Kulturhistorische Charakterbilder

Part 11

Chapter 113,659 wordsPublic domain

Und man kann sich ferner denken, daß die Frage, in was für einem ~Gefäß~ das schreckliche Gemisch gebraut werden sollte, von nicht geringerer Bedeutung war. Man muß einmal ein solch mittelalterliches Destillierbuch in der Hand gehabt, all die tausend Formen der Glaskolben, Trichter, Behälter, Flaschen usw. gesehen haben, um den großen törichten Ernst zu begreifen, mit dem man über die Gefäßfrage spricht. Es ist, als ob man sich plötzlich in die ~Zauberwelt~ des Doktor Faust versetzt fühlte und man versteht, wie leicht ein solcher Kräutersammler in jenen Tagen in den gefährlichen Ruf kommen konnte, er pflege Umgang mit den Hexen, und der Teufel sei allabendlich bei ihm zu Gaste, um in seltsam geformten Gläsern Höllengetränke zu brauen. Es soll indessen nicht geleugnet werden, daß ein solcher Ruf dem Destillator beim abergläubischen, Heilung suchenden Volk nur -- nützte. Je größer der zauberische Glorienschein war, den eine abergläubische Menge um sein Haupt wob, je mehr Zulauf hatte er. Man hoffte zwar auf Gott, aber man glaubte an den Teufel.

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Dies ist das Bild des ~sagenhaften Faust inmitten seiner Tätigkeit~, desselben Doktor Faust, über den ungefähr dreitausend Bücher geschrieben worden sind und dem Goethe durch seine herrliche Dichtung die Unsterblichkeit gesichert hat.

Seit Jahrhunderten hat diese Figur die Dichter und Historiker in gleich starker Weise angezogen und die Sage, die sich schon früh um Doktor Faust gebildet hat, ist eine der tiefsten und großartigsten aller deutschen Sagen, die uns den Glauben an ein Bündnis zwischen Mensch und Teufel lebendig veranschaulicht.

Mit zwei Wurzeln hat sich die Sage gleichsam in das Herz des Volkes gegraben. Es waren ~erstens~ die Reste der ältesten Mythologien, die im Faust verewigt waren; denn die meisten Erzählungen von Fausts Taten und Erlebnissen, wie sie das Volksbuch uns erhalten hat, sind nur umgestaltete Götter- und Elfensagen. Aber es war nicht nur dieser mythologische Gehalt, der das Volk an der Faustsage anzog, sondern ~zweitens~ der philosophische und theologische Inhalt. Die Frage nach der Existenz Gottes, der Unsterblichkeit der Seele, der Weltschöpfung usw. beschäftigte die Gemüter damals weit mehr und tiefer als heute. Im Doktor Faust war nun eine Figur gebildet, in der alles das zum Ausdruck kam, was damals das Volk bewegte. Faust lehnt sich gegen Gott auf; er verbindet sich mit der Hölle, um durch sie zu erlangen, was der Himmel ihm versagt hat. Denn damals glaubte man ja noch, daß der Teufel sein Unwesen persönlich auf Erden treibe. Doktor Faust übergibt sich dem Teufel, weil er an der ewigen Seligkeit zweifelt; er streitet mit Mephistopheles über Weltentstehung und Weltuntergang, über den Bau des Himmels, den Lauf der Gestirne, die Beschaffenheit der Hölle, den Zweck und Sinn des menschlichen Lebens. Kurz, im Volksbuch der Faustsage wird alles das ~ausgesprochen~, was sonst der mittelalterliche Mann aus dem Volke kaum zu denken wagte, und gerade deshalb haben die Dichter immer wieder diese Sage bearbeitet, weil sie in ihr alles niederlegen konnten, was sie selber im tiefsten Innern bewegte.

~Historisch~ ist an Faust das Folgende:

Er lebte etwa von 1480 bis ungefähr 1545. Sein Vorname war weder Heinrich, wie Goethe ihn nennt, noch Johann, wie er gewöhnlich in der Sage genannt wird, sondern ~Georg~. Viele Forscher nehmen an, daß er aus Knittlingen im Württembergischen stammte und daß er sich in Ingolstadt eine gediegene Bildung erwarb. Er befand sich ums Jahr 1507 in Ingolstadt, dann in Gelnhausen, Würzburg und zuletzt in Kreuznach, wo ihm Franz von Sickingen -- der in Goethes »Götz von Berlichingen« verewigt ist -- eine Schulmeisterstelle anvertraute. Faust erwies sich aber der Stelle als unwürdig. 1513 war er in Erfurt, wo er nach einigen Jahren ausgewiesen wurde. 1520 war er in Bamberg, wo er gegen ein Geldgeschenk dem Bischof Georg III. sein Schicksal aus den Sternen prophezeite. Dann zog er nach Heidelberg, wo er sich bis etwa 1525 aufhielt. Später begegnen wir ihm in Wittenberg, von wo er hinausgetrieben wird, endlich wieder in Ingolstadt als Zahnbrecher, wo ihm das gleiche Schicksal widerfährt. Besser ging es ihm beim Erzbischof von Köln: Hermann von Wied. Doktor Faust soll endlich zu Staufen im Breisgau als Sechziger eines plötzlichen, gewaltsamen Todes gestorben sein.

Er war als ein gewaltiger Prahler verschrien und zog als Hokuspokusmacher und Arzt, in der Weise, wie wir ihn bereits geschildert haben, von Stadt zu Stadt. Denn allzulange duldeten ihn die wohlweisen Magistratspersonen nie in ihren Mauern. Er nannte sich den Philosoph aller Philosophen, rühmte sich in Würzburg, daß er alle Wunder Christi vollbringen könne, so oft es verlangt werde; in Wittenberg, daß er in den Himmel fliegen könne und daß er in Krakau alle Künste der Magie erlernt habe. Die Schlacht bei Pavia und die Eroberung Roms seien den Italienern nur geglückt, weil er ihnen durch seine Zaubermacht geholfen habe.

Leichtgläubig wie das Volk war, wurden viele seiner Aufschneidereien für bare Münze genommen und als vollbrachte Tatsachen weitererzählt. Alle Zaubergeschichten, die damals reichlich im Umlauf waren, wurden auf seine Person übertragen und viele andere wurden ihm noch angedichtet. Sie machten ihn berühmt und zugleich berüchtigt. Da aber solche Zaubereien, wie Faust sie vollbracht haben wollte, nach Annahme des abergläubischen Volkes nur mit Hilfe des Satans auszuführen waren, so erzählte man sich, Faust habe ein Bündnis mit dem Teufel geschlossen, der ihn in Gestalt eines Pudels -- daß Faust einen Pudel hatte, wird historisch verbürgt -- begleitet und schließlich auf schreckliche Weise ums Leben gebracht und seinen Leichnam auf den Mist geworfen habe. Auf diese Weise hat die Phantasie des Volkes Fausts im Dunkel liegendes Leben ausgeschmückt und es entstand die ~Faustsage~, die bereits fünfzig Jahre nach Fausts Tod in voller Blüte steht. In ihr ist Faust bereits zum Vertreter der mittelalterlichen Zauberer erhoben und durch seinen Namen werden die verschiedensten Sagen und Märchen wie durch ein Band zusammengehalten.

Faust, so erzählt das älteste Volksbuch, das uns schon ganz ins Sagenhafte führt, war gebürtig aus Roda bei Weimar. Seine Eltern waren arme, fromme Bauersleute; aber sein Onkel zu Wittenberg war reich, und da er keine Kinder besaß, nahm er Faust an Sohnes Statt an. Da geriet er aber in schlechte Gesellschaft und begann Zauberschriften zu studieren, die lauter Beschwörungsformeln und magische Figuren enthielten: »Buch Mosis und dreifacher Höllenzwang«, »Mächtige Beschwörung der höllischen Geister«, »Hauptzwang der Geister zu menschlichen Diensten«, »Das Geheimnis der heiligen Gertrudis zur Erlangung zeitlicher Schätze und Güter« und viele andere. Er ward Kräutermann, Goldmacher, Destillator, Sterndeuter und Arzt. Nun lernte er Zaubern und Geisterbeschwören und als er es gut verstand, begab er sich eines Abends in den Spessart, um -- wie er behauptete -- den Teufel anzurufen. Auf einem Kreuzwege zog er Zauberkreise um sich her und begann die fürchterliche Beschwörung. Da erhob sich ein mächtiges Getöse, die Bäume bogen sich bis zur Erde, und der Mond verbarg sich hinter vorbeieilenden Wolkenfetzen. Es donnerte gewaltig, während die wilde Jagd vorüberzog. Pfeile wurden von unsichtbarer Hand auf Faust abgeschossen, und es erklang eine liebliche Musik. Gesang ertönte, und als Faust aufblickte, gewahrte er eine Menge tanzender Teufel, die mit ihren höllischen Schwertern klirrten und mit Spießen um sich warfen.

Als dieser Höllenlärm vorüber war, beschwor Faust den Teufel zum zweitenmal und nun erschien über Fausts Haupt ein giftspeiender Drache. Vom Himmel fiel ein Stern herab, der sich in eine feurige Kugel verwandelte und nachdem Faust diese dreimal beschworen hatte, nahm sie die Gestalt eines feurigen Mannes an; der ging eine Viertelstunde stumm um Fausts Zauberkreis herum, verwandelte sich endlich in einen grauen Mönch und fragte nach Fausts Begehr. Faust bestellte ihn für die folgende Nacht um zwölf Uhr zu sich, doch forderte ihn der Teufel aufs neue auf, zu schwören, daß er dem Fürsten der Hölle ergeben sein wolle.

Um Mitternacht fordert Faust vom Teufel, daß er ihm bis an seinen Tod diene, alle seine Wünsche erfülle, unsichtbar in seinem Hause walte und wenn er erscheine, daß er dann die Gestalt und Kleidung eines Franziskanermönches annehme. Dagegen verlangt Mephostophiles, Faust solle sich ihm mit seinem Blute verschreiben, den christlichen Glauben ableugnen, aller Christen Feind sein, sich nie bekehren und nie heiraten. Faust stellt diese gotteslästerliche Verschreibung aus, fordert darin aber ausdrücklich, daß der Teufel vor allem seinen Wissensdurst befriedigen müsse, den Gott nicht gestillt habe. Mephostophiles (oder Mephistophiles, auch Mephistopheles) bringt Speisen, Wein und Kleider für Faust und dessen Famulus Wagner; außerdem erhält Faust vom Teufel wöchentlich fünfundzwanzig Kronen Taschengeld.

Wie widersinnig dieser ganze Teufelsglaube war und was es mit der Zauberei auf sich hatte, ersieht man schon aus diesem kärglich bemessenen Taschengeld. Denn wenn Faust hätte zaubern können, hätte er auch nicht diese jämmerlichen fünfundzwanzig Kronen des Satans nötig gehabt. Was konnten wohl für so einen mächtigen Zauberer fünfundzwanzig Kronen in der Woche bedeuten? Und daß anderseits Faust für Speise, Trank und Kleidung allein seine Seligkeit verkauft hätte -- abgesehen davon, daß auch dies ein abergläubischer Unsinn ist --, dazu wird Faust als ein viel zu weiser und wissensdurstiger Mann geschildert.

Das erste ist, berichtet die Sage, daß Faust dem bösen Geiste eine Reihe theologischer, philosophischer und naturwissenschaftlicher Fragen vorlegt, Fragen über die Beschaffenheit der Hölle, über die Macht des Satans, über Luzifers Verstoßung aus dem Himmel, über die Weltschöpfung, den Bau des Himmels und der Gestirne, über den Wechsel der Jahreszeiten, die Mephostophiles dem Vertrage gemäß beantwortet. Um sich weiter zu unterrichten, unternimmt Faust drei Reisen, eine in die Hölle, die zweite durch den Wolken- und Sternenhimmel, die dritte durch die meisten Reiche der Erde; die Hölle selbst sieht Faust freilich nicht; er lernt sie nur in einem Traumgesicht kennen, das der Teufel ihm vorgaukelt.

Nun beginnt Faust seine Zauberkunststücke, die aber allesamt ebenfalls wieder im Widerspruch stehen mit dem Faust, der das höchste Wissen der Menschheit zu umfassen sucht. Seine Zaubereien sind -- wie man gleich sehen wird -- weiter nichts, als zeitvertreibende Taschenspielerkunststückchen, ganz unwürdig dieses groß angelegten Faust. Man sieht nur, daß das Volk, das Faust diese Zaubersagen angedichtet, gar nicht darüber nachgedacht hat, daß ein solcher Mensch sein Seelenheil nicht preisgegeben hätte, nur um das Volk zu unterhalten und durch Schelmereien zu belustigen.

Zu Innsbruck beschwor Faust Alexander den Großen und dessen Gemahlin aus der Unterwelt herauf und führte sie Karl dem Fünften vor. Diese Geistererscheinungen, wie alle anderen Zaubereien Fausts, die nur auf einer geschickten Täuschung beruhen, werden ja noch heute einem gutgläubigen Publikum gezeigt. Dort zauberte Faust auch einem Ritter, der aus dem Fenster schaute, ein Hirschgeweih an, so daß der seinen Kopf weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnte. Erst als der ganze Hof den Ritter verlacht hatte, löste Faust den Zauber. Wie Faust später den kaiserlichen Hof verließ, zog ihm der Ritter mit sechs Reitern nach, um Rache an ihm zu nehmen; da eilte Faust in ein Gehölz am Wege, und als er wieder heraustrat, schien seinen Verfolgern das ganze Gehölz voll geharnischter Ritter; sie flohen, aber sie wurden umringt und ergaben sich. Faust ließ sie aber frei; doch zauberte er den Menschen Ziegenhörner und den Pferden Kuhhörner an, die sie einen Monat lang tragen mußten.

Vor Gotha verschlang Faust einst einem Bauer ein Fuder Heu nebst dem Wagen und den Pferden; doch als der zu Tode geängstigte Bauer beim Bürgermeister Klage führte und zum selben Platz zurückkam, standen Wagen und Pferde unversehrt da. Ebenso machte es Faust einmal bei Zwickau.

Drei Grafen, die in Wittenberg studierten, führte Faust mit Hilfe seines Zaubermantels in einer Nacht nach München und wieder zurück. Sie schauten dort der Hochzeit zu, welche der Sohn des Fürsten hielt, doch Faust hatte ihnen verboten, ein Wort zu sprechen. Als nun der eine sprach, wurde er gefangen genommen und eingekerkert, während Faust mit den andern davonflog.

Von einem Wechsler lieh Faust einst sechzig Taler auf einen Monat. Als die Frist vorüber war, bot er, da er noch nicht zahlen konnte, dem Wechsler zur größeren Sicherheit sein Bein zum Pfande. Der Wechsler nahm das Bein, das Faust sich abgesägt hatte, und warf es, weil ihm das Tragen lästig wurde und weil er einen Prozeß fürchtete, in einen Fluß. Nach drei Tagen wollte Faust das Pfand einlösen; da der Wechsler den Fuß aber nicht mehr beschaffen konnte, ging er seiner Forderung verlustig und mußte noch sechzig Taler dazu bezahlen. Faust hatte natürlich nach wie vor seinen Fuß; alles war nur augenverblendende Schwarzkunst.

Auf einem Jahrmarkte verkaufte Faust einem Roßtäuscher ein Pferd für vierzig Gulden; doch als dieser es in die Schwemme ritt, verwandelte es sich unter ihm in ein Bündel Stroh. Er eilte zu Faust zurück, der scheinbar schlafend auf seinem Bette lag, zog ihn am Bein, aber kaum hatte er ein wenig daran gezerrt, so hatte er es auch schon ausgerissen. Erschrocken entfloh der Roßtäuscher, doch Faust, der ihn nur verblendet hatte, lachte sich krumm und schief. Ebenso verkaufte Faust ein andermal fünf Schweine für dreißig Gulden; aber als sie der Käufer, trotz der Warnung Fausts, ins Wasser getrieben hatte, schwammen nur fünf Strohbündel darin herum.

Das Geld, mit dem Faust seine wüsten Zechereien bezahlte, pflegte sich einige Tage später stets in Kot oder in Hornspäne zu verwandeln.

Zu Wittenberg sah unser Schwarzkünstler einst, wie sich zwölf Studenten vor seinem Hause miteinander stritten. Er verblendete ihnen die Augen und sie schlugen nun, ohne sich gegenseitig zu erkennen, wütend aufeinander los.

Bei einem tollen Zechgelage zauberte Faust einst im Winter einen Rebstock auf den Tisch, der voll reifer Trauben hing. Niemand sollte die Trauben abschneiden, ehe Faust das Zeichen gegeben hätte. Begierig faßte jeder mit der einen Hand eine Traube und mit der anderen ein Messer; da entzauberte Faust ihre Augen und sie erkannten, daß jeder nahe daran war, die Nase seines Nachbars abzuschneiden.

Als Faust einst in einer Schenke das Singen und Schreien der Bauern verdroß, machte er, daß ihnen plötzlich der Mund weit aufstand und sie kein Wort zu sprechen vermochten, bis er sie wieder entzauberte. -- Zu Heilbronn bezauberte er die Kühe auf gleiche Weise, deren Muhen ihn verdroß.

Beim Grafen von Anhalt ließ Faust einst im Januar durch seinen Geist auf Wunsch der Gräfin Obst herbeischaffen, das er innerhalb einer halben Stunde aus den fernsten Ländern herbeiholte. Auch baute er dort über Nacht ein Zauberschloß, in welchem er den Grafen und noch viele Gäste herrlich bewirtete. Doch als sie aufbrachen, ging das Schloß in Flammen auf und sie hatten allesamt Hunger, als ob sie nichts gegessen hätten.

An Fastnacht fuhr Faust mit Studenten einmal auf einer Leiter in den Keller des Salzburger Bischofs, wo sie allerlei Weine tranken.

Am weißen Sonntage führte Faust den Studenten die griechische Helena vor, deren Schönheit sie dermaßen entzückte, daß beschlossen ward, sie tags darauf malen zu lassen. Zu Erfurt, wo Faust Vorlesungen hielt über Homer, beschwor er einst die Helden der Ilias und der Odyssee und führte sie den Studenten vor. Als diese aber den schrecklichen Riesen Polyphem herkommen sahen, der nur mitten in der Stirn ein Auge hatte, das er furchtbar rollte, bekamen die Studenten eine Heidenangst; Faust lachte sich aber halbtot.

Bei Braunschweig begegnete Faust einst einem Bauern, der einen leeren Wagen mit vier Pferden führte. Faust bat ihn, sich aufsetzen zu dürfen und da der Bauer ihm dies verweigerte, ließ er die vier Räder des Wagens an die Stadttore Braunschweigs fliegen und die Pferde wie tot niederstürzen. Als der Bauer jedoch auf den Knien um Verzeihung bat, hieß ihn Faust Erde auf die toten Pferde werfen; alsbald erhoben sie sich wieder unverletzt und auch die Räder saßen wieder an den Achsen.

Zu Neu-Ruppin pflegte Faust abends mit den Bürgern, die ins Wirtshaus kamen, Karten zu spielen und zu würfeln. Er hatte Pferdefüße und gewann sehr viel.

Als Faust in Leipzig mit mehreren Studenten an einem Weinkeller vorüberging und die Küfer verhöhnte, welche sich vergeblich mühten, ein Faß von achtzehn Eimern Inhalt heraufzuwinden, versprach der Besitzer demjenigen das Faß Wein als Eigentum, welcher es allein heraufschaffen könne. Da setzte sich Faust auf das Faß, als sei es ein Pferd und ritt damit zum Keller hinaus. Es gibt einen Vers auf dieses Zauberstück, der lautet:

»Der Doktor Faust zu dieser Frist Aus Auerbachs Keller geritten ist Auf einem Faß mit Wein geschwind, Welches gesehn viel Mutter -- Kind; Hat's durch sein subtil Kunst getan, Des Teufels Lohn empfangen davon.«

In Erfurt wohnte ein Junker, der mit Faust befreundet war. Als dieser Junker bei einem Gelage mit mehreren Freunden Fausts zusammensaß, rief einer im Scherz Faust herbei, der sich gerade am kaiserlichen Hof in Prag aufhielt. Alsbald erschien Faust, von Mephostophiles begleitet, der sich in ein geflügeltes Roß verwandelt hatte. Während des Zechens fragte er jeden Anwesenden, was für Wein er trinken wolle, darauf bohrte er vier Löcher in den Tisch und es flossen daraus die verschiedensten Weinarten. Gegen Morgen eilte er wieder durch die Lüfte nach Prag. Noch bis vor kurzem wurde in Erfurt das Haus gezeigt, wo der mit Faust befreundete Stadtjunker wohnte.

Später einmal lud Faust dieselben Freunde in Erfurt zu einem Gastmahle zu sich. Als sie angekommen waren, sahen sie noch keine Vorbereitungen zur Bewirtung. Da schlug Faust mit einem Messer auf den Tisch und es trat ein Diener herein, welchen Faust fragte, wie schnell er sei. Der antwortete: Wie ein Pfeil. Das schien Faust zu langsam und er entließ ihn darum; es kam ein zweiter, schnell wie der Wind, der auch entlassen wurde; erst der dritte, welcher so schnell war, wie der Gedanke des Menschen, schaffte bald die herrlichsten Speisen und Getränke in Hülle und Fülle herbei.

Ein andermal soll er vierzigtausend Höllengeister zu seiner Bedienung beschworen haben, fand aber keinen flink genug.

In Frankfurt traf Faust während der Messe einst mit vier Gauklern zusammen, welche einander die Köpfe abschlugen und wieder aufsetzten. Sobald ein Kopf vom Körper getrennt war, wuchs aus einem dabeistehenden Gefäß voll gereinigten Wassers eine Lilie, welche die Wurzel des Lebens hieß. Faust bemerkte das und durchschlitzte die Lilie, welche eben wieder emporschoß, heimlich mit einem Messer; da versuchten die drei Zauberer vergeblich, ihrem vierten Gesellen den Kopf wieder aufzusetzen.

Zu Straßburg bewährte sich Faust als vortrefflicher Schütze; selbst nach dem Teufel schoß er, der oft laut aufschrie.

Wenn Faust reiste, mußten ihm die Geister vorn, hinten und zu beiden Seiten den Weg pflastern. Zu Regensburg war es seine größte Freude, auf der Donau Kegel zu schieben und Fische zu fangen.

Als er einst am Karfreitag in Jerusalem war, befahl er dem Teufel, drei Ellen Leinwand zu bringen und ganz Portugal darauf zu malen, so daß man jedes Haus sehen könne. Dies hatte Mephostophiles in wenigen Augenblicken getan, und nun befahl ihm Faust, Christus am Kreuz abzumalen, aber nichts daran zu vergessen, besonders nicht den heiligen Namen. Das konnte Mephostophiles nicht; darum verblendete er die Sinne Fausts und malte statt Jesum eine Venus, auf die Faust zustürzte, wodurch er denn endgültig der Hölle verfallen war.

Im siebzehnten Jahre seines Bundes mit dem Teufel mußte sich ihm Faust aufs neue verschreiben, weil er sich von einem frommen Manne fast hätte bekehren lassen.

Im neunzehnten Jahre lud Faust einst um die Weihnachtszeit eine Gesellschaft fröhlicher junger Menschen in seinen Garten zu Wittenberg und zur Verwunderung der Gäste grünte und blühte alles und nirgends war zu erkennen, daß es Winter war.

Neben Mephostophiles hatte Faust noch einen dienstbaren Geist namens Prästigiar, der die Gestalt eines schwarzzottigen Hundes hatte. Diesen lieh er einst einem Abt in Halberstadt auf drei Jahre; doch schon nach dem ersten Jahre starb der Abt im Wahnsinn.

Auf einem Bergschloß in der Nähe von Heilbronn (Boxberg) streckte Faust einst seine Hand nach dem Regenbogen aus, der am Himmel stand. Da senkte sich der Regenbogen immer tiefer und tiefer herab, bis ihn Faust ergriff und festhielt. Er erbot sich, auf ihm zum Himmel zu reiten, doch als die Anwesenden sich's verbaten, ließ Faust den Regenbogen los, der wieder an seinen Platz zurückschnellte.

Auf einer Reise nach Wittenberg verschlang Faust in einem Wirtshause den Aufwarteburschen, der ihn nicht rasch genug bediente, und trank darauf einen großen Kessel voll Wasser. Nachher fand man den Burschen tropfnaß hinter dem Ofen im Schwenknapf liegen, wo er zum Gaudium der Gäste am Kragen herausgezogen wurde.

Bei einem Bankett, das Kaiser Maximilian einmal gab, verwandelte Faust, um seine Dankbarkeit zu bezeigen, das Schlafzimmer des Kaisers eines Morgens in einen Zaubergarten. Man hörte Nachtigallen singen, die Amsel und die Wachtel schlugen fröhlich, Papageien schwatzten durcheinander. Indische Hähne und Hennen liefen herum, Rebhühner, Haselhühner, Kraniche, Reiher, Schwäne und Störche. Man sah Laub und Gras und die seltensten Blumen; Narzissen und Rosen prangten ringsum. Der Garten war bestanden mit Granaten-, Pomeranzen-, Limonien-, Zitronen- und Feigenbäumen; Kirsch-, Birn- und Äpfelbäume wuchsen bunt durcheinander. Orangenbäume trugen Datteln, Tannenbäume trugen Aprikosen, Kastanienbäume trugen Pfirsiche. Schmucke Tauben flogen gurrend hin und her und belebten das zauberschöne Bild. Allein nach etwa einer Stunde, ehe man sich's versah, fingen die Blätter an den Bäumen an zu welken, die strotzenden Früchte fielen herab und verdorrten, Blumen schrumpften zusammen und bald kam ein Windstoß zum Gemach herein, der wehte alles herab, so daß der köstliche Zauber in einem Augenblick verschwunden war und alle Gäste nun vermeinten, sie hätten bloß geträumt.

Bei einem anderen Zechgelage mit Studenten ließ Faust einmal neben vielen Braten auch einen schönen, großen, gebratenen Kalbskopf auftragen. Er bat einen der Studenten, den Kopf zu zerlegen. Als dieser nun das Messer ansetzte, fing der Kalbskopf mit lauter Stimme an zu sprechen: »Mordio! Helfio! Auweh! Was hab' ich dir getan, du elender Rotzlöffel!«

Ein andermal ließ Faust während einer Tafel Wolken heraufziehen, und als sie sich teilten, leuchteten die Sterne hindurch; nach einer Weile türmte sich neues Gewölk auf, die Sonne begann heftig zu blenden, so daß alle Anwesenden sich bekreuzten; ein Regenbogen wölbte sich vor der Tafel des Kaisers; bald verschwand er wieder und es folgten Blitz, Donner, Hagel und strömender Regen. Die Gäste flohen entsetzt, obwohl keiner Schaden gelitten hatte.

Einem Freiherrn, der bei Eisleben wohnte, schuf Faust einen Lustwald voll Nachtigallen, Drosseln, Fasanen und Papageien; einige von den Vögeln verkündeten die Zukunft; als Faust aber gestorben war, flogen sie alle wieder davon.

Als nun die vierundzwanzig Jahre, welche Faust sich von der Hölle ausbedungen hatte, verflossen waren, wurde er vom Teufel geholt, erzählt die Sage. Er setzte seinen Famulus Christoph Wagner zum Erben ein und trug ihm auf, alle seine Kunststücke, Zauberpossen und wunderlichen Abenteuer, die er getrieben, getreu aufzuzeichnen und sie in eine Historie zu bringen.