Kulturhistorische Charakterbilder
Part 2
Jetzt erst schien es, als hätte das Schicksal Kolumbus, nach all dem vergeblichen Warten und Hoffen, den Becher der Verzweiflung zum Trunke gereicht. Jetzt erst sah er sich von seinem Ziele weiter entfernt denn je; er fühlte sich grenzenlos unglücklich und erschüttert. Jetzt erst wollte er Spanien verlassen und wollte nach England oder Frankreich. Er kehrte nach dem Kloster La Rabida zurück, wo er seinen Sohn in der Obhut des Priesters zurückgelassen hatte, um ihn nun zu sich zu nehmen. Aber der Prior, tief bekümmert über das Mißgeschick des Freundes, gab die Sache des Kolumbus trotzdem noch nicht verloren. Er hielt Kolumbus zunächst im Kloster zurück und schickte einen Piloten mit einem warmen Empfehlungsbrief zur Königin. Und die Entscheidung lautete günstig. Der Prior wurde zur Königin befohlen und hier führte er die Sache des Kolumbus so beredsam, daß sie beschloß, wieder von neuem zu verhandeln. Vorläufig schickte sie ihm dreiundfünfzig Dukaten, damit er anständig vor ihr erscheinen könne.
Um diese Zeit sah sich auch Spanien auf dem Gipfel seiner Größe. In König Ferdinand wurden Hochsinn und Ehrgeiz wach, und er hoffte durch Kolumbus zu unberechenbarem, neuem Glanze zu kommen. Man verhandelte nun ernstlicher mit ihm und stellte ihm für seine Fahrt drei gut ausgerüstete Schiffe in Aussicht. Nach seinen Ansprüchen befragt, gab er dieselben maßlosen Forderungen an, wie ehedem dem Könige von Portugal. Er will die höchsten spanischen Würden und die Macht des Vizekönigs in den neu zu entdeckenden Ländern. Er ist außerdem ein tüchtiger Geschäftsmann. Von allen Perlen und Edelsteinen, von Gold und Spezereien, von allem, was Handelswert hat, will er zehn Prozent. Er will das Amt des höchsten Richters üben und alle Handelsprozesse führen, die zwischen Spanien und dem Lande seiner Phantasie entstehen werden. Anfangs findet man diese Forderungen unangemessen, übermütig, ausschweifend; endlich aber, nach Befürwortung und Anfeuerung durch den Schatzmeister, bewilligt man ihm -- zu seinem Unglück -- alles. Welch eine Meinung hat er nun von sich! »Gott machte mich zum Gesandten eines neuen Himmels und einer neuen Erde.«
Und jetzt gehen die Dämonen in ihm auf Raub aus. Eine unersättliche Geldgier und eine kleinliche Habsucht erfüllen ihn; er wird doppelzüngig und grausam; er wird anmaßend und prahlerisch.
Man hatte ihn nun zum Admiral ernannt und sofort in den Adelstand erhoben. Die Ausrüstung der Schiffe wurde eilig betrieben; der nahe Hafen von Palos war als Ausfahrtspunkt gedacht. Die Schiffsmannschaft sollte in königlichen Sold genommen werden, aber genügend wackere Matrosen und Steuerleute zu beschaffen war nicht so leicht. Die kühnsten Seeleute schreckten bei dem Gedanken zurück, eine Fahrt ins Ungewisse, Grenzenlose, Ziellose zu tun. In den Märchen war ja erzählt worden, daß manche Kaufleute fünfzig Jahre und länger auf dem Meere geradeaus fuhren, ohne je eine Insel erreicht zu haben. Eine solche Fahrt ~mußte~ sie ins Verderben führen, und daher war die Angst davor so groß, daß selbst scharfe Strafbefehle nicht die Wirkung hatten, genügende Seeleute anwerben zu können. Niemand wollte sein Leben dem fremden italienischen Pläneschmied anvertrauen, der mit weiß Gott was für Teufelskünsten den König beredet hatte.
Erst als ein gewisser Pinzon und sein Bruder, deren Erfahrungen auf dem Meere man sehr hochschätzte, versprochen hatten, die ungeheuerliche Fahrt mitzumachen, wirkte deren Beispiel so ermutigend, daß die Schiffe schließlich doch segelfertig gemacht werden konnten.
Die gesamte Ausrüstung der drei Schiffe zählte mit Inbegriff der Steuerleute, der königlichen Beamten, Ärzte, einiger Freiwilliger vom Kriegshandwerk und neunzig Matrosen, alles in allem hundertzwanzig Köpfe. Mehr waren an der ganzen andalusischen Küste für dieses Unternehmen, trotz guter Beispiele, gutem Sold und großer Überredung, nicht zu gewinnen. Und selbst unter diesen hundertzwanzig Leuten kamen weitaus die meisten nur sehr widerwillig mit und nur, weil man Gewalt angewendet hatte.
Die Hafenstadt Palos mußte die Schiffe stellen und ausrüsten, Sevilla hatte den Auftrag, Waffen und Proviant zu liefern. Das Flaggschiff, die Santa Maria, wollte Kolumbus selbst führen; das zweite Schiff, die Pinta, stand unter dem Befehl der beiden Brüder Pinzon; das dritte Schiffchen, die Nina, wurde von einem anderen Pinzon kommandiert. Die Santa Maria maß etwa zweihundertundachtzig, die Pinta hundertundvierzig, die Nina höchstens hundert Tonnen.
Endlich, nachdem Kolumbus und die gesamte Mannschaft in der Kirche den Segen Gottes erfleht hatten, und jeder die heiligen Sakramente empfangen hatte, wurden am Freitag, dem 3. August 1492, morgens acht Uhr, die Anker gelichtet und unter Herzklopfen der Scheidenden und der Zurückbleibenden verließen die Schiffe die vaterländische Küste, um einer ungewissen Zukunft entgegenzusegeln.
* * * * *
Kolumbus schlug den Weg nach den Kanarischen Inseln ein. Aber schon während dieser Fahrt mußte sich ihm die Besorgnis aufdrängen, daß seine Schiffsmannschaft in einer Anwandlung von Furcht und Reue widersätzlich werden und auf Umkehr dringen könnte. Diese Befürchtung war nicht grundlos. Schon am dritten Tage zerbrach das Steuerruder der Pinta, und man schöpfte Verdacht, daß die beiden Seeleute, denen das Schiff gehörte, den Schaden absichtlich herbeigeführt hätten, um das Fahrzeug ~vor~ der gefährlichen Reise in Sicherheit zu bringen. Der Schaden war nur schwer wieder gut zu machen, aber der Kapitän Alonso Pinzon verlor den Mut nicht; es gelang ihm, das Schiff nach der Insel Lanzerote zu bringen, wo die notdürftige Ausbesserung mehrere Wochen in Anspruch nahm. Während dieses unfreiwilligen Aufenthaltes wurde ein Vulkanausbruch auf Teneriffa beobachtet, der allgemeine Verwunderung erregte. Das Schiffsvolk begann zu murren und über die unbequemen Arbeiten zu klagen; sie waren der Reise schon überdrüssig, ehe sie noch recht begonnen hatte.
Erst am 6. September konnte das kleine Geschwader die Reise fortsetzen; es segelte an Ferro, der Eiseninsel, vorbei, den drei portugiesischen Karavellen geschickt ausweichend, die die Schiffe des Kolumbus aufhalten sollten, um die Expedition zu vereiteln. Ferro war die letzte Insel der bekannten Welt, und Kolumbus fühlte sich, im Gegensatz zu seinen zaghaften, in Tränen aufgelösten Gefährten, erst jetzt wohl. Die Entmutigten feuerte er durch verlockende Reden von den zu erwartenden Reichtümern an, an die er selber glaubte; den Unterbefehlshabern gab er bestimmte Weisungen über die Richtung, die einzuhalten war. Von jetzt ab führte der Admiral, wie er selber angibt, ~zweierlei~ Tagebücher; eins für sich, in das er die ~wirkliche~ Meilenzahl verzeichnete, die durchsegelt worden war, und ein anderes ~offen~ liegendes, sogenanntes Schiffsjournal, worin er die zurückgelegten Strecken kürzer angab, damit die Mannschaft durch die weite Entfernung von der Heimat nicht den Mut verlieren sollte.
So segelten sie mehrere Tage dahin; es wurde aber schlecht gesteuert, so daß sie ein wenig von der Richtung abwichen. Am 13. September entdeckte Kolumbus die westliche Abweichung der Magnetnadel, die sogenannte »Deklination der Magnetnadel«, die ihn sehr beunruhigte. Was mußte nun aus ihnen werden, wenn der einzige sichere Führer in der weiten Wasserwüste sich so unzuverlässig zeigte? Es gehörte des Admirals ganze Besonnenheit und Geistesgegenwart dazu, die beunruhigende Erscheinung seinen Matrosen als eine unwichtige Sache hinzustellen. Am 14. September sahen die Leute von der Nina eine Seeschwalbe und einen Tropikvogel; am 15. fiel in geringer Entfernung von den Schiffen eine prachtvolle Feuerkugel ins Meer. Alle diese Dinge verwirrten und betrübten das Schiffsvolk, das hierin Himmelszeichen sah, daß die Reise schlecht ablaufen würde. Am 16. trübte sich der Himmel, und es fiel ein starker Regen. Von nun an war das Klima völlig umgeschlagen; die Morgen waren lieblich wie in Andalusien; es fehlte nur noch das Singen der Nachtigall. Der Himmel war von silberumsäumten Wolken bezogen, die Luft war mild und klar. Am selben Tage sah man auch das Meer mit zahllosen Büscheln von treibendem Seetang bedeckt, der so frisch und grün aussah, daß man meinte, das Kraut könne erst vor kurzem vom Lande losgerissen sein; es müssen also -- glaubte man -- Inseln in der Nähe sein.
Beim Anblick dieses treibenden Tanges, des Sargassun, begann das Schiffspersonal wieder aufzubegehren; es murrte über den langen Weg, der kein Ende nehmen wollte. Die Tage wurden länger, die Meeresflächen erschienen wieder größer, die Ungeduld wuchs und schwoll und entlud sich in offener Empörung gegen Kolumbus. Aber als man auch glücklich über die schwimmenden Grasstrecken hinweggesegelt war, legte sich die Besorgnis ein wenig.
Doch tags darauf zeigten sich neue Grasinseln; man fing eine Krabbe zwischen den Büscheln, die Kolumbus mit dem Bemerken aufbewahrte, daß nun das Land wohl in der Nähe sein müsse. Das Seewasser war auch nicht mehr so salzig, wie bei den Kanarien.
Am 18. September eilte die Pinta etwas voraus, weil der Admiral gesagt hatte, er hoffe noch in dieser Nacht Land zu sehen, und weil die Königin demjenigen eine Prämie von zehntausend Maravedis (zweihundertundsiebenundfünfzig Mark) ausgesetzt hatte, der zuerst Land erblicken würde. Diese Zuversicht wurde noch dadurch verstärkt, daß sich im Norden eine dichte Wolkenbank lagerte, die man anfangs für Land hielt. Am 19. September herrschte Windstille. Ein Pelikan, der nie weitab vom Lande fliegt, kam auf das Hauptschiff; ein Sprühregen fiel ohne Wind; das alles schienen Anzeichen, daß Land nahe sei. Kolumbus glaubte an links und rechts liegenden Inseln vorbeigefahren zu sein, und zwar mit Absicht, weil er seinem Vorsatz getreu bleiben und zuerst den Weg nach Indien fortsetzen wollte. Auf dem Rückwege hatte er ja Zeit genug, alles aufzusuchen.
Am nächsten Tage wurden wieder Pelikane gesehen, ein Pajaro, ein möwenähnlicher Flußvogel, wurde gefangen; morgens kamen auch kleine Vögel heran und sangen. Die Vögel flößten den Schiffern Mut ein.
Den folgenden Tag herrschte Windstille; ungeheure Grasmassen segelten vorbei; ein Walfisch wurde gesichtet. Das Meer war glatt, die Luft wundervoll.
Am 23. September erhob sich ein widriger Wind und Sturmvögel umkreisten die drei Schiffe. »Dringend bedurfte ich den heutigen Gegenwind,« schreibt Kolumbus in sein geheimes Tagebuch, »denn mein Schiffsvolk war höchst beunruhigt und besorgt, daß auf jenen Meeren keine Winde zur Rückkehr nach Spanien wehten.«
Es ist nicht zu verwundern, daß die Leute immer wieder von neuem von ihrer Angst und Einbildung gepeinigt wurden. Sie waren ja nur gewohnt, Küstenschiffahrt zu treiben, wobei man nie das Land aus den Augen verlor. Und nun segelten sie schon ununterbrochen seit mehr als vierzehn Tagen durch den scheinbar endlosen westlichen Ozean, ohne daß man einer Felsklippe begegnet wäre. Nichts als Meer und Himmel, Wolken und Wellen, Luft und Wasser.
Die Schiffe hielten bald nach Nordwest, bald wieder nach West. Das Meer ging ungeheuer hoch, so daß diejenigen, die erst ob des Mangels an Wind murrten, nun wieder glaubten, man werde bei dem Sturm elend umkommen.
An diesem Tage kam auch eine Turteltaube auf das Admiralsschiff, sowie Pelikane, Rohrsperlinge und andere weiße Vögel, und in dem Meergras fand man wieder mehrere Krabben.
Von nun an besuchten das Schiff fortwährend Pelikane und man tötete große Fische mit der Harpune. Anstatt aber von all diesen Anzeichen, die nahes Land hoffen ließen, freudig bewegt zu sein, wurde die Mannschaft des Kolumbus um so ungeduldiger und ungehaltener. Noch immer erklärten die meisten Matrosen die Fahrt für eine große Torheit, die dem Selbstmord gleichkäme. Die Unzufriedensten traten heimlich zusammen und murrten untereinander, bis sich endlich eine fast allgemeine Stimme des Vorwurfs erhob, daß der tollkühne Ehrgeiz eines Einzelnen das Leben so Vieler nur schon zu lange gefährde und ferner nicht zu dulden sei. Die Verwegensten deuteten an, daß man sich, falls der Admiral nicht in sofortige Rückkehr willige, des wahnwitzigen Urhebers so vieler Drangsal leicht entledigen und ihn über Bord werfen würde. Kolumbus entging diese meuterische Stimmung nicht; allein, er verzagte nicht und setzte seine ganze Hoffnung darauf, daß er endlich siegen werde. Zum Glück rief ihm noch der Führer der Pinta am folgenden Tage freudig erregt zu, er habe Land gesehen, und diesmal sei eine Täuschung ausgeschlossen. Kolumbus kniete nieder, um Gott zu danken, während die ganze Mannschaft aller drei Schiffe ein frommes Kirchenlied anstimmte. Man erkletterte die Masten und das Takelwerk und alle stimmten darin überein, Land gesehen zu haben. Alle Mann blieben bis zur Nacht auf Deck. Das Meer war so still, daß viele Matrosen hineinsprangen, um zu baden.
Aber als Kolumbus am 26. September gesehen hatte, daß Pinzon abermals einer Täuschung erlegen war und eine Wolkenbank für das ersehnte Land gehalten hatte -- eine Täuschung, die um so gefährlicher war, weil sie alle freudig gestimmt hatte -- bemächtigte sich der Mannschaft eine tiefe Niedergeschlagenheit.
Kolumbus segelte vertrauensvoll nach Westen weiter. Am 30. September begegnete man so großen Vogelschwärmen, daß sich alle darüber verwunderten, weil so große Schwärme sonst nur am Lande angetroffen wurden.
Von der Insel Ferro gerechnet war man nun bis 1. Oktober etwa sechshundert Meilen gesegelt.
Auch in den folgenden Tagen war das Meer glatt und ruhig, und obwohl die Anzeichen von Landesnähe sich immer mehrten, hatte die Mannschaft allen Glauben an eine glückliche Beendigung der Fahrt verloren. In wildem Trotz begehrten sie augenblickliche Umkehr. Wieder wollte Kolumbus die erregten Gemüter beschwichtigen; aber als sie sogar sein Leben zu bedrohen begannen, erklärte er energisch, daß ihn keine Gewalt der Erde bewegen könne, sich den Befehlen des Königs zu widersetzen und daß er, sobald das Land erreicht wäre, das unfern sei, von seinem Rechte als Vizekönig Gebrauch machen und die Aufwiegler nach Verdienst bestrafen werde.
Aber dieser stolze Mut hätte Kolumbus trotzdem nicht viel genützt, wenn tags darauf nicht wirklich Dinge aufgefischt worden wären, die zweifellos darauf schließen ließen, daß die Versprechungen des Kolumbus nun in Erfüllung gehen würden. Völlig frische Süßwassergewächse, bekanntes Sumpfrohr, grüne Zweige mit daranhängenden Beeren, ein künstlich geschnitzter Stab und andere Dinge schwammen vorüber. »Es war um zehn Uhr nachts,« heißt es im Tagebuch, »als ich vom Hinterkastell aus ein Licht erblickte. Es blinkte aber so unsicher, daß ich mir nicht getraute, auf Land zu schließen. Ich rief jedoch den Bettmeister des Königs herbei und sagte ihm, ich hätte Licht gesehen, ob er's nicht auch entdecke? Er schaute hinaus und erkannte es.«
Kolumbus ermahnte nun die Mannschaft, nach dem üblichen Abendgesang, wachsam nach Land auszuspähen, und er versprach auf eigene Kosten dem ersten Landausrufer noch ein seidenes Wams zu dem Gnadengeschenk der zehntausend Maravedis. Auf der Pinta war die überraschte Neugier und Freude noch größer. Das Schiff segelte rasch voraus und als es zwei Uhr nachts war -- Freitag der 12. Oktober war angebrochen -- entdeckte Juan Rodriguez Bermejo das heiß ersehnte Land. Er stürzte auf das erste beste Geschütz zu, um das verabredete Signal zu geben, und indem er feuerte, rief er seine Freude in die helle Nacht hinaus. Die Schiffe zogen ihre Segel ein und trieben langsam dem Lande zu.
* * * * *
Als es Morgen geworden war, betrat Kolumbus die neue Erde, eine niedrige Insel mit üppiger Vegetation, deren Ufer von nackten kupferfarbigen Menschen bedeckt waren, die den Spaniern mit Staunen entgegenblickten.
»Ihr Wuchs ist tadellos und voller Reize,« beschreibt Kolumbus seinen ersten Eindruck; »Freundlichkeit spricht aus ihrem Antlitz. Sie bemalen sich bald weiß, bald schwarz, bald bunt, die einen den Körper, die anderen das Gesicht, etliche nur die Nasen oder Stellen um die Augen. Sie führen keine Waffen und kennen sie so wenig, daß sie meinen Degen bei der Klinge faßten und sich schnitten. Ihre Stäbe haben an der Spitze einen Fischzahn statt eines Eisens.«
Als der erste am Strande sinkt der Admiral auf die Knie; seine Begleiter folgen ihm. Dann nimmt er unter Entfaltung der Kreuzesfahne und mit allen feierlichen Gebräuchen im Namen seiner königlichen Gebieter Besitz von der Insel, der er den Namen ~St. Salvador~ beilegt; die Eingeborenen nennen sie Guanahani. Kolumbus läßt sich alsdann von seinen Begleitern als bestallter Großadmiral und Vizekönig den Treueid leisten. Begeistert und von widersprechenden Gefühlen bezwungen, drängt sich die Schar um ihren Führer, der nun in ihren Augen als ein höheres Wesen erscheint. Die Eingeborenen fassen bald Vertrauen genug, sich diesen weißen bärtigen Männern zu nähern, die, in beflügelten Häusern schwimmend, vom Himmel herabgestiegen zu sein scheinen, und es beginnt bald ein freundschaftlicher Verkehr, der durch allerhand kleine Geschenke recht lebhaft wird. Kolumbus wird jetzt der Mann großer Gesten und kleiner Schliche. Er zankt sich zum Beispiel mit dem glücklichen Matrosen Rodriguez herum, der zuerst Land erblickt hat, ~er selber~ hätte zuerst Land gesehen; er gibt dem Matrosen infolgedessen das Versprochene nicht, läßt es sich vielmehr selber auszahlen. An Land gestiegen, singt er mit seinen Matrosen vor Freude und innerer Bewegung ein Tedeum, und, religiöse Worte auf den Lippen, ist sein Herz schon mit den goldenen Nasenringen beschäftigt, die er den Ureinwohnern abnimmt, um ihnen Glasperlen dafür zu bieten. Hier ist Kolumbus mehr Wucherer als Gottesbote. Denn für diesen hält er sich. »Die heilige Trinität bewog Eure Majestät zu dem Unternehmen nach Indien,« schreibt er an den spanischen Herrscher, »und durch ihre unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu verkündigen. Deshalb kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Eurer Majestät wie zu den mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im Glauben übten und so viel für seine Verbreitung taten. Trotz allen Ungemachs, das mir widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung gelingen würde, und beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen wird, ausgenommen das Wort Gottes. Und in der Tat, Gott spricht so klar von diesen Gegenden durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen der Heiligen Schrift, wenn er versichert, daß von Spanien aus sein heiliger Name solle verbreitet werden.«
Nein, unser Gottgesandter, den man mit dem Apostel Thomas verglichen hat, ist nach seiner Landung nicht großzügig. Diese Insulaner sind dumm und harmlos, folglich sind sie eine gute Handelsware. »Diese gutartigen Menschen müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben,« schreibt er in sein Tagebuch. Er wird denn auch wirklich der Protektor des Sklavenhandels.
Kolumbus begreift bald, daß es auf Salvador nicht Gold genug geben werde, nach welchem sowohl er wie seine Begleiter so gierig sind. Denn das Gold sollte ja der Lohn sein für die großen Gefahren, in die sie sich begeben hatten. Die Eingeborenen zeigten nach Süden und nach zweitägigem Aufenthalt auf dieser zuerst betretenen Insel eilt Kolumbus weiter, nimmt aber etliche Eingeborene mit an Bord, die ihm von Insel zu Insel den Weg zeigen sollen. Die zweite Insel, die Kolumbus betritt, tauft er ~Santa Maria de la Conception~. Aber da das Volk hier ebenso arm ist wie auf Salvador, eilt er zur dritten Insel, der er den Namen ~Fernandina~ gibt, und die seine Begierde nach Gold ebenfalls enttäuscht, und dann zur vierten Insel, die er ~Isabella~ tauft (jetzt Crooked Island genannt), um am 24. Oktober nach Kuba zu steuern, das Kolumbus für Zipangu (Japan) hielt, das lang ersehnte Märchenland, wo es so viel Gold geben sollte, wie bei uns Steine.
Es war die Zeit, in der der Herbstregen seinem Ende naht. Die tropische Natur prangte in voller Üppigkeit. Kolumbus wird nicht satt, die Nachtigallenschläge zu belauschen, die laue indische Luft dem andalusischen Frühling zu vergleichen und die üppige Wildnis am krautbedeckten, feuchten Ufer, den Reichtum an Pflanzengestalten in den durch Papageienschwärme belebten tropischen Wäldern zu bewundern. Jede neue Insel steigt ihm lieblicher aus dem Wasser; sie ist ihm schöner als die früheren; die schönste, die er bisher gesehen. Die Berge auf Kuba erinnern ihn an die duftigen Bauwerke arabischer Moscheen. Empfänglich für jeden Liebreiz der Natur und alle holden Wunder der Schöpfung, blickt er auf die tropische Herrlichkeit fast wie ein zärtlicher Vater. Berauscht von seinem Erfolge, glaubt er, die Wälder stünden voller Mastixbäume; er sieht Perlenbänke in der See und Gold im Metallglanze der sandigen Flußbetten, und er vermeint schon alle unfaßlichen Träume von einem glückseligen Indien zu erblicken. Seine Schilderung von der Entdeckung Kubas ist ein Gemisch von begeisterten Worten über die Pracht des Landes und über seine Hoffnungen, Gold zu finden. Natur? Ja, sie ist schön. Sehr schön sogar, aber er will Gold. Es ist schön von den Palmen, daß sie Kokosnüsse tragen; sie bringen ihm Geld und der Botanik eine neue Erkenntnis. Die Sitte des Rauchens herrscht bei diesem fremden Volke; nach Europa verpflanzt, wird diese unbekannte Sitte Geld einbringen. Auf der Globuskarte Behaims liest Kolumbus: »Hie findt man vil merwunder von serenen.« Praktisch, wie er ist, sucht er nicht lange nach den Sirenen, sondern begnügt sich mit gewöhnlichen Fischen. Welch erstaunliche Kraft und imposante Größe gibt ihm seine Geldsucht! Er erträgt übermenschliche Anstrengungen; er schläft zweiunddreißig Nächte hintereinander nicht; Gewitter und Stürme finden ihn immer auf seinem Posten; die Malaria schüttelt ihn vergebens wochenlang. »Geld machen,« ist das Losungswort, das ihn aufrechthält. Ist dieser Italiener nicht in der Tat der erste moderne Amerikaner?
Kolumbus begann jetzt, am 12. November, gegen Südosten zu segeln, in der Hoffnung, Gold und Gewürze zu finden. Aber während widrige Winde ihn nötigten, auf See zu gehen, trennte sich Alonzo Pinzon mit der Pinta heimlicherweise von dem Admiralsschiff, um durch Gold und Ehrgeiz angestachelt, auf eigene Faust die schätzebeladenen Küsten aufzusuchen.
Bald fiel Kolumbus die Insel Haiti in die Augen, von deren Naturpracht er so entzückt war, daß er sie Klein-Spanien (Hispaniola) taufte.
Als er sich dem Paradiese nahe glaubt, schreibt er: »Es sind hier also gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses, und die Ansichten der gelehrten Theologen stimmen mit meinen Beobachtungen überein. Und wenn die Wasser (des Orinoko) nicht aus dem Paradiese kommen, so scheint das ein noch größeres Wunder zu sein, weil ich nicht glaube, daß man auf der ganzen Welt einen so mächtigen und tiefen Fluß findet.« Er preist die Insel als ein Paradies und schreibt an die spanischen Majestäten, niemand, der nicht gut katholisch sei, dürfe die gesegnete Insel betreten. »Denn das ist das Ziel der Entdeckungen gewesen, die ich auf Befehl Eurer Majestät gemacht habe, und die ~nur~ unternommen sind, den christlichen Glauben zu verherrlichen und zu verbreiten.« Hier sagt Kolumbus, vielleicht unbewußt, eine Unwahrheit, denn sein tägliches Gebet lautet: »Möge der Herr nach seiner Barmherzigkeit mich die Goldminen finden lassen! Denn es erhört Gott die Gebete seiner Diener, welche seine Gebote befolgen, auch dann, wenn sie, wie in diesem Falle, Unmögliches zu bitten scheinen.« Diese Goldgier geht so weit, daß er selbst einen erlittenen Schiffbruch als eine Fügung Gottes betrachtet, der ihn so auf die Goldfelder hinweisen will, die in der Nähe sein müssen. Und weil er in Haiti einige goldverzierte Hütten findet, hält er die Insel für das salomonische Ophir.