Kulturhistorische Charakterbilder
Part 1
=======================================================================
Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+, gesperrte so: ~gesperrt~
=======================================================================
Kulturhistorische Charakterbilder
Für die Jugend herausgegeben von J. E. Poritzky
Volksausgabe Mit 20 Textbildern
Stuttgart Loewes Verlag Ferdinand Carl
Druck von Carl Grüninger, K. Hofbuchdruckerei Zu Gutenberg (Klett & Hartmann), Stuttgart.
Inhaltsvereichnis.
Seite
Christoph Kolumbus 1
Michelangelos Leben 41
Galilei 67
Die Jungfrau von Orleans 90
Der Doktor Faust 121
Goethe der Botaniker 148
Goethe in Venedig 164
Beethoven 176
Der Erfinder Edison 204
Christoph Kolumbus.
Ich entsinne mich eines alten Stiches, auf dem man Kolumbus rank dastehen sieht, eine Papierrolle -- wahrscheinlich eine Erdkarte Andrea Biancas oder Martin Behaims oder eine Seekarte Toscanellis -- in der Hand haltend. Er schaut nachsinnend und melancholisch ins Weite, und seine Begleiter scharen sich kniend um ihn, heben die Hände zu ihm empor wie zu einem Gott und küssen den Saum seines Gewandes. Es muß eine große Bewegung gewesen sein, die durch sein Herz ging, als der Matrose Rodrigo »Land« gerufen hatte. Dachte der kühne Entdecker in diesem Augenblick daran, daß er nun Vizekönig würde, Träger der höchsten spanischen Würden, unermeßlich reich, unumschränkt mächtig? Hing seine Seele in diesem Augenblick wirklich am Golde? Oder fühlte er, daß die Erweiterung des ~räumlichen~ Horizonts unabweisbar auch die Erweiterung des ~geistigen~ Gesichtsfeldes nach sich ziehen mußte? Daß dem Volke, das diesen Sieg errang, der Stempel geistiger Reife aufgedrückt wurde? Daß seine Machtsphäre ein größeres Gebiet gewinnen, und demgemäß auch seine politische Bedeutung wachsen würde?
In der Tat fällt mit der Entdeckung des neuen Weltteiles auch die Entdeckung des Menschen, die Vertiefung seines Seelenlebens und die Entdeckung des himmlischen Firmaments zusammen. Man erinnere sich, daß Kolumbus der Zeitgenosse der größten Renaissancemenschen war, der Raffael, Leonardo da Vinci, Tizian, Michelangelo, Vasco da Gama --, und daß dies nur einige von jenen Gestirnen waren, die in den Tagen des Kolumbus den Erdball erleuchteten. Ariost, Tasso, Dürer, Luther, Savonarola, Macchiavelli, Kopernikus und viele andere wären noch zu nennen. Sie bestätigen den Satz, daß das Genie nur unter Gleichgenialen sich auswachsen und zu seiner vollen Höhe emporrecken kann.
Sich ein neues und großes Weltbild zu schaffen, alle Schranken des Geistes niederzureißen, ist die eigentliche Leitidee der kolumbischen Zeit. Die Erde ist plötzlich fast zu klein für die erwachten Kräfte, die sich betätigen wollen.
Anderseits darf man nicht vergessen, daß unser Denken von dem des Mittelalters durch vier Jahrhunderte getrennt ist. Das Mittelalter ist zwar nicht ganz so finster und wüst, wie man vielfach glaubt, aber es ist doch noch reich genug an abergläubischen Vorstellungen und aufreizenden Phantastereien. Feurige Kometen werden als Fingerzeige Gottes betrachtet; man will gesehen haben, daß es Blut regnet, und das bedeutet Krieg oder Pest. Es ereigneten sich im Volke plötzliche Ausbrüche von Angst vor diesen überall eingreifenden jenseitigen Kräften. In den Kirchen gab es blutschwitzende Hostien, am Himmel blutige Kreuze und Lanzen, in Stadt und Land eine unermeßliche Zahl von Wallfahrern, Flagellanten und Propheten, wundertätigen Muttergottesbildern und Bußpredigern. Man muß sich daran erinnern, daß selbst Luther steif und fest an den Teufel geglaubt hat, mit dem er manchen harten Strauß auszufechten hatte. Sonderbare Stubengelehrte sind als Hexenmeister verschrien, Goldmacher sind Zauberer, und Kräutersammler gelten als Teufelsknechte. Jede Nebelbank ist ein unbekanntes Land.
Ich sage: nur in einer Zeit, wo jeder Kopf voll kräftiger Phantasien steckt; wo man bereit ist, an die Wunder von Tausend und eine Nacht zu glauben, und wo die biblischen Propheten zu Führern werden, die nach neuen Welten locken; wo die Vernunft fast gänzlich von Faustischem Sehnen gepackt ist und durchtränkt scheint; wo der Mensch mehr denn je an seine Gottähnlichkeit glaubt --, nur in einer solchen Zeit ist die Gestalt eines Kolumbus denkbar.
* * * * *
Führt euch eine Reise einmal nach Genua, so ist das erste, was euch auf dem schönen freien Platz vor dem Bahnhofe ins Auge fällt: Christoph Kolumbus, der Entdecker der Neuen Welt, der um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in Italien geboren ist. Vierzehn Ortschaften streiten sich um die Ehre, ihn als ihren Sohn zu beanspruchen; indessen kommen ernsthaft nur Genua oder Savona in Frage.
Er stammte von braven kleinbürgerlichen Eltern ab, die das Gewerbe der Wollweber betrieben, das auch Christoph in der Jugend erlernte. Die Eltern ließen ihm eine sorgfältige, wenn auch beschränkte Erziehung zuteil werden; daß sie ihn aber auf kurze Zeit an die Universität nach Pavia geschickt haben sollen, wo er Lateinisch gelernt hätte, wird neuerdings bezweifelt. Sehr viel mehr als dieser Erziehung verdankt er indessen sich selber und seiner eigenen Energie, die ihn stets von neuem zu seinen Studien trieb. Schon im vierzehnten Jahre hing er mit Lust und Liebe am Seemannsberufe, und die damalige Schiffahrt auf dem Mittelländischen Meere, die einem wilden Freibeutertum gleichkam, nahm den künftigen Seehelden in ihre rauhe und harte Schule. Und wir wollen es uns einprägen, daß nicht das Allergeringste im Leben ohne Kampf gewonnen werden kann, daß eine eiserne Energie und eine unbeugsame Willenskraft dazu gehören, wenn man ein großes Ziel erreichen will.
Wahrscheinlich nahm der junge Kolumbus Anteil an dem Erobererzuge Johanns von Anjou, der gegen Neapel gerichtet war. Kühn und furchtlos soll Kolumbus die feindlichen Galeeren angegriffen und von ihnen Besitz genommen haben, in nichts seinem Onkel und seinem Neffen nachstehend, die durch ihre glücklichen Kapereien gegen die Ungläubigen berühmt waren. Aber erst als Christoph Kolumbus auf seinem Abenteurerzuge auch nach Portugal kam, wurden alle Geisteskräfte geweckt, die in ihm schlummerten. Denn gerade in den Portugiesen war seit dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts ein kühner Unternehmungssinn und ein toller Wagemut erwacht. Sie erhofften märchenhafte Schätze von der Auffindung neuer Seewege, die zu neuen Erdteilen führten.
Noch war die Erde ja zum größten Teile ein jungfräuliches Gebiet. Die Reisebeschreibungen jener entdeckungslustigen Epoche lesen sich wie ungeheuer übertriebene Märchen, wie phantastische Geschichten von Jules Verne, die ja auch ein Körnchen Wirklichkeit in sich tragen. Aus den neuentdeckten Ländern brachte man rote Menschen, seltsame Tiere, die Kunde von einer ganz fremdartigen Tier- und Pflanzenwelt. Zwar hatten schon in vorchristlicher Zeit Eudoxos und Aristoteles die Vermutung ausgesprochen, daß die Erde Kugelgestalt haben müsse, aber im großen und ganzen glaubten die alten Völker, die Griechen, Römer und Araber, daß die Erde eine flache oder eckige Scheibe sei, die auf dem Wasser schwimme. Erst in der Zeit des Kolumbus hatten Kopernikus und Galilei unerschütterliche Beweise für die Kugelgestalt der Erde gegeben -- was übrigens sogar jetzt noch die wenigsten und selbst Kolumbus nicht glauben wollten -- und daß sie als ein kleiner Stern wie viele, viele andere Sterne um die Sonne kreiste. Der Weltenraum hatte sich unermeßlich geweitet; die Erde war ein unbekanntes Land. Die seltsamsten Wesen und Dinge waren auf ihr möglich. Die Reisenden erzählten von Ländern, wo Menschen ohne Kopf geboren werden, mit Augen und Mund in ihrer Brust; von Menschen, die den Kopf unter ihren Armen trugen, die Augen in den Schultern hatten usw.
Es sind eben diese plumpen Märchen der Reisenden und der Matrosen, von denen Kolumbus die Anregungen zu seinen Entdeckungsreisen empfängt. Wenn Schiffersagen aber schon solch ein Zündstoff für seine Seele sind, wird Pierre d'Allys Reisebeschreibung vom Jahre 1410 ohne Zweifel sein Katechismus. Denn Kolumbus ist ebenso autoritätsgläubig wie enthusiastisch, ebenso phantasievoll wie abenteuerlich. In der »Erdbeschreibung« des Pierre d'Ally, die diesen Namen allerdings kaum verdient, findet er alle fabelhaften Vorstellungen, die Aristoteles und Seneca, Plinius und Ptolemäus, Osorius und Isidorus, Averroës und Augustin und eine Menge anderer Philosophen, Sterngucker, Mystiker und Heiligen von der Welt hegen, getreu aufgezeichnet. Die Anschauungen des Plinius, der behauptet hatte, man könne von Spanien ~in wenigen Tagen~ nach Indien reisen, und die Anschauungen seines Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein Jahrtausend. Nach diesen gab es jenseits des heiligen Indus die Inseln Chryse und Argyre, die ganz aus Gold und Silber bestanden. Isidorus wußte sogar von goldenen Bergen zu berichten, die von Drachen, Greifen und menschlichen Ungeheuern bewacht würden. Bei d'Ally liest Kolumbus, daß die Erde so und so schmal sei und daß das Paradies irgendwo im Osten liege, wo Erde und Mond zusammengrenzen. Sollte es ein gläubiger Entdecker nicht finden? In den heißen Zonen -- heißt es da ferner -- leben unbeschreibbare Untiere. Die Welt geht wahrscheinlich 1658 unter, ganz bestimmt aber 1801. In Senecas Tragödie »Medea« liest Kolumbus: »Einst wird die Zeit anbrechen, wo der Ozean seine Fesseln sprengen, der Erdkreis weit und breit sich ausdehnen, das Meer neue Länder entschleiern und Thule nicht mehr das erdenfernste Land sein wird«.
Ist man nicht geradezu ein Narr, wenn man sich auf Grund solcher Prophezeiungen nicht aufmacht, um neue Welten zu suchen? Übrigens spricht schon Jesaias Kapitel 60, Vers 9 und Kapitel 65, Vers 17 von neuen Weltteilen, von Gold- und Silberinseln.
Auch Aristoteles, der weiseste der griechischen Philosophen und im Mittelalter als unantastbare Autorität hoch verehrt, hatte z. B. eine Insel Antilla erwähnt, die Insel der sieben Städte und andere phantastische Inseln und Weltteile, die auf allen Landkarten eingezeichnet waren. Und es gab genug abenteuerliche Wagehälse, die hinauszogen, um diese Inseln zu suchen, und die an die unwahrscheinlichsten Legenden glaubten, so wie wir einst an das Schlaraffenland geglaubt haben oder an das Land der Antipoden, wo die Menschen auf den Köpfen gehen.
Gewiß, das alles waren Märchen. ~Aber Kolumbus hat an sie geglaubt~, und ich finde nichts Lächerliches darin. Gerade weil er an sie geglaubt hat, gehörte die doppelte Kühnheit dazu, auf die unbekannten Meere hinauszusegeln und es -- wie ein würdiger Märchenheld -- mit den vermeintlichen Drachen und Unholden aufzunehmen. Seine ehrliche Absicht war es, sie zu töten; daß er sie nicht gefunden hat, kann ihn nicht verkleinern. Nachdem er die neuen Lande entdeckt hat, schreibt er sehr bescheiden und hübsch: »Zur Ausführung einer Fahrt nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet Jesaias vorhergesagt hat.«
Die Namen jener vorhin genannten Philosophen, Propheten und Dichter, und die Resultate d'Allys waren dem spanischen Monarchen tatsächlich Garantien genug, das kostspielige Unternehmen des durch seine außergewöhnliche Beredsamkeit bestrickenden Entdeckungsreisenden zu billigen, obwohl die kosmographischen Vorstellungen unseres waghalsigen Weltumseglers sehr seltsam, seine mathematischen und geographischen Vorkenntnisse sehr ungenügend und sein nautisches Wissen gleich Null waren. Denn er gibt später beispielsweise den Breitegrad der kubanischen Küste auf zweiundvierzig Grad an, anstatt auf einundzwanzig Grad. Er hält die Gestalt der Erde für birnenförmig, glaubt in der Nähe Haitis das biblische Paradies wiedergefunden zu haben usw. Die astronomischen Vorstellungen seiner verirrten Einbildungskraft sind die der wilden Naturvölker.
Portugal war eine ausgezeichnete Schule für Christoph Kolumbus oder Cristobal Colon, wie er sich seit seiner spanischen Anstellung mit Vorliebe nennt und unterzeichnet. Hier konnte er etwas Tüchtiges lernen oder sein Wissen sehr vorteilhaft erweitern und verwerten. Darum zögerte er auch nicht lange, sich in Portugal niederzulassen, wo sich bereits viele seiner Landsleute angesiedelt hatten. Er trug seine Hand der Tochter eines italienischen Edelmannes an, dem Befehlshaber der Insel Porto Santo, der ein tüchtiger Seemann war und der seiner Tochter Felipa Perestrello hauptsächlich Reisetagebücher und Seekarten zur Mitgift gab. Kolumbus war's zufrieden, und obwohl er seinen eigenen Unterhalt nur durch Zeichnungen von sehr geschätzten See- und Landkarten bestreiten konnte, war er schon glücklich genug, sich eifrig dem Studium der Reisebücher und Karten hingeben zu können. Aber er begnügte sich nicht damit, die Welt nur auf der Landkarte zu bereisen oder sie aus den ungenügenden Reiseberichten kennen zu lernen. Die goldenen Fernen lockten ihn und die unendlichen Weiten riefen ihn hinaus. Er wollte die Wunder sehen, von denen die Reisenden in ihren fabelhaften Beschreibungen erzählten. Und so bereist er Madeira, die Kanarischen Inseln, die Azoren und sogar die Küste von Guinea.
Jede neue Ausfahrt konnte ins Wunderland führen. Die Luft war erfüllt von den unglaublichsten Legenden, die fremde Reisende berichtet hatten. Das Seeleben war voller Aufregung, neugieriger Erwartung und überschwenglicher Hoffnung. Das Entdecken fremder Länder war ein Geschäft und wurde wie ein Glücksgewerbe betrieben.
Aber damals, vor vierhundert Jahren, war es ganz natürlich, an Schiffermärchen zu glauben. Dazu kam noch, daß das Meer seltsame Dinge angeschwemmt hatte, klobig geschnitzte Hölzer, Zedernstämme von unbekannter Herkunft, riesenhaftes Schilfrohr, Leichen fremder Menschenrassen von sonderbarer Hautfarbe, lauter Dinge, die auf das Vorhandensein unbekannter seltsamer Erdteile schließen ließen.
Aber so viel Unternehmungsgeist und Mut Kolumbus auch hatte, er war jeglicher Mittel entblößt und ganz außerstande, seinen Plan ohne fremde Hilfe und Unterstützung auszuführen. Von Johann II., der eben den portugiesischen Thron bestiegen hatte, erhoffte Kolumbus um so eher rege Förderung seiner Absichten, als Johann selber von dem Entdeckungsfieber ergriffen war. Und als Kolumbus 1483 in einer Audienz, die ihm der König gewährt hatte, seinen großen Plan, den direkten Seeweg nach Indien aufzufinden, entwickelt hatte, war der König trotz seiner anfänglichen Abneigung umgestimmt und bereit, auf die Ideen des Kolumbus einzugehen. Er wollte die Vorschläge nur noch von seinen gelehrten Ratgebern prüfen lassen. Diese hörten sie kopfschüttelnd an; sie erklärten sie für die Ausgeburten eines überspannten kranken Gehirns und meinten, es wäre eine unverzeihliche Torheit, den bisher verfolgten Weg um Afrika herum, um ihretwillen aufzugeben.
Diese Entscheidung hinderte freilich den König nicht, trotzdem an die Ausführbarkeit des Kolumbusschen Planes zu glauben. Er hoffte nur billiger und bequemer dazu zu kommen, wenn er einen ~einheimischen~ Seemann mit einem gut ausgerüsteten Schiffe im geheimen in die westliche Richtung absandte, um zu versuchen, ob die Theorie des Genuesers sich bewähren würde. Anekdoten erzählen, Kolumbus sei aufgefordert worden, seine Absichten in ausführlicher Weise schriftlich darzustellen, und mit ebendieser Darstellung habe man den neugeworbenen Seemann in den westlichen Ozean geschickt. Aber diesem gemieteten Kapitän habe die kühne Seele des Kolumbus gefehlt; nach wenigen Tagen sei schon sein Eifer ermattet, und im Glauben, die uferlose Meereswüste nehme kein Ende, habe er seiner Entdeckungsfahrt ein rasches Ende gemacht und sei zum Tajo zurückgekehrt, Kolumbus einen Wahnsinnigen schimpfend, der diese sonderbare Idee ausgebrütet hatte. Dieser Verrat und Schimpf, der ihm angetan worden sei, hätte Kolumbus aufs höchste empört, und entrüstet hätte er diesem Lande den Rücken gekehrt.
Diese Anekdote, die Kolumbus zum Märtyrer macht, wird aber von der neueren Forschung als unverbürgt abgelehnt; man nimmt vielmehr an, daß Kolumbus Portugal verlassen habe, weil der König nicht auf seine unerhört hohen Forderungen eingehen wollte, im Falle das Unternehmen gelingen würde. Er beanspruchte nämlich ~erstens~ die Erhebung in den Adelstand für sich und seine Familie; ~zweitens~ den Titel »Admiral des Weltmeers«; ~drittens~ Amt und Würde eines Vizekönigs und lebenslänglichen Statthalters aller entdeckten Inseln und Festländer; ~viertens~ den zehnten Teil aller königlichen Einkünfte an Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, Metallen, Gewürzen usw., sowie von allen Handelserträgnissen in jenen Gebieten; ~fünftens~ nahm er das Recht für sich in Anspruch, bei allem Handel sich auf jedem Schiffe mit einem Achtel des Wertes beteiligen zu dürfen.
Kolumbus richtete seine Blicke nach Spanien. Während Portugal seine Pläne nur als ein Geschäftsunternehmen auffaßte und ablehnte, konnte Kolumbus von Spanien hoffen, daß es die Entdeckung neuer Erdteile zu einer Sache des ~Glaubens~ machen würde. Denn noch immer kämpfte Spanien mit dem Islam und befolgte infolgedessen mehr eine Glaubenspolitik als eine geschäftliche. Aber die spanischen Räte waren für die Ideen des Kolumbus noch nicht reif. Zwar nahm man ihm nicht alle Hoffnung; man wollte sich aber im Augenblick auf diese abenteuerlichen Pläne nicht einlassen, da man in zu viel kriegerische Verwicklungen hineingezogen war. Zu seiner Existenz erhielt Kolumbus eine kleine Unterstützung vom Hofe, eine Art Wartegeld, durch das er an die spanische Krone gebunden war.
Es begannen Jahre voll peinlichen Wartens. Voller Angst sieht Kolumbus ein Jahr ums andere verrinnen, ohne daß er seinem Ziele näher käme. Deshalb faßt er zur Verwirklichung seiner Pläne jetzt Frankreich ins Auge und schickt zugleich seinen Bruder nach England, damit er dort ebenfalls wirke. Aber beides ist erfolglos. So lebt Kolumbus sieben Jahre einsam, unbekannt und fast vergessen in Cordova und Sevilla, bis er sich 1491 gewaltsam losreißt, um in anderen Ländern sein Glück zu erjagen.
Aber bevor er sich die Krone des Erfolges aufs Haupt setzen kann, muß er noch harte Prüfungen bestehen. Die Vasallen des Hungers gesellen sich zu ihm und geleiten ihn durch die dornenvollen Lande der Bitternis und der Enttäuschung; der Kummer wird sein treuester Freund. Es tun sich Abgründe in ihm auf und schwere Verzweiflung kommt heran und erwürgt alle seine Hoffnungen. Der Gottgesandte bricht zusammen, ehe er seine ruhmvollen Reisen beginnt.
Als Bettler finden wir ihn wieder an der Pforte des Klosters St. Maria de la Rabida, das unfern von dem andalusischen Seehafen Palos sich auf einem Hügel erstreckt. Dort erfleht er für sich und seinen Knaben eine Stärkung. Der fremde Dialekt des Bittenden und die eigentümliche Erscheinung erregen die Neugier des Pförtners. Der ruft den Prior Juan Perez de Marchena, dem Kolumbus in seiner Drangsal und Not seine Entwürfe und Hoffnungen vertraulich mitteilt. Der Prior aber erkennt, daß er hier keinen gewöhnlichen Bettler vor sich hat; er erkennt den Wert des Kopfes, der diese verwegenen Entdeckerpläne hegt, und beschließt auch sofort, Kolumbus nicht aus dem Lande ziehen zu lassen, ohne die Königin Isabella von seiner Absicht vorher in Kenntnis zu setzen. Aber trotz der warmen Empfehlungsschreiben des Priors gelingt es dem Fremdling nicht, vor die Königin vorgelassen zu werden. Kolumbus, der sich selber in ärmlichem Gewand nach dem königlichen Kriegslager begibt, wird mit verwundertem Erstaunen von dem königlichen Beichtvater betrachtet, der es auch verhindert, daß Kolumbus vor der Königin erscheint. Wieder ist er zurückgewiesen. Dennoch glaubt er unerschütterlich an sich und seine Sache und ernährt sich inzwischen kümmerlich durch Kartenzeichnen.
Aber der Schmerz veredelt ihn nicht, sondern macht ihn habgierig und rachsüchtig. Er wird sich an all denen rächen, die ihm wehgetan haben. Wenn er das Franziskanerkloster La Rabida verlassen wird, wo man den Umherirrenden vom Hungertode errettet hat, wird er fordern, daß man ihm jede bittere Stunde durch zehnfache Ehrungen und zehnfaches Gold aufwiege.
Inzwischen gewann er durch seine imponierende Ausdauer und sein würdevolles Betragen einen neuen Freund in Alonzo de Quintanilla, dem kastilianischen Finanzkontrolleur, der ihn bei mehreren Personen vom Hofe einführte und sich warm für ihn ins Zeug legte, so daß ihm endlich eine Audienz erwirkt wurde. Endlich konnte Kolumbus seine Gedanken mitteilen und er war als ein glänzender Sprecher berühmt. Der König Ferdinand maß den kolumbischen Plänen eine so hohe Bedeutung bei, daß er sie einer Versammlung der gelehrten Geistlichen zur Entscheidung vorlegte. Die stellten, da ihr Wissen von der Erde nicht weit her war, der Ausführung der Ideen die größten Hindernisse in den Weg. Die einen meinten, es gebe überhaupt keine neuen Erdteile mehr zu entdecken; die ganze unbekannte Welt sei vom Ozean ausgefüllt; die anderen sagten, wenn die Erde Kugelgestalt habe, so könne man zwar die Erdkugel herunterfahren; es sei aber doch dann unmöglich, wieder ~hinaufzukommen~; die dritten glaubten, wenn es etwas zu entdecken gäbe, so müsse in den neuen Ländern so eine furchtbare Hitze sein, daß sie sofort alles Lebendige töten würde. Kurz, obwohl nur Dummheiten vorgebracht wurden, und obwohl Kolumbus sie den seeunkundigen Geistlichen geschickt widerlegte, wurden seine Pläne doch wieder, wenn auch nicht verworfen, so doch aufgeschoben und vernachlässigt. Die Hoffnung, die Kolumbus blieb, war gering; aber so gering sie war, sie vermochte ihn doch wieder aufrecht zu erhalten. Er blieb also dem Hofe nahe und ließ sich die Verachtung und den Spott der Höflinge, die ihn als einen lächerlichen Projektenmacher betrachteten, still gefallen. Nur wenige Freunde schürten dann und wann den Glauben an eine spätere Aussicht in ihm wach und bestärkten ihn in seinem Selbstvertrauen.
Und die Monate gingen hin. Inzwischen empfing er wieder ein Schreiben vom portugiesischen König Johann, der ihn einlud, nach Lissabon zurückzukehren; aber Kolumbus schlug das Anerbieten aus. Auch der König von England, Heinrich VII., fing an, sich ermunternd gegen Kolumbus zu äußern, nachdem es dessen Bruder, der auf dem Wege nach England von Seeräubern ausgeplündert worden war, nach langer Gefahr und entmutigender Not gelungen war, sich dem Könige zu nähern. Aber Kolumbus ließ sich auch von diesen Hoffnungen nicht blenden, um so weniger, als nun auch Ferdinand und Isabella von Spanien sich wieder des vernachlässigten »Projektenmachers« erinnerten. Aber da war die noch immer währende Belagerung von Granada, die die Tatkraft der Regenten vollkommen in Anspruch nahm, ein neues Hemmnis. Und als die Spanier endlich die maurische Herrschaft gebrochen hatten, verdrängten die lärmenden Siegesfeste und die Turniere wieder von neuem die Erinnerung an den unverzagt hoffenden Genueser. Aber nun begann er in seinen Bitten dringlicher zu werden und drängender. Er forderte ein energisches und unzweideutiges Ja oder Nein. Wieder traten die früheren geistlichen Räte zusammen, wieder beratschlagten sie und wieder bekundeten sie: der Antrag des Bittstellers sei in seinen Grundsätzen gehaltlos, in seiner Ausführung untunlich und deshalb der Förderung und Beachtung der königlichen Herrscher unwürdig.