Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur

Part 3

Chapter 33,335 wordsPublic domain

Indessen liege ich im Bett, höre die Zimmernachbarn lachen, schimpfen, gurgeln, höre die Korridorklingel rasseln und das Personal laufen und sehe bald, daß es keinen Zweck hat, das Unvermeidliche länger hinauszuschieben. Wohlan denn, friß, Vogel! Ich stehe auf, ich wasche mich, ich rasiere mich, ich führe alle jene komplizierten Evolutionen aus, welche erforderlich sind, um in die Kleider und Schuhe hineinzukommen, ich würge mich in den Hemdkragen, stopfe die Uhr in die Westentasche, schmücke mich mit der Brille, alles mit dem Gefühl des Sträflings, der die Ordnung dieser vorgeschriebenen Verrichtungen seit Jahrzehnten kennt und weiß, dies dauert lebenslänglich, es nimmt niemals ein Ende.

Um neun Uhr erscheine ich, ein bleicher, lautloser Gast, im Speisesaal, setze mich an meinen kleinen runden Tisch, begrüße stumm das hübsche, fröhliche Mädchen, das mir Kaffee bringt, streiche eine Semmel mit Butter, stecke eine andre in die Tasche, schneide die daliegenden Briefumschläge auf, stopfe das Frühstück in meinen Schlund, die Briefe in meine Rocktasche, sehe im Korridor einen gelangweilten Kurgast herumstehen, der sich mit mir zu unterhalten wünscht und schon von weitem einladend lächelt, auch schon zu reden beginnt, dazu noch französisch, renne ihn kurz entschlossen über den Haufen, murmele „Pardon“ und stürze auf die Straße hinaus.

Hier und im Kurgarten oder im Walde gelingt es mir nun, in der wünschenswerten Isoliertheit den Morgen vollends herumzubringen. Zuweilen glückt es mir, zu arbeiten, das heißt auf einer Bank im Park, den Rücken gegen die Sonne und gegen die Menschen, einiges von den Gedanken aufzuschreiben, die ich noch von den Nachtstunden her in mir vorfinde. Meistens laufe ich spazieren und bin dann froh über die halbe Semmel in meiner Tasche, denn es ist eine meiner besten Morgenfreuden (der Ausdruck ist allerdings zu heftig), dies Brot zu verkrümeln und an die vielen Finken und Meisen zu verfüttern. Ich denke dabei grundsätzlich nicht daran, daß in Deutschland, ein paar Meilen von hier, auch auf der reichen Leute Tisch kein solches Weißbrot liegt und Tausende überhaupt kein Brot haben. Ich verwehre diesem Gedanken, der so nahe steht, den Zutritt zu meinem Bewußtsein und finde dies Verwehren oft recht anstrengend.

In Sonne oder Regen, arbeitend oder spazierend, irgendwie und irgendwo habe ich schließlich den Vormittag abgewickelt, und es kommt die hohe Stunde des Kurtages, das Mittagessen. Ich kann versichern, daß ich kein Fresser bin, aber auch für mich, der die Freuden des Geistes und der Askese kennt, ist diese Stunde feierlich und wichtig. Aber dieser Punkt fordert eine eingehendere Betrachtung.

Es gehört, wie ich schon in der Vorrede angedeutet habe, zur Gemütsart und Denkweise des nicht mehr jungen Rheumatikers und Gichtbrüchigen, daß er die Unmöglichkeit eingesehen hat, die Welt geradlinig zu verstehen, daß er Sinn und Achtung hat für die Antinomien, für die Notwendigkeit der Gegensätze und Widersprüche. Manche von diesen Widersprüchen nun bringt, ohne an ihre tiefe philosophische Grundlegung zu rühren, das Badener Kurleben mit bewundernswerter Drastik zum Ausdruck. Viele solcher Gleichnisse könnte man hier entdecken, ich erinnere nur, um etwas recht Banales zu wählen, zum Beispiel an die vielen Ruhebänke, welche überall in Baden aufgestellt sind: sie laden alle die rasch ermüdenden, ihrer Beine nicht recht sicheren Kurgäste zum Absitzen und Ausruhen ein, und allzu gerne folgt der Gast dem freundlichen Wink. Kaum sitzt er aber eine Minute, so ringt er sich entsetzt wieder in die Höhe, denn der menschenfreundliche Errichter all dieser vielen Sitzbänke, ein tiefer Philosoph und Ironiker, hat ihre Sitzflächen aus Eisen konstruiert, und der darauf niedersitzende Ischiatiker sieht sich an der empfindlichsten Stelle seines kranken Leibes einem vernichtenden Kältestrom ausgesetzt, welchen alsbald wieder zu fliehen der Instinkt ihn treibt. So erinnert ihn die Bank daran, wie ruhebedürftig er ist, und mahnt ihn eine Minute später ebenso deutlich daran, daß des Lebens Kern und Quelle die Bewegung sei und daß einrostende Gelenke nicht so sehr der Ruhe als des Trainings bedürfen.

Viele solcher Beispiele ließen sich finden. Monumentaler aber als in allen andern kommt der Badener Geist, der sich stets in Antithesen bewegt, zur Mittags- und Abendstunde im Speisesaal zum Ausdruck. Da sitzen also Dutzende von kranken Menschen, von denen jeder seine Gicht oder Ischias mitgebracht hat, von denen jeder einzig darum nach Baden gekommen ist, um seine Beschwerden womöglich durch die Kur loszuwerden. Jede einfache, geradlinige, jede jugendlich-puritanische Lebensweisheit nun würde, auf klare und einfache Lehren der Chemie und Physiologie gestützt, diesen Kranken neben den heißen Bädern vor allem eine spartanisch einfache, fleischlose und alkoholfreie, reizlose Ernährung dringendst anraten, womöglich sogar Fastenkuren. So jugendlich, so einfach und einseitig aber denkt man in Baden nicht, sondern seit Jahrhunderten ist Baden ebensosehr wie durch seine Bäder durch seine üppige und köstliche Küche berühmt, und in der Tat gibt es wohl im Lande wenige Orte und Gasthäuser, wo die Leute so gut und reichlich schmausen, wie die Stoffwechselkranken in Baden es tun. Da werden die delikatesten Schinken mit Dezaley, die saftigsten Schnitzel mit Bordeaux begossen, zierlich schwimmt zwischen Suppe und Braten die blaue Forelle, und den reichlichen Fleischgängen folgen wunderbare Kuchen, Puddings und Cremen.

Frühere Autoren haben diese uralte Badener Eigentümlichkeit verschieden zu erklären versucht. Die hiesige hohe Küchenkultur zu verstehen und zu billigen ist leicht; jeder der tausend Kurgäste tut es täglich zweimal; sie zu erklären ist schwieriger, da die Ursachen sehr komplexer Natur sind. Einige der wichtigsten nenne ich im folgenden, zuvor aber möchte ich mit aller Entschiedenheit jene platt rationalistischen Begründungen ablehnen, denen man so häufig begegnet. Oft zum Beispiel hört man vulgäre Denker sagen, das gute Badener Essen, das im Widerspruch mit den eigentlichen Interessen der Kurgäste steht, habe sich eben im Laufe der Zeiten so ausgebildet und rühre von der Konkurrenz der verschiedenen Badehotels her, denn Baden sei nun einmal seit alters für gutes Essen bekannt und jeder Wirt habe das Interesse, hierin hinter den Konkurrenten mindestens nicht zurückzustehen. Diese so wohlfeile und oberflächliche Argumentation hält keiner Prüfung stand, schon weil sie das Problem selbst umgeht und die Frage nach dem eigentlichen Entstehen der guten Badener Küche durch den Hinweis auf Tradition und Vergangenheit abtun will. Und am allerwenigsten kann uns der absurde Gedanke genügen, die Gewinnsucht der Gastwirte sei schuld an dem guten Essen! Als ob irgendein Wirt ein Interesse daran haben könnte, seine Spesen für Metzger, Bäcker und Konditor möglichst zu vergrößern, und gar hier in Baden, wo jeder Besitzer eines Badehotels seinen Gästemagneten, seine große, nie erlahmende Attraktion seit Jahrhunderten unten im Keller liegen hat in Gestalt der heißen Mineralquellen!

Nein, wir müssen wesentlich tiefer graben, um dem Phänomen eine Theorie zu geben. Das Geheimnis liegt weder in Gewohnheiten und Traditionen der Vergangenheit noch im Kalkül der Wirte, es liegt tief im Grunde des Weltgefüges, als einer der ewigen, als gegeben hinzunehmenden Dualismen und Antinomien. Wäre das Essen in Baden traditionell mager und spärlich, so könnten die Wirte zwei Drittel ihrer Ausgaben sparen und hätten dennoch die Häuser voll, denn ihre Gäste werden nicht vom Essen hierher gezogen, sondern von den Zuckungen ihres _nervus ischiaticus_ hergejagt. Aber nehmen wir nun einmal, probeweise, an, man lebe in Baden rationell, man bekämpfe Harnsäure und Sklerose nicht bloß mit Bädern, sondern auch mit Abstinenz und Fasten – was wäre die mutmaßliche Folge? Die Kurgäste würden gesund werden, und in Bälde würde es im ganzen Lande keine Ischias mehr geben, welche doch, gleich allen Formen der Natur, ihr Recht auf Dasein und Dauer hat. Die Bäder würden entbehrlich, die Hotels müßten verfallen. Und wenn man diesen letztern Schaden auch gering achten wollte oder ersetzen könnte, so würde doch das Fehlen der Gicht und Ischias im Weltplan, das Leerlaufen der köstlichen Quellen keine Verbesserung der Welt ergeben, sondern das Gegenteil.

Nächst dieser mehr theologischen Begründung folge die psychologische. Wer von uns Kurgästen wollte, neben den Bädern und Massagen, neben der Sorge und Langeweile auch noch Fasten und Kasteien ertragen? Nein, wir ziehen es vor, nur halb gesund zu werden und es dafür etwas vergnüglicher und hübscher zu haben, wir sind nicht Jünglinge mit unbedingten Forderungen an uns und andre, sondern ältere Leute, tief in die Bedingtheiten des Lebens verstrickt, daran gewohnt, fünfe gerade sein zu lassen. Und bedenken wir die Frage ernstlich: Wäre es richtig und wünschenswert, daß jeder von uns durch eine ideale Kur vollkommen und ganz geheilt würde und nie zu sterben brauchte? Wenn wir diese etwas heikle Frage ganz gewissenhaft beantworten, so lautet unsere Antwort: Nein. Nein, wir wollen nicht ganz geheilt sein, wir wollen nicht ewig leben.

Allerdings möchte jeder von uns, für sich allein befragt, vielleicht eher ja sagen. Wenn ich, der Kurgast und Schriftsteller Hesse, gefragt würde, ob ich damit einverstanden sei, daß dem Schriftsteller Hesse Krankheit und Tod erspart bleibe, ob ich sein ewiges Fortleben für gut, wünschenswert und notwendig halte, so würde ich, eitel wie Literaten es sind, die Frage vielleicht zunächst bejahen. Aber sobald man mir dieselbe Frage in bezug auf andere stellte, auf den Kurgast Müller, den Ischiatiker Legrand, auf den Holländer von Nr. 64, so würde ich mich sehr rasch zum Nein entschließen. Nein, es ist in der Tat nicht notwendig, daß wir älteren, nicht mehr allzu hübschen Leute, sei es auch ohne Gicht, endlos weiter leben. Es wäre sogar sehr fatal, es wäre sehr langweilig, sehr häßlich. Nein, wir wollen gerne sterben, später. Aber für heute ziehen wir vor, nach den ermüdenden Bädern, nach dem mühsam totgeschlagenen Vormittag, es ein wenig gut zu haben, einen Hühnerflügel abzunagen, einen guten Fisch abzuhäuten, ein Glas Rotwein zu schlürfen. So sind wir, feig und schwach und genußsüchtig, alte, egoistische Leute. So ist unsre Psychologie, und da unsre Seele, die der Rheumatiker und alternden Leute, auch die Seele Badens ist, sehen wir die Badener Eßtradition auch von dieser Seite gerechtfertigt.

Ist es nun genug der Beweise, der Rechtfertigung für unser Wohlleben? Bedarf es weiterer Gründe? Es gibt noch hundert. Ein einziger, sehr einfacher, sei noch genannt: die Mineralbäder „zehren“ nämlich, das heißt, sie machen hungrig. Und da ich nicht bloß Kurgast und Esser bin, sondern zu andern Zeiten auch den Gegenpol aufsuche und die Freuden des Fastens kenne, beschwert es mein Gewissen nicht, angesichts einer darbenden Welt und zum Schaden für meinen Stoffwechsel drei Wochen lang die Schlemmerei mitzumachen.

Ich bin lange abgeschweift. Kehren wir zum Tageslauf zurück! Ich sitze also an der Mittagstafel, sehe den Fisch, den Braten, das Obst einander ablösen, blicke in den Pausen lange und nachdenklich auf die Beine der servierenden Saaltöchter, alle in schwarzen Strümpfen, blicke nachdenklich, doch weniger lange auf die Beine des Oberkellners. Sie (die Beine des Oberkellners) sind uns Patienten allen ein teurer Anblick, ein großer Trost. Dieser Kellner nämlich, ohnehin ein sehr angenehmer Herr, hat einst an äußerst schweren und schmerzhaften Rheumatismen gelitten, so daß er nicht mehr zu gehen vermochte, und ist durch eine Badener Kur vollständig geheilt worden. Jeder von uns weiß es, manchen hat er es selbst erzählt. Darum sehen wir oft so nachdenklich auf die Beine des Oberkellners. Die Beine der jungen Saaltöchter aber, in schwarzen Strümpfen, sind ganz ohne Kur von selber so schlank und beweglich, und dies dünkt uns noch tieferen Nachdenkens wert.

Da ich für mich allein lebe, sind die Mahlzeiten auch die einzigen Anlässe, bei denen ich meine Mitkurgäste etwas näher kennen lerne. Ihre Namen zwar weiß ich nicht, und ich habe nur mit wenigen ein Wort gewechselt, aber ich sehe sie sitzen, sehe sie essen und erfahre dabei manches. Der Holländer, mein Zimmernachbar, dessen Stimme jeden Abend und Morgen durch die Wand hindurch mich stundenlang des Schlafes beraubt, hier bei Tische spricht er mit seiner Frau so gedämpft, daß ich seine Stimme nicht kennen würde, wäre es nicht von Nummer 64 her. O du sanfter Knabe!

Einige Figuren unsres mittäglichen Theaters erfreuen mich täglich durch die Entschiedenheit ihres Umrisses, durch die Bestimmtheit ihrer Rolle. Es ist eine Riesin aus Holland da, zwei Meter hoch oder mehr und reichlich schwer, eine majestätische Erscheinung, würdig, unsre Kurfürstin darzustellen. Ihre Haltung ist prachtvoll, ihr Gang aber läßt zu wünschen übrig, und seltsam kokett und gefährlich, fast beklemmend sieht es aus, wenn sie den Saal betritt, gestützt auf einen zierlich dünnen, spielerischen Stock, den man in jedem Augenblick erwartet brechen zu sehen. Aber vielleicht ist er von Eisen.

Dann ist ein furchtbar ernsthafter Herr da, ich wette, daß er mindestens Nationalrat ist, durch und durch moralisch, männlich, patriotisch, das untere Augenlid etwas rot und hängend wie bei jenen treuen Hunden am St. Bernhard, der Nacken breit und steif, jedem Schlag standhaltend, die Stirn voll Falten, die Brieftasche voll wohlerworbener und genau gezählter Banknoten, die Brust voll einwandfreier, hoher, doch intoleranter Ideale. Einmal in einer furchtbaren Nacht hat mir geträumt, dieser Mann sei mein Vater und ich stehe vor ihm und müsse mich verantworten: erstens wegen Mangel an Patriotismus, zweitens wegen eines Spielverlustes von fünfzig Franken, drittens weil ich ein Mädchen verführt hätte. Am Tag nach jenem tödlichen Traume sehnte ich mich sehr nach dem leibhaften Wiedersehen jenes Herrn, vor dem ich im Traume so sehr hatte zittern müssen. Sein Anblick würde mich heilen, denn stets ist ja die Wirklichkeit so viel harmloser als das Bild unsres Angsttraumes, der Mann würde vielleicht lächeln oder mir zunicken oder einen Scherz mit der Saaltochter machen oder mindestens durch seine körperliche Erscheinung das Zerrbild meines Traumes korrigieren. Aber als es Mittag war und ich den strengen Herrn beim Essen wiedersah, da nickte er nicht noch lächelte er, finster saß er vor seiner Rotweinflasche, und jede Falte seiner Stirn und seines Nackens drückte unerbittliche Moralität und Entschlossenheit aus, und ich hatte furchtbar Angst vor ihm, und am Abend betete ich, ich möchte nicht wieder von ihm träumen müssen.

Dagegen wie hold, wie lieblich und voll Anmut ist Herr Kesselring, ein Mann in den besten Jahren, sein Beruf ist mir nicht bekannt, aber er muß Hidalgo oder etwas Ähnliches sein. Hellblond wallt das Seidenhaar um seine reine Stirn, zart lockt in seiner Wange das heitere Grübchen, schwärmerisch und entzückt blickt das hellblaue Kinderauge, zärtlich streicht die lyrische Hand über die elegante farbige Weste. Kein Falsch kann in dieser Brust wohnen, keine unedle Regung den Adel dieser poetischen Züge trüben. Rosig vom Scheitel bis zur Zehe wie ein Mädchen von Renoir, mag Kesselring in jüngeren Jahren wohl den schelmischen Gespielen Cupidos sich gesellt haben, der Holde. Wie aber dieser süße Bursche mich erschreckte und enttäuschte, als er mir einst zur Dämmerstunde im Rauchzimmer eine kleine Taschenkollektion von unanständigen Bildchen zeigte, dafür fehlen mir die Worte.

Der interessanteste und hübscheste Gast, den ich in diesem Saale je gesehen, ist aber heute nicht da, nur ein einziges Mal habe ich ihn hier sitzen sehen, und da saß er mir gegenüber an meinem kleinen runden Tisch, eine Abendstunde lang, mit den braunen frohen Augen, mit den schlanken klugen Händen, zwischen all den Patienten eine einsame Blume voll Jugend und Glanz. Geliebte, komm wieder, um mit mir von den guten Speisen zu essen und den guten Wein zu kosten und den Saal mit unsern Märchen und unsrem Gelächter zu erhellen!

Wir Gäste kontrollieren einander, wie das in Sommerfrischen üblich ist, nur spielt dabei die Mode und Eleganz eine geringe Rolle. Desto genauer verfolgen wir das Befinden unsrer Mitbrüder, denn in ihnen sehen wir uns selbst gespiegelt, und wenn der greise Herr von Nummer 6 heute einen guten Tag hat und von der Türe bis zum Tisch alleine gehen kann, so freut das uns alle, und alle schütteln wir betrübte Köpfe, wenn wir hören, daß Frau Flury heute das Bett nicht verlassen könne.

Nachdem wir dann eine Stunde lang gut gegessen und einander betrachtet haben, brechen wir ungern dies Vergnügen ab und verlassen den Saal unsres Wohlgefallens. Für mich fängt jetzt der leichtere Teil des Tages an. Bei gutem Wetter suche ich den Hotelgarten auf, wo ich an verstecktem Ort einen Liegestuhl stehen habe, mein Notizbuch und Bleistift und einen Band Jean Paul dabei. Um drei oder vier Uhr habe ich meistens „Behandlung“, das heißt, ich muß beim Arzt antreten und werde von seinen Assistentinnen nach den neuesten Methoden behandelt. Ich sitze unter der Quarzlampe, wobei ich das Verlangen habe, die Sonnenkräfte dieser Zauberlaterne möglichst auszunützen und die bedürftigsten Körperteile so nahe wie möglich ans Zündloch zu halten. Einige Male habe ich mich dabei verbrannt. Ferner erwartet mich die unermüdliche Mitarbeiterin des Doktors zur Diathermie. Sie bindet kleine Kissen, elektrische Pole, um mein Handgelenk und läßt den Strom hindurch, während sie zugleich mit zwei ebensolchen Kissen meinen Nacken und Rücken bearbeitet, wobei ich nichts zu tun habe als zu schreien, wenn es zu sehr brennt. Auch besteht – ein Reiz mehr – während dieser Behandlungszeit stets die Möglichkeit, daß der Arzt eintritt und sich ein Gespräch mit ihm ergibt, und wenn auch diese Hoffnung sich an neunzehn von zwanzig Tagen nicht erfüllt, mitgerechnet muß sie doch werden.

Ich entschließe mich zu einem kleinen Spaziergang, und wie ich am Tor des Kurgartens vorbeikomme, merke ich am lebhaften Besuch, daß oben im Kursaal wieder eines der vielen Konzerte sein muß, welche dort immerzu stattfinden und von denen ich noch keines gehört habe. Ich trete also ein und finde im Kursaal ein sehr zahlreiches Publikum versammelt, es ist das erstemal, daß ich das hiesige Kur- und Krankenvolk so in _corpore_ antreffe. Viele hundert Kollegen und Kolleginnen sitzen da auf Stühlen, einige vor einem Tee oder Kaffee, andre mit Büchern oder Strickstrümpfen versehen, und hören einer kleinen Gesellschaft von Musikern zu, welche fern im Hintergrund des Saales heftig spielen. Lange steh’ ich bei der Tür und schaue und höre zu, denn kein Stuhl ist frei. Ich sehe die Musiker arbeiten, sie spielen komplizierte Stücke meist unbekannter Meister, und es liegt nicht an der Qualität ihres Spiels, wenn ich diesem ganzen Unternehmen keine Sympathie entgegenbringen kann. Die Musiker machen ihre Sache sogar sehr gut – und eben darum wünsche ich, sie möchten richtige Musik spielen statt all dieser Kunststücke, Bearbeitungen und Arrangements. Und doch wünsche ich auch dieses eigentlich nicht. Es wäre mir um nichts wohler, wenn statt diesem unterhaltenden Auszug aus Carmen oder aus der Fledermaus etwa ein Schubertquartett oder ein Duo von Händel gespielt würde. Um Gottes willen, das wäre noch schlimmer. Ich habe das bei einem ähnlichen Anlasse einmal erleben müssen. Bei schwach besuchtem Saal spielte damals der erste Geiger einer Cafémusik die Chaconne von Bach, und während er sie spielte, notierte mein Ohr folgende gleichzeitige Eindrücke: zwei junge Herren bezahlten einer Kellnerin ihre Zeche und ließen sich kleine Münze auf den Tisch zählen – eine energische Dame reklamierte in der Garderobe heftig ihren Regenschirm – ein etwa vierjähriger, entzückender kleiner Junge unterhielt eine Tischrunde durch sein hellstimmiges Gezwitscher –, außerdem waren Flaschen und Gläser, Tassen und Löffel in Tätigkeit, und eine alte Frau mit schwachem Augenlicht stieß, zu ihrem eigenen heftigen Schrecken, einen Teller mit Gebäck über den Tischrand hinab. Jeder dieser Vorgänge, für sich betrachtet, war ein vollgültiges, meiner Sympathie und Aufmerksamkeit würdiges Geschehnis, dem gleichzeitigen Andringen und Werben so vieler Eindrücke aber fühlte ich mich seelisch nicht gewachsen. Und daran war einzig die Musik schuld, die Bachsche Chaconne, sie war es allein, welche störte. – Nein, alle Achtung vor den Musikern im Kursaal! Aber diesem Konzert fehlte für mich die eine Hauptsache: der Sinn. Daß zweihundert Personen Langeweile haben und nicht wissen, wie sie den Nachmittag herumbringen sollen, das ist in meinen Augen keine zureichende Begründung dafür, daß einige gute Musiker Bearbeitungen aus bekannten Opern spielen. Was diesem Konzert hier fehlte, war bloß das Herz, das Innerste: die Notwendigkeit, das lebendige Bedürfnis, die Spannung von Seelen, wartend auf Erlösung durch die Kunst. Indessen kann ich mich hierin täuschen. Wenigstens sehe ich bald, daß auch dieses eher schwunglose Publikum nicht eine homogene Masse ist, sondern aus vielen einzelnen Seelen besteht, und eine dieser Seelen reagiert auf die Musik mit größter Sensibilität. Zuvorderst im Saal, ganz nahe dem Podium, sitzt ein leidenschaftlicher Musikfreund, ein Herr mit schwarzem Bart und goldenem Kneifer, der wiegt, weit zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen trunken seinen hübschen Kopf im Takte der Musik, und wenn ein Stück zu Ende ist, so erschrickt er, reißt die Augen auf und eröffnet als erster die Salve des Beifalls. Allein mit dem Klatschen nicht zufrieden, erhebt er sich auch noch, tritt ans Podium, weiß sich dem Kapellmeister von hinten bemerklich zu machen und überschüttet ihn, unter andauerndem Beifall der Menge, mit Worten begeisterten Lobes.