Kulturhistorische Charakterbilder

Part 13

Chapter 133,470 wordsPublic domain

Goethe wandte sich nun vorzugsweise der ~Physiologie~ der Pflanzen zu; er studiert zunächst die Wirkung des Lichtes auf die Pflanze. Im Sommer 1796 läßt er sich Glastafeln anfertigen aus gelbem, blauem und violettem Glas; diese Gläser läßt er in Rahmen fassen, und die Rahmen legt er auf Holzkästchen, die bis zur Hälfte mit Erde angefüllt sind, in welcher die verschiedensten Samen ruhen, die gut gepflegt und zur Entwicklung gebracht werden.

Fast jeden Tag hob Goethe die Glastafeln auf, um zu kontrollieren, ob die Farbe der Gläser auf das Wachstum der Pflanzen von Einfluß sei. Dann untersuchte er, wie sich Pflanzen entwickeln, denen man das Licht entzieht. Zu dem Zwecke ließ er in einem leeren Gewächshause eine Menge verschiedener Blumensamen in die Erde aussäen und das Haus durch Läden verfinstern. Herder hatte die irrige Meinung, die Keime würden sich ohne Licht überhaupt nicht entwickeln; die Zukunft belehrte ihn aber, daß die Keime sich wohl entwickelt hatten, daß die Blättchen aber klein und blaßgrün geblieben waren. Aber sobald Goethe im Juli die Läden fortnehmen ließ, gewannen die weißlichen Blättchen bald wieder ihre gesunde grüne Farbe zurück.

In einer klaren Juninacht ging Goethe einmal in seinem Garten auf und ab und beobachtete plötzlich auf den Blumen des roten Mohns ein flammenähnliches Aufblitzen. Goethe stellte fest, daß es sich dabei nicht um ein wirkliches Aufleuchten, sondern nur um eine besondere Farbenerscheinung handelte.

So war er unablässig bemüht, neue Beispiele des Bildens und Umbildens der Pflanzen zu sammeln; besonders förderte ihn sein Verhältnis zur Universität Jena, deren Kurator er war. Unter Goethes wohlwollender, geschäftskundiger und intelligenter Leitung führte er mit den bescheidensten Mitteln eine Blüte dieser Hochschule herbei, die ohnegleichen war. Er gründete Bibliotheken, Institute und Sammlungen und legte einen botanischen Garten und ein Museum an. So oft er in Jena war, bewohnte er das schlichte Gartenhaus, dessen einfache Zimmereinrichtung der moderne verwöhnte Mensch nicht ohne Rührung betrachtet.

Hier knüpfte Goethe auch Beziehungen zu dem achtundzwanzigjährigen Alexander von Humboldt an, der sich vor seiner großen amerikanischen Reise lange in Jena aufhielt. »Meine naturhistorischen Arbeiten sind durch Humboldts Gegenwart aus dem Winterschlaf geweckt,« schreibt Goethe an Knebel. Und an Humboldt selbst: »Es waren die schönsten Jahre meines Lebens, wo ich in Ihrer Nähe Ihres wohltätig begeisternden Einflusses genoß.« Zu Eckermann sagte Goethe: »Was persönlicher Gedankenaustausch fördert, empfinde ich, wenn Männer wie Humboldt hier durchkommen, und mich in dem, was ich suche und was mir zu wissen nötig ist, in einem Tage weiterbringen, als ich sonst auf meinem einsamen Wege in Jahren nicht erreicht hätte.«

Goethes Idee der Metamorphose der Pflanzen, die darauf beruhte, daß der Bauplan der Pflanze unendlich einfach sei, insofern sie immer nur ein- und dasselbe Organ in den verschiedensten Formen entwickelt, diese Idee ist heute selbstverständliches Gemeingut der Wissenschaft geworden, und man hat darüber vergessen, wie viele jahrelange Kämpfe es Goethe gekostet hat, sie durchzusetzen. Erst der fast siebzigjährige Forscher kann rückblickend sagen: »Mir ist ein erwünschtes Los gefallen. Jünglinge gelangten auf den Weg, dessen ich mich erfreue, teils veranlaßt durch meine Vorübung, teils auf der Bahn, wie sie der Zeitgeist eröffnet. Stockung und Hemmnis sind nunmehr kaum zu befürchten; eher vielleicht Voreiligkeit und Übertreibung, als Krebsgang und Stillstand. In so guten Tagen, die ich dankbar genieße, erinnert man sich kaum jener beschränkten Zeit, wo meinen ersten Bestrebungen niemand zu Hilfe kam.«

Und noch immer läßt er nicht ab, alles, was ihm im Leben der Pflanzen als bemerkenswert auffällt, aufzuzeichnen. Mit herzlicher Freude vernimmt er, daß ein botanischer Freund einem der edelsten Bäume des brasilianischen Urwaldes den Namen »Goethea« gegeben.

Doch nun kommen die Jahre, in denen er sich müde fühlt, dem Wanderer gleich, der still ausruht und die rüstige Jugend an sich vorbeiziehen läßt, um neue Länder zu entdecken und unbebaute Felder der Wissenschaft urbar zu machen. »Es ist das höchste Glück des Menschen, das Erforschbare erforscht zu haben und das Unerforschte in Ehrfurcht zu genießen.«

* * * * *

Wie sehr Goethe seine ~poetischen~ Werke mit Gleichnissen aus der Pflanzenwelt geschmückt hat, ist zu bekannt, als daß man es besonders hervorheben müßte; aber wir wissen jetzt, daß er diese Symbole aus eigener Anschauung, gewissermaßen direkt aus den Händen der Natur, empfangen hat, und wir wissen ferner, daß ihn seine botanischen Studien gelehrt haben, die ganze Natur als ein ~einziges~ großes Reich zu betrachten; er teilte sie nicht in drei Reiche. Für ihn gab es nur ~ein~ Reich des Lebens, das von den einfachsten Anfängen in unzähligen Zwischenstufen Schritt für Schritt sich zu den höchsten Gestaltungen erhebt, überall denselben Gesetzen unterworfen. Keine neuen Kräfte, keine ihrem Wesen nach verschiedene Tätigkeiten treten auf. Der Baum des Lebens ist ein einziger und einheitlicher, der seine Wurzeln in den Gebilden der ~Pflanzen~ ausbreitet, sich in den Stämmen der ~Tiere~ zu immer vollkommeneren Formen erhebt und im ~Menschen~ die höchste Blüte entfaltet.

Worin -- habe ich mich oft gefragt -- besteht wohl die große und tiefe Freude, die Feld und Wald uns bereiten? Ist diese Freude etwas anderes als eine Ahnung der geheimnisvollen Beziehung, die zwischen dem Menschen und der Pflanzenwelt besteht? Denn seit der Mensch auf der Erde wandelt, hat er die Natur, die ihn umgibt, in sich aufgenommen und für seine Vorstellungen auszubeuten gesucht. Der Mensch fing an, die verschiedenen Pflanzengestaltungen zu prüfen, inwiefern die eine mehr, die andere weniger das andeutete, was in seinem Inneren vorging. Durch die Pflanzen, die er wählte, teilte er seine Gefühle mit. Die weiße Lilie entsprach der Unschuld, das Leberblümchen dem Ärger, die Klette bedeutete Anhänglichkeit, die Brennessel Bosheit, das Veilchen Bescheidenheit, die Schlüsselblume Aufrichtigkeit, das Heidekraut Einsamkeit, die Aster Kummer, der Lorbeer Ruhm, die Palme Sieg, die Eiche Stärke und Ehre, der Wein Fröhlichkeit, die Ähre Fruchtbarkeit, die Dornen Unglück, das Immergrün Hoffnung, die Rose Liebe, der Rosmarin Tränen, die Zypresse den Tod usw. Man sprach durch Blumen, wie die alten Ägypter sich durch Bilder verständigten.

Der Mensch erkannte die unzähligen innigen Beziehungen, die zwischen Mensch und Pflanze herrschen, in bezug auf Wachstum, Klima, Nahrung, Verdauung, Schlaf, Gefühl, Seele; in bezug auf Ironie und Grobheit, Karikatur und Schönheit, Gefräßigkeit und Bescheidenheit, Parasiten- und Schmarotzertum, Reichtum und Armut, Umgebung und Gesellschaft, Luft und Wetter, Kost und Bekleidung, Persönlichkeit und Menge, Genialität und Philisterium, Raffiniertheit und Intelligenz, Frechheit und Anmut. Denn es gibt keinen Zustand, keine Daseinsform, die in der Pflanzenwelt nicht ihre Verkörperung gefunden hätte.

Das ~Klima~ beeinflußt die Pflanzenwelt in dem gleichstarken Grade wie den Menschen. In der heißen Zone leben die fast durchweg schlanken und breitschulterigen nackten Menschen, im Norden Asiens die kleinen verkümmerten Beringsvölker. Ebenso sprießt die Pflanzenwelt der heißen Zone üppig und verschwenderisch, während die Flora der nördlichen Breitengrade ein trauriges zwerghaftes Dasein fristet.

Wie die Pflanzen sind auch die Menschen entweder durch natürliche ~Grenzen~, durch Meere oder Hochgebirge voneinander getrennt, oder sie gestatten von den Grenzen aus bei naher Berührung einen gegenseitigen Austausch ihrer Bewohner. Wie im Pflanzenreiche leben im Reiche der Menschen unter gleichem Himmel doch in scharfer Abgrenzung und in gesonderten Staaten Menschen verschiedener Sprache und Abstammung; aus der Verschmelzung mehrerer Urstämme ist eine gemischte Bevölkerung hervorgegangen.

Pflanzen ~schlafen~ wie der Mensch, und der Schlaf ist ihnen ebenso vorteilhaft und notwendig. Auch die Pflanze schützt sich vor Erkältungen und vor dem Tod durch Erfrieren, indem sie in hellen, kalten Nächten nicht die breite Fläche, sondern die scharfe Kante dem Himmel zukehrt, um die Wärmeausstrahlung zu verhindern oder doch zu vermindern. Die meisten Blumen begeben sich erst gegen Abend zur Ruhe. Die Blüten ziehen sich eng zusammen, und die Blätter kehren ihre Unterseite nach oben.

Man könnte die Blumen auch nach ihrem ~Dufte~ einteilen, der ihre Seele ist. In der Tat ist der Duft das edelste Kunstwerk, das die Pflanze in den tausend Tätigkeiten ihres Lebens hervorbringt. Der Duft ist unerklärbar und unerforschlich wie die menschliche Seele, und ebenso verschieden wie sie. Die Düfte sind die Gefühle der Blumen.

Und es gibt ~Grobiane~ in der Pflanzenwelt, die, angefaßt, einen Geruch von sich geben, den man in guter Gesellschaft nicht näher beschreiben möchte.

Man hat ferner ~Schmarotzerpflanzen~ beobachtet, die ausschließlich von anderen Pflanzen leben und ihnen die Kräfte wegstehlen. Wie Riesenschlangen greifen sie die mächtigsten Stämme an und winden sich fest um sie, als wollten sie die Kolosse ersticken. Sie strecken sich nach den umstehenden Bäumen und Bäumchen aus, ergreifen den nächsten Nachbar, umwickeln Schößlinge und Sprößlinge und bilden zahllose pflanzliche Laokoon-Gruppen.

Es gibt auch ~Karikaturen~ in der Pflanzenwelt, die die Baumform zu verhöhnen scheinen. Das sind die Parodisten unter den Pflanzen. Man denke nur an die Kakteen. Sie predigen fast absichtlich die Gesetzlosigkeit jeder Form. Bald kriechen sie schlangenartig am Boden hin, bald hocken sie wie überfüllte Blasen übereinander. Bald sind sie scharfkantig und lang wie Balken, bald unförmig riesengroß wie entartete Kürbisse. Bald -- in den südlichen Ländern -- sind sie haushoch, bald so klein wie eine Erbse. Bald haben sie die Form des stachligen Kugelfisches, bald die einer platten Flunder. Sie können aussehen wie plumpe Puppen und wie die Schnauze des Sägehais; man sieht sie Tropfsteingebilde nachäffen und Biertonnen verhöhnen. --

Den Grundstein zu allen diesen Beobachtungen hat ~Goethe~ gelegt, der nicht nur als Dichter an der Spitze der Menschheit steht.

Goethe in Venedig.

Ich krame gar zu gern auf den alten Böden, die unter der Dachschrägung liegen und mit einer kleinen verstellbaren Fensterluke versehen sind; wo es nach Ruß und Rauch, nach Wäschedunst und heißer Sonne riecht; wo verhungerte Spinnen neben den Fliegengerippen in ihren verstaubten Netzen hängen; wo allerhand Ungetier still und verstohlen herumkreucht; wo zehntausend wertlose schiffbrüchige Dinge umherliegen: geköpfte Puppen, leere Sektflaschen, künstliche Palmen, alte, weiß Gott! wie alte Schmöker, Stühle ohne Beine, Lackstiefelchen mit klaffenden Wunden, verbeulte kupferne Kasserollen, Beinkleider, denen man entwachsen ist, rostiges Eisenzeug, Schulhefte, ein zerbröckelndes Herbarium, Rhomboiden und Pyramiden aus Pappdeckel, ein Kinderwagen und noch so viel anderer unnützer Plunder.

Ich krame gar zu gern in diesem schwer bestaubten, toten Gerümpel, das mir so viele kostbare Erinnerungen schenkt und so viel Geliebtes, das tot ist, wieder lebendig werden läßt. In diesen Rumpelspeichern sitzt mit Urgroßmuttershaube die Zeit und träumt ihre Träume von der Ewigkeit und vom Zerfall aller irdischen Dinge ...

Habt ihr ihr noch nie zugeschaut, ihrem leisen melancholischen Wirken und Weben und ihrer stillen, unermüdlichen Arbeit? Wie sie zum Beispiel dem kleinen Kinderwagen, in dem ihr einst als der Abgott eurer Eltern gelegen, und der so blink und so blank durch die Gärten der Stadt gefahren wurde, wie sie diesem Wagen, in dem ihr eure ersten Lebensjahre verbracht habt, ganz langsam die kleinen, entzückenden Vorhänge fortreißt und den Stoff Faden um Faden auseinandernimmt. Wie sie den braunen Firnis ableckt! Wie sie die spiegelhellen Nickelstangen anhaucht, daß sie erblinden! Wie sie das ganze Gerippe des Wagens bloßlegt, dann auch an diesem nackten Gestell zu nagen beginnt und so lange daran nagt und knuspert und knackt und beißt, bis es zusammenbricht, und ihr nichts weiter mehr seht als ein Häuflein Eisenstangen und Korbweiden? Freilich das dauert Jahre, Jahre ... aber sie hat ja keine Eile.

Ich krame gar zu gern in diesen formlos gewordenen, in der Auflösung begriffenen Dingen, die die Vergangenheit zur Gegenwart machen. Da komme ich zuweilen herauf auf den Rumpelkoben, um nach den lieben Erinnerungsstücken zu schauen, die zu Staub werden zwischen den langsamen Kiefern der Zeit. Der Klopfwurm hämmert im Dachgebälk, in den Mauerlöchern verkriecht sich der Tausendfuß, und auf dem Dache gurren die Tauben. Manchmal geht auch eine Katze da oben spazieren, streckt ihren martialischen Schnurrbart zur offenen Fensterluke herein und sagt mir »Guten Tag!«

Als ich wieder einmal da oben zwischen den vermotteten Trümmern verblaßter Erinnerungen saß, fiel mir ein Kasten voller Steine in die Hände, die am Strande des Adriatischen Meeres aufgelesen waren.

Und kaum sah ich diese buntfarbigen, von den Meereswellen abgeschliffenen Felssplitter, als plötzlich ganz Venedig vor meinem Geiste auftauchte, wo die Heimat dieser Steine ist.

Kennt ihr Venedig? ...

Wenn ihr euch mir anvertrauen wollt, will ich euch führen ...

* * * * *

Es ist morgens fünf Uhr ...

Venedig schläft noch ... Das Venedig, von dem man an grauen Herbsttagen träumt, nach dem man sich an bleiernen Wintertagen immer wieder sehnt. Der palastbesäumte +Canale grande+ schläft noch. Aber rudert mit mir in der schwarzen stillen Gondel bis zur Rialtobrücke, laßt das Venedig des Märchens, das Venedig der Dogen hinter euch versinken ...

Und nun wollen wir uns in den Gassen herumtreiben, in denen Shylock und Tubal Handel trieben, in denen Shakespeare wohl die Hälfte des »Kaufmanns von Venedig« spielen läßt, was -- topographisch betrachtet -- gar nicht möglich ist.

Es ist das Venedig, von dem ihr nie sprechen hört; das Venedig der Armen. In seinem Venetianischen Brief vom 29. September 1786 erwähnt Goethe dieses Viertel; er spricht von dem Zwang, den der beschränkte Raum auf die Bauart ausübte. Die Häuser suchten die Luft -- sagt er -- wie Bäume, die geschlossen stehen; sie mußten an Höhe zu gewinnen suchen, was ihnen an Breite abging. »Auf jede Spanne des Bodens geizig und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht mehr Breite als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten ... Die Enge und Gedrängtheit des Ganzen glaubt man nicht, ohne es gesehen zu haben. Gewöhnlich kann man die Breite der Gassen mit ausgereckten Armen entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten stößt man schon mit den Ellbogen an, wenn man die Hände in die Seite stemmt.«

In der Tat, es gibt da elende Winkel, in die die italienische Sonne nie einen Strahl wirft. Hier fällt kein Licht herein; hier ist alles fruchtbar ohne Sonne. Und hier, wo wir jetzt wandern, hat schon mit der Morgendämmerung ein rastloses Wirken begonnen. Das malerische Bild ist von starkem Eindruck, aber allerdings auf Kosten der armen Teufel, die Leben und Gesundheit dafür lassen. Krumme Häuser seht ihr, als hätten Blinde sie aufgebaut; Gesichter, als hätte die Hölle sie ausgebleicht. Schönheit muß man hier nicht suchen. Freude und Lust, Paläste, Kirchen und Theater, kostbare Juwelen und seltene Gemälde, alte Spitzen und erlesene Antiken -- alles, was dem Leben den Glanz des Genusses gibt, erscheint plötzlich furchtbar und tyrannisch. Voll stolzer Verachtung zwang jenes Venedig alle die Demütigen und Armen, die Erniedrigten und Geächteten in diese menschenunwürdigen Stadtteile, in diese Gassen voll ekler Dünste, voller Kehricht und Moder. Hier warf es die Tausende von Sklaven her, denen es einen jämmerlichen Unterschlupf gewährt und die sich am Tage um eines Soldo willen bekämpfen und beneiden, verfluchen und töten. Hier leben die kleinen Händler, die Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen, die schwindsüchtigen Glasbläser und Glasspinnerinnen, die Mosaiksetzer, die Perlendreher und Holzschnitzer -- jeder ein Künstler in seiner Art.

Die prächtigen, für satte und zufriedene Leute berechneten Läden auf dem Markusplatz schlafen noch friedlich; aber in den häßlichen und gewundenen Straßen, durch die wir jetzt kommen, schwimmt bereits der Rauch schlechter Öfen. Rundum Häuser, die zusammengeklebt einander stützen und vor dem Umfallen bewahren; schmutzigbraune, ockergelbe, rosarote, bleichgrüne, graue Häuser. Mauern an Mauern aus verwittertem, vor Alter sterbendem Stein, Fenster mit staubgrauen Gardinen blicken griesgrämig drein. Schwere Beklommenheit befällt euch. Man kann das, was man hier atmet, ebensowenig als Luft bezeichnen, wie man einen Stein Brot nennen kann. Wo ihr hinblickt, gewahrt ihr das schändliche Zeugnis eines ungleichen, heißen, aber vergeblichen Kampfes, den der Vater gegen den Sohn führt, und der Bruder gegen die Schwester. Man sieht unansehnliche Kasernenbauten, Kramläden, Weinkneipen, Barbierläden, Schuppen mit Polstermöbeln gefüllt, von denen die Fetzen herabhängen, Trödelbuden, eine Schlosserwerkstätte, Flure mit gefälschten Antiquitäten vollgepropft.

Gegen sechs Uhr beginnt es hier lebhaft zu werden; verworrenes Gesumme aus Gängen und Gäßchen; fernes Sprechen zusammengepferchter Menschen. Gegen sieben Uhr wimmelt es bereits, und ihr habt den Eindruck, als seien alle Ameisen allmählich aus ihren Löchern hervorgekrochen, um nun den ganzen Tag unermüdlich herumzulaufen und Soldi zu sammeln.

Es scheint Wochenmarkt zu sein. In langen Reihen ziehen sich offene Buden an den Häuserwänden hin, hinter denen die Verkäufer in fieberhafter Eile ihre Waren auspacken. Ganze Berge von Orangen und Zitronen, von grünen Feigen und Mispeln wachsen im Nu vor euch auf. Wagen und Körbe stehen umher; ganze Haufen von lebendigem und geschlachtetem Federvieh umgeben euch plötzlich. Hühner gackern, Tauben gurren. Kupferbraune Tagelöhner, verblühte Frauen, oft mit einem Säugling an der Brust, frühwelke Kinder, die erst Menschen werden wollen, große und kleine Taschendiebe, dickleibige Hausfrauen, schlecht frisierte und schlecht gekleidete Mädchen, Matrosen, Händler, Pfaffen, Klosterschüler, Polizisten quirlen hier durcheinander. Alles mögliche kommt zum Verkauf: alle südlichen Obstarten, Hammelfleisch, das metallgrüne Mücken umschwirren, Artischocken, Bananen, blasses, ungesalzenes, ungemein schlechtes Brot, Seile, Spaten, Gedärme, alte Röcke, alte Möbel, alte Chiantiflaschen, alte Geigen, Papageien und Seegras; es ist ein buntes lebendiges Museum.

Händler und Käufer, Betrüger und Betrogene, der ganze Markt schreit hilflos und zwecklos durcheinander. Die Kleinkrämer, die ihre Ware auf der Erde ausgebreitet haben, halten die Passanten mit befehlenden und flehenden Rufen fest. Mit gellender Stimme betteln sie. Ihr seht erregte und wilde Gesichter. Sie zanken um nichts; aber wie sie so dastehen und einander an die Kehle möchten, ist doch ein originelles Bild, das durch keine rohe Linie verunstaltet wird. Hier wird Räuberei am hellen Tage getrieben; Lug und Trug und falsche Eide klingen an euer Ohr, schimpfliche Frechheit macht sich breit, Feigheit und Qual auf Schritt und Tritt. Die Seelen hacken alle wild aufeinander los. Aber alles doch mit einer bestimmten Gewohnheit und Selbstverständlichkeit und -- so widersinnig es klingt -- mit einer gewissen Ruhe.

Denn das Schauspiel wiederholt sich täglich; es ist der Kampf um den Soldo. Verweilt eine Stunde in diesem scheußlichen Dunstkreis voll Elend und Unrecht, in diesen arbeitsreichen, erniedrigenden Gassen, und ihr habt für euer ganzes Leben das starke Gefühl von der Zweiseitigkeit aller schönen Dinge.

Aber wir wollen zum Rialto zurück. Wir biegen in die erste Straße ein und sind am Fischmarkt. Ihr tretet auf Seeschnecken, Patellen und Fischeingeweide. Der Boden ist schuppenübersät und glitschig. Kübel und Körbe, Bottiche und Fässer, Netze und Wagschalen, Tische und Bänke voller Fische, Krebse, Krabben, Schnecken, Austern und Muscheltiere in hundert Formen und Größen. Das zuckt und zappelt und kriecht und krabbelt und hüpft und wimmelt durcheinander. Der Anblick ist gruselig; man muß aber das Getier, diese unglücklichen aufgehaschten Meeresbewohner, die Goethe so viel Vergnügen machten, nicht auf dem von wüstem Geschrei und Geklapper erfüllten Platze beobachten. Man tut besser, die engen Gäßchen verlassend, durch den nördlichen +Canale grande+ zu gondeln, um die Insel der Santa Clara herum, hinaus auf den Lido ...

Dort ist das Meer ...

»Das Meer ist doch ein großer Anblick ... Dort habe ich heute die Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse gesehen und mich herzlich darüber gefreut,« sagt Goethe. »Was ist doch ein Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding! Wie abgemessen in seinem Zustande, wie wahr, wie seiend!«

Im weiteren Verlauf schildert Goethe sehr lebendig die Jagd, die die Taschenkrebse auf die Patellen machten. Man kann als Naturforscher sich gewiß herzlich freuen über diesen Kampf und man kann als Dichter die sehr sentimentale Betrachtung anstellen, wie seltsam es doch ist, daß einer den anderen fressen muß. Aber lassen wir solche Gedanken nicht aufkommen.

Das Meer umspült den Strand und lächelt dem blauen Himmel ins Antlitz. In vollem Laufe stürmt es scherzhaft die Lagunen und wirft ganze Wasserstürze wirbelnden Schaumes auf den Kiessand. Mit breiten Zungen beleckt es die Düne, gleitet aber sofort wieder sanft zurück, sich krümmend, wie der Leib einer riesigen Schlange. Welle auf Welle jagt hintereinander her. Ein sanfter Wind liebkost die mächtige Brust des Meeres, die sich gleichmäßig hebt und senkt, und die lachende Sonne wärmt sie mit ihren warmen Strahlen. Grünliche Wellen schleudern den weißen Schaum ihrer flockigen Rücken weit auf den Strand und zerfließen mit leichtem Rascheln. Ihr vertraut dem Meere eure Gedanken an, und es reinigt sie von Schmutz und von Sorge, von allem Kleinen und Kleinlichen.

Das Meer ist ein großer Anblick ...

* * * * *

Goethe hatte diese »Wunderstadt«, diese »Biber-Republik« 1786 zum ersten Male gesehen, hatte sie so gesehen, wie sie hier geschildert wurde.

Am 30. September lief er ohne Führer in die entferntesten Quartiere der Stadt. Er sehnte sich nach Einsamkeit, denn »nirgends fühlt man sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich, allen ganz unbekannt, durchdrängt«. Er suchte sich in dem Labyrinth der kleinen Gäßchen zurechtzufinden, ohne irgend jemand zu fragen; er nahm nur die Himmelsrichtung zum Führer. »Es ist ein unglaubliches Gehecke ineinander, und meine Manier, sich recht sinnlich davon zu überzeugen, die beste. Auch habe ich mir, bis an die letzte bewohnte Spitze, der Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und Wesen gemerkt; in jedem Quartiere sind sie anders beschaffen. Du lieber Gott, was doch der Mensch für ein armes gutes Tier ist!«

Die kleinen Häuschen, die dicht beieinander unmittelbar in den Kanälen standen, wunderten ihn. Und täglich erweitert er durch neue Spaziergänge seine Kenntnis der Stadt. Er kaufte sich einen Plan, studierte ihn gründlich und bestieg zunächst den Markusturm, der noch mehr als hundert Jahre stehenbleiben sollte, dann 1903 einstürzte und nun wieder neu aufgebaut ist. Seinen Augen bot sich ein einziges Schauspiel. Zu seinen Füßen lag die märchenschöne Stadt mit ihren schimmernden Palästen und das weite blaue Meer, auf dem Galeeren und Fregatten, Segler und Gondeln wie kleine Nußschalen hin und her wimmelten.