem Stile das eigentümliche Gepräge gibt. Die höchste Stufe erreicht der poetische Ausdruck, wenn er in genau abgemessenen Rhythmen, in Versen und Strophen sich darstellt, und gewöhnlich nennt man poetischen Stil nur den, der in diesen Formen zur Erscheinung kommt. Doch spricht man auch von +poetischer Prosa+, und man sieht schon hieraus, daß die Begriffe „+prosaischer+ und +poetischer Stil+“ sich wegen ihrer Dehnbarkeit wenig zu einer wissenschaftlichen Bestimmung der Stilgattungen eignen. Man teilt daher den Stil besser in folgende Arten: ~a~) +Stil des Verstandes+; ~b~) +Stil des Gemütes+.[21] Der Stil des Verstandes soll berichten und belehren, der Stil des Gemütes rühren und bewegen.

+Anmerkung.+ Prosa, entstanden aus ~oratio prorsa~, d. i. die vorwärts gerichtete, geradeaus gehende Rede (~proversa~), bei der sich nicht wie bei der poetischen Rede (~oratio versa~) die gleiche rhythmische Gliederung wiederholt; die poetische Rede kehrt gleichsam immer wieder um, während die Prosa vorwärts schreitet.

34. Der Stil des Verstandes.

Der Stil des Verstandes zerfällt zunächst in den +berichtenden+ und +belehrenden+ (didaktischen) Stil.

Zu dem +berichtenden+ Stile gehören:

~a~) Der +Geschäftsstil+. Hierher rechnet man alle Arten von amtlichen Berichten, Verträgen, Vermächtnissen, Zeitungsanzeigen, Geschäftsbriefen, Beschreibungen von Bauten, Maschinen usw. Der Geschäftsstil fordert vor allem +Deutlichkeit+, +Sprachrichtigkeit+, +Bestimmtheit+ und +Kürze+. Bilder, veraltete und neugebildete Wörter, mehrdeutige Ausdrücke, müßige Attribute sind streng zu meiden. Die +Uneigentlichkeit+ des Ausdruckes wird hier zum Fehler; man gebe jedem Begriffe die gebräuchlichste Benennung und suche nicht etwa das Abstrakte durch Bilder zu versinnlichen oder den einfachen Ausdruck durch Redefiguren auszuschmücken.

~b~) +Der erzählende Stil.+ Hierher gehören alle Erzählungen von Begebenheiten, alle Beschreibungen und Schilderungen von Naturereignissen, Erlebnissen usw. In der Idylle, im Roman, in der Novelle und im Märchen verbindet sich der erzählende Stil mit dem Gemütsstil und erhebt sich zu poetischer Darstellung. Der erzählende Stil verlangt vor allem +Anschaulichkeit+ und +Lebendigkeit+; +Bilder+ und +Figuren+ sind hier oft von guter Wirkung. Doch darf darüber niemals einfache Deutlichkeit und Natürlichkeit der Rede verloren gehen. Lange Perioden, Häufung von Attributen und präpositionalen Ausdrücken, Überladung mit Nebensätzen sind ganz besonders zu meiden. Die Sätze seien vor allem leicht zu überschauen und unmittelbar verständlich.

~c~) +Der historische Stil.+ Da die Geschichte die Schicksale und Taten einzelner Menschen und Völker darstellt und in diesen Schicksalen zugleich die ewigen Gesetze einer göttlichen Weltordnung zeigt, so muß in der Erzählung weltgeschichtlicher Ereignisse immer ein gewisser feierlicher Ernst mit zum Ausdrucke kommen. Durch diesen sittlichen Ernst unterscheidet sich der historische Stil vom erzählenden. Während der erzählende Stil oft zum einfachen Volkston herabsteigt und gerade dadurch seine schönsten Wirkungen erzielt, verlangt der historische Stil vor allem geistige Durchdringung und völlige Beherrschung des Stoffes und eine glänzende Form, die dem Gedanken genau entspricht. Bestimmtheit und Kürze, vor allem aber Wahrheit und Sachlichkeit sind die ersten Erfordernisse dieser Stilart. Der eigentliche Schöpfer eines deutschen historischen Stiles ist Schiller.[22] -- Im +Epos+ wird der historische Stil zum poetischen Stile.

Den +belehrenden+ Stil kann man in zwei Unterarten einteilen, nämlich in:

~a~) Den eigentlichen +Lehrstil+. Diese Stilart wird hauptsächlich in Lehrbüchern angewendet, also überall da, wo es sich nicht um die Erörterung und Begründung eines einzelnen wissenschaftlichen Satzes handelt, sondern wo eine ganze Summe von Lehrsätzen dargestellt wird, die als hinlänglich anerkannt und feststehend gelten. Deutlichkeit, Bestimmtheit und Kürze sind die unentbehrlichen Eigenschaften dieser Stilart.

~b~) Den +abhandelnden Stil+. Dieser Stil wird angewendet, wenn es sich um die Erörterung, Begründung oder Widerlegung eines einzelnen wissenschaftlichen Satzes handelt. Schärfe und Strenge der Untersuchung, Genauigkeit und Ausführlichkeit der Beweisführung sind unerläßliche Forderungen, wenn die Abhandlung den Leser überzeugen soll. Die größte Klarheit ist hier die größte Schönheit.

35. Der Stil des Gemüts.

Der Stil des Gemüts erwächst aus dem Gefühl des Sprechenden oder Schreibenden und will zugleich das Gefühl des Hörenden oder Lesenden ergreifen oder bewegen. Bewegung des Gefühls ist also das eigentliche Kennzeichen dieser Stilart. Je nachdem nun mehr die Schilderung der eigenen Gefühle oder das Streben, den Hörer oder Leser durch die Darstellung zu bewegen, in den Vordergrund tritt, unterscheidet man den +lyrischen Stil+ und den +rednerischen Stil+.

~a~) Der +lyrische Stil+ tritt am reinsten zutage in der lyrischen Poesie. Er wird aber auch in prosaischen Darstellungen erfordert, wenn in Erzählungen, Trauerreden, feierlichen Glückwünschen usw. die Gefühle der beteiligten Personen zum Ausdruck gebracht werden sollen. Der lyrische Stil erscheint jedoch in der Prosa gewöhnlich anderen Stilarten untergeordnet. Die höchste Steigerung des lyrischen Stiles nennt man den +erhabenen+ Stil, der auf überwältigender Größe der Empfindung beruht. -- Der lyrische Stil fordert vor allem +Wahrheit+ der Empfindung und +Lebendigkeit+ der Darstellung. Krankhafte Empfindelei ist ebenso zu meiden wie bloße trockene Beschreibung der Gefühle. Bilder und Figuren sind dieser Stilart unentbehrlich. Der erhabene Stil namentlich bedient sich edler, nicht in der Alltagssprache gebrauchter Wörter, z. B.: Wange (für Backen), Zähre (für Träne), kiesen (für wählen), walten (für herrschen), Gewand (für Kleid) usw. Solche Wörter nennt man ~verba solemnia~ (d. i. feierliche Wörter), weil sie nur in gehobener Rede gebräuchlich sind.

~b~) +Der Rednerstil.+ Der Redner strebt vor allem danach, dem Willen der Hörer eine bestimmte Richtung zu geben, und sucht das namentlich durch starke Erregung des Gefühls zu erreichen: er will begeistern oder erbauen. Eine nachhaltige Begeisterung wird er freilich nur dann erwecken können, wenn seine Rede die Hörer zugleich +überzeugt+ hat; daher darf nicht bloß das Gefühl sprechen, sondern dem Verstande gebührt ein gleicher Anteil an der Gestaltung der Darstellung. Aber auf der verständigen Klarheit und Deutlichkeit der Rede baut sich dann jene belebtere Form der Darstellung auf, die das Gefühl des Hörers leidenschaftlich zu erregen und mächtig zu ergreifen sucht. Dadurch erst erhält der Rednerstil sein eigenartiges Gepräge. -- +Eintönigkeit+ im Bau der Sätze ist vor allem zu meiden; der Redner muß vielmehr nach reicher Gliederung der Perioden, nach einer großen Fülle verschiedenartiger Satz- und Periodenglieder und nach außerordentlicher Mannigfaltigkeit im Aufbau derselben streben. Schöner Rhythmus der Sätze ist hier ein Haupterfordernis. -- Man unterscheidet +geistliche+ und +weltliche+ Reden; die +weltlichen+ zerfallen wieder in +Schulreden+, +politische Reden+ und +gerichtliche Reden+.

Wie die Rede für die Prosa, so ist das +Drama+ für die Poesie der Gipfelpunkt, den die Darstellung erreichen kann. Auch im Drama ist, wie bei der Rede, das letzte Ziel eine starke Einwirkung auf das Gefühl des Hörers, und auch das Drama verlangt daher jenen höchsten Schwung des Stiles, der den Hörer mächtig mit sich fortreißt.

+Anmerkung 1.+ Eine wohlgebaute Rede gliedert sich in der Regel in drei Teile: in den +Eingang+, die +Ausführung+ und den +Schluß+. -- ~a~) Der Eingang (~exordium~ oder ~expositio~) hat den Zweck, Wohlwollen zu gewinnen, die Aufmerksamkeit zu erregen und die Wißbegierde der Zuhörer in Anspruch zu nehmen. Man teilt daher den Eingang gewöhnlich wieder in drei Teile: 1. die ~captatio benevolentiae~, 2. die ~narratio facti~, d. i. Bericht über den tatsächlichen Anlaß zu der Rede, 3. die ~expositio~. Die ~captatio benevolentiae~ besteht darin, daß der Redner einige Worte voraufschickt, die seine Bescheidenheit und zugleich seine Freundlichkeit gegen den Hörer bekunden. In der ~narratio facti~ gibt der Redner kurz an, was ihn zu seiner Rede veranlaßt hat.[23] Die ~expositio~ legt den Hauptgedanken, das Thema der Rede, und zuweilen auch die einzelnen Teile dar, in die es sich zerlegen läßt. -- Der ganze Eingang muß klar und deutlich und vor allem +kurz+ sein. -- ~b~) Die Ausführung (~disputatio~) ist der eigentliche Kern der ganzen Rede. Man nennt diesen Teil auch die +Beweisführung+; denn hier wird der Hauptgedanke begründet und die entgegenstehenden Meinungen werden bekämpft. Der Redner sucht alle nur möglichen Einwendungen zu widerlegen, so daß zuletzt seine Gedanken als die Sieger in dem Kampfe erscheinen. -- ~c~) Der Schluß (~conclusio~) faßt noch einmal kurz die Hauptstücke der Ausführung zusammen (~recapitulatio~), sucht dann namentlich auf das Gefühl der Zuhörer nachdrücklich zu wirken (+pathetischer Teil+) und legt ihnen den praktischen Zweck der Rede ans Herz (eigentlicher +Schluß+). Den Kern der ~conclusio~ bildet der pathetische Teil, auf dessen Ausführung daher auch ganz besonderer Fleiß zu verwenden ist. Hier kann sich recht eigentlich das Talent des Redners zeigen.

+Anmerkung 2.+ Als besondere Stilart wird zuweilen noch der +Briefstil+ unterschieden. Dieser bildet jedoch keine besondere Stilgattung, sondern der Briefschreiber wird sich bald des Geschäftsstiles, bald des erzählenden Stiles, bald des didaktischen Stiles usw. bedienen, je nachdem er in dem Briefe etwas Geschäftliches verhandeln oder etwas erzählen oder über etwas belehren will. Der Unterschied besteht hier nur in dem Umstande, daß der Brief immer eine schriftliche Mitteilung an eine einzelne Person (selten an mehrere) ist. Dieser Unterschied kommt in der Anrede und am Schlusse zum Ausdruck. Für vertrauliche Briefe gilt die Regel, daß sie sich so eng als möglich an die Umgangssprache anzuschließen haben. Vornehm klingende Phrasen und gesuchte Formen des Ausdrucks sind geschmacklos und stören den Leser.

~B.~ Die Mittel zur Ausbildung des Stiles.

36. Das Studium guter Muster.

Der Ausbildung der Sprache und des Stiles dient genau genommen der gesamte Unterricht, den jemand genießt, aber es sind doch auch besondere Mittel für diesen Zweck vorhanden, deren Gebrauch die Fähigkeit, seine Gedanken klar und in gefälliger Form darzustellen, außerordentlich fördert. Diese Mittel sind: ~a~) +Das Studium guter Muster+; ~b~) +eigene Versuche, seine Gedanken über irgendein Thema zusammenhängend und wohlgeordnet darzustellen+ (+Aufsätze+).

Das Studium guter Muster ist die erste Bedingung, die erfüllt werden muß, wenn jemand auch nur einige stilistische Gewandtheit sich erwerben will. Die Hauptwerke unserer großen Dichter und Schriftsteller vor allem sollten von jedem, der seine deutsche Sprache liebt und achtet, immer und immer wieder nicht etwa bloß flüchtig gelesen, sondern gründlich studiert werden. Man scheide beim Lesen die Hauptgedanken von den Nebengedanken, mache sich immer die Anordnung der Gedanken (Disposition) klar, lerne die vorzüglichsten Stellen auswendig und präge sich gute und geschmackvolle Redewendungen ein; man lese nicht vielerlei neben- und durcheinander, sondern bleibe bei einem, und zwar so lange, bis man mit dem Inhalte völlig vertraut geworden ist. Die Schule wählt zwar eine Anzahl unserer bedeutendsten Dichtungen für die gemeinsame Lektüre in der Klasse aus, aber sie muß doch bei dem Mangel an Zeit vieles der Privatlektüre überlassen. Man lese auch zu Hause laut, das bloße stille Lesen mit den Augen fördert das eigentliche Stilgefühl, das Gefühl für die Schönheit und den Wohllaut des Satzbaues viel zu wenig.

+Anmerkung.+ Neben dem Lesen ist ganz besonders der Umgang mit Gebildeten für die Entwickelung des sprachlichen Ausdrucks von großer Wichtigkeit. Vgl. hierüber Herders Rede: „Von der Ausbildung der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen.“

37. Der Aufsatz.

Jeder Aufsatz handelt über einen bestimmten Gegenstand, welchen das +Thema+ nennt, das dem Aufsatze voraufgestellt wird. Ist das Thema festgestellt, so wird zunächst der Stoff +gesammelt+, d. h. alles aufgesucht und zusammengestellt, was sich über den Gegenstand sagen läßt. Der gesammelte Stoff wird dann in eine bestimmte, zweckmäßige Ordnung gebracht. Diese Ordnung der Gedanken nach Inhalt und natürlicher Folge heißt +Disposition+. Hieran endlich schließt sich die +Ausarbeitung+, die das, was in der Disposition getrennt erscheint, in einen angemessenen Zusammenhang bringt, und das, was in der Disposition bloß allgemein angedeutet werden konnte, im einzelnen ausführt. Demnach lassen sich die Tätigkeiten, die sich bei der Abfassung eines Aufsatzes nötig machen, in folgende vier Gruppen bringen:

1. +Aufstellung des Themas.+ 2. +Stoffsammlung.+ 3. +Disposition.+ 4. +Ausarbeitung.+

38. Das Thema und die Arten der Aufsätze.

Das Thema muß +klar+, +in sich abgerundet+ und +fruchtbar+ sein. +Klar+ nennen wir ein Thema dann, wenn es so gefaßt ist, daß eine Mehrdeutigkeit des Sinnes ausgeschlossen und der Stoff, der behandelt werden soll, genau bestimmt ist. +In sich abgerundet+ ist das Thema, wenn sein Inhalt genau begrenzt und so einer Abschweifung auf Seitengebiete vorgebeugt ist. +Fruchtbar+ endlich heißt ein solches Thema, das ausreichenden Stoff zur Behandlung, seien es Tatsachen oder Gedanken, in sich schließt.

In der Schule wird das Thema in der Regel vom Lehrer gegeben, und die Aufgabe des Schreibenden besteht dann in bezug auf diesen Punkt nur darin, sich den Sinn des Themas vollkommen +klar+ zu machen, der +Abgrenzung+ des Stoffes, die in dem Thema gegeben ist, sich deutlich bewußt zu werden und diese immer festzuhalten, sowie der Anregung zur Auffindung von Stoff, die in dem Thema enthalten ist, sorgfältig und mit Liebe nachzugehen. Im Leben hat man sich jedoch das Thema zu Aufsätzen und umfangreicheren schriftlichen Arbeiten meist selbst zu suchen, und man hat dann genau darauf zu achten, daß es den angeführten drei Forderungen entspricht. Man versäume daher nicht, sich auch im Aufstellen von Themen zu üben, was am besten dadurch geschieht, daß man zu Abschnitten aus den Werken unserer großen Dichter, namentlich Lessings, Goethes, Schillers, Herders u. a. nach sorgfältiger Lektüre kurze und schlagende, d. h. genau bezeichnende Überschriften sucht. Diese Übung ist fast ebenso wichtig als die Ausarbeitung eines gegebenen Themas.

Das Thema kann den verschiedensten Stoffkreisen entlehnt sein. Die wichtigsten Arten der Schulaufsätze sind:

~a~) +Die Erzählung.+ Eine Handlung wird in ihrem ununterbrochenen Verlaufe dargestellt, so daß die einzelnen Teile derselben ein zusammenhängendes Ganzes bilden.

~b~) +Die Beschreibung.+ Ein Gegenstand wird in bezug auf seine +nebeneinanderliegenden+ Teile dargestellt. Eine gute Beschreibung wird jedoch auch das im Raume Ruhende in einer gewissen zeitlichen Aufeinanderfolge darzustellen wissen. So wird z. B. eine Pflanze am besten in der Weise beschrieben, daß die einzelnen Teile in der Reihenfolge aufgeführt werden, in welcher sie sich selbst entwickeln, daß man also gleichsam die Pflanze vor sich entstehen sieht. Homer erzählt, wie die Waffen nach und nach fertig werden oder wie ein Kleidungsstück nach dem anderen angelegt wird. So ist immer das Unbelebte und Unbewegte mit dem lebendigen Gang einer Handlung in Verbindung zu setzen. Man vgl. hierüber Lessings Laokoon.

~c~) +Die Schilderung.+ Ein Gegenstand oder ein Ereignis wird in besonders anschaulicher und lebendiger Weise dargestellt, z. B.: ein Frühlingstag, ein Gewitter usw.

~d~) +Die Charakteristik.+ Die Eigenart einzelner Personen oder ganzer Menschengattungen wird geschildert, z. B.: Gustav Adolf, Wallenstein, der Geizige, der Jähzornige usw.

~e~) +Die Abhandlung.+ Die Abhandlung ist die höchste und schwierigste Form des Aufsatzes, weil sie sich nicht mit konkreten Gegenständen, sondern mit abstrakten Dingen, mit Begriffen, Sentenzen und theoretischen Wahrheiten beschäftigt.

~f~) +Übersetzungen aus fremden Sprachen.+ Diese sind für die Ausbildung des Stiles von großer Wichtigkeit, wenn sie mit Sorgfalt ausgeführt werden, und wenn man streng darauf bedacht ist, jede undeutsche Wendung zu meiden.

39. Das Sammeln des Stoffes.

Beim Sammeln des Stoffes schreibe man die Gedanken zunächst ohne Rücksicht auf irgendwelche bestimmte Reihenfolge so nieder, wie sie einem zufällig in den Sinn kommen. Gewöhnlich bilden sich aber dabei von selbst schon gewisse Gesichtspunkte, nach denen der Stoff sich ordnen läßt, mit heraus, die dann später willkommene Anhaltspunkte für die Disposition bieten. Die Hauptmittel, um Stoff zur Behandlung gegebener Themen zu finden, sind: Beobachtung der Natur und des Lebens, sowie die Lektüre guter Werke.

40. Die Disposition.

Bevor man an die Darstellung selbst geht, muß der Gegenstand nach allen Seiten durchdacht sein, und der Stoff, den man dabei gefunden hat, muß geordnet werden. Es lassen sich oft sehr viele Teile und Unterteile bilden, jeder Aufsatz hat aber in der Regel drei Hauptteile, nämlich: ~a~) den +Eingang+, ~b~) die +Ausführung+, ~c~) den +Schluß+.

~a~) Der +Eingang+ hat den Zweck, auf den darzustellenden Gegenstand hinzuleiten. Er muß daher alles enthalten, was zum Verständnisse des Folgenden notwendig ist, und muß das Interesse des Lesers erwecken. Bei Erzählungen und Beschreibungen werden hauptsächlich Raum- und Zeitverhältnisse (Lage, Ort, Jahreszeit u. ähnl.) den Inhalt bilden, bei Abhandlungen wird von den Umständen zu reden sein, die den Verfasser zum Schreiben veranlaßt haben, oder es werden allgemeine Gedanken anzuführen sein, die zu dem besonderen Gedanken des Themas hinführen, u. ähnl. Bei größeren Arbeiten muß die Einleitung immer das Reifste und Vollendetste sein, man wird daher gut tun, sie zuletzt zu schreiben.

~b~) Die +Ausführung+. Am Schlusse der Einleitung, namentlich bei Abhandlungen, pflegt der Schreibende das Thema anzugeben, von dem seine Darstellung handeln soll. Die Ausführung enthält nun die eigentliche Darstellung; alles, was über den Gegenstand zu sagen ist, muß klar, kurz und wohlgeordnet angeführt werden. Die Ausführung gliedert sich daher wieder in eine Reihe von Haupt- und Unterteilen. Die Hauptteile hebe man voneinander ab, leite aber durch geschickte Wendungen von einem zum anderen über; die Unterteile dagegen müssen ganz innig miteinander verbunden werden, so daß sie sich nicht so stark voneinander abheben wie die Hauptteile. Bei der Erzählung, Beschreibung und Schilderung ergeben sich die Teile gewöhnlich aus der zeitlichen Folge oder der räumlichen Lage, bei der Abhandlung steigt man im allgemeinen vom minder Wichtigen zum Wichtigeren auf. Ist bei der Abhandlung das Thema allgemeiner Art, so wird es in der Ausführung in seine Besonderheiten zerlegt, ist es dagegen ein besonderer Gedanke, so wird es auf allgemeine Sätze zurückgeführt. Außerdem müssen Beweisgründe für die Wahrheit, Widerlegungen der Einwürfe beigebracht und die nötigen Folgerungen daraus gezogen werden.