Kulturhistorische Charakterbilder
Part 10
Und jetzt, in diesem schrecklichen Augenblick, trat Cauchon an den Fuß des Scheiterhaufens und drang noch einmal in die Unglückliche, um ein Geständnis zu erhalten. Umsonst. Sie wiederholte nur, was sie diesem Bischof schon am Morgen gesagt hatte: »Bischof, ich sterbe durch Euch. Mein König ist an dieser Tat unschuldig.«
Die Flamme züngelte empor. Und schon von den Flammen umlodert, rief sie noch: »Meine Stimmen waren von Gott; meine Stimmen haben mich nicht betrogen.« Aber als sich immer mehr Rauch entwickelte, vernahm man nur noch den Schrei »Jesus!« dann war sie still für alle Ewigkeit ...
Zehntausend Menschen weinten. Nur ein paar besonders rohe Engländer lachten. Einer von ihnen hatte geschworen, eigenhändig ein Bündel Reisig zu den Flammen zu tragen; in dem Augenblick, als er es in die Lohe warf, gab Johanna den Geist auf. Der Soldat fiel um, und die Kameraden führten ihn in eine nahe Schenke, um ihn zu erfrischen. Er war ganz außer sich und sagte: »Als Johanna ihren letzten Seufzer tat, habe ich eine Taube aus ihrem Munde fliegen sehen.« Er erholte sich nicht mehr und starb bald darauf. Der Henker war ebenfalls entsetzt; er beichtete am Abend dem Priester Isambart, aber er fand dennoch keine Ruhe und konnte nicht glauben, daß Gott ihm je vergeben werde. Und ein Sekretär des Königs von England sagte, als er von der Hinrichtung zurückgekommen war, das, was wohl alle heimlich empfanden und dachten, aber nicht auszusprechen wagten: »~Wir sind verloren, denn wir haben eine Heilige verbrannt!~«
Alle, die an der Verurteilung der Jungfrau beteiligt waren, sind denn auch bald darauf eines elenden Todes gestorben oder verschollen, und die noch Überlebenden, die mitschuldig waren, ließ der Sohn Karls VII., Ludwig XI., gefangennehmen und denselben Tod erleiden, den Johanna erlitten hatte.
Dem armen Vater Johannas brach bei der Kunde vom qualvollen Tode seines heldenmütigen Kindes das Herz; er starb bald. Die Mutter zog nach Orleans, wo sie von der Stadt bis zu ihrem Tode eine Leibrente erhielt.
Zwanzig Jahre nach dem Tode Johannas wurde auf Ansuchen der Mutter und der Verwandten der Prozeß der Rehabilitation vorgenommen. Im Juli 1456 wurde zu Rouen ihre Ehrenrettung ausgesprochen; der Papst Pius IX. hatte sie genau vierhundert Jahre später selig gesprochen, und somit war die Prophezeiung erfüllt, die König Karl in Schillers »Jungfrau von Orleans« ausspricht: »Selig preisen sollen sie die spätesten Geschlechter«. Nun ist Johanna im Jahre 1909 heilig gesprochen worden und somit hat sich auch jene andere Prophezeiung Schillers erfüllt:
»Ihr Name soll dem heiligen Denis Gleich sein, der dieses Landes Schützer ist, Und ein Altar sich ihrem Ruhm erheben.«
Der Doktor Faust.
Wir sind im Zeitalter des Hans Sachs, und es ist Kirchweihwoche. Auf einer großen Wiese vor dem Städtchen haben fahrende Händler, Kesselflicker, Korbflechter, Bettelmusikanten und Tanzbärentreiber ihre Buden und Zelte aufgeschlagen. Allerhand Wunderdinge werden hier zur Schau gestellt. Betrunkene rohe Bauern mischen sich unter die Pandorenspieler und Dudelsackpfeifer; Akrobaten stehen auf dem Kopf, Kunststückmacher ziehen sich lebendige Schlangen aus den Nasenlöchern, Degenschlucker zeigen ihre blendenden Künste, Gaukler lasen ihrem Munde Fontänen entsteigen. Man sieht bärtige Weiber, Ichneumons, Nashörner, Dromedare. Die Kaufleute machen einen Höllenlärm und bieten ihre grellfarbigen Waren an; sie schreien wild und zwecklos durcheinander. Oder sie blasen mit vollen Backen auf der Querpfeife und schlagen die Pauke, oder sie tanzen auf einem dicken Seil, das höchstens zwei Meter über der Erde ausgespannt ist. Um den Bärentreiber schart sich die gaffende Menge. Plötzlich taucht der Hanswurst auf. Er schlägt den Leuten auf die Köpfe und treibt sie wie das liebe Vieh zu einer anderen Bude hin, zur Bude des Wundermannes.
Der hat ein feuerrotes Gesicht, das dick aufgedunsen ist, weißblondes Haar und eine kahle Platte -- das Zeichen der großen Gelahrtheit. Er trägt einen sonderbaren Spitzenkragen und ungewöhnlich rote Pluderhosen; Bänder hängen daran herunter, wie an einem Erntekranz. Ein Dutzend Ehrenketten beschweren das schwarzsamtene Wams, das nach venetianischem Schnitt gearbeitet ist; seine Finger sind mit unzähligen Ringen bedeckt, und jeden Ring ziert eine besonders große Kamee, die von einem Grabstein geschnitten ist. Er trägt einen prachtvollen türkischen Dolch, und rings um seine Hüften baumelt, wie bei einem Wilden des Urwalds, ein Kranz mannigfacher zauberkräftiger Anhängsel.
So steht er da und schreit und haut in die Luft und wirft eine Menge lateinischer Brocken ins Volk. »Er kann reden wie ein Arzt«, heißt das Sprichwort jener Tage. Er spricht etwas von der Stellung der Gestirne, vom Pulsschlag und Perpendikel, von Blut und Hexen, von Zauberei und vom Satanas. Nach jedem Satze reißt sein Diener, der Hanswurst, schlechte Witze, um die Gaffer bei guter Laune zu erhalten. Und erst wenn genug Leute vor der Bude herumstehen, nimmt der Wundermann sein großes »Zeugenbuch« hervor: »Da leset, wie ich in Spanien, Frankreich, Rom und dahinten in der Türkei geehrt worden bin! Hier haben sie alle ihre Namen hingemalt, die Bischöfe und Fürsten und der Teufel weiß, wer noch. Hier seht ihr, wie sie vor ihrer Heilung ausgesehen haben; hier seht ihr die geschwollenen Wangen, bleichen Gesichter und verzerrten Stirnen leibhaftig abkonterfeit. Und ich, ich habe sie kuriert; ich allein; ich, der größte Zauberer der beiden Welten; ich, der größte Hexenmeister und Totenbeschwörer, der geschickteste Wetterbanner und gesuchteste Wunderdoktor, den die Erde je getragen hat! Ich, Doktor Faust, des Teufels Freund und der Meister der Hölle!«
Wenn er nur so spräche, würde man ihn noch bescheiden nennen müssen; aber er prahlt gewöhnlich das Blaue vom Himmel herunter. Und wenn er nur den tausendsten Teil von dem leistete, was er zu leisten verspricht, dann wäre der Teufel noch immer ein Stümper gegen ihn.
Woher sollte er auch seine Kenntnisse haben?
Der Arzt des Mittelalters studierte nicht Anatomie, sondern Alchimie: Die Kunst, Gold zu machen; nicht Physiologie, sondern Astrologie: Die Kunst, aus den Planeten wahrzusagen; anstatt Menschen gesund zu machen, machte er Kalender. Anstatt nach dem Wo und Wie der Krankheit zu sehen, sah er nach dem Mond und seinen Stellungen; bevor er seinen Rat erteilte, schaute er erst nach den Sternen und dann nach dem Urin.
Er beobachtete sorgfältig die Himmelskörper, ihre Bewegungen, ihren Stand und deutete diese Verhältnisse auf die Schicksale der unter diesen Gestirnen Geborenen. In der Tat geschieht auch kein bedeutendes Ereignis, das er nicht durch vorangehende Zeichen und Himmelswunder ankündigen zu können behauptet. Kometen gelten als Botschafter des erzürnten Gottes, die den Menschen allerhand Strafen und Plagen andeuten. Befinden sich die Kometen beispielsweise beim Saturn, dann erfolgt Pest, Unfruchtbarkeit und Verrat.
Diese Sterngucker, Geheimniskrämer und Wunderärzte kamen, wie die Heuschreckenplage, hauptsächlich von England in alle übrigen Länder. Der eine macht mit seinem Wunderstein großes Aufsehen, an dem er die Patienten lecken läßt, worauf sie angeblich sofort gesund werden. Der andere hext mit seiner wunderbringenden Salbe Blinde sehend und Lahme gehend und er gibt vor, einen Trank brauen zu können, der ein Fortleben in Ewigkeit sichert. Der Dritte berührt nur die Kranken und sofort verschwinden die Schmerzen, die Kröpfe schrumpfen zusammen und Skrofulöse sind gesundet. Er speit den Tauben in die Ohren und sofort hören sie; er gibt den Zahnleidenden eine Ohrfeige, daß die kranken Zähne nur so herausfliegen. Der Vierte macht aus dem Kot der verschiedensten Tiere Rezepte, mittels deren er alle und alles heilt. Der Fünfte verwandelt Metalle und glaubt an die mit Blut unterschriebenen Verträge zwischen Mensch und Satanas, zwischen Hexe und Teufel.
Kein Wunder, daß dieser Aberglaube so verbreitet war, nachdem die Kaiser und Könige selbst mit gutem Beispiel vorangingen. König Jakob von England, Maria Stuarts Sohn, schrieb ein Zauberbuch. Karl V., Maximilian II., Kurfürst Joachim I. gaben ihren Goldmachern reichliche Beschäftigung, denn ihre Verschwendungssucht erheischte immer neue Geldmittel. Heinrich VI. und Rudolf II. standen selbst in den Laboratorien ihrer Dunkelmänner, Gold machend und Lebenselixiere brauend. Man hatte an den Höfen seine Sterndeuter und Alchimisten, wie man seine Hofnarren hatte; nur daß die Narren meistens klüger waren als die Goldmacher.
Viele dieser Ärzte zogen aber auch von Ort zu Ort, von Markt zu Markt. Und diese Gestalt des herumziehenden Wunderdoktors hat sich noch mehrere Jahrhunderte hindurch erhalten; denn Abraham a Santa Clara, der große satirische Prediger, der am Ende des siebzehnten Jahrhunderts gelebt hat, kennt diese Wundermänner ebenfalls noch aus eigener Anschauung. Er gibt folgende Schilderung von ihnen: »Man findet unter diesen Leuten sehr liederliche und nichtsnutzige Gesellen, die sich auf das Lügen und Betrügen stattlich verstehen, absonderlich viel aus denselbigen, die auf allen Märkten und Kirchweihen ihre Stände aufschlagen und ihrem Sinne nach mit etlichen Brettern eine Universität aufrichten, wo sie den Bauern und dem gewöhnlichen Volk mit ihren grundlosen Predigten das Geld aus dem Beutel locken, da kann man zuweilen hören, mit welch gewichtigen Lügen sie ihre Wahrheit hervorstreichen; einer zieht etliche Zahnwurzeln heraus und beteuert es hoch, daß er diese selbst an dem Meeresgestade dreizehn Meilen hinter Syrakus ausgegraben und diese seien gut für ein verfallenes Gehör, wobei sie sehr oft auch vorgeben, wie solche auch die Könige von Paphlagonien an den Ohren zu tragen pflegten und ein so scharfes Gehör bekamen, daß sie ein altes Weib über dreißig Meilen husten hören, ei so lüg! Ein anderer zeigt ein Pulver -- es ist nichts anderes als ein geriebener Weinstein! -- und schwört, daß er solches aus der Neuen Welt durch die spartische Flotte habe bringen lassen und es sei nichts anderes als pure Asche von dem verbrannten Vogel Phönix und eine Messerspitze voll von diesem Pulver vertreibe allen Schwindel, so daß sogar einer über einen Steg gehen könne, der nicht breiter sei als ein Fiedelbogen, ei so lüg! Mit dergleichen wurmstichigen Predigten betrügen sie sehr viel einfältige Leute, es sollen aber dieses Gelichters Ärzte -- nicht alle Ärzte sind so beschaffen -- gleichwohl bedenken, daß das Heulen und Zähneklappern ihnen nicht wird ausbleiben nach Aussage des Psalmisten David. Einen Stand oder Profession ohne böse Leute und ohne tadelhafte und gewissenlose Gesellen gibt es überhaupt selten, ebensowenig wie einen Sommer ohne Mücken, ein Buch ohne Eselsohr, einen Apfelbaum ohne Wurmstich, eine Schule ohne Eselsbank, einen Wald ohne Gimpel, eine Kirchweih ohne Rauferei und eine Schreiberei ohne Kleckserei.«
Hat unser Doktor Faust lange genug geschrien und geprahlt, dann holt er mit sicherem Blick irgendeinen Tölpel aus der Menge heraus, zieht ihn herauf auf seine Meßbude und schlägt ihm vor aller Augen mit einem gewöhnlichen eisernen Schlüssel in einer halben Minute fünf Zähne aus. Der arme Kerl stutzt wortlos, aber die Menge schreit bravo, klatscht Beifall, und jubelt dem Wundermanne zu. Und man stürmt seine Bude, um sich die gesunden Zähne ausschlagen zu lassen.
Aber es sind nicht nur Zähne, die unser Doktorsmann in seiner Meßbude zieht; er barbiert, schert, ätzt, schneidet und brennt, setzt Schröpfköpfe und macht Aderlässe und Klistiere -- ein vielseitiger Mann. Vor allem aber: er zaubert. Wir werden nachher von seinen Kunststücken hören.
Drinnen in der Wunderbude sieht es etwa aus wie in einer modernen Bauernschenke, die ein Museum vorstellen soll. Menschen- und Pferdeschädel liegen herum, getrocknete Pflanzen- und Blumenbündel hängen an den Wänden; schlecht ausgestopfte Tiere baumeln von der niedrigen Decke herab: Fledermäuse, Raben, Igel, Iltisse, Eichhörnchen, ein Bussard. Mörser und Klöpfel, Kolben, Flaschen und Kruken mit großen Aufschriften stehen umher. Auf einem Tische liegen Feilen und kleine Sägen, Messer, Zangen, Geißfüße und seltsam geformte Schlüssel. In kleinen zahlreichen Näpfen liegen Menschenzähne und Zähne von Säugetieren und Fischen. Das Ganze macht den Eindruck einer herumziehenden Apotheke.
Aber die Apotheke des sechzehnten Jahrhunderts sieht naturgemäß wesentlich anders aus, als die der Gegenwart. Denn auch der Apotheker ist ein Mann, der viel Geld verdienen will, und der infolgedessen nicht das führt, was die klugen und vorgeschrittenen Ärzte anraten -- denn sie sind in der Minderheit und haben nur eine kleine Anzahl von Patienten --, sondern das, was die abergläubische Menge verlangt, die vom Kurpfuscher geschickt wird und die lieber an törichten Hokuspokus glaubt, als an vernünftige Heilmittel. Zum Apothekeninventar gehören gepulverte Edelsteine, gestoßener Bernstein, Meerschaum, Erde vom Kalvarienberge. Man findet gebrannte Maulwürfe, Elenhörner, Wolfsgalle und Wolfsleber, Hirsch- und Bockblut, Hühnermagen, Hechtzähne, gedörrte Kröten (die werden noch 1815 als Mittel gegen Epilepsie empfohlen!), Krebsaugen, Schlangenfett, Bärenschmalz, Mückenfett, Gemszähne, Hasentalg, Schafsgalle, die Haut der Pfauenfüße, Fuchslunge, Elsternaugen, Eichhornhirn, Auerhahnzunge, Krähenzunge, Pferdehaare, Menschenhaare, Rabenkot und zugleich den Kot so ziemlich aller Tiere, Schwalbensteine, Federn vom Kreuzschnabel, Schildkrötenblut, Froschlaich, Igelkrallen, Fledermausflügel, Eingeweide des Chamäleon, geraspelte Menschenschädel, menschliche Leichenteile von Erhängten und Geköpften, ägyptische Mumien, Blut der Hingerichteten usw. Auch Käfer wurden zu Heilzwecken verwendet; z. B. der siebenpunktierte Sonnenkäfer, das Bluthähnchen, der schwarze, rotgeränderte Blattkäfer, die Rüsselkäferarten, die auf den Artischocken leben und die spanische Fliege.
Natürlich ging man um jene Zeit nicht sehr milde mit all dem Getier um, das man für die Apotheke nötig hatte, denn oft mußte es bei lebendigem Leibe gesotten, verbrannt oder zerstoßen werden, wenn es -- nach der Meinung der Kurpfuscher -- dem Kranken helfen sollte. Da war die schrecklichste Tierquälerei an der Tagesordnung.
Die Zahl der Pflanzen, die so eine Apotheke führte, ist sehr groß. Hier sind einige der am meisten gebrauchten: Bibernell, Fenchel, Majoran, Safran, Kreuzkraut, Wetterkerze, Sauerampfer, Fünffingerkraut, die Wetterglocke, die Herrgottskrone, Wermut, Mariendistel, Habichtskraut, Natternkopf, der spitze und breite Wegerich, das Dreifaltigkeitskraut, der Tag- und Nachtschatten, Löwenzahnblätter, Fieberklee, Himmelsbrot, Frauenmantel, die Kamille, das Wildfräuleinkraut, der Johannisgürtel, Tausendgüldenkraut, die Pfefferminze, Hundszunge, Lavendelkraut, Muskatnuß, Igelkraut, die Feige, Senf, Knoblauch, Tabak, Fallkraut, Beschreikraut, Schwindelbeere, Warzenkraut, Pestwurz, Schinderrose, Totenbeere, Totennessel, Lauskraut, Lungenkraut, Leberbalsam, Blutwurz, Zahnwurz, Augentrost, Wehedistel, Wildmutterkraut, Teufelsabbiß, Teufelsbart, Teufelswurz, Teufelchen, Teufelspeitsche, Teufelskralle, Teufelsauge, Hexenklee, Hexenohr, Hexenlauch, Hexenkohl, Hexenkraut, Hexenmehl, Schlehenhexe und Wetterhexe.
Alle diese Kräuter sind aber nur dann heilsam, wenn sie im Frauendreißiger, das ist vom 15. August bis 14. September, schweigsam gesammelt worden sind, oder auch in der Osternacht, der Johannisnacht und Christnacht.
Um jene Zeit des Mittelalters war das Kräutersammeln ein mühseliges, undankbares und wenig einbringliches Geschäft; überdies zeitraubend und gefahrvoll, weil man dadurch leicht in den Verruf der Hexerei kam. Es konnten sich ihm nur gründlich studierte Männer widmen, deren Gelahrtheit freilich kein Hindernis war, ebenso abergläubisch zu sein, wie Zigeuner und Verbrecher. Diese Kräutersammler mußten mit der Natur vertraut sein wie die Tiere des Feldes und Waldes; ja, ihre astronomische, zoologische, botanische, geologische, physikalische und chemische Kenntnis mußte mindestens den Anstrich allumfassenden Wissens haben. Es war nötig, daß sie die Gesetze der Sterndeutung und Goldmacherkunst beherrschten; daß sie sich auf die Kunst verstanden, Träume zu deuten, alle Knochenbrüche und inneren Krankheiten aus dem Urin zu lesen und womöglich die Pest in Abwesenheit zu heilen. Es ist selbstverständlich, daß man von ihnen die vollständige Beherrschung der damaligen medizinischen Kenntnisse forderte. Anatomie, Physiologie und Pathologie -- die damals allerdings noch in den ersten Anfängen staken -- waren Wissenschaften, von denen sie natürlich auch läuten gehört hatten.
Aber diese »Halbärzte«, die man als »Naturkundige« bezeichnete, obwohl sie nur ein oberflächliches und verworrenes Wissen von der Natur hatten, waren auch meistens ihre eigenen Destillatoren, und da niemand sonst die Natur so gut kannte wie sie, waren sie auch ihre eigenen Kräutersammler. Allein, das Wort »Kräutersammler« ist durch die Jahrhunderte schon zu verblaßt und gibt ganz und gar keinen Begriff von dem, was man darunter zu verstehen hat und überdies verrät es auch nicht, daß der Kräutersammler, von dem ich hier spreche, den ~berufsmäßigen~ Kräuterhändler aus tiefstem Herzensgrunde als einen unwissenden, bloß geldgierigen Kurpfuscher verachtete. Und außerdem ist der Destillator nicht ~nur~ Kräutersammler im engen Sinne des Wortes. Unseren Kräutersammler, der nichts aus Habgier und alles aus Freude am Kurieren tut, findet man um Mitternacht auf Kirchhöfen herumlungern, wo er nach alten Sargnägeln gräbt, welche Gicht, Zahnweh und Cholera heilen; in feuchten Schluchten sucht er um die Geisterstunde bei umwölktem Nachthimmel nach dem Feuersalamander und der gefleckten Eidechse. Auf dem Hügel vor dem Tore, wo man die Diebe und Mörder hängt, schneidet er Holzsplitter vom Galgen ab; denn wenn man sich mit diesen die Zähne stochert, bekommt man sein Lebtag kein Zahnweh mehr. In jedem Mauseloch gräbt er herum; er hebt große Steine hoch, um feiste Ohrwürmer, Blindschleichen, den Tausendfuß und anderes Gewürm zu fangen; er stampft in eigenartiger Weise auf den Fuchsbau, um die Jungen herauszulocken, deren Kot er braucht, um Krämpfe und schmerzende Ohren zu beruhigen. Er stapft in den Moorwiesen umher, wo die Kröten dicht beieinanderhocken; denn die Kröte spielt in der mittelalterlichen Heilkunde eine sehr große Rolle. Man sieht ihn in der Leichenhalle, im sogenannten »Beinhause«, über den Toten gebeugt, den man gestern hierhergebracht hat, wie er ihm Haare und Fußnägel abschneidet, die gegen Bräune nicht minder wirksam sein sollen als gegen andere Krankheiten. Die Tierquälerei steht bei ihm in hoher Blüte. Er sucht das Nest der Schwarzdrossel, des Kuckucks und der Elster, die er alle ausraubt, weil er die Herzen, die Augen und die Leberchen der jungen Brut in seiner Apotheke braucht, in der fast alles abergläubischen Zwecken dient. In seinem riesenhaften Pflanzenkasten ist ein Tohuwabohu von allen möglichen Tieren, Pflanzen und Gesteinsarten. Kein Tierchen läuft ihm über den Weg, das dem großen Bedarf unseres Sammlers nicht seinen Tribut zollen müßte; keine Pflanze blüht im verborgenen, von der er nicht für seine Apotheke, in der alles aufgespeichert liegt, was die Natur nur hergibt, ein Steuerteil erheben würde. Alles was das Auge erspäht, alles was in der Natur greifbar ist, alles was die Hand nur erreichen kann, wird zu irgendeinem Heilzwecke ausgebeutet. Freilich sind es meistens Kräuter, die unser Destillator verwendet; aber er geht nicht hin und pflückt zu jeder beliebigen Stunde, zu jeder beliebigen Jahreszeit gerade das, was da grünt und blüht; er hat seine abergläubischen Vorschriften innezuhalten wie der Teufel selbst, an den er glaubt, und er spricht lang und breit von der rechten und besten Zeit, zu der die vorhin genannten Kräuter einzusammeln sind. Unser geplagter Kräutermann muß nämlich auf die Sonne, den Mond und die Sterne achten; ob Halbmond oder Vollmond ist; ob erste Mitternachtshälfte, ob zweite; ob die Venus grün schillert oder blau; ob die Sonne Wasser zieht oder nicht; ob sie sengt oder strahlt usw.
Die Kunst, die vermeintlich besten Säfte aus Tier und Pflanze herauszukochen, stand unleugbar hoch im Kurse. Es war dazu nichts Geringeres als eine für die damaligen Begriffe vollkommene Kenntnis des Planetensystems vonnöten; insbesondere wurden die Kräfte der Sonne studiert -- was man so studieren nennt -- und man gab sich Mühe, ihre ewigen Gesetze, nach denen sie arbeitete und denen sie unterworfen war, zu ergründen. Natürlich wurden viele »Weisheiten« darüber zum besten gegeben, die wir längst ins Fabelbuch geschrieben haben. Überdies verfiel man auch noch auf den absonderlichen Gedanken, daß man mittels der Hitze, natürlicher oder künstlicher, aus Tier und Pflanze alle »Feuchtigkeit« herausziehen müsse, wie die Sonne alle Feuchtigkeit aus der Erde ziehe. Und ebenso wie diese von der Sonne aufgesogene Feuchtigkeit wieder als Regen, Schnee und Hagel herabfalle und die Felder fruchtbar mache oder auch verwüste, ebenso könne und müsse die aus Tier und Pflanze gewonnene Feuchtigkeit Menschen heilen können und gewiß auch töten, wenn sie falsch angewendet würde.
Man sieht, mit der mühsamen Auffindung der Pflanzen und Materien, die der Kräutermann benötigte, war seine Arbeit noch nicht zu Ende. Wenn er schon alle Tiere und Pflanzen am richtigen Orte, zur vorgeschriebenen Stunde, bei richtiger Beleuchtung und entsprechender Jahreszeit gesammelt hatte, und wenn er -- immer nach dem Vorbilde der Sonne -- aus Strauch und Getier bereits alle irgendwie verwendbaren Materien und Kräfte ausgezogen hatte, war er gerade am Anfang seines Geschäftes. Denn das Zubereiten der Säfte selbst erforderte die größte Umsicht und Geduld, Ausdauer und Fleiß, Kenntnisse der abergläubischen Geheimlehre, in der von überirdischen Kräften die Rede war, und ~Kenntnis vor allem der künstlichen und natürlichen Wärmeentwicklung und des Einflusses dieser entwickelten Wärme auf die ausgezogenen Säfte~. ~Wie lange~ mußten Violen und Lilien, Hexenbart und Drudenfuß zusammengekocht werden, bis der Sud auch ~wirksam~ wurde? ~Wie viel~ Wärme hatte der Saft der Dachsleber oder der der Krähenaugen nötig, um zur Verwendung als Mittel gegen die Gelbsucht brauchbar zu werden? Und ~welche~ Wärme? Die des Ofens oder der Sonne? Welcher Sonne? Der direkten Sonnenstrahlen oder der durch einen Spiegel aufgefangenen Reflexstrahlen? Oder der in einem Brennglase in einem Punkte gesammelten Strahlen? Oder vielleicht noch andere Wärme? Die des ungelöschten Kalks oder der Erde? Die Wärme des faulenden Laubes oder Mistes? Welchen Mistes? Der Kuh oder des Pferdes?
Das waren wichtige Fragen, solange man keine Öfen hatte, die eine beliebige Wärmeregulierung ermöglichten. Denn von der richtigen Lösung dieser gewiß verzwickten Aufgaben, die desto krauser und sinnloser waren, je größer der Aberglaube war, hing ja das Gelingen oder Mißlingen eines solchen Gebräus nicht minder ab.