Kulturhistorische Charakterbilder

Part 8

Chapter 83,651 wordsPublic domain

Als Ort der Hexenzusammenkünfte war gewöhnlich ein hoher Berg ausersehen oder eine tief in der Erde verborgene Höhle; die Gruft toter Mörder. Auf ihrem Ritt durch die Lüfte, bedienten sie sich auch der Harken und Böcke.

Der Teufel zeichnete seine Knechte und Dienerinnen mit besonderen Mälern, Auswüchsen und Beulen; stach man in solch ein Satansmal hinein -- die Richter taten es stets --, so gaben sie, wenn man wirklich Teufelsmägde vor sich hatte, kein Blut von sich.

Es wurde schon erwähnt, daß nicht nur das gemeine Volk von solchen abergläubischen Vorstellungen durchsetzt war, sondern auch die Aristokratie des Landes bis hinauf zum Könige.

Alle aus jener Zeit veröffentlichten Akten, Bücher und Briefe sprechen fortwährend von Marter, Folterbank, Hängen, Rädern, Köpfen; aber es wird dabei nicht sehr viel Gemüt verschwendet. Stirbt jemand plötzlich, so denkt man in den meisten Fällen an Giftmord; natürliche Ursachen scheinen ausgeschaltet. Ein Sprichwort jener Tage lautet: »Wer mit dreiundzwanzig Jahren nicht starb, mit vierundzwanzig nicht ertrank, und mit fünfundzwanzig nicht gemordet wurde -- muß Gott für das Wunder danken«. Wird jemand aus nicht deutlich erkennbaren Ursachen krank oder zeigt jemand einen besonderen Grad von Leidenschaft, so denkt man zuerst an Zauberei. Man verachtete und verdammte zwar die Zauberer und Zauberinnen, aber man glaubte an sie.

Wenn man sich nicht vorsah, hatten einem die verschrienen Weiber, die es mit dem Satan hielten, die schönste Krankheit angehext. Sogar Luther schrieb an den Kurfürst Johann von Sachsen: »Keine Krankheit kommt von Gott, der gut ist und jedermann alles Gute tut, sondern kommt vom Teufel, der alles Unglück stiftet und anrichtet.« Die Hexen, die Wurzeln des Übels, mußten also mit Feuer ausgerottet werden, sowie man Baumwurzeln ausrodet. Die Ärzte jener Zeit, die den behexten Kranken weder Rat noch Heilung zu bringen vermochten, riefen in ihren medizinischen Werken mit vereinten Kräften nach dem Henker. Sie sind von der Teufelskraft der Hexen durchdrungen und verlangen im Namen der ganzen Menschheit deren Tod durch Feuer und Wasser. Sie halten es geradezu für ein Verbrechen, wenn die christliche Obrigkeit sich nicht bemüht, diese Ungeheuer vom Erdboden zu vertilgen.

Und in der Tat war ja auch der Hexenprozeß durch die immer häufiger werdenden Anklagen wegen Zauberei endlich eine weltgeschichtliche Einrichtung geworden; am Ebro wie am Rhein, an der Themse wie an der Seine, in den Alpen wie an den Meeresküsten, in katholischen wie in protestantischen Ländern loderten die Scheiterhaufen für denselben Wahn. Im Kurfürstentum Trier allein wurden in wenigen Jahren sechstausendfünfhundert Menschen, im Brandenburgischen zwölfhundert, im Würzburgischen zweihundert und in Lothringen neunhundert Menschen hingerichtet, die der Zauberei angeklagt waren.

Die Grausamkeit, mit welcher die Hexen gefoltert wurden, kannte keine Grenzen. Unter den Marterinstrumenten kommen die Presse, die Schraube, Stricke, der Bock, das Pferd, die Leiter, das Halsband, der spanische Kragen, der dänische Mantel, die englische Jungfrau, die braunschweigischen Stiefel und andere fürchterliche Dinge vor, die die Qual des Verurteilten in niederträchtig raffinierter Weise verlängerten. Man goß ihnen siedend-heißes Öl oder auch Teer auf die nackten Gliedmaßen, trieb ihnen Nägel unter die Fußnägel, röstete sie mit brennenden Kerzen unter den Armen, hing sie an ihren Zöpfen tagelang auf.

Um die Hexen leichter zum Bekenntnis zu bringen, wurde ihnen vom Henker die Hexensuppe gereicht: ein Getränk aus Bier, geriebenem Brot, Hechtgalle, schwarzem Kümmel, gestoßenen Knochen verbrannter Hexen, das Ganze stark gesalzen. Sie mußten ein Hemd aus Werg anziehen, das an einem Tag gesponnen, gewebt und genäht worden war. Ein Amulett wurde ihnen umgehängt.

Wenn die Angeklagten wirklich Hexen waren und mit dem Satan im Bunde lebten, so hätte er sie ja auch aus der Hand der Richter befreit, hätte ihnen die Folter erspart und sie vom Scheiterhaufen errettet -- dieser sehr einfache Gedanke wurde von den Einsichtigen immer wieder, aber freilich vergeblich, den verblendeten Richtern, Priestern und Bütteln vorgehalten. Es fiel den Abergläubischen auch nie auf, daß die als Hexen Verschrienen häufig ~alte~, ~arme~ Weiber waren, was sie ja nicht gewesen wären, wenn sie vom Teufel Jugend und Reichtum verlangen konnten, und daß keine einzige Hexe versucht hatte, sich vor Gericht unsichtbar zu machen, obwohl man sie doch gerade ~dieser~ teuflischen Kunst wegen verbrannte.

In dieser Zeit, in der solche Vorstellungen aber im Schwange waren, lebte auch die Jungfrau von Orleans und wir werden jetzt sehr viel leichter verstehen, warum auch sie endlich dem Aberglauben ihrer Zeitgenossen zum Opfer fallen mußte.

* * * * *

Johanna war am Dreikönigstage, dem 6. Januar 1412 im Dorfe Domremy, am linken Ufer der Maas, geboren. Sie war oft Zeuge, wie sich die Kinder ihres Dorfes für die Sache des Königs mit denen des nahen Dorfes Maxey schlugen, das zur englischen Partei hielt. Sie wuchs still und fromm auf, von ihrer Mutter Isabella häuslich erzogen. Ihr Vater, Jakob, war Bauer mit einem kleinen Vermögen. Von einer jüngeren Schwester Katharina, sowie von dem ältesten Bruder Jakob wird wenig erzählt; die beiden anderen Brüder, Johann und Peter, folgten Johanna später in den Krieg. Ob sie als Kind die Herde gehütet, konnte sie sich später nicht entsinnen. Wohl aber rühmte sie sich im späteren Verhör zu Rouen, daß ihre Mutter sie nähen gelehrt habe und daß es in ganz Rouen wohl keine Frau gäbe, die ihr darin etwas zu zeigen habe. Lesen und schreiben konnte sie nicht; den Religionsunterricht erhielt sie allein von ihrer Mutter. Er beschränkte sich auf das Vaterunser, das Ave Maria und das Kredo. Alle Zeugen aus ihrem Hause rühmten ihr gutes Herz; sie pflegte die Kranken und beschenkte die Armen. Sie war so mildtätig und gutherzig, daß die Vögel ihr aus der Hand pickten.

Daß Wundergeschichten und Legenden auf sie eingewirkt haben, ist ziemlich sicher anzunehmen. Von einem nahen Walde bei Domremy gingen allerlei Sagen, daß dort Feen hausten und daß sie besonders eine Quelle bei einer Buche liebten, die man den »Baum der Damen« nannte. An ihren Zweigen hingen die Kinder geweihte Kränze auf. Daneben lief eine alte Prophezeiung des Zauberers Merlin durch die Lande, die besonders in Johannas Heimat so erzählt wurde: Durch eine Frau sei Frankreich zugrunde gegangen -- gemeint war die verschwendungssüchtige, sittenlose und intrigante Königin Isabella --, durch eine Jungfrau werde es wieder gerettet werden.

Zu alledem gesellten sich die Schrecken des Krieges; arme Flüchtlinge kamen ins Dorf, denen Johanna ihr Bett abtrat, um selbst auf dem Getreidespeicher zu schlafen. Einmal mußte auch Johanna mit ihren Eltern und Nachbarn vor den wilden Kriegshorden flüchten, und als sie zurückkehrten, war das Dorf verwüstet, ihr heimatliches Haus zerstört, die Kirche niedergebrannt.

Johanna empfand das Schreckliche und Barbarische des Krieges inniger und schmerzvoller als die andern. Sonst merkte man ihr nichts Außerordentliches an. Sie war nur in sich gekehrt und sehr schüchtern. Und vielleicht war nur das eine an ihr auffällig, daß sie oft zur Kirche ging und beichtete, obwohl sie noch ein Kind war und nichts zu beichten haben konnte.

Sie war erst zwölf Jahre alt. Die bayerische Isabella hatte durch den Vertrag von Troyes 1420 Frankreich an den König von England verraten, indem sie Heinrich V. von England zum Erben Frankreichs einsetzte und ihm ihre Tochter Katharina zur Gemahlin gab. Karl VI. von Frankreich war 1422 gestorben und sein Sohn, der rechtmäßige Nachfolger, irrte, um sein Reich betrogen, machtlos von Stadt zu Stadt und von Schloß zu Schloß. Da war Johanna an einem Sommertag, an dem gefastet werden mußte, mittags im Garten des elterlichen Häuschens, als sie plötzlich einen Heiligenschein gewahrte, aus dem sie eine Stimme vernahm, die also sprach: »Johanna, sei immer und immer ein gutes, folgsames Kind und gehe oft zur Kirche!« Johanna erschrak sehr; die Stimme kehrte aber öfters wieder. Der Heiligenschein nahm immer mehr körperliche Gestalt an, bis Johanna später in der Lichterscheinung den Erzengel Michael erkannte.

Sie wuchs, wurde kräftig und schön, voll sanfter Milde und es ging ein Zauber von ihrer Erscheinung aus, mit dem sie in der Folge den wildesten Krieger beschämen und umwandeln konnte. Aber sie blieb dennoch das Kind, das sie war, obwohl ihr Geist reifte und immer hellseherischer wurde. Die Stimmen, die in ihr sprachen, wurden in demselben Maße, wie sich das Elend des Landes steigerte, immer lauter und eindringlicher. »Johanna!« mahnte es in ihr, »eile dem König von Frankreich zu Hilfe und du wirst ihm sein Königreich zurückerobern.« Und sie antwortete zitternd und zag: »Gestrenger Herr, ich bin nur ein armes Mädchen, ich kann weder reiten, noch Reisige führen.« Die Stimme erwiderte: »Geh zu Baudricourt, dem Hauptmann von Vaucouleurs, der wird dich zum König führen lassen. Die heilige Katharina und die heilige Margarete werden dir beistehen.« Da blieb sie bestürzt stehen und weinte, als hätte sie ihr ganzes Schicksal schon vor Augen gesehen. Der heilige Michael erschien ihr aber wieder und flößte ihr Mut ein. Er sprach zu ihr von dem Jammer, der in Frankreich laut wurde; dann kamen die heiligen Frauen von himmlischem Glanz umgeben und sprachen zu ihr mit rührender Stimme, daß sie in Tränen ausbrach.

Und nun begann in ihrem Innern ein harter schmerzlicher Kampf, der fünf Jahre dauerte. Das fromme, schüchterne und arbeitsame Kind sollte die traute Heimat, die Gespielinnen der Jugend und den väterlichen Garten verlassen; sollte nicht mehr die Stimmen der Eltern und Geschwister vernehmen, sondern nur noch die erschütternden Stimmen der Heiligen. Das Kind, das bei jedem Wort, das ein Mann zu ihm sprach, errötete, sollte in das wilde Kriegsgetümmel, sollte sich unter die rauhen Soldaten mischen, unter diese wilden, groben, ungebildeten Leute, die mit schreiend bunten Gewändern und mit dreister Rede prahlten, die nur danach trachteten, so trunken als möglich zu sein und sich reichste Beute zu sichern. Und vor allem mußte Johanna, um den inneren Stimmen zu folgen, dem geliebten Vater ungehorsam werden, der, als er zum ersten Male von Johannas Vorhaben hörte, zornig in die Worte ausbrach: »Wenn ich glauben könnte, daß sie so etwas täte, würde ich sie mit meinen eigenen Händen ertränken.« Er fürchtete um sein Kind, weil er wußte, daß man nicht an ihre inneren heiligen Stimmen glauben, sondern sie bald für eine Teufelshexe erklären würde. Und wir wissen ja nun, welch ein Los ihrer als Hexe in der damaligen Zeit harrte. Aber das alles half nichts. Die Stimmen drängten sie immer mächtiger zum Schlachtfelde.

Um sie von ihrem Gedanken abzubringen, griffen die verzweifelten Eltern zu einer List. Man wollte sie durch eine Heirat zur Vernunft bringen. Ein junger Mann aus dem Dorfe fand sich bereit, zu erklären, sie habe ihm, als sie noch klein war, die Ehe versprochen, und da Johanna es natürlich ableugnete, ließ er sie vor das Kirchengericht nach Toul berufen; man glaubte, daß sie nicht wagen würde, sich zu verteidigen und sich lieber zur Heirat verurteilen lassen würde. Aber man irrte sich. Sie erschien vor Gericht, verteidigte sich und gewann ihre Freiheit.

Die Angehörigen widersetzten sich noch immer ihrem Entschlusse. Aber es war ihr inzwischen gelungen, ihren Onkel von ihrer himmlischen Sendung zu überzeugen. Und er nahm sie mit sich in sein Dorf Petit-Burey (Burey-la-Côte), das eine Stunde von Domremy entfernt war, und gab an, seine Frau bedürfe der Pflege Johannas. Die Eltern wußten zunächst noch nichts von dem festen Entschlusse der Tochter, denn sie hatte sich nur von einer kleinen Kameradin verabschiedet. »Und hätte ich hundert Väter und hundert Mütter gehabt und wäre ich eine Königstochter gewesen -- da Gott es mir gebot, ~mußte~ ich fort,« antwortete sie später ihren Richtern in Rouen. Von ihrem Oheim ließ sich Johanna nun nach Vaucouleurs zu dem Ritter Baudricourt führen, mit dem sie am 23. Mai 1428 zusammentraf. Sie wußte vorher, daß er sie abweisen würde; ihre »Stimmen« hatten ihr gesagt, daß es ihr erst zum dritten Male gelingen würde, sich Gehör zu verschaffen.

Baudricourt war ein rauher Degen, der von niemand sonst Hilfe erhoffte, als von seiner Waffe. Er wußte nicht, was er sagen sollte, als in ihrem groben, roten Dorfkleide das Bauernmädchen vor ihm stand, und das nun mit fester Stimme erklärte, sie komme von ihrem Herrn gesandt, um dem Dauphin zu melden, daß dies Königreich des Herrn sei, daß aber der Dauphin zum König bestimmt sei und daß sie ihn würde salben lassen. Hauptmann Baudricourt lachte sich eins und gab dem Onkel den Rat, Johanna mit ein paar tüchtigen Ohrfeigen zu ihren Eltern zurückzuschicken.

Der Sommer verging und der Herbst und der Januar 1429 kam heran. Johanna beklagte sich: »Und doch muß ich noch vor Mitfasten bei dem Dauphin sein, müßte ich mir auch, um zu ihm zu kommen, die Beine bis zu den Knien ablaufen. Denn für ihn gibt es keine andere Hilfe als mich, obgleich ich lieber bei meiner armen Mutter am Spinnrocken bliebe; denn das ist ja nicht eigentlich meine Arbeit. Aber ich muß gehen und es verrichten, denn mein Herr will es.«

Allmählich ward das Volk von Johannas frommem Gottvertrauen bewegt und begeistert. Zwei Edelleute, Ritter de Metz und der Schildknappe Bertrand de Poulengy hatten sich ebenfalls Johanna angeschlossen. Baudricourt hatte inzwischen von Karl, der in Chinon weilte, die Genehmigung erhalten, Johanna ins Feld zu schicken. Das Volk drängte immer heftiger und als die Gottgesandte endlich noch die Niederlage bei Rouvray auf den bestimmten Tag vorausgesagt hatte, ließ er sie mit einem recht schlechten Schwert abziehen. Außer den beiden Edelleuten begleiteten sie noch zwei Bogenschützen, des Königs Bote und ihr Bruder Peter. Die Bürger von Vaucouleurs steuerten sie aus und ihr Onkel kaufte ihr ein Pferd.

So ritt sie etwa am 20. Februar 1429 fort, mitten in das von den Kriegsbanden unsicher gemachte Land hinein, nachdem sie vorher ihre Eltern brieflich noch einmal um Verzeihung gebeten hatte.

Mit ruhiger Heiterkeit durchzog sie das wüste Land. Sie trug nun männliche Kleidung, um sie nie wieder abzulegen. Und dennoch schien sie anmutig und mädchenhaft. Sie bewahrte ihre kindliche Einfalt und Frömmigkeit und hielt in jedem Städtchen an, um die Messe zu hören. Manchmal sank den Begleitern der Mut oder sie verloren die Geduld ob der Gebetsverzögerungen; aber Johanna wußte sie immer wieder zu trösten. Sie überschritt endlich die Loire und kam am 6. März in Chinon an, wo der König in seinem weitläufigen Schlosse Hof hielt. Man zögerte zwei Tage lang, ehe man sie empfing; der König glaubte, sich lächerlich zu machen. Seine Lage war freilich eine verzweifelte, aber einem Bauernmädchen die Führung des Krieges zu überlassen, war doch eine Selbstverspottung in den Augen Europas. Aber gesetzt auch, sie konnte Wunder tun, wer bürgte dafür, daß Gott mit ihr im Bunde war? Vielleicht war es der Böse? Nein, die Geschichte war zu unglaublich. Der Erzbischof von Reims hatte die stärksten Bedenken. Aber am 9. März empfing sie der Dauphin dennoch.

Es war Abend, und fünfzig Fackeln erleuchteten den prunkenden Saal. Alle Edlen und Ritter waren versammelt. Jeder war neugierig, das Wunder zu sehen. Sie trat bescheiden ein und erstaunte keineswegs ob der glänzenden Menge. Sofort erkannte sie den König, der sich unter die Ritter gemengt hatte, um unerkannt zu bleiben und obwohl er anfangs geleugnet hatte, daß er der König sei, umfaßte sie seine Knie und sprach: »Edler Dauphin, mein Name ist Johanna, die Jungfrau. Der König der Himmel offenbart Euch durch mich, daß Ihr in der Stadt Reims gesalbt und gekrönt werden sollt und daß Ihr der Statthalter des Königs der Himmel, der da ist der König von Frankreich, sein werdet.« Der König nahm sie zur Seite und nach einer kurzen Unterhaltung hatte sie ihm die geheimsten Gedanken seines Herzens offenbart. Trotzdem mißtraute man ihr und ließ sie von Professoren der Theologie einem Verhör unterwerfen. Der eine fragte sie: »Wozu braucht Gott denn Kriegsleute, wenn er Frankreich erretten will?« Sie antwortete ruhig: »Die Kriegsleute werden sich schlagen, und Gott wird den Sieg verleihen.« Ein anderer Theologe, der einen häßlichen Dialekt sprach, fragte: »In welcher Sprache reden denn deine Stimmen?« und Johanna gab schlagfertig zurück: »In einer besseren als die Eure.« »Gott will nicht, daß man dir ohne Zeichen glaube,« rief ein Dritter zornig aus. Johanna sagte: »Ich bin nicht gekommen, um Zeichen und Wunder zu tun; mein Zeichen wird sein, daß ich die Belagerung von Orleans aufhebe.«

Man konnte nicht fertig mit ihr werden und ließ sie in Ruhe. Es war auch kein Augenblick mehr zu verlieren, denn die Gefahr hatte ihren Gipfel erreicht. Man entschloß sich nun, die Jungfrau auszurüsten. Sie verlangte ein Schwert, das sie genau beschrieb und das, wie sie angab, hinter einem Altare gefunden wurde. Ihr militärisches Gefolge bestand aus dem Schildknappen Ritter Jean d'Aulon, dem Pagen Immergut, zwei Herolden, einem Hausmeister und zwei Dienern. Zum Feldpriester wählte sie sich den Augustinermönch Jean Pasqueral. Ihr Bruder Peter blieb bei ihr.

Jetzt verabschiedete sie sich vom König. In Tours ließ sie sich noch eine Fahne malen, wie ihre »Stimmen« sie ihr beschrieben hatten: Lilien auf der einen Seite, auf der anderen Gott, auf einem Regenbogen thronend. Und nun zog sie in den Kampf.

* * * * *

Des Weges unkundig, hatte sie sich der Führung der Kriegshauptleute überlassen. Sie zogen auf dem linken Ufer der Loire nach Orleans. Am 29. April erblickte Johanna zum ersten Male die Türme der Stadt. Im nahen Schlößchen Reuilly rastete Johanna bis zum Abend. Und am selben Abend acht Uhr, Freitag, den 29. April, zog Johanna durch das burgundische Tor in Orleans ein. Sie war noch nicht siebzehnundeinhalb Jahre alt. Die ganze Stadt war ihr entgegengegangen. Ihr Schildknappe, die Fahne tragend, schritt voran und neben Johanna, die in voller Rüstung auf weißem Rosse saß, schritt ihr Page Immergut. Links von ihr ritt der königliche Vetter Graf Dunois, der Bastard von Orleans, und hinter ihr kamen ihre Brüder; Herren und Ritter folgten, Knappen, Hauptleute, Schöffen der Stadt. Freudetrunken umringte sie das Volk, das mit Fackeln ihren Weg beleuchtet hatte. Männer, Frauen und Kinder drängten sich an sie heran, um sie zu berühren.

Die belagerte Stadt jubelte, als sei sie bereits entlagert; eine himmlische Beruhigung senkte sich auf alle Gemüter. Nach sieben Monaten des Kampfes war dieser liebliche Engel erschienen, um ein Wunder zu vollbringen. Denn die Engländer, von dem Ereignis ganz bestürzt, hielten sich in ihren Bastillen verschanzt. Sie sahen dem Zuge der Jungfrau wie betäubt zu und wagten keinen Angriff.

Am folgenden Morgen eilte sie zum Bastard und verlangte den Sturm auf die englischen Verschanzungen; aber der Kriegsrat folgte ihr nicht. Von der Brücke aus ruft sie nun den drüben verschanzten Engländern zu, sich zu ergeben, aber die lachen die Jungfrau nur aus, obwohl sie im geheimen Angst haben vor der »Zauberin«.

Und jetzt beginnt ein wütender Kampf. Eine Schlacht nach der andern wird geschlagen, ein Sturm nach dem andern wird gelaufen. Und Johanna, das kaum achtzehnjährige Mädchen, ist stets die mutige Anführerin, der Feldherren und Soldaten blindlings folgen. Vom 2. bis 5. Mai ist sie fast immer im Felde, immer in der Rüstung und zu Roß; nur ab und zu wirft sie sich nieder, um inbrünstig um Sieg zu beten und eine kleine Weile zu ruhen. Und am 6. Mai endlich ist der Sieg zu Gunsten der Franzosen entschieden. Von den etwa achthundert Engländern sind kaum zweihundert übrig, während die Franzosen nur geringe Verluste erlitten haben. Aber als die letzte Schlacht, die dreizehn Stunden gedauert hat, glücklich vorüber ist, vergießt Johanna Tränen des Glücks über den Sieg und Tränen des Mitleids mit den Gefallenen, die ohne Beichte starben. Nun begann der Triumphzug in die Stadt. Glocken läuteten, Trompeten schmetterten Siegesfanfaren, Jubelgeschrei erhob sich, Segenswünsche wurden laut. Die Jungfrau wurde in die Wohnung geleitet, wo sie zu Gaste war. Ein großes Festmahl war ihr gerüstet, aber sie nahm nur einige Brotschnitten zu sich, die sie in weinvermischtes Wasser tauchte.

In der Nacht räumten die Engländer noch die letzten Bastillen. Am folgenden Morgen verkündeten die Turmwächter, daß sich das feindliche Heer auf dem Felde in Ordnung stelle. Johanna und der Bastard von Orleans eilten mit ihren Truppen hinzu. Man fragte Johanna, was man tun solle. »Die Messe hören,« antwortete sie. Sie ließ einen Tisch bringen, den sie zum Altar schmückte, und der Gottesdienst begann. Als er zu Ende war, fragte Johanna, wohin die Engländer den Kopf wendeten. »Nach Meung zu,« war die Antwort. »Beim Namen Gottes,« sagte nun die Jungfrau, »sie ziehen ab; laßt sie ziehen; wir wollen dem Himmel danken und sie nicht weiter verfolgen, denn es ist heute Sonntag.« In patriotischer Stimmung beschlossen die Bürger und Frauen der Stadt den denkwürdigen Tag durch eine feierliche Prozession.

Das eine Gebot der himmlischen Stimmen, Orleans zu befreien, war nun erfüllt. Es blieb ihr noch das andere: den König nach Reims zu führen und ihn zu krönen.

Am 10. Mai verließ sie Orleans und ging nach Loches, wo der König weilte, um ihn zu dem Zuge nach der Krönungsstadt zu drängen. Aber sie stieß auf Widerstand, der allerdings berechtigt war. Denn die Engländer hatten noch eine Menge Plätze an der Loire besetzt, aus denen sie erst hätten vertrieben werden müssen. Die Jungfrau fügte sich dem neuen Kriegsunternehmen und begann den Feldzug an der Loire.

Am 12. Juni fiel ~Jargeau~. Der Herzog von Alençon zögerte mit dem Sturm; es sei noch nicht Zeit, meinte er. »Es ist immer Zeit,« antwortete Johanna, »sobald es Gott will. Aber hast du Angst, artiger Herzog? Weißt du nicht, daß ich deiner Frau versprochen habe, dich unverletzt heimzuführen?« Solcher Rede widerstand er nicht, und so wurde Jargeau gestürmt. Johanna versöhnte auch die königliche Partei mit dem am Hofe verhaßten mürrisch-stolzen Konnetabel Artus de Richemont, der der Jungfrau erst hatte geloben müssen, treu dem Könige zu dienen. Mit seiner Hilfe wird ~Beaugency~ bei Blois am 17. Juni genommen. Jetzt verlassen die Engländer auch Meung und am 18. Juni werden sie bei Patay in der Beauce so gründlich geschlagen, daß die Loire von jetzt an für immer von ihnen befreit bleibt. An demselben Tage wurde auch der mächtige englische Feldherr Talbot gefangen.

Während man sich der reichen Herren bemächtigte, um ein bedeutendes Lösegeld zu gewinnen, wurde das arme Kriegsvolk einfach niedergemetzelt. Etwa zweitausend Tote bedeckten das Schlachtfeld, und Johanna brach, beim Anblick so vieler Leichen, in Tränen aus. Trotz allem war sie ein Kind geblieben; die Kriegsgreuel hatten ihr Herz nicht verhärtet. Ein französischer Soldat hieb neben ihr unbarmherzig einen armen Engländer nieder, der ihn um Gnade anflehte. »O du böser Franzose,« rief Johanna erschüttert aus, sprang vom Pferde, richtete den Verwundeten auf, pflegte und tröstete ihn und erleichterte ihm seine Sterbestunde.