Kurzgefaßte Deutsche Stilistik

Part 4

Chapter 43,457 wordsPublic domain

Die Figuren dienen nicht, wie die Tropen, dazu, der Rede größere Anschaulichkeit zu verleihen, sondern sie sind nur Wort- und Gedankenstellungen, welche die Lebendigkeit der Darstellung erhöhen. Man teilt die Figuren gewöhnlich in +grammatische+ und +rhetorische+ (Sinnfiguren). Die +grammatischen+ Figuren beziehen sich nur auf die Stellung und Betonung der +Worte+ und auf die äußere Form der Sätze, während die +rhetorischen+ Figuren die Verhältnisse der +Gedanken+ betreffen.

I. Grammatische Figuren.

~a~) Der +Ausruf+, als Ausbruch der Leidenschaft, z. B.: Furchtbares Schicksal! +Schiller.+ -- Was für ein Anblick! Welch ein Wiedersehen! +Schiller.+

~b~) Die +Frage+, als Ausdruck des Zweifels, der Verneinung oder einer lebhaften Gemütsbewegung, z. B.: Gibt es keinen Gott? Was? Dürfen in seiner Schöpfung Könige so hausen? +Schiller.+ -- Wann werdet ihr Poeten des Dichtens einmal müd? +Anastasius Grün.+ -- Kann ich Armeen aus der Erde stampfen? Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand? +Schiller.+

~c~) Die +Anrede+ oder +Apostrophe+ (d. i. +Wegwendung+, nämlich von der Sache zur Person), z. B.: Darauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau. +Voß.+ -- Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften, ihr traulich stillen Täler, lebet wohl. +Schiller.+

~d~) Das +Asyndeton+. (Vgl. S. 19.)

~e~) Das +Polysyndeton+. (Vgl. S. 19.)

~f~) Die +Ellipse+. (Vgl. S. 19.)

~g~) Die +Aposiopese+ (d. i. Verschweigung). Während bei der Ellipse nur das Wichtige genannt, das minder Wichtige weggelassen wird, besteht die Aposiopese umgekehrt darin, daß nur das minder Wichtige ausgesprochen, die Hauptsache aber verschwiegen wird, z. B.: „Dich schützt dein Wappenrock, sonst solltest du --“ +Schiller.+ „Wer hier wagt zu mucken --“ +Herder.+

~h~) Die +Inversion+. (Vgl. S. 19.)

~i~) Das +historische Präsens+. In lebendiger Erzählung bedient sich der Schriftsteller zuweilen statt des Imperfekts des +Präsens+, z. B.: Und schaudernd dacht’ ich’s, da kroch’s heran, regte hundert Gelenke zugleich, +will schnappen+ nach mir; in des Schreckens Wahn +lass’+ ich los der Koralle umklammerten Zweig; gleich +faßt+ mich der Strudel mit rasendem Toben. +Schiller.+

~k~) Die +Anakoluthie+ (d. i. Zusammenhangslosigkeit) besteht darin, daß die Konstruktion eines Satzes nicht dem Anfange entsprechend fortgeführt wird, so daß die Mitte oder das Ende des Satzes mit dem Anfange grammatisch in Widerspruch tritt, z. B.:

Wie wenn auf einmal in die Kreise Der Freude mit Gigantenschritt Geheimnisvoll nach Geisterweise Ein ungeheures Schicksal tritt; +Da beugt sich jede Erdengröße Dem Fremdling aus der andern Welt, Des Jubels nichtiges Getöse Verstummt, und jede Larve fällt, Und vor der Wahrheit mächt’gem Siege Verschwindet jedes Werk der Lüge+: +So rafft+ von jeder eitlen Bürde, Wenn des Gesanges Ruf erschallt, Der Mensch sich auf zur Geisterwürde Und tritt in heilige Gewalt.

Da die Anakoluthe gegen die strenge Sprachrichtigkeit verstoßen, so sind sie nur mit Vorsicht zu gebrauchen. Tadelnswert sind in prosaischer Rede namentlich Anakoluthe, die darin bestehen, daß ein als Nebensatz begonnener Satz in der Form eines Hauptsatzes zu Ende geführt wird, z. B.: „Sie wissen, +daß+, wenn die Vestalinnen im alten Rom einem Verbrecher begegneten, +so hatten sie das Recht+, ihn zu begnadigen“ (statt: daß sie das Recht hatten usw.). +Heine.+ -- In der Poesie dagegen ist ein Anakoluth oft von sehr guter Wirkung, weil hier große Innigkeit oder Leidenschaftlichkeit des Gefühls das Herausfallen aus der Konstruktion, das Aufgeben des strafferen Satzbaues erklärlich macht.

~l~) Die +Wiederholung+. Einzelne Wörter oder Satzabschnitte werden wiederholt, um den Begriff hervorzuheben oder dem Ausdruck größere Innigkeit zu verleihen. Das wiederholte Wort trägt immer den Hauptton, z. B.: +lieber, lieber+ Freund! -- +Der Tod, der Tod+ ist mein Gewinn. +Bürger.+ -- +Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit+ klingt ein Lied mir immerdar. +Rückert.+ -- Nicht möcht’ ich deinen Geist in Sünden +töten+, nein, Gott verhüt’s! nicht deine Seele +töten+. +Shakespeare.+

+Anmerkung.+ Gelehrte Spielerei hat hier nach der Stellung, die das wiederholte Wort im Satze einnimmt, viele Arten der Wiederholung unterschieden, und zwar folgende: 1. +Anaphora+, d. i. Wiederkehr desselben Wortes oder derselben Wendung am Anfange mehrerer aufeinanderfolgender Sätze, z. B.: +Sei mir gegrüßt+, mein Berg, mit dem rötlich strahlenden Gipfel! +Sei mir+, Sonne, +gegrüßt+, die ihn so lieblich bescheint! +Schiller.+ -- 2. +Epiphora+ (bei Quintilian ~epistrophe~), d. i. Wiederholung am Schlusse mehrerer aufeinanderfolgender Sätze, z. B.: Wie sollt’ es mich freuen, Marquis, wenn der Freiheit endlich noch diese Zuflucht in Europa +bliebe+! Wenn sie durch ihn es +bliebe+! +Schiller.+ -- 3. +Epanalepsis+, d. i. Wiederholung der den Satz +beginnenden+ Wendung am +Schlusse+, z. B.: +Weinet um mich+, ihr Kinder des Lichts! er liebt mich nicht wieder, ewig nicht wieder, ach, +weinet um mich+! +Klopstock.+ -- 4. +Anadiplosis+, d. i. Wiederholung eines den Satz beendenden Wortes am Anfang des folgenden, z. B.: Nicht der Frühling kann dir’s +geben+, +geben+ mußt dem Frühling du. +Rückert.+ -- 5. +Epanodos+ (d. i. Rückweg). Die wiederholten Worte stehen in umgekehrter Folge, z. B.: +Ihr seid müßig+, +müßig seid ihr.+ +Luther.+ -- 6. +Epizeuxis+, die unmittelbare Wiederholung desselben Wortes oder Satzes, z. B.: So steht auch mir der Sinn in die +weite, weite+ Welt. +Geibel.+ +Ach wie liegt so weit, ach wie liegt so weit+, was mein einst war. +Rückert.+ -- 7. +Symploke+, die Verflechtung mehrerer Arten der Wiederholung, z. B.: Laß mich weinen, an deinem Herzen heiße Tränen +weinen+ (Epiphora), du einz’ger Freund. Ich habe +niemand, niemand+ (Epizeuxis), auf dieser großen weiten Erde +niemand+ (Epiphora). +Schiller.+ -- 8. +Polyptōton+, die Wiederholung eines Wortes in verschiedenen Flexionsformen, z. B.:

Aber der Hörenden floß die +schmelzende+ Trän’ auf die Wang’ hin; So wie der Schnee +hinschmilzt+ auf hochgescheitelten Bergen, Welchen der Ost +hinschmelzte+, nachdem ihn geschüttelt der Westwind, Daß von +geschmolzener+ Nässe gedrängt abfließen die Bäche: Also +schmolz+ in Tränen der Gattin liebliches Antlitz.[10]

+Voß+, Odyssee.

9. +Annominatio+, die Nebeneinanderstellung mehrerer Wörter, die zu demselben Stamm gehören, z. B.: Gar schöne +Spiele spiel’+ ich mit dir. +Goethe.+ +Schreibend schreibt+ er im +Schreiben geschriebene Schriften der Schreiber+. +Voß.+ -- 10. +Antanaklasis+, Wiederholung des Wortes in anderer Bedeutung, z. B.: Wer sich nicht selbst zum +besten+ haben kann, der ist gewiß nicht von den +Besten+.

II. Sinnfiguren.

~a~) Das +schmückende Beiwort+ (~Epitheton ornans~) ist ein adjektivisches Attribut, das in sinnlich anschaulicher Weise eine Eigenschaft des substantivischen Begriffs hervorhebt, z. B.: Dich begrüß’ ich in Ehrfurcht, +prangende Halle+, dich, meiner Herrscher +fürstliche Wiege+, +säulengetragenes herrliches Dach+. +Schiller.+ -- Wir bewohnen ein glückliches Land, das die +himmelumwandelnde+ Sonne ansieht mit immer +freundlicher+ Helle. +Schiller.+ -- Sieh, die +mondbestrahlte+ Fläche schlägt es mit den +leichten+ Füßen! +Freiligrath.+ -- Die Epitheta müssen immer charakteristisch sein, sonst sinken sie zu müßigen Attributen herab, die, statt die Lebendigkeit der Darstellung zu erhöhen, den Stil unerträglich platt und weitschweifig machen. Nichtssagend und daher unschön sind namentlich die Beiwörter in den Alexandrinern der Dichter des siebzehnten und der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, z. B.:

Dort fliegt ein +schwerer+ Stein nach dem +gesteckten+ Ziele, Von +starker+ Hand beseelt, durch die +zertrennte+ Luft: Dort fliegt ein +schnelles+ Blei in die +entfernte+ Weiße, Hier rollt ein +runder+ Ball in dem +bestimmten+ Gleise Nach dem +erwählten+ Zweck mit +langen+ Sätzen fort.

+Haller.+

~b~) Die +Steigerung+ (+Klimax+, +Gradation+) besteht darin, daß die Begriffe so angeordnet werden, daß durch den nachfolgenden der vorhergehende überragt wird, z. B.: Tapfer ist der Löwensieger, tapfer ist der Weltbezwinger, tapfrer, wer sich selbst bezwang. +Herder.+ -- Eine schöne Menschenseele finden ist Gewinn, ein schönerer Gewinn ist sie erhalten, und der schönst’ und schwerste, sie, die schon verloren war, zu retten. +Herder.+

O lieber als dem Grafen mich vermählen Heiß von den Zinnen jenes Turms mich springen, Da gehn, wo Räuber streifen, Schlangen lauern, Und kette mich an wilde Bären fest, Birg bei der Nacht mich in ein Totenhaus Voll rasselnder Gebeine, Moderknochen Und gelber Schädel mit entzahnten Kiefern, Heiß in ein frischgemachtes Grab mich gehn Und in das Leichentuch des Toten hüllen.

+Shakespeare.+

~c~) Der +Gegensatz+ (+Antithese+) stellt Begriffe, die sich logisch gegenüberstehen, in parallelen Satzgliedern einander entgegen, z. B.: Ein +Gott+ bist du dem +Volke+ worden, ein +Feind+ kommst du zurück dem +Orden+. +Schiller.+ -- Es bildet ein +Talent+ sich in der +Stille+, sich ein +Charakter+ in dem +Strom der Welt+. +Goethe.+ -- Durch glänzende Antithesen zeichnet sich namentlich Schillers Stil aus. -- Unterarten des +Gegensatzes+ sind das +Oxymoron+ und das +Paradoxon+. Das +Oxymoron+ (ὀξύμωρον, von ὀξύς +gescheit+ und μωρός +dumm+) stellt zwei einander widersprechende Begriffe in +einer+ Wortverbindung zusammen, z. B.: +lebendige Leiche+ (+Gottschall+, Mazeppa), +süßer Schmerz+, +bittre Freude+, +beredtes Schweigen+, +schmerzlicher Genuß+, +erquickender Verdruß+ usw. Das +Paradoxon+ (d. i. das +Unerwartete+) ist ein Gedanke, der mit dem, was nach dem Vorhergehenden erwartet wird, oder mit dem, was die gewöhnliche Vorstellungsweise annimmt, in Widerspruch steht, z. B.: Der Mensch ist +frei+ geschaffen, ist +frei+, und würd’ er in +Ketten+ geboren. +Schiller.+ -- Den Kaiser will man zum +Herrn+, um +keinen Herrn+ zu haben. +Schiller.+

~d~) Die +Ironie+ (d. i. +Verstellung+) sagt das Gegenteil von dem, was sie meint, z. B.: Mit der Axt hab’ ich ihm’s Bad gesegnet. +Schiller.+ Ein Muster der Ironie ist die Rede des Antonius in Shakespeares +Julius Cäsar+, 3. Akt. Als Meister der Ironie zeigen sich namentlich Rabener (in seinen Satiren) und Jean Paul. -- Den mit Hohn verbundenen, bitteren und tief verletzenden Spott nennt man +Sarkasmus+ (d. i. Zerfleischung).

~e~) Der +Euphemismus+ setzt für etwas Anstößiges oder Gefürchtetes das entgegengesetzte Gute. So nannten die Griechen die Erinyen +Eumeniden+, d. h. die Gnädigen, die Römer nannten die Todesgöttinnen +Parzen+, d. i. die Schonenden. Euphemismen sind auch die Umänderungen heiliger und anderer Namen in Schwüren und Ausrufungen, wodurch der Mißbrauch derselben verhüllt werden soll, z. B.: +Potz+ Blitz! (statt: +Gottes+ Blitz!) +Potz+ Wetter! (statt: +Gottes+ Wetter!) Der Tausend! (statt: der +Teufel+!) +Potztausend!+ (statt: +Gottes Teufel!+) usw.

~f~) Die +Litotes+ (d. i. Kleinheit) oder +Verkleinerung+ besteht darin, daß ein geringerer Ausdruck gesetzt wird, als der Gedanke in Wahrheit verlangt, z. B.: Du hast deine Aufgabe +nicht übel+ (statt: ausgezeichnet) gelöst. Du wirst nicht eben erfreut sein (statt: du wirst in große Betrübnis versetzt werden) usw.

~g~) Die +Hyperbel+ (d. i. eig. +Überschwang+, +Übertreibung+) vergrößert die Dinge über die sinnliche Wahrheit hinaus, z. B.: Mein Herz ist heiß, +es könnt’ ein Dolch drin schmelzen+, wenn ich ihn jetzt ins Herz mir stieße. +Hamerling.+ -- Denn alle Fürstenthrone, aufeinandergestellt, bis zu den Sternen fortgebaut, erreichten nicht die Höhe, wo +sie+ steht in ihrer Engelsmajestät. +Schiller.+ Jungfr. v. Orl.

~h~) Die +Onomatopöie+. (Vgl. S. 18.)

17. Bedeutung der Tropen und Figuren für den Stil.

Hinsichtlich der Tropen und Figuren pflegt noch jetzt ein doppelter Irrtum zu herrschen, der nicht entschieden genug bekämpft werden kann. Einmal meint man nämlich, unsere deutsche Sprache habe die Tropen und Figuren erst der griechischen und römischen Sprache entlehnt und habe die Fähigkeit, Tropen und Figuren zu bilden, erst durch diese Sprachen erhalten. Man verwechselt hier, wie so oft, die Namen mit der Sache. Nur die Namen, die gelehrten Bezeichnungen haben wir zum Teil der griechischen und römischen Sprache entlehnt; die Sache selbst, der Drang, die Rede sinnlich anschaulich und lebendig zu gestalten, war unserem Volke von jeher eigen und ist nicht erst von außen in dasselbe verpflanzt worden. Man kann noch heute im Volke täglich Tropen und Figuren hören, von denen niemand behaupten wird, daß sie erst von den Alten entlehnt seien. Wenn eine Mutter zu dem Kinde sagt: „Du hast den Wein halb verschüttet“ (wo doch nur einige Tropfen verschüttet worden sind), oder: „Ich habe es dir schon hundertmal gesagt, aber du hörst nicht“ (wo sie es vielleicht zwei- oder dreimal gesagt hat) usw., so sind das Hyperbeln im eigentlichsten Sinne des Wortes, oder wenn jemand sagt: „Diese Frau ist die leibhaftige Güte, die reine Güte; dieser Mann ist die verkörperte Ehrlichkeit“ u. ähnl., so bedient er sich der Form der Prosopopöie ebensogut wie der, welcher sagt: „Sie ist die +personifizierte+ Güte.“[11]

Das andere Mal ist man der Meinung, daß die Tropen und Figuren zur +Ausschmückung+ der Rede dienten. Auch das ist nicht richtig. Sie dienen vielmehr dazu, der Rede sinnliche Kraft und Lebendigkeit zu geben, und sie dürfen daher nicht äußerlich, wie Schmuckstücke, zusammengesucht werden, sondern sie müssen mit Notwendigkeit aus der Darstellung selbst erwachsen. Man mache es sich daher zum Gesetz, niemals Tropen und Figuren anzuwenden, wo nicht innere Notwendigkeit dazu drängt. Ebenso vermeide man die Nachbildung römischer und griechischer Tropen und Figuren, vielmehr nehme man sie immer möglichst aus seiner eigenen Beobachtung und Erfahrung oder entlehne sie deutschen Vorbildern. Wer diese Vorschriften streng befolgt, der wird bald bemerken, daß sein Stil an natürlicher Kraft und Schönheit gewinnt, während er im entgegengesetzten Falle in widerwärtige Künstelei und stelzbeinige Hohlheit verfällt.

~C.~ Stilistik des einfachen Satzes.

18. Wortbildung.

Die Lautgestalt der Worte erscheint im Zusammenhange der Rede oft verändert; namentlich das tonlose =e= fällt oft am Ende, häufig auch in der Mitte eines Wortes aus. Der Abfall eines Lautes am Ende eines Wortes heißt +Apokope+, der Ausfall in der Mitte eines Wortes +Synkope+.

Die +Apokope+. Viele Wörter haben doppelte Formen, mit =e= und ohne =e=, z. B.: +Gebirg+ und +Gebirge+, +Gebild+ und +Gebilde+, +Ochs+ und +Ochse+ usw. (vgl. hierüber I, 142). Man hat hier die Freiheit, je nachdem der Rhythmus des Satzes oder der Wohllaut es erfordert, von der einen oder anderen Form Gebrauch zu machen. Von den Wörtern +Herr+, +Gesicht+, +Gerücht+, +Gewächs+, +Narr+ und einigen anderen gelten in der Schriftsprache jedoch nur die kürzeren Formen, während in der Mundart das auslautende =e= noch vorkommt. -- Oft fällt das =e= im +Dativ Singularis+ ab, z. B.: dem König, dem Monat, dem Schicksal, dem Reichtum, dem Jüngling u. a. Dieses Dativ-=e= ist jedoch möglichst beizubehalten, nur die Nachsilben +el+, +er+, +en+, +chen+ und +lein+ dulden keine =e= hinter sich. Am häufigsten fällt es sonst ab, wenn Substantiva ohne den Artikel mit Präpositionen verbunden sind, z. B.: von Kind auf, mit Weib und Kind, von Tag zu Tag, von Haus und Hof u. a. Auch vor einem Worte, das mit einem Vokal beginnt, fällt das Dativ-=e= besser weg. -- Auch viele Adverbien dulden den Abfall des =e=; so kann man sagen: +fern+ und +ferne+, +gern+ und +gerne+, +beinah+ und +beinahe+, +früh+ und +frühe+, +bang+ und +bange+, +behend+ und +behende+, +nah+ und +nahe+ usw., aber nur: +bald+ (nur noch dichterisch: +balde+), +zurück+, +sehr+, +oft+, +schön+, +grün+ u. a. Das Adverbium der Zeit +lange+ darf nicht gekürzt werden. Über +heut+ und +heute+ s. I, 240, Anm. 1. -- Der Imperativ der Verben kann mit =e= oder ohne =e= gebildet werden, z. B.: schreib oder schreibe, geh oder gehe, steh oder stehe usw. Die Verben jedoch, die in der 1. Pers. Sing. Präs. =e= haben, ihren Imperativ aber mit =i= bilden, z. B.: sprich, iß, nimm u. a., haben im Imperativ niemals das auslautende =e=.[12] Bei den schwachen Verben erhält die Form auf =e= den Vorzug, z. B.: lobe, rede, melde usw.; die Verben auf +el+ und +er+ haben nur die Form auf =e=, z. B.: handle, wandle, wandre u. a.

Die Apokope wird namentlich in +poetischer+ Sprache angewendet, wo sie besonders dazu dient, den +Hiatus+ zu beseitigen. Unter Hiatus versteht man das Zusammentreffen zweier Vokale, von denen der eine als Auslaut, der andere als Anlaut eines Wortes steht, z. B.: s=ei= =ei=frig, b=au= =au=f usw. Im allgemeinen gilt hier die Regel, daß die Apokope nur dann eintreten kann, wenn der nachfolgende Anlautsvokal +unbetont+ ist, z. B.: +Gottes Gnad’ und+ Vatergüte, +Hab’ und+ Gut, laß deine +Klag’ erschallen+.[13] Dagegen sind Apokopen wie die folgenden unzulässig: Er +erhalt’+ Antwort, der +gräßlich’+ Aufruhr usw. Doch kann zuweilen nach unbetonten Verben die Apokope auch vor betonten Vokalen eintreten, z. B.: Und ich mußt’ Andacht heucheln, konnt’ alles dort erschauen usw. Die Flexionsendungen der Adjektive dürfen nicht durch Apokope getilgt werden, also nicht: die schön’ Erscheinung, die neu’ Erfindung, die bang’ Erwartung usw. Überhaupt darf die Apokope niemals hart und unschön sein. Zeigt sich ein Hiatus, dessen Tilgung durch Apokope zu einer Härte führen würde, so ist das noch kein Grund, den Hiatus in diesem Falle gut zu heißen; man muß vielmehr eine ganz andere Wendung suchen. Im allgemeinen sind die Deutschen in der Vermeidung des Hiatus jedoch viel weniger streng als die Griechen und Römer.

Die +Synkope+ besteht in dem Ausfall eines tonlosen =e= oder =i=, z. B.: Der Knecht hat erschlagen den +edeln+ Herrn; +heilge+ Ordnung, die +Schillerschen+ Dramen usw. Vgl. hierüber I, 240, Anm. 1 und 2.

Bezüglich der Bildung der Worte ist namentlich folgendes zu beachten:

~a~) Man vermeide Neubildungen abstrakter Wörter auf +ung+, +heit+, +keit+ und +tum+. Wörter auf +ung+ werden in der Regel nur von abgeleiteten oder mit Vorsilben zusammengesetzten +transitiven+ Verben gebildet, z. B.: +Führung+, +Verschwendung+, +Tränkung+, +Erfindung+ usw., aber nicht: +Fahrung+, +Verschwindung+, +Trinkung+, +Findung+ usw. Nur wenige Ausnahmen wie: +Sitzung+, +Neigung+ u. ähnl. haben sich eingebürgert. Ganz besonders zu tadeln ist das Zusammenziehen ganzer Redewendungen in ein Substantiv auf +ung+, z. B. +Zurannahmebringung+, +Instandsetzung+, +Klagbarwerdung+, +Zurateziehung+ u. ähnl. -- Von Partizipien dürfen im allgemeinen keine Substantive auf +heit+ gebildet werden; tadelnswert sind daher Bildungen wie: +Unbegründetheit+, +Verlorenheit+, +Unbeachtetheit+, +Treffendheit+ u. a. Nur von einigen Partizipien, die ganz zu Adjektiven geworden sind, wie +bescheiden+, +besonnen+, +verschwiegen+, +erhaben+, +gelassen+, sind Bildungen auf +heit+ zulässig, z. B.: +Bescheidenheit+, +Besonnenheit+ usw. -- Unschön sind die Bildungen auf +keit+ von den Adjektiven auf +haft+, namentlich wenn diese Adjektive von Personennamen abgeleitet sind, z. B.: +Riesenhaftigkeit+, +Schülerhaftigkeit+, +Meisterhaftigkeit+, +Rätselhaftigkeit+ usw. Ebenso anstößig sind solche Bildungen von einigen Adjektiven auf +lich+, z. B.: +Gegensätzlichkeit+, +Bezüglichkeit+, +Inhaltlichkeit+ u. ähnl.

~b~) Von vielen männlichen Personennamen lassen sich mit Hilfe der Endung +in+ auch weibliche Personennamen bilden, z. B.: Freund, Freundin usw. Von Partizipialsubstantiven sind solche Bildungen nicht zulässig, man sage daher nicht: +Verwandtin+, +Beklagtin+, +Abgesandtin+, +Bekanntin+, +Beamtin+ u. ähnl., sondern die +Verwandte+, +Beklagte+ usw.

~c~) Werden von Verben zusammengesetzte Substantive gebildet, so werden diese nicht mit dem vollen Infinitiv, sondern nur mit dem Stamme zusammengesetzt (vgl. I, S. 248, 4), z. B.: +Trink+gefäß, +Reit+pferd usw. Dem entsprechend muß man auch sagen: +Trockenplatz+ (nicht: Trocknenplatz), Zeichenbuch, Zeichenlehrer, Rechenbuch, Rechenlehrer (von ursprüngl. ~zeichen-en~, ~rechen-en~ usw.).

~d~) Man meide geschmacklose und sprachwidrige Zusammensetzungen. Vgl. S. 11. -- Trennbar zusammengesetzte Verben müssen in den entsprechenden Formen getrennt werden (vgl. I, S. 175). Man sage daher nicht: Ich +anvertraue+ dir dieses Kleinod; ich +anerkenne+ deine Verdienste; ich +anempfehle+ dir Ruhe usw.

~e~) Den +substantivischen Infinitiv+ wende man nur mit Vorsicht an. In den meisten Fällen bietet sich ein entsprechendes anderes Substantiv oder eine andere Wendung dar, durch welche die Härte oder die Geschmacklosigkeit, zu der der Gebrauch des substantivischen Infinitivs oft führt, vermieden wird. Er wird namentlich dann anstößig, wenn er mit einem Attribut oder Objekt verbunden ist, z. B.: Das +Aufgehen+ der Sonne (statt: der +Aufgang+), das +Aufbrechen+ des Heeres (statt: der +Aufbruch+), das +Ausbrechen+ einer Seuche (statt: der +Ausbruch+) usw. Statt: „+Das Schwimmen gegen den Strom+ ist schwer“ sagt man besser: „+Gegen den Strom zu schwimmen+ ist schwer“; statt: „Das +ununterbrochene Arbeiten Tag und Nacht hindurch+ ist schädlich“ besser: „+Tag und Nacht hindurch ununterbrochen zu arbeiten+ ist schädlich.“ -- Beim substantivischen Infinitiv eines reflexiven Verbums wird das Reflexivpronomen weggelassen, z. B.: das +Erinnern+ (nicht: das Sicherinnern), +das Freuen+, +das Verhalten+, +das Besinnen+, +das Erbarmen+, +das Erfrechen+ usw.

19. Das Substantivum.

~a~) Die +Häufung attributiver Genitive+, namentlich wenn sie von +gleichem Numerus+ und +Genus+ sind, ist zu vermeiden. Anstößig sind Wendungen wie: „Das Verführerische +des Genusses der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und des Bösen+ verleiteten Adam und Eva zum ersten Sündenfall.“ -- „Die Schwierigkeit +der Erklärung des Ursprungs des Übels+“ (statt: Die Schwierigkeit, den Ursprung des Übels zu erklären). -- „+Meines Freundes+ Unterstützung +dieses Unternehmens+.“ -- „Es fanden sich nach und nach zwei Partien von Flecken in der Nähe +der Mitte der Oberfläche der Sonne+.“ -- „Die Entdeckung +der Gesetze der Bewegung der Planeten+.“

~b~) Fehlerhaft ist die +Umschreibung des possessiven+ oder +objektiven Genitivs+ durch eine Wendung mit der Präposition +von+. Man sage nicht: Der Freund +von meinem Vater+ (statt: meines Vaters), das Haus +von unserem Nachbar+, der Giebel +von dem Hause+, die Wohnung +von meinem+ Bruder, die Erbauung +von der Stadt+, die Eroberung +von der Festung+, der Erzieher +von den Kindern+ usw. -- Nur in folgenden Fällen ist eine solche Umschreibung dieser Genitive gestattet:

1. Wenn das substantivische Attribut ein +Substantivum+ im +Plural+ ist, das +ohne Artikel+ steht, z. B.: „Man hat mich vor ein Gericht +von Männern+ gefordert“ (Schiller). -- „Die Gründung +von Städten+ betrachtete er als die wichtigste Aufgabe eines Fürsten.“ -- „Er hat das Glück +von Tausenden+ gegründet“ (Schiller). -- „Die teure Frucht +von dreißig Kriegesjahren+“ (Schiller). -- 2. Wenn der +Urheber+ eines Dinges von dem +Besitzer+ geschieden werden soll, z. B. ein Buch +von meinem Vater+ (verfaßt), ein Buch +meines Vaters+ (das ihm gehört), der Messias +von Klopstock+, der Spaziergang +von Schiller+ usw. -- 3. Wenn das substantivische Attribut ein +Länder-+ oder +Ortsname+ ist, z. B. der Kaiser +von Deutschland+, der König +von Sachsen+, die Straßen +von Paris+, die Besatzung +von Mainz+ usw. Vgl. I, 144. -- 4. Ausnahmen sind noch: Das Ende +vom Liede+, die Frau +vom Hause+.

~c~) Man wende nicht +objektive Genitive+ (im Anschluß an das Lateinische) an, wo der +deutsche+ Sprachgebrauch eine präpositionale Wendung verlangt. Man sage also nicht: Die Hoffnung +des Sieges+ (statt: auf Sieg), der Haß +der Römer+ (statt: gegen die Römer), die Freude +des Glückes+ (statt: über das Glück des Freundes) usw.