Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur
Part 2
Und siehe, auch hier ging es gut. Nachträglich kann ich ja gestehen, daß mir vor diesem Besuch etwas bange war, nicht weil ich eine niederschmetternde Diagnose befürchtet hätte, sondern weil die Ärzte für mein Gefühl mit zur geistigen Hierarchie gehören, weil ich dem Arzt einen hohen Rang zubillige und weil ich bei ihm eine Enttäuschung schwer ertrage, die ich bei einem Eisenbahn- oder Bankbeamten, auch noch bei einem Advokaten leicht hinnehme. Ich erwarte, ich weiß selbst nicht genau warum, vom Arzt einen Rest jenes Humanismus, zu welchem die Kenntnis des Latein und des Griechischen und eine gewisse philosophische Vorschule gehören und der in den meisten Berufen des heutigen Lebens nicht mehr benötigt wird. In dieser Hinsicht bin ich, sonst voll Freude am Neuen und Revolutionären, überaus rückständig, ich verlange von den höher gebildeten Ständen einen gewissen Idealismus, eine gewisse Bereitschaft zu Verständnis und Auseinandersetzung, ganz unabhängig vom materiellen Vorteil, kurz ein Stück Humanismus, obwohl ich weiß, daß dieser Humanismus in Wirklichkeit nicht mehr existiert und daß auch seine Gebärde bald nur noch in Wachsfigurenkabinetten anzutreffen sein wird.
Nach kurzem Warten wurde ich hineingeführt, ein sehr schöner, geschmackvoll eingerichteter Raum gewann sogleich mein Vertrauen. Der Arzt, der erst noch in einem Nebenraume in der üblichen Weise mit Wasser geplätschert hatte, trat herein, ein intelligentes Gesicht versprach Verständnis, und wir begrüßten einander, wie es gesitteten Boxern ziemt, vor dem Wettkampf mit herzlichem Händedruck. Vorsichtig begannen wir den Kampf, tasteten einander ab, probierten zögernd die ersten Schläge. Noch waren wir auf neutralem Gebiet, unser Disput ging um Stoffwechsel, Ernährung, Alter, frühere Krankheiten und troff von Harmlosigkeit, nur bei einzelnen Worten kreuzten sich unsere Blicke, klar zum Gefecht. Der Arzt hatte einige Ausdrücke aus der medizinischen Geheimsprache auf seiner Palette, die ich nur annähernd entziffern konnte, die aber seinen Kundgebungen ornamental sehr zustatten kamen und seine Position mir gegenüber spürbar stärkten. Immerhin war mir schon nach einigen Minuten klar, daß bei diesem Arzte nicht jene grausame Enttäuschung zu fürchten war, welche Menschen von meiner Art gerade bei Ärzten peinlich ist: daß man hinter einer gewinnenden Fassade von Intelligenz und Schulung auf eine starre Dogmatik stößt, deren erster Satz postuliert, daß Anschauungsweise, Denkart und Terminologie des Patienten rein subjektive Phänomene, die des Arztes hingegen streng objektive Werte seien. Nein, hier hatte ich es mit einem Arzt zu tun, um dessen Verständnis zu kämpfen einen Sinn hatte, der nicht nur der Vorschrift gemäß intelligent, sondern bis zu einem zunächst noch nicht bestimmbaren Grade wissend war, also im Besitz eines lebendigen Gefühls für die Relativität aller geistigen Werte. Unter gebildeten und gescheiten Menschen passiert es ja in jedem Augenblick, daß jeder die Mentalität und Sprache, die Dogmatik und Mythologie des andern als eine subjektive, als bloßen Versuch, bloßes flüchtiges Gleichnis erkennt. Daß aber jeder diese selbe Erkenntnis auch an sich selber mache und auf sich selber anwende und jeder sich selbst sowohl wie dem Gegner das Recht auf seine von innen her bestimmte und notwendige Art, Denkweise und Sprache zugestehe, daß also zwei Menschen miteinander Gedanken austauschen und sich dabei beständig der Gebrechlichkeit ihrer Werkzeuge, der Vieldeutigkeit aller Worte, der Unmöglichkeit eines wahrhaft exakten Ausdrucks, also auch der Notwendigkeit eines intensiven Sichgebens, einer gegenseitigen herzlichen Bereitwilligkeit und intellektuellen Ritterlichkeit bewußt bleiben – diese hübsche, zwischen denkenden Wesen eigentlich selbstverständliche Situation kommt ja praktisch so kläglich selten vor, daß wir jede Annäherung an sie, jede auch nur teilweise Verwirklichung innig begrüßen. Hier nun, diesem Spezialisten für Stoffwechselerkrankungen gegenüber, blitzte etwas wie die Möglichkeit solchen Verständnisses und Austausches auf.
Die Untersuchung, Blutprobe und Röntgen vorbehalten, brachte tröstliche Ergebnisse. Herz normal, Atmung ausgezeichnet, Blutdruck sehr anständig, dagegen fanden sich die unverkennbaren Merkmale einer Ischias, einzelne gichtische Ansätze und ein etwas tadelnswerter Zustand der ganzen Muskulatur. Eine kleine Pause trat in unsrer Unterhaltung ein, während der Doktor sich wieder die Hände wusch.
Wie erwartet, trat in diesem Augenblick die Wende ein, das neutrale Gebiet wurde verlassen, mein Partner ging zur Offensive über, mit der vorsichtig akzentuierten, mit scheinbarer Nachlässigkeit hingelegten Frage: „Glauben Sie nicht, daß Ihre Leiden zum Teil auch psychisch mitbestimmt sein könnten?“ Also da standen wir nun, das Erwartete, Vorausgewußte war eingetroffen. Der objektive Befund rechtfertigte nicht ganz den von mir gemachten Aufwand an Leiden, es war ein verdächtiges Plus an Sensibilität da, meine subjektive Reaktion auf die Gichtschmerzen entsprach nicht dem vorgesehenen Normalmaße, ich war als Neurotiker erkannt. Also wohlauf, in den Kampf!
Ebenfalls vorsichtig, ebenfalls wie beiläufig erklärte ich, daß ich nicht an „psychisch mitbestimmte“ Leiden und Zustände glaube, daß in meiner persönlichen Biologie und Mythologie das „Psychische“ nicht eine Art von Nebenfaktor neben der Physis sei, sondern die primäre Macht, daß ich also jeden Lebenszustand, jedes Gefühl von Lust und Leid, auch jede Krankheit, jeden Unglücksfall und Tod als psychogen, als aus der Seele geboren ansehe. Wenn ich an den Fingergelenken Gichtknoten ansetze, so ist es meine Seele, ist es das ehrwürdige Lebensprinzip, das Es in mir, das im plastischen Material sich zum Ausdruck bringt. Wenn die Seele leidet, so kann sie das sehr verschieden ausdrücken, und was sich bei dem einen als Harnsäure gestaltet und den Abbau seines Ich vorbereitet, das kann bei einem andern als Trunksucht dieselben Dienste tun, bei einem dritten sich zu einem Stück Blei verdichten, das plötzlich in seine Hirnschale einbricht. Dabei gab ich zu, daß die Aufgabe und Möglichkeit des helfenden Arztes sich wohl in den meisten Fällen damit begnügen müsse, die materiellen, also sekundären Veränderungen aufzusuchen und sie mit ebenfalls materiellen Mitteln zu bekämpfen.
Auch jetzt noch rechnete ich durchaus mit der Möglichkeit, vom Doktor sitzen gelassen zu werden. Er würde zwar nicht geradezu sagen: „Sehr Geehrter, was Sie da reden, ist Blödsinn“, aber er würde vielleicht mit einem um einen Grad zu nachsichtigen Lächeln mir zustimmen, ein banales Wort über den Einfluß der Stimmungen, zumal auf eine Künstlerseele, sprechen und würde außer diesen Posthaltern vielleicht auch noch gar das fatale Wort „Imponderabilien“ hervorholen. Dies Wort ist ein Probierstein, eine zarte Wage für geistige Maße, welche der Durchschnitts-Wissenschaftler schon „imponderabel“ nennt. Er braucht nämlich dies bequeme Wort stets da, wo es sich um das Messen und Beschreiben von Lebensäußerungen handelt, für welche nicht nur die vorhandenen materiellen Meßapparate zu grob, sondern auch die Gewilltheit und Fähigkeit des Sprechenden zu klein ist. Der Nurwissenschaftler weiß ja meistens wenig, er weiß unter andrem nicht, daß es gerade für die flüchtigen, beweglichen Werte, die er imponderabel nennt, außerhalb der Naturwissenschaft alte, hochkultivierte Meß- und Ausdrucksmethoden gibt, daß sowohl Thomas von Aquin wie Mozart, jeder in seiner Sprache, gar nichts anderes getan haben, als sogenannte Imponderabilien mit einer unerhörten Präzision zu wägen. Konnte ich von einem Badearzt, sei er auch auf seinem Gebiete ein Phönix, dies zarte Wissen erwarten? Ich tat es aber doch, und siehe, ich wurde nicht enttäuscht. Ich wurde verstanden. Der Mann erkannte, daß ihm in mir nicht eine fremde Dogmatik entgegentrete, sondern ein Spiel, eine Kunst, eine Musik, bei welcher es kein Rechthaben und Streiten mehr gebe, nur ein Mitschwingen oder Versagen. Und er versagte nicht, ich wurde verstanden und anerkannt, anerkannt nicht als Rechthabender natürlich, der ich ja nicht bin noch sein will, aber als Suchender, als Denkender, als Antipode, als Kollege von einer anderen, weit entlegenen, aber ebenfalls vollgültigen Fakultät.
Und jetzt stieg meine gute Laune, gehoben schon durch die für Blutdruck und Atmung erhaltene Zensur, bis in die höheren Grade. Mochte es nun mit dem Regenwetter, mit der Ischias, mit der Kur gehen wie es mochte, ich war nicht den Barbaren ausgeliefert, ich stand einem Menschen, einem Kollegen, einem Manne von elastischer und differenzierter Mentalität gegenüber! Nicht, daß ich darauf gerechnet hätte, häufig und lang mit ihm zu sprechen, Probleme mit ihm durchzusieben. Nein, dies war nicht nötig, wenn auch als angenehme Möglichkeit zu werten; es genügte, daß der Mann, dem ich für einige Zeit Gewalt über mich einräumte und Vertrauen schenken mußte, in meinen Augen das menschliche Reifezeugnis besaß. Mochte der Doktor mich heute noch für einen zwar geistig regsamen, doch leider etwas neurotischen Patienten ansehen, möglicherweise kam einmal die Stunde, wo er auch die oberen Stockwerke meines Gebäudes öffnen würde, wo mein eigentlicher Glaube, meine eigenste Philosophie mit der seinen in Spiel und Wettkampf treten würde. Auch meine Theorie des Neurotikers, fußend auf Nietzsche und Hamsun, würde dabei vielleicht einen Schritt weiter kommen. Aber einerlei, daran war nicht viel gelegen. Der neurotische Charakter nicht als Krankheit, sondern als ein zwar schmerzhafter, doch höchst positiver Sublimierungsprozeß gesehen – das war ein hübscher Gedanke. Es war jedoch einzig wichtig, ihn zu leben, nicht ihn zu formulieren.
Zufrieden und mit zahlreichen Kurvorschriften versehen, nahm ich vom Arzte Abschied. Der Zettel, den ich in der Brieftasche trug und dessen Befolgung morgen in aller Frühe beginnen sollte, verhieß mir mancherlei heilsame und amüsante Dinge: Bäder, Trinkkur, Diathermie, Quarzlampe, Heilgymnastik. Also mit der Langeweile kann es nicht allzu schlimm werden.
Daß auch der Abend meines ersten Kurtages schön und freundlich verlief und zu seiner Blüte kam, ist das Verdienst meines Wirtes. Das Abendessen, das sich zu meinem Staunen als ein Festmahl edlen Stils entfaltete, brachte solche gaumenschmeichelnde, mir seit Jahren nicht mehr bekannte Platten, wie Gnocchi mit Geflügelleber, Irish Stew, Erdbeereis. Und später saß ich, bei einer Flasche Rotwein, mit dem Hausherrn in lebhaften Gesprächen in einer schönen altertümlichen Stube an einem alten schweren Nußbaumtisch und hatte die Freude, in einem fremden Menschen von andrer Herkunft, andrem Beruf, andrem Ehrgeiz und andrem Lebensstil ein Echo zu finden, an seinen Sorgen und Freuden teilnehmen zu können, viele meiner Anschauungen von ihm geteilt zu sehen. Wir sangen einander keine hohen Gesänge vor, aber wir fanden schnell Berührungsflächen und kamen einander mit der Offenheit entgegen, die leicht zur Sympathie wird.
Auf einem kurzen Nachtgang vor dem Schlafengehen sah ich Sterne in den Regenpfützen gespiegelt, sah im Nachtwind am Ufer des heftig rauschenden Flusses ein paar außerordentlich schöne alte Bäume. Sie würden auch morgen noch schön sein, aber in diesem Augenblick hatten sie die magische, nicht wiederkehrende Schönheit, die aus unsrer eigenen Seele kommt und die, nach den Griechen, nur dann in uns aufleuchtet, wenn Eros uns angeblickt hat.
Tageslauf
Wenn ich es unternehme, den üblichen Verlauf eines Kurtages zu beschreiben, so wähle ich dazu billigerweise einen durchschnittlichen Tag, einen Tag ohne extremen Charakter, so einen halb bewölkten, halb blauen Normaltag ohne besondere Ereignisse von außen und ohne besondere Vorzeichen und Bezauberungen von innen. Denn natürlich gibt es hier, und zwar nicht nur für nervöse Literaten, sondern für die ganze Schar der Ischiatiker, je nach Stand und Verlauf der Kur, Tage voll Beschwerden und Depression und leichte sanfte Tage des Wohlergehens und der aufblühenden Hoffnung, Tage, an denen wir hüpfen, und solche, an denen wir elend dahin schleichen oder hoffnungslos im Bett liegen bleiben.
Mag ich mir nun aber auch alle Mühe mit dem Konstruieren eines wohltemperierten Durchschnittstages, eines normalen bürgerlichen Plusminustages geben, ein für mich peinliches Geständnis bleibt mir dennoch nicht erspart, denn jeder Tag, und gar ein Kurtag, fängt leider mit einem Morgen an. Es hängt bei mir vermutlich mit meinem tiefsten Mangel und Laster, dem schlechten Schlafen, zusammen und entspricht auch sonst in jeder Hinsicht meinem Wesen, meiner Philosophie, meinem Temperament und Charakter, daß ich mit dem von so viel wunderschönen Gedichten gepriesenen Morgen gar nichts anzufangen weiß. Es ist eine Schande, und es fällt mir schwer, es zu gestehen, aber welchen Sinn hätte das Schreiben, wenn nicht der Wille zur Wahrheit dahinter stünde? Der Morgen, die berühmte Zeit der Frische, des Neubeginns, des jungen freudigen Antriebs, ist für mich fatal, ist mir verdrießlich und peinlich, wir lieben einander nicht. Dabei fehlt es mir nicht am Verständnis, am Einfühlungsvermögen für jene strahlende Morgenfreude, wie sie in manchen Gedichten von Eichendorff und von Mörike so erweckend und hell erklingt, ich empfinde in Gedichten, auf Gemälden und in der Erinnerung den Morgen ebenso poetisch, und aus der Kindheit her ist mir etwas wie halbverwischte Erinnerung an echte Morgenlust geblieben, obwohl ich seit sehr vielen Jahren gewiß an keinem einzigen Morgen wahrhaft froh gewesen bin. Und auch in das klingendste Bekenntnis zu frischer Morgenlust, das ich kenne, in den von Wolf komponierten Eichendorff-Vers „Der Morgen, der ist meine Freude“, höre ich einen fernen Mißton klingen, denn so wunderbar es klingt, und so sehr Eichendorffs Morgenstimmung mich überzeugt, ich kann an Hugo Wolfs Morgenfreude doch nicht recht glauben und finde, er habe sich da eine wehmütig poetische, sehnsüchtige, nicht erlebte Morgenverherrlichung gestattet. Alles, was mein Leben schwer und heikel und zu einem gefährlichen, ja häßlichen Problem macht, spricht am Morgen überlaut, steht übergroß vor mir. Alles, was mein Leben süß und schön und außerordentlich macht, alle Gnade, aller Zauber, alle Musik, ist am Morgen fern und kaum sichtbar, klingt kaum noch wie Sage und Legende herüber. Aus dem allzu seichten Grabe meines schlechten, kurzen, oft unterbrochenen Schlafes erhebe ich mich am Morgen, nicht beflügelt mit Auferstehungsgefühlen, sondern schwer, müde und zaghaft, ohne jeden Schutz und Panzer gegen die einstürmende Umwelt, die meinen empfindlichen Morgennerven all ihre Schwingungen wie durch einen heftigen Vergrößerungsapparat mitteilt, mir ihre Töne durch ein Megaphon zuheult. Erst von Mittag an wird das Leben wieder erträglich und gut, und an glücklichen Tagen wird es am Spätnachmittag und Abend wunderbar, strahlend, schwebend, innig durchglüht von zartem Gotteslicht, voll Gesetz und Harmonie, voll Zauber und Musik, und entschädigt mich golden für die tausend und tausend bösen Stunden.
An andrem Orte denke ich gelegentlich zu sagen, warum das Leiden an Schlafmangel und an diesem Morgenweh mir nicht bloß als Krankheit, sondern auch als Laster erscheint, warum ich mich seiner schäme und dennoch empfinde, daß es so sein muß, daß ich diese Dinge weder wegleugnen noch vergessen noch von außen her „heilen“ darf, sondern ihrer als des Antriebes und immer erneuerten Stachels für mein eigentliches Leben und seine Aufgabe bedarf.
Dies Eine nun hat der Badener Kurtag für mich vor den Tagen des gewohnten Lebens voraus: während der Kur beginnt jeder Tag mit einer wichtigen, zentralen Morgenpflicht und Aufgabe, und diese Aufgabe ist leicht, ja angenehm zu erfüllen. Ich meine das Bad. Wenn ich morgens erwache, einerlei um welche Stunde es sei, so steht als erste und wichtigste Aufgabe vor mir nicht etwas Lästiges, nicht Ankleiden oder Turnen oder Rasieren oder Postlesen, sondern das Bad, eine sanfte, warme, reibungslose Angelegenheit. Mit einem leichten Schwindelgefühl richte ich mich im Bett auf, setze durch einige vorsichtige Übungen die eingerosteten Beine wieder in Betrieb, stehe auf, werfe den Schlafrock über und schreite langsam durch den halbdunkeln, schweigenden Korridor zum Lift, der mich durch alle Stockwerke bis in den Keller zu den Badezellen führt. Hier unten ist es sehr schön. In den steinernen, sehr alten, sanft hallenden Gewölben herrscht beständig eine wunderbare weiche Wärme, denn überall rinnt das heiße Wasser der Quellen, ein heimliches, wärmendes Höhlengefühl überkommt mich hier jedesmal, wie ich es als kleiner Knabe hatte, wenn ich mir aus einem Tisch, zwei Stühlen und einigen Bettvorlagen oder Teppichen eine Höhle errichtet hatte. In meiner reservierten Badezelle erwartet mich das tiefe, in den Boden versenkte, gemauerte Bassin voll heißen, eben aus den Quellen geronnenen Wassers, ich steige langsam hinein, auf zwei kleinen Steinstufen, drehe die Sanduhr um und tauche bis zum Kinn in das heiße strenge Wasser, das ein wenig nach Schwefel riecht. Hoch über mir, am Tonnengewölbe meiner massiv gemauerten Zelle, die mich sehr an eine Klosterzelle erinnert, fließt Tageslicht dünn durch ein Fenster mit matten Scheiben; dort oben, ein Stockwerk höher als ich, hinter dem Milchglas, liegt die Welt, fern, milchig, kein Ton von ihr erreicht mich. Und um mich her spielt die wunderbare Wärme des geheimnisvollen Wassers, das da seit tausend Jahren aus unbekannten Küchen der Erde rinnt und beständig in schwachem Strahl in mein Bad nachströmt. Nach der Vorschrift soll ich im Wasser meine Glieder möglichst viel bewegen, Turn- und Schwimmbewegungen ausführen. Pflichtgemäß tue ich dies auch, einige Minuten lang, dann aber bleibe ich regungslos liegen, schließe die Augen, schlummere halb, sehe dem stillen steten Rieseln der Sanduhr zu.
Ein welkes Blatt, durchs Fenster hereingeweht, ein kleines Blatt von einem Baum, dessen Name mir nicht einfällt, liegt am Rande meines Bassins, das sehe ich an, lese die Schrift seiner Rippen und Adern, atme die so merkwürdige Mahnung der Vergänglichkeit, vor der wir schauern und ohne welche doch nichts Schönes wäre. Wunderbar, wie Schönheit und Tod, Lust und Vergänglichkeit einander fordern und bedingen! Deutlich fühle ich, wie etwas Sinnliches, um mich her und in mir innen die Grenze zwischen Natur und Geist. So wie Blumen vergänglich und schön sind, Gold aber beständig und langweilig, so sind alle Bewegungen des natürlichen Lebens vergänglich und schön, unvergänglich aber und langweilig ist der Geist. Zu dieser Stunde lehne ich ihn ab, sehe den Geist keineswegs als ewiges Leben, sondern als ewigen Tod, als das Erstarrte, Unfruchtbare, Gestaltlose, das nur Gestalt und Leben werden kann unter Preisgabe seiner Unsterblichkeit. Das Gold muß Blume, der Geist muß Leib und muß Seele werden, um leben zu können. Nein, in dieser lauen Morgenstunde, zwischen Sanduhr und welkem Blatt, will ich nichts vom Geiste wissen, den ich zu andern Zeiten sehr verehren kann, ich will vergänglich, will Kind und Blume sein.
Und daß ich vergänglich bin, daran erinnert mich, nach einer halben Stunde Liegens in der warmen Flut, der Augenblick des Aufstehens. Ich klingle dem Wärter, er erscheint und legt mir ein durchwärmtes Badetuch bereit. Und jetzt erhebe ich mich im Wasser, und da fließt das Gefühl der Vergänglichkeit mir schwächend durch alle Glieder, denn diese Bäder ermüden sehr, und wenn ich mich nach einem Bad von dreißig oder vierzig Minuten erheben will, so gehorchen Knie und Arme nur langsam und mühsam. Aus dem Behältnis gekrochen, schlage ich das Tuch mir um die Schultern, will mich tüchtig abreiben, will ein paar energische Bewegungen machen, um mich zu ermuntern, kann es aber nicht, sondern sinke auf dem Stuhl zusammen, fühle mich zweihundert Jahre alt und brauche lange, bis ich mich dazu bringen kann, aufzustehen, Hemd und Schlafrock wieder anzuziehen und zu gehen.
Ich gehe langsam, mit weichen Knien, durch die stillen Gewölbe, hinter deren Zellentüren da und dort das Wasser rauscht, zur Schwefelquelle hinüber, welche unter Glas zwischen gelblich beschlagenem Gestein sprudelt und kocht. Eine rätselhafte Geschichte ist von dieser Quelle zu berichten. Auf dem Rande ihrer steinernen Fassung stehen, zur Benutzung für die Gäste, stets zwei Wassergläser, vielmehr, das ist eben die Geschichte, sie stehen nicht da, sondern jeder Gast, wenn er dürstend zur Quelle kommt, muß die Erfahrung machen, daß die beiden Gläser schon wieder verschwunden sind. Man schüttelt alsdann den Kopf, soweit eben ein Kurgast nach dem Bade eine solche Bewegung auszuführen vermag, man ruft nach Bedienung, und es erscheint bald der Hausdiener, bald der Kellner, bald ein Zimmermädchen oder eine Badewärterin, bald der Liftboy, und sie alle schütteln ebenfalls den Kopf und begreifen nicht, wohin nun schon wieder diese unheimlichen Gläser gekommen sind. Eiligst wird jedesmal ein neues Glas gebracht, der Gast füllt es, trinkt es aus, stellt es auf den Stein und geht – und wenn er in zwei Stunden wieder kommt, um nochmals einen Schluck zu nehmen, ist wieder kein Glas da. Von den Angestellten, welchen diese rätselhafte Glasgeschichte verdrießlich ist und Mehrarbeit macht, stellt jeder seine eigene Erklärung für das Schwinden der Gläser auf, welche jedoch alle nicht überzeugend wirken. Der Boy zum Beispiel meinte naiv, die Gläser würden eben häufig von den Gästen mit in ihre Zimmer genommen. Als ob sie da nicht täglich von den Zimmermädchen wiedergefunden werden würden! Kurz, die Sache ist unaufgeklärt, und nur mir allein ist es schon acht- oder zehnmal passiert, daß man mir ein neues Glas holen mußte. Da unser Hotel etwa achtzig Gäste hat und da diese Kurgäste, seriöse ältere Leute mit Gicht und Rheumatismen, vermutlich keine Gläser stehlen, so nehme ich an, daß es entweder ein pathologischer Sammler oder aber ein nicht menschliches Wesen, ein Quelldämon oder Drache ist, welcher die Gläser wegnimmt, vielleicht um die Menschen für die Ausbeutung der Quelle zu strafen, und vielleicht findet einst ein im Kellergewölbe irrgelaufenes Sonntagskind den Eingang zu einem verborgenen Schachte, wo ganze Gebirge von Trinkgläsern angehäuft stehen, denn nach meinen vorsichtigen Berechnungen müssen in einem einzigen Jahre mindestens zweitausend Gläser sich dort ansammeln.
An dieser Quelle nun fülle ich mir ein Glas und trinke das warme dickliche Wasser mit Vergnügen. Meist sitze ich dabei schon wieder und kann dann nur schwer den Entschluß zum Wiederaufstehen finden. Ich schleppe mich zum Lift, angenehme Vorstellungen von erfüllter Pflicht und verdienter Rast im Hirn, denn mit dem Baden und Trinken habe ich tatsächlich die wichtigsten Vorschriften des Tages erfüllt. Dagegen ist es noch früh am Tage, höchstens sieben oder halb acht Uhr, manche Stunden sind noch bis Mittag, und ich gäbe alles dafür, wenn ich einen Zauber wüßte, Morgenstunden in Abendstunden zu verwandeln.
Für den Augenblick allerdings kommt mir wieder die Kurvorschrift zu Hilfe, die mich nach dem Bade nochmals ins Bett befiehlt. Meiner dösigen Bademüdigkeit entspricht dies sehr, aber um diese Tageszeit hat das Leben im Hotel längst begonnen, die Dielen krachen unter den hastigen Tritten der Zimmermädchen und Frühstückträgerinnen, und die Türen fliegen. Da ist an Schlaf, außer für Minuten, nicht mehr zu denken, denn jene Antiphone sind noch nicht erfunden, die das überwache, raffinierte Ohr des Schlaflosen wirklich schützen.
Nichtsdestoweniger ist es angenehm, sich nochmals hinzulegen, die Augen nochmals zuzutun, noch nicht an all die dummen Verrichtungen zu denken, die der Morgen von uns verlangt: das dumme Anziehen, das dumme Rasieren, das dumme Krawattenflechten, das Gutentagsagen, das Lesen der Post, das Sichentschließen zu irgendeiner Tätigkeit, das Wiederaufnehmen der ganzen Lebensmechanik.