Kurzgefaßte Deutsche Stilistik

Part 1

Chapter 13,083 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht korrigiert. Fußnoten wurden vom Bearbeiter an das Ende des jeweiligen Abschnitts verschoben.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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Handbuch der deutschen Sprache für höhere Schulen.

Zweiter Teil: Für obere Klassen. Ausgabe B, in drei Abteilungen.

Kurzgefaßte Deutsche Stilistik.

Von

Professor ~Dr.~ Otto Lyon.

Siebente vermehrte und verbesserte Auflage.

1907

Leipzig und Berlin, Druck und Verlag von B. G. Teubner.

☛ Die Ausgabe A enthält die 3 Abteilungen in +einem+ Bande.

Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.

Vorwort zur ersten Auflage.

Eine kurze Darstellung der +Stilistik+, die das Notwendige und Wesentliche enthält, dürfte sich für den Gebrauch in der Schule nicht als nutzlos erweisen. Wenn der Schüler die stilistischen Regeln nur bei der Lektüre oder bei der Rückgabe der Aufsätze, also vereinzelt und zerstreut, gleichsam nur nebenbei kennen lernt, so vergißt er sie nur allzuleicht und verfällt fast regelmäßig wieder in dieselben Fehler; der Lehrer kämpft vergeblich dagegen an. Durch Einsicht in den wissenschaftlichen Zusammenhang der stilistischen Regeln dagegen wird jede einzelne Regel in dem Bewußtsein des Schülers weit mehr befestigt werden, als wenn sie vereinzelt, bloß gedächtnismäßig ergriffen worden ist. An die Stilistik schließt sich eine kurze Darstellung der Rektionslehre an, die zur Behandlung in Untersekunda bestimmt ist. Auch hier ist überall der Sprachgebrauch an der Hand der Sprachgeschichte geprüft und bei Feststellung der Regeln so objektiv als möglich verfahren worden.

Vorwort zur siebenten Auflage.

Bei der Durchsicht der siebenten Auflage sind die Verbesserungen und Berichtigungen, die sich nötig machten, überall eingefügt worden. Allen, die mich hierbei durch freundliche Mitteilung ihrer Wünsche und Vorschläge unterstützten, sage ich meinen verbindlichsten Dank.

+Dresden+, 1. März 1907.

=Otto Lyon.=

Inhaltsverzeichnis.

I. Einleitung. Seite

1. Begriff des Stiles 1

2. Begriff der Stilistik 2

3. Einteilung der Stilistik 3

4. Schriftsprache und gesprochene Rede 3

II. Allgemeine Stilistik.

~A.~ Die Eigenschaften des guten Stiles im allgemeinen.

5. Der oberste Grundsatz des guten Stiles 4

6. Deutlichkeit 5

7. Sprachrichtigkeit 5

8. Sprachreinheit 5

9. Bestimmtheit und Kürze des Ausdrucks 11

10. Angemessenheit 14

11. Wohllaut und Neuheit des Ausdrucks 15

12. Anschaulichkeit und Lebendigkeit 17

13. Natürlichkeit 19

~B.~ Bilder und Figuren.

14. Der Gebrauch bildlicher Ausdrücke 20

15. Die Bilder oder Tropen 21

16. Die Figuren 25

17. Bedeutung der Tropen und Figuren für den Stil 29

~C.~ Stilistik des einfachen Satzes.

18. Wortbildung 30

19. Das Substantivum 33

20. Das Verbum 35

21. Die Partizipien 36

22. Das Adjektivum 38

23. Das Pronomen 39

24. Das Adverbium 41

25. Präpositionale Ausdrücke 41

26. Als und wie 43

27. Wortstellung 44

~D.~ Stilistik des zusammengesetzten Satzes.

28. Der Bau der Sätze im allgemeinen 45

29. Form der Sätze 44

30 Art der Verknüpfung 48

31. Stellung der Sätze 49

32. Rhythmus des Satzes 51

III. Besondere Stilistik.

~A.~ Die Arten des Stiles.

33. Prosaischer und poetischer Stil 53

34. Der Stil des Verstandes 53

35. Der Stil des Gemütes 55

~B.~ Die Mittel zur Ausbildung des Stiles.

36. Das Studium guter Muster 57

37. Der Aufsatz 58

38. Das Thema und die Arten der Aufsätze 58

39. Das Sammeln des Stoffes 59

40. Die Disposition 59

41. Dispositionsregeln 61

42. Die Chrie 64

43. Die Ausarbeitung 65

44. Über die Kunst, seine Gedanken gut auszusprechen 66

Anhang zur Stilistik.

I. Übungsbeispiele zur Wiederholung der Syntax 69

II. Rektionslehre.

~A.~ +Rektion der Verben.+

1. Verben, die den Akkusativ regieren 72

2. Verben, die den Dativ regieren 75

3. Verben, die den Genitiv regieren 77

4. Verben mit schwankender Rektion 80

~B.~ +Rektion der Verbalsubstantive+ 85

~C.~ +Rektion der Adjektive.+

1. Adjektive, die den Dativ regieren 86

2. Adjektive, die den Genitiv regieren 86

~D.~ +Rektion der Präpositionen+ 87

Erste Abteilung.

Deutsche Stilistik.

I. Einleitung.

1. Begriff des Stiles.

Das Wort +Stil+ wird in seiner weiteren Bedeutung auf alle Künste angewendet und bezeichnet überhaupt die Art und Weise der Darstellung. Man spricht daher z. B. von einem gotischen Stile in der Baukunst, von dem Stile der Niederländer in der Malerei, von dem Stile Mozarts in der Musik, von dem Stile Goethes in der Kunst der Sprache. Im engeren Sinne versteht man jedoch unter Stil nur +die Art und Weise der sprachlichen Darstellung+. Diese wird durch zweierlei bestimmt: 1. durch den Inhalt und Zweck des darzustellenden Gegenstandes; 2. durch die Persönlichkeit und geistige Eigenart des Darstellenden. Sofern der Stil auf den Inhalt und Zweck des darzustellenden Gegenstandes Rücksicht nimmt, nennt man ihn +objektiv+, sofern in ihm die Eigenart des Darstellenden zum Ausdrucke kommt, +subjektiv+. So wird z. B. der Stil in Schillers akademischer Antrittsrede: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ +objektiv+ bestimmt zunächst durch das Thema, dann durch die Reihe von Gedanken, die sich unter dieses Thema ordnen lassen, ferner durch den Zweck, die Zuhörer, und zwar solche, die akademischen Kreisen angehören, für diese Gedanken zu gewinnen. Objektiv wird also für die ganze Darstellung der Stil einer akademischen Rede über Begriff und Zweck des Studiums der Universalgeschichte erfordert. Das +Subjektive+ an dieser Rede aber ist das, was diese Rede von allen anderen ähnlicher Art unterscheidet und sie zu einer Rede macht, wie sie nur gerade Schiller seiner geistigen Eigenart und Bildung, sowie der Bildung seiner Zeit gemäß halten konnte. Zahlreiche Lieblingsideen und Lieblingswendungen Schillers, die wir darin finden, der stolze Schwung der Rede, der noch heute jeden Leser unwiderstehlich mit sich fortreißt, die Anlehnung an die Gedanken Kants u. ähnl. geben der Darstellung ihr subjektives Gepräge.

Die +objektive+ und +subjektive+ Seite des Stiles sind selbstverständlich in der Wirklichkeit immer innig verbunden; es wird aber je nach dem Inhalte des darzustellenden Gegenstandes bald die eine, bald die andere Seite in den Vordergrund treten. Eine wissenschaftliche Darstellung z. B. ist streng objektiv zu halten, eine Rede, welche die Hörer anregen und begeistern soll, erfordert reiche subjektive Färbung; ein episches Gedicht verlangt große Objektivität, bei einem lyrischen Gedichte ist starke Subjektivität unbedingtes Erfordernis. Im allgemeinen muß namentlich der poetische Stil sein eigenartiges Gepräge durch die Persönlichkeit des Dichters erhalten, während dem prosaischen Stile mehr objektive Ruhe günstig ist.

Das rechte Verhältnis zwischen Subjektivität und Objektivität zu treffen, ist eine der schwierigsten Aufgaben des Stiles. Schließt sich der Stil nur objektiv an fremde Muster an, so mangelt ihm das eigenartige Gepräge, und dieser Mangel kann uns oft ganze Werke ungenießbar machen; überwiegt aber die Subjektivität in der Weise, daß Dinge in die Darstellung hineingetragen werden, die in dem darzustellenden Gegenstande nicht begründet sind oder gar mit demselben in Widerspruch stehen, so wird der Stil zur +Manier+. Gegenüber dem wahrhaften Stile Goethes und Schillers zeigt z. B. der Stil Jean Pauls und unter den neueren Erzählern der Wilhelm Raabes stellenweise Manier.

+Anmerkung 1.+ Das Wort Stil ist aus dem Lateinischen (aus lat. ~stilus~, d. i. Griffel) zu uns gekommen. Das lateinische ~stilus~ geht wieder auf griech. στῦλος zurück, was gleichfalls den metallenen Griffel bezeichnete, mit dem der Grieche durch Einritzen in eine Wachstafel schrieb. Einige Sprachforscher leiten auch unser Wort „+Stiel+“ von lat. ~stilus~ ab, was den Lautgesetzen nicht widerspricht. Doch ist hier wohl eher Urverwandtschaft anzunehmen.

+Anmerkung 2.+ Über den Einfluß der Persönlichkeit und Gesinnung des Dichters auf seine Werke sagt Goethe: „Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an; wo diese sind, treten auch die Gedanken hervor, und nach dem sie sind, sind auch die Gedanken.“ Sprüche in Prosa 542. Hempelsche Ausgabe. -- Von Werken, die nur objektiven Stil haben, sagt derselbe Dichter: „Es werden jetzt Produktionen möglich, die Null sind, ohne schlecht zu sein: Null, weil sie keinen Gehalt haben; nicht schlecht, weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern vorschwebt.“ Spr. i. Pr. 119.

2. Begriff der Stilistik.

Stilistik ist +die Wissenschaft des Stiles+. Sie sucht die Gesetze und Regeln der sprachlichen Darstellung auf und stellt sie im Zusammenhange dar. Man darf die Stilistik nicht verwechseln mit der +Poetik und Rhetorik+. Die Poetik erörtert die Gesetze und Formen der Dichtung, die Rhetorik behandelt die Kunst der Beredsamkeit und der prosaischen Darstellung des Redners. Die Stilistik aber hat es mit der äußeren sprachlichen Form der Darstellung überhaupt zu tun, sie umfaßt die Gesetze über Deutlichkeit, Richtigkeit und Schönheit des Ausdruckes, über Belebung durch bildliche Wendungen, über die Wahl der Worte, den Bau der Sätze usw. Da die Sprache das Ausdrucksmittel sowohl des Redners, als auch des Dichters ist, so gelten die allgemeinen Sprachregeln der Stilistik für die Prosa wie für die Poesie. Der Umstand, daß die Alten in ihre Darstellungen der Rhetorik auch gewöhnlich die Regeln der Stilistik mit einschlossen (weil der Redner auch die stilistischen Regeln kennen und anwenden muß), hat dazu geführt, daß bis in die neueste Zeit Rhetorik und Stilistik vielfach vermengt und in verworrener Weise durcheinandergemischt werden.[1]

Mit den +Stoffen+ und +Ideen+, die dargestellt werden, hat es die Stilistik nur insoweit zu tun, als diese Einfluß auf die innere oder äußere sprachliche Form üben. Die Stilistik stellt ferner nur die Regeln des +objektiven+ Stiles dar; denn es ist nicht ihre Aufgabe, von dem Stil eines bestimmten Schriftstellers oder eines Zeitalters oder eines Volkes zu reden, sondern sie behandelt die allgemeinen Gesetze des Stiles, die für die Schriftsteller aller Zeiten und Völker Geltung haben. Die +deutsche+ Stilistik berücksichtigt dabei zugleich die Eigenart der deutschen Sprache und des deutschen Volkes.

+Anmerkung.+ Eine klare Bestimmung der Begriffe +Rhetorik+ und +Stilistik+ gab zuerst +Wilhelm Wackernagel+ in seinen Vorlesungen über +Poetik+, +Rhetorik+ und +Stilistik+, herausgeg. v. Ludw. Sieber, Halle 1873; eine selbständige, streng wissenschaftliche Behandlung der deutschen Stilistik, losgelöst von der Rhetorik der Alten, hat zuerst +Karl Ferdinand Becker+ in seinem Buche: +Der deutsche Stil+ (neu bearb. v. O. Lyon, Prag und Leipzig 1883) angebahnt. Sehr anregend ist die „Deutsche Stilistik“ von +Richard M. Meyer+, München 1906.

3. Einteilung der Stilistik.

Die Stilistik zerfällt in die +allgemeine+ und in die +besondere+. Die +allgemeine+ Stilistik handelt von den Eigenschaften des guten Stiles überhaupt, von den Mitteln zur lebendigeren Gestaltung der Rede, von dem stilgerechten Bau und der wohllautenden Gliederung des einfachen und zusammengesetzten Satzes. In der +besonderen+ Stilistik dagegen kommen die Arten des Stiles und die Mittel zur Ausbildung desselben zur Darstellung.

4. Schriftsprache und gesprochene Rede.

Man bezieht das Wort +Stil+ gewöhnlich nur auf die Darstellung der Gedanken in der +Schriftsprache+. Diese Auffassung ist aber einseitig und irrtümlich. Dieselben Gesetze vielmehr, die für die Schriftsprache gelten, liegen auch der mündlichen Rede zugrunde. Zwar fordert die Schriftsprache, weil sie die Gedanken nicht bloß für den Augenblick und für einzelne Personen darstellt, und weil sie nicht durch die Betonung und das lebendige Gebärdenspiel des Sprechenden unterstützt wird, in der Regel eine größere Sorgfalt, namentlich in bezug auf die Wahl der Worte und die Wortstellung, aber es kann nicht dringend genug darauf hingewiesen werden, daß der mündlichen Rede dieselbe Sorgfalt zuzuwenden ist wie der geschriebenen. Vor allem aber darf die Schriftsprache nicht in der Schärfe von der mündlichen Rede getrennt werden, wie es jetzt leider gewöhnlich geschieht. Gerade die Zeiten der höchsten Blüte unserer Sprache und gerade unsere größten Dichter sahen in der Sprache in erster Linie etwas, +das gesprochen wird+, und gaben der mündlichen Rede den Vorrang vor der Schriftsprache. Das Zeitalter der Minnesinger, das Zeitalter Luthers, das Zeitalter Schillers und Goethes bieten dafür ausreichende Beweise. Nur immer diejenigen Zeiten, in denen sich unser Sprachleben im Rückgange befand, erhoben die Schriftsprache zur stolzen Herrin und drückten die mündliche Rede zur dienenden Magd herab. Hätten Klopstock, Goethe und Schiller nicht unserer Sprache durch Worte und Wendungen, die sie der lebendigen Sprache ihrer Heimat entnahmen, eine großartige Erweiterung gegeben, so wären vielleicht heute noch die beschränkten Sprach- und Stilregeln Gottscheds und Adelungs geltend.

+Anmerkung.+ Klopstock kämpfte sein ganzes Leben hindurch gegen das bloße stille Lesen mit den Augen. Goethe sagt unter anderem in Dichtung und Wahrheit (II, 10): „Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede.“ An der Adrastea (6, 187) sagt Herder: „Welche Nation hat ihre Sprache wesentlich so verunstalten lassen, als die deutsche? Gehen Sie in die Zeiten der Minnesinger zurück, hören Sie noch jetzt den lebendigen Klang der verschiedenen, zumal west- und südlichen Dialekte Deutschlands, und blicken in unsere Büchersprache. Jene sanften oder raschen An- und Ausklänge der Worte, jene Modulation der Übergänge, die den Sprechenden am stärksten charakterisieren -- da wir Deutsche so wenig öffentlich und laut sprechen, sind sie in der Büchersprache verwischt!“ Ganz besonders beherzigenswert ist Herders Schulrede: „Von der Ausbildung der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen.“

II. Allgemeine Stilistik.

~A.~ Die Eigenschaften des guten Stiles im allgemeinen.

5. Der oberste Grundsatz des guten Stiles.

Der oberste Grundsatz des guten Stiles, aus dem sich alle übrigen Eigenschaften ergeben, ist +die vollkommene Übereinstimmung des Ausdruckes mit der Sache+. Sofern eine solche Übereinstimmung in dem Hörer oder Leser volles Wohlgefallen und das Gefühl des Befriedigtseins erweckt, kann man sie auch kurz als die +wahre Schönheit der Darstellung+ bezeichnen. Um diese zu erreichen, muß der Stil folgende Eigenschaften haben: 1. Deutlichkeit, 2. Sprachrichtigkeit, 3. Sprachreinheit, 4. Bestimmtheit und Kürze des Ausdruckes, 5. Angemessenheit, 6. Wohllaut und Neuheit des Ausdruckes, 7. Anschaulichkeit und Lebendigkeit, 8. Natürlichkeit. Je nach der Stilgattung wird natürlich bald die eine, bald die andere Eigenschaft überwiegen; eine belehrende Abhandlung z. B. wird vor allem nach Deutlichkeit und Klarheit, eine fesselnde Schilderung nach Anschaulichkeit und Lebendigkeit zu streben haben usw., aber wenn auch eine Eigenschaft in den Vordergrund tritt, so dürfen deshalb die anderen nicht fehlen.

+Anmerkung.+ Die älteren Stilistiker stellten die +Zweckmäßigkeit+ als das oberste Gesetz des guten Stiles auf. Diesen Irrtum gründlich widerlegt und hoffentlich für immer aus der Wissenschaft des Stiles entfernt zu haben ist das Verdienst +Beckers+ (Der deutsche Stil, 3. Aufl. S. 5 flg. 12 flg. 60 flg.).

6. Deutlichkeit.

Die erste Forderung, die an eine sprachliche Darstellung gestellt werden muß, ist die der +Deutlichkeit+. Wenn jemand über einen Gegenstand spricht oder schreibt, so muß in der ganzen Darstellung überall zutage treten, daß der Sprechende oder Schreibende den Gegenstand bis ins kleinste mit seinem Verstande beherrscht, und ferner muß die Darstellung so beschaffen sein, daß durch sie auch der Hörende oder Lesende den dargestellten Gegenstand mit seinem Verstande vollkommen zu erfassen vermag. Eine solche Darstellung nennt man +deutlich+. Die Deutlichkeit verlangt daher, daß der Darstellende den Gegenstand, ehe er über ihn spricht oder schreibt, rein und scharf aufgefaßt, nach allen Seiten hin durchdacht und eine der Wahrheit und Wirklichkeit völlig entsprechende Anschauung über ihn gewonnen habe. „Die größte Deutlichkeit war mir immer die größte Schönheit“, sagt Lessing. Der Deutlichkeit dienen außerdem hauptsächlich die drei folgenden Eigenschaften des guten Stiles: +die Sprachrichtigkeit+, +die Sprachreinheit+, +die Bestimmtheit und Kürze des Ausdruckes+.

7. Sprachrichtigkeit.

Die +Sprachrichtigkeit oder Korrektheit+ besteht darin, daß die Darstellung nicht gegen die Gesetze der Wortbildung und Wortbiegung, sowie der Satzbildung und Satzfügung verstößt. Diese Gesetze stellt die Grammatik dar, und man kann daher kurz sagen: die Sprachrichtigkeit beruht auf der sorgfältigen Befolgung der grammatischen Regeln.

+Anmerkung.+ Einen Verstoß gegen die Sprachrichtigkeit nannten die Alten +Solözismus+ (von Soli, einer Stadt in Cilicien, deren Bewohner ein sehr fehlerhaftes Griechisch sprachen), einen Verstoß gegen die Sprachreinheit dagegen +Barbarismus+.

8. Sprachreinheit.

Die +Sprachreinheit+ bezieht sich auf die Wahl der Worte. Sie fordert, daß der Schreibende nur solche Worte und Redewendungen gebrauche, die der deutschen Sprache eigentümlich, seinem Zeitalter nicht unverständlich und in den gebildeten Kreisen unseres Volkes üblich sind. Gegen die Reinheit des Ausdruckes verstößt daher derjenige, der in seine Darstellung ~a~) +Fremdwörter und fremde Redewendungen+, ~b~) +veraltete Wörter+ (den Gebrauch solcher Wörter nennt man +Archaismus+), ~c~) +landschaftliche Ausdrücke+ (die Verwendung derselben in der Schriftsprache heißt +Provinzialismus+), ~d~) willkürliche und dem Geiste unserer Sprache widerstrebende +Neubildungen+ (+Neologismen+) einmischt.

~a~) +Fremdwörter und fremde Redewendungen.+ Die Forderung, die Fremdwörter zu meiden, ist nicht so zu verstehen, als ob alle Fremdwörter ohne Ausnahme aus Rede und Schrift verbannt werden müßten, vielmehr ist hier mit großer Sorgfalt zu scheiden zwischen entbehrlichen und unentbehrlichen Fremdwörtern. Im allgemeinen läßt sich als Regel feststellen, +daß Fremdwörter niemals da gebraucht werden dürfen, wo uns ein gleichbedeutendes und schön gebildetes deutsches Wort als Ersatz zu Gebote steht+. Vor allem muß man zunächst scheiden zwischen +Fremdwörtern+ und +Lehnwörtern+. Unter Lehnwörtern versteht man solche Wörter, die bereits in einer früheren Periode in unsere deutsche Sprache aufgenommen worden sind und völlig deutsche Form angenommen haben, z. B. Anker (lat. ~ancora~), Brief (lat. ~breve~), predigen (lat. ~praedicare~), Pforte (lat. ~porta~), Regel (lat. ~regula~), Schule (lat. ~schola~), Spiegel (lat. ~speculum~), Tafel (lat. ~tabula~), Ziegel (lat. ~tegula~) u. a. Diese Wörter werden von uns gar nicht mehr als Fremdwörter empfunden, und es wäre lächerlich, auch diese durch rein deutsche Ausdrücke wiedergeben zu wollen, wie es Philipp von Zesen u. a. getan haben, die +Person+ durch +Selbstand+, +Fenster+ durch +Tageleuchter+, ja sogar das Wort +Nase+, das gar kein Lehnwort, sondern wie andere Benennungen von Teilen des Körpers, z. B. Herz, Fuß, Ohr, Zahn, urverwandt mit der griech.-lat. Bezeichnung ist, durch +Löschhorn+ usw. übersetzten. Aber auch von den eigentlichen Fremdwörtern, d. h. von denjenigen, die wir wirklich als solche empfinden, erweisen sich viele als unentbehrlich, und wer diese durch selbstgemachte Verdeutschungen ersetzen wollte, der würde in Gefahr kommen, seinen Hörern und Lesern unverständlich zu werden. Die meisten dieser Wörter sind technische Ausdrücke der Wissenschaften und Künste. Neben diesen unentbehrlichen Fremdwörtern ist aber leider in unsere deutsche Sprache eine ganz außerordentlich große Zahl völlig entbehrlicher Fremdwörter eingedrungen, und diese sind es, welche die Reinheit und Schönheit unserer Sprache so schwer schädigen. Mit größter Strenge fordert die Reinheit des Ausdruckes, daß diese Fremdwörter, für die genau zutreffende, oft weit bessere einheimische Ausdrücke sich darbieten, in allen Stilgattungen vermieden werden, und der Gebrauch eines solchen Fremdwortes sollte billig als ein ebenso arger Verstoß gegen den guten Stil gelten wie der Gebrauch eines falschen Kasus oder einer falschen Verbalform. Denn die lexikalische Seite unserer Sprache verlangt dieselbe Berücksichtigung wie die grammatische Seite. Meist leidet durch die Fremdwörter auch der Wohlklang der Rede, die vielen Wörter auf +-tät+ und +-ieren+ z. B. sind fast ausnahmslos unschön, und ihr Klang beleidigt das Ohr (z. B. Authentizität, Reziprozität, Kredulität, Probabilität, Monstrosität, Intelligibilität, Idealität, Souveränität, Spezialität, identifizieren, rehabilitieren, inventarisieren, rekonstruieren, spezifizieren, spezialisieren, stigmatisieren, sympathisieren, usw.). Das deutsche Wort hat gewöhnlich edleren und höheren Klang als das Fremdwort, man vergleiche z. B. +Mut+ und +Courage+, +Unglück+ und +Malheur+, +Gnade+ und +Pardon+, +Vergnügen+ und +Pläsier+, +edle Leidenschaften+ und +noble Passionen+, +dunkel+ und +obskur+, +Geschenk+ und +Präsent+, +unsicher+ und +prekär+, +gewinnen+ und +profitieren+ usw. Durch die Einmischung von Fremdwörtern wird daher der Ausdruck leicht unedel und niedrig.