Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur

Part 4

Chapter 43,652 wordsPublic domain

Des Stehens müde und von dieser Veranstaltung weniger hingerissen als der bärtige Enthusiast, denke ich bei der zweiten Pause eben daran, mich wieder zu entfernen, als aus einem Nebenraume her ein rätselhaftes Geräusch mein Ohr erreicht. Ich frage einen benachbarten Ischiatiker und erfahre, daß dort ein Spielsaal sei. Erfreut eile ich hinüber. Richtig, da stehen Palmen in den Ecken und runde plüschene Sitzgelegenheiten, und an einem großen grünen Tische wird, wie es scheint, Roulette gespielt. Ich pirsche mich heran, der Tisch ist dicht von Neugierigen umstellt, zwischen deren Schultern hindurch ich einen Teil der Vorgänge beobachten kann. Mein Auge wird zuerst gefesselt von dem Herrn des Tisches, einem rasierten Herrn im Frack, ohne Alter, mit braunen Haaren und einem stillen philosophischen Angesicht, der eine staunenerregende Fertigkeit darin besitzt, mit nur einer Hand und mit Hilfe einer aparten elastischen Krücke oder Harke Geldstücke blitzschnell von jedem Felde des Tisches auf beliebige andere Felder zu schnellen. Er handhabt die biegsame Talerharke wie ein geschickter Forellenangler die englische Stahlrute, und außerdem kann er Geldstücke im Bogen durch die Luft so schleudern, daß sie auf dem gewünschten Tischfeld niederfallen. Und bei all dieser Tätigkeit, deren Rhythmen durch die Rufe seines jüngeren Gehilfen, welcher die Kugel bedient, beeinflußt werden, bleibt sein stilles, blank rasiertes und rosiges Gesicht unter dem braunen, etwas leblosen Haar immerdar gleich still und ruhig. Lange sehe ich ihm zu, wie er unbeweglich sitzt, auf einem eigenen, besonders gebauten Stühlchen mit schräggestellter Sitzfläche, wie er in dem stillen Gesicht einzig die raschen Augen bewegt, wie er die Talerstücke mit spielender Linken ausschleudert, sie mit spielender Rechten mittels der Harke wieder einfängt und in die Ecken schnellt. Vor ihm stehen Säulen von großen und kleinen Silberstücken, Stinnes kann nicht mehr haben. Immerzu wirft sein Gehilfe den Ball, der in ein beziffertes Loch rollt, immerzu ruft er die Zahl des Loches aus, ladet zum Spiele ein, teilt mit, daß die Einsätze gemacht seien, warnt: „_rien ne va plus_“, und immerzu spielt und arbeitet der ernste Herr am Tische. Oft hatte ich dies schon gesehen, in früheren Jahren, in der fernen sagenhaften Zeit vor dem Kriege, in den Jahren meiner Reisen und Wanderungen, in vielen Städten der Welt hatte ich diese Palmen und Polster, diese selben grünen Tische und Kugeln gesehen und dabei an die schönen schwülen Spielergeschichten von Turgenjew und Dostojewski gedacht und mich dann wieder anderen Dingen zugewendet. Nur eines fiel mir hier bei näherer Prüfung auf, daß nämlich das ganze Spiel einzig zur eigenen Belustigung des Herrn im Frack betrieben wurde. Er warf seine Taler aus, schob sie von Fünf auf Sieben, von Grade auf Ungrade, zahlte die Gewinne aus, strich die Verlierenden ein – aber alles war sein eigenes Geld. Kein Mensch aus dem Publikum machte einen Einsatz, es waren lauter Kurgäste, meist von ländlicher Herkunft, die mit Freude und tiefer Bewunderung, ebenso wie ich, den Evolutionen des Philosophen folgten und den französischen, kühlen, wie geeisten Rufen seines Gehilfen lauschten. Als ich nun, von Mitleid ergriffen, zwei Franken auf die mir erreichbare Ecke des Tisches legte, richteten fünfzig Augen sich gebannt und weit aufgerissen auf mich, und das war mir so peinlich, daß ich kaum mehr den Augenblick abwartete, wo meine Franken unter der Harke verschwanden, und mich eilig entfernte.

Auch heute wieder bringe ich einige Minuten vor den Schaufenstern der Badestraße zu. Da sind mehrere Ladengeschäfte, in welchen die Kurgäste die ihnen unentbehrlich scheinenden Artikel kaufen können, namentlich Ansichtskarten, bronzene Löwen und Eidechsen, Aschenbecher mit Bildnissen berühmter Männer (so daß der Käufer sich zum Beispiel den Spaß machen kann, täglich seine brennende Zigarre dem Richard Wagner ins Auge zu stoßen) und viele andere Gegenstände, über welche ich mich nicht zu äußern wage, da ich trotz langem Betrachten ihre Artung und Bestimmung nicht zu ergründen vermochte; manche von ihnen scheinen den kultlichen Bedürfnissen primitiver Volksstämme zu dienen, doch mag dies Irrtum sein, und alle zusammen machen sie mich traurig, denn sie zeigen mir allzu deutlich, daß ich trotz allem guten Willen zur Sozialität dennoch außerhalb der bürgerlichen und wirklichen Welt lebe, nichts von ihr weiß und sie ebensowenig je wirklich verstehen werde, wie ich, trotz allen meinen langjährigen schriftlichen Bemühungen, mich jemals ihr verständlich werde machen können. Wenn ich in diese Schaufenster blicke, in welchen nicht Gegenstände des täglichen Bedarfs angeboten werden, sondern sogenannte Geschenk-, Luxus- und Scherzartikel, dann entsetzt mich die Fremdheit dieser Welt; unter hundert Gegenständen sind zwanzig, dreißig, deren Bestimmung, Sinn und Gebrauchsart ich nur ganz vage zu ahnen vermag, und ist kein einziger, dessen Besitz mir wünschenswert schiene. Da sind Gegenstände, bei deren Anblick ich lange raten kann: Steckt man das auf den Hut? oder in die Tasche? oder ins Bierglas? oder gehört es zu einer Art Kartenspiel? Es gibt da Bilder und Inschriften, Devisen und Zitate, welche aus mir völlig unbekannten, meiner Ahnung unzugänglichen Vorstellungswelten stammen, und es gibt dann wieder Verwendungsarten mir wohlbekannter und ehrwürdiger Symbole, die ich weder verstehen noch billigen kann. Die geschnitzte Figur Buddhas oder einer chinesischen Gottheit zum Beispiel auf dem Griff eines modischen Damenschirmes ist und bleibt mir rätselhaft, fremd und peinlich, ja unheimlich; ein gewolltes und bewußtes Sakrileg kann es kaum sein – welche Vorstellungen, Bedürfnisse und Seelenzustände aber den Unternehmer zur Herstellung, die Käufer zum Kauf dieser irrsinnigen Gegenstände bewegen, dies ist es, was zu wissen ich so begierig wäre und was ich auf keine Weise erfahren kann. Oder ein modisches Kaffeehaus, wo um fünf Uhr die Leute sitzen! Ich kann es vollkommen verstehen, daß wohlhabende Leute Spaß daran finden, Tee, Kaffee und Schokolade zu trinken und dazu Schlagsahne und teure feine Patisserien zu genießen. Warum aber freie und vollsinnige Menschen sich im Genuß dieser Dinge durch eine aufdringlich einschmeichelnde, übersüßte Musik, durch ein unsäglich enges und unherrschaftliches, banges Sitzen in überfüllten, engen, mit ganz entbehrlichem Putz und Schmuck überladenen Räumen stören lassen, vielmehr warum all diese Störungen, Unbequemlichkeiten und Widersprüche von den Menschen gar nicht als solche empfunden, sondern noch geliebt und aufgesucht werden, dies werde ich nie ergründen und habe mir angewöhnt, es meiner, wie gesagt, leicht schizophrenen Geistesanlage zuzuschreiben. Aber immer wieder macht es mir Sorgen. Und die gleichen eleganten und wohlhabenden Leute, die in solchen Cafés sitzen, von klebrig süßer Musik im Denken, im Plaudern, beinah im Atmen gehemmt, umgeben von dickem, klotzigem Luxus, von Marmor, Silber, Teppichen, Spiegeln, die gleichen Leute hören abends mit angeblichem Entzücken einen Vortrag über die edle Einfachheit des japanischen Lebens an und haben Mönchslegenden und die Reden Buddhas in schönen Drucken und Einbänden zu Hause liegen. Ich will ja wahrlich kein Zelot und Sittenprediger sein, ich bin sogar gerne für manche ziemlich tollen und gefährlichen Laster zu haben und freue mich, wenn die Leute vergnügt sind, denn mit vergnügten Menschen lebt es sich angenehmer – – aber _sind_ sie denn vergnügt? lohnt sich wirklich all der Marmor, die Schlagsahne, die Musik? Lesen diese selben Leute nicht, bedient vom livrierten Diener und mit Tellern voll feiner süßer Fressereien vor sich, in ihren Zeitungen lauter Berichte von Hungersnot, Aufstand, Schießereien, Hinrichtungen? Steht nicht hinter den Riesenglasscheiben dieser eleganten Kaffeehäuser eine Welt voll blutiger Armut und Verzweiflung, voll Irrsinn und Selbstmord, voll Angst und Entsetzen? Nun ja, ich weiß, alles das muß sein, alles ist irgendwie richtig, und Gott will es so. Aber das weiß ich doch eben nur so, wie man das Einmaleins weiß. Überzeugend ist dies Wissen nicht. In Wahrheit finde ich all dies gar nicht richtig und gottgewollt, sondern verrückt und scheußlich.

Bekümmert wende ich mich jenen Läden zu, in welchen Ansichtspostkarten ausgestellt sind. Hier kenne ich mich schon sehr gut aus, ich darf sagen, daß ich die Ansichtskarten Badens ziemlich erschöpfend studiert habe, alles in dem Bestreben, aus diesem Symptom seiner Bedürfnisse den Durchschnittskurgast und seine Seele noch besser kennenzulernen. Es gibt in ziemlicher Menge hübsche Nachbildungen alter Badener Veduten, auch alter Gemälde und Stiche mit Badeszenen, aus welchen man sieht, daß in Baden in früheren Jahrhunderten zwar weniger seriös und anständig, vielleicht auch weniger hygienisch als heute, dafür aber entschieden vergnüglicher gelebt und gebadet wurde. Diese alten Bildchen, ihre Türme und Giebel, ihre Trachten und Kostüme, alles macht einem ein wenig Heimweh, obwohl man natürlich keineswegs in jenen Zeiten gelebt haben möchte. Alle diese Städtebilder, Straßenbilder, Badebilder, seien sie nun aus dem sechzehnten oder dem achtzehnten Jahrhundert, strömen ganz leise und sanft jene stille Traurigkeit aus, die von allen solchen Bildern ausgeht, denn alles auf diesen Bildern ist hübsch, auf allen scheint zwischen Natur und Mensch Friede zu herrschen, scheinen Häuser und Bäume nicht im Krieg miteinander zu liegen. Schönheit und Einheitlichkeit scheint alles zu umfassen, vom Erlengehölz bis zur Tracht der Schäferin, vom zinnengekrönten Torturm bis zu Brücke und Brunnen und noch bis zu dem schlanken Hündlein, das an die Empiresäule pißt. Man findet Drolliges, Dummliches, Eitles auf manchen dieser alten Bildchen, aber man sieht nichts Häßliches, nichts Schreiendes; die Häuser stehen nebeneinander wie Feldsteine oder wie Vögel, die in einer Reihe auf der Stange sitzen, während in jetzigen Städten fast jedes Haus das andre anschreit, ihm Konkurrenz macht, es wegdrücken möchte.

Und es fällt mir ein, wie einmal meine Geliebte bei einem schönen Fest, wo alles in Kostümen der Mozartzeit herumlief, plötzlich Tränen in den Augen hatte und, als ich erschrocken fragte, sagte: „Warum muß heute alles so häßlich sein?“ Ich tröstete sie damals damit, daß unser Leben um nichts schlechter, daß es freier, reicher und größer ist als jene es hatten, daß unter den hübschen Perücken Läuse waren und hinter der Pracht der Spiegelsäle und Kerzenleuchter hungernde und unterdrückte Völker und daß es überhaupt gut sei, daß wir von jenen frühern Zeiten gerade nur das Allerhübscheste, die Erinnerung an ihre heitere Sonntagsseite, übrigbehalten haben. Aber nicht an allen Tagen denkt man so vernünftig.

Kehren wir zu den Ansichtskarten zurück! Es gibt da hierzulande eine besondere Kategorie von Bilderkarten, die der Originalität nicht entbehren. Die hiesige Gegend wird vom Volksmund das Rübliland genannt, und nun gibt es verschiedene Serien von Bildern, auf welchen Volksszenen jeder Art dargestellt sind, Szenen aus der Schule, vom Militär, Familienausflüge, Prügeleien, und alle Menschen auf diesen Bildern sind als Rüben dargestellt. Man sieht Rüben-Liebespaare, Rüben-Duelle, Rüben-Kongresse. Diese Karten erfreuen sich großer Beliebtheit, gewiß mit Recht, und doch machen auch sie mich nicht froh. Neben den historischen Ansichten und den Rüblibildern ist als dritte umfangreiche Kategorie diejenige der erotischen Darstellungen zu nennen. Auf diesem Gebiete, sollte man denken, ließe sich etwas leisten und es könnte durch Bilder dieser Art etwas Rasse, etwas Saft und Blüte in diese öde Welt der Schaufenster kommen. Aber diese Hoffnung mußte ich schon in den ersten Tagen aufgeben. Ich war erstaunt zu sehen, daß gerade das Liebesleben in dieser Bilderwelt sehr zu kurz gekommen war. Alle die Hunderte von Bildern dieser Kategorie zeichnen sich durch eine beklagenswerte Unschuld und Schamhaftigkeit aus, und auch hier fand ich meinen Geschmack dem der Allgemeinheit äußerst schlecht angepaßt, denn wenn jemand mir den Auftrag gäbe, Darstellungen aus dem Liebesleben zu sammeln, ich würde wahrlich ganz andere Bilder bringen als ich sie hier dargeboten finde. Hier herrscht weder das Pathos der reinen Erotik noch die Poesie des halbversteckten Spiels, sondern es herrscht überall eine süß verschämte Verlobungsstimmung, alle die vielen Liebespaare waren sorgfältig und schick gekleidet, die Bräutigame häufig im Gehrock und mit hohem Hute, Blumensträuße in den Händen, manchmal schien der Mond dazu, und unter dem Bilde suchte ein Vers die Situation zu erklären, zum Beispiel:

Du holdes Wesen, bei des Mondes Blinken Seh’ in deinem blauen Aug’ mein Glück ich winken.

Ich war von dieser Kategorie sehr enttäuscht, die Hersteller dieser Postkarten hatten offenbar vom Liebesleben mehr nur den konventionellen und uninteressanten Teil wahrgenommen. Immerhin notierte ich mir einige jener Verse, als Beispiele populärer Dichtung aus unsrem Zeitalter, zum Beispiel diesen:

Mit dem geliebten Wesen Hand in Hand, Das ist mein Ideal, der Seelen heilig Band.

So wenig meisterlich der Vers uns auch erscheinen möge, er war klassisch im Vergleich mit der Abbildung, die er begleitete. Ein junges Mädchen, dessen Kopf offensichtlich vom Wachsmodell eines Friseurladens entlehnt war, saß auf einer Bank unter Bäumen, und ein junger Herr in sehr gutem Anzug stand vor ihr, damit beschäftigt, seine Glacéhandschuhe an- oder auszuziehen.

Vor diesen Bildern stand ich denn auch heute wieder eine Weile, und da ich dabei Öde und Langeweile empfand und ein heftig brennendes Verlangen, diese ganze, an sich so schätzenswerte Welt der Konzerte, der Spieler, der korrekten Brautpaare und der Rüblibilder hinter mich zu bringen, schloß ich die Augen und flehte im Herzen Gott um Rettung an, denn wie ich fühlte, war ich nicht weit von einem Anfall tiefer Enttäuschtheit und faden Lebensekels entfernt, welche Anfälle mich zu meinem Jammer immer dann überraschen, wenn ich eben gutgewillt und ernsthaft den Versuch mache, mein Eremiten- und Sonderlingtum abzustreifen und Glück und Leid der Majorität zu teilen.

Und Gott half mir. Kaum hatte ich die Augen zugetan und mein Herz von der Kur- und Rübliwelt abgewandt, voll inniger Sehnsucht nach einem Gruß und Klang aus anderen, mir vertrauteren, mir heiligeren Sphären, da kam mir der erlösende Einfall. Es gab nämlich in unserem Hotel eine entlegene, nicht allen Gästen bekannte Ecke, wo unser Wirt, der viele solche liebenswerte Züge hat, zwei gefangene junge Marder in einem Drahtgefängnis von humanem Umfange hält. Nach den Mardern zu sehen, fühlte ich plötzlich ein Gelüste, gab blindlings nach, lief ins Hotel zurück und suchte das Verlies der Tiere auf. Kaum war ich bei ihnen, so war alles gut, ich hatte genau das gefunden, was ich in diesem kritischen Augenblick brauchte. Die beiden edlen, schönen Tiere, zutraulich und neugierig wie Kinder, ließen sich leicht aus ihrem Schlafloche locken, rannten, von der eigenen Kraft und Gelenkigkeit berauscht, in tollen Sprüngen durch den weiten Käfig, machten wieder am Gitter bei mir halt, atmeten heftig mit rosigen Schnauzen und schnoberten feuchtwarm an meiner Hand. Mehr hatte ich nicht gebraucht. In diese klaren Tieraugen zu blicken, diese herrlichen bepelzten Meisterwerke und Gottesgedanken zu sehen, ihren warmen lebendigen Atem zu fühlen, ihren scharfen wilden Raubtiergeruch zu riechen, das genügte, um mich vom unversehrten Vorhandensein aller Planeten und Fixsterne, aller Palmenwälder und Urwaldflüsse beruhigend zu überzeugen. Die Marder waren mir Gewähr für das, wofür ja der Anblick jeder Wolke, jedes grünen Blattes Gewähr genug hätte sein sollen; aber ich hatte eben dieser stärkeren Beweise bedurft.

Die Marder waren stärker als die Ansichtskarten, als das Konzert, als der Spielsaal. Solang es noch Marder gab, noch Duft der Urwelt, noch Instinkt und Natur, solange war für einen Dichter die Welt noch möglich, noch schön und verheißungsvoll. Aufatmend fühlte ich den Alpdruck schwinden, lachte mich selber aus, holte für die Marder ein Stück Zucker und schlenderte befreit in den Abend hinaus. Die Sonne stand schon dicht am Rand der Waldberge, von leichtem goldnem Gewölk durchwehtes Blau strahlte hell und kindlich über das Tal meiner Irrungen, lächelnd fühlte ich meine gute Stunde kommen, dachte an meine Geliebte, spielte mit entstehenden Versen, spürte Musik, spürte Glück und Andacht durch die Welt wehen, warf anbetend alle Last des Tages von mir und schwang mich, Vogel, Falter, Fisch, Wolke, hinüber in die frohe, vergängliche, kinderhafte Welt der Gestaltungen.

Von diesem Abend, an dem ich spät, müde und glücklich heimkehrte, will ich hier nicht berichten. Meine ganze Ischiatiker-Philosophie möchte mir dabei aus dem Leime gehen. Glücklich, müde und singend kam ich nachts zurück, und siehe, auch der Schlaf floh mich heute nicht, auch er, der so scheue Vogel, kam vertraulich und nahm mich auf blauem Flügel ins Paradies.

Der Holländer

Lange habe ich mich darum gedrückt, dies Kapitel zu schreiben. Nun muß es sein.

Als ich vor vierzehn Tagen mit Vorsicht und Sorgfalt mein Hotelzimmer Nummer 65 aussuchte, hatte ich im ganzen keine schlechte Wahl getroffen. Das Zimmer, hell und freundlich tapeziert, hat einen Alkoven, in dem das Bett steht, und erfreute mich durch seinen nicht alltäglichen, originellen Grundriß, es hat ein schönes Licht und etwas Aussicht auf Fluß und Weinberge. Ferner liegt es zuhöchst im Hause, es wohnt also niemand über mir, und von der Straße her sind kaum Störungen möglich. Ich hatte gut gewählt. Ich hatte damals auch nach den Zimmernachbarn gefragt und beruhigende Auskunft erhalten. Auf der einen Seite wohnte eine alte Dame, von der ich in der Tat nie etwas hörte. Auf der andern Seite, in Nummer 64, aber wohnte der Holländer! Im Lauf von zwölf Tagen, im Lauf von zwölf bitteren Nächten ist mir dieser Herr überaus wichtig geworden, ach allzu wichtig, er ist eine mythische Figur, ein Götze, ein Dämon und Gespenst für mich geworden, das ich erst vor wenigen Tagen besiegt habe.

Niemand, dem ich ihn zeigen würde, würde es mir glauben. Dieser Herr aus Holland, der mich seit so vielen Tagen am Arbeiten, seit so vielen Nächten am Schlafen gehindert hat, ist weder ein tollwütiger Berserker noch ein enthusiastischer Musiker, weder kommt er zu unerwarteten Zeiten betrunken nach Hause noch schlägt er seine Frau oder schimpft mit ihr, er pfeift und singt nicht, ja er schnarcht nicht einmal, wenigstens nicht so laut, daß es mich störte. Er ist ein solider, gesitteter, nicht mehr junger Mann, lebt regelmäßig wie eine Uhr und hat keinerlei auffallende Untugenden – wie ist es möglich, daß dieser ideale Bürger mich so leiden machte?

Es ist möglich, es ist leider Tatsache. Die beiden Hauptpunkte, die Grundpfeiler meines Unglücks, sind diese: zwischen den Zimmern Nummer 64 und 65 ist eine Tür, eine zwar verriegelte und mit einem Tisch verstellte, aber keineswegs dichte Tür. Dies ist das eine Unglück, es läßt sich nicht beheben. Das zweite, schlimmere: Der Holländer hat eine Frau. Auch sie ist mit erlaubten Mitteln nicht aus der Welt oder doch aus Nummer 64 zu bringen. Und dann habe ich noch das ungewöhnliche Pech, daß meine Nachbarn, gerade wie ich selber, zu den verhältnismäßig seltenen Hotelgästen gehören, die den größern Teil ihres Tages auf ihren Zimmern zubringen.

Hätte ich nun ebenfalls eine Frau bei mir oder wäre ich Gesanglehrer oder hätte ich ein Klavier, eine Geige, ein Waldhorn, eine Kanone oder Pauke, so könnte ich den Kampf gegen meine holländischen Nachbarn mit der Hoffnung auf Erfolg aufnehmen. So aber ist die Lage diese: Das Holländerpaar bekommt von mir während der vierundzwanzig Stunden des Tages keinen Ton zu hören, es wird von mir behandelt wie man Könige und Schwerkranke behandelt, wird von mir unaufhörlich mit der unausdenklichen Wohltat einer vollkommenen, absoluten Stille überschüttet. Und wie erwidern sie diese Wohltat? Sie gewähren mir, indem sie jede Nacht von zwölf bis sechs Uhr schlafen, eine tägliche Schonzeit von sechs Stunden. Ich habe die Wahl, ob ich diese Stunden zur Arbeit oder zum Schlaf, zu Gebet oder Meditation verwenden will. Über die übrigen achtzehn Stunden des Tages habe ich keine Verfügung, sie gehören nicht mir, diese täglichen achtzehn Stunden finden gewissermaßen überhaupt nicht bei mir, sondern nur in Nummer 64 statt. Achtzehn Stunden des Tages wird in Nummer 64 geplaudert, gelacht, Toilette gemacht, Besuch empfangen. Es wird nicht mit Schießwaffen hantiert noch wird Musik gemacht noch finden Schlägereien statt, dies muß ich anerkennen. Es wird aber auch nicht nachgedacht, nicht gelesen, nicht meditiert, nicht geschwiegen. Immerzu fließt der Fluß der Gespräche, oft sind vier und sechs Personen dort drüben beisammen, und abends plaudert das Ehepaar bis halb zwölf Uhr. Dann kommt das Klirren von Glas und Porzellan, das Feilen der Zahnbürsten, das Rücken einiger Stühle und die Melodien des Gurgelns. Dann krachen die Betten, und dann wird es still und bleibt still (das sei nochmals anerkannt) bis in der Frühe etwa um sechs Uhr, um welche Stunde einer der Ehegatten, ich weiß nicht ob er oder sie, sich erhebt und den Fußboden erbeben macht, er geht zum Bade, kehrt bald wieder; inzwischen ist auch für mich die Badestunde gekommen, und von meiner Wiederkehr an reißt der Faden der Gespräche, der Geräusche, des Lachens, des Stuhlrückens und so weiter nicht mehr ab bis wieder kurz vor Mitternacht.

Wäre ich nun ein vernünftiger, normaler Mensch wie andere, so würde ich mich leicht in die Lage schicken. Ich würde nachgeben, da nun einmal zwei stärker sind als einer, und würde meinen Tag irgendwo anders als in meinem Zimmer hinbringen, im Lese- oder Rauchzimmer, in den Korridoren, im Kursaal, in Restaurants, wie die meisten Kurgäste es tun. Und nachts würde ich eben schlafen. Statt dessen bin ich von der mühsamen, törichten und aufreibenden Leidenschaft besessen, tagsüber viele Stunden allein am Schreibtisch zu sitzen, angestrengt nachzudenken, angestrengt zu schreiben, oftmals nur um das Geschriebene nachher wieder zu vernichten; und des Nachts habe ich zwar eine große, eine glühende Sehnsucht nach Schlaf, aber mein Einschlafen ist ein komplizierter Dämmerungsvorgang, welcher Stunden dauert, und dann ist der Schlaf sehr leise, sehr dünn und spröde, ein Hauch genügt, um ihn zu zerreißen. Und wenn ich um zehn, um elf Uhr noch so todmüde und noch so nahe am Einschlummern bin, es hilft nichts, es reicht nicht bis zum Schlafe, solange nebenan die Holländer ihre Geselligkeit pflegen. Und während ich erschöpft und sehnsüchtig warte, bis die Mitternacht kommt, bis der Mann aus dem Haag mir die Erlaubnis gewährt, eventuell einzuschlafen, bis dahin bin ich durch Warten, Zuhören und Denken an die morgige Arbeit wieder so wach und erregt geworden, daß der größte Teil der mir zugebilligten sechs Ruhestunden vorübergeht, ehe ich ein wenig Schlaf finde.

Ist es nötig, es eigens auszusprechen, daß mir wohl bewußt ist, wie unberechtigt meine Forderung an den Holländer ist, mich mehr schlafen zu lassen? Ist es nötig zu sagen, daß ich sehr wohl weiß, daß nicht er an meinem schlechten Schlafe und an meinen geistigen Liebhabereien schuld ist, sondern ich allein? Ich schreibe jedoch diese Notizen aus Baden nicht, um andere anzuklagen oder mich rein zu waschen, sondern um Erlebnisse aufzuzeichnen, seien es auch die seltsam verzerrten Erlebnisse des Psychopathen. Jene andere, verwickeltere Frage nach der Berechtigung des Psychopathen, jene furchtbare und erschütternde Frage, ob unter gewissen Zeit- und Kulturumständen es nicht würdiger, edler, richtiger sei, Psychopath zu werden als sich diesen Zeitumständen unter Opferung aller Ideale anzupassen – diese schlimme Frage, die Frage aller differenzierten Geister seit Nietzsche, lasse ich auf diesen Blättern unberührt; sie bildet ohnehin das Thema fast aller meiner Schriften.