Kulturhistorische Charakterbilder
Part 4
Was war die Ernte dieses Lebens voller Mühen und Gefahren? Krankheit, Erniedrigung und Armut. In Kastilien besaß Kolumbus keinen Dachziegel; in Spanien war er auf das Wirtshausleben angewiesen, und er hatte nie die Mittel, seine Rechnungen zu bezahlen. Siech kehrte er heim; er hatte keine Freunde mehr. Niemand kümmerte sich um den armen Schiffbrüchigen; man stellte sich bloß, wenn man seinen Namen nannte. Er mußte am eigenen Leibe die bittere Wahrheit bestätigt finden, daß die Geschichte der Menschheit zum großen Teil die Geschichte menschlicher Niedrigkeit ist. Da er aufhörte, zu nützen, fing er an, lästig zu werden.
Der gottgesandte Vizekönig ist nun dem Bettler gleichgeachtet, denn der spanische König weiß plötzlich nichts mehr von all den verbrieften Versprechungen, die er Kolumbus gemacht hat. Man hat bald vergessen, daß er der Welt neue Hoffnungen, neue Ziele, neue Bestrebungen, neue und weitere Grenzen gegeben hat; daß er die physische Geographie und die Ethnographie bereichert; daß er das menschliche Denken vertieft und die Entwicklungsmöglichkeit des Menschen beträchtlich vergrößert hat. Man schenkt diesem stolzen Sieger -- Mitleid. Man vergißt ihn selber rasch. Er stirbt am 20. Mai 1506 zu Valladolid; aber sein Tod geht eindruckslos vorüber.
Was sterblich an ihm war, liegt seit 1796 im Dome zu Habana.
Michelangelos Leben.
Welch seltsamer Art sind doch die Schauer, die wir beim Anblick eines uralten Palastes empfinden, in dem ein großer Mensch gelebt hat! Als ob irgend etwas von dem Geiste des längst Vermoderten noch an den Steinfliesen hafte, so leise treten wir auf, vorsichtig durch die gewölbten Hallen tastend, als hätten wir Furcht, den Toten aus seinem vielhundertjährigen Schlafe zu wecken.
Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem Michelangelo Buonarroti seine bildhauerischen Wunder schuf. Der Stein zeichnet sich durch nichts von anderen Steinen aus. Und doch bewahre ich ihn pietätvoll auf und erkläre meinen Freunden mit wichtiger, frommer Miene: Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem Michelangelo gelebt hat .....
Und selbst die Ironischen und Überlegenen lachen nicht; sie werden ernst und schweigsam, als weile Michelangelo unter uns. Der künstlerisch empfindende Mensch kennt dieses reine Gefühl, das weder der Ehrfurcht vor den fünf Jahrhunderten entspringt, noch durch den Rausch erweckt wird, den der Name bewirkt. Ohne zum Götzenanbeter zu werden, fühlt man aber plötzlich alle kritischen Teufel in sich durch irgendeinen guten Engel besiegt, und der Verstand, dieser Maulwurf, ist vollständig überrumpelt von der Empfindung. Man sinkt hinunter in eine tote Epoche, die voller Glanz war und Größe. Man ist in einer kleinen Zeit allmählich allem Großen so fremd geworden, daß man beinahe erschrickt, wo man ihm begegnet. Und wo begegnete man ihm auf kleinem Raume häufiger, als in Florenz, der Stadt Leonardo da Vincis, Raffaels und Dantes? Man weiß, welch eine unerhörte Vereinigung von großer Kunst und Wissenschaft die Medici zu schaffen wußten, und daß viele der besten Namen der florentinischen Geschichte sich in einen kurzen Zeitraum zusammendrängen. Auch der Name Michelangelo ist darunter ....
* * * * *
Er wurde am 6. März 1475 im toskanischen Städtchen Caprese, in der damaligen Republik Florenz gelegen, als Sproß eines alten Florentiner Adelsgeschlechtes geboren. Sein Vater, der Bürgermeister und Richter, ließ ihm bei der Geburt von den Sternkundigen das Horoskop stellen, und man fand, daß er unter einem glücklichen, aber auch verhängnisvollen Stern geboren sei.
Nach abgelaufener Amtszeit kehrte der Vater auf sein Gut in Settignano zurück. Hier bekam der kleine Michelangelo die Frau eines Steinmetzen als Amme, die auch die Tochter eines Steinmetzen war; darum scherzte Michelangelo in späteren Jahren, er habe die Bildhauerkunst mit der Ammenmilch eingesogen. Als er heranwuchs und eine gelehrte Schule besuchte, benutzte er jede freie Zeit zum Zeichnen, obwohl der Vater ihn wegen dieser Nebenbeschäftigung heftig tadelte. Aber der künstlerische Drang in dem jungen Michelangelo war so stark, daß der Vater nicht nur das Widerstreben aufgeben mußte, sondern sogar beschloß, den Sohn in der Malerei ausbilden zu lassen. Am 1. April 1488 wurde der dreizehnjährige Michelangelo bei Domeniko Ghirlandajo, dem bedeutendsten Maler von Florenz, in die Lehre gegeben, um die Malerei zu erlernen. Für die Dienste, die er seinem Meister während der dreijährigen Lehrzeit leisten würde, sollte Michelangelo eine Vergütung von vierundzwanzig Gulden (etwa hundertfünfundsechzig Mark) bekommen.
In den Lebensbeschreibungen Michelangelos wird viel erzählt von den zahlreichen Proben ungewöhnlicher Begabung, die der Lehrling ablegte. Besondere Bewunderung fand auch außerhalb der Werkstätte eine gemalte Nachbildung des heiligen Antonius, des berühmten Kupferstiches von Martin Schongauer. Auf dem Fischmarkte studierte der junge Michelangelo die opalisierenden Farben der Schuppen, Flossen und Augen der mannigfachen Fische, um auf seinen Bildern die Farben naturgetreu wiedergeben zu können. Und Michelangelo malte das, was er sah, in Form und Farbe so echt und naturwahr -- heute würde man sagen: mit so erstaunlichem Naturalismus --, daß sein Meister eines Tages entzückt ausrief, daß der Lehrling mehr verstehe als sein Meister. Das geschah nämlich, als Michelangelo einmal, als Ghirlandajo an dem Fensterschmuck von S. Maria Novella arbeitete, das Malergerüst mit einigen darauf befindlichen Gehilfen abzeichnete. Von der großen Gewandtheit, die er sich in der Nachahmung alter Kupferstiche erwarb, machte Michelangelo bei der Ausführung seiner Studien und Einfälle später gern Gebrauch.
Lorenzo de Medici, der Herrliche, empfand es um diese Zeit als einen Mangel, daß Florenz sich nur durch seine Maler, nicht aber auch durch seine Bildhauer auszeichnete. Darum richtete er in dem Garten seines Palastes eine Art Kunstschule ein, deren Leitung er einem Sohne des großen Bildhauers Donatello, dem Bildhauer Bertoldo übertrug, der zugleich Aufseher der Antikensammlung war. Als Lorenzo sich nun an Ghirlandajo mit der Anfrage wandte, ob in seiner Werkstatt vielleicht einige junge Leute seien, die Lust hätten, die Bildhauerei zu erlernen, sandte ihm dieser einige seiner besten Schüler zu, darunter auch Michelangelo. Nachdem der junge Künstler durch seine ersten Tonmodelle schon die besondere Aufmerksamkeit Lorenzos erregt hatte, nahm er zum erstenmal einen Meißel zur Hand und versuchte sich an einem Stückchen Marmor, aus dem er eine grinsende Maske herausmeißelte. Zwischen den spöttisch verzogenen Lippen sah man die Zähne. Lorenzo betrachtete das Werk und bewunderte die Selbständigkeit und den Mut des Künstlers. Scherzhaft bemerkte er, der Kopf habe einen Fehler, denn alte Leute hätten kein so vollständiges Gebiß mehr; Michelangelo meißelte denn auch nachträglich mit kindlicher Gewissenhaftigkeit eine dem Leben nachgebildete Zahnlücke in den Mund der Maske.
Lorenzo fand an dem Wesen des jungen Künstlers und an seiner Begabung einen so großen Gefallen, daß er ihn unter seine Hausgenossen aufnahm. Der Vater Michelangelos, der nur ein kümmerliches Einkommen hatte, erhielt zum Dank für seine Einwilligung ein Amt, und als er um eine frei gewordene Stelle beim Zollamt bat, übertrug Lorenzo sie ihm sofort, die Bescheidenheit des Wunsches mißbilligend: »Du wirst immer arm bleiben!«
Michelangelo selbst erhielt ein monatliches Einkommen von fünf Dukaten und als Gunstbezeigung einen violetten Mantel.
So lebte Michelangelo über drei Jahre (von 1489-1492) im Mediceerpalast. Er speiste mit den Söhnen des Stadtoberhaupts und bewegte sich in den bunten Gesellschaften der geistreichen Männer, die an diesem Hofe verkehrten. Zwei Marmorwerke, die Michelangelo in jener Zeit nach eigener Erfindung ausführte, das »Madonnarelief« in Donatelloscher Manier und »Der Kampf der Lapithen und Kentauren«, zeigen schon prachtvoll die starke Eigenart und das Genie Michelangelos. Die Ausführung der Körper ist so vollkommen, daß sie bei einem so jugendlichen Bildhauer geradezu unbegreiflich erscheint. Schon seine anspruchsvollen Zeitgenossen sagten, besonders vom Kentaurenkampf, mit Recht, daß man nicht das Werk eines jungen Mannes, sondern das eines fertigen und reifen Meisters zu sehen glaube, der in seiner Kunst eine ebenso große Erfahrung wie Durchbildung genossen habe.
Die bewunderten Fresken des Masaccio waren für Michelangelo wie für das ganze damalige Künstlergeschlecht eine reine Quelle der Belehrung. Michelangelo zeichnete die Vorbilder aber mit größerem Geschick nach, als irgendeiner der anderen. Der Neid erwachte, und die Feindseligkeit gegen Michelangelo wurde noch besonders dadurch geschürt, daß er so unklug war, sich über die Fehler seiner Genossen lustig zu machen. Die Folge davon war, daß ihm einer eines Tages einen so heftigen Faustschlag ins Gesicht gab, daß sein Nasenbein zertrümmert wurde. Der Täter, Pietro Torrigiano, wurde zwar aus Florenz verbannt, aber Michelangelo blieb zeitlebens entstellt.
Als Lorenzo, der Herrliche, im April 1492 starb, war es für Michelangelo mit dem sorgenfreien, anregenden und glanzvollen Leben zu Ende. Er kehrte in sein Vaterhaus zurück. Er kaufte einen Marmorblock, der unbenützt dalag, und meißelte einen überlebensgroßen Herkules, der im Strozzipalast aufgestellt wurde. 1529 wurde das Bildwerk verkauft und an König Franz I. von Frankreich geschickt. Im siebzehnten Jahrhundert stand es in einem Garten von Fontainebleau, der 1713 zerstört wurde, und seitdem blieb auch der Verbleib des Herkules unbekannt. Verschwunden ist auch ein kleines hölzernes Kruzifix, das Michelangelo 1494 ausgeführt hatte und das auf dem Hochaltar der Kirche San Spirito aufgestellt worden war. Der Prior bewies dem jungen Michelangelo seine Dankbarkeit, indem er ihm im Kloster mehrere Zimmer zur Verfügung stellte, wo er ungestört seinem Wissensdrang Genüge tun und durch das Zergliedern von Leichen sich eine gründliche Kenntnis vom Bau des menschlichen Körpers verschaffen konnte.
Pietro de Medici, Lorenzos Sohn, hatte nicht die glänzenden Eigenschaften des Vaters geerbt; aber auch er setzte Michelangelo wieder in seine vorige Stellung ein.
* * * * *
Es geschah während des eisigen Januars des Jahres 1494 ....
Vor dem Hause des alten Buonarroti, in einer dunklen und einsamen Gasse, standen eines Nachts drei Jünglinge in warme Mäntel gemummt. Trotzdem zitterten sie vor Kälte, denn es war ein grimmiger Frost. Der Wind umtobte stöhnend und pfeifend das schlafende Haus; aus einem einzigen Fenster nur fiel ein spärlicher Lichtschein auf die Straße. Zum zweitenmal ergriff nun einer der Jünglinge den bronzenen Türklopfer und pochte laut und wütend an das Tor. Endlich bemerkte man, wie das Licht sich zu bewegen begann, wie es aufzuckte und hin und her irrte und wie dann das erleuchtete Fenster dunkel wurde. Zugleich vernahm man Schritte im Flur, und bald darauf wurde die morsche Eichentür aufgeschlossen. In ihrem Rahmen stand ein kaum mittelgroßer Jüngling, der eine Windleuchte über seinem Kopfe hielt, mit der er auf die Straße hinausleuchtete.
»Wer da?« fragte er barsch.
»Freunde!« riefen drei Stimmen zugleich und lachten. Michelangelo leuchtete ihnen ins Gesicht und erkannte nun Baccio, Gentile und Mariotto.
»Ich kenne euch,« antwortete Michelangelo langsam, als wollte er sagen: »Ihr seid keineswegs meine Freunde.«
Er hatte sie am Hofe Lorenzos, seines jüngst verstorbenen Schutzherrn, kennen gelernt. Oft war er mit ihnen in den Prachträumen der mediceischen Paläste zusammengetroffen, in den Lorbeerhainen und Piniengängen von Carregi, in deren tiefen Schatten er an die Götter der Hellenen dachte; in den wundervollen Gärten der Villa Ambra, wo die Tage Platos von neuem heraufzukommen schienen.
»Was wollt ihr von mir?« fragte Michelangelo endlich.
»Beim Zeus!« rief Baccio beleidigt aus, »vor allem einen freundlicheren Empfang!«
»Ruhe!« tönte die ernste Stimme Mariottos dazwischen. »Die alten Zeiten Lorenzos kehren wieder nach Florenz zurück,« sagte er, zu Michelangelo gewendet. »Piero folgt dem Beispiel seines Vaters. Mit dem kommenden Lenz halten nicht nur die Rosen ihren Einzug, sondern auch die vertriebenen Grazien. Es regt sich neuer Kunstsinn im Hause der Mediceer.«
»Piero de Medici liebt die Kunst,« fügte Gentile hinzu, »und eben darum weiß er auch dich zu schätzen. Es würde ihn stolz machen, sagte er sogar, wenn er dich an sein Haus fesseln könnte.«
Michelangelo wandte sich schweigend und mit Verachtung ab.
»Es ist kalt,« sagte er, »was wollt ihr also von mir?«
Mariotto nahm das Wort: »Piero von Medici schickt nach dir. Er hält heute Hof im Pittipalaste. Inmitten von Gesang, Musik und Lärm hat er deiner gedacht. Er hat einen Wunsch an dich. Da haben wir uns angeboten, dich herbeizuholen. Also ziere dich nicht und komm!«
Michelangelo rührte sich nicht und schwieg.
»Hoffentlich erkennst du die Ehre,« sagte Baccio noch immer mürrisch; »du weißt, wer Piero ist, und wir sind keine Diener.«
»Ich gehe nicht,« antwortete Michelangelo kurz. »Ich danke euch und ich danke Piero von Medici. Sagt ihm, daß ich krank sei, daß ich über einem Buche grüble, das seines Vaters Freund, der treffliche Meister Poliziano, geschrieben.«
»Derselbe Poliziano,« rief Gentile aus, »weilt zur Stunde im Palaste und trug mir auf, dich in seinem Namen zu grüßen.«
»Willst du Piero mit deiner Weigerung beleidigen?« fragte Mariotto.
»Poliziano in Florenz? Im Pittipalaste? O!« Sein Antlitz heiterte sich auf; er stellte die Windleuchte auf das Gesimse. »Tretet ein!« bat Michelangelo; »ich gehe sofort mit euch!« und er eilte ins Haus, sich anzukleiden.
»Welch ein empörender Stolz!« brummte Baccio; »er spricht mit uns, als wären wir Lakaien! Als würde er uns eine Ehre erweisen!«
»Still!« warnte Mariotto, denn Michelangelo kehrte eben zurück, den Kopf mit einem Hute bedeckt und in den veilchenblauen Mantel eingehüllt, den Lorenzo ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte.
»Gehen wir also!« forderte Gentile auf; »ich bin vor Kälte ganz erstarrt.« Der Wind heulte und große Schneeflocken wirbelten in der kalten Luft, die um die Köpfe der vier Jünglinge tanzten.
»Komm schneller!« drängte Gentile; »wir haben die Diener unweit des Flusses mit Laternen warten lassen, weil wir deine stille Gasse nicht aus nächtlichem Schlafe wecken wollten. Wir dachten an das strenge Gesicht deines Vaters, und ich hoffe, wir haben ihn nicht aus dem Schlafe geweckt.«
Sie schritten eilig durch die dunklen, winkligen Gassen zwischen schweigenden Palästen dahin, die in der dicken Finsternis doppelt düster aussahen. Am Lugarno warteten die Diener mit Fackeln und Stocklaternen, die gespenstige Lichtreflexe auf die Umgebung warfen und riesenhafte Schatten erzeugten.
Der Arno rauschte und brauste, und am jenseitigen Ufer sah man die Kirche San Miniato sich wie ein finsterer Koloß vom dunklen Himmel abheben. Der Weg führte über die alte Brücke, wo sich niedrige Häuschen aneinanderschmiegten, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Umfallen bewahren. Noch wenige Gassen, und Michelangelo stand mit seinen Gefährten vor dem riesenhaft aufstrebenden Palaste Pitti. Die Diener steckten die Fackeln in die eisernen Arme, die an den Eingangspfeilern befestigt waren, die im Augenblick blutigrot beschienen wurden. Eine Anzahl von Pferden stampfte ungeduldig auf dem Vorplatz, der fröhlichen Gäste Pieros harrend. Aus dem Innern des Palastes scholl von Zeit zu Zeit Fanfarenlärm heraus, Lachen und Gesang, der sich mit dem Heulen des Windes mischte.
»Endlich!« rief Baccio aus; »endlich sind wir am Ziele.« Sie schüttelten die Schneeflocken von ihren Mänteln und traten rasch in den Palast ein. Der Flur war hell erleuchtet; im taghellen Hofe rauschte ein Springbrunnen, während der Hintergrund von schwarzen Zypressen, Zedern und düsteren Pinien ausgefüllt wurde.
Michelangelo betrachtete das seltene Schauspiel des Schneewirbels, aber seine Freunde zogen ihn fort, die majestätischen Treppen empor. Sie traten in einen großen Saal, der mit kostbaren Teppichen geschmückt war. In der Nähe des Kamins, in dem ein großes Feuer loderte, saß Piero von Medici und unterhielt sich lebhaft. Er nickte Michelangelo gnädig zu, hieß ihn kurz willkommen, wandte sich dann aber wieder sofort seiner Unterhaltung zu. Michelangelo beachtete den kühlen Empfang nicht; übrigens antwortete er ebenso zurückhaltend und nachlässig. Er wandte sich sofort dem Saale zu, und es dauerte auch nicht lange, bis er den ehrwürdigen Kopf des Dichters Poliziano entdeckt hatte, der einsam in der Nische eines hohen Fensters saß. Sofort war Michelangelo an seiner Seite. Sie begrüßten einander sehr herzlich und beide waren tief gerührt; offenbar dachten sie beide an die zusammen verlebten sonnigen Tage unter Lorenzo, dem Herrlichen. Sie seufzten auf und schwiegen einen Augenblick. Dann rückten sie einander näher, denn der Lärm, der im Saale herrschte, ließ die beiden ihre Einsamkeit doppelt empfinden. Sie konnten sich vertraulich miteinander unterhalten, ohne befürchten zu müssen, daß man sie stören würde.
»Wie lange habe ich dich nicht gesehen,« sagte Poliziano freudig bewegt.
»Und wie habe ich mich nach Euch gesehnt!« entgegnete Michelangelo. »Ihr wißt am besten, was Ihr mir wart. Ihr seid der Erste gewesen, der mir Mut und Anregung zur selbständigen Arbeit gegeben hat. Aus den Quellen Eures Geistes und Eures Wissens durfte ich Unwissender schöpfen und meinen Durst löschen.«
Poliziano lächelte und winkte mit der Hand das Lob ab. »Wäre der göttliche Funke nicht in dir gewesen, dann wären meine Anregungen vergeblich gewesen. Die Flamme wäre dann nicht ausgebrochen, mein lieber Michelangelo. Du warst der einzige unter Hunderten, ja unter einem ganzen Geschlecht, der für meine Worte empfänglich war. Empfänglich sein für das Schöne, das ist alles, Michelangelo. Du bist es im Übermaße. Wundere dich darum nicht, daß du so viele Neider hast.«
»Sie sagen, daß ich die Schönheit nicht sehe,« erwiderte der Jüngling düster und voll Gram.
»Da du die Schönheit wiedergibst, wie ~du~ sie siehst und fühlst, und nicht wie andere sie empfinden, da du nicht die Schönheit nachahmst, die sie gewöhnt sind, zu sehen, sondern die, die in deiner ~eigenen~ Seele lebt, so gibst du die einzige und wahre Schönheit, die der Mensch verehren sollte.«
Die Mienen Michelangelos heiterten sich auf.
»Ihr kennt mich so gut!« rief er entzückt aus. »Was ich unbestimmt und unklar fühle, das vermögt Ihr auszusprechen. Ihr habt gut begriffen, was ich in mir selber kaum verstehe. Ein Beweis, wie Ihr mir nachzufühlen vermöget, ist Euer Gedicht, das ich vor einer Stunde von neuem gelesen. Das Gedicht, das die ewig junge griechische Sage mit neuem Leben erfüllt. Ich meine Euren Orpheus, Meister Poliziano!«
Der Dichter lächelte traurig. »Als ich das Gedicht schrieb, war ich so jung und so mutig wie du. O, ihr Adlerschwingen der Jugend! Ihr kühnen, vermessenen Träume! Damals schien es mir ein leichtes, emporzufliegen aus der drückenden Enge unserer Kirchspiele und mit einem Sprung auf die Fluren der echten Tragödie hinüberzusetzen. Stolzer Traum! Ich strebte der Sonne zu, aber meine Schwingen waren zu schwach. Ah, ich war vielleicht ein Ikarus, aber als ich der Sonne zu nahe kam, fiel ich herab. Welch ein Riesenkampf ist das Schaffen des Künstlers! Die Eingebung entzündet uns wie ein Blitzschlag. Und ist es jemals möglich, aus diesem göttlichen Feuer, das in uns zu lodern begonnen hat, als Sieger hervorzugehen?«
»Aber hat der Bildhauer nicht einen noch weit schwierigeren Kampf mit der toten Masse zu bestehen, die er beleben will? Wenn er einem chaotischen Steinklumpen gleichsam eine Seele einhauchen will? Ihn von Tod und Nichtsein erlösen und zu Leben und Sein führen will? Welch ein mühsames Ringen, durch einen formlosen Stein zu den Herzen der Menschen zu sprechen! Sie an einem Stein die ewigen Gesetze der Schönheit erkennen lehren! Ich glaube nicht, daß die Griechen in meinem Sinne Sieger waren über die tote Masse. Ihren Bildwerken fehlt die Seele. Sie sind starr und kalt und ruhig. Der Frost der Materie weht mich daraus an. Aber muß Schönheit nicht erwärmen? Muß sie nicht leuchten und leben und gleichsam zu unserer Seele sprechen?«
»Das wirst du ihr geben,« sagte Poliziano prophetisch zu Michelangelo, der sich in Feuer gesprochen hatte; »du wirst der Schönheit die Poesie des Schmerzes leihen.«
»Ich verstehe nicht recht,« entgegnete Michelangelo; seine Augen wurden abgrundtief und blickten in die Weite. Er atmete heiß und schwer wie im Fieber. »Erklärt es mir,« bat er leise den Dichter. Doch da rief ihn gerade Piero von Medici an, der am geöffneten Fenster stand und über den Hof in die Gärten hinaussah.
»Bei Venus und Bacchus!« rief er. »Wie lügt heute nacht das schöne Florenz. Seht nur, meine Herren, wie sich die Stadt mit frecher Anmaßung in ein jungfräuliches Gewand hüllt. Sie scheint wie aus Marmor gemeißelt. Welch eine schöne Statue müßte sich aus diesem geschmeidigen Material formen lassen, mein lieber Buonarroti; das wäre in der Tat eine Aufgabe für dich! Das Material für deine Statue ist direkt vom Himmel gefallen; nie wirst du reineren Stoff verarbeiten. Willst du mir eine große Freude bereiten, dann geh in den Hof hinab und forme uns irgendeine göttliche Gestalt aus dem Schnee.«
»Welch ein kindischer Einfall!« murmelte Poliziano mit einem Blick auf den verdüsterten Michelangelo.
Piero von Medici hatte die Worte Polizianos gehört; aber er ließ es sich nicht merken, obwohl er im Innern sehr erzürnt war. »Meister Poliziano,« sagte er, »bin ich nicht ein Philosoph? Mit meiner Idee einer Statue aus Schnee will ich den Künstlern ja nur sagen, wie vergänglich ihre Werke sind. Sie träumen alle von der Unsterblichkeit. Der Schnee da unten predigt aber: ~nütze den Augenblick~! Wer weiß, wo du morgen bist!«
»Man muß zwischen Künstlern einen Unterschied machen, wie zwischen Menschen,« antwortete Poliziano trocken. »Jeder nimmt gewöhnlich nur sich selber als Maßstab für die Dinge und Mitmenschen. Die echte Größe aber, das Genie, das ist ein Gottesgeschenk.«
»Ihr habt recht,« bemerkte Piero und schwieg ärgerlich.
Inzwischen hatte sich Michelangelo, ohne aufzuhorchen, dem Fenster genähert und schaute verzückt in die Gärten. Das Schneegestöber hatte nachgelassen; am Himmel flimmerten die Sterne wie Goldstaub, und die Erde leuchtete märchenhaft weiß. Ein jeder Baum schien aus Marmor gehauen. Der Anblick riß den Künstler mit fort. Wortlos verließ er den Saal, um zu vollenden, was Piero in kindischer Launenhaftigkeit gewünscht. Die Zauberpracht dieses überirdischen Bildes reizte ihn zu eigenem Schaffen. Hier sah er eine gleichsam verzauberte Welt, die weiß und starr und kalt dem Himmel ins Angesicht sah; eine Welt, die nach Licht und Sonne zu rufen schien, und nach einem Liede, das sie aus diesem Bann erlöse.
»Orpheus, der Sänger!« ging es blitzartig durch Michelangelos Kopf. Er befahl, rasch den Schnee zusammenzukehren und ihn an einer bestimmten Stelle aufzuhäufen. Und während Pietro de Medici sich oben im Saale unterhielt, und längst seine Bitte vergessen haben mochte, arbeitete Michelangelo bei dem rötlichen Licht unzähliger Fackeln mit fieberhaftem Eifer an seinem Werke.