Kulturhistorische Charakterbilder

Part 7

Chapter 73,554 wordsPublic domain

»Im Auslande habe man die Meinung verbreitet -- führt Galilei in diesem Werke aus --, das Verbot, die Bewegung der Erde zu lehren, sei nicht die Frucht reiflicher Überlegung, sondern leidenschaftlicher Aufregung, und sei von Personen ausgegangen, denen die für das kopernikanische System sprechenden Gründe nicht bekannt, oder die zum Urteil darüber nicht befähigt wären. Um diese unbegründete Meinung zu widerlegen und um zu zeigen, daß in Rom, wo er sich damals aufgehalten und mit den vornehmsten Prälaten des päpstlichen Hofes über diesen Gegenstand konferiert habe, alles hierauf Bezügliche so gut bekannt gewesen sei als sonstwo, habe er nun sein Werk geschrieben, in welchem er alles zusammenfasse, was sich ~gegen~ die gewöhnlichen Gründe für die Unbeweglichkeit der Erde und was sich ~für~ das kopernikanische System sagen lasse. Nur überwiegende religiöse Gründe, nicht Unkenntnis und Leidenschaftlichkeit seien in Rom die Veranlassung gewesen, die Unbeweglichkeit der Erde zum Dogma zu erheben und die entgegengesetzte Meinung für eine bloße mathematische Laune zu erklären.

»Dadurch, daß Galilei der Sache diese Wendung gab, hatte er nun zwar von der Zensur die Erlaubnis zum Drucke seines Werkes erlangt; wenn er aber gehofft hatte, dadurch seine Feinde zu beschwichtigen oder einer Anklage beim Inquisitionsgericht zu entgehen, so hatte er sich bitter getäuscht. Sein Werk machte zu großes Aufsehen, sowohl durch den Beifall, den es bei den aufgeklärten Zeitgenossen fand, als durch die Menge von Gegenschriften, die es hervorrief. Auch ward Galileis eigentliche Absicht, dem kopernikanischen System, trotz des Verdammungsurteils, den Sieg zu verschaffen, selbst den beschränktesten Mönchen sehr bald klar. Fanatismus und Verketzerungssucht waren bald am Werk, um Galilei zu schaden. Urban VIII., das Haupt der katholischen Kirche, hätte selbst beim besten Willen Galilei nicht länger zu schützen vermocht. Er konnte den öffentlichen und geheimen Anklagen gegen Galilei sein Ohr nicht länger verschließen.

»Schon im August 1632 berief man in Rom eine Kommission von Theologen und Mathematikern zur Untersuchung zusammen, die allesamt bekannte Widersacher Galileis waren. Der zweiundzwanzigjährige Ferdinand II. von Toskana, der seinem Vater Cosimo II. im Jahre 1621 in der Regierung gefolgt war, suchte vergeblich die drohende Gefahr von Galilei abzuwenden. Er machte mit Recht geltend, daß Galileis Werk ja einer mehrmaligen, strengen Zensur unterworfen und nach Vorschrift abgeändert worden sei. Der Papst nannte aber die erlangte Erlaubnis zum Drucke des Werkes eine erschlichene und berief sich auf das Dekret vom 16. Februar 1616 -- hier sehen Sie es im Original mit der Unterschrift des Papstes Paul V.! --, worin Galilei bei Androhung schwerer Kerkerstrafe verboten wird, fernerhin die kopernikanische Lehre zu verteidigen. Papst Urban war in großen Zorn geraten. Die Untersuchung gegen Galilei wurde unterdessen ganz im stillen weitergeführt; nicht einmal die Namen der ernannten Untersuchungskommissarien wurden bekannt. Ende Oktober desselben Jahres erhielt Galilei die Vorladung, sich zum Verhör in Rom einzustellen. Er suchte nun zwar Aufschub zu gewinnen, indem er sein hohes Alter, seine Kränklichkeit und die Beschwerlichkeit der an der Grenze des Kirchenstaates abzuhaltenden Quarantäne geltend machte. Allein, seine Bitten blieben fruchtlos; Galilei mußte sich zur Reise entschließen und am 13. Februar 1633 langte er in Rom an. Er stieg in der Villa Medici, dem toskanischen Gesandtschaftshotel, ab, und stellte sich in den nächsten Tagen einigen Kardinälen und Assessoren des Inquisitionsgerichts vor, die er ziemlich wohlgesinnt fand, von denen er jedoch den Rat erhielt, äußerst zurückgezogen zu leben und nur die zwingendsten Besuche anzunehmen. Galilei erfuhr, der Hauptvorwurf, den man ihm mache, sei die Übertretung des Befehls vom Jahre 1616, gar nicht mehr über das kopernikanische System zu sprechen. Galilei behauptete aber, es sei ihm damals nur verboten worden, jenes System zu verteidigen und sein Werk sei keine Verteidigung, sondern nur eine Zusammenstellung der Gründe für und gegen die Sache. Endlich am 12. April 1633 wurde Galilei vor das Gericht geführt. Er mußte nun im Inquisitionsgebäude bleiben, wurde jedoch in kein Gefängnis gesperrt; er durfte vielmehr in den Zimmern des Gerichtsfiskus wohnen, konnte seinen eigenen Diener behalten, es war ihm erlaubt, im Hofe des Hauses spazierenzugehen -- lauter Vergünstigungen, die beim Inquisitionsgericht ganz unerhört waren. Gleich bei dem ersten Verhör scheint ihm jedoch unter Strafe der Exkommunikation das Versprechen abgenommen worden zu sein, über das, was mit ihm vorginge, das strengste Stillschweigen zu beobachten.

»Nachdem er achtzehn Tage in dieser Abgeschlossenheit zugebracht hatte, erbat sich Galilei ein neues Verhör; er sagte aus: Seit drei Jahren habe er sein Werk über Kopernikus nicht wieder gelesen; jetzt sei er durch diesen Prozeß veranlaßt worden, es nochmals genau durchzusehen, um gewissenhaft zu prüfen, ob nicht gegen seinen Willen etwas aus seiner Feder geflossen sei, was man ihm als Ungehorsam gegen die Kirche auslegen könne. Er habe nach so langer Zeit sein Buch wie das eines anderen Verfassers durchstudiert und nun allerdings gefunden, daß es Stellen enthalte, welche einen Leser, der ihn nicht genau kenne, zum Glauben verleiten könnten, der Verfasser habe die Gründe für die Meinung, die er ~widerlegen~ wollte, darum so beredt vorgetragen, damit man diese Meinung als die richtige ~annehme~. Gestatte man es, so wolle er eine Fortsetzung schreiben, worin er die falsche und von der Kirche verdammte Lehre mit den kräftigsten Gründen, die Gott ihm eingeben werde, widerlegen wolle. In bezug auf die Erlaubnis zum Drucke seines Werkes habe er alles getan, wozu ihn das frühere Dekret verpflichte. Doch wolle er sich nicht von Irrtum freisprechen, wohl aber von List und Bosheit; er klage sich selber des Ehrgeizes an, seine Kunst in Darlegung der Gründe für das kopernikanische System beweisen zu wollen. Man möge sein hohes Alter, seine Kränklichkeit, seinen seit zehn Monaten erlittenen Kummer, die Beschwerden der Reise, die Verleumdungen, denen er ausgesetzt sei, mit in Erwägung ziehen.

»An demselben Tage, an dem dies Verhör stattgefunden hatte, wurde Galilei wieder in die Villa Medici zurückgesandt, um seine Gesundheit zu stärken. Erst am 22. Juni mußte er abermals vor dem Inquisitionsgericht erscheinen. Man behielt ihn diesen Tag und die folgende Nacht dort und führte ihn dann in das Dominikanerkloster +alla Minerva+, wo ihm sein Urteil eröffnet wurde. Es erklärt ihn für schuldig, ketzerischen Meinungen in betreff der Bewegung der Erde, angehangen zu haben; es spricht ihn aber von den auf ein solches Verbrechen gesetzten Strafen unter der Bedingung frei, daß er seine physikalischen und astronomischen ›Irrtümer‹ abschwöre und verfluche. Ferner solle sein Werk über das ptolemäische und kopernikanische Weltsystem durch eine öffentliche Bekanntmachung verboten und Galilei selbst auf eine vom Gericht nach Willkür zu bestimmende Zeit gefangengehalten werden. Die nächsten drei Jahre hindurch solle Galilei wöchentlich einmal die sieben Bußpsalmen rezitieren. Schließlich behält sich das Gericht vor, diese Strafen und Bußen nach seinem Gutdünken zu verändern oder zu mildern.

»Es wird erzählt, daß Galilei, welcher die Abschwörung seiner Lehren kniend leisten mußte, während er sich wieder erhob, halb laut gesagt haben soll ›+e pur si muove+‹! (›und sie -- die Erde -- bewegt sich doch!‹). Aber eine so gefährliche Äußerung im Munde eines damals so tief gebeugten Greises ist ziemlich unwahrscheinlich.

»Freilich haben sie ihn nicht ganz mundtot machen können. Der Name dieses Erforschers der Sterne war inzwischen selber zu einem leuchtenden Gestirn geworden am Himmel des Ruhmes, und sie konnten ihn nicht gut auslöschen. Sie nahmen ihm zwar einen großen Teil seiner ›teuflischen Instrumente‹ fort, mit denen er in den Werken Gottes herumspionierte, aber sein Genie konnten sie ihm nicht nehmen.

»Der Papst verwandelte die im Urteile ausgesprochene Gefängnisstrafe in Haft und später erhielt er die Erlaubnis, sich in die Nähe von Florenz auf sein Landgut zu Arcetri zu begeben, wo er auch die Besuche seiner Freunde annehmen durfte; nur große Gesellschaften dort zu empfangen, war ihm untersagt. Arcetri scheint Galilei vorzüglich darum zu seinem Aufenthalte gewählt zu haben, weil es ganz nahe bei dem Kloster lag, in welchem seine beiden natürlichen Töchter als Nonnen lebten. Zu seinem tiefsten Schmerze starb die älteste dieser Töchter schon im April 1634. Gleichzeitig mit diesem Familienunglück traf ihn eine harte abschlägige Antwort aus Rom auf seine Bitte um die Erlaubnis, von seiner Villa aus zuweilen das eine Meile entfernt gelegene Florenz besuchen zu dürfen. Es wurde ihm sogar mit Strafen gedroht, wenn er wieder solche Bitten wage.

»Aber seine Gefangenschaft -- wie anders soll man ein Leben voller Kummer unter beständiger jesuitischer Aufsicht nennen? -- seine Gefangenschaft konnte nicht verhindern, daß er seine Studien fortsetzte, daß er die schwankenden Bewegungen der Mondkugel entdeckte und die Gesetze der Kohäsion aufstellte. Freilich muß man nicht glauben, daß er unter all den Verfolgungen und Kränkungen nicht schrecklich gelitten hätte. Werfen Sie nur einen Blick auf diese Terrakottabüste, die aus seinen letzten Jahren stammt; ich besitze verbürgte Nachrichten darüber, daß sie dem lebendigen Menschen am nächsten kommt und daß sie den getreuesten Eindruck von Galileis Physiognomie gibt. Ist sie nicht ein ebenbürtiges Abbild seiner vergällten Seele? Galilei erinnert hier an einen Jupiter, dessen Stirn von schweren Sorgen umwölkt ist. Wie immer bei genialen Menschen sind auch in seinen Zügen wunderbare Größe und tiefstes Leid vereint. Krank an Leib und Seele erwartete Galilei schon damals den Tod.

»Seine Freunde sorgten jetzt für Verbreitung und Druck seiner gelehrten Arbeiten im Auslande, während die römische Inquisition überall, wo sie Einfluß besaß, den Druck neuer Werke Galileis verbot. Aber diese entwicklungsfeindlichen Inquisitoren vermochten, trotz aller Ränke, nicht den Fortschritt des menschlichen Denkens aufzuhalten; die Verfolgungen Galileis machten seinen Namen und seine Lehren erst recht berühmt.

»Schon seit 1632 hatte Galilei an den Augen gelitten, war aber immer wiederhergestellt worden; allein im Jahre 1637 erblindete zuerst sein rechtes Auge und bald auch das linke. Ein Jahr vorher hatte Galilei seinem Freunde, dem Grafen von Noailles, ein neues größeres Werk über Mechanik überreicht, die ›+Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze+‹, in welchem die ›beiden neuen Wissenschaften‹, die Lehre vom Widerstande fester Körper beim Zerbrechen und Zerreißen, und die Theorie der Bewegung, nicht nur der gleichförmigen, sondern auch der beschleunigten, niedergelegt waren. Mit Recht schätzte Galilei selbst diese +Discorsi+ höher als alle seine übrigen Werke, denn hier offenbart sich am meisten sein Talent zur Erforschung der Naturgesetze unter der sicheren Leitung der Mathematik. Während seine vielfachen astronomischen Entdeckungen doch eigentlich nur Früchte aufmerksamer Beobachtung waren, die nach der Erfindung des Fernrohres jedem zufallen mußten, der zuerst hinreichenden Fleiß darauf verwendete und die darum auch von vielen anderen Beobachtern als ihre Entdeckungen in Anspruch genommen wurden, entwickelte Galilei in diesen +Discorsi+, unbestreitbar als der Erste, die Gesetze des freien Falles, als auch des Falles auf gegebenen Flächen und Kurven, die Bahn geworfener Körper, die Schwingungen des Pendels und der tönenden Körper, und die Gesetze der Bewegung überhaupt. Dies Werk ist daher die Grundlage der Akustik, Ballistik, ja der gesamten Dynamik der neueren Zeit.

»Am 8. Januar 1642 setzte ein schleichendes Fieber seinem Leben ein Ende. Galileis Leichnam wurde in dem Familienbegräbnisse der Galilei in Florenz in der Kirche S. Croce beigesetzt. Als seine Verehrer ihm dort ein Denkmal setzen wollten, verhinderte es die Inquisition. Selbst noch im Tode war Galilei diesen Henkern im Wege. Erst 1674 durfte über seinem Grabe

eine Ruhmestafel angebracht werden und 1737 wurde ihm dort ein Ehrendenkmal aus Marmor errichtet.

»Ich habe es noch vor mir, die Geschichte seines Lebens zu schreiben, über das ich durch zahlreiche Notizen, die von Galilei selbst herrühren, reichen Aufschluß erhalten habe. Er muß ein sehr liebenswürdiger Mensch gewesen sein; er war wohltätig und gastfrei, standhaft im Leiden, reizbar, aber leicht versöhnlich, mitteilsam und offen und erst im Alter melancholisch und schweigsam. Da er angenehm zu unterhalten verstand, war er einer der wünschenswertesten Gesellschafter. Und erfüllt es nicht mit Bewunderung, zu sehen, wie dieser Mann neben all seinen Arbeiten noch Zeit übrig hat, den Pegasus zu reiten und sein Gemütsleben in Verse zu bannen?! Auch von diesen besitze ich die unveröffentlichten Originale. Er war ein Freund und Kenner der schönen Künste, sowie der Literatur; nicht allein der alten, sondern auch der italienischen. Er liebte das Landleben und beschäftigte sich besonders gern mit der Kultur des Weinstocks. Und dann, wie viele philosophische Abhandlungen habe ich von ihm im Manuskript! Er war als Philosoph nicht minder groß, denn als Physiker. Aber letzterdings mußten ihm seine Augen doch alles sein, die nicht aufhören wollten, die Tiefen des Himmels zu ergründen. Manche meinen, seine Erblindung sei den anstrengenden Beobachtungen der Sonnenflecke und der Mondesoberfläche zuzuschreiben. Vielleicht war es aber auch die Strafe für seine Vermessenheit, daß Gott ihn endlich mit Blindheit schlug. Gewiß schmerzte ihn aber der Tod seiner Augen nicht einmal so sehr, wie ihn die geistige Blindheit seiner Peiniger quälte. Studieren Sie ihn und je größere Gesichtspunkte Sie nehmen, desto näher werden Sie ihm kommen.

»Die meisten freilich -- ich habe in den Galerien vor Michelangelos Bildwerken, vor Raffaels Gemälden Gelegenheit genug, die unerhörtesten internationalen Salbadereien anzuhören -- die meisten finden es bequemer, zu fragen: Wo war dieser Mensch, dieser Künstler, dieser Forscher klein? Wie schlaue Detektive spüren sie den großen Renaissancemenschen persönliche kleine Dinge nach, gleichsam um die Menschen herabzuziehen. Hat Michelangelo nicht doch irgendeine Schwäche gehabt? Hat er nicht irgendeine Gemeinheit begangen? Wie mit Bleigewichten sind sie von einem schalen Kleinkramwissen belastet und vermögen deshalb nicht unterzutauchen in den Geist der Renaissance. Sie erinnern mich an das Wort Heines: ›Nur wenn wir im Kot uns fanden, so verstanden wir uns gleich.‹ Natürlich hatte auch Galilei seine Fehler; hat er doch tatsächlich im Jahre 1633 einen Meineid geleistet und auf den Knien seine ganze Lehre abgeschworen. Gewiß, dieser Meineid ist ein Flecken in seinem reinen Leben. Aber zweierlei ist zu bedenken: dieser Meineid rettete ihm das Leben, das noch einen außerordentlichen Wert erhielt durch die Herausgabe der berühmten ›+Discorsi+‹, auf denen die moderne Physik begründet ist. Und dann, vergessen wir doch nicht, daß Galilei auch der Erste war, der selbst in der Sonne Flecken entdeckt hat ...«

Der Graf war zu Ende.

Es ist wahr, daß die Nachwelt den großen Menschen einen Legendenkranz ums Haupt flicht. Wir wollen diesen Kranz nicht zerreißen, wollen den Duft nicht fortnehmen, der die Helden der Menschheit umgibt, so wie eine edle Patina auf alten Bronzen lagert und ihre Ehrwürdigkeit noch erhöht.

Große Männer gleichen jenen erhabenen Bergesgipfeln, für die wir erst in der Entfernung den richtigen Standpunkt gewinnen, wo man sie denn hoch über alle Bergketten emporragen sieht.

Die Jungfrau von Orleans.

Der Glaube an das Dasein einer übernatürlichen Welt wurzelt urtief im menschlichen Gemüt. Aus diesem Glauben und aus dem Glauben an Wunder und an die Gewalt des Satans über den Menschen wurde auch der Aberglaube an Zauberei geboren, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr entwickelte, und im Mönchstum und in der Unwissenheit die stärksten Stützen gefunden hat. Weil in der Bibel die Zauberei öfters mit dem Tode bedroht wird und von zauberischen und übernatürlichen Dingen vielfach die Rede ist (die Wundertaten des Moses und der ägyptischen Sterndeuter, Bileams Esel, die Hexe von Endor usw.), so war ein Zweifel, daß es Hexen und Zauberer gab, ganz ausgeschlossen. Und wenn durch Bileams Esel ein Engel redete, warum sollten die Hexen sich nicht in Katzen und Werwölfe verwandeln können, durch die der Teufel sprach? Gerade die Mönche brüteten hinter ihren Klostermauern die abenteuerlichsten Hirngespinste aus. Sie gaben den Phantasiegebilden des Volkes bestimmte Gestalt. Sie schilderten die Teufel mit unheimlichen dicken Köpfen, langgezogenen Hälsen, hagergelben Gesichtern, langen schmutzigen Bärten, Pferdezähnen und Pferdefüßen, feurigen Augen, glühenden Schlünden, breiten Mäulern, knotigen Knien, krummen Beinen, geschwollenen Knöcheln und verkehrten Füßen. Und ungeachtet dieser scheußlichen Ungeschlachtheit schlüpften sie durch Türen, Gitter und Ritzen und störten den Andächtigen und Betenden.

Die Mönche waren die ausübenden Zauberer. Sie gaben sich als berufsmäßige Wundertäter aus, weil sie danach trachteten, dem Volke, das im geheimen noch immer den alten heidnischen Gottheiten anhing, diese zu verleiden, und die Wunder Christi, der Propheten und der Heiligen besonders glaubhaft zu machen. Sie, die Diener Gottes, vermochten allein Gott zu versöhnen -- denn die Krankheiten galten damals ja nur als Strafen des Ewigen für begangene Sünden -- und die Mönche allein hatten die Kraft, die Dämonen durch Vaterunser, durch Salbung, Händeauflegen, Anrufen des Jesunamens zu bannen. Wenn der Mensch von Gott erschaffen worden ist, so kann Gott nicht wollen, daß sein Geschöpf leide, denn Gott ist die Güte. Leidet der Mensch aber dennoch, so ist es der Böse, der Teufel, welcher im kranken Leibe mit Gott kämpft. Wenn aber Gott und Satanas sich streiten, ist natürlich der Mensch der Prügelknabe. Daher also die Schmerzen. Aber dieser vom Teufel Besessene bekommt nun nicht etwa ein Mittel gegen seine Schmerzen, sondern mit Gebet und Buße, mit Opferung und Weihrauch wird der Teufel ausgetrieben. Zauber- und Segensprüche, Beschwörungsformeln und Reliquien waren in jenen Zeiten an der Tagesordnung. Die Mönche mußten eben zu groben Mitteln greifen, um die Reste des Heidentums auszurotten.

Es muß in den Köpfen jener Zeit sehr seltsam ausgesehen haben. Man glaubte, daß der Papst nicht esse und trinke; daß alte kranke Weiber Hexen seien, die auf hohe Berge ritten, und mit teuflischen Geistern dämonische Kinder zur Welt brächten; daß Werwölfe verwandelte Hexen wären. Man glaubte, daß es Teufelssalben gäbe, denen eine zauberische Wirkung innewohnte; daß es einen Alp gäbe, der wie ein wilder Orang-Utan aussehe und nachts die Menschen quäle; daß Hexen Ungewitter hervorrufen könnten; daß sie nachts die Euter der Kühe leer tränken; daß verschluckte Kirschenkerne im Magen zu keimen begönnen. Man liest von Besessenen, die vor den Altären der Heiligen Urnen voll Münzen erbrachen. Man erfährt, daß die Muskatnuß kräftiger werde, wenn sie der Mann bei sich trage; daß das Ungeziefer aus Fäulnis entstehe; daß die Wunde eines Ermordeten zu bluten beginne, wenn der Mörder sich dem Leichnam nähere.

Die Hexen verschrieben sich dem Teufel mit einem Tropfen Blut oder durch einen Nagel, ein Haar, einen Strohhalm, eine Nadel, eine Nuß, einen Kirschkern. Auch sie geben sich mit Besprechungen, Zeichendeutungen und anderen Zaubereien ab. Sie haben den Mond in der Gewalt und machen Ebbe und Flut. Sie streichen mit Rabenfedern bösen Tau vom faulen Moor und würgen Schweine. Sie schwimmen im Sieb übers Meer und entfesseln Stürme. Der Wind ist ihnen untertan. Sie zaubern dem Menschen Auszehrung an. Sie sind mordsüchtig und entstellen den Leib. Sie reiten die Menschen und saugen ihnen das Herzblut aus. Sie sind prophetisch begabt. In den Tagen, in die die Geburt Jesu fällt, krähen die Hähne die ganze Nacht, die Geister dürfen nicht spuken, die Hexen nicht zaubern. Die bangen ruhelosen Seelen Ertrunkener und am Scheidewege Begrabener müssen nachts umherirren. Auch Menschen, die während ihrer Lebenszeit Geld erpreßt haben, finden im Grabe keine Ruhe. Sie müssen nachts wandern, bis sie ihre Sünden gebüßt haben. Am Nordpol wohnen die bösen Geister; die guten Geister bringen den Menschen, während sie schlafen, Segen ins Haus. Beim Mondlicht ziehen die Feen und Zwerge geheimnisvolle Kreise auf dem Rasen, von denen das Schaf nicht frißt. Zanken sich die Geister, dann steigen böse Nebel vom Meere ans Land und erzeugen Fieber; Bäche wachsen zu verheerenden Strömen an; der Bauer pflügt und sät umsonst; die Schafe erkranken in der Hürde; Krähen fliegen; auf den Waldwegen wächst dichtes Unkraut -- kurz eine ganze Brut von Plagen entsteht. Die Elfen benaschen Milchtöpfe, necken die Mägde, verderben den Brei, lassen die Butter mißraten, erschrecken nächtliche Wanderer durch Lachen und leiten sie irre. Sie locken den Hengst, indem sie das Wiehern der Stute nachahmen; verwandeln sich in einen Schemel und fliegen gerade dann weg, wenn sich jemand darauf setzen will. Sie verwirren nachts die Mähne der Pferde und flechten ihnen Weichselzöpfe, die, wiederum entwirrt, auf Unglück deuten. Aus all diesen Gründen bittet man um Schutz vor den Elfen und Kobolden. Sie sind unsterblich. Sie wandeln über den Gischt des Meeres und tanzen auf dem Rücken des Nordwindes. Bald sind sie Feuergeister, die Schrecken bringen und sich in einen zuckenden Blitzstrahl verwandeln; bald sind sie lockende, singende Sirenen. Bald ahmen sie die Schalmei nach und bald tolles Hundegekläff; bald den Hahnenschrei, bald das Wellenplätschern. Sie können sich unsichtbar machen. Sie finden ihren Weg im Dunkeln. Wer aber durch Forschungen Herrschaft über die Geister erlangt hat, vermag gleichfalls Stürme zu entfesseln, die Sonne zu verdunkeln, das Meer aufzupeitschen, Bäume zu entwurzeln, Berge zittern zu machen und Tote aus ihren Grüften zu rufen und sie wieder zu beleben. Ein Zaubermantel ist sein. Was man auf der Erde erblickt, gehorcht ihm. Auf seinen Wink dorrt und verwelkt alles, was grünt; sobald er will, muß der Fels Wasser spenden und aus trockenen Klippen sprudeln reiche Quellen. Die reißenden Wasserwogen verwandelt er zu Brücken; die Winde gehorchen ihm. Ihm gehorchen die Ströme und die wilden Tiere.

Aber den Hexen gelingen Wunder und Untat erst, nachdem sie den zauberischen Sud gebraut. Die Hexen haben es vom Teufel gelernt. Sie nahmen Fett von toten Kindern, vermischt mit Epich, Wolfswurz, Alberbaumzweigen, Ruß, Kalmus, Fünffingerkraut und Fledermausblut. Zuweilen kochten sie einen Brei aus Kinderfleisch, Mohn, Judenkirschen und Schierling. Sie bestrichen damit den Besen, die Ofengabel und den ganzen Leib, setzten sich auf den Besen oder auf die Ofengabel, murmelten die Hexenformel »Obenaus und nirgends an« und flogen zum Schornstein hinaus. Zuweilen führte sie auch der leibhaftige Teufel durch die Lüfte davon. Wenn die Katze miaute, das Käuzchen wimmerte, der Igel quiekte, der Uhu ächzte und der Rabe krächzte, war die Stunde reif. Daß die Hexen sich dieser Salbe bedienten, ist eine historische Tatsache; daß sie wirklich zum Kamin hinausflogen, ist natürlich Unsinn. Die Salbe, mit der die Hexen sich einrieben, hatte eine schlaferregende und betäubende Wirkung und viele Richter und Ärzte beobachteten Hexen, die nach Anwendung der Salbe in Schlaf fielen und nach ihrem Wiedererwachen von Schornsteinfahrten, Satansmessen und Hexentänzen fabelten, obgleich sie sich in ihrem ohnmächtigen Schlafe nicht von der Stelle gerührt hatten. Die Salbe hatte nur diese starken Träume bewirkt und ausgelöst.