Kurzgefaßte Deutsche Stilistik

Part 2

Chapter 22,996 wordsPublic domain

Gute Verdeutschungen sind: +Beförderung+ (Avancement), +Widerstreit+ (Antagonismus), +Dienstalter+ (Anciennität), +Ruhegehalt+ (Pension), +Verwaltung+ (Administration), +Anzeige+ (Annonce), +Zerrbild+ (Karikatur), +Versteigerung+ (Auktion), +Einleitung+ (Exordium), +Feldzug+ (Kampagne), +Mehrheit+ (Majorität), +Minderheit+ (Minorität), +Antrieb+ (Impuls), +Naturtrieb+ (Instinkt), +Eilbote+ (Kurier), +Zeitungsschriftsteller+ (Journalist), +Streitschrift+ (Pamphlet), +Duldsamkeit+ (Toleranz), +Spaziergang+ (Promenade), +Reifeprüfung+ (Maturitätsexamen), +folgetreu+ (konsequent), +zuständig+ (kompetent), +rechtmäßig+ (legitim), +amtlich+ (offiziell), +lautlich+ (phonetisch), +geeignet+ (qualifiziert), +reißend schnell+ (rapid), +festsetzen+ (stipulieren), +Vertauschung+ (~quid pro quo~) u. v. a.[2]

Ebenso wie die Fremdwörter sind +fremde, aus anderen Sprachen herübergenommene Wendungen+ und +undeutsche Übertragungen fremder Ausdrücke+ zu meiden. Durch solche undeutsche Wendungen wird die Reinheit des Stiles in hohem Grade verletzt. Die meisten derselben entstammen der französischen (Gallizismen) und der lateinischen Sprache (Latinismen). Ein Gallizismus ist z. B. die Wendung: „+gegenüber von dieser Meinung+“ (~vis-à-vis de~...) statt: „+dieser Meinung gegenüber+“; ferner der Gebrauch des hinweisenden Fürworts +jener+ statt des dem Französischen fehlenden +der+ in Sätzen wie: „Die kühne Tat des Horatius Cocles und +jene+ (~celle~, statt: die) des Mucius Scävola“ usw. Man sagt deutsch: „Ich bin +mit+ etwas zufrieden, +mit+ etwas beschäftigt“ u. ähnl. Falsch ist es daher, mit Anlehnung an das Französische zu sagen: „Ich bin +von+ etwas zufrieden (~content de~), +von+ etwas beschäftigt (~occupé de~)“ usw., was sich bei einigen Schriftstellern findet. Man kann im Deutschen +fühlen+ nicht mit dem bloßen Dativ verbinden, sondern bedient sich zur Anknüpfung der Präposition +in+, z. B.: Ich fühle Kraft +in mir+ (nicht: Ich fühle +mir+ Kraft, wie Schiller und Goethe einigemal geschrieben haben). Die Wendungen: +sich durchdringen+ (statt: +durchdrungen sein+), +sich verkaufen+ (statt: +verkauft werden+) u. ähnl. sind Gallizismen, z. B. Das Volk +durchdringt sich+ (~se pénètre~, statt: ist durchdrungen) von Begeisterung für seine große, weltgeschichtliche Aufgabe; die Ware +verkaufte sich+ zu sehr billigen Preisen (deutsch: wurde verkauft). Ausdrücke wie: „Er +geht+, seine Arbeit zu beginnen“; „jemand +auf dem laufenden+ halten (~tenir au courant des affaires~), +auf dem laufenden+ bleiben“; „die Freunde, es +ist wahr+, haben mich betrogen“; „+in diesem+ Lande ist es, wo die Freiheit wohnt“; „es brauchte diesen tränenvollen Krieg“ (Schiller, statt: es bedurfte dieses Krieges); „unter die Nase lachen“ (Schiller, statt: jemand ins Gesicht lachen) u. a. verraten sofort ihren französischen Ursprung.[3] -- +Lateinisch+ sind Wendungen wie: +Cäsar, als er+ usw., +Hannibal, nachdem er+ usw. (deutsch: Als Cäsar usw. Nachdem Hannibal usw.); +ich scheine mir+ (deutsch: ich glaube). Das lateinische ~qualis~ nach ~talis~, ~quantus~ nach ~tantus~ ist im Deutschen durch „wie“ wiederzugeben. Wendungen wie: „Die Schlacht, als welche es keine berühmtere gibt“ sind im Deutschen durchaus zu meiden; wir sagen: „Das ist die berühmteste Schlacht, die jemals geliefert worden ist.“ Ganz besonders stammt aus dem Lateinischen die Unsitte der Häufung von partizipialen Wendungen und der Einschachtelung von Nebensätzen (s. hierüber die Stilistik des zusammengesetzten Satzes).

b) +Veraltete Wörter.+ Altertümliche Ausdrücke wie: +kreucht+, +zeucht+, +zween+, +zwo+, +sintemal+, +alldieweil+, +dieweil+, +maßen+, +jetzo+, +itzt+, +gelahrt+, +dermaleins+, +dahero+, +hinfüro+, +von wegen+, +derselbige+, +männiglich+, +spützen+, +Stümmel+ (statt: Stummel), +das Trumm+ (statt: Stück, Trümmer), +Gelück+, +gelücken+, +bestahn+, +empfahen+, ein Gebot +übergehen+ (statt: übertreten), der +Übergeher+, +beiten+ (für verweilen) u. a. geben dem Stil etwas Gespreiztes und Unnatürliches und sind zu meiden. Doch sind auch hier Ausnahmen zulässig. Die Erforschung des Alt- und Mittelhochdeutschen hat gezeigt, daß mancher schöne Ausdruck, den die ältere Sprache kannte, verloren gegangen ist. Solche Ausdrücke wieder zu beleben und in unsere Schriftsprache einzuführen, ist nicht nur zulässig, sondern sogar wünschenswert, ja Ludwig Uhland hat das sogar als eine notwendige Forderung für die weitere Entwickelung unserer Sprache hingestellt. Dieser Dichter hat auch mit großem Glück zahlreiche alte Ausdrücke und Wendungen unserer Sprache zurückerobert, ebenso wie das +Jakob Grimm+, +Gustav Freytag+ und +Viktor Scheffel+ getan haben.

~c~) +Landschaftliche Ausdrücke.+ Unter landschaftlichen Ausdrücken versteht man solche, die nur gewissen Mundarten angehören und dem allgemeinen Sprachgebrauche fremd sind. Sie stören nicht nur die Verständlichkeit einer sprachlichen Darstellung, sondern klingen oft auch unedel und niedrig; zuweilen verstoßen sie auch gegen die Sprachrichtigkeit. Solche tadelnswerte landschaftliche Wörter und Wendungen sind z. B. +zuverläßlich+ (statt: zuverlässig), +so ein+ (statt: ein solcher), +gemeinnützlich+ (statt: gemeinnützig), +verzählen+ (statt: erzählen), +zu Hause gehen+ (statt: nach Hause), +Verkältung+ (statt: Erkältung), ich +habe daran oder darauf vergessen+ (statt: ich habe es vergessen), sich mit einem +etwas erzählen+ (statt: unterhalten), +Hanke+ (statt: Hüfte), +losgehen+ (statt: anfangen), +ferten+ (statt: voriges Jahr; fränkisch), +mitmachen+, +mittun+ (statt: teilnehmen), +irritieren+ in der falschen Anwendung als: +irre machen+ (z. B. er ließ sich durch die falsche Meldung nicht +irritieren+; irritieren heißt vielmehr: erregen, reizen), nach Berlin +machen+ oder +werden+ (statt: reisen) usw. -- Große Dichter und Schriftsteller haben jedoch oft mit großem Glück landschaftliche Ausdrücke verwendet und dadurch unsere Schriftsprache dauernd bereichert. Wir gebrauchen jetzt z. B. die Wörter: +düster+, +dröhnen+, +dreist+, +staunen+, +entsprechen+ (für: +gemäß sein+, z. B. der Titel des Buches +entspricht+ dem Inhalte) u. a. im edelsten Stile, und doch sind diese Wörter erst aus verschiedenen Mundarten in die Schriftsprache vorgedrungen und wurden früher als unzulässige Provinzialismen getadelt.[4] So wurden durch Goethe und Schiller namentlich unserer Schriftsprache zahlreiche oberdeutsche Ausdrücke zugeführt, während andere Schriftsteller wieder niederdeutsche Wendungen zur Geltung brachten. Doch nur vollendete Meister der Sprache vermögen auf solche Art unsere Schriftsprache zu bereichern. Das Gesagte soll nur zeigen, wie fortwährend unsere Schriftsprache aus der lebendigen Sprache der Mundarten sich erneuert und so vor Erstarrung bewahrt. Man blicke deshalb nicht mit Verachtung auf die Mundarten herab und beherzige die Worte Schleichers: „Die Mundarten sind die natürlichen, nach den Gesetzen der sprachgeschichtlichen Veränderungen gewordenen Formen im Gegensatze zu der mehr oder minder gemachten und zugestutzten Sprache der Schrift.“ (Die deutsche Sprache, S. 111.)

~d~) +Fehlerhafte Neubildungen.+ Ebenso wie man den Gebrauch veralteter Wörter zu meiden hat, muß man sich auch hüten, neue Wörter zu bilden und zu verwenden, die entweder mit den Gesetzen der Sprache in Widerspruch stehen oder gegen den Wohlklang verstoßen. Selbstverständlich bedarf eine Sprache, die nicht der Erstarrung anheimfallen will, immer eines frischen Nachwuchses neuer Ausdrücke; aber diese neuen Wörter, durch welche die Sprache wirklich bereichert wird, können nicht willkürlich gemacht werden, sondern sie wachsen mit Naturnotwendigkeit aus den gesunden Keimen der Sprache heraus. In glücklichen Stunden finden schöpferische Geister solche Ausdrücke, und diese Neubildungen erweisen sich schon dadurch als gesund, daß sie dauernd in den Wortschatz der Sprache übergehen. Solche Neubildungen sind natürlich keine Neologismen. Klopstock, Lessing, Wieland, Goethe, Schiller und Rückert haben unserer Sprache viele neue Wörter zugeführt. Im Simplicissimus findet sich zum erstenmal das Wort „unaussprechlich“, das aber erst durch Klopstock eine dauernde Stellung in unserer Sprache erhalten hat. +Urbild+ für Original tadelt schon Gottsched (Beyträge II, 244) im Jahre 1733, doch wird das Wort später von Lessing für Ideal verwendet. Das Wort „+empfindsam+“ findet sich zum erstenmal im Jahre 1768 bei Bode, dem Übersetzer von ~Yorick’s sentimental journey~ (empfindsamer Reise) von Lorenz Sterne, der es auf Lessings Rat hin anwendet. Lessing gebraucht zuerst +Zartgefühl+ für Delikatesse, Goethe +Zweigesang+ für Duett, +ausgesprochen+ für prononciert, Haller +Sternwarte+ für Observatorium usw. Simon Dach führte das Wort +furchtlos+ in unsere Sprache ein, das noch Gottsched hart tadelte. Das Wort +Sommerfrische+ stammt erst von Ludwig Steub; früher schrieb man dafür Villeggiatur. Adelung verwarf die Worte +Sterblichkeit+ (für Mortalität)[5], +Gemeinplatz+ (für ~locus communis~)[6], die Entwickelung der Sprache hat ihm unrecht gegeben. Im 16. Jahrhundert haben namentlich +Luther+ und +Fischart+ die Sprache mit neuen Worten bereichert.

Fehlerhaft sind dagegen viele Neubildungen der Puristen, z. B. +Zeitblick+ für Minute, +Obstinne+ für Pomona, +Kluginne+ für Pallas, +Reimband+ für Vers, +Geschichtdichtung+ für Roman u. v. a., und die Sprache hat diese rasch wieder ausgeschieden oder gar nicht aufgenommen. Tadelnswert sind namentlich auch zahlreiche Zusammensetzungen, die ohne Rücksicht auf Wohlklang und ohne Beachtung der Sprachgesetze gebildet werden, z. B. +Vorwärtsmarsch+ (statt: +Vormarsch+), +Rückwärtsmarsch+, +Beeinflußbarkeit+, +Außerachtlassung+, +Ansichreißung+, +Nichtbeleidiger+, +Helligkeitszunahme+, +Geltendmachung+, das +Nichtzustandekommen+ des Planes, +Anbringung+, +Offenlassung+, das +Vonsichwerfen+, +Verächtlichmachung+, +Graunjammerüberwältigung+ (Voß), +Vorzeitsfamilienmordgemälde+ (Platen), +Feindesburgenkampferstürmer+ (Rückert) u. v. a. Solche und ähnliche Bildungen sind zu meiden. Schlechte Neubildungen sind auch die von Adverbien gebildeten Adjektive: +hinterherig+, +dasig+, +immerfortig+, +schlechthinnig+ (Schleiermacher), +jederzeitig+, +allerortig+, +solchergestaltig+, +letzthinnig+ u. a.

9. Bestimmtheit und Kürze des Ausdrucks.

~a~) Die +Bestimmtheit+ des Ausdrucks besteht darin, daß durch das Wort oder den Satz scharf und genau der Begriff oder Gedanke wiedergegeben wird, der dargestellt werden soll. Die Unbestimmtheit in der Rede entspringt gewöhnlich aus dem Mangel an Klarheit und Schärfe des Denkens. Das Wort muß den Begriff genau nach Inhalt und Umfang zum Ausdrucke bringen; so darf man da, wo es auf genauen Wortsinn ankommt, nicht sagen: +Gegner+ statt +Feind+, +Obst+ statt +Äpfel, Totschlag+ statt +Mord+, +ganz+ statt +alle+, +manche+ statt +viele+, +Laub+ statt +Blatt+, +Tugend+ statt +Nächstenliebe+, +mäßigen+ statt +bändigen+, +matt+ statt +müde+, +Kälte+ statt +Frost+ usw. Auch hüte man sich vor überflüssigen Zusätzen, wie +gleichsam+, +gewissermaßen+, +mögen+, +können+, +dürfen+, +sollen+ u. ähnl., durch welche die Rede oft unerträglich breit wird. Namentlich fordert die Bestimmtheit, daß man alle Zweideutigkeit oder Vieldeutigkeit in der Rede meide, und daß man die sinnverwandten Wörter sorgfältig in Bedeutung und Gebrauch voneinander unterscheide.

Die +Zweideutigkeit+ oder +Vieldeutigkeit+ des Ausdrucks (griech. +Amphibolie+, lat. ~ambiguitas~ genannt) besteht darin, daß Wörter, die verschiedene Bedeutungen oder Beziehungen haben können, angewendet werden, ohne daß der Zusammenhang klar ergibt, welche Bedeutung oder Beziehung in dem betreffenden Falle gemeint sei. Die Präposition +von+ kann z. B. bald den +Urheber oder die Ursache+ (lat. ~a~), bald +die Person oder Sache+, über welche gesprochen oder geschrieben wird (lat. ~de~), bald ein partitives Verhältnis bezeichnen (z. B. einer +von uns+). Zweideutig sind daher Wendungen wie: „Wir ließen uns seltsame Dinge +von+ ihm erzählen“ (~a~ oder ~de~?), „Ich habe mancherlei +von+ ihm erfahren“; „+von den Soldaten+ wurde +einer getötet+“ (~a~ oder ~ex~?). +Verfolgen+ heißt entweder: +eifrig nachstreben+ oder +feindlich nachstellen+; man sagt daher zweideutig: „Er +verfolgt+ die Politik seines Vorgängers.“ +Übersehen+ kann bedeuten: +beherrschen+ oder +vernachlässigen+; daher ist folgender Satz zweideutig: „Der Geschäftsführer +übersah+ mehr, als man glaubte.“ -- Mehrdeutigkeiten in der Beziehung stellen sich namentlich leicht beim Gebrauch der Pronomina ein, z. B. „Der Wirt ist mit dem Nachbar und seinem Sohne fortgegangen“ (mit dem Sohne des Wirtes oder des Nachbars?). Die Zweideutigkeit in diesem Satze kann entweder durch Veränderung der Wortstellung oder durch Einführung von „+dessen+“ statt „+seinem+“ gehoben werden. Oft läßt sich eine Zweideutigkeit durch Anwendung des Pronomens +derselbe+ (oder +dieser+) vermeiden. Wenn ich sage: „Der Fremde wohnte lange bei diesem Seelsorger; er hat ihm das Leben gerettet“, so bleibt unklar, wer der Retter und wer der Gerettete ist. Der Satz ist jedoch sofort völlig klar, wenn ich sage: „+derselbe+ (oder +dieser+) hat ihm das Leben gerettet“ oder: „er hat +demselben+ (oder +diesem+) das Leben gerettet.“ Im ersten Falle ist der Lebensretter der Seelsorger, im zweiten Falle der Fremde. Man merke über den Gebrauch des Pronomens +derselbe+ hier die Regel: Wenn das Pronomen +derselbe+ auf verschiedene Substantive bezogen werden kann, so ist es niemals auf das Subjekt, sondern immer auf ein anderes Satzglied zu beziehen. Demnach unterscheide man: „Mein Bruder ist zu meinem Freunde gegangen; +derselbe+ soll mit ihm in die Stadt gehen“ und „Mein Bruder ist zu meinem Freunde gegangen, er soll mit +demselben+ in die Stadt gehen.“ Undeutlich sind auch die Beziehungen in Sätzen wie: „+Als Politiker+ zolle ich ihm volle Anerkennung“, „+Der Verlust des Freundes+ schmerzt uns“, „+Die Unterstützung der Mutter+ kam zu spät“ usw.

+Sinnverwandte Wörter+ richtig zu gebrauchen, erfordert große Aufmerksamkeit, da die Unterschiede oft sehr fein sind. Wörter wie +klug+ und +weise+, +Freude+, +Vergnügen+, +Wonne+ und +Lust+, +entdecken+, +enthüllen+ und +entlarven+, +anstellig+, +geschickt+ und +fähig+, +klettern+ und +klimmen+, +verachten+ und +verschmähen+ u. v. a. dürfen nicht miteinander verwechselt oder vertauscht werden. Ein feines Sprachgefühl wird durch solche Verwechselungen sehr verletzt. Durch gründliches Studium der Synonymik der Wörter und Wortformen wird diesem Stilfehler am besten vorgebeugt.[7]

~b~) +Die Kürze des Ausdrucks+ besteht darin, daß zur sprachlichen Darstellung eines Gedankens nicht mehr Worte verwendet werden, als nötig sind, um diesen deutlich und wohlgefällig wiederzugeben. Jedes überflüssige Wort verletzt den gebildeten Geschmack. Als überflüssig ist alles anzusehen, was weder den darzustellenden Gedanken verständlicher macht, noch den besonderen Zweck der Darstellung fördert. Weitschweifigkeit und Breite des Stiles ist ein Fehler, in den namentlich die Jugend leicht verfällt. Man vermeide besonders die +Tautologie+ und den +Pleonasmus+.

Die +Tautologie+ (d. i. die Wortnämlichkeit) besteht darin, daß derselbe Begriff durch zwei gleichbedeutende Ausdrücke bezeichnet wird. Solche überflüssige Wiederholungen des Gesagten sind z. B. Er +mußte notwendig+ verreisen; sie haben +einander gegenseitig+ beleidigt; +mein+ Buch, +das ich mir gekauft habe+; er +stammelte lallend+; ich bin nicht +imstande+, kommen +zu können+; +er erlaubte+, daß ich teilnehmen +dürfte+; +er befahl+, daß ich gehen +sollte+; daß du +natürlich+ willkommen bist, +versteht sich von selbst+; er bezieht ein +Jahrgehalt+ von +jährlich+ 3000 Mark; er ist +bereits schon+ abgereist; er ist nicht +nur allein+ eitel, sondern auch anmaßend; er konnte +nur bloß+ raten, aber nicht helfen; die +Todesnachricht+ von dem +Hinscheiden+ meines Freundes; die Lage +in der Nähe+ des Kanals und der +unfernen+ Eisenbahn; er +wünscht+, daß du heute nicht kommen +mögest+; das +kann+ nicht +möglich+ sein; die +Veröffentlichung+ eines Gesetzes +publizieren+; +Unantastbarkeit+ der +Integrität+ der Türkei; etwas +ostentativ zur Schau tragen+ usw. Hierher gehören auch Zusammensetzungen und Zusammenstellungen wie: +Schiffsflotte+, +Hieranwesenheit+, +Examenprüfungen+, +Stadtpfarrprediger+, +Grundprinzip+, +Guerillakrieg+ (spanisch ~guerra~ = Krieg, ~guerilla~ = kleiner Krieg), +vokaler Gesang+, +größere Majorität+, +mögliche Eventualität+, +falsche Illusion+ u. v. ähnl. Auch die +Anhäufung von Synonymen+ verstößt gegen die Kürze des Ausdrucks, z. B. Er ist ein +wahrer+, +echter+ und +aufrichtiger+ Freund, der mir +lieb+, +wert+ und +teuer+ ist.

Der +Pleonasmus+ (d. i. Wortüberfluß) ist der +Tautologie+ eng verwandt. Er besteht darin, daß die Rede mit überflüssigen Beiwörtern überfüllt wird, oder daß Begriffe, die schon bezeichnet sind oder aus dem Zusammenhange der Rede sich ergeben, noch einmal ausgedrückt werden, z. B. ein armer Bettler, ein alter Greis, nasser Regen; er fuhr +weiter fort+ zu reden; er hat das +noch einmal wiederholt+. Das Glück wollte, daß das Feuer wegen eines anhaltenden Regens, +der vom Himmel fiel+, nicht um sich griff (H. v. Kleist). Keine Spur verriet, daß hier jemals ein menschliches Wesen gehaust, +daß dieser Boden jemals von einem menschlichen Wesen betreten worden war+. +Infolge+ eines +stattgefundenen+ Zwistes verließ er seinen Freund usw.

Die +Tautologie+ und der +Pleonasmus+ sind namentlich störend in dem verstandesmäßigen Stile der Prosa, in Abhandlungen und wissenschaftlichen Darstellungen. Der rednerische und poetische Stil dagegen lassen recht wohl eine gewisse Wortfülle zu, doch sind auch hier alle +müßigen+ Beiwörter und unnötigen Umschreibungen aufs strengste zu meiden; nur dann ist die Wortfülle berechtigt, wenn durch sie ein Begriff in lebendiger Weise veranschaulicht oder dem Gemüte näher gebracht und so die Schönheit der Darstellung gefördert wird. Namentlich gebraucht unsere ältere Sprache zahlreiche tautologische Formeln, die noch heute üblich und wohlberechtigt sind, z. B. +Grund und Boden+, +Schimpf und Schande+, +Art und Weise+, +Rast und Ruh+, +Schutz und Schirm+, +Saus und Braus+, +Fug und Recht+, +Sang und Klang+, +hinter Schloß und Riegel+, +in Ketten und Banden+, +hoffen und harren+, +schalten und walten+, +weit und breit+, +still und stumm+ u. v. a.

Es sind jedoch nicht nur die +Tautologien+ und +Pleonasmen+ zu vermeiden, auch sonst ist mit Sorgfalt jedes unnötige Wort auszuscheiden. In dem Satze: „Er teilt mir mit, daß er gestern abgereist ist und heute in Berlin angekommen ist“ muß das Wort +ist+ das erstemal weggelassen werden. Statt: „+ohne+ Lust und +ohne+ Ausdauer“ ist zu sagen: „ohne Lust und Ausdauer“; statt: „+die+ Griechen, +die+ Römer und +die+ Phönizier“ heißt es besser: „+die+ Griechen, Römer und Phönizier“ usw. Unerträglich weitschweifig sind Wendungen wie: „+Wenn wir die+ letzten Dichtungen Goethes +einer Betrachtung unterwerfen, so werden wir finden+, daß sie vielfach den Jugendgedanken Schillers sich nähern.“ „+Gehen wir nun zum zweiten Teile unserer Betrachtung über, so sehen wir+ usw.“ „+Es dauerte nicht lange, so+ usw.“ „Die Germanen kämpften +natürlich+ sehr tapfer und hätten +jedenfalls+ gesiegt, wenn ihnen nicht das Heer des Germanicus an Zahl so sehr überlegen gewesen wäre.“ Man beherzige immer Grimms Worte: „Die Sprache ist ihrem innersten Wesen nach haushältig und zieht, was sie mit geringen Mitteln erreichen kann, jederzeit größerem Aufwande vor.“ Namentlich sage man nicht alles, was man über einen Gegenstand sagen könnte; man sei nicht schwach gegen Lieblingsgedanken und Lieblingswendungen, sondern man scheide sie unbarmherzig aus, wenn die Einheit und Schönheit der Darstellung es fordert. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“ sagt Goethe, und ähnlich Schiller: „Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Stils.“

10. Angemessenheit.

Die +Angemessenheit+ fordert, daß die Stilart, der sprachliche Ausdruck, die ganze Haltung der Darstellung der Art der Gedanken und dem Zwecke der Darstellung genau entspreche. Erhabene und edle Gedanken dürfen nicht durch unedle und niedrige Worte entweiht werden, für eine Abhandlung oder einen einfachen Bericht darf nicht der leidenschaftliche Stil des Gefühls gewählt werden; während im rednerischen und poetischen Stile Bilder und Redefiguren von guter Wirkung sind, stören sie im Geschäftsstil und sind auch im didaktischen Stile möglichst zu meiden. Der Angemessenheit widerspricht es namentlich, wenn unbedeutende Gedanken mit einem großen Aufwande von Worten dargestellt werden; der Sprechende oder Schreibende gerät dadurch in leeres Phrasengeklingel, das einen widerlichen Eindruck macht, oder seine Darstellung wird schwülstig. Ein Schwall von prächtigen Wörtern, ein übertriebener Aufwand von Bildern und Figuren hat noch nie einen unbedeutenden Gedanken zu einem bedeutenden gemacht. Der Meister in der Wahl des genau entsprechenden Ausdruckes ist Goethe, und das Studium seiner Werke kann jedem, der im Ausdrucke das Rechte treffen will, nicht dringend genug empfohlen werden.

Die Forderung, +unedle+ und +niedrige+ Ausdrücke zu meiden, schließt man gewöhnlich in die Bezeichnung: +Würde des Stiles+ ein. Unedel und niedrig nennt man namentlich solche Ausdrücke, die nur in den untersten Schichten des Volkes üblich sind, z. B. +beschnüffeln+, +verrecken+, +herunterschmeißen+, +in ein Hundeloch kriechen+ u. a. Solche Wörter sind im guten Stile nicht anzuwenden. So sehr man sich aber auch vor plebejischer Derbheit hüten soll, so ist doch umgekehrt die allzu große Scheu vor Ausdrücken der Volkssprache nicht minder tadelnswert; denn diese führt leicht zu einem +affektierten+ oder +gezierten+ Stile. Mit großer Meisterschaft hat Goethe Ausdrücke der Volkssprache in seinen Dichtungen verwendet und gerade dadurch seiner Sprache volkstümliche Kraft und lebendige Anschaulichkeit gegeben, z. B. „Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag..., +in jeden Quark begräbt er seine Nase+“ (Faust). „+Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert+, der Ameishauf durcheinander +kollert+“ (Hans Sachsens poetische Sendung) usw.

11. Wohllaut und Neuheit des Ausdrucks.