Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 70
Wie heute noch in den romanischen Ländern Südeuropas, vor allem in Italien, so wurde früher auch bei uns Jagd auf die Gesamtheit der kleinen Vögel gemacht, die auf ihrem Durchzuge, besonders im Herbst, gut gemästet nach Süden ziehen. Man benutzte und benutzt heute noch dazu den Vogelherd, den schon der Sachsenherzog Heinrich der Sage nach bestellt haben soll, als er im Jahre 919 von den Franken und Sachsen in Fritzlar zum deutschen Könige gewählt wurde. Davon erhielt dieser eigentliche Gründer des Deutschen Reiches, der die Einheit des von ihm innerlich gefestigten Reiches herstellte, seinen Beinamen der „Finkler“ oder der „Vogelsteller“. Zur Anlage eines solchen Vogelherdes wählt der Vogelsteller zur Zugzeit im Herbst eine hochgelegene, von den Zugvögeln regelmäßig besuchte Stelle, etwa einen bebuschten Hügel auf der Zugstraße. Hier stellt er ein großes Schlagnetz auf, stellt im Bereiche desselben Futter zum Speisen der hungrigen und Wasser zum Tränken der durstigen Wanderer auf und ladet diese durch besondere Lockvögel ein, bei ihrem Durchzuge sich hier niederzulassen und zu stärken. Dazu tut auch der in einer Rasen- oder Laubhütte versteckte Papageno mit der Lockpfeife sein Möglichstes, bis die armen Wichte, wenn sie sich müde und hungrig oder durstig niederlassen, durch Niederfallen des Netzes infolge eines Ruckes an der Schnur, gefangen werden, wonach ihnen meuchlings der Hals umgedreht wird. Heute schämen wir feinfühlig gewordenen Kulturmenschen uns solcher Roheit und lassen die durch Insektenvertilgung äußerst nützlichen und durch ihren ansprechenden Gesang uns lieben Vögel, die doch keinen nennenswerten Nährwert haben, lieber am Leben und an ihrer nützlichen Arbeit in Wald und Feld. Anders die gefühlsrohen, noch von der römischen Kaiserzeit an Blutvergießen und Tierquälerei nicht nur keinen Anstoß nehmenden, sondern sich vielmehr noch daran erfreuenden Romanen, die diese kleinen Leichname gerupft, an dünnen Weidenruten aufgezogen, auf den Markt bringen und ihren Volksgenossen gegen geringes Entgelt zum Braten und Verspeisen mit einer Reis- oder Maisspeise verkaufen. Wie in den Städten Italiens kann man auch in Marseille solche Vögel für billiges Geld kaufen. Es ist eigentlich eine Schande, daß solche Leckerei in einem sonst so hochstehenden Kulturstaate heute noch geduldet wird.
Unter allen diesen Vögeln sind besonders die Lerchen von den Feinschmeckern geschätzt. Unter ihnen versteht man in erster Linie unsere mitteleuropäische ~Feldlerche~ (_Alauda arvensis_), die auf allen Ebenen mit Getreidebau, auf öden Heiden und auf feuchten Marschländern, nicht aber im Wald, auf kahlen Bergrücken und in Ortschaften angetroffen wird. Auf einem ihm zusagenden Gebiet wählt sich jedes Pärchen einen kleinen Bezirk aus, worin es keinen Nachbarn duldet. In jubilierenden Trillern läßt das Männchen, während das Weibchen brütet, immer höher gen Himmel steigend, seinen Balzgesang erschallen, um sein Brutrevier gegen allfällige Eindringlinge zu behaupten. 2-3mal im Jahre brüten sie und von Ende September an ziehen sie in großen Gesellschaften in die Winterherberge nach Süden, um schon Ende Februar scharenweise in ihre Heimat zurückzukehren. In gelinden Wintern können manche auch in unseren Gegenden zurückbleiben. Doch sind es nicht sie, sondern Haubenlerchen, welche wir dann auf unseren Straßen, selbst in Städten, nach Futter suchend, umhertrippeln sehen. Die ~Haubenlerche~ (_Galerita cristata_) ist ein Gattungsgenosse der Heidelerche, deren flötender, abwechselungsreicher Gesang dem der Feldlerche wenig nachsteht. Sie ist ein echter Steppenbewohner, der in den Ebenen Mittelasiens von China und der Mongolei an bis Südrußland Standvogel ist und erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts sich bei uns in Mitteleuropa einbürgerte. Bei ihrem Vordringen nach Westen folgte sie hauptsächlich den großen Heerstraßen, auf denen sie ihre Nahrung sucht, besonders auch, indem sie den unverdauten Haferkörnern im Roßmist nachgeht, und in deren Nähe sie auch gern brütet. Man sollte meinen, jeder feinfühlige Mensch ziehe die so nützliche lebende Lerche mit ihrem unsere Ackerfluren belebenden und die Laut gewordene Poesie des Feldes darstellenden herrlichen Gesang der gebratenen vor. Dies ist aber leider durchaus nicht der Fall. Sie wird heute auch bei uns in Menge gegessen, wenn auch ihr Konsum seit 1850 auf etwa den vierten Teil zurückging. Immerhin verbraucht Berlin deren noch 30000, Wien 36000 und Paris gar 1500000 jährlich. In Frankreich kamen um 1750 zuerst in Pithiviers, dem Safranzentrum, die Lerchenpasteten auf, denen sich in unserer Zeit die „Lerchen in Aspik“ als eine Glanznummer des Frühstücksprogramms der Schlemmer neben der Gänseleber mit Trüffeln hinzugesellten. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ist ein besonderer Verehrer dieser feinen Bissen und die dazu nötigen Lerchen fangen und liefern ihm als besonderes Privileg die Halloren in die kaiserliche Küche. Wenn solches noch bei uns an tonangebender Stelle geschieht, so haben wir keine Ursache, den Romanen ihre Grausamkeit und Herzlosigkeit vorzuwerfen, daß sie solch edle Sänger einem so schändlichen Lose opfern! Auch die Tatsache, daß die Lerchen gut schmecken, entschuldigt nicht die Brutalität, die in ihrem Verspeisen liegt. Wir können nur die rohe Gesinnung des Schriftstellers Rosner bedauern, der 1894 schrieb: „Eine ausgebeinte, feiste schmucke Lerche ist allerdings nur ein Bissen, aber ein Bissen von wunderbarer Saftfülle und geradezu köstlichem Wohlgeschmack, der den ganzen Schmeckapparat bis in die feinsten Fibern hinein in namenloses Entzücken versetzt.“
Von den Feinschmeckern Chinas werden gleicherweise die ~eßbaren Vogelnester~ als eine der feinsten Delikatessen geschätzt und in großen Mengen nach China eingeführt, wo sie als die Geschlechtstätigkeit anregendes Mittel gelten und schon aus diesem Grunde sehr gesucht sind. Deren Erzeuger sind eine Art Segler Südasiens und Indonesiens, die ~Salanganen~ (_Collocalia nidifica_), die unsere Uferschwalbe etwas an Größe übertreffen und an den Wänden dunkler Höhlen aus dem zähen Schleim ihrer Speicheldrüsen ihre sehr bald erhärtenden, getrocknetem arabischen Gummi gleichenden zierlichen Nester erbauen. Die Höhlen, in denen sie auf Java und sonst nisten, sind Eigentum bestimmter Personen, die sie besonders zur Nistzeit streng bewachen lassen, damit kein Unberufener sich unerlaubterweise solche Nester aneigne. Dreimal im Jahre brüten diese Tiere, wobei sich Männchen und Weibchen alle 6 Stunden ablösen sollen. Dabei wird von ihnen niemals von einem Neste zweimal Gebrauch gemacht, sondern sie bauen für jede Brut ein neues Nest, an dem sie etwa einen Monat lang zu arbeiten haben, während das alte Nest mit der Zeit stinkend wird und abfällt. Der Zahl der Bruten entsprechend wird dreimal im Jahre geerntet, sobald die Jungen halbwegs flügge geworden sind. Dabei geht gleichwohl etwa die Hälfte der Jungen zugrunde. Doch vermindert sich die Zahl der Salanganen nicht wesentlich, da man an den Orten, wo man an die Zukunft dieser Vögel denkt, jährlich wenigstens eine Brut ganz ausfliegen läßt. Eine einzige, vom Meer ausgewaschene große Höhle an der Südküste von Java liefert 500000 Nester; verteilt man nun diese auf drei Ernten, so ergibt es sich, daß über 33000 Salanganen darin ihrem Brutgeschäfte obliegen. Alljährlich werden etwas über 5 Millionen Salanganennester nach China ausgeführt, die einen Gesamtwert von 6 Millionen Mark repräsentieren. Man benützt sie hauptsächlich zu Suppen; sie quellen im heißen Wasser auf und schmecken an sich fade, sollen aber in der sorgfältigen Zubereitung, die ihnen die Chinesen angedeihen lassen, köstlich zu essen sein, wie mir solche berichteten, die mehrfach Gelegenheit fanden, sie bei vornehmen Chinesen zu essen.
Wie einst bei unseren Vorfahren, so steht heute noch bei den Hirtenvölkern der asiatischen Steppen, den Kirgisen, Baschkiren und wie sie sonst heißen mögen, die Jagd mit Falken und Adlern hoch in Ehren. Man beizt mit ihnen Antilopen und Hasen, wie auch Wölfe und Füchse; dabei erscheinen die Jäger noch in Prunkaufzügen auf prächtigen Pferden, die ganz an die Jagdaufzüge der Deutschen im Mittelalter erinnern. Die Abrichtung der Jagdfalken und übrigen zur Jagd gebrauchten Raubvögel war ein eigener Zweig der Jägerei in Europa. Im Abschnitte über die Geschichte der Jagd wurde Näheres darüber berichtet. Von Europäern, die sich noch heute diesem Sport widmen, sind außer Russen und dem Herzog von Bedford in England nur die englischen Offiziere in Indien zu nennen. Diese reiten gern mit einem Jagdfalken auf der mit starkem Lederhandschuh bekleideten Rechten auf die Antilopenjagd.
Am großartigsten wurde von jeher die Falkenjagd in Mittelasien betrieben. So schreibt der weitgereiste Venezianer Marco Polo von seinem vieljährigen Aufenthalt in Zentralasien vom Tatarenchan Kublai ums Jahr 1290: „Im März pflegt Kublai Chan Kambalu zu verlassen; er nimmt dann etwa 10000 Falkner und Vogelsteller mit sich. Diese werden in Abteilungen von 200-300 Mann im Lande verteilt, und was von ihnen erlegt wird, muß dem Chan abgeliefert werden.“ Der Franzose Tavernier, der sich viele Jahre in Persien aufhielt, erzählt im Jahre 1681: „Der König von Persien hält sich über 800 Falken, wovon die einen auf wilde Schweine, wilde Esel, Antilopen und Füchse, die andern auf Kraniche, Reiher, Gänse und Feldhühner abgerichtet -- der fachmännische Ausdruck heißt abgetragen -- sind.“ 1827 schreibt der Engländer John Malcolm über die Falkenjagd in Persien: „Man jagt zu Pferde, mit Falken und Windhunden. Ist eine Antilope aufgetrieben, so flieht sie mit der Schnelligkeit des Windes. Alsbald läßt man Hunde und Falken auf sie los; die letzteren fliegen nahe am Boden hin, erreichen das Wild bald, stoßen gegen dessen Augen und halten es auf; inzwischen kommen die Hunde heran und packen es.“
Bei den Kirgisen und Baschkiren ist die Falknerei noch ein hochgeschätzter Betrieb, in welchem man Adler für großes und Falken, Habichte und Sperber für kleines Wild verwendet. Bei ihnen wird ein bewährter Jagdfalke so hoch bewertet, daß der glückliche Besitzer sich eher entschließen würde, sein Weib als seinen Vogel zu verkaufen. Die geschätztesten Jagdgehilfen des Menschen sind die ~Edelfalken~, unter denen, wie wir bereits besprachen, der den hohen Norden bewohnende, fast rein weiße ~Jagdfalke~ (_Falco candicans_) im Mittelalter der geschätzteste war. Man bezog ihn damals vorzugsweise aus Island, wo er auch noch brütet. Sonst begnügte man sich meist mit dem über ganz Europa verbreiteten, alle Erdteile vom hohen Norden bis in die heiße Zone bewohnenden ~Wanderfalken~ (_Falco peregrinus_). Während er im Norden auch häufig auf der flachen Tundra vorkommt, wählt er in den heißeren Ländern die kühleren Gebirgszüge zu seinem Aufenthalt. Dort baut er sein Nest auf dem nackten Boden, hier wählt er zur Errichtung seines Horstes am liebsten Höhlungen in unzugänglichen, nackten Felswänden oder nistet, wo er solches nicht haben kann, auf hohen Waldbäumen. Dabei wählt er gern, um sich Mühe zu ersparen, das Nest eines andern Raubvogels, eines Reihers oder Raben. Ist ein solches, das ihm passen würde, besetzt, so vertreibt er den betreffenden Eigentümer mit Gewalt. Er ist ein äußerst mutiger Vogel, der mit raschen Flügelschlägen meist niedrig über die Erde dahinfliegt. Auf einen aufgescheuchten Vogel, den er rasch überstiegen hat, stößt er mit reißender Schnelligkeit schief von oben herab. Er vermag nur fliegende Vögel zu erbeuten, da er mit so großer Heftigkeit auf sie stößt, daß er sich beim Stoßen auf den Boden verletzen würde. Seine Beute bilden Vögel von der Größe einer Lerche bis zu der einer Ente, ja einer Wildgans. Im Walde sind es Ur-, Birk- und Haselhühner, auf dem Felde vorzugsweise Rebhühner, die er wegfängt, um sie stets auf freiem Felde zu verzehren, niemals aber im Gebüsch, weshalb Bussarde und Milane oft über ihn herfallen, um ihm seine Beute abzujagen. Indessen vertreibt ihn nur die freche Schmarotzermöve aus seinem Gebiet. In Deutschland ist jetzt der Wanderfalke als Brutvogel selten. Als solcher zieht er im Herbste nach Süden, um indessen durch Besucher aus dem Norden ersetzt zu werden. Oft schlägt der Wanderfalke sein Winterquartier auf Türmen in belebten Städten auf, von wo aus er den Tauben nachstellt. So nistete im Jahre 1880 sogar ein Paar auf dem Turm der Petrikirche mitten in Berlin. Als großer Schädling kann er nicht geduldet werden und wird deshalb von Jägern und Taubenzüchtern aufs eifrigste verfolgt. Gefangen hält er sich bei sorgsamer Pflege jahrelang im Käfig und nimmt hier mit allerlei Fleisch vorlieb, verlangt aber viel Nahrung. Er ist der gewöhnliche Jagdfalke der Vergangenheit und Gegenwart, der auch dem Dorf Falkenwerd bei Herzogenbusch in Flandern den Namen gab. Dort bestand Jahrhunderte hindurch die beste und zuletzt einzige Falknerschule Europas. Da früher die an Ort und Stelle gefangenen Vögel für den großen Bedarf nicht hinreichten, reisten die Angestellten der Falkner oder diese selbst weit herum, selbst nach Norwegen und Island, um solche zu fangen. Dies geschah vorzugsweise im Herbst. Man behielt in der Regel nur die Weibchen, und zwar am liebsten die von demselben Jahre, weil diese sich zur Dressur am besten eignen. Die zweijährigen galten auch noch als brauchbar, ältere dagegen ließ man wieder fliegen. Der Fang geschieht in folgender Weise: Der Falkner sitzt gut verborgen auf freiem Felde und hält eine auf dem Boden sitzende Taube an einer etwa 100 _m_ langen Schnur fest. 40 _m_ vom Falkner entfernt geht diese Schnur durch einen Ring, neben welchem ein Schlagnetz liegt, von dem eine Schnur ebenfalls zum Falkner verläuft. Ist ein Falke im Anzug, was durch einen unweit der Taube gefesselten, äußerst eifrigen und scharfsichtigen Wächter, nämlich einen Würger, schon zu einer Zeit angezeigt wird, da das menschliche Auge durchaus noch nichts zu erkennen vermag, so wird der Taube mit der Schnur ein Ruck gegeben, wodurch sie emporflattert, den Falken anlockt und von ihm in der Luft ergriffen wird. Sobald dies geschehen ist, zieht der Falkner die Taube und mit ihr den sie krampfhaft festhaltenden Falken allmählich bis zum Ringe, wo plötzlich das Schlagnetz beide zudeckt. Der frisch gefangene Falke muß zunächst drei Tage hungern und wird dann in der früher angegebenen Weise abgerichtet. Ein gut abgerichteter Vogel wird nicht selten mit 800 holländischen Gulden (= 856 Mark) bezahlt.
Jedenfalls ist die Kunst, Falken zur Jagd abzurichten, eine uralte, schon von den asiatischen Kulturvölkern des hohen Altertums geübte. Der Grieche Ktesias aus Knidos, der von 416-399 v. Chr. als Arzt am persischen Hofe in Susa lebte und eine wertvolle persische Geschichte schrieb, die uns leider nur in Auszügen und Bruchstücken erhalten blieb, berichtet von den Indern, daß sie gern mit dem abgerichteten Falken jagen. Ums Jahr 75 hören wir von der Falkenjagd bei den Thrakern. Damals war sie auch schon bei den germanischen Stämmen eingeführt, doch haben weder die Griechen, noch die Römer sie ausgeübt. Erst ums Jahr 480 n. Chr. hören wir vom römischen Geschichtschreiber Sidonius Apollinaris, daß des römischen Kaisers Avitus’ Sohn, Hecdicius, der erste war, der in seiner Gegend die von den Deutschen Falkenbeize genannte und jedenfalls auch ihnen entlehnte Jagd mit dem abgerichteten Falken einführte. Dieser Sport fand bei den Vornehmen alsbald großen Beifall und selbst die Geistlichen taten mit, so daß man schon im Jahre 506 auf einer Kirchenversammlung zu Agda das Führen von Jagdfalken und Jagdhunden verbot. Wie die deutschen Stämme die auf die Jagd abgerichteten verschiedenen Raubvögel seit dem frühen Mittelalter überaus hochschätzten, haben wir bereits gesehen. Auch ihre Fürsten jagten mit Vorliebe hoch zu Pferd hinter dem Jagdfalken her. So wird von Friedrich I. Barbarossa, dem zweiten Kaiser aus dem Haus der Hohenstaufen (1123-1190), berichtet, daß er selbst Falken, Pferde und Hunde zur Jagd abrichtete. Sein Sohn, der mit der Erbin von Sizilien, Konstantia, vermählte und in Messina verstorbene Kaiser Heinrich IV. (1165-1197) war gleicherweise ein großer Liebhaber der Falknerkunst. Und dessen Sohn, Friedrich II., der sich ganz als Sizilianer fühlte (1194-1250), war ein leidenschaftlicher Falkner, der sogar ein namhaftes Buch über die Kunst, mit Raubvögeln zu jagen, schrieb. Noch der prachtliebende, aber ausschweifende König Franz I. von Frankreich (1494-1547) hatte einen Oberfalkenmeister, unter welchem 15 Edelleute und 50 Falkner standen. Die Zahl seiner Jagdfalken betrug 300. Sein Rivale, Kaiser Karl V., belehnte die Johanniter, den ältesten der drei geistlichen Ritterorden, im Jahre 1530 mit den Inseln Malta, Gozzo, Comino und dem Lande Tripolis unter der Bedingung, daß sie ihm jährlich einen nordischen weißen Jagdfalken liefern sollten. Selbst die geistlichen Herrn schwärmten für Jagdfalken und nahmen sie selbst in die Kirche mit, bis sie die ihnen lästige Formalität des täglichen Messelesens gedankenlos genug absolviert hatten. Als ihnen solches von ihrem Oberhaupte verboten wurde, blieben doch die Barone, über die jener keine Macht hatte, auf ihrem Recht, die Jagdfalken während des Gottesdienstes auf den Altar setzen zu dürfen. Die ganze mittelalterliche Poesie strahlt die Freude aus an diesem ritterlichen Sport und spricht an unzähligen Stellen vom Falken als dem Lieblingsgenossen des höfischen Menschen jener Zeit.
Außer dem nordischen weißen Jagd- und dem stattlichen Wanderfalken wurde aber auch das verkleinerte Abbild des letzteren, der ~Baumfalke~ (_Falco subbuteo_), gelegentlich zur Jagd abgerichtet. Als der schnellste unter allen europäischen Raubvögeln fliegt er leicht und pfeilgeschwind und überholt alle andern Vögel, selbst Schwalben und Mauersegler. Mit bewundernswürdiger Gewandtheit verbindet er große Kühnheit und Entschlossenheit; auch er fängt niemals sitzende, sondern nur fliegende Vögel, auf die er schief von oben herab so reißend schnell stößt, daß man seine Gestalt nicht zu erkennen vermag. Allerhand kleine Vögel, vor allem Lerchen und Schwalben, bilden außer fliegenden größeren Insekten, wie Heuschrecken und Käfer, die Nahrung des niemals Aas berührenden Vogels. Die Lerchen fürchten ihn so sehr, daß sie entsetzt zur Erde stürzen und sich mit den Händen greifen lassen, wenn er plötzlich erscheint. Erblicken sie ihn aber rechtzeitig, so retten sie sich in die Höhe, in die er ihnen nicht folgt. Ist das Getreide hoch genug, so daß sich die Lerchen darin vor dem Baumfalken verbergen können, beginnt er, sich mehr den Schwalben zuzuwenden, die die meisten anderen Raubvögel necken und verfolgen, vor ihm jedoch, gewöhnlich in einem lärmenden Schwarm, eiligst in die Luft, ins Röhricht oder in ein anderes Versteck fliehen. Wo er sich auch zeigt, ist die ganze Gegend in einem Augenblick schwalbenleer. Sieht der Baumfalke eine vom Haupttrupp abgelöste Schwalbe, so verfolgt er sie sogleich. Falls sie noch jung und weniger gewandt als eine Alte ist, ist sie schon nach wenigen Stößen verloren. Alte Schwalben entwischen einem noch ungeübten jungen Baumfalken leichter, und auch alte Baumfalken ziehen mißmutig ab, wenn sie 4-10 Fehlstöße getan haben. Zuweilen leitet der Baumfalke, als ob er die Vögel verwirren wolle, seine Jagd mit eigentümlichen Schwenkungen ein, und manchmal jagen Männchen und Weibchen gemeinsam, ohne sich indessen beim Verzehren der Beute vertragen zu können. Mit seiner Beute kehrt der Falke nach seinem vorher innegehabten Standorte auf einem hohen Baume zurück, um sie dort gemütlich zu verzehren. Diesen Standort verläßt der kleine Räuber erst ziemlich spät am Morgen, überkreist dann seinen liebsten Aufenthaltsort, den Wald, und begibt sich erst nach Sonnenaufgang auf die Feldjagd, bei der er nicht selten dem Hunde eines Jägers folgt, um die von ihm aufgescheuchten Lerchen und andere kleine Vögel dicht vor dem Jäger wegzufangen. Zum Nestbau hat er ebensowenig Lust als seine Verwandten und die meisten anderen Raubvögel. Zum Nisten benutzt er am liebsten ein fremdes, besonders ein Krähennest, das meistens erst im Juni 3-4 Junge, wie beim Wanderfalken, enthält. Sobald sie flugfähig sind, werden sie von den Eltern im Fluge gefüttert. Im September und Oktober verläßt uns der Baumfalk, um im April wieder zu erscheinen. Er bewohnt sonst die gemäßigten Länder Europas von Schweden bis zum Mittelmeer und die entsprechenden Breiten Asiens und überwintert im Süden.