Kulturhistorische Charakterbilder
Part 16
Von diesem Tage an waren sie täglich zusammen und wurden immer mehr befreundet. Bettina schrieb öfters über ihre Zusammenkünfte mit Beethoven schwärmerische Briefe an Goethe. »O Goethe,« heißt es da einmal, »kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht, und daß alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven.«
1812 machte Beethoven eine Reise nach Teplitz, wo er Varnhagen, Tiedge, Elise von der Recke und andere bedeutende Persönlichkeiten kennen lernte. Und das Jahr darauf, als er wieder in Teplitz weilte, machte er endlich die Bekanntschaft Goethes, mit dem er nun sehr oft zusammenkam. Goethe schrieb an seinen Freund Zelter: »Beethoven habe ich in Teplitz kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt. Allein, er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt verabscheuenswert findet, aber sie freilich dadurch weder für sich, noch für andere genußreicher macht. Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn sein Gehör verläßt. Er, der ohnehin lakonischer Natur ist, wird es nun doppelt durch diesen Mangel.«
Goethe, der von den im Bade anwesenden Fürsten mannigfache Auszeichnungen erfahren hatte, wollte besonders der Kaiserin seine Ergebenheit bezeigen und riet auch Beethoven, in bescheidener Weise das gleiche zu tun. »Ei was!« antwortete Beethoven, »so müßt Ihr's nicht machen. Ihr müßt ihnen tüchtig an den Kopf werfen, was sie an Euch haben, sonst werden sie's gar nicht gewahr. Ich hab's ihnen anders gemacht.« Und nun erzählte Beethoven, wie ihn einmal der Erzherzog, sein Schüler, habe warten lassen und er darauf fortgegangen sei. Einen Orden könnten sie einem wohl anhängen, könnten einen wohl zum Hofrat machen, aber nicht zum Goethe oder zum Beethoven; davor müßten sie Respekt haben. Und während Beethoven so sprach, kam gerade der ganze Hofstaat an. Beethoven sagte nun zu Goethe: »Bleibt mir in meinem Arm hängen; ~sie~ müssen ~uns~ Platz machen.« Aber Goethe machte sich los und stellte sich mit abgezogenem Hut an die Seite, während Beethoven mit verschränkten Armen und nur den Hut ein wenig rückend, mitten durch die Hofgesellschaft ging, die sich infolgedessen teilen und ihm Platz machen mußte. Alle grüßten ihn freundlich. Auf der anderen Seite blieb Beethoven stehen und wartete auf Goethe, der sich so lange tief verneigte, bis die Gesellschaft vorübergegangen war. Beethoven sagte: »Auf Euch habe ich gewartet, weil ich Euch ehre und achte, wie Ihr es verdient, aber jenen habt Ihr zu viel Ehre angetan.« Beethoven fand Goethe zu geziert. »Ihm behagt die Hofluft zu sehr; mehr, als es einem Dichter ziemt,« schreibt er an einen Freund.
Ihm widerstrebte alles äußere Wesen; sein ganzes Leben war auf innen eingestellt; er haßte alle Eitelkeit. Deshalb schickte er auch eine Visitenkarte seines Bruders, der ihm zu Neujahr gratuliert hatte und auf welcher zu lesen war »Johann van Beethoven, Gutsbesitzer« zurück und schrieb auf die Rückseite »Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer«.
Und doch war es nicht läppischer Stolz, der ihn zuweilen so hochfahrig erscheinen ließ. »O Gott, gib mir die Kraft, mich zu besiegen,« schreibt er 1812 in sein Tagebuch; »mich darf ja nichts mehr an das Leben fesseln.« Und 1813: »O Gott, Gott, sieh auf den unglücklichen Beethoven herab, laß es nicht länger so dauern.«
Frau Streicher nahm sich seiner häuslichen Verwirrung an, die so groß war, daß Beethoven eines Tages nicht einmal mehr Stiefel zum Ausgehen hatte. Einer seiner Gönner war inzwischen gestorben, und ein anderer, Fürst Lobkowitz, war selber arg verschuldet und in Bedrängnis. »Es ist hart, beinahe um des lieben Brotes willen zu schreiben! So weit habe ich es nun gebracht,« stöhnt Beethoven 1818. Seine Einnahmen standen um diese Zeit in der Tat beinahe im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ruhm. Es war eine Ironie des Schicksals, daß Beethoven, der in diesen Jahren sehr viel äußere Bedrängnis auszustehen und der sich von aller Welt verschlossen zurückgezogen hatte, in Wien zu einer Art Sehenswürdigkeit geworden war. Nur wenige Kollegen, Schubert, Liszt und Weber, die ihn besuchten, wurden empfangen. Und zu diesen äußeren Sorgen kamen noch andere.
Seit dem im Jahre 1815 erfolgten Tode seines Bruders Karl nahm Beethoven sich auch dessen unmündigen Sohnes, seines Neffen Karl, an, dessen Vormund und Erzieher er wurde und auf den er alle innige Familienliebe übertrug, die er so viele Jahre zurückgedämmt hatte.
Wegen seines Ehrengehaltes lag er in fortwährenden Streitigkeiten mit den Gerichten, in denen er stets von neuem zu beweisen hatte, daß er noch am Leben sei. Eine besondere Kränkung tat man ihm an, als er in einem Prozesse seinen vermeintlichen Adel erweisen sollte. Tief verletzt zeigte er auf Herz und Kopf und rief »Hier und hier«.
Die Wohnungs- und Dienstmädchensorgen quälten ihn auch nicht wenig. In der Mödlinger Hauptstraße, wo er damals wohnte, komponierte er, wie er selbst sagte, »im Schweiße seines Angesichtes« und schlug, Tag und Nacht arbeitend, mit Händen und Füßen so stark den Takt, daß ihm die Wohnung gekündigt werden mußte.
Das Leben schien ihm nun ein Dornenweg; ein Spießrutenlaufen durch tausend Drangsale und alltägliche Plackereien. »Für dich, armer Beethoven, gibt es kein Glück von außen,« lautet nun seine Einsicht. Seine brüske, verbitterte Art zeichnete sich sogar in seiner Handschrift aus, von der Zelter sagte: »Beethoven schreibt immer wie mit einem Besenstiel,« und Beethoven selbst gesteht: »Das Leben ist zu kurz, um Buchstaben und Noten zu ~malen~, und schöne Noten brächten mich schwerlich aus den Nöten.«
Trotzdem bewahrte er sich sein gutes Herz und seine reiche Menschenliebe. Er unterstützte reichlich seine beiden Brüder. Als er erfuhr, daß Deutschland das letzte Kind des großen Musikers Bach hungern ließ, verschaffte er ihm unter vielen Umständen die nötigen Lebensmittel. Für eine herumziehende Musikantengesellschaft, deren Not ihn dauerte, komponierte er einen Walzer und schrieb selbst die Stimmen dazu aus.
Er selbst vernachlässigte sich sehr; sogar in der Kleidung ließ er sich jetzt stark gehen. Seine grauen Haare waren immer unfrisiert, und mit seinem krausen Buschkopf bot er eine auffallende Erscheinung. Als eine Dame einmal ganz entzückt seine schöne Stirn bewunderte, sagte er kurz angebunden: »Nun, so küssen Sie sie!«
Seine große Aufopferungsfähigkeit tritt uns aber in ihrer ganzen Großartigkeit entgegen in dem Verhältnis zu seinem Neffen Karl, dem er sich mit Leib und Seele, mit Gut und Geld widmete; er spielte und tollte mit ihm herum, behütete ihn wie seinen Augapfel und erntete nur Undank. Beethoven wollte den Jungen zum Gelehrten oder Künstler machen; aber der Neffe entlief seinem Onkel, mißachtete ihn, wurde von der Universität entlassen, spielte, flanierte, log, unterschlug Gelder, bis er eines Tages einen mißglückten Selbstmordversuch machte und blutüberströmt dem unglücklichen Onkel ins Haus gebracht wurde, der über diesem Streich fast zusammenbrach.
Ohnehin hatte ein Leberleiden schon begonnen, die Gesundheit Beethovens zu untergraben. Und als die Gelbsuchtsanfälle sich mehrten, dachte er an sein Testament. Als der Neffe von seinem dummen Streich genesen war, wurde er von der Polizei der Stadt verwiesen und zog nach Gneixendorf. Beethoven, der an dem Neffen, den er zum »geliebten Universalerben« bestimmt hatte, mit unverminderter Liebe hing, zog ebenfalls nach dem Dorfe hinaus, wo ihn die Diener und Bauern, die ihm in Flur und Wald begegneten, heftig auslachten, wenn sie ihn gerade beim Komponieren betrafen. Er gestikulierte so stark, daß das Vieh, das ihm begegnete, scheu wurde und die Bauern ihm oft zuriefen: »He! a bissl stader!«
Auf einer Rückreise von Gneixendorf nach Wien mußte Beethoven fiebernd in einem Dorfwirtshause übernachten. An einer Bauchfellentzündung leidend, kam er auf einem Milchwagen, »dem elendesten Fuhrwerk des Teufels«, am 2. Dezember 1826 in Wien an und wurde von Stunde zu Stunde elender.
Beethoven schickt seinen Neffen aus, zwei befreundete Ärzte zu holen, die versagen aber ihre Hilfe, weil ihnen der Weg von der Stadt nach der entfernten Wohnung Beethovens zu weit ist. Beethoven bittet seinen Neffen, andere Ärzte zu besorgen; der leichtsinnige Bursche vergißt aber ganz daran, setzt sich statt dessen in ein Kaffeehaus und spielt Billard. Erst sehr spät fällt ihm der Auftrag des todkranken Onkels wieder ein, aber anstatt wenigstens jetzt selber auf die Suche zu gehen, gibt er seinen Auftrag dem Kellner weiter, der ebenfalls daran vergißt. Drei Tage darauf wird der Kellner zufällig selbst krank und in der Klinik, wohin er gebracht werden muß, erinnert er sich jetzt erst des erhaltenen Auftrags. Jetzt erst erhält Beethoven ärztliche Hilfe. Aber es ist schon zu spät, da bereits Wassersucht eingetreten ist. Dazu kommen noch neue Gemütserschütterungen, und da nächtliche Erstickungsanfälle auftraten, muß der Bauchstich gemacht werden. Beim Anblick des Wassers, das ihm aus dem Leibe läuft, hat er noch so viel Humor, dem Arzt zu sagen, er sei ein wahrer Moses, der mit dem Stabe an den Felsen geschlagen habe, daß das Wasser kam. »Besser Wasser aus dem Bauch, als aus der Feder,« tröstete er sich. Eine Sorge verläßt ihn: der Neffe Karl betritt die militärische Karriere; dafür kommt eine neue Sorge: die militärische Ausstattung des Neffen hat sehr viel gekostet, und es ist Geldnot eingetreten. Die Krankheit zieht sich in die Länge, obwohl Beethoven schon zum drittenmal operiert worden ist. Und von allen Bekannten kümmert sich fast niemand um ihn, außer den allernächsten Freunden. Und nun nähert sich Beethoven immer mehr seinem irdischen Ende. Am 23. März empfängt er die Sterbesakramente. Tags darauf beginnt der Todeskampf.
Am 26. März 1827 blieb die kleine Pyramidenuhr, ein Geschenk der Fürstin Lichnowsky, stehen, und noch heute soll diese Uhr, so oft ein Gewitter naht, stehnbleiben. Gegen fünf Uhr toste mit gewaltigem Donner, Schnee und Hagelschlag mitten im Winter ein Unwetter heran. Nur Beethovens Schwägerin, Frau van Beethoven, und ein junger Schüler Beethovens waren im Sterbezimmer anwesend. Plötzlich wurde das Zimmer durch einen Blitz grell beleuchtet. Der Sterbende öffnete weit die Augen, erhob die rechte Hand und blickte mit drohender Miene starr gen Himmel. Dann sank er zurück. Der Recke war tot.
Seinem Leichenbegängnis folgte keine Gattin, nach der er sich so oft gesehnt hatte und kein eigenes Kind. An seinem Grabe weinte die ganze Welt. Zwanzigtausend Menschen folgten dem Sarge, und alle Schulen waren geschlossen.
Der Erfinder Edison.
In Orange in New Jersey, inmitten eines Netzes elektrischer Leitungen, erhebt sich ein von weiten, einsamen Gärten umgebenes Haus. Die Front gebietet über einen großen Rasenplatz, der von kiesbestreuten Wegen durchkreuzt ist und sich bis zu einem pavillonartigen Gebäude hinzieht. Dieser Pavillon ist rings von einer Reihe sehr bejahrter hoher Bäume beschattet.
Hier wohnt Thomas Alva Edison, der Mann, der das Echo gefangennahm, der fast taube Zauberer so vieler Wunderdinge, die geschaffen sind, um dem Ohr ein Fest zu bereiten.
An einem Herbstabend der letzten Jahre geschah es, daß Edison sich in das Innere seines Privatlaboratoriums zurückzog. In seinem bequemen amerikanischen Klubsessel saß er mit aufgestützten Ellbogen allein, eine Havanna rauchend, obwohl er sonst nicht rauchte, weil der Tabak große Pläne so leicht in Träumereien zerfließen läßt. Von seinem bereits sagenhaft gewordenen Gewand umhüllt, dem schwarzseidenen Umhang mit den violetten Quasten, sah er zerstreut vor sich hin und schien in tiefe Betrachtung versunken.
Die Tische waren übersät mit tausenderlei Instrumenten, Räderwerken, geheimnisvollen Mechanismen, elektrischen Apparaten, Teleskopen, Reflektoren, Magneten, Retorten, Phiolen und Tafeln, die mit Zahlen bedeckt waren.
Die untergehende Sonne beleuchtete die von Ahorn- und Tannenbäumen bestandenen Hügel von New Jersey, und hin und wieder wurde das Gemach blitzartig von aufglühenden elektrischen Funken erhellt.
Der Wind wehte kühler; ein Gewitter hatte am Nachmittage die Luft durchfeuchtet, und die Blumen vor dem Fenster schickten nun ihre schweren Düfte herein. Ihr betäubendes Aroma ermattete die lebhaften Gedanken Edisons, und unbewußt wurde er von dem Reiz der Dämmerung eingefangen ...
Im Februar des kommenden Jahres wurde er sechzig Jahre alt und es reizte ihn nun, gleichsam am Vorabend des Greisenalters, über sein mühseliges, leidensvolles Leben nachzudenken ... all die mühseligen Wege, die er gehen mußte, ehe er als der größte Erfinder auf dem Gebiet der Elektrotechnik allgemein anerkannt war, in Gedanken zu gehn.
Er sah das Bild Milans vor sich, seiner Geburtsstadt im nordamerikanischen Ohio, in der er am 11. Februar 1847 zur Welt kam.
Väterlicherseits stammte Edison aus einer alten holländischen Müllersfamilie, die ungefähr um 1737 in Nordamerika eingewandert war. Er sah im Geiste den Vater vor sich, wie er in Milan einen schwunghaften Getreide- und Holzhandel betrieb, an dem er zum wohlhabenden Manne wurde. Und sah die, ach, nun tote Mutter, eine Kanadierin, die von einer eingewanderten schottischen Familie abstammte und eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Vor ihrer Heirat war sie Lehrerin gewesen, um später ihren Beruf auch am jungen Edison auszuüben. Das blühende Geschäft hatte den Eltern die Möglichkeit eines behaglichen Lebens gegeben und die Hoffnung einer sorglosen Zukunft. Die Eltern liebten ihren Thomas Alva mit großer Zärtlichkeit! Wie machten sie ihm seine Kinderjahre zu Jahren sonniger Freude!
Aber Glück ist wandelbar und nicht von langer Dauer. Der Eisenbahnbau begann, um dem Handel einen neuen Weg zu eröffnen. Es begann ein tolles Hämmern und Schmieden. Aber durch diese Eisenbahn wurde der Kanalverkehr des Ohio lahmgelegt, dem der Vater hauptsächlich seine Einnahmen verdankte. Das Geschäft des Vaters ging zurück, und als gar noch eine allgemeine finanzielle Krisis hereinbrach, ging des Vaters Betrieb vollkommen zugrunde, so daß die Familie sich plötzlich allen Bitternissen der Armut gegenübergestellt sah. Aber nur das Geschäft brach zusammen, nicht auch der Vater, der vielmehr mit zäher ungebrochener Energie daranging, sich im Port Huron im Staate Michigan ein neues Heim zu gründen und mit erstaunlicher Arbeitskraft sein Leben von neuem aufzubauen. Thomas Alva war damals sieben Jahre alt. Er hatte bereits angefangen, in die Schule zu gehn, als schon sein erster Unterricht durch diese Umsiedelung gestört und gehemmt wurde. In Port Huron wurde er nun, um das Schulgeld zu sparen, nicht mehr in die Schule geschickt; die Mutter übernahm vielmehr selbst die weitere Ausbildung des Knaben. Die lehrte ihn schreiben, lesen und rechnen und diese gemeinschaftliche Arbeit schuf ein sehr inniges Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Wie spornte sie immer seinen Wissenseifer an und gab seiner Phantasie reiche geistige Nahrung.
Aber auch in Port Huron ging das Geschäft des Vaters nicht recht vorwärts; die Familie blieb arm. Es war aus mit den sorglosen Jahren der Kindheit; die Spielzeit war vorbei. Schon als Zwölfjähriger mußte der junge Edison daran denken, etwas mitzuverdienen. Er nahm eine Stelle als Zeitungsjunge an der Eisenbahn an, die Port Huron mit Detroit verbindet.
Und Edison sieht im Geiste rückwärts; sieht, wie er zwischen diesen beiden Stationen täglich hin und her fährt, während der Fahrt von Wagen zu Wagen wandert, um den Reisenden Zeitungen, Süßigkeiten, Früchte und andre Erfrischungen anzubieten, wodurch er sich eine bescheidene tägliche Einnahme sichert, die er zum größten Teil seinen Eltern bringt. Die Stunden, die zwischen der Ankunft des Zuges in Detroit und seiner Abfahrt liegen, bringt er damit zu, seine Geschäftsgänge zu besorgen, seine Zeitungsexemplare einzukaufen und in der Volksbibliothek zu arbeiten, deren viele tausend Bände gewissenhaft durchzulesen er sich ernsthaft vorgenommen hat. Er liest tatsächlich auch die Bücher, wie sie ihm gerade zur Hand kommen, der Reihe nach wahllos durch, und als er schon eine Strecke von fünfzehn Fuß weggelesen hat, wird die Bibliothekleitung endlich auf sein Vorhaben aufmerksam und lenkt seine Lesewut in die richtigen Bahnen. Unter den bereits verschlungenen Büchern befanden sich recht schwierige Werke; zum Beispiel Gibbons »Verfall und Untergang des römischen Reiches«, Humes »Geschichte Englands« und »Die Geschichte der Reformation«, Burtons »Anatomie der Melancholie« und andre Bücher.
Auf der hundert Kilometer langen Bahnstrecke Port Huron-Detroit war der junge Edison bald eine sehr bekannte und beliebte Person. Aber wichtiger war für ihn, daß er sich auch die Zuneigung des Bahnpersonals erwarb. Denn er hatte es in erster Reihe dem Personal zu danken, daß man ihm das ausschließliche Recht des Zeitungsverkaufs auf den Lokalzügen der genannten Strecke zubilligte; außerdem hatte man ihm noch einen alten ausrangierten Gepäckwagen zur Verfügung gestellt, der gewöhnlich leer im Zuge mitlief.
Welche wundervollen Stunden hat er in diesem Rumpelwagen erlebt! Schon als dreizehnjähriger Knabe hatte Edison große Freude an chemischen Experimenten, und so häufte er in der einen Hälfte des Wagens allerhand Apparate und Flaschen mit Chemikalien an und gestaltete ihn zu einem kleinen chemischen Laboratorium um, während er in der andren Hälfte seine Zeitungen, Fruchtkörbchen und andere Handelsartikel aufbewahrte.
Über seinen chemischen Versuchen vergaß er aber nicht, seinen Geschäften nachzugehen; im Gegenteil, seine Tätigkeit war, wie bei allen Amerikanern, auf Gewinn und Erwerb gerichtet. Er kaufte gewöhnlich zweihundert Zeitungsexemplare; zuweilen hätte er aber auch dreihundert verkaufen können. Als er nach der Ursache dieses schwankenden Verkaufs forschte, bemerkte er bald, daß sich der Absatz nach der Wichtigkeit und Sensation der aktuellen Vorgänge richtete, und er war nun so schlau, ehe er seine Exemplare kaufte, jedesmal die Überschriften der Zeitung erst rasch zu überfliegen und sie gleichsam auf ihre sensationelle Wirkung hin zu prüfen. Und danach bemaß er dann auch ganz seinen Bedarf. Um jene Zeit war gerade der große Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten ausgebrochen, und das reisende Publikum war nach den neuesten Nachrichten stets sehr begierig.
Eines Tages las Edison auf der Probenummer der Zeitung in Riesenlettern eine Überschrift, die eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und Verwundeten ankündigte. Blitzartig durchfuhr ihn der Gedanke, daß ihm der Verkauf dieser Zeitungsnummer großen Gewinn bringen könnte, wenn es ihm gelänge, die Aufmerksamkeit der Reisenden längs der ganzen Zugstrecke rechtzeitig auf diese große Neuigkeit hinzulenken. Schon hatte er einen fertigen Plan im Kopf. Er eilte zur Telegraphenstation und bestimmte einen ihm bekannten Beamten ein kurzes Telegramm über eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und Verwundeten abzusenden, mit der Bitte, diese Depesche an der schwarzen Tafel, auf der gewöhnlich die Verspätungen der Züge angezeigt wurden, mit Kreide anzuschreiben. Edison erbot sich, dem Beamten für diesen Dienst ein halbes Jahr lang unentgeltlich eine täglich erscheinende Abendzeitung und zwei Journale zu liefern, eine Wochen- und eine Monatsschrift. Der Beamte ging auf den Vorschlag ein und versprach, das Telegramm rechtzeitig abzusenden. Nun galt es noch, eine möglichst große Anzahl Zeitungsexemplare zu erhalten. Geld hatte Edison nicht, und als er sich an den Vorsteher der Speditionsabteilung mit der Bitte wandte, ihm tausend Exemplare auf Kredit zu überlassen, wurde ihm das rundweg abgeschlagen. Viel Zeit war bis zum Abgang des Zuges nicht mehr zu verlieren; kurz entschlossen wandte sich Edison an den Eigentümer der Zeitung selbst, sagte ihm, wer er sei und bat um fünfzehnhundert Exemplare, die er am nächsten Tage bezahlen wollte. Der Besitzer der Zeitung, ein hagerer ernster Mann, musterte den kecken vierzehnjährigen Zeitungsboy einen Augenblick, kritzelte einige Worte auf einen Zettel und gab ihn Edison mit den Worten: »Trag's hinunter, und du wirst erhalten, was du wünschest.« Niemand war glücklicher als Edison. Im Triumph trug er seinen schweren Ballen Zeitungen fort, faltete und legte sie noch auf der Straße mit Hilfe einiger Knaben zurecht und lief zu seinem Zuge. Jetzt hatte er nur noch die eine Sorge, ob der Telegraphenbeamte auch Wort gehalten hatte. Denn davon hing ja der glückliche Ausgang seines Unternehmens ab.
Und wie dann der Erfolg seine Erwartungen bei weitem übertraf! Wie er schon, als der Zug auf der ersten Station Utica einlief, eine Menge Menschen auf dem Bahnsteig herumstehen sah, die, durch sein Telegramm neugierig gemacht, ungeduldig die Ankunft des Zuges erwarteten, um genauere Nachrichten über die große Schlacht zu erhalten. Wie er nun einen Arm voll Zeitungen nahm, aus seinem Güterwagen sprang und im Nu vierzig Exemplare zu zwanzig Pfennig (fünf Cent) abgesetzt hatte, während er sonst an dieser Station kaum zwei Exemplare loswerden konnte. Auf der nächsten Station, Mount Clemens, war noch eine größere Menschenmenge versammelt. Jetzt hatte er vierzig Pfennig für das Exemplar gefordert und hatte trotzdem hundertfünfzig Stück verkauft. Ähnlich ging es auf den folgenden Stationen. Am tollsten war es aber auf der Endstation Port Huron, wo Edison zu Hause war. Als er hier mit den letzten paar hundert Exemplaren, die ihm geblieben waren, sich auf den Weg zur Stadt machte, die anderthalb Kilometer entfernt lag, kam ihm unterwegs ein großer Schwarm aufgeregter Menschen entgegen, die ebenfalls durch sein schlaues Manöver in höchste Erregung versetzt worden waren. Sie riefen alle nach Zeitungen und Edison verkaufte ihnen einen großen Teil, das Exemplar zu einem Vierteldollar (mehr als eine Mark). Die Nachricht, daß der kleine Edison mit den neuesten Depeschen vom Kriegsschauplatze kam, verbreitete sich mit Windeseile nach der Stadt, und Edison sah sich genötigt, auf den Stufen, die zur Tür einer Kirche emporführten, Posto zu fassen, um sich des Andranges zu erwehren. Der Gottesdienst sollte gerade beginnen, aber die Türen waren noch offen, daher strömten die Menschen heraus, und es entstand ein tolles Wettbieten auf die letzten hundert Exemplare der kostbaren Zeitungsnummer.
Mit einem kleinen Vermögen kam Edison am Abend nach Hause, wo er seinen Eltern von der gelungenen Unternehmung berichtete und ihnen den größten Teil seines Gewinnes einhändigte.
Der glückliche Ausgang dieser kleinen Spekulation blieb auf die Entwicklung Edisons nicht ohne starken Einfluß. Zunächst stärkte sich sein Selbstvertrauen, sein Unternehmungsgeist wurde angeregt, so daß der Vierzehnjährige Geschäftsunternehmungen wagt, die von seinen außerordentlichen Anlagen beredtes Zeugnis ablegen. Er verdankte ja sein kleines Vermögen jenem Telegramm, und so war es ganz natürlich, daß die Telegraphie und ihre gewaltige Bedeutung für den Verkehr ihn besonders lebhaft interessieren mußte. Er vernachlässigte nun die Chemie auf Kosten der Elektrizität, über deren geheimnisvolle Kraft er in der folgenden Zeit alles zusammenlas, was ihm nur erreichbar war. Er kaufte und verfertigte sich elektrische Apparate, um selbst elektrische Versuche anstellen zu können.