Kulturhistorische Charakterbilder

Part 9

Chapter 93,788 wordsPublic domain

Und nun unternimmt sie den Triumphzug nach Reims. Die Höflinge setzten ihrem Plane zwar noch immer Widerstand entgegen und rieten, man müsse erst noch dieses Städtchen nehmen, dann jenes; müsse die Normandie erst vom Feinde säubern; aber Johanna beharrte auf ihrem Entschluß, den König vor dem Volke zu weihen. Das Volk selbst, das von den Wundertaten der Jungfrau begeistert war, riß den König mit fort und drängte ihn endlich, in den Zug nach Reims zu willigen. Johanna war nach Orleans geeilt, um neue Truppen zu sammeln, aber als sie zum königlichen Hof nach Gien zurückkehrte, war man dort schon wieder unschlüssig geworden. Die Höflinge fürchteten sich vor jedem Mauerloch, in dem man ein paar Engländer vermutete. Aus Verdruß über diese armseligen Menschen verließ sogar Johanna den Hof und blieb zwei Tage außerhalb der Stadt. Nur eins entschuldigte die Feigheit des Hofes: es war kein Geld in der königlichen Schatzkammer. Aber Volk und Ritter waren so entflammt, daß sie erklärten, auf ihre eigenen Kosten ins Feld ziehen zu wollen, wenn Johanna sie anführe. Nun mußte der Hof sich fügen und zog in die Richtung nach Reims. Am 5. Juli kam man vor der Stadt ~Troyes~ an, die sich weigerte, die Tore zu öffnen oder gar auf die Briefe des Königs und der Johanna hin, sich zu ergeben. Die ängstlichen königlichen Räte machten wieder den Vorschlag, sich an die Loire zurückzuziehen. Aber Johanna flehte den König an, sich nur drei Tage zu halten; in dieser Frist verspreche sie ihm, die Stadt entweder durch Liebe oder durch Waffen zu gewinnen. Man rüstete zum Angriff, der keine drei Tage dauerte. Die Waffentaten von Orleans hatten ihre Wirkung auf die Bürger von ~Troyes~ nicht verfehlt. Sie verlangten nur freien Abzug mit ihrer ganzen Habe. Der König gewährte das, dachte aber nicht an die Gefangenen, die die Troyesjeser auch mit fortschleppen wollten. Johanna war die einzige, die an diese Franzosen dachte, und sie setzte auch am 9. Juli ihre Befreiung durch.

Und von nun ab gleicht der Zug in der Tat einem Triumphzuge. ~Chalons~, von der Jungfrau aufgefordert, sich dem Könige des Himmels und dem Dauphin Karl zu ergeben, öffnet am 14. Juli seine Tore, und alle übrigen Festungen unterwegs tun das gleiche. Aus der Champagne und den Grenzorten eilt das Volk herbei, darunter Bürger aus Domremy, die Johanna freudig begrüßten. Ahnungsvoll sagt ihnen Johanna: »Ich fürchte nichts, als den Verrat.« Wieder ist der Hof voller Besorgnis; es fehlt an Geld, es fehlen Geschütze, um Reims zu nehmen. »Fürchtet nichts,« sagt Johanna zum Dauphin; »die Bürger werden sich Euch ergeben, noch ehe Ihr ankommt und Euch entgegengehen.« Und es war so gekommen, wie sie es in ihrem unbegrenzten Gottvertrauen vorausgesagt hatte. Die Bürger schickten die Ältesten und Vornehmsten dem Dauphin entgegen, und am Abend des 16. Juli zog Karl in Reims ein. Eine wundersame Rührung überkam Johanna. »Wenn ich sterben soll,« rief sie, »wäre ich recht glücklich, wenn man mich hier begrübe.« »Wo glaubst du einmal zu sterben?« fragte sie der Erzbischof. »Wo es Gott gefallen wird,« gab sie zurück; »ich möchte gern, daß es ihm gefiele, mich wieder heimziehen zu lassen zu meiner Schwester und zu meinen Brüdern; sie wären so froh, mich wiederzusehen. Ich habe wenigstens getan, was unser Herr mir geboten hat.«

Am folgenden Tage, dem 17. Juli, wurde der König nach der uralten Zeremonie in der Kathedrale mit dem heiligen Öl gesalbt. Der Prunk war überwältigend, und die Volksmenge, die herbeigeströmt war, eine ungeheure. Während der ganzen Feierlichkeit stand Johanna in ihrer Rüstung am Altar neben dem König, ihre Gottesfahne in der Hand. Als der König gesalbt war, warf sich Johanna vor ihm nieder, umarmte seine Knie und weinte bitterlich, und alles Volk weinte mit ihr. »O König,« rief sie, »nun ist der Wille Gottes geschehen, der da wollte, daß ich Orleans befreite und Euch in Eure Stadt Reims führte, um das heilige Öl zu empfangen, zeigend, daß Ihr der wahre König seid, und Euch das Königreich Frankreich gehören soll.«

In Reims sah Johanna auch ihren Vater wieder, der mit den andern herbeigeeilt war, sein Kind, das er abgöttisch liebte, zu umarmen.

Aber was sollte sie nun, nachdem sie ihre Aufgaben erfüllt sah, tun? Sie blieb in den Diensten des Königs, obwohl die inneren Stimmen aufgehört hatten, zu sprechen. Sie dachte an ihr baldiges Ende, denn sie trug ihrem Beichtvater auf, den König zu bitten, wenn sie gestorben sein werde, Kapellen für diejenigen zu bauen, die für ihr Vaterland ihr Leben gelassen hatten. Das Wiedersehen Johannas mit ihren Eltern und Geschwistern hatte in ihr auch die mächtige Sehnsucht erweckt, in die Heimat zurückzukehren. Aber der König, der ihr so viel zu danken hatte, wollte sie nicht entlassen. Dazu kam der Rausch des Sieges und die Hoffnung, den Krieg rasch zu beenden. Alle Städte, vor denen der König erschien, öffneten ihm freiwillig ihre Tore. Es schien fast, als ob es keinen Engländer mehr in Frankreich gäbe.

Da kam plötzlich die erste Niederlage, und der Verrat an der Jungfrau.

Im August war der König mit dem Heere auf Paris losmarschiert; aber durch einen heimlich geschlossenen Vertrag hatte Karl VII. selbst den Sieg der Jungfrau gelähmt und ihr Leben preisgegeben. Am 28. August hatte der König mit den Burgundern einen Waffenstillstand auf vier Monate abgeschlossen. Johanna wurde von trüben Ahnungen erfüllt, als ihr im Lager vor Paris ihr geweihtes Schwert zerbrach; es war ihr, als ob Gott ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß ihr Streiten im Dienste Frankreichs beendet sei. Trotzdem fand am 8. September ein Sturm auf Paris statt; es war das Geburtsfest der Jungfrau Maria. Die Franzosen wurden aber zurückgeworfen, und Johanna am Schenkel verwundet. Nun erhoben all die Zauderer und Feiglinge, die nur widerwillig Johanna gefolgt waren, ihre Stimmen, und der König hörte nur zu gern auf sie. Das Heer verließ die Provinz und zog sich an die Loire zurück. Das Drängen und Flehen der Jungfrau war umsonst. Nun hing sie ihre Rüstung unmutig vor den Reliquien der Abtei zu St. Denis auf und folgte dem Könige.

Das war kein kriegerischer Heerzug mehr; der Rückzug glich einer unordentlichen Flucht. Ende September kam der König in Bourges an; dort heilte Johanna ihre Wunde. Jeden Morgen ging sie zur Frühmesse, Gott um neuen Sieg anflehend.

Der Herzog von Alençon brannte darauf, sein Herzogtum in der Normandie wiederzugewinnen; er rüstete sich und bat den König, ihm die Jungfrau zu schicken, denn viele, die sonst gern mit ihm zogen, würden sich nicht von der Stelle rühren, wenn die Jungfrau nicht mitginge. Aber der engherzige und ehrgeizige falsche Erzbischof von Reims und mehrere Herren, die den Hof regierten, verwarfen den Vorschlag. Die Loire stromaufwärts waren noch einige Städte in den Händen der Burgunder; gegen diese willigte man ein, die Begeisterung Johannas zu benutzen. Es gelang ihr auch, fast schon von allen verlassen, im November die fliehenden Truppen zum Sturm auf St. Pierre-le-Moustier zu führen und den Platz zu nehmen. Aber die Belagerung von La Charité mißlang »zum großen Mißfallen der Jungfrau«. Kurz darauf, Anfang Dezember, versetzte der König die Jungfrau, ihre Eltern, ihre Brüder und deren Nachkommen unter dem Namen +~Du Lis~+ in den Adelstand. Johanna war nicht eitel, und ihre Erhebung in den Adel befriedigte nicht ihren Tatendrang, machte die Vorwürfe der Tatenlosigkeit nicht verstummen.

Endlich am 28. März, des trägen Wartens am Hofe überdrüssig, reiste Johanna heimlich ab, ohne vom König Abschied zu nehmen und ging nach Ligny. Ihre Seele war krank vor Trauer, denn bald nachher hatte sie eine Erscheinung, die ihr Böses weissagte. Die innere Stimme verkündigte ihr, daß sie noch vor dem Johannisfeste in die Hände des Feindes fallen würde; daß dies unvermeidlich wäre; daß sie darüber aber nicht erschrecken, sondern im Gegenteil dieses Kreuz dankbar aus der Hand Gottes hinnehmen sollte, da ihr Gott auch die Kraft geben würde, es zu tragen. Johanna flehte zu ihren Heiligen, sie möchten Gott bitten, ihr die Schmerzen einer langen Gefangenschaft zu ersparen und sie durch einen schnellen Tod in sein heiliges Paradies aufnehmen zu wollen. Aber die Heiligen offenbarten ihr nichts weiter; Geduld und Schickung in ihr Los rieten ihr die Stimmen. Johanna vertraute ihre Ahnungen keinem an.

Der unglückselige Tag nahte heran. Es war am 23. Mai 1430. Der Herzog von Burgund belagerte Compiègne an der Oise, das sich für Karl VII. erklärt hatte. An diesem Tage hatte sich Johanna in die Stadt geworfen und machte einen Ausfall. Anfangs wichen die Belagerer, dann aber sammelten sie sich wieder und trieben die Belagerten in die Stadt zurück. Die Jungfrau war zurückgeblieben, um den Rückzug zu decken. Als sie in die Stadt wollte, war das Tor schon geschlossen. Sie wurde von den nachdringenden Feinden erkannt, ein Pikarder Bogenschütze riß sie vom Pferde. Der Bastard von Vendôme ergriff sie und verkaufte sie an Johann von Ligny, einen Lehnsmann des Burgunderherzogs. Sie war nun Kriegsgefangene und nach dem Kriegsrecht unverletzlich, noch dazu als Jungfrau dem besonderen Schutze der Ritter anvertraut. Aber man achtete weder Gesetz, noch Recht, noch Sitte. Das feindliche Lager jubelte ausgelassen und um die arme Johanna begann ein unerhörter Judasschacher. Sie war verraten, und sie sollte nun den Schmerz, als Jungfrau in Feindeshand zu sein, bis zur bitteren Neige auskosten.

Allerlei politische Streitigkeiten, allerlei niedrige Interessen um Länderbesitz ließen es den englischen Bischöfen und besonders dem ehrgeizigen Kardinal von Winchester als wünschenswert erscheinen, die Jungfrau von Orleans als eine Hexe, die mit dem Teufel im Bunde stand, anzuklagen. Glückte es, diese Klage durchzufechten, so stand ihr jenes fürchterliche Los bevor, das wir eingangs dieser Schilderung dargestellt haben. Ein dienstwilliges Werkzeug bot sich in dem Bischof Cauchon von Beauvais dar, den seine Bürger 1429 bei Karls Triumphzug vertrieben hatten, und der nun Rache nahm, indem er sich mit Leib und Seele den Engländern ergab, um die Jungfrau zu Fall zu bringen.

Schon am 26. Mai ging auf Betreiben Winchesters vom Inquisitionsgericht eine Aufforderung an den Herzog von Burgund, die Jungfrau als der Zauberei verdächtig auszuliefern. Dieselbe Aufforderung kam gleichzeitig von der Pariser Universität. Und am 12. Juni verkündigte ein königlicher Brief an die Universität, daß der Bischof Cauchon und der Inquisitor den Prozeß gemeinschaftlich führen würden. Jean de Ligny hielt Johanna auf einem seiner Schlösser verborgen und Cauchon bot nun für ihre Auslieferung zehntausend Frank, »so viel, wie man für einen König oder einen Fürsten gibt«.

Johanna sah mit Schaudern und Schrecken der Auslieferung an die Engländer entgegen. Sie bat ihre Schutzheiligen um Rat, aber die Stimmen gaben ihr nur die Antwort, daß sie leiden müsse. Zum ersten Male wurde sie nun ihren »Stimmen« ungehorsam und wollte fliehen. Sie sprang aus dem Turme und blieb halbtot liegen. Man hob sie auf, die Damen von Ligny pflegten sie; aber zwei Tage lang aß sie nichts; sie wollte sterben. Die Gemahlin de Lignys warf sich ihrem Gatten zu Füßen und beschwor ihn, sich durch die Herausgabe Johannas nicht für ewig zu entehren. Aber der Elende hatte schon das Blutgeld der Engländer empfangen und lieferte Johanna im Oktober seinem Lehnsherrn, dem Herzog von Burgund, aus. Der führte sie erst nach Arras, dann in den befestigten Turm von Crotoy. Hier sah sie das Meer, an dessen jenseitigem Ufer die Küste von England war. Ein gefangener Priester las hier jeden Morgen die Messe vor ihr, und sie betete inbrünstig.

Eines Tages verkündigte sie, daß ihr der Erzengel die Befreiung von Compiègne auf den 1. November angezeigt habe. Und so traf es auch ein. Der Herzog von Burgund war selbst geschlagen worden. Diese Niederlage reizte seinen Stolz, und in seinem Zorn entschloß er sich, die Jungfrau an die Engländer auszuliefern.

* * * * *

Johanna, noch nicht neunzehnjährig, mußte nun, sobald sie sich in den Händen ihrer Todfeinde befand, ihr Leben als abgeschlossen betrachten. Was ihrer nun wartete, war namenlose Qual, Verkennung, Schande, Hohn und grausamer Tod. Sie mußte ihre Sehnsucht nach der Heimat ersticken, alle Wünsche des jungen Herzens töten; denn jetzt umgaben sie die Mauern von Rouen, woraus ein Entrinnen unmöglich war. Sie, vor der sich das Königshaus und alle Prinzen verneigten, die mit jauchzender Begeisterung vom Volke vergöttert wurde, war nun den rohen Beschimpfungen der Priester und den Quälereien der Gefangenwärter ausgesetzt. Anfang Dezember 1430 war sie in dem festen Turm des Schlosses von Rouen eingekerkert worden, und ein Schlosser hatte vor Zeugen erklärt, er hätte Befehl erhalten, einen engen, eisernen Käfig für Johanna zu schmieden, worin sie an Hals, Händen und Füßen gefesselt lag und wo sie bis zum Beginn ihres Prozesses liegen mußte. Später hatte sie am Tage die Füße in eisernen Fesseln, die durch eine Kette an einem Holzklotz befestigt waren. Nachts wurden diese Fesseln noch vermehrt; eine besondere Kette umschloß noch ihren Leib.

Man hatte anfangs versucht, sie als Hexe und Zauberin zu richten, aber die Juristen von Rouen fanden die Angaben, obwohl der feindliche Cauchon sie gemacht hatte, nicht genügend. Man eröffnete gegen sie nun einen Prozeß wegen Ketzerei. Der treibende böse Geist dieser Verhandlungen blieb Winchester, der Universität und Richter immer von neuem anstachelte. Johanna war unrettbar verloren, und König Karl, dem sie alles geopfert und alles gegeben, dem sie Sieg über Sieg und die Krone geschenkt hatte, tat nicht das geringste, um sie zu erretten. Nicht das geringste! Endlich, am 21. Februar, wurde Johanna vor ihre Richter geführt. Sie zeigte sich hier, wie damals im Verhör von Poiters, unerschrocken, verständig, fromm, unschuldig und kindlich. Der Bischof ermahnte sie, ohne Ausflüchte die Wahrheit zu sagen; sie entgegnete aber, sie werde nur auf Fragen antworten, über die sie sprechen könne. Am 22. und 24. Februar drang man aufs neue in sie; endlich versprach sie, zu sagen, was sie über ihren ~Prozeß~ wüßte, aber nicht alles, was sie wüßte. Das Verhör und die Qual Johannas gestalteten sich zu einem herzergreifenden und erschütternden Drama. Sie bat, daß man ihr wenigstens die Fußfesseln abnehmen möchte, aber man entgegnete ihr, das sei deshalb unmöglich, weil sie öfters versucht habe, zu entfliehen. »Das habe ich wohl getan,« sagte sie, »aber das ist jedem Gefangenen erlaubt. Und würde ich entrinnen können, so dürfte man mich keiner Unredlichkeit zeihen, denn ich habe nichts versprochen.«

Sie wurde über tausend Dinge ausgefragt, die gar nichts mit ihrem Prozeß zu tun hatten, und Johanna gab stets freimütige und furchtlose Antworten; alle boshafte Arglist wurde zu Schanden vor der Einfalt ihres kindlichen Gemütes. Die Richter wurden zuletzt ergriffen von der rührenden Gewalt dieser Unschuld, die weder lesen noch schreiben gelernt hatte und trotzdem den Gelehrten Antworten gab, über die sie in höchstes Staunen gerieten. Cauchon merkte, daß das ungünstige Urteil über sie wankend zu werden begann, und er zog es deshalb vor, nicht mehr im Saale des Schlosses zu verhandeln. Statt dessen ging er vom 10. bis 17. März in ihr Gefängnis, um dort im Beisein von zwei Zeugen und zwei Beisitzern die peinigenden Verhöre fortzusetzen.

Schon am Anfang des Prozesses hatte ein Ehrenmann, der Jurist Jehan Lohier, der gegen das Ungesetzliche des Prozesses protestiert hatte, fliehen müssen, um dem Tode zu entgehen. Es kam also in diesem Prozeß gar nicht darauf an, Recht und Unrecht zu prüfen, sondern Johanna in jedem Falle zu ~verurteilen~. Denn der schlimmste Vorwurf, den ihre Richter ihr zu machen hatten, war der, daß sie selbst im Kerker Mannestracht trug, die die Kirche bei Frauen als sündhaft verwarf. Das junge Mädchen aber schämte sich, zu sagen, daß sie diese Tracht nur zum Schutze vor den brutalen englischen Soldaten trug, die ihren Kerker bewachten, und denen Johanna ja auf Gnade und Ungnade ausgeliefert war. Ihr letzter Trost im Kerker war ihr Beichtiger Loyseleur. Er hatte sich für einen Anhänger Karls VII. ausgegeben und hatte allmählich das ganze Vertrauen Johannas gewonnen. Aber als Rat abgehalten wurde, ob man die Jungfrau der Folter unterwerfen solle, rieten nur drei Männer zu dieser Grausamkeit, und einer dieser drei Schufte war ihr Beichtvater Loyseleur.

Unter solchen Martern und Leiden brach für Johanna die Osterwoche an. Der heiligste Tag des Mittelalters, der Ostersonntag, wurde von den fünfhundert Glocken Rouens festlich eingeläutet. Durch die Straßen der Stadt rauschte Leben und Lärm, während die Retterin des Landes und des Königs einsam und verlassen angeschmiedet im Kerker schmachtete. Der Bischof hatte ihr einen Fisch geschickt, durch dessen Genuß sie heftig erkrankte. Sie hielt sich für vergiftet. Der Hauptmann der Stadt geriet darüber in heftige Unruhe. »Der König möchte um nichts in der Welt, daß sie eines natürlichen Todes stürbe,« sagte der grausame Soldat; »der König hat die Jungfrau gekauft, sie kostet ihn genug. Sie soll durch die Justiz sterben, soll durch Feuer oder Wasser umkommen. Darum seht zu, wie ihr sie gesund macht.«

Man pflegte sie denn auch, um sie nachher verbrennen zu können. Man pflegte sie, aber sie blieb schwach. In dieser Stimmung hoffte man, sie zu einem Widerruf ihrer göttlichen Sendung bewegen zu können, denn man wollte gern die Krönung Karls VII. als ein Werk des Teufels darstellen. Aber sie widerrief nichts. Was man ihr auch vorhielt, womit man ihr auch immer drohte, und wie sehr man sie auch quälte, sie verließ sich in allen Stücken auf Gott den Herrn.

Man versuchte es nun mit Listen und Schrecken. Am 11. Mai ließ man den Henker in ihr Gefängnis kommen und erklärte ihr, daß man sie zur Folter führen würde, wenn sie nicht widerriefe. Aber sie widerrief nicht.

Jetzt kam die Antwort der Pariser Universität an. Die Gelehrten hatten Johanna als eine Dienerin des Teufels erkannt; auf Grund dieser Erklärung wurde Johanna abermals ermahnt, sie antwortete aber: »Und wenn ich Henker und Feuer vor mir sähe und selbst wenn ich schon im Feuer wäre, ich könnte nur sagen, was ich schon gesagt habe.«

Die Sache währte schon zu lange; man wollte ein Ende machen. Am 23. Mai waren hinter einer Kirche auf dem Kirchhofe zwei Gerüste aufgebaut worden, auf denen die Kardinäle, die Richter, die Schreiber, die Gerichtsdiener, dreißig Beisitzer und die Folterknechte Platz genommen hatten. Notare waren zugegen, um die Geständnisse Johannas aufzuschreiben; ein Prediger saß dabei, um sie zu ermahnen. Am Fuße eines Gerüstes saß der Henker auf seinem Karren, bereit, jedem Winke zu folgen. Aber auch diese fürchterliche Zeremonie verfehlte ihren Eindruck auf Johanna; sie blieb gleich unerschrocken und standhaft. Endlich wurde ihr die Verdammungsakte vorgelesen. Und als man sie noch einmal vergeblich ermahnt hatte, zu gestehen, gerieten die Engländer in Wut, schrien über Verrat und erhoben einen so gewaltigen Lärm, daß Johanna verwirrt, bedrängt, bestürmt nachgab und, ohne recht zu wissen, was sie tat, an Stelle der Unterschrift ein Kreuz unter den Widerruf setzte. Sie war vollständig betäubt. Der Bischof Cauchon rief: »Führt sie nun hin, wo ihr sie hergenommen habt.«

So unglaublich betrogen, den Engländern aufs neue preisgegeben, hatte sie keinen anderen Trost mehr als den Tod. Die Engländer verlangten immer grimmiger, daß Johanna sterbe. Sie waren in tierische Wut geraten. »Verbrennt die Hexe!« riefen einstimmig Soldaten, Lords, Feldherren und Kronbeamte.

Der dreißigste Mai brach an, ein Mittwoch. Als sie durch den Beichtvater Martin Ladvenu, der gekommen war, um ihr den Tod anzukündigen und sie zur Buße zu ermahnen, erfahren hatte, welches Los ihr bestimmt war, und daß sie noch an demselben Tage sterben sollte, brach sie in lauten Jammer aus, rang die Hände und zerraufte sich die Haare. »O wie schrecklich und grausam man mich behandelt! Soll denn mein Leib, so ganz und gar rein und niemals entweiht, heute verbrannt und zu Asche verwandelt werden! Wehe! Wehe! Ich möchte lieber siebenmal enthauptet, als so verbrannt werden. Ich berufe mich auf Gott, den großen Richter, über das Leid und Unrecht, das man mir antut.«

Sie beichtete und nahm das Abendmahl, das man ihr gab, obwohl man sie als »Ketzerin« und »Hexe« verurteilt hatte. Als Johanna nach der Kommunion den Bischof, der sie verraten hatte, gewahr wurde, sagte sie zu ihm: »Bischof, ich sterbe durch Euch!«

Nun begann der Zug. Es war neun Uhr morgens, als sie in weiblicher Kleidung auf einen Karren geladen wurde. Neben ihr saßen der Priester Ladvenu und der Gerichtsdiener Massieu, der später für sie ausgesagt hat. Das Volk zitterte und weinte vor Teilnahme, aber mit ihren gezückten Schwertern hielten achthundert Engländer die Mengen in Ruhe. Johanna weinte und rief ein über das andre Mal: »O Rouen, Rouen! soll ich denn hier sterben?« Das war ihre einzige Klage. Sie murrte nicht gegen ihre Heiligen, die ihr Befreiung versprochen hatten, und klagte nicht über den König, der sie so schnöde verlassen hatte.

Drei Gerüste waren aufgebaut. Auf dem einen saßen der Kardinal und der Bischof mit den Priestern, auf dem andern die Richter mit dem Amtmann, dem Prediger und der Jungfrau; das dritte war der Scheiterhaufen von Gips, auf dem ein wahrer Holzhügel aufgebaut war, damit Johanna langsam darauf verbrenne und dabei vom ganzen Volke gesehen werden könne. Zuerst hielt nun ein berühmter Gelehrter der Pariser Universität eine Predigt, und als diese beendet war, ermahnte der Bischof von Beauvais die Verurteilte, an ihr Seelenheil zu denken, sich ihrer Missetaten zu erinnern und Buße zu tun.

Johanna kniete in innigem Gebete nieder. Sie vergab allen und bat, daß man auch ihr vergebe. »Betet für mich!« rief sie den Umstehenden zu. Die Priester bat sie, daß jeder eine Messe für sie lesen möchte, und von ihrer keuschen, gottergebenen Art waren alle bis zu Tränen gerührt. Sogar ihre Verräter und Todfeinde, der Bischof Cauchon, der Bischof von Boulogne und Winchester vergossen Krokodilstränen.

Als die Richter ihre Rührung überwunden hatten, wurde Johanna laut die Verurteilung verlesen, und man übergab sie dem Henker. Sie bat um ein Kreuz. Ein Engländer machte ihr eins aus zwei Holzstäbchen; sie nahm es mit Dankbarkeit an, küßte es und barg es unter ihrem Gewande. Aber sie wünschte noch ein wirkliches Kirchenkreuz, um im Sterben den Blick darauf heften zu können. Man brachte ihr eins aus der nahen Kirche, und während sie es küßte, sprach ihr der Priester Isambart Trost zu. Inzwischen war es Mittag geworden, und die Hauptleute riefen: »Na, ihr Priester, wollt ihr uns hier Mittag halten lassen?«

Und ohne zu warten, bis der Amtmann kraft des Gesetzes gesprochen hatte, schickten sie zwei Profose hinauf, die Johanna den Priestern entrissen. Sie wurde von den Soldaten ergriffen und zu dem Henker gezerrt. Dem sagten sie: »Tu dein Amt!« Diese greuelvolle, empörende Roheit gegen das wehrlose Opfer war so schrecklich anzusehen, daß viele Anwesende, darunter mehrere Richter, davonliefen, um nichts mehr zu sehen.

Als sie oben auf dem Scheiterhaufen stand und nun die Menge und die Stadt überblickte, sagte sie nur: »O Rouen, ich habe große Angst, daß du um meinen Tod zu leiden haben wirst!« Nach dem Brauche des katholischen Mittelalters wurde sie nun an den Pfahl gebunden, und man setzte ihr die Ketzermütze auf, auf der die Worte standen: »Ketzerin, Rückfällige, Abtrünnige, Götzendienerin.« Nun zündete der Henker den Holzstoß an. Johanna sah es und stieß einen Schrei aus. Der Priester Ladvenu, der mit ihr hinaufgestiegen war, ermutigte sie; sie aber dachte gar nicht mehr an sich, sondern nur an die Gefahr, der sich der Priester aussetzte; sie hieß ihn hinabsteigen.