Kulturhistorische Charakterbilder

Part 3

Chapter 33,532 wordsPublic domain

In der Christnacht, wo Kolumbus bei stillem Wetter sich der langersehnten Ruhe hingegeben, vernachlässigten nämlich der Steuermann und die Matrosen ihre Pflicht so sehr, daß bald alles an Bord der St. Maria im Schlafe lag, während die Strömungen das Schiff auf eine Sandbank führten, wo es rettungslos scheiterte. Es blieb nichts übrig, als die Ladung mit Hilfe der Eingeborenen, so gut es ging, zu bergen. Der Admiral, nunmehr genötigt, sich an Bord der Nina zu begeben, war tief erschüttert durch sein Mißgeschick; aber die Auskunft, daß es zwischen den Bergen Goldminen gebe, wo das Gold nicht gesucht sei, weil die Eingeborenen keinen Wert darauf legten, erheiterten bald seine Mienen.

Und nun war es das ~Gold~, das den Gang der Entdeckungen beherrscht hat; das Aufsuchen neuer Länder wird jetzt ein Glücksgewerbe; Kolumbus ist nur der glücklichste und kühnste Spieler.

Denn kaum hat er die goldführenden Flüsse Haitis entdeckt, so ist sein Entdeckungsdrang stark abgekühlt, und er hat nur noch Sinn für die Hebung der Schätze.

Kaziken auf Haiti, mit denen Kolumbus sich angefreundet, bringen Goldklümpchen, Gewürze und andere Kostbarkeiten. Aus den Trümmern der Santa Maria läßt Kolumbus eine kleine Festung bauen, in der er mehrere seiner Matrosen und Handwerksleute, insgesamt neununddreißig Mann, die sich freiwillig erboten hatten, zurückläßt; zugleich versorgt er sie für ein ganzes Jahr mit Zwieback, Pulver und Geschützen. Die Zurückgebliebenen sollten inzwischen die Erzeugnisse des Landes kennen lernen, seine Metalle und Kräuter, sollten Sitten und Sprache der Indianer studieren, vor allem aber nie vergessen, Goldtausch zu treiben. Er hoffe, nach seiner Wiederkehr eine Tonne Goldes vorzufinden!

Am 4. Januar schied Kolumbus und wandte sich mit der gebrechlichen Nina nach Osten. Nach dem Schiffbruch der Santa Maria empfand Kolumbus das Fehlen der Pinta doppelt schwer, weil es zu gefährlich war, mit dem einzigen Schiffe längere Küstenfahrten zu unternehmen. Auch bedrückte ihn der Argwohn, Alonso Pinzon sei vielleicht nach Spanien vorausgeeilt, um den Hof gegen Kolumbus in feindliche Stimmung zu bringen. Am 6. Januar wurde indes die Pinta wieder gesichtet. Alonso kam an Bord der Nina und versuchte, mit unhaltbaren Entschuldigungen seine Entfernung zu beschönigen. Kolumbus durchschaute den Mann; er fand es aber für gut, seinen Groll bis zur Heimkehr zu verbergen; desto reifer wurde sein Entschluß, sich eines so unzuverlässigen Begleiters rasch zu entledigen.

Am 12. Februar erhob sich ein Sturm. In der Nacht zog ein Gewitter vorüber, die Gewalt des Windes steigerte sich am Tage, und die hohle See schleuderte die Fahrzeuge erbarmungslos umher. In der Nacht zum 14. Februar verschlimmerte sich die Lage immer mehr, und in diesen angstvollen Stunden verschwand die Pinta. Am Morgen des 15. Februar wuchs die Gefahr des fürchterlichen Sturmes in so hohem Grade, daß Kolumbus eine Pilgerfahrt gelobte. Inmitten dieser Wut der Elemente ängstigte Kolumbus auch der Gedanke, daß, wenn er nun unterginge, mit ihm auch sein großes Entdeckergeheimnis ins Meer sinken könnte, und seine Kinder dann nicht die Früchte seiner Mühsal ernten würden. Darum schrieb er einen Brief, in dem er die Ergebnisse seiner Entdeckung in kurzen Worten niederlegte. Er versiegelte das Pergament und verhieß dem glücklichen Finder ein Geschenk von tausend Dukaten, wenn er das Schriftstück uneröffnet dem kastilischen Hof überbringen würde. Und heimlich, ohne daß es das Schiffsvolk merkte, verwahrte er dieses Pergament in einer Tonne, die er ins Meer warf.

Erst jetzt lichtete sich der Himmel, und die See beruhigte sich ein wenig. Man sah zwar in der Ferne schon die bekannten heimatlichen Küsten, aber erst am 17. Februar konnte man sich ihnen nähern; ein ausgeschicktes Boot kundschaftete aus, daß man sich vor der Insel Santa Maria befand.

Hier aber, wo eine portugiesische Niederlassung den kaum dem Tode Entronnenen eine gastfreundliche Aufnahme versprach, fanden sie nur eifersüchtigen Argwohn, Hinterlist und Heuchelei. Nur mit Mühe entging Kolumbus diesen Nachstellungen und erlangte so viel, daß er seine notwendigsten Bedürfnisse an Holz, Wasser und Ballast hier einnehmen durfte. Aber bei der fortgesetzten Fahrt wurde seine Standhaftigkeit auf neue Proben gestellt, als ein noch wütenderer Sturm seinem elenden Schiffchen einen sicheren Untergang drohte. Er wäre unvermeidlich an der portugiesischen Küste gescheitert, hätte sich nicht gleichzeitig die Mündung des Tajo vor ihm geöffnet. Die Besorgnis, einer ungastlichen Behandlung zu begegnen, konnte ihn nicht abhalten, sich in den Nothafen zu flüchten. Hier am 4. März glücklich angelangt, gab der Admiral seinen Souveränen vor allen Dingen durch einen Eilboten, dann aber auch dem König von Portugal Bericht von seiner Ankunft und bat um die Erlaubnis, vor Lissabon ankern zu dürfen. Während die ganze Bevölkerung Lissabons sich erstaunt und voll freudiger Neugier an Bord seines Schiffes drängte, kam ein Brief vom Könige, der Kolumbus zu einem Besuche einlud. Mit allen Ehren seines hohen Ranges wurde Kolumbus empfangen. Er durfte sitzend erzählen und sein Haupt bedeckt halten. Der König Johann verriet durch nichts seinen Ärger über den Erfolg der Entdeckungsfahrt, und seine Reue, Kolumbus nicht in eigene Dienste genommen zu haben. Ganz nebenbei bemerkte der König, es sei wohl noch fraglich, ob nach den Verträgen, die zwischen Portugal und Spanien bestünden, die neuentdeckten Länder nicht doch im portugiesischen Machtbereiche lägen. Kolumbus erwiderte, ihm sei von solchen Verträgen nichts bekannt. Einige Höflinge, denen die Sorge des Königs Verdruß bereitete, erboten sich nun, mit Kolumbus Händel anzufangen, um ihn dann hinterrücks zu töten, im Glauben, daß durch den Tod des Admirals die Entdeckungsfahrten der Spanier überhaupt aufhören würden. Aber der König wies den Anschlag von sich und wollte Kolumbus sogar sicheres Geleit mit auf die Reise geben. Kolumbus zog es aber vor, zu Schiff nach Spanien heimzukehren. Mit seinen Matrosen, seinem Gold und den übrigen Schätzen und Merkwürdigkeiten, die er mitgebracht hatte, wollte er in demselben Hafen wieder einlaufen, von dem er ausgegangen war.

Inzwischen hatte der auf der Pinta vorausgeeilte Alonso Pinzon von der Entdeckung dem Könige bereits Mitteilung gemacht und bat um eine besondere Audienz. Der König ließ ihm aber kurzerhand zurückschreiben, er habe im Gefolge seines Admirals zu erscheinen. Diese königliche Ungnade brach Alonso das Herz; er starb einige Tage darauf, nachdem er diese Antwort erhalten hatte.

Am 15. März 1493 kam Kolumbus wieder auf der Reede von Palos an, wo er unter dem unbeschreiblichen Jubel der ganzen Stadt empfangen wurde, und am 21. März zog er unter gesteigertem Freudengeschrei des Volkes, unter Prozessionen und Glockengeläute in Sevilla ein, um vor seinen König zu eilen.

* * * * *

Ein Eilbote meldete den Majestäten, die damals in Barcelona Hof hielten, daß ihr Admiral aus der Neuen Welt glücklich zurückgekehrt sei und vor Begierde brenne, ihnen die Wunder der Neuen Welt vorzuzeigen.

Durch ein schmeichelhaftes Schreiben wurde er eingeladen, schleunigst an den Hof zu kommen; Mitte April traf Kolumbus ein. Von überallher strömten die Menschen zusammen, denn das Gerücht der unerhörten und geglückten Reise flog ihm voran. Sein Empfang war großartig, überwältigend; es war der glorreichste Tag seines Lebens; die glänzende Vergeltung für die Verkennung, Verspottung und das jahrelange Warten. In feierlicher Audienz, die auf dem Markte stattfand, wurde er empfangen; der König und die Königin, umgeben von den Großen des Reiches und von unzähligen Rittern aus Kastilien, Katalonien, Valencia und Aragon, erhoben sich zu seiner Begrüßung, reichten ihm die Hand zum Kusse und gestatteten, daß er sitzend von seiner Fahrt erzähle -- die höchste Ehre, die man ihm erweisen konnte.

Das dichterische Wort stand dem Admiral zu Gebote, und so schilderte er die Entfesselung des Weltmeers und die Entschleierung einer neuen Welt auf der bisher noch nicht betretenen Erdhälfte. Er zeigte die mitgebrachten Produkte vor: Goldkörner, Erzbarren, Bernstein, Baumwolle, Tabak, Zweige und Wurzeln von aromatischen und medizinischen Pflanzen, Aloe, Mastix, Rhabarber, Mais, Yams, Bataten; er führte gegen vierzig prächtig gefärbte Papageien und endlich seine sechs Indianer vor, die er mitgenommen hatte. Dann schilderte er die herrlichen Tropenlandschaften, die fruchtbaren Gefilde, die Gutartigkeit der Eingeborenen, von denen er die Überzeugung aussprach, daß sie bald würden zum Christentume bekehrt werden.

Kolumbus war für kurze Zeit der Meistgefeierte am spanischen Hofe und der Meistbewunderte der Zeitgenossen. Oft erschien der König zu Pferde, neben ihm zur Rechten der Thronerbe und zur Linken Kolumbus.

Um diese Zeit soll bei einer Tafel, deren Gäste die Entdeckung des Kolumbus anzweifelten, dieser ein Ei auf den Tisch gestoßen und gesagt haben: »So wie dies Ei hier auf dem Tische steht, so sicher habe ich die Neue Welt entdeckt.« Aber die Geschichte vom »Ei des Kolumbus« ist von A bis Z erfunden; schon Voltaire hat nachgewiesen, daß sie bereits fünfzig Jahre vorher in ganz anderem Zusammenhange passiert war.

Auf den Vorschlag des Kolumbus wurden sofort die Vorbereitungen zu einer neuen Fahrt, einem großen Kolonisationszuge, vorbereitet. In einem halben Jahre waren vierzehn Karavellen und drei Kauffahrer, also siebzehn Schiffe insgesamt, ausgerüstet und sehr große Summen zur Verfügung gestellt. Eine große Zahl von Edelleuten hatte sich zu dem abenteuerlichen Zuge erboten; Ordensgeistliche folgten ihnen, die als Glaubensbringer reisen wollten; Ackersleute, die in der Neuen Welt europäisches Getreide, Zuckerrohr und andere Kulturpflanzen anbauen sollten; man nahm die ersten europäischen Haustiere, besonders Pferde und Rinder, Schafe und Schweine, mit, die sich später in der Neuen Welt ungeheuer vermehrten; Bergleute kamen mit, um die Golddistrikte auszubeuten. Zimmerleute, Maurer und andere Handwerker sollten für die Bedürfnisse der Kolonisten sorgen. Eine ansehnliche Truppenmacht sollte die Ansiedler beschützen, darunter waren besonders zwanzig Lanzenreiter, die später der Schrecken aller Indianer wurden. Im ganzen gingen, die Matrosen mitgerechnet, mehr als fünfzehnhundert besoldete Menschen mit. Für die Lebensbedürfnisse war in umsichtigster Weise gesorgt; den Oberbefehl über alle hatte der Vizekönig von Indien, Christoph Kolumbus.

Aber das meiste mitgelaufene Volk sah sich in dem goldarmen Lande nur zu bald arg enttäuscht; es erschlaffte in dem feuchtwarmen Klima und bildete bald, da es arbeitsunfähig und unlustig war, eine verhängnisvolle Plage für das neue Land.

Der Reiz des Neuen und Wunderbaren liegt nicht mehr über der zweiten Reise des Admirals. Am 25. September ging die Flotte von Kadix aus unter Segel und steuerte nach den Kanarien. Schon am 3. November kam die erste Insel in Sicht, die Sonntagsinsel, Dominica, genannt wurde. Dann folgten Marigalante, Gudalupe, Monserrate. Vor der Insel Santa Cruz am 14. November angelangt, hatten sich in einem Kanu sechs menschenfressende Kariben, vier Männer und zwei Frauen, den Schiffen genähert und sie ein paar Stunden lang so starr und regungslos betrachtet, daß ihnen ein zurückkehrendes spanisches Boot unbemerkt den Weg nach dem Lande abschneiden konnte. Sobald die Wilden bemerkten, daß die Flucht unmöglich sei, griffen Männer und Weiber zu ihren vergifteten Pfeilen und fielen die fünfundzwanzig Spanier in dem Boote an, von denen sie zwei tödlich verwundeten. -- Das spanische Boot warf das Kanu endlich um, aber die Kariben, schwimmend und im Wasser den Kampf erneuernd, flüchteten behend ans Land, so daß die Spanier nur einen einzigen schwer getroffenen Kariben an Bord zurückbrachten.

Nachdem man noch einen großen Inselschwarm berührt hatte, wurde die Insel Puerto-Rico entdeckt. Am 27. November wurde die Stätte endlich erreicht, wo man vor kaum einem Jahre auf Haiti den Grund zu einer Kolonie gelegt hatte.

Hätte Kolumbus auch nicht sofort aus dem bangen Schweigen, das längs der Küste herrschte, eine dunkle Ahnung schöpfen müssen, so konnte ihn doch bei einem Landen der Anblick des völlig verödeten und gewaltsam durch Feuer zerstörten Forts über das traurige Schicksal der zurückgelassenen Landsleute nicht mehr im ungewissen lassen. Bald ergab sich aus den Berichten der Eingeborenen, daß die Weißen, sobald der Admiral sich entfernt hatte, sich allen rohen Eingebungen hingegeben hatten und die Eingeborenen durch Habgier und Gewalttätigkeit bis zum äußersten trieben; diese hätten ihr Joch aber trotzdem ertragen, wenn nicht ein feindlich gesinnter Kazike, der auf der Insel allgemein gefürchtet war, die Weißen überfallen und niedergemetzelt hätte. Da lagen nun die Habseligkeiten der Europäer jämmerlich umhergestreut; man stieß auf Leichen, über die seit etwa einem Monat hohes Gras gewachsen war.

Die Gegend von Navidad eignete sich wegen des Mangels an Steinen nicht zu einer Neugründung und auch die Ostküste, an der die Gründung der Stadt Isabella geplant war -- die Straßen waren schon abgesteckt und der Grundstein zu einer Kirche und einem Spital bereits gelegt -- mußte wieder verlassen werden, weil der dritte Teil der Einwanderer von heftigem Fieber befallen wurde. Ein Teil der Flotte und ein Teil der Kolonisten ging im Februar 1494 wieder nach Spanien zurück, so daß die Kolonie nunmehr nur noch neunhundert Köpfe zählte.

Unter ihnen gab es eine große Anzahl Mißvergnügter, die bei jeder Gelegenheit zur Meuterei gegen den Statthalter bereit waren. Auch gestaltete sich das Verhältnis zu den Eingeborenen höchst unfreundlich; Überfälle kamen oft genug vor und sie konnten nur durch die imponierende spanische Reiterei, die die Wilden mehr als den lebendigen Teufel fürchteten, zurückgeworfen werden.

Am 24. April brach Kolumbus zur weiteren Erforschung der Länder mit drei Schiffen auf; vor allem wollte er Gewißheit darüber haben, ob Kuba ein Festland oder eine Insel sei. Unter Androhung von Peitschenhieben für jeden späteren Widerspruch, läßt er seine Mannschaft eine Urkunde beschwören, daß sie Kuba für einen Teil des asiatischen Festlandes halte. Damit ist für ihn die Auffindung des Seewegs nach Indien erledigt, und er kehrt wieder zu seinen Goldwäschereien auf Haiti zurück. »+Time is money+«, könnte beinahe ein kolumbisches Wort sein.

Die Anstrengungen der Reise, die Schlaflosigkeit, zu der ihn die Pflicht der äußersten Wachsamkeit gebieterisch zwang, hatten die Kräfte des Admirals so erschöpft, daß er von Bewußtlosigkeit und Ohnmachten befallen wurde, weshalb man im höchsten Grade um ihn besorgt war. Man eilte nach Isabella und ließ am 29. September die Anker fallen. Kolumbus verfiel aber in eine Krankheit, die ihn fünf Monate aufs Lager warf.

Im Frühjahr 1496 kehrte Kolumbus mit etwa zweihundert untauglichen Ansiedlern, die der Kolonie teils durch ihren Müßiggang, teils durch ihre Widersetzlichkeit und teils durch Krankheit zur Last fielen, in die Heimat zurück.

Am 11. Juni landete er wieder in Kadix und begab sich sofort an den Hof nach Burgos. Er benützte diese Reise wieder dazu, die vermeintlichen Schätze Indiens in öffentlichem Gepränge zu zeigen, mit dem er in die Städte einzog; namentlich mußten sich die mitgenommenen Indianer mit den Goldfunden schmücken.

Und nun dauerte es bis zum Mai 1498, ehe Kolumbus seine ~dritte~ Reise antreten konnte. Aber da er sich krank fühlte und augenleidend war, brach er seine Fahrt an der Küste von Venezuela ab, um nach Haiti zu gehen, wo unterdessen sein Bruder die Stadt San Domingo angelegt hatte, die älteste europäische Ansiedelung in Amerika, die noch heute besteht. Am Hafen dieser Stadt ragt noch heutigestags ein Baum empor, an dem Kolumbus sein Schiff mit Tauen befestigt haben soll.

Die folgenden beiden Jahre waren für Kolumbus die schwersten seines Lebens; sie bedeuten den Zusammenbruch seiner königlichen Machtbefugnisse. Er hatte das Zepter des Vizekönigs in der Hand und sollte es nun mit schmachvollen Ketten vertauschen.

Kolumbus fand die Kolonie in vollem Aufruhr; der Oberrichter Franzisco Roldan, der seinen hohen Rang nur der Gunst des Kolumbus zu danken hatte, stand an der Spitze der Aufwiegler. Kolumbus bestrafte ihn, mußte ihn aber schließlich wieder in sein Amt einsetzen. Allerlei böse Gerüchte, die über Kolumbus in Umlauf gesetzt wurden, erreichten sogar die Ohren der spanischen Majestäten, und um dem Gerede zu steuern, hatte Kolumbus um einen bevollmächtigten königlichen Untersuchungsrichter gebeten. Und so wurde denn Franzisco de Bobadilla nach Haiti geschickt, dem selbst Kolumbus, der Vizekönig, Gehorsam zu leisten hatte, der sich aber vom ersten Augenblick an als ein Feind des Kolumbus erwies. Dicht wie ein Heuschreckenflug regneten nun die meist ungerechten und unbegründeten Anklagen der Kolonisten auf Kolumbus herab, so daß dem Untersuchungsrichter dadurch eine willkürliche Handhabe geboten war, Kolumbus zu bestrafen. Er ließ ihn in Ketten werfen und schaffte ihn mitsamt seinen beiden Brüdern nach Europa, wo sie im November 1500 ankamen.

Kolumbus war durch die Schmach, die man ihm angetan und durch die Verletzung seiner Privilegien tief gebeugt; er war gebrochen und der überaus stolze Mann hat diesen jähen Sturz nie mehr überwinden können. In Spanien machte die Demütigung des großen Entdeckers ungeheures Aufsehen und auf die Majestäten einen geradezu peinlichen Eindruck. Sie hatten nicht gewollt, daß der Vizekönig so schmachvoll behandelt werde. Sie gaben daher sofort Befehl, Kolumbus zu befreien und ihn mit allen gebührenden Ehren auszuzeichnen. Man schickte ihm zweitausend Dukaten, seine nächsten Bedürfnisse, die sein Rang erheischte, zu bestreiten. Er kam vor den Thron und als er vor Ferdinand und Isabella sein Knie beugte, erstickte heftiges Schluchzen seine Rede. Die Monarchen ließen ihn aufheben und gaben sich Mühe, ihn zu besänftigen, indem sie jede Ermächtigung zu Bobadillas Roheit ableugneten und dem Admiral den vollen Genuß seiner Würden und Privilegien zusicherten. Außerdem ernannten sie einen neuen, unparteiischen und gerechten Schiedsrichter in der Person des Nicolas de Ovando, der im Februar 1502 mit einer ansehnlichen Truppenmacht hinüberging. Bobadilla war freie Rückreise nach Spanien zugesichert; Roldan und sein aufwieglerischer Anhang wurde aber gefangengenommen.

So war die Ruhe bald wiederhergestellt. Und um Kolumbus wieder seinem eigentlichen Berufe zuzuführen, gewährte man dem Admiral, wie er es gewünscht, zum ~vierten~ Male einige Schiffe, damit er seine Entdeckung weiterführen könne. Am 9. Mai 1502 brach er mit vier kleinen Karavellen von Kadix wieder auf. Auf dieser Fahrt begleitete ihn sein Bruder Bartholomäus und sein dreizehnjähriger Sohn Ferdinand.

Bis zum 15. Juni hatte er eine glückliche Fahrt und erreichte leicht die Kette der kleinen Antillen bei der Insel Martinique. Der neue Statthalter Ovando war gerade im Begriff, die erste größere Goldfracht von zweihunderttausend Goldpesos (also zirka zwei Millionen Mark) nach Spanien zu senden, als Kolumbus ihn bat, die Reise um acht Tage zu verschieben, weil ein furchtbarer Orkan bevorstehe, den Kolumbus aus den Sternen, deren er kundig war, vorausgesagt hatte. Aber seine Warnung wurde in den Wind geschlagen. Die Flotte lief aus, geriet wirklich in einen Orkan, und zwanzig Schiffe gingen mit Mann und Maus unter. Unter den Opfern befanden sich auch die Feinde des Kolumbus, Bobadilla und Roldan. Als Kolumbus später davon erfuhr, hielt er es für ein Gottesgericht, das seine Gegner bestrafte.

Am 14. Juli segelte Kolumbus weiter und erreichte Ende des Monats die Insel Guanaja im Golf von Honduras. Dort stieß er unerwartet auf das erste Kulturvolk der Neuen Welt, auf etwa fünfundzwanzig Handelsleute vom Mayastamme, die mit einer großen Barke dreißig Meilen über See gekommen waren. Sie hatten ihre Frauen und Kinder mit an Bord; das Schiff hatte ein schattiges Dach von Palmenzweigen zum Schutz gegen Regen und Sonne. Ihre Waren bestanden in buntgefärbten und gewirkten Baumwollentüchern und ebensolchen Hemden ohne Ärmel und Schürzen, Holzschwertern, deren Schneide durch Splitter gebildet wurde, kupfernen Beilen zum Holzfällen und kupfernen Schüsseln und Schellen. Als Geld dienten ihnen Kakaobohnen, von denen sie einen großen Vorrat mit sich führten. Ihre Lebensmittel waren Mais und eßbare Wurzeln. Sie waren furchtlos, aber von großer Schamhaftigkeit.

Kolumbus fragte auch sie nach dem Goldlande und man wies ihn nach dem Süden. Aber die Fahrt dahin brachte Sturm, Unwetter, Gefahren und Enttäuschung; erst am 12. September wurde das Wetter günstiger. Am 25. September kam Kolumbus zum Indianerdorfe Kariai; hier hielt er Rast, um die Schiffe, die durch den Sturm arg gelitten hatten, wieder flott zu machen. Am 5. Oktober steuerten die Schiffe weiter, aber an der Küste von Veragua überraschte sie ein Sturm, wie sie ihn bisher noch nicht erlebt hatten. Noch nie hatte man das Meer so hoch, so fürchterlich, so mit Gischt bedeckt gesehen. Die Schiffe wurden in der See festgehalten, die wie ein Kessel über starkem Feuer kochte. »Der Himmel sah ganz entsetzlich aus und flammte Tag und Nacht wie ein Schmelzofen; die Blitze zuckten derart, daß man fürchten mußte, Segel und Masten würden davon versengt. Die Donner rollten so grauenhaft, daß wir Angst hatten, samt und sonders mit den Schiffen verschlungen zu werden. Dabei stürzte der Regen wie eine Sündflut nieder. Die Mannschaft, die kaum etwas Eßbares hatte -- denn der Schiffszwieback war voller Würmer -- war so ermattet, daß sie den Tod als eine Erlösung aus diesem Jammer ansah. Die Schiffe verloren zweimal ihre Schaluppen, Anker, Takelage und waren ohne Deck und ohne Segel.« Zum Unglück waren die wurmzerfressenen Schiffe noch überdies seeuntüchtig.

Erst im Februar 1503 schlug das Wetter um. Während Kolumbus an Bord blieb, erforschte sein Bruder das Land und fand überall reiche Goldspuren. Kolumbus wollte hier eine Niederlassung gründen; sein Plan wurde aber durch Indianer vereitelt, die die Spanier angriffen und sie zwangen, sich auf ihre Schiffe zurückzuziehen. Eine Karavelle blieb als seeuntüchtig am Lande zurück; mit den übrigen drei Schiffen trat Kolumbus den Heimweg an. Es war Ende April. Auf weitere Entdeckungsfahrten konnte Kolumbus nicht ausgehen; er litt zu sehr unter den wilden Stürmen, die sich immer wiederholten und seinen Schiffen so zusetzten, daß er sich endlich gezwungen sah, um das nackte Leben zu retten, alle Schiffe auf den Strand von Jamaika laufen zu lassen. Die Schiffe, die bereits große Löcher hatten und deren Wände aussahen wie Honigwaben, füllten sich rasch bis zum Deck mit Wasser, so daß die Matrosen nur noch das Verdeck zum Aufenthalt benutzen konnten. Anfangs erwiesen die Indianer sich freundlich und lieferten Lebensmittel und Boote; später aber verweigerten sie dies, bis Kolumbus klugerweise eine gerade eintretende Mondfinsternis benutzte, um den abergläubischen Indianern mit dem Zorne des Himmels zu drohen. Das half denn auch. Dann galt es wieder, eine gefährliche Meuterei zu unterdrücken, die erst im Mai 1504 mit der Niederlage der Empörer endigte. Sechs Wochen später schlug die Stunde der Erlösung. Der Statthalter Ovando hatte von St. Domingo Hilfe geschickt, und im September kehrte Kolumbus endgültig in die Heimat zurück, um die Neue Welt nie wieder zu betreten. Ende November landete er in Kadix als ein Schiffbrüchiger.

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