Kurzgefaßte Deutsche Stilistik
Part 3
~a~) Der +Wohllaut+[8] beruht auf der rechten Mischung der Vokale und Konsonanten, sowie auf dem Tonverhältnisse, der Wahl und Anordnung der Worte und Sätze. Helle und dunkle, volle und weniger volle Vokale und ebenso harte und weiche Konsonanten, Lippen-, Zungen- und Gaumenlaute müssen einander ablösen, und derselbe Laut darf nicht zu oft in unmittelbarer Folge auftreten. Unangenehm klingt z. B. die Wiederholung des +ie+ in folgendem Satze: „Das Lied gebiert ein neues Lied, das lieblich durch die Lüfte zieht“, oder die des +ei+ und +n+ in dem Satze: „+eine einer seiner Kreaturen zugefügte Beleidigung+.“ Hinsichtlich der Anordnung der Worte fordert der Wohllaut, daß Form- und Begriffswörter, betonte und unbetonte, ein- und mehrsilbige, einfache und zusammengesetzte Wörter wechseln. Gegen den Wohllaut verstoßen Sätze wie die folgenden: „Manche Menschen möchten ihren Freunden täglich lange Briefe schreiben“ (lauter zweisilbige Wörter). „Denn wo das Unglück +wählt+, +wählt’s+ nicht den +schlechtsten+ Mann.“ (Rückert.) „Wer ist so schön, so klug, so treu, so fromm wie du?“ (Gellert.) Die unmittelbare oder zu häufige Wiederholung desselben Wortes ist zu meiden; unschön klingt z. B. der Satz: „Hinter mir stehen Tausende, +bereit+ mir zu folgen, die auf meinen Wink selbst in den Tod zu gehen +bereit+ sind.“ Wenn mehrere Sätze zusammentreten, verlangt der Wohllaut gleichfalls, daß in Bau, Tonverhältnis und Stellung eintönige Gleichmäßigkeit vermieden werde (s. hierüber: Rhythmus des Satzes). -- Besondere Mittel zur Hebung des Wohllautes, von denen aber nur ein mäßiger Gebrauch gemacht werden darf, wenn nicht das Gegenteil erzielt werden soll, sind die +Alliteration+ und der +Reim+. Die Alliteration besteht darin, daß mehrere bedeutsame Wörter gleichen Anlaut haben, z. B.: „=R=oland der =R=ies, am =R=athaus zu Bremen =st=eht er ein =St=einbild =st=andhaft und wacht.“ In der Prosa erscheint die Alliteration namentlich in alten zweigliedrigen Redeformeln, z. B. Glück und Glas, Licht und Luft, Schirm und Schutz, Wort und Weise, Roß und Reiter, still und stumm, gäng und gäbe, ganz und gar, kurz und klein, hoffen und harren, zittern und zagen usw. Beim +Reime+ dagegen sind die Anfangslaute verschieden, aber Mitte und Ende der Worte sind gleich, z. B. Pracht: Macht. Der Reim kann in der Prosa auch nur in bestimmten Redeformeln Verwendung finden, z. B. Gut und Blut, Weg und Steg, Schritt und Tritt, Stein und Bein (d. i. Totes und Lebendes), weit und breit, schalten und walten usw.
~b~) +Die Neuheit des Ausdrucks+ besteht, abgesehen von der Neubildung der Wörter (s. hierüber 8, ~d~), hauptsächlich darin, daß verbrauchte Redewendungen, Bilder und Modewörter gemieden werden. Solche Wendungen sind z. B. +Anklang finden+, +aufs Tapet bringen+, +mit der Zeit fortschreiten+, +ins Leben treten+, +von etwas Umgang nehmen+ (statt: etwas umgehen), +voll und ganz+ u. a. Bilder wie: +der Zahn der Zeit+, +die Milch der frommen Denkungsart+, +die Rosen der Wangen+, +die Rosen und Dornen des Lebens+, +nach eines anderen Pfeife tanzen+, +der Winter des Lebens+ u. a. sind völlig verbraucht und wirken daher im edleren Stile nur störend. Unsere Zeit braucht ein Bild oft sehr rasch ab; man prüfe daher jede Wendung und jedes Bild genau, ob sie für eine geschmackvolle Darstellung sich noch eignen, und man suche selbst neue Wendungen und Bilder, die man am besten aus seiner eigenen Beobachtung und Erfahrung nimmt, und die sich oft ganz von selbst darbieten. Zuweilen kann man auch abgebrauchten Worten und Wendungen dadurch neues Leben einhauchen, daß man sie auf ihre sinnliche Grundbedeutung zurückführt. Dadurch erscheinen sie oft in einem überraschend neuen Lichte, wie z. B. das Wort +Nimbus+ bei Goethe, wenn er sagt: „Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, weil bei einer näheren Bekanntschaft mit dem Herrn der +Nimbus+ von Ehrwürdigkeit und Heiligkeit wegschwindet, +den uns eine neblichte Ferne um sie herum lügt, und dann sind sie ganz kleine Stümpfchen Unschlitt+.“ Er verdeutlicht hier den Begriff Nimbus (d. i. eigentlich: Lichthof um den Kopf eines Heiligen) dadurch, daß er ihn dem Lichthof einer Laterne vergleicht.
In dem Streben nach Neuheit gehe man aber nicht zu weit; viele unserer neueren Schriftsteller überschreiten hier das rechte Maß, und ihr Stil wird dadurch unnatürlich und ungesund.
12. Anschaulichkeit und Lebendigkeit.
Die +Anschaulichkeit+ besteht darin, daß die Begriffe und Gedanken in sinnlicher Faßlichkeit dargestellt werden. Um diese Sinnlichkeit des Ausdrucks zu erreichen, bedient man sich folgender Mittel:
~a~) Man wählt Worte, die noch nicht allzu abgeschliffen und verbraucht sind, sondern deren sinnliche Grundbedeutung noch von allen gefühlt wird (vgl. 11, ~b~). Die Konkreta haben mehr sinnliche Anschaulichkeit als die Abstrakta, namentlich der poetische Stil gibt daher den ersteren den Vorzug. So ist das Wort +Zügel+ anschaulicher als +Zug+ und +Zucht+; +Band+ anschaulicher als +Bündnis+ usw. Ebenso ist der +einfache+ Ausdruck sinnlich kräftiger als +Ableitungen+ und +Zusammensetzungen+. Wörter wie +ziehen+, +Zucht+, +Zug+, +Band+, +binden+, +Lust+, +Feind+, +Freund+, +Flucht+, +Schlaf+ usw. sind anschaulicher als: +erziehen+, +züchtig+, +vorzüglich+, +unverzüglich+, +bändigen+, +ungebändigt+, +verbindlich+, +belustigen+, +feindlich+, +anfeinden+, +freundlich+, +befreunden+, +Flüchtigkeit+, +Schläfrigkeit+ usw. In den folgenden Versen von Haller ist daher die Wahl der Worte wegen des Mangels an sinnlicher Anschaulichkeit zu tadeln: „Der langen +Einsamkeit+ gibt alles +Überdruß+.“ „Ihr allzustarker +Trieb+ nach der +Vollkommenheit+ ward endlich zum Gefühl der eignen +Würdigkeit+.“ -- Besonders wird aber die Darstellung dadurch anschaulich, daß man statt ganz allgemeiner Bezeichnungen, wie: +sein+, +sich befinden+, +werden+, +geschehen+ u. a., bestimmtere Ausdrücke wählt, welche die Art des +Seins+, +Sichbefindens+, +Werdens+, +Geschehens+ usw. genauer angeben. Statt: „Der Vogel +ist+ auf dem Baume“ sage ich anschaulicher: „Er +sitzt+ auf dem Baume“; statt: „Das Pferd +befindet+ sich in dem Stalle“ heißt es besser: „Das Pferd +steht+ im Stalle“ usw. Solche Beispiele anschaulicher Darstellung sind: „Ich singe, wie der Vogel singt, der +in den Zweigen wohnet+.“ +Goethe.+ -- „Dort wo der Gießbach vom Gebirg +heruntertanzt+ mit hellem Ton, durch grüner Dämmerung Bezirk +schweift wandelnd+ just des Waldes Sohn.“ +Otto Roquette.+ -- „Durch der Surennen furchtbares Gebirg, auf weit verbreitet öden Eisesfeldern, wo nur der heisre Lämmergeier +krächzt+, gelangt’ ich zu der Alpentrift, wo +sich+ aus Uri und vom Engelberg die Hirten +anrufend grüßen+ und gemeinsam +weiden+, den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, die in den Runsen +schäumend niederquillt+.“ +Schiller.+ -- Selbst sinnlich niedrige Ausdrücke sind durch die Anschaulichkeit, die sie gewähren, im poetischen Stile zuweilen von guter Wirkung. So gebraucht Platen in einem Gedichte, das mit einer Übertragung der Worte Vergils: ~Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor~ schließt, das Wort +Knochen+ statt des Ausdruckes +Gebeine+: „Aber einst aus meinen +Knochen+ wird ein Rächer auferstehn.“ Vgl. S. 15.
~b~) Man wendet Wörter an, welche die Naturlaute nachahmen (+Onomatopöie+ oder Schallnachahmung), z. B. sausen, platzen, prasseln, rasseln, rollen, rauschen, heulen, murmeln, plätschern, rieseln, stampfen usw. Bekannt ist der Vers Ovids, in dem er das Quaken der Frösche nachahmt: „~Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere temptant.~“ Prächtige Lautmalereien enthalten die folgenden Stellen:
Näher und näher Kam das Gekling und das Klatschen der Peitsch’ und der Pferde Getrampel.
+Voß+, Siebzigster Geburtstag.
Und hohler und hohler hört man’s heulen.
+Schiller+, Taucher.
Höre, wie’s durch die Wälder kracht! Aufgescheucht fliegen die Eulen. Hör, es splittern die Säulen Ewig grüner Paläste. Girren und Brechen der Äste! Der Stämme mächtiges Dröhnen! Der Wurzeln Knarren und Gähnen! Im fürchterlich verworrenen Falle Übereinander krachen sie alle, Und durch die übertrümmerten Klüfte Zischen und heulen die Lüfte.
+Goethe+, Faust.
Wenn die Räder rasselten Rad an Rad rasch ums Ziel weg, Hoch flog Siegdurchglühter Jünglinge Peitschenknall.
+Goethe+, Sturmlied.
~c~) Man gebraucht statt der abstrakten Ausdrücke +bildliche Wendungen+ (s. hierüber: Bilder und Figuren).
Die +Lebendigkeit+ der Darstellung zeigt sich in der +Anordnung+ und +Verbindung der Worte+. Zu gleichmäßige Bildung der Sätze und zu lange Perioden machen den Stil eintönig und schleppend; mannigfacher Wechsel im Bau der Sätze ist daher ein unbedingtes Erfordernis des guten Stiles. Besondere Mittel zur Erhöhung der Lebendigkeit sind: +die Inversion+, +das Asyndeton+, +das Polysyndeton+ und +die Ellipse+.
Unter +Inversion+ versteht man die Abweichung von der regelmäßigen Wortfolge (vgl. I, S. 193 flg.). An Inversionen reich ist namentlich der Stil Schillers.
Das +Asyndeton+ (vgl. I, 197) oder die +Unverbundenheit+ besteht darin, daß die Konjunktionen zwischen einzelnen Wörtern oder Sätzen ausgelassen werden, z. B.: „Alles rennet, rettet, flüchtet, taghell ist die Nacht gelichtet.“ +Schiller.+
Das +Polysyndeton+ (von πολυσύνδετος, d. i. vielfach verbunden) oder die +Vielverbundenheit+ besteht in der mehrmaligen Wiederholung desselben Bindewortes, z. B. „Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn +und+ wiegen +und+ tanzen +und+ singen dich ein.“ +Goethe.+
Die +Ellipse+ (von gr. ἔλλειψις, d. i. Auslassung) besteht darin, daß nur der Hauptbegriff ausgedrückt, die übrigen Satzglieder aber weggelassen werden, z. B.: „Aus meinem Angesicht, Nichtswürdiger.“ +Schiller.+ -- „Verworrene Labyrinthe -- kein Ausgang -- kein leitendes Gestirn.“ +Schiller.+
Schon aus der Wahl der Beispiele ergibt sich, daß Anschaulichkeit und Lebendigkeit vor allem Erfordernisse des +poetischen+ Stiles sind, doch auch der einfache Stil des Verstandes kann dieser Eigenschaften nicht entbehren, obwohl bei ihm die Deutlichkeit in den Vordergrund tritt.
13. Natürlichkeit.
+Natürlichkeit+ des Ausdruckes ist eine Hauptforderung des guten Stiles. Man erreicht sie dadurch, daß man sich bemüht, die Gedanken immer so einfach und klar wie möglich darzustellen. Man vermeide gesuchte und gezwungene Ausdrücke, geschraubte und gezierte Wendungen, wie sie sich häufig in dem Stile unserer modernen Romandichter und Unterhaltungsschriftsteller finden. Einen einfachen Begriff gebe man durch einen einzigen Ausdruck, nicht durch wortreiche Umschreibungen wieder. Bloßes rhetorisches Wortgepränge ist geschmacklos; man wende Bilder und Redefiguren nur da an, wo sie sich von selbst darbieten und wo ein gewisser Schwung der Rede es verlangt. Durch gesunde Natürlichkeit des Ausdruckes ragen namentlich Luther, Lessing und Goethe hervor.
Gegen die Natürlichkeit des Ausdruckes verstoßen z. B. Sätze wie die folgenden: „Zwei Jahre ungetrübten Glückes waren seit der Jünglinge Bekanntschaft von der flüchtigen Gegenwart der unermeßlichen Vergangenheit überantwortet worden.“ „Der Frühling des Jahres 1763 brachte bei seiner monatlichen himmlischen Gesandtschaft in dem grünen Kabinette der Erde nicht nur die himmlischen Geschenke mit, als da sind die chinesische Blumenmalerei der Natur, die echten Gobelins der lebendigen Hecken, die Jaspisteppiche der Fluren, die breiten Gnaden- und Ordensbänder der lauteren Ströme, die Flötenuhren der Waldkehlen usw., sondern er brachte zugleich in der kleinen Wiege Jean Pauls den Dragoman aller dieser himmlischen Geschenke mit, und durch seine Zunge wurde uns die Sendung aller Frühlinge heiliger, himmlischer.“
~B.~ Bilder und Figuren.
14. Der Gebrauch bildlicher Ausdrücke.
Für den Gebrauch bildlicher Wendungen gelten folgende Regeln:
~a~) Die Bilder müssen +wahr+ sein, d. h. sie müssen erstens mit dem übereinstimmen, was wir von den als Bildern verwendeten Dingen wissen, und sie dürfen zweitens nicht untereinander in Widerspruch stehen. Wenn jemand schriebe: „Der Ruhm dieses Mannes +ging wie der Polarstern auf und nieder+“ oder: „Die Parze +knickte den Stengel+ seines Lebens“, so würden diese Bilder, da sie nicht mit dem übereinstimmen, was wir von dem Polarstern und den Parzen wissen, einen unangenehmen Eindruck hervorrufen. -- Den zweiten Fehler gegen die Wahrheit der bildlichen Wendungen nennt man +Katachrese+ (d. i. Mißbrauch). Die Katachrese besteht darin, daß ein Gedanke durch verschiedene Bilder dargestellt wird, die einander widersprechen, z. B.: „Ich +sah+ die Bronnen +rauschen+ der Ewigkeit um mich.“ +Rückert.+ „Mit leisem Tritte schlüpfte +ein weiblicher Fuß+ ins Zimmer und +löschte mit eigener Hand+ die Kerzen.“ +Phil. Galen.+ „Wir wollen diese +brennende+ Frage nicht +erschöpfen+“ usw. Die Katachrese beleidigt sowohl den Verstand, als auch die Anschauungskraft; man hüte sich daher, aus dem Bilde herauszufallen.
+Anmerkung.+ In der höheren Sprache der Dichtung, namentlich wenn Kühnheit und Schwung der Darstellung gefordert wird, ist der Übergang aus einem Bilde in das andere nicht unbedingt zu verwerfen (vgl. hierüber Vischer, Ästhetik III, Abschnitt 2, 1230). Vollkommen tadellos ist z. B. der Bilderwechsel in Schillers Lied an die Freude: „Freude, +schöner Götterfunken+, +Tochter aus Elysium+.“ Derselben Beurteilung unterliegen zahlreiche Stellen in Shakespeares Dichtungen. Hier zeigen uns die wechselnden Bilder den Gegenstand von verschiedenen Seiten.
~b~) Die Bilder müssen +leicht verständlich+ und +nicht zu weit hergeholt+ sein. Wenn in orientalischen Dichtungen die Schlacht +Lanzenmesse+, das Schwert +Lebensräuber+ genannt wird, so sind diese Bilder nicht schön, weil sie schwer zu enträtseln sind. Zu gesucht ist es, wenn Kleist die Dünste als „die Augenlider, die jetzo das Auge des Weltkreises deckten“ bezeichnet, oder wenn Klopstock das stürmische Meer ein „gebirgiges Meer“ nennt. Namentlich +Jean Paul+ hat sehr viele schwerverständliche und gesuchte Bilder.
~c~) Die Bilder müssen +edel+, +neu+ und +angemessen+ sein. (Vgl. hierüber S. 15. 16.)
~d~) Die Bilder müssen +treffend+ sein und +mehr sagen+, als der gewöhnliche Ausdruck; z. B.: „Wenn der Stamm zum Himmel eilet, sucht die Wurzel still die Nacht.“ +Schiller.+ -- „Nur +verstohlen+ durchdringt der Zweige laubiges +Gitter+ sparsames Licht, und es +blickt lachend+ das Blaue herein. Aber plötzlich +zerreißt der Flor+. Der geöffnete Wald gibt überraschend des Tages blendendem Glanz mich zurück.“ +Schiller.+
~e~) Die Darstellung darf nicht mit Bildern +überladen+ werden. Durch eine solche Überladung wird der Stil schwülstig und unnatürlich. (Vgl. S. 13. 19.)
15. Die Bilder oder Tropen.
Die Alten unterschieden +Tropen+ und +Figuren+, und es soll der Übersichtlichkeit wegen diese Einteilung hier beibehalten werden, obwohl die schaffende Phantasie des Dichters einen solchen Unterschied nicht kennt.
Der +Tropus+ oder die +Trope+ (d. i. +Wendung+, griech. τρόπος, lat. ~tropus~, von griech. τρέπειν, wenden) bezeichnet die Wendung des Ausdrucks vom Gewöhnlichen und Eigentlichen zum Bildlichen und Uneigentlichen. Die Tropen verändern die Vorstellung und mit ihr den Ausdruck, die Figuren dagegen nur den Ausdruck, nicht die Vorstellung; die Tropen verleihen der Rede Anschaulichkeit, die Figuren erhöhen die Lebendigkeit derselben. Wenn Calderon den Bach eine +silberne Schlange+ nennt, so wird die gewöhnliche Vorstellung mit einer anderen, ungewöhnlicheren vertauscht und mit der Vorstellung zugleich der Ausdruck; diese Bezeichnung ist daher ein Tropus. Wenn dagegen Rückert vom Wasserfall sagt: „Er +rauscht+ und +rauscht+ und +rauscht+, die Gegend hört ihn +rauschen+“, so bleibt die Vorstellung unverändert, es wird nur derselbe Begriff und derselbe Ausdruck mehrmals wiederholt, wir haben es hier also mit einer Figur zu tun.
Man unterscheidet folgende Tropen:
~a~) die +Vergleichung+ veranschaulicht den Gegenstand durch ein Bild und stellt Bild und Gegenstand nebeneinander. Das Bild besteht entweder nur in +einem+ Worte oder Satze, z. B. er kämpfte wie +ein Löwe+; „+dem dürren Laube gleich+ verwehten meine Träume“ (Freiligrath); oder es ist weiter ausgeführt, z. B.:
Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser: Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Zur Erde muß es, Ewig wechselnd.
+Goethe.+
~b~) Die +Metapher+ (d. i. Übertragung) setzt das Bild statt des Gegenstandes, ist also gleichsam eine abgekürzte Vergleichung. Die Vergleichung sagt: „Der Wein ist +wie flüssiges Gold+“, die Metapher: „Der Wein ist +flüssiges Gold+.“ Die Metapher gibt dem Ausdruck Adel, Würde und Neuheit, und die Sprachgewalt eines Dichters oder Schriftstellers offenbart sich am deutlichsten in der Fähigkeit, treffende Metaphern zu bilden. Beispiele: Hör’, es splittern die Säulen +ewig grüner Paläste+. +Goethe.+ Des Lebens +Mai+ blüht einmal und nicht wieder. +Schiller.+ Ein +Tropfen Haß, der in dem Freudenbecher zurückbleibt+, macht den Segenstrank zu Gift. +Schiller.+ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie +erobern+ muß. +Goethe.+ -- Man unterscheidet +substantivische+, +adjektivische+ und +verbale+ Metaphern. +Substantivische Metaphern+ sind: +Haupt des Staates+, +Schiff der Wüste+, +Segler der Lüfte+ (Wolke), +Kinder im Walde verirrt und bedeckt mit Blättern im Schlummer+ (die Blumen), +schlafendes Sonnenlicht+ (der Mond), +Hefe des Volkes+ usw. +Adjektivische Metaphern+: eine +schwarze+ Seele, der +blasse+ Neid, der +süße+ Schlaf, die +goldenen+ Himmelsfrüchte, die +goldene+ Sonne, ein +hartes+ Herz usw. +Verbale Metaphern+: die Sonne +blickt+ durch der Zweige Grün; die Woge +bäumt sich+ am Gestade; die Täler +singen+ und die Höhen +schweigen+, die Tannen +schauern+ in der Felsenkluft usw.
Wie die Vergleichung kann auch die Metapher weiter ausgeführt werden, sie wird dann zur +Allegorie+ (von ἀλληγορέω, d. h. etwas anders sagen, als der eigentliche Sinn verlangt). Der Satz: „Die Dichtung war zu Rom +eine ausländische Blume+“ enthält eine Metapher; fügt man hier zu dem Bilde +Blume+ noch weitere sinnliche Beziehungen hinzu (z. B. Same, Garten, Wachstum, Blüte usw.), so erhält man eine Allegorie. So sagt +Herder+: „Die römische Dichtkunst war aus griechischem Samen in den Garten eines Kaisers verpflanzt, wo sie als schöne Blume dastand und blühte.“ Beispiele: Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen. +Schiller.+ In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling, still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis. +Schiller.+
~c~) Die +Metonymie+ (d. i. Umnennung, Vertauschung des Namens) setzt wie die Metapher einen Gegenstand für den anderen, aber nicht wie die Metapher wegen der +Ähnlichkeit+, sondern wegen der +natürlichen und nahen+ Verbindung, in der die Gegenstände miteinander stehen. Die Metonymie nimmt Rücksicht auf:
α) das +Raum-+ oder +Zeitverhältnis+. Man setzt den +Ort+ statt dessen, was sich an demselben befindet, oder den +Zeitraum+ statt derer, die in demselben leben, z. B.: „Ganz +Rom+ geriet in Erregung“ (statt: alle Römer); „bei Abendglockenläuten ging +die Natur+ zur Ruh“ (statt: die Geschöpfe). „So fordr’ ich +mein Jahrhundert+ in die Schranken“ (statt: die Menschen).
β) das +Kausalitätsverhältnis+. Man vertauscht +Ursache+ und +Wirkung+, z. B.: „Wer nie sein Brot mit +Tränen+ aß“ (statt: Kummer). „Aus der Wolke quillt der +Segen+“ (statt: Regen). „Hütten, um die der Landmann stille +Schatten+ pflanzt“ (statt: Bäume). Oder man setzt für die Verrichtung das Werkzeug, z. B. +Schwert+ (statt: Krieg), +Pflug+ (statt: Ackerbau). „Der +Degen+ hat den Kaiser arm gemacht, der +Pflug+ ist’s, der ihn wieder stärken muß.“ +Schiller.+
γ) das +Stoffverhältnis+. Man setzt den +Stoff+ statt der +Sache+, die daraus verfertigt ist, z. B. +Eisen+ (statt: Schwert), +Stahl+ (statt: Dolch), +Blei+ (statt: Kugel), +Eisen+ (statt: Fessel) usw. „Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein die schimmernde +Wolle+, den schneeichten +Lein+.“ +Schiller.+
δ) das +Symbolverhältnis+.[9] Man setzt das +sinnliche Zeichen+ statt des abstrakten Begriffes, der dadurch bezeichnet wird, z. B. +Lorbeer+ (für Sieg, Ruhm), +Zepter+, +Krone+ (statt: Herrschaft, Regierung), +Ölzweig+ (statt: Frieden) usw. „Ist denn die +Krone+ ein so einzig Gut?“ +Schiller.+
~d~) Die +Synekdoche+ (eigentlich: das Mitverstehen) ist genau genommen nur eine Unterart der Metonymie. Sie setzt statt des Allgemeinen das +Besondere+, z. B. den +Teil+ für das +Ganze+: +Dach+ (für Haus), +Mast+ oder +Kiel+ (für Schiff), +Welle+ (für Meer), +Brot+ (für Nahrung) usw.; oder das +einzelne+ statt der +Vielheit+: „Freiheit liebt das +Tier+ der Wüste“ (+Schiller+); oder die +bestimmte Zahl+ für die unbestimmte: „O daß ich +tausend+ Zungen hätte“ usw.
~e~) Die +Prosopopöie+ (d. i. Vermenschlichung) oder +Personifikation+ stellt leblose Dinge oder abstrakte Begriffe als lebende Wesen dar. Viele Metaphern sind zugleich Prosopopöien, z. B.: Die Sonne +verbirgt sich+, der Winter +kommt+, die Natur +schläft+, der Himmel +lacht+ herab, die Erde +dürstet+ nach Regen, der Sturm +heult+ oder +brüllt+, die Wolken +fliehen+, der Strom +zürnt+ usw. Unter Prosopopöien im engeren Sinne versteht man aber weiter ausgeführte Darstellungen dieser Art, z. B.:
Da wacht die Erde grünend auf, Weiß nicht, wie ihr geschehn, Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf Und möchte vor Lust vergehn. Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar Und schmückt sich mit Rosen und Ähren Und läßt die Brünnlein rieseln klar, Als wären es Freudenzähren.
+Geibel.+
Erzittre Welt, ich bin die Pest, Ich komm’ in alle Lande, Und richte mir ein großes Fest, Mein Blick ist Fieber, feuerfest Und schwarz ist mein Gewande.
Ich komme von Ägyptenland In roten Nebelschleiern, Am Nilusstrand im gelben Sand Entsog ich Gift dem Wüstenbrand Und Gift aus Dracheneiern.
+Hermann Lingg.+
~f~) Die +Allusion+ oder +Anspielung+ bringt einen Begriff dadurch zu lebendiger Anschauung, daß sie auf bekannte Zustände, Tatsachen und Begebenheiten hindeutet, z. B. er hat eine +Herkulesarbeit+ vollbracht, eine Sisyphusarbeit, Hiobsgeduld, ein salomonisches Urteil, lakonische Kürze usw. „Ich werde hinter diesen +Wolf+ im philosophischen +Schafspelz+ Hunde zu bringen wissen, die ihn zausen sollen.“ +Lessing.+ -- Hierher gehört auch die Bezeichnung von Personen durch Hinweis auf geschichtliche Ereignisse oder besondere Eigentümlichkeiten, wenn man z. B. jemand einen Homer, einen Spartaner, einen Epikuräer, einen schönen Ort ein Paradies oder Elysium, ein reizendes Tal ein Tempe usw. nennt, oder wenn man statt Pindar sagt: der +dirkäische Schwan+, statt Menelaus und Agamemnon: die beiden +Atriden+, statt Dresden: +Elbflorenz+ usw. -- Die Allusion muß immer verständlich sein, und es ist tadelnswert, wenn auf Vorgänge angespielt wird, die nicht allgemeiner bekannt sind, wie das namentlich Jean Paul tut, der viele seiner Anspielungen erst durch Anmerkungen erläutern muß.
~g~) Die +Periphrase+ oder +Umschreibung+ besteht darin, daß eine Person oder Sache oder eine Tätigkeit nicht mit dem gewöhnlichen einfachen Ausdrucke, sondern durch Aufzählung einzelner Merkmale oder Wirkungen u. ähnl. bezeichnet wird, z. B.:
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
+Goethe.+
Von dem ich Ehre und irdisches Gut Zu Lehen trage und Leib und Blut Und Seele und Atem und Leben. (d. i. alles.)
+Schiller.+
Die Umschreibung ist nur mit Vorsicht anzuwenden, da sie leicht zu Weitschweifigkeit und Undeutlichkeit führt. Völlig geschmacklos sind namentlich Ramlers Periphrasen, der z. B. die +Schlittschuhe+ in folgender Weise umschreibt: „Schuhe von Stahl, worin der Mann der freundlichen Venus (Vulkan) der Blitze Geschwindigkeit barg“ u. ähnl.
16. Die Figuren.