Kulturhistorische Charakterbilder

Part 14

Chapter 143,533 wordsPublic domain

An einem Sonntag ärgerte er sich über den Kehricht, der in allen Gassen lag. »Die Leute schieben den Kehrig in die Ecken; auch sehe ich große Schiffe hin und wieder fahren, die an manchen Orten stilliegen und das Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers bedürfen; aber es ist in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge, und desto unverzeihlicher die Unreinlichkeit der Stadt.«

Andere Anordnungen, insbesondere architektonische Verzierungen des Straßenpflasters, gefallen ihm so gut, daß er gleich einige Skizzen davon entwirft. »So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu kehren.«

In der Carità bewundert er Palladios Baukunst. In der Kirche Il Redentore, ebenfalls ein Bauwerk Palladios, bewundert er besonders die breiten goldgestickten Ranken und Laubwerke. Aber bei näherem Zusehen fand er sich betrogen. »Alles, was ich für Gold gehalten hatte, war breitgedrücktes Stroh, auf Papier geklebt, der Grund mit lebhaften Farben angestrichen, und das so mannigfaltig und geschmackvoll, daß dieser Spaß, dessen Material gar nichts wert war, und der wahrscheinlich im Kloster selbst ausgeführt wurde, mehrere tausend Taler müßte gekostet haben, wenn er echt hätte sein sollen. Man könnte es gelegentlich wohl nachahmen.«

An den Opernvorstellungen, die er mehrfach besuchte, fand er keinen rechten Genuß; das Ballett war von »elender Erfindung« und wurde ausgepfiffen. Im Dogenpalast wohnt er einer öffentlichen Rechtsverhandlung bei, die ihn stark in Atem hält. Auch gefiel ihm die ganze Art der Prozeßführung, die er ausführlich beschreibt, besser, »als unsere Stuben- und Kanzleihockereien.«

In einem weiten Saale des Palastes saßen an der einen Seite die Richter im Halbkreis. Ihnen gegenüber, auf einem Katheder, der mehrere Personen fassen konnte, befanden sich die Advokaten beider Parteien; vor ihnen auf einer Bank Kläger und Beklagte. Ein dürres Schreiberlein, in schwarzem, kümmerlichem Rocke, hielt ein dickes Heft in der Hand, um daraus vorzulesen. Der Saal war von Zuschauern und Zuschauerinnen gedrängt voll. Der Streit war sehr wichtig, denn er ging gegen die Gemahlin des Dogen, die in eigener Person auf dem Anklagebänkchen hatte Platz nehmen müssen. Hinter einem kleinen Tische saß auf einem niederen Schemel ein Männchen, das eine Sanduhr in der Hand hielt. Solange nämlich der Schreiber las, wurde die dafür aufgewendete Zeit nicht gerechnet, sobald aber ein Advokat zu sprechen begann, dem nur eine gewisse Zeit zur Verteidigung eingeräumt war, ließ das Männchen die Sanduhr laufen, die es sofort wieder umkippte, sobald der Schreiber oder sonst eine Person etwas zwischendurch sprach oder einzuwerfen hatte.

Die Komödie gefiel Goethe ausgezeichnet; sowohl die Gerichtskomödie, in der man dem Verteidiger die Zeit so kärglich zumaß, daß er gar nicht daran denken konnte, den Angeklagten würdig zu verteidigen, als auch die wirkliche Komödie, wo Goethe zunächst ein Maskenstück sah. Es unterhielt ihn mit »unglaublicher Abwechslung« mehr als drei Stunden; am meisten amüsierte ihn aber das Publikum. »Die Zuschauer spielen mit, und die Menge verschmilzt mit dem Theater in ein Ganzes. Den Tag über auf dem Platz und am Ufer, auf den Gondeln und im Palast, der Käufer und Verkäufer, der Bettler, der Schiffer, die Nachbarin, der Advokat und sein Gegner, alles lebt und treibt und läßt es sich angelegen sein, spricht und beteuert, schreit und bietet aus, singt und spielt, flucht und lärmt. Und abends gehen sie ins Theater und sehen und hören das Leben ihres Tags, künstlich zusammengestellt, artiger aufgestutzt, mit Märchen durchflochten, durch Masken von der Wirklichkeit abgerückt, durch Sitten genähert. Hierüber freuen sie sich kindisch, schreien wieder, klatschen und lärmen. Von Tag zu Nacht, ja von Mitternacht zu Mitternacht ist immer alles eben dasselbe.«

Ein andermal ergötzt ihn wieder in einem Stück von Goldoni die Komödie sowohl, als auch die ausgelassene Heiterkeit des Publikums. Es war ein Gelächter und Gejauchze im Theater von Anfang bis zu Ende.

Die Venetianer feierten gewöhnlich in den ersten Tagen des Oktober einen alten Sieg über die Türken. Das Fest wurde durch ein Hochamt eingeleitet, dem auch Goethe beiwohnte. Er sah die vergoldeten Barken an dem kleinen Platze vor der Kirche der heiligen Justina landen, die die Fürsten und einen Teil des Adels brachten. Er sah, wie sich seltsam gekleidete Schiffer mit rotgemalten Rudern vorwärts bemühten. Am Ufer harrte die Geistlichkeit; die Bruderschaften mit angezündeten Kerzen, die sie auf Stangen und tragbaren silbernen Leuchtern trugen, drängten und wogten durcheinander; mit Teppichen beschlagene Holzbrückchen wurden aus den Gondeln und Barken herausgereicht, um das Aussteigen zu erleichtern. Zuerst kamen die Savj, die vornehmsten Ratsherren mit ihren langen violetten Kleidern, dann die Senatoren in ihren langen scharlachroten Gewändern. Zuletzt kam der Älteste mit einer goldenen phrygischen Mütze geschmückt. Er trug einen langen goldenen Talar und den Hermelinmantel. Drei Diener trugen seine Schleppe. Und dies ganze bunte Schauspiel spielte sich auf dem kleinen Platze vor der Kirche ab, vor deren Türen geschmückte Herolde die erbeuteten Türkenfahnen hielten. »Mir nordischem Flüchtling hat diese Zeremonie viel Freude gemacht. Bei uns, wo alle Feierlichkeiten kurzröckig sind, und wo die größte, die man sich denken kann, mit dem Gewehr auf der Schulter begangen wird, möchte so etwas nicht am Ort sein.« Der Doge, ein schön gewachsener, krank aussehender Mann, hielt sich recht würdevoll und sah aus wie der Großpapa des ganzen Geschlechts. Die Kleidung stand ihm sehr gut, und das feine und durchsichtige Käppchen, das er unter der Mütze trug, bedeckte blütenweißes Haar. Fünfzig Nobili, in langen dunkelroten Schleppkleidern waren mit ihm; schöne große Männer mit ausdrucksvollen Köpfen, auf denen sie blonde Lockenperücken trugen, mit klugen, weißen, ruhigen und selbstsicheren Gesichtern.

An einem anderen Abend bestellte Goethe sich den famosen Gesang der Fischer, die ihm nach ihren eigenen Melodien etwas von Tasso und Ariost vorsingen mußten. Bei Mondschein bestieg er eine Gondel, einen Sänger vorn und einen hinten, die abwechselnd sangen. Sie ließen ihre Stimmen laut in die Nacht hinausschallen, aufs Meer hinaus, wo der Wind sie weitertrug. In der Ferne vernimmt ein anderer Schiffer, der die Melodie kennt, den Gesang, und antwortet mit der nächsten Strophe des Textes. Dann erwidert der erste wieder, und so ist immer einer das Echo des anderen. Die ganze Nacht hindurch geht der Gesang, ohne daß die rudernden Schiffer ermüden würden. Am Ufer der Giudecca stieg Goethe aus und ging am Kanal entlang, um den Genuß des Singens in der Nähe und des Erwiderns in der Ferne tiefer auskosten zu können. Der Gesang war so klagend und melancholisch und so ans Herz greifend, daß Goethe bis zu Tränen gerührt wurde. Ein Schiffer riet ihm, daß er sich die singenden Schifferfrauen vom Lido anhören möchte; sie hätten die Gewohnheit, wenn ihre Männer ins Meer hinausruderten, um zu fischen, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme abends Gesänge erschallen zu lassen, bis sie von fern die Stimmen ihrer Männer vernähmen. Auf diese Weise unterhielten sie sich, seien nicht beieinander und doch beieinander. Es sei, als ob ein Einsamer und Verlassener in der Ferne sehnsüchtig klage und darauf warte, daß ihn ein Gleichgestimmter vernehme und ihm antworte.

Die Gemälde von Veronese, Tizian, Bellini, Giorgione, Tintoretto und anderen großen Malern erwecken Goethes ganze Feuerbegeisterung.

Aber es zieht ihn immer wieder hinaus zum Lido, zum Meere, wo er stundenlang liegen und Ebbe und Flut beobachten kann. Der Strand ist so sehr von Muscheln besät, daß er sich um ihretwillen Kinder herbeiwünscht, die sich daran erfreuen könnten. Aber da keine Kinder in der Nähe sind, füllt er sich selber die Taschen damit an. Besonders gern sieht er aber den Taschenkrebsen zu, die während der Flut an den Strand gespült werden und nun in ihre salzige Flut nicht mehr zurückkommen. Es wimmelt und krabbelt dann besinnungslos durcheinander, denn auf dem Trockenen bleiben, bedeutet so viel wie den Tod. Das Meer weicht aber immer mehr zurück, die Sonne sticht und trocknet rasch, und nun heißt es ebenso rasch ins Meer zurückwandern. Bei dieser Gelegenheit suchen die Taschenkrebse ihren Raub. »Wunderlicher und komischer kann man nichts sehen, als die Gebärden dieser aus einem runden Körper und zwei langen Scheren bestehenden Geschöpfe; denn die übrigen Spinnenfüße sind nicht bemerklich. Wie auf stelzenartigen Armen schreiten sie einher und sobald eine Patelle sich unter ihrem Schild vom Flecke bewegt, fahren sie zu, um die Schere in den schmalen Raum zwischen der Schale und dem Boden zu stecken, das Dach umzukehren und die Auster zu verschmausen. Die Patelle zieht sachte ihren Weg dahin, saugt sich aber gleich fest an dem Stein, sobald sie die Nähe des Feindes merkt. Dieser gebärdet sich nun wunderlich um das Dächelchen herum, gar zierlich und affenähnlich; aber ihm fehlt die Kraft, den mächtigen Muskel des weichen Tierchens zu überwältigen; er leistet auf diese Beute Verzicht, eilt auf eine andere wandernde los, und die erste setzt ihren Zug sachte fort. Ich habe nicht gesehen, daß irgendein Taschenkrebs zu seinem Zwecke gelangt wäre, obgleich ich den Rückzug dieses Gewimmels stundenlang beobachtet habe.«

Man sieht, Goethe war in Venedig nicht müßig; mit allen Sinnen nahm er das neue wundervolle Bild dieser märchenumrankten Stadt in sich auf, so daß man ihm wohl glauben kann, wenn er schließlich bei seiner Abreise sagt: »Ich habe gut aufgeladen und trage das reiche, sonderbare, einzige Bild mit mir fort.«

Beethoven.

Durch die Straßen von Paris heulte das Volk. Waffen blitzten, drohende Fäuste reckten sich in die Höhe. Wüste Schädel, scheußliche Fratzen, fanatische Köpfe tauchten auf. Die Bastille wurde gestürmt, und bald darauf wurde die Guillotine in Tätigkeit gesetzt. Menschenbeladene Karren rasselten zum Richtplatz hin. Die blutige, rachedurstige Freiheitsgöttin johlte aufwieglerisch in den Gassen. Die große furchtbare Revolution war ausgebrochen, die mit den Strömen roten Blutes die der Menschheit so lange Jahre angetane Schmach wegspülen wollte, und der Schrei nach Freiheit stieg tausendstimmig zum Himmel empor.

Und schon war der Mann da, der alsbald all die neuerwachten Kräfte Frankreichs in seiner Hand vereinigte und sich zum neuen Schicksal des Volkes aufwarf. Er eilte von den Pyramiden herbei, durchmaß in rasenden Märschen Italien und eroberte seiner Republik in drei Jahren halb Europa. Schon war Bonaparte Konsul und nicht lange darauf und er war der Kaiser Napoleon. Jetzt mochte Österreich sich wehren, mochte Preußen sich erheben, mochte selbst Rußland sich rühren. Dieses Schicksal, das unter dem Namen Napoleon auftrat, schien unbesiegbar zu sein. Kalt und erzen stand er in Europas Mitte. Ein Wink seiner Hand entschied Riesenschlachten. Ein Blick seiner Augen entschied über das Schicksal zweier Nationen. Alles, alles fraß dieser Moloch; ganze Völker fielen seiner Gier zum Opfer. Seit den Cäsaren Roms war so unerhörte Größe nicht mehr gesehen worden.

Und Deutschland hatte am schlimmsten darunter zu leiden. Ganz Deutschland war von den Armeen des Weltherrschers umzingelt. Ganz Deutschland wogte in Donner und Dampf und wenn der Rauch sich verzog, sah man neue entsetzliche Leichenfelder. Man schickte Greise in den Krieg, Knaben griffen zu den Waffen. Es nützte alles nichts. Jungfrauen zogen auf die Schlachtfelder, um zu heilen und zu helfen. Es nützte alles nichts. Für Deutschland war die Zeit der Befreiung noch nicht gekommen. Das Deutsche Reich war infolge der überkommenen Uneinigkeit der deutschen Fürsten zersplittert. Was aber der Gegner nicht besaß, und was Deutschland noch retten konnte und mußte, das war der deutsche Geist. Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation und Schiller erinnerten mit flammenden Worten daran, daß es galt, die heiligsten Güter zu verteidigen. Deutschland stellte der großen ~Kraft~ Frankreichs seinen großen ~Geist~ entgegen: ~Goethe~, der den Weltenbezwinger Napoleon zur Hochachtung zwingt, und ~Beethoven~, den gewaltigsten Gestalter der Erde, Beethoven, der das Tonreich neu gestaltete, neu eroberte und der den Schlachtendonner Napoleons noch übertönte durch seine vom Himmel herabgeholten Gewitter.

* * * * *

Wir können den Namen Beethoven bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückverfolgen, wo in Antwerpen ein Weinhändler namens Wilhelm van Beethoven gelebt hat, der Ur-Urgroßvater unseres Ludwig. Wilhelms Sohn, Heinrich Adelard war Schneider und Vater von rund einem Dutzend Kindern. Eins davon, Louis, der heimlich von Hause durchgebrannt war, wurde ein wandernder Musikant, bis er 1733 am Hofe des Bonner Kurfürsten eine feste Stellung als Bassist erlangte. Er avancierte bis zum erzbischöflich kurfürstlichen Kapellmeister, in welcher Stellung er in seiner goldgestickten, zinnoberroten Uniform eine recht gute Figur machte. Doch hatte er sich, um seine Einkünfte zu vermehren, nebenbei einen kleinen Weinhandel zugelegt, der ihm aber nur Unglück bringen sollte. Sowohl seine Frau als auch der einzige Sohn Johann verfielen dem Laster des Trunkes. Johann verstand sich sehr gut auf das Weinproben, und diese Schwäche nahm so überhand, daß der ganze Haushalt gestört und der Sohn schließlich sogar des Amtes entsetzt wurde. Der Vater bestimmte seinen Sohn Johann auch für die Musik; aber der brachte es nicht weiter als bis zum Tenoristen der Hofkapelle mit dreihundert Taler Jahresgehalt.

Magdalena Kewerich aus Ehrenbreitstein, eine hübsche schlanke Person, die als Kammerjungfer gedient hatte und schon mit neunzehn Jahren die Witwe des kurtrierischen Leibkammerdieners Layen war, wurde 1763 Johann van Beethovens Frau. Sie war die Tochter eines Kochs und vermögenslos; und da die Heirat dem Vater durchaus nicht gefiel, trennten sich Vater und Sohn. Am 17. Dezember 1770 entsprang dieser Ehe ~Ludwig van Beethoven~.

Aber da Ludwig noch mehrere Geschwister hatte, herrschte im Hause Mangel und Not. Anfangs hatte der wohlhabende Großvater Louis, an dem Ludwig mit aller Innigkeit hing, nachgeholfen, trotzdem er wegen der Heirat noch erzürnt war. Aber er starb schon, als Ludwig erst drei Jahre alt war. Als die Bedrängnis immer größer wurde, machte der Vater mehrere Gesuche um Gehaltsaufbesserung, die aber abschlägig beschieden wurden, weil seine Führung nicht die beste war. Oft mußte der herangewachsene Ludwig seinen trunkenen Vater auf offener Straße aus den Händen der Polizei befreien und man begreift, wie diese schmerzlichen Vorfälle sich dem Gedächtnisse des jungen Beethoven eingruben und ihn allmählich verschlossen und trotzig machten. Er litt zweifellos unter der Trunksucht des Vaters, über den er trotzdem nie ein hartes Wort äußerte, noch auch eine abfällige Bemerkung seitens eines Dritten je geduldet hätte.

Infolge dieser Zustände wurden die Verhältnisse im Elternhause immer mehr zerrüttet; die Erbschaft wurde von den Krankheiten der Kinder und dem Wein bald verschlungen, so daß Glas- und Porzellanschränke, Silberservice und Leinwand hintereinander zum Trödler wandern mußten.

Die Erziehung und Ausbildung, die der junge Beethoven erhielt, war deshalb sehr ungeordnet und mangelhaft. Der Vater war, um seine Not zu vergessen, meist trunken und in der Trunkenheit despotisch, und obwohl die Mutter große Geduld an den Tag legte, wurde der Knabe scheu und in sich gekehrt.

Aber dieser Knabe wurde zugleich auch der gute Stern an dem trüben Himmel des Elternhauses, sobald der Vater erst einmal das Talent seines Sohnes entdeckt hatte, der später die ganze Familie vom Untergang erretten sollte.

So oft der Vater am Klavier saß und sang, horchte der Knabe aufmerksam zu und versuchte die Melodie nachzuspielen, so daß ihm der Vater schon im fünften Lebensjahre Unterricht im Klavier- und Violinspiel erteilte. Und eines Tages verfiel der Vater auf die Idee, seinen Sohn zu einem Wunderkinde zu machen und mit ihm umherzuziehen, um Geld zu verdienen. Nun begannen harte Tage für den jungen Ludwig, der oft vom Spiel mit den Kindern weggeholt wurde, um seine Aufgaben zu üben. Kein Weinen half ihm; mit unerbittlicher Strenge und mit reichlichen Prügeln verfolgte der Vater sein Ziel und eines Tages kündigte er in einer Kölner Zeitung an, daß am 26. März -- der wurde auch Beethovens Todestag! -- 1778 sein Söhnchen »von sechs Jahren mit verschiedenen Klavierkonzerten die Ehre haben werde aufzuwarten, wo er allen hohen Herrschaften ein völliges Vergnügen zu leisten sich schmeichle, um so mehr, da er zum größten Vergnügen des ganzen Hofes sich hören zu lassen die Gnade gehabt habe«.

Der Knabe wurde also, damit das Wunder größer sei, um ein Jahr jünger gemacht; Beethoven glaubte aber nie, daß es nur eine absichtliche falsche Angabe sei.

Des jungen Beethovens Schule war hauptsächlich die Not. Außer dem Vater unterrichtete ihn ein Jahr lang der Sänger Tobias Pfeiffer, der bei Beethovens in Kost und Logis war und das Klavierspiel vollkommen beherrschte. Noch in späteren Jahren hat Beethoven diesem seinem Lehrer von Wien aus oft Unterstützungen zukommen lassen, obwohl ihn der Unterricht zuweilen um alle Kindheitsfreude und oft um den Schlaf gebracht hatte. Denn oft, wenn der Vater und Pfeiffer nachts zusammen aus dem Wirtshaus kamen, wurde der kleine Ludwig aus dem Bett geholt und bis zum Morgen am Klavier festgehalten. Der Erfolg dieser spartanischen Erziehung zur Musik war immerhin so groß, daß die Leute vor den Fenstern stehnblieben, wenn Pfeiffer und der kleine Beethoven zusammen »variierten«.

Im Jahre 1781 finden wir den zehnjährigen Ludwig mit seiner Mutter auf einer Reise nach Holland, wo er in vornehmen Häusern spielte und die Leute durch seine Fertigkeit in Erstaunen setzte. Aber die Einnahmen müssen auf dieser Reise nicht groß gewesen sein, denn Beethoven sagte später: »Die Holländer, das sind Pfennigfuchser; ich werde Holland nimmermehr besuchen.«

Inzwischen erlernte Beethoven im Franziskanerkloster auch das Orgelspiel, das er bald so weit beherrschte, daß er beim Gottesdienst als Gehilfe verwendet werden konnte. Sein Lehrer in dieser Kunst war erst der Hoforganist van den Eeden und dann dessen Nachfolger, der feine Musiker Christian Gottlob Neefe, der einen bedeutenden Einfluß auf das Kompositionstalent Beethovens ausgeübt hat. Schon 1782 konnte er den elfjährigen Knaben fest anstellen und ihm so die Anwartschaft auf die Hoforganistenstelle selbst verschaffen. Die Hauptgrundlage des Unterrichts, den Beethoven von Neefe empfing, war Bachs wohltemperiertes Klavier.

Inzwischen fiel Beethovens Improvisationstalent immer mehr auf, und er selbst versuchte schon, wenn er sich ans Klavier setzte, um zu phantasieren, bestimmte Empfindungen, bestimmte Bilder und Menschen durch die Töne zu charakterisieren. Mit zwölf Jahren entwarf er die entzückenden »Bagatellen« fürs Klavier, die er später als op. 33 herausgegeben hat, und dreizehn Jahre alt, ließ er einige Klaviersonaten drucken, die er dem Kurfürsten gewidmet hatte. Um diese Zeit leitete er auch bereits, wenn Neefe verhindert war, die Proben im Theater, und er machte sich sogar einmal den Spaß, den sehr tonfesten, kurfürstlichen Sänger Heller während des Gottesdienstes durch kühne Abschweifung bei der Begleitung ganz aus dem Konzept zu bringen. Der Kurfürst verbat sich freilich solche »Geniestreiche«; er war aber von der außerordentlichen Begabung des jungen Beethoven, der inzwischen Cembalist und Bratschist am kurfürstlichen Orchester geworden war, sehr überrascht.

Solche Erfahrungen veranlaßten nun seine Gönner, ihn einem allerersten Meister in Unterricht zu geben, und 1787 finden wir denn auch den Bonner Hoforganisten Beethoven als Mozarts Schüler in Wien. Mozart läßt sich etwas von Beethoven vorspielen, bleibt aber anfangs kühl bis ans Herz, weil er es für ein einstudiertes Paradestück hält. Als ihn Beethoven aber um ein Thema zum Phantasieren bittet, »phantasiert« er denn so, daß Mozart denen, die im Nebenzimmer zuhören, zuruft: »Auf den gebt acht, der wird einmal in der Welt von sich reden machen.«

Trotz dieser Meinung wurde es nicht viel mit dem Unterricht. Mozart war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten und mit der Komposition des »Don Juan« beschäftigt. Zudem kam noch, daß die Mutter Beethovens heftig erkrankte, so daß er schon nach wenigen Wochen Wien verließ, um zur geliebten Mutter zu eilen, die bald darauf, vierzig Jahre alt, starb.

»Sie war mir eine so gute, liebenswürdige Mutter,« schreibt er in einem Briefe bald darauf, nachdem sie gestorben war; »sie war meine beste Freundin. O wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen ›Mutter‹ aussprechen konnte! Und er wurde gehört, und wem kann ich ihn jetzt sagen?«

Mit dem Tode der Mutter nahm die Trunksucht des Vaters immer mehr zu, so daß er seine Stimme verlor und bald darauf seines Amtes entsetzt wurde. Beethoven mußte nun beim Hofamte bitten, die Hälfte des väterlichen Gehalts ihm als Erziehungsbeitrag für seine jüngeren Geschwister anzuweisen. Nun fühlte sich Beethoven noch vereinsamter als früher.

Eine zweite Mutter fand er in der Nachbarswitwe Frau von Breuning, zu deren Kindern er als Klavierlehrer kam. In diesem Hause, in dem er nicht nur den größten Teil des Tages, sondern auch manche Nacht zubrachte, wurde er als eigenes Kind behandelt. Hier hat er die erste Bekanntschaft mit der deutschen Literatur gemacht, sowie seinen ersten gesellschaftlichen Schliff erhalten.

Neben diesem Hause ist noch der Graf Waldstein zu nennen, dem die Sonate +op.+ 53 gewidmet ist. Der Graf ahnte das Genie Beethovens, mit dem er befreundet war und hat ihm manche Geldunterstützung zuteil werden lassen, die er als Gratifikation vom Kurfürsten ausgab, um Beethovens Reizbarkeit zu schonen. Graf Waldstein schickte Beethoven wieder nach Wien, damit er dort bei Haydn die letzte Schulung erhalte. Der Kurfürst unterstützte Beethoven ebenfalls, der nun mit hochgeschwellten Empfindungen im November 1792 nach Wien reist, das damals für Musik die maßgebendste Stadt war. Nach den Stunden bei Haydn, die Beethoven mit je acht Groschen, sowie Kaffee oder Schokolade honorierte, verwarf Beethoven alles, was er bis dahin komponiert hatte.

Beethoven mußte nun daran denken, sich auf eigene Füße zu stellen. Seine beiden jüngeren Brüder waren versorgt; sie folgten ihm freilich beide bald nach. Haydn nahm den Unterricht nicht sehr streng und ließ Beethoven vieles, was regelwidrig war, durchgehen. Als aber einst J. Schenk den lernbegierigen Beethoven auf der Straße traf, machte er ihn auf die Fehler in den Übungsheften aufmerksam, die der Lehrer unverbessert gelassen hatte. Und als schließlich Haydn Beethoven, der eben drei Trios komponiert hatte, noch geraten hatte, ein Trio davon (+op.+ 1 in +C moll+) nicht zu veröffentlichen, weil es zu gewagt sei, wurde Beethoven mißtrauisch, brach den Unterricht bei Haydn kurzerhand ab und ging zum Komponisten des »Dorfbarbiers«, zu Schenk, in die Lehre. Beethoven widmete die drei Trios dem Fürsten Karl Lichnowsky, von dessen Frau Beethoven sagte, sie hätte eine Glasglocke über ihn setzen lassen wollen, damit kein Unwürdiger ihn berühre.