Kulturhistorische Charakterbilder

Part 5

Chapter 53,621 wordsPublic domain

Seine Seele war noch erfüllt von den Gedanken, die die Unterredung mit Poliziano in ihm geweckt hatte. Der Schnee war fest genug und ließ sich von der begnadeten Hand Michelangelos gefügig formen und meistern. Den unteren Teil der Statue legte Michelangelo breit an und verdeckte die große energische Bewegung des Fußes mit einem bis zur Erde herabwallenden Gewande. Der mächtige Schritt des Orpheus sollte die Entschlossenheit des Sängers andeuten, trotz aller bereits erlebter Schrecken doch noch einmal in die Unterwelt einzudringen. Seine erhobenen Hände hielten die Leier, als wollten sie noch einmal in die Saiten greifen. Sein Antlitz, das der Künstler scharf und bis ins kleinste ausarbeitete, war ernst; es sprach aus ihm die Kraft des Liedes und ein Mut, der vor nichts zurückzuschrecken schien. Michelangelo modellierte mit Liebe und Eifer, als würde er seinen Orpheus in Erz für die Ewigkeit schaffen, und nicht nur zur Befriedigung einer Augenblickslaune. Als er die Arbeit beendet hatte, trat er einige Schritte zurück und seufzte tief auf.

»Nein, es ist nicht das, was ich gewollt habe,« rief er endlich unzufrieden aus. »Aus diesen Zügen spricht eine frostige Kälte, wie aus dem Schnee. Ich hab' es anders geträumt! Das ist wieder diese hellenische Starrheit, diese Todesruhe! So hätten ihn die Künstler in Athen dargestellt. Aber sieht so ein Mensch aus, der die vernichtenden Worte des Schicksals vernommen hat?«

Er stand unzufrieden und wortlos vor seinem Werk. Die Fackeln erloschen, der Tag begann heraufzudämmern. Der Himmel rötete sich leicht, und endlich stieg die Sonne in ihrer goldenen Majestät am Horizont empor. In den verschneiten Gärten blitzte und flimmerte es, als sei silberner Puder überallhin verstreut.

In dem Augenblick entstand auf der Terrasse hinter seinem Rücken Lärm. Piero von Medici war mit dem ganzen Hofstaat herausgetreten, und alle brachen beim Anblick der wundervoll beleuchteten und glitzernden Statue des Orpheus in begeisterte Bewunderung aus.

Poliziano eilte die Stufen herab und umarmte schweigend den Künstler.

»Nein, nein,« wehrte Michelangelo bitter lächelnd ab; »es ist mißlungen. In seinem Antlitz spiegelt sich nicht das, was er in seinem Herzen fühlt. Das ist kein Mensch; das ist nur eine Idee.«

»Aber eine göttliche Idee,« warf Poliziano ein.

»Aber kein Mensch!« wiederholte Michelangelo schmerzlich. »Wo ist die Verzweiflung, die wie eine Natter an seinem Herzen nagt? Wo ist der Schmerz, der ihn vernichtet? Nein, das ist nicht Orpheus, das ist eine starre Leiche. Ich will das Gespenst nicht länger sehen.«

Und Michelangelo verbarg seinen Kopf an der Brust Polizianos, ohne auf ein Wort des Trostes zu hören. Über seinem Kopfe tönten die Lobeshymnen noch weiter; aber alles Lob vergrößerte nur seinen Schmerz.

»Die törichten Blinden,« stöhnte er verzweifelt; »sie sehen offenbar nicht, daß dieser Orpheus bloßer Schnee in Menschengestalt ist.«

Da erscholl wie aus einer Kehle ein neuer Ausruf von der Terrasse, und Poliziano zuckte zusammen. Unwillkürlich hob Michelangelo den Kopf und sah auf seine Statue. Sie hatte sich bewegt; die Sonne hatte das Wunder vollbracht. Sie bewarf die Statue mit Millionen ihrer heißen Pfeile. Sie leckte den Schnee von den Bäumen und Büschen. Von den Pinien und Oliven tropfte es unaufhörlich; in Bächen lief der geschmolzene Schnee von den Dächern herab; er zerrann auf dem Grase wie ein Traum. Auch der Orpheus wurde von den Strahlen der Sonne totgeküßt.

Die untere Hälfte der Statue stand noch unbeweglich da; der feste Schritt des Orpheus und sein Gewand hatte noch keinen Schaden gelitten. Aber Kopf und Brust waren verwundet. Seine Arme sanken zu beiden Seiten wie erschlafft herab, die Leier entfiel seinen Händen. Der Kopf neigte sich nach rückwärts, das Kinn gab nach, so daß sich der Mund leicht öffnete und sich in eine krumme, nach unten gebogene Linie verwandelte. Die Augen, die ihre bestimmten Umrisse verloren, schienen sich wie in großem Schmerz zu schließen. Und die Schärfe aller gleich genau angedeuteten Gesichtszüge milderte sich während des Tauens zu einem merkwürdigen Einklang. Eine Lebensregung schien durch den Schnee zu gehen, ein belebender Funke schien die Statue erwecken zu wollen. Nun glaubte man wirklich, Orpheus zu sehen, von der Verzweiflung zerknirscht, von Schmerzen zerwühlt, den Tod im Herzen, aber doch noch aufrecht stehend, ein leidender, atmender Held, den man sterben sieht.

Michelangelo sah wie gebannt auf sein Werk. Ein freudiges Lächeln umspielte seine Lippen, und mächtig bewegt drückte er Poliziano die Hand. »Endlich sehe ich klar, was ich dunkel geahnt!« flüsterte er; »nun weiß ich, was meinem Orpheus gefehlt hat und was von heute an keiner meiner Schöpfungen mehr fehlen soll: ~der seelische Ausdruck~! Wozu diente wohl alle äußere Schönheit, wenn sie nicht die ~inneren~ Vorgänge verkünden würde. Dank dir, o Sonne, du hast mich Großes gelehrt!«

»Die Sonne, die dir den rechten Weg gewiesen, das ist dein eigenes Gefühl, dein eigener Geist,« sagte Poliziano. »Ja, du hast heute etwas Großes gefunden -- ~dich selbst~! Nun darfst du hoffen, zu siegen. Wie weit wirst du die andern überragen! Glück auf den Weg! Und doch muß ich dich beklagen, mein armer Freund. Auf der Höhe steht man einsam, und Größe erweckt Haß und Neid. Alles verzeiht dir die Menge, nur nicht, daß du über ihr stehst, daß du dich von ihr ausschließest. Du wirst dein ganzes Leben lang eine Dornenkrone tragen müssen.«

Noch ehe Poliziano zu Ende gesprochen hatte, sank die Statue dröhnend zu Boden. Nichts blieb von ihr übrig, als ein formloser Klumpen rasch zerfließenden Schnees. Ein Aufschrei des Mitleids und Bedauerns kam von der Terrasse her, dann aber erscholl Gelächter, aus dem die fröhliche Stimme Pieros herausklang. »Sieh,« rief er laut herab, »die Belehrung, die ich dir versprochen habe, ist dir nun zuteil geworden. Die Werke des Künstlers vergehen, wie der Schnee vor der Sonne.«

»Ja, eine große Belehrung ist mir zuteil geworden,« antwortete Michelangelo, mit dankbarem Lächeln zum Himmel emporblickend. »Nun weiß ich über den Stoff zu siegen und ihn zu beseelen. Nun soll man aus meinen Werken den Pulsschlag des Lebens fühlen.«

Und versunken in seine Gedanken ging er von dannen. Von niemand hatte er sich verabschiedet; man vergaß ihn bald. Poliziano trat mit ihm auf den Platz hinaus und sah ihm nach, wie er allein durch die Gassen von Florenz dahinschritt, um seinen großen Ideen und Werken nachzuhängen, die er nunmehr schaffen sollte. Es war wahr: er hatte sich selbst gefunden .....

* * * * *

Florenz ertrug die Herrschaft des anmaßenden Piero nicht lange. Schon im November 1494 wurden die Mediceer vertrieben. Michelangelo ging dem Ereignis aus dem Wege und begab sich nach Venedig und dann nach Bologna, wohin auch die Mediceer geflüchtet waren. Hier, wo sich der Stadtvorsteher Aldovrandi seiner angenommen und ihm Arbeit verschafft hatte, blieb Michelangelo bis zur Mitte des Jahres 1495 und kehrte dann wieder nach Florenz zurück, zur Zeit, als gerade der fanatische Prediger Savonarola an der Spitze des Volkes stand.

Unter anderen Bildwerken, die Michelangelo jetzt ausführte, befand sich auch ein schlafender Liebesgott. Auf Anraten eines schlauen Kaufmannes gab Michelangelo diesem Marmorwerk künstlich ein antikes Aussehen und es wurde dann auch als ein ~eben ausgegrabenes~ Bildwerk an den Kardinal Riario nach Rom verkauft. Der Händler hatte zweihundert Dukaten dafür bekommen; an Michelangelo lieferte er aber nur dreißig ab; so wurden der Kardinal ~und~ Michelangelo betrogen. Aber auch dieser Betrug zeitigte zufällig Gutes. Denn als der Kardinal erfuhr, daß Michelangelo der Schöpfer des Kupido sei, machte er zwar den Handel rückgängig, aber er veranlaßte Michelangelo gleichzeitig zur Übersiedelung nach Rom. Im Juni 1496 kam er dort an und wohnte beim Kardinal, wo er zunächst ein ganzes Jahr beschäftigungslos zubringen mußte, obwohl man ihm reiche Aufträge versprochen hatte.

Bald darauf machte er aber die Bekanntschaft des römischen Edelmanns Jacopo Galli, in dessen Auftrag Michelangelo zwei lebensgroße Marmorbildnisse, einen »Kupido« und einen »Bacchus« ausführte. Galli verschaffte dem jungen Meister auch einen Auftrag von dem französischen Gesandten in Rom, für den Michelangelo jene wundervolle verklärte »Pietà« meißelte, die sich jetzt in der nach ihr benannten Capella della Pietà befindet.

Während aber Michelangelo in Rom unsterbliche Werke schuf, führte sein Vater, der durch die Vertreibung der Mediceer sein Amt verloren hatte, in Florenz ein kümmerliches Dasein. Sehnsüchtig harrte er auf die Heimkehr des Sohnes, der den Vater von Rom aus kräftig unterstützte. »Ihr mögt mir glauben« -- schrieb er nach Hause --, »daß auch ich Ausgaben und Mühe habe; aber was Ihr von mir verlangen werdet, das werde ich Euch schicken, und wenn ich mich als Sklaven verkaufen müßte.«

In der Tat sorgte Michelangelo nach der Vollendung der Pietà auch für seine jüngeren Brüder Buonarroto und Giovan Simone, indem er ihnen zur Gründung einer kleinen Wollstoffabrik verhalf. 1501 kehrte Michelangelo, dem Drängen seines Vaters nachgebend, nach Florenz zurück, wo er zunächst den Auftrag erhielt, für eine Kapelle im Dome zu Siena fünfzehn kleine Heiligenfiguren auszuführen, dann aber von den Vorstehern des Dombaues zu Florenz vor die erste Riesenaufgabe gestellt wurde: aus einem bereits behauenen Block, der schon fünfunddreißig Jahre lang unberührt dalag, einen »David« von neun Ellen Höhe auszumeißeln. Der Auftrag war um so schwieriger, als der erste Bildhauer, der sich daran gemacht hatte, die Aufgabe zu lösen, an ihr gescheitert war. Er hatte aber dem Marmorblock bereits bestimmte Formen gegeben, und an diese war Michelangelo nun gebunden. Im September 1501 machte sich Michelangelo mutig an die Arbeit, und Anfang 1504 wurde das hundertachtzig Zentner schwere Bildwerk mit ungeheurem Pomp enthüllt.

Während der drei Jahre hatte Michelangelo aber noch andere Arbeiten ausgeführt; so einen zweiten lebensgroßen David als Sieger mit dem Haupte des Goliath unter den Füßen; ferner: zwei Madonnenreliefs in Rundformat, einen sterbenden Adonis und einige Gemälde. 1505 folgt die Madonnenmarmorgruppe -- eine Bestellung flandrischer Kaufleute --, die in der Liebfrauenkirche zu Brügge steht.

Michelangelo, ein dreißigjähriger Mann, stand jetzt in dem Rufe des ersten Bildhauers der Welt. Und als er sich eben anschickte, mit dem größten Maler der Zeit, dem dreiundfünfzigjährigen Leonardo da Vinci, um die Siegespalme zu streiten, wurde er inmitten der Ausführung seiner Arbeit, die die Pisanerschlacht darstellen sollte, vom Papst Julius II. nach Rom berufen, damit Michelangelo ihm schon bei Lebzeiten ein Grabmal baue. Der Plan war mit außerordentlicher Pracht erdacht. »Ich bin des gewiß,« schreibt Michelangelo am 2. Mai 1506 an San Gallo nach Rom, »wird es errichtet, so hat es in der ganzen Welt nicht seinesgleichen.« Michelangelo kaufte in Karrara für tausend Dukaten Marmorblöcke, und da ihn die Ungeduld nicht warten ließ, bis die Steinberge nach Rom geschafft waren, begann er gleich in den Marmorbrüchen ein paar Figuren in Arbeit zu nehmen, an denen er zunächst acht Monate arbeitete. 1506 wurden die Blöcke auf dem Petersplatze in Rom abgeladen; sie hätten hingereicht, einen Tempel daraus zu erbauen. Und die kolossale Größe des Werkes war denn auch mit schuld daran, daß es nicht zustande kam. Die Peterskirche, in der es aufgestellt werden sollte, war zu klein, und abergläubische Zwischenredereien trugen ebenfalls dazu bei, daß der Papst den Gedanken an das Grabmal ganz fallen ließ. Statt dessen sollte Michelangelo die Decke der vatikanischen Kapelle ausmalen, die Sixtus IV. hatte erbauen lassen. Michelangelo, der diesen Auftrag nicht übernehmen wollte, zog sich dadurch die Ungunst des Papstes zu, flüchtete nach Florenz, ward aber wieder zurückgerufen und in Gnaden in Bologna aufgenommen, wo der im Kampf gegen Cesare Borgia siegreiche Papst weilte, nachdem er sich die Stadt unterworfen und tributpflichtig gemacht hatte.

Michelangelo fertigte hier in den nächsten drei Jahren eine Kolossalerzstatue von Julius II. an. Der Papst hatte tausend Dukaten dafür bezahlt; aber als Michelangelo mit seiner Arbeit fertig war und seine Auslagen abgerechnet hatte, besaß er von den tausend Dukaten noch etwa vier, obwohl er in Bologna in recht kärglichen Verhältnissen gelebt hatte. Nach der Enthüllung dieses Erzbildes eilte Michelangelo sofort zu seinen hilfsbedürftigen Angehörigen nach Florenz zurück; aber da er jetzt in den Diensten des Papstes stand, mußte er bald wieder nach Rom zurückkehren und trotz seines inneren Sträubens mit der Ausmalung der Kapelle beginnen. Und so vollbrachte Michelangelo dies Werk, das berühmte sogenannte Sixtinische Deckengemälde, in dem er das Herrlichste und Wunderbarste schuf, was die Monumentalmalerei überhaupt hervorgebracht hat; eine so schöne und gewaltige Schöpfung, wie sie in dieser Vollkommenheit nie wieder erreicht worden ist.

Er stellte die Vorgeschichte der Erlösung dar; die Schöpfung und den Sündenfall und das Versinken der Menschheit in Sünde; dazu das Hoffen auf den Erlöser, die Verkündigung seiner Ankunft und Vorbedeutungen der Erlösung.

Er begann damit am 10. Mai 1508 und vollendete es, obwohl er es ganz allein ohne jedwede fremde Hilfe ausführte, und obgleich er seine Arbeit öfters und lange unterbrechen mußte, im Oktober 1512. Das ist um so staunenswerter, als Michelangelo nicht gesund war, unter den drückendsten Geldsorgen zu leiden hatte, und die Not seiner Angehörigen ihn ebenfalls sehr quälte.

So schreibt er an seinen Vater im Juni 1509: »Seit 13 Monaten habe ich vom Papste kein Geld erhalten und meine, innerhalb anderthalb Monaten unter allen Umständen welches zu bekommen, da ich das, was ich gehabt, ausgegeben haben werde. Wenn er's mir nicht gäbe, müßte ich Geld borgen, um zu Euch zurückzukehren, denn ich besitze nicht einen Pfennig.«

Eine andere Stelle aus einem Briefe an seinen Bruder Giovansimone (aus derselben Zeit) lautet: »Seit zwölf Jahren bin ich, kümmerlich lebend, durch ganz Italien gewandert, habe jede Schmach erduldet, jedes Ungemach erlitten, meinen Körper mit jeder Anstrengung gepeinigt, das eigene Leben unzähligen Gefahren ausgesetzt, einzig und allein, um meiner Familie zu helfen.«

An seinen Bruder Buonarroti schreibt er am 18. September 1512: »Ich teile Euch mit, daß ich nicht einen Groschen besitze und gleichsam barfüßig und nackt bin und das, was mir noch zukommt, nicht eher, als bis ich mein Werk vollendet habe, erhalten kann; und ich erdulde sehr große Mühen und Unbequemlichkeiten.«

Eine fürchterliche Pein war endlich die körperliche Anstrengung beim Malen an der Decke, wobei der Kopf stets in den Nacken gelegt und die Augen nach aufwärts verdreht werden mußten. Er selbst spottete darüber in einem launigen Gedicht, daß er, gekrümmt wie ein syrischer Bogen, das Gesicht von den herabtropfenden Farben bunt gemustert wie ein Mosaikfußboden, dies Werk ausführen mußte:

Schon hat mir diese Crux 'nen Kropf geschaffen, Wie er vom Wasser wächst im Land Lombardien Den Katzen -- oder ist's noch sonst wo anders -- Und mit Gewalt strebt unters Kinn der Bauch.

Den Bart fühl' ich gen Himmel sich erheben, Am Buckel liegt das Hirn, harpyienhaft Krümmt sich die Brust mir, und vom Pinsel Tropft aufs Gesicht ein buntes Paviment.

Dehnt vorn sich aus die Schwarte, schrumpft sie hinten Beim Krummsichbiegen wieder arg zusammen: So spann' ich mich gleich einem Syrer Bogen.

Drum trügerisch und seltsam Entspringt die Urteilskraft dem Schoß des Geistes; Denn übel schießt es sich aus krummem Rohr.

Tritt ein, Johann, nunmehr Für meine Ehre, für mein stummes Malwerk; Ich bin ja nicht am Platz noch, ach! kein Maler.

Und von diesem Werke, angesichts dessen sich Michelangelo das Talent als Maler absprach, sagte Goethe: »Ich konnte nur sehen und anstaunen. Die innere Sicherheit und Männlichkeit des Meisters, seine Großheit geht über allen Ausdruck.«

Ein Zufall fügte es, daß um dieselbe Zeit, als Michelangelo mit seinem Deckengemälde fertig wurde, die vertriebenen Medicis wieder in Florenz einzogen und von ihren ehemaligen Rechten sofort Besitz ergriffen. Michelangelo erneuerte alsbald die alten Beziehungen und setzte es durch, daß sein greiser Vater wieder in dasselbe Amt eingesetzt wurde, das er ehedem innegehabt hatte.

Michelangelo durfte jetzt auch an die Ausführung des früher in Angriff genommenen Grabmals gehen, obwohl der Besteller, Papst Julius, bereits 1513 starb. Giovanni de Medici (Papst Leo X.) war sein Nachfolger und zugleich der Jugendfreund Michelangelos. Für das Grabmal war ein Preis von sechzehntausendfünfhundert Dukaten und eine Arbeitszeit von sieben Jahren festgesetzt. Aber weder dies Werk, noch andere Werke großen Stiles, die Michelangelo geplant und zum Teil schon in Angriff genommen hatte, wurden vollkommen ausgeführt. Dafür betraute man ihn einige Jahre später mit einer anderen großen Aufgabe, die seinen Namen in die Ewigkeit tragen sollte: Die Ausführung der Mediceergräber.

In dieser Zeit tummelten sich Spanier, Franzosen, Schweizer, Deutsche und Italiener in den schönen Gefilden am Po, am Ticino und an der Etsch umher, verwüsteten die Felder und Weinberge, brandschatzten oder zerstörten Städte und Dörfer, befleckten den Boden mit Blut und Leichen, führten Gefangene hinweg, um Lösegeld zu gewinnen, und übten Greuel und Erpressung jeder Art. Dazu kam die Pest, der auch der geliebte Bruder Michelangelos, Buonarroto, erlag. Florenz rüstete sich zum Kampfe um die Freiheit, und unter neun Männern, die gewählt worden waren, um für die Befestigung der Stadt zu sorgen, befand sich auch Michelangelo. Er wurde zum obersten Leiter der Befestigungen von Florenz ernannt und machte seinem Amt durch Umsicht und Geschick alle Ehre. Aber trotz seiner kriegerischen Tätigkeit fand er noch Zeit, sich ab und zu heimlich in die Grabkapelle zu stehlen und dort an den angefangenen Figuren zu arbeiten.

Allerdings arbeitete Michelangelo unter der größten körperlichen und geistigen Qual. Um 1530 war er bis zur Fleischlosigkeit abgemagert. »Michelangelo« -- schreibt ein Zeitgenosse -- »wird nicht mehr lange leben, wenn nicht Abhilfe geschafft wird; denn er arbeitet viel, ißt wenig und schlecht und schläft auch nicht, und seit einem Monat wird er stark behindert durch Kopfschmerzen und Schwindel; er hat, kurz gesagt, zwei Übel: eins am Kopf und eins am Herzen, und für jedes gibt es ein Heilmittel; man muß nur die Ursache kennen und aussprechen.« Das Heilmittel für den Kopf sollte darin bestehen, daß dem Meister verboten würde, während des Winters in der feuchten und kalten Kapelle, wo er sich den Tod hole, zu arbeiten; das Heilmittel für das Herz sollte in der Regelung der Sache des Juliusgrabes bestehen, um dessentwillen Michelangelo ganz in Schwermut verfallen war.

»Malerei und Skulptur«, schreibt er am 24. Oktober 1542 an Luigi del Riccio, »Arbeiten und Treuhalten haben mich ruiniert und ständig wird aus Schlechtem noch Schlechteres. Besser für mich wäre gewesen, ich hätte in meiner Jugend Schwefelhölzer zu machen gelernt.«

Und am selben Tage an Monsignor Aliotti: »Ich finde, meine ganze Jugend habe ich verloren, seitdem ich an dieses Grabmal gebunden bin und soviel als möglich Papst Leo und Papst Klemens Widerstand geleistet habe; und mein allzu großes Vertrauen, das man nicht kennen will, hat mich ruiniert. So will's mein Schicksal.«

Für beide Heilmittel wurde nun zwar gesorgt, so gut es ging; aber der Tod seines Beschützers, des Papstes Clemens VII., machte wieder alle Versprechungen und Pläne zunichte. Da Michelangelo von dem neuen Gebieter der Stadt, dem lasterhaften Alessandro, der ihn haßte, nicht nur keinen Schutz zu erwarten hatte, sondern im Gegenteil Verfolgung, so blieben sogar die Mediceergräber unvollendet.

Aber selbst in dieser unvollendeten Gestalt sichern sie Michelangelos Ruhm für alle Zeiten. Der Eindruck, den dies Monumentalwerk, das von so ernstem Geiste beseelt ist, auf den Beschauer macht, ist der einer höchst weihevollen und ehrfürchtigen Stimmung vor dem Genius, der es geschaffen hat.

Der Nachfolger des verstorbenen Papstes, Paul III., fesselte Michelangelo wieder an sich, und in seinem Auftrage malte der Künstler in der Sixtinischen Kapelle das berühmte »Jüngste Gericht«, in dem Michelangelo den Tag der Auferstehung mit allen Schrecken einer gewaltigen Phantasie schildert.

Es wäre noch von vielen anderen Bildwerken, Malereien und architektonischen Werken zu sprechen; aber hier soll keine Betrachtung seiner künstlerischen Werke, sondern nur der äußere Lebensumriß des größten Bildhauers der neuen Zeit gegeben werden.

In den letzten Jahren seines Lebens blieb Michelangelo von großen Stürmen und wenigstens von äußeren Sorgen verschont. Er war auch körperlich wieder zu Kräften gekommen und hatte sogar, dank seiner einfachen und mäßigen Lebensweise, die die Not ihn gelehrt hatte, eine gewisse Wohlhabenheit erreicht.

Am 18. Februar 1564 entschlief Michelangelo. Der Leichnam wurde in der Apostelkirche aufgebahrt. Der Papst wollte ihn im St. Petersdome, wo sonst nur die Päpste beigesetzt wurden, bestatten lassen, obwohl es dem Wunsche Michelangelos, in der heimatlichen Erde zu ruhen, entgegen gewesen wäre. Darum ließ ein Neffe Michelangelos den Sarg mit der Leiche, als Warenballen verpackt, heimlich nach Florenz schaffen. Am 12. März wurde der geöffnete Sarg in der Kirche San Croce ausgestellt. Auf Kosten des Herzogs Cosimo wurde darauf in der San Lorenzo-Kirche eine Leichenfeier ins Werk gesetzt, so großartig und prunkhaft, wie Florenz vordem noch keine gesehen hatte. Man bekommt einen Begriff davon, wie herrlich die Feier gewesen sein muß, wenn man bedenkt, daß Maler und Bildhauer ~monatelang~ an der künstlerischen Ausschmückung der Lorenzo-Kirche gearbeitet hatten. Die Feier fand erst am 14. Juli 1564 statt. Mit einem unvergleichlichen Aufwand von Kunst und pompöser Pracht ehrte Florenz seinen unsterblichen großen Sohn, und an seinem Katafalk trauerte der Genius der Kunst.

Galilei.

Im Jahre des Halleyschen Kometen, dem sich das Interesse der ganzen Welt zuwandte und der die Menschheit wieder zwang, sich, wenn auch oberflächlich, mit astronomischen Dingen zu beschäftigen, ist es sicherlich nicht unwillkommen, etwas über Galilei zu erfahren, den Zeitgenossen Keplers, den noch lange nicht genug gewürdigten großen Entdecker, diese himmelstürmende Natur, diesen ganz Großen, der -- wie Goethes Faust -- nicht eher ruhte, zu erforschen, was die Welt im Innersten zusammenhält, bis eine Macht, die größer war als er, ihn mit Blindheit schlug.

Wenn man ihn nur einen Physiker oder Astronomen nennt, verkleinert man ihn. Man darf nicht vergessen, daß der Astronom von heute gewöhnlich nur ein Spezialist ist, der bei seiner Wissenschaft durchaus nicht immer jenes Grauen empfindet, das Laplace beim Anblick des Sternenhimmels angewandelt hat, und der auch die Bewunderung und Ehrfurcht nicht kennt, die das Gemüt Kants vor dem bestirnten Firmament erfüllte.

Der Astronom der Renaissance sucht nicht lediglich nach neuen Sternen; er weiß, daß hinter den leuchtenden Welten noch irgendeine Kraft wohnt, der er nicht gewachsen ist. Und doch möchte er dem Schöpfer gern hinter die Kulissen schauen.

Wie es das größte Verdienst des Mittelalters ist, die innere Welt des Seelenlebens vertieft zu haben, ist es das höchste Verdienst der Renaissance-Astronomen, uns den Himmel geweitet zu haben, indem sie ihn uns näherbrachten. Sie entdeckten neue Welten in sich, in ihrer Seele (z. B. Dante, Petrarca) und neue Welten am Himmelsraume (z. B. Kopernikus, Kepler, Galilei). Sie sind nicht bloße Sterngucker oder Registratoren. Das neue Bild am Himmelsgewölbe, das sie schaffen, gibt ihnen auch eine neue Anschauung vom Zusammenhange der Natur.