Kulturhistorische Charakterbilder

Part 15

Chapter 153,601 wordsPublic domain

Zur Selbsterkenntnis erwacht, begann Beethoven immer mehr den Mangel einer regelrechten Schulbildung zu empfinden. Da er in seiner Kindheit ausschließlich musikalische Studien trieb, war seine übrige Ausbildung natürlich sehr vernachlässigt worden. Rechnen war ihm das ganze Leben hindurch sehr beschwerlich; mit der Orthographie haperte es auch stark. Er hatte ein wenig Latein und ein bißchen Französisch gelernt. Allein der Hauch einer edleren Geistesbildung, der Bonn durchzog, als Beethoven noch dort weilte, und der Verkehr mit gebildeten Menschen führte ihn dafür wieder geistigen Höhen zu, die andere Künstler nicht zu ersteigen vermochten. In Wien suchte Beethoven seine mangelhafte Bildung vollends durch eifrige Lektüre der großen Dichter und Denker auszugleichen, und um sich geschmeidigere Umgangsformen anzueignen, besuchte er einen Tanzlehrer. Dabei führte er einen streng sittlichen Lebenswandel, denn als ihm während eines fröhlichen Ausflugs eine Kellnerin einmal zu nahe trat, gab er ihr eine schallende Ohrfeige. Im Homer, den er gern las, strich er sich die Stelle an: »Auch vieles Schlafen ist schädlich«.

Von Schenk ging Beethoven zu Albrechtsberger in die Lehre, dem größten zeitgenössischen Theoretiker, der das zu viel an Drill beanspruchte, was Haydn zu wenig berücksichtigt hatte. Aber schon war in Beethoven etwas, was sich gegen diese Regeln auflehnte. Er hatte bereits als Knabe das Handwerksmäßige und das, was an der Musik ~erlernbar~ war, gelernt und er sah ein, daß jedes wahrhafte Genie sich seine eigenen Gesetze geben müsse. Darum kam Albrechtsberger auch bald zu dem Urteile, daß Beethoven »nie was Ordentliches lernen würde«, und selbst zu den Freunden Beethovens sagte er: »Gehen Sie nicht mit dem Beethoven um, der hat nichts gelernt.« Beethoven gab diesen Lehrer auf und ging zu Salieri, dem Todfeinde Mozarts, um bei ihm Unterricht in dramatischer Komposition und in Gesangsmusik zu nehmen; er wollte die italienische Musik von Grund aus kennen lernen.

Am 30. März 1795 erlebte Wien das erste Auftreten des Pianisten Beethoven. Die zweite Nummer des Programms war »ein neues Konzert auf dem Pianoforte (+C dur op. 15+), gespielt von dem Meister Herrn Ludwig von Beethoven und von seiner Erfindung«.

Beethoven war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Er schien damals als ein guter, ruhig gestimmter, bescheidener Mann, dessen Spiel von ungemeiner Fertigkeit war und mehr zum Herzen sprach, als das aller Vorgänger. Sein Spiel machte einen ungewöhnlichen Eindruck und allgemein hatte man das Gefühl, daß sich hier einer in Tönen aussprach, der seine eigenen Wege ging. Beethoven ~charakterisierte~ am Klavier; er benutzte die hohen und tiefen Lagen, um sowohl verträumte, als auch tiefinnerliche Empfindungen auszudrücken. Er wurde am Instrument zum Dichter, der neue Welten schuf und gestaltete. Am schönsten spielte er, wenn er allein im Zimmer war, und die Zuhörer sich in einem Nebenraum befanden. Dann blieb aber auch kein Auge trocken, und es wundert uns nicht, wenn er 1796 von Prag aus an seinen Bruder schreibt: »Meine Kunst erwirbt mir Freunde und Achtung, was will ich mehr!« Von Prag aus führte ihn eine Kunstreise über Dresden und Leipzig nach Berlin, wo ihn der König Friedrich Wilhelm II. sehr huldvoll empfing. Er spielte einige Male bei Hofe und komponierte die Cellosonate (+op. 5+), weil der König selbst das Violoncell spielte. »Beethovens Phantasien waren im höchsten Grade glänzend und staunenswert,« erzählt uns sein Schüler Czerny; »in welcher Gesellschaft er sich auch befinden mochte, er verstand es, auf die Hörer einen solchen Eindruck hervorzubringen, daß manche in lautes Weinen ausbrachen. Denn es war etwas Wunderbares in seinem Ausdruck, noch außer der Schönheit und Originalität seiner Ideen und der geistreichen Art, wie er dieselben zur Darstellung brachte. Wenn er eine Improvisation dieser Art beendet hatte, konnte er in lautes Lachen ausbrechen und seine Zuhörer über die Bewegung, in die er sie versetzt hatte, ausspotten. Zuweilen fühlte er sich sogar verletzt durch diese Zeichen der Teilnahme. ›Wer kann unter so verwöhnten Kindern leben‹, sagte er, und einzig aus diesem Grunde lehnte er es ab, eine Einladung anzunehmen, welche der König von Preußen nach einer solchen Improvisation an ihn ergehen ließ.«

Beethoven fand sich in Berlin sehr ernüchtert. Er kam vom weichen Süden und hatte gehofft, im Norden harten, mannhaften Menschen zu begegnen; er fand schwelgerische Üppigkeit, Abgelebtheit, Weiberhaftes. Das war nicht der Geist, den er suchte.

Auch in der Berliner Singakademie, deren Direktor damals Zelter war -- der Freund Goethes -- trat Beethoven auf, und auch hier traten den Zuhörern Tränen in die Augen.

Sehr enttäuscht kam Beethoven nach Wien zurück und nun begann er mit aller Energie daran zu arbeiten, »einst ein großer Mann zu werden«. Zugleich aber legte er den Grundstein zu seiner so tragischen Erkrankung.

An einem sehr heißen Sommertage des Jahres 1796 kam Beethoven ganz erhitzt nach Hause, riß Türen und Fenster auf, zog sich bis auf die Beinkleider aus und kühlte sich am offenen Fenster ab. Die Folge war eine gefährliche Krankheit, die sich während der Genesung auf das Gehör legte. Und von dieser Zeit an nahm auch die Taubheit Beethovens fortschrittweise zu, die ihm wohl die schwersten moralischen Prüfungen auferlegte und seinen ganzen Mannesmut herausforderte. »Dein Beethoven lebt sehr unglücklich,« schreibt er einige Jahre später an einen Freund, »im Streite mit Natur und Schöpfer; schon mehrmals fluchte ich letzterem, daß er seine Geschöpfe dem kleinsten Zufall ausgesetzt, so daß oft die schönste Blüte dadurch zernichtet und zerknickt wird. Wisse, daß mir der edelste Teil, mein Gehör, sehr abgenommen hat. Wie traurig ich nun leben muß, alles was mir lieb und teuer ist, meiden! O, wie glücklich wäre ich jetzt, wenn ich mein vollkommenes Gehör hätte, dann eilte ich zu Dir, aber so muß ich von allem zurückbleiben, meine schönsten Jahre werden dahinfliegen, ohne alles das zu wirken, was mir mein Talent und meine Kunst geheißen hätten. Traurige Resignation, zu der ich jetzt meine Zuflucht nehmen muß.«

Und an einen anderen Freund schreibt er 1801: »Nun hat der neidische Dämon, meine schlimme Gesundheit, mir einen schlechten Stein ins Brett geworfen, nämlich: mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden ... Ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu; seit zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil mir's nicht möglich ist, den Leuten zu sagen: ich bin taub. Hätte ich irgendein anderes Fach, so ging's noch eher, aber in meinem Fache ist das ein schrecklicher Zustand; dabei meine Feinde, deren Zahl nicht gering ist, was werden diese dazu sagen?«

Aber trotzdem weinte er nicht; er ermannte sich in seinem Schmerz, stärkte seine eiserne Selbstzucht, bis ihm sein siegender Wille über diese schreckliche Wendung seines Schicksals hinweghalf, und er sich wieder seinen Werken zuwenden konnte. Sein stolzes Künstlerbewußtsein kam ihm gut dabei zu Hilfe. Er hatte eingesehen, daß der wahre Adel des Menschen von ~innen~ kommt, und daß nur das ~Können~ wirkliche Rangunterschiede zu schaffen vermag. So wie er dachte, handelte er auch. Seine Freunde, den Fürsten Lichnowsky und den Prinzen Louis Ferdinand, behandelte Beethoven genau wie seinesgleichen; er fühlte sich ihnen gegenüber in nichts geringer. Er wohnte einige Zeit im Palais des Fürsten Lichnowsky, konnte sich aber der Hausordnung nicht fügen; es war ihm auch später unmöglich, bei seinem Schüler, dem Erzherzog, die Hofetikette mitzumachen, von deren Zwang er denn auch zum Entsetzen der Lakaien entbunden wurde. Als Beethoven 1806 während des Kriegsgetümmels zu Lichnowsky auf Schloß Grätz floh, bat der Fürst den Künstler, seinen Gästen, den französischen Offizieren, die das Schloß besetzt hatten, doch etwas am Flügel vorzuspielen. Beethoven war aber über diese Zumutung, vor den Deutschfeindlichen zu konzertieren, derart empört, daß er aufsprang, im Regen nach Troppau rannte und von dort so schnell als möglich nach Wien zurückeilte.

In der Abendgesellschaft, die eine Gräfin zu Ehren des Prinzen Louis Ferdinand gab, war für Beethoven und andere nichtadelige Gäste an einem Seitentische gedeckt worden; als aber Beethoven bemerkte, daß er mit dem Hochadel nicht an einem Tische speisen sollte, stürmte er davon. Louis Ferdinand veranstaltete Beethoven zu Ehren ein paar Tage später ein Revanchediner und ließ zu seiner rechten Seite für Beethoven und zur linken für eben jene Gräfin decken.

Solche und ähnliche Züge zeigen Beethoven als einen überaus stolzen, seines Genies wohlbewußten Menschen, der schroff und hart werden konnte, wenn man ihm die Ehren versagte, die er glaubte, beanspruchen zu dürfen.

Aber es gibt auch ebensoviele rührende Züge, die Zeugnis ablegen von seinem reichen Mitgefühl und seinem überaus großen Zartsinn.

Als er einmal in Heiligenstadt weilte, einem kleinen Dörfchen bei Döbling, wo er, der ein fanatischer Sommerfrischler war, die schöne Jahreszeit verlebte, klangen ihm aus einem Häuschen die Töne seiner +F dur+-Sonate entgegen. Er horchte und hörte eine zarte Stimme sagen: »Was gäbe ich darum, das Stück von jemand zu hören, der ihm gerecht wird.« Beethoven durch den Klang der Stimme betroffen, trat in das Haus ein und setzte sich an das jämmerliche Instrument. Da er bemerkte, daß keine Noten auflagen, blickte er fragend auf die verlegene Spielerin und bemerkte jetzt erst an ihrem Gesichtsausdruck, daß sie blind war und nur nach dem Gehör gespielt hatte. Beethoven war im Innersten gerührt; der Mond schien gerade ins Zimmer und beleuchtete das schwermutvolle Antlitz der Blinden. Unwillkürlich brach der Bruder der Blinden in die Worte aus: »Die arme Schwester!« Es lag ein Bedauern in dem Ausruf, daß es der Schwester nicht vergönnt war, den Mondschein zu ~sehen~. Beethoven aber sagte sehr ergriffen: »Ich will ihr den Mondschein ~spielen~!« Er setzte sich ans Instrument und improvisierte ein weltverlorenes, musikalisches Gedicht, das später die Mondscheinsonate genannt wurde. Und um diese Zeit galt er schon als ein mürrischer, finsterer Mann.

Die Menschen konnten ihn nicht erziehen; das ~Leben~ bildete ihn und schliff seine Unebenheiten ab. Da mit den Jahren seine Taubheit immer mehr zunahm, konnte man nur noch schriftlich mit ihm verkehren. Der Umgang mit ihm wurde den Menschen unbequem; sie blieben von ihm fort, ihn seiner Einsamkeit überlassend. Nach und nach mußte er das Dirigieren aufgeben und das öffentliche Spielen, denn er las auf den Gesichtern seiner Zuhörer: Mitleid. Das machte ihn verdrossen und stumm. Er versank ganz in sich selber, tauchte nur noch in die eigenen Tiefen hinab, um die unschätzbaren Perlen heraufzuholen, die auf dem Grunde seiner Seele lagen. Aber je mehr er an sich selber zum Schatzgräber wurde, desto mehr vernachlässigte er die Menschen seiner Umgebung. Sein Verhältnis zu ihnen wurde ein recht tragisches.

Im Jahre 1802 ist Beethoven wieder etwas mehr um die Heilung seines Gehörleidens besorgt und geht deshalb wieder nach Heiligenstadt. In trübster Seelenstimmung und in seiner großen Sehnsucht nach verständnisvollen Menschen schreibt da der große Einsame seinen letzten Willen nieder, diesen furchtbaren Aufschrei eines liebedürstenden Herzens: »O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet oder erklärt, wie unrecht tut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet; mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten, dazu war ich immer aufgelegt; aber bedenket, daß seit sechs Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr, in der Hoffnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels gezwungen. Mit einem feurigen lebhaften Temperamente geboren, selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, mußte ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen. Welche Demütigung, wenn jemand neben mir stand und von weitem eine Flöte hörte, und ich nichts hörte! Solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung; es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück. Ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte. Geduld, sie muß ich nun zur Führerin wählen, dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluß sein, auszuharren. O Menschen, wenn ihr einst dies leset, so denkt, daß ihr mir unrecht getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen seinesgleichen zu finden, der trotz allen Hindernissen der Natur doch noch alles getan, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden; mit Freuden eil' ich dem Tode entgegen; komm wann du willst, ich gehe dir mutig entgegen.«

Heiligenstadt blieb Beethovens Lieblingsaufenthalt, und seine besonders liebkoste Idee war, ganz aufs Land zu gehen. Hätte er ein Bauerngut, meinte er, so könnte er allem Elend entfliehen. Abends im Bett las er bei zwei Kerzen Tacitus, Plutarch, Plato, Homer, Shakespeare, Ossian, Klopstock, Kant, Herder, Goethe und Schiller. Morgens wanderte er schon vor Sonnenaufgang in die erwachende Natur hinaus, in der er bis zum Frühstück »studierte«. Dort fühlte er sich glücklich und selig, fühlte sich »sehr geliebt von den Göttern am Ende der Welt« und hatte mit keinem Gemeinschaft. Er lief in den Fluren in Hemdärmeln herum -- »spazierenarbeitend« wie er sagte --, komponierte, schwatzte mit den Bauern, die den »graupeten Musikanten« wohl kannten und, da er seiner Magd nicht traute, trug er das Gemüse für den Mittagstisch selbst im blauen Taschentuch nach Hause. Dabei brüllte er Melodienbruchstücke so laut vor sich hin, daß die Ochsen vor ihm Reißaus nahmen.

Er blieb sein Leben lang ein Einsamer, der sein Inneres in Tönen verausgabte. Mit seiner hohen Tatenlust hing seine Liebe zur Freiheit zusammen, und so erklang denn auch in seinen Werken die Idee der Völkerfreiheit.

Eines Tages war der französische Gesandte Bernadotte mit Beethoven bekannt geworden und regte bei ihm den Gedanken an, Napoleon durch ein großes Orchesterwerk zu feiern. Dieser Anregung vermochte Beethoven um so eher zu folgen, als er in Napoleon den Konsul als Führer der Nation verehrte, als Gesetzgeber wahrer Freiheit. So schuf er denn die dritte Symphonie (+op. 55+), die nur den Titel »Bonaparte« führte, und eben sollte sie gerade der Pariser Gesandtschaft übermittelt werden, da bringt ein Schüler Beethovens, Ferdinand Ries, die Nachricht von Napoleons Kaiserwahl. Beethoven erwartete von Napoleon, daß er die Würde ablehnen würde, aber der Fürst Lichnowsky, der dazukam, bestätigte nur die Wahl. Da riß Beethoven das Titelblatt herunter, schleuderte die Partitur zur Erde, trampelte wütend mit den Füßen darauf herum und schrie zornig: »Also auch er ein gewöhnlicher Mensch!«

Lange wollte Beethoven von dieser Symphonie nichts mehr wissen. Als sie aber später vom Fürsten Lobkowitz zur Aufführung in seinem Palais erbeten ward, radierte er auf der Abschrift das Wort »Bonaparte« so wütend aus, daß ein Loch im Manuskript entstand. Er widmete sein Werk nun dem Fürsten und nannte es jetzt »+Sinfonia eroica+« mit dem Nebensatz, »um das Andenken eines großen Menschen zu feiern«. Bei der ersten Aufführung mißfiel es dem Fürsten, und von der Galerie rief bei der ersten öffentlichen Aufführung der Eroica eine Stimme laut herunter: »Ich gäb' noch einen Kreuzer, wenn's nur aufhörte.« Dagegen war Prinz Louis Ferdinand so entzückt davon, daß er sich das Werk gleich dreimal hintereinander vorspielen ließ. In diesem Werke war ja auch alles, was im geknechteten deutschen Volke an Größe und Idealismus nach Ausdruck rang, in ungeheuren Musikwogen dargestellt, in einer kraftvollen Sprache, die die Hörer mit fortriß und emporhob.

In dieser Zeit lebte Beethoven vom Stundengeben, was er als eine große Last empfand, und vom Ertrage seiner Werke. Fürst Lichnowsky hatte ihm außerdem ein Ehrengehalt von sechshundert Gulden ausgesetzt, so daß Beethoven sich einen gewissen Luxus leisten konnte. Er hielt sich zum Beispiel ein Pferd, das ihm Graf Browne für seine »Variationen« geschenkt hatte; er erinnerte sich aber erst an die Existenz dieses Pferdes, als ihm die stark angewachsene Futterrechnung vorgelegt wurde.

Beethovens Erscheinung wird von den Zeitgenossen folgendermaßen beschrieben: er war eher klein, als mittelgroß, sehr stämmig und untersetzt. Er hatte kleine schwarze Augen, die leuchteten, aber bei fixiertem Blick fast stechend wurden, und schwarze Haare, die in eine herrliche Stirn hineinhingen, einen wahren Sitz majestätischer Schöpferkraft, dazu ein pockennarbiges Gesicht von roter gesunder Farbe, eine kurze, eckige Nase, plumpe Hände mit kurzen Fingern, kleine hastige Bewegungen. Dazu sah er meist so finster aus, wie seine in »wunderbarer Konfusion« befindliche Wohnung. Er war sehr unbeholfen, fast linkisch. Selten nahm er etwas zur Hand, das nicht fiel oder zerbrach; das Tintenfaß warf er mehrmals ins Klavier; alles wurde umgeworfen, beschmutzt, zerstört. Sein Eigensinn kannte oft keine Grenzen, und stets führte er, allen Hindernissen trotzend, dennoch durch, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Baden und Waschungen in kaltem Wasser waren mit seine Hauptbedürfnisse. Als Getränk war ihm frisches Brunnenwasser unentbehrlich, das er von früh bis spät in kolossalen Mengen trank. Auch trank er sehr gern Kaffee, den er sich selber bereitete. Er zählte dabei mit peinlicher Genauigkeit für jede Tasse sechzig Bohnen ab. Bei den Mahlzeiten war er wenig wählerisch. Von allen Weinen schmeckten ihm wunderlicherweise gerade die verfälschten am besten, unter denen er viel zu leiden hatte. Auch ein gutes Glas Bier und die Tabakspfeife, dazu die Augsburger Allgemeine Zeitung, deren Lektüre ihm sehr viel Zeit stahl, das waren seine kleinen Hauptfreuden.

Bei einem Spaziergange um Baden bei Wien riß ihm einst der Sturm seinen Hut vom Kopfe. Er ~mußte~ ihn wiederhaben, und so rannte Beethoven auf der Böslauerstraße meilenweit seinem Hute nach. Schweißtriefend, zerzaust, atemlos und beschmutzt hielt man ihn in der Wiener Neustadt als »Lump« auf und nur dank seiner Bekanntschaft mit dem Bürgermeister Meißner konnte man ihn aus den Händen der Polizei befreien. Aber seinen Hut hatte er wieder.

Als ihm einst sein Freund Breuning mitteilte, ein Quartett hätte nicht gefallen, antwortete er: »Wird ihnen schon einmal gefallen.« Nach der Schlacht bei Jena bemerkt er über Napoleon: »Schade, daß ich die Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn doch besiegen.«

Seinen größten Spaß hatte er, wenn man ihn auf die grammatikalischen Fehler aufmerksam machte, die sich in seinen Werken fanden. »Ich sage, es ist recht,« meinte er dann. Man entgegnete wohl: »Diese Schreibart ist fehlerhaft und nicht erlaubt,« und Beethoven erwiderte: »Nun, so erlaube ~ich~ es.«

Er war kein seßhafter Mieter; es duldete ihn nirgends lange; er fühlte sich überall ungemütlich. In fünfunddreißig Jahren wechselte er seine Wohnung vielleicht fünfunddreißigmal. Mit den Wiener Hausmeistern stand er fast immer auf dem Kriegsfuße. Er studierte beständig die Wohnungszettel an den Haustoren, um gleich ein neues Heim zu haben, wenn ihm das alte nicht mehr behagte. Und da er in seiner Stube trommelte und übermäßig brüllte und, seit sein Gehör schlecht geworden war, förmliche Kanonaden am Klavier losließ, da er ferner bei seinen Waschungen solche Überschwemmungen anrichtete, daß das Wasser durch die Fußbodenritzen sickerte, war jedes Haus wieder froh, ihn loszuwerden. Er wohnte immer im höchsten Stockwerk. Sein Zimmer sah sehr wüst aus und ungemütlich; überall lagen Papiere umher und Kleidungsstücke; Koffer standen herum; im übrigen waren die Wände kahl, und es befand sich kaum ein Stuhl im Zimmer. Er trug einen dunklen, langhaarigen, alten Rock, in dem er wie Robinson Crusoe aussah, und in sein Gesicht hing das zottige, pechschwarze Haar. Sein Kopf konnte zuweilen für den eines Jupiter gelten, obwohl er nicht schön war. Beethoven wußte das. »Nun kannst Du mir helfen, eine Frau suchen,« schreibt er einmal einem Freunde; »schön muß sie aber sein, nicht Schönes kann ich nicht lieben -- sonst müßte ich mich selbst lieben.«

Er war auch ein großer Tierfreund. Wenn er zum Beispiel sah, daß kleine Jungen auf Schmetterlinge Jagd machten, verscheuchte er immer die Kinder oder verhinderte sie sonst am Fangen der Sommervögel. Dieser Zug hing mit seiner großen Liebe zur Natur zusammen und mit seiner Sehnsucht, allen lebendigen Geschöpfen die Freiheit zu geben. In großartiger Weise hat er beides in seiner sechsten Symphonie zum Ausdruck gebracht, der sogenannten »Pastorale«, in der das freie Landleben in der Natur seine höchste Verherrlichung erfahren hat.

Interessant war seine Freundschaft zum Hofsekretär Zmeskall von Domanovecz durch die äußerst drolligen Briefe, die Beethoven ihm schrieb und von denen wir ein paar zum besten geben wollen, weil sie uns Beethoven auch von der humorvollen Seite zeigen.

I.

»An seine Hochwohl--wohl--wohlgeboren den Herrn von Zmeskall, Kaiserlicher und Königlicher wie auch Königlicher Kaiserlicher Hofsekretair, Seine Hochwohlgeboren, sowie des Herrn von Zmeskall Zmeskalität haben die Gewogenheit, zu bestimmen, wo man sie morgen sprechen kann. Wir sind Ihnen ganz verflucht ergeben.

B.«

II.

»Liebster Baron Dreckfahrer!

+Je vous suis bien obligé pour votre faiblesse des vos yeux+ -- übrigens verbitte ich mir inskünftige, mir meinen frohen Mut, den ich zuweilen habe, nicht zu nehmen, denn gestern durch Ihr Zmeskall Domanoveczisches Geschwätz bin ich ganz traurig geworden. Hol' Sie der Teufel, ich mag nichts von Ihrer ganzen Moral wissen; ~Kraft~ ist die Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und wenn Sie mir heute wieder anfangen, so plage ich Sie so sehr, bis Sie alles gut und löblich finden, was ich tue. Adieu Baron, Ba...ron ron, nor, orn, rno, onr.«

III.

»Verfluchter eingeladener Domanetz -- nicht Musikgraf, sondern Freßgraf, Dinergraf, Soupergraf etc. -- Kommen Sie, wenn Sie der Kanzleigefängniswärter entwischen läßt. Ich esse heute zu Hause des besseren Weines halber. Wenn Sie sich bestellen, was Sie haben wollen, so wäre mir's lieb, wenn Sie auch zu mir kommen wollten, den Wein bekommen Sie gratis und zwar besser wie in dem hundsföttischen ›Schwanen‹. Ihr kleinster Beethoven.«

IV.

»Geliebtester +Conte di Musica+! Wohl bekomme Euch der Schlaf, und auf heute wünschen wir Euch einen guten Appetit und eine gute Verdauung. Das ist alles, was dem Menschen zum Leben nötig ist, und doch müssen wir das alles so teuer bezahlen. -- Darum sind wir, Euer gnädigster Herr, gezwungen, uns herabzulassen und Euch zu bitten um ein Darlehen von fünf Gulden, welches wir Euch binnen einigen Tagen wieder zufließen lassen werden. Lebt wohl, geliebtester +musico+ und +conte di musica+. Euer wohlaffektionierter Beethoven. Gegeben in unserem Komponier-Kabinett.«

Im Hause des Hofrats von Birkenstock hatte Beethoven auch Bettina Brentano kennen gelernt, damals Braut Achim von Arnims und intime Freundin Goethes. Ihre tief musikalische Natur sehnte sich nach Beethoven. Als sie sich kennen lernten, sang Beethoven ihr das Lied »Kennst du das Land«, zwar mit scharfer und schneidender Stimme, aber mit tiefem Ausdruck. »Aha,« rief Beethoven aus, »die meisten Menschen sind gerührt über etwas Gutes, das sind aber keine Künstlernaturen. Künstler sind feurig, die weinen nicht.«