Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 69
1. Die ~Waldschnepfe~ (_Scolopax rusticula_), die mit Ausnahme einiger nordischer Inseln alle Länder Europas, wie auch ganz Mittel- und Nordasien bewohnt. Im Norden trifft man sie während des Sommers in allen größeren Waldungen an, wo sie, ohne einen Unterschied zwischen Laub- und Nadelholz zu machen, feuchte, sumpfige Stellen, niemals aber eigentliche Sümpfe und freie Moräste bewohnt. Nur in der Dämmerung begibt sie sich auf Waldwiesen und Viehtriften in der Nähe des Waldes, wo sie sich von allerlei Getier ernährt, die sie mit ihrem feinfühligen, langen Schnabel aus der Erde zieht. Fleißig wendet sie zur Erbeutung von Würmern, Schnecken und Insektenlarven das vermodernde Waldlaub um und bohrt in Rinderdünger, wie auch in von jenen belebten weichen Bodenschichten ihren Schnabel ein, den sie zum Erfassen und Verschlingen ihrer Beute nur vorne öffnet, ohne ihn aus dem Boden herauszuziehen. Laufend weicht sie zwar häufig einer Gefahr, z. B. einem Hühnerhund, aus und duckt sich, ihrer Schutzfärbung wohl bewußt, zu Boden, aber, um etwas zu suchen, fliegt sie am liebsten. Dabei bewegt sie sich in geringer Höhe langsamer als die übrigen Schnepfenarten.
Die ungeheure Anzahl von Waldschnepfen, die auf ihrem Herbstzuge fast alljährlich gefangen und vertilgt wird und trotzdem immer wiederkehrt, legt die Vermutung nahe, daß das Hauptbrutgebiet der Waldschnepfe die dünn bevölkerten, einsamen Wälder Nordrußlands und Sibiriens sind. Jedenfalls ist die Waldschnepfe im Osten und Norden viel reichlicher als Brutvogel vertreten als im Westen und Süden. Während sie schon auf den Karpaten in ziemlicher Zahl brütet, gehört sie im waldarmen Frankreich und England zu den seltenen Brutvögeln und wird auch bei uns fast nur auf dem Durchzuge geschossen, wenn sie je nach der Witterung von Mitte März an in ihre nordische Heimat zurückkehrt. Ihre Straße ist nicht stets dieselbe, so daß man sie in einem bestimmten Revier nicht alle Jahre gleich häufig zu sehen bekommt. Der Balzflug, der gewöhnlich nur in einer Höhe von 12-15 _m_ ausgeführt wird und in der Abend- und Morgendämmerung nicht viel länger als ¼ Stunde dauert, niemals bei Kälte und Ostwind, besonders aber bei warmer, regnerischer Witterung und bei Südwestwind, der die stets mit dem Winde wandernden Schnepfen herbeiführt, stattfindet, ist eine Art Unterbrechung des Frühlingszuges, um dem Männchen ein Weibchen zu verschaffen oder einem schon gewonnenen seine Aufmerksamkeit zu erweisen. Wenn es dann liebetrunken mit dick aufgeblähtem Gefieder mit kurzen Flügelschlägen langsam unter Ausstoßen leiser, pfeifender und quaksender Töne über dem Gehölze streicht, fällt es dem Blei des Jägers zum Opfer.
2. Die ~Sumpfschnepfe~ oder ~Bekassine~ (_Gallinago coelestis_), deren Heimat ebenfalls der Norden Europas und Asiens ist. Auch sie überwintert in Südeuropa, Nordafrika und Indien und zieht Ende März und im April zu ihren Brutplätzen im Norden, um schon Ende August bis Oktober wieder ihre Rückreise in die Winterquartiere im Süden zu vollführen. In Norddeutschland, Dänemark, Skandinavien, Rußland und Sibirien ist sie sehr gemein und lebt dort auf sumpfigen Wiesen und Mooren zwischen Weiden- und Erlengebüsch. Ihr Nest findet sich auf kleinen Hügelchen und auf Grasbüscheln im Sumpf und enthält in der zweiten Hälfte des April vier Eier, die vom Weibchen ausgebrütet werden, während das Männchen morgens und abends über dem Nestplatz seinen eigentümlichen Balzflug vollführt. Mit dem Ausschlüpfen der Jungen hat der regelmäßige Balzflug ein Ende. Dank ihres geschützten Aufenthaltsortes und ihrer größeren Flugfertigkeit ist sie weniger Gefahren als die Waldschnepfe ausgesetzt. Wegen ihres schmackhaften Wildbrets, das jenes der Waldschnepfe entschieden übertrifft, wird sie allenthalben verfolgt, wenn auch nicht überall mit besonderem Eifer, da das Umherwaten im Sumpfe nicht jedermanns Sache ist. Wie die Waldschnepfen lassen sie sich auch in der Gefangenschaft halten, doch ist ihre Eingewöhnung keine sehr leichte.
3. Die ~Moorschnepfe~ (_Gallinago gallinula_), die kleinste aller Schnepfen. Sie ist ebenfalls ein Sumpfbewohner und hat ihre Heimat im Norden, besonders in Rußland und Westsibirien. Wie die andern Schnepfen wird sie an denselben feuchten Stellen bei ihrem Durchzuge geschossen, um als Leckerbissen verzehrt zu werden.
Von weiteren jagdbaren Vögeln sind die ~Enten~ und ~Gänse~ zu nennen, die besonders für die nordischen Völker eine wichtige Rolle spielen. Der bei uns häufigste Brutvogel unter den Wildenten ist die ~Stockente~ (_Anas boscas_), deren Nest man an buschreichen Ufern unter Weiden und Erlen, zwischen Schilfrohr und Sumpfpflanzen, im Grase oder auf mäßig hohen Bäumen in verlassenen Krähen- und Raubvogelnestern findet. Es enthält anfangs April 8-14 schmutzigweiße, von denen der, wie wir sahen, von ihr abstammenden Hausente nicht unterscheidbare Eier. Die nach 26tägiger Bebrütung aus ihnen ausschlüpfenden Jungen werden von ihrer Mutter auf versteckreiche Gewässer geführt, unter ihren Flügeln erwärmt und fast bis zur Erlangung vollständiger Flugfähigkeit sorgsam beschützt und geleitet. Sie ernähren sich mit der verschiedensten tierischen und pflanzlichen Speise. Während die Weibchen brüten und ihre Jungen aufziehen, vereinigen sich die Männchen zu kleineren oder größeren Gesellschaften. Die im Oktober ihr Jugendkleid verlierenden Jungen gehen dann mit den alten Artgenossen aus den stillen Gewässern auf die Flüsse, um hier Scharen zu bilden und, wenn das Wasser gänzlich zufriert, nach milderen Gegenden im Süden zu ziehen. In schräger Linie oder ein hinten offenes Dreieck bildend fliegen sie meist zur Nachtzeit nach Südeuropa, um schon im Februar oder März in ihr Brutgebiet zurückzukehren. Dieses erstreckt sich von der unteren und mittleren Donau, Süddeutschland und der Schweiz bis zur Waldgrenze im Norden und verbreitet sich auch über Nordasien und Nordamerika. Der äußerst scheue und vorsichtige, in der Gefangenschaft leicht zur Fortpflanzung zu bringende Vogel wird namentlich in Brüchen, wo er dem Samen des Schwadengrases nachfliegt, auf dem Morgen- und besonders auf dem Abendanstand erlegt. Auch fängt man ihn in Laufschlingen und mit Angeln, in großen Massen aber in den sogenannten Entenfängern oder Vogelkojen, die es freilich früher in größerer Menge als jetzt in Deutschland gab. Es sind dies fünfeckige Teiche, die an jeder der fünf Ecken spitz zulaufende, von Erdwällen umgebene und mit mannshohen Blendschirmen aus Schilfrohr eingefaßte Ausbuchtungen haben, die mit einem Netze bedeckt sind und in eine gewöhnliche Fischreuse endigen. Die Wälle und die Umgebung der Koje sind mit dichtem Buschwerk bepflanzt. Auf den Teichen und deren Ausläufen befinden sich zahlreiche zahme Enten, Spieß-, Pfeif- und Stockenten mit gestutzten Flügeln. Der Kojenwärter, der sich durch ein stets bei sich getragenes Torfräuchergefäß verwittert, streut dann seinen zahmen Enten Futter, meist Gerste, und lockt sie damit unter die Netze, wohin ihnen die Wildlinge ohne Bedenken folgen. Durch das Erscheinen des Kojenwärters aufgescheucht, wollen sie ihm entfliehen, wobei sie immer mehr in den Blindsack und schließlich in die Reuse geraten, wo sie getötet werden. Dann wird den Lockenten abermals Futter gestreut, und das Spiel beginnt von vorne. Ist eine Ausbuchtung zweimal abgetrieben, so kommt die nächste an die Reihe. So werden viele Tausende von Enten jährlich gefangen, z. B. auf der Insel Föhr in einem Herbst über 30000 Stück. Weniger aber als durch die Jäger und Entenfänger nimmt die Stockente infolge der zunehmenden Bodenkultur, besonders infolge der Trockenlegung von Wiesen und Sümpfen, bei uns ab.
Etwas kleiner als die Stockente ist die zu derselben Zeit nach Süden ziehende ~Schnatterente~ (_Anas strepera_), die ihren Namen dem schnatternden Rufe des Weibchens verdankt, an dem man sie, namentlich wenn das helle Pfeifen der Männchen dazwischen klingt, von allen andern in Deutschland vorkommenden Entenarten unterscheiden kann. Der auch durch einen eigentümlichen wippenden Flug ausgezeichnete Vogel bewohnt den Norden von Europa, Asien und Nordamerika und nistet mehr im Osten unseres Kontinents bis zum Schwarzen Meer. In Deutschland nistet er namentlich in Schlesien und in einigen Seen Ostpreußens. In das von ihr kunstlos hergestellte Nest legt das Weibchen 6-12 trüb olivengrünliche Eier, die sie selbst ausbrütet.
Häufiger als sie ist die ~Spießente~ (_Anas acuta_) mit langem, dünnem Hals und stark verlängertem Schwanz. Zu ihrem Aufenthalte wählt sie ausgedehnte Sümpfe mit vielen Wassergräben und freien Wasserflächen, dann große, schilfreiche Seen und verwilderte Teiche mit Wasserpflanzen aller Art, nicht aber buschreiche, im Walde versteckte Örtlichkeiten, wie sie die Stockente liebt. Hier findet man, bei uns in der zweiten Hälfte des April, 8-10 sehr bleiche, graugrüne Eier, die etwas kleiner als die der Stockente sind. Ihr Brutgebiet erstreckt sich über den Norden Europas, Asiens und Nordamerikas, wo sie ungefähr dieselben Gegenden wie die Stockente bewohnt, aber weiter nach Norden geht. Sie wandert vom Oktober an nach Süden und kehrt im März und April in ihr Brutgebiet zurück. Auf dem Zuge ist sie neben der Krick- und Pfeifente die häufigste Ente an der Nordseeküste.
Dasselbe Verbreitungsgebiet hat die ~Löffelente~ (_Anas clypeata_), die ihren Namen von dem vorn stark verbreiterten Schnabel hat. Sie zieht Ende August nach Südeuropa und Nordafrika, nach Indien und Südchina, um im März und April paarweise auf ihre Brutplätze zurückzukehren, wo man im Mai das zwischen Schilf und Binsen stehender Gewässer versteckte und mit 7-14 trüb gelblichweißen Eiern belegte Nest findet.
Die häufigste deutsche Sommerente nach der Stockente ist die ~Knäckente~ (_Anas querquedula_), obwohl sie später als jene bei uns ankommt und früher wieder abzieht. Sie hat ihren Namen von ihrer gewöhnlichen Stimme, ist klein und äußerst gewandt im Fliegen, so daß sie sich durch geschickte Schwenkungen selbst einem auf sie stoßenden Falken in der Regel zu entziehen vermag. Sie nistet vom Rhein bis nach Südschweden im Schilf oder Gebüsch an sumpfigen Gewässern. Ende April findet man 9-12 gelblichweiße Eier in ihrem Nest.
Ebenso zierlich von Gestalt, aber schöner wie sie ist die ~Krickente~ (_Anas crecca_), die ihr Brutgebiet weiter nördlich hat und auf dem Durchzuge fast überall an der deutschen Küste erscheint. Sie ist wenig scheu, fliegt schnell und geräuschlos und ist eine fertige Taucherin, die eine weite Strecke unter dem Wasser zurücklegen kann.
Ebenso mehr dem Norden eigentümlich ist die ~Pfeifente~ (_Anas penelope_), so genannt, weil sie beim Fluge einen lauten, pfeifenden Ton von sich gibt. Auch sie kommt auf dem Zuge regelmäßig an unsere Küsten und wird dann erbeutet. Ebenso im Norden, besonders in Rußland häufig ist die kleine ~Tafelente~ (_Fuligula ferina_), die mit einem vernehmbaren Rauschen fliegt und sich mit einem kleinen Anlauf von der Wasserfläche erhebt. Eigentliche Moore dagegen bevorzugt die verwandte ~Moorente~ (_Fuligula nyroca_). Sie gehört vorwiegend dem Osten von Europa an und reicht bis Turkestan.
Von den zahlreichen übrigen Enten ist besonders die ~Eiderente~ (_Somateria mollissima_) für den Menschen von Bedeutung, weil sie ihm die durch ihre Feinheit und Elastizität hochgeschätzten Dunen liefert. Sie ist ein echter Meeresvogel, der sich auf dem Lande nur schwerfällig fortbewegt und auch beim Fluge rasch ermüdet. Sie taucht vortrefflich und bleibt dabei gewöhnlich zwei Minuten unter Wasser. Sie taucht selbst in der stärksten Brandung unter und bringt von 20 bis 24 _m_ tiefem Grunde ihre teils aus kleinen Tieren, besonders Miesmuscheln, teils aus Tang bestehende Nahrung in ihrem Kropfe herauf. Sie bewohnt den Norden der ganzen Erde und kommt in Europa von Jütland bis Spitzbergen vor. Je weiter nach Norden, um so häufiger wird sie. Schon in Mittelnorwegen lebt sie zu Tausenden, von den Küstenbewohnern durch besondere, leider nicht überall geachtete Gesetze geschützt und gehegt. Sie brütet mit Vorliebe auf kleinen Inseln, wohin der Eisfuchs, ihr gefährlichster Feind, nicht hingelangen kann, erst im Juni und Juli, und zwar nicht in einzelnen Paaren wie die echten Tauchenten, sondern in großen Gesellschaften zusammen. Das aus allerlei Stoffen der Umgebung, besonders Tang, höchst liederlich zusammengeschichtete Nest wird innen mit den feinen Dunenfedern ausgepolstert, die sich das Weibchen vom Bauche rupft. Diese sind bräunlichgrau und an der Wurzel weiß gefleckt, haften zwar so fest aneinander, daß auch bei starkem Wind nicht eine wegfliegt, trotzdem aber ballen sie sich nicht zusammen. Da, wo sich der Mensch um deren Brutgeschäft kümmert, indem er den Vögeln außer den Dunen auch die sehr wohlschmeckenden Eier nimmt, legt er alte Kisten und mit Brettern und Reisig überdeckte Steine zum Empfange der für ihn so überaus nützlichen Gäste bereit. So scheu der Eidervogel früher war, so zutraulich zeigt er sich jetzt, da er sich des Schutzes des Menschen sicher fühlt. Dreist kommen diese Vögel bis unmittelbar an das Gehöft des einsamen Küstenbewohners gewatschelt, ja begeben sich sogar in das Innere der Hütte, um sich einen passenden Platz zum Nest auszusuchen. So geschieht es nicht selten, daß manche Eidervögelweibchen in Kammern, Backöfen oder Ställen brüten und dadurch der Hausfrau fast lästig werden. Anfänglich begleitet das Männchen sein Weibchen regelmäßig bei allen diesen Fußwanderungen; wenn aber das Gelege vollständig geworden ist, verläßt es Nest und Weibchen und fliegt aufs Meer hinaus, wo es sich mit andern Männchen vereinigt und jenem das Brutgeschäft überläßt.
In bewohnten Gegenden kommt nun das Eiderentenweibchen nur selten dazu, seine erste Brut aufzuziehen, da die Nester regelmäßig der wertvollen Dunen und Eier beraubt werden. Einsichtige Eigentümer der Brutplätze von Eiderenten begnügen sich damit und lassen die Vögel dann gewähren; habsüchtige und unverständige Leute aber rauben ihnen nicht bloß die erste Brut von 4-6 Eiern, sondern auch die zweite, die aus 3, oder gar die dritte, die nur aus 2 Eiern, manchmal nur aus einem einzigen besteht und gleich der zweiten oft merklich kleinere Eier aufweist. Für das Wegnehmen der dritten Brut werden aber die Leute gewöhnlich durch den dauernden Abzug der Vögel bestraft. Da das Eiderentenweibchen, das sich, wenn ihm die Dunen wiederholt weggenommen wurden, trotzdem es sich den Bauch beinahe kahl rupft, für die späteren Gelege nicht mehr genug Dunen hat, so muß dann das Männchen herhalten, das sich auch vom Weibchen geduldig ausrupfen läßt, um es dann allerdings zu verlassen. Das Weibchen besorgt das Brüten und Aufziehen der Jungen allein. Die Norweger tragen die eben ausgeschlüpften Jungen gern in einem Korbe zum Meere, um sie dort auszuschütten. Ihnen folgen die besorgten Mütter, um wieder zu ihren Jungen zu gelangen, die sie dann an sich locken, um sie zum Leben im Wasser zu erziehen.
Für die armen Bewohner der Küsten des hohen Nordens ist der Handel mit Eiderdunen sehr wichtig; deshalb suchen sie die Eiderenten in die Nähe ihrer Wohnungen zum Brüten anzusiedeln, wo sie dann ganz zahm werden. Am wertvollsten sind die Dunen dann, wenn sie vor dem Brüten aus dem Nest genommen werden, da sie nachher meist verunreinigt sind. Ein Kilogramm gut gereinigter Dunen, zu dessen Gewinnung 10-15 Nester geplündert werden müssen, wird mit 30 Mark und darüber bezahlt. Zur Füllung eines Bettes sind etwa 2,5 _kg_ Dunen nötig, die sich, auf einen kleinen Raum zusammengedrückt, bei nachlassendem Druck so schnell wieder ausdehnen, daß ein mit ihnen gefülltes Bett an Weichheit und Warmhalten seinesgleichen sucht. Die Eier werden wie die Hühnereier verwendet. Auch das Fleisch der Eiderente wird gegessen und ihr abgezogener Balg zur Anfertigung warmer Unterkleider verwendet. Geschossen wird die Eiderente auch auf dem hohen Meere selten. Der dort sehr scheue Vogel verlangt seines dichten Pelzes wegen einen tüchtigen Schuß mit grobem Schrot und ist so ungemein zählebig, daß er sich, wenn ihn der Schuß nicht augenblicklich tötet, durch Tauchen zu retten sucht, wobei er sich an Pflanzen auf dem Meeresgrund festbeißt, dort verendet und deshalb für den Schützen meist verloren geht.
Von den zahlreichen nordischen Vögeln dienen noch manche andere dem Menschen regelmäßig als Speise, so außer verschiedenen nordischen Enten und Gänsen auch die im hohen Norden brütenden ~Schwäne~ (Höcker-, Sing- und Zwergschwan), deren Fleisch, wenn die Tiere noch jung sind, äußerst zart und wohlschmeckend ist. Deren mit den Federn gargemachten Häute liefern ein kostbares Pelzwerk und die Dunen einen bedeutenden Handelsartikel. Auch ~Möven~, ~Segeltaucher~ und ~Pelikane~ liefern gutes Fleisch, geschätzte Eier und ein zu Muffen und Verbrämungen beliebtes Pelzwerk. Noch wichtiger als sie sind für den Menschen die ~Gänse~, von denen einzig die ~Graugans~ (_Anser cinereus_), die Stammutter unserer Hausgans, in Mitteleuropa brütet, während die übrigen Gänsearten mehr nördlich brüten und nur bei ihrem Durchzuge nach dem Süden bei uns geschossen werden. Nach der Überwinterung in Afrika erscheint dieses Tier bei uns in großen Gesellschaften mit viel Lärm, um in wasserreichen Einöden zu brüten. Hier kämpfen die jüngeren Männchen ums Weibchen, während die älteren schon gepaart sind. Das Weibchen legt, wenn es jung ist, 5, wenn es älter wird bis 10 trüb gelblichweiße Eier, die es mit von Brust und Bauch abgerupften Dunen umgibt. Es bebrütet sie mit der infolgedessen fast bloßgewordenen Haut und bedeckt sie beim jedesmaligen Verlassen des Nestes sorgsam mit Dunen, damit sie nicht etwa erkalten. Die den Eiern nach einer vierwöchentlichen Brutzeit entschlüpfenden Jungen werden von der Mutter noch einen Tag lang erwärmt, dann zum Aufsuchen zarter Pflanzennahrung aufs Wasser und später wieder aufs Land geführt, während der Vater ängstlich auf die Sicherheit der Seinen bedacht ist und sie beim geringsten Anzeichen von Gefahr warnt. Als junges Tier zu Ausgang der Ernte geschossen, liefert die Graugans einen vorzüglichen Braten, ist aber als scheuer, vorsichtiger Vogel schwer zu beschleichen. Sie wird meist morgens und abends auf dem Anstand erlegt. Meist verläßt sie uns im August, um nach Süden zu ziehen, wobei die flugfähigen Jungen schon im Juli den Eltern vorausgezogen sind. Die Graugans ist zierlicher und schlanker als die Hausgans, von der sie sich sonst nur durch ihr stets bräunlichgraues Gefieder unterscheidet.
Im September und Oktober trifft bei uns die den hohen Norden Asiens bewohnende ~Saatgans~ (_Anser segetum_) auf ihrem Zuge nach Süden ein, um entweder bei uns oder in südlicheren Gegenden zu überwintern und im April wieder auf ihre Brutplätze zurückzukehren. Etwas später als sie trifft die etwas kleinere, ebenfalls hochnordische ~Ackergans~ (_Anser arvensis_) teils als Durchzugsvogel, teils als Wintergast bei uns ein, während die dieselben Breiten bewohnende ~kurzschnäbelige Gans~ (_Anser brachyrhynchus_) mehr Westeuropa streift. Dagegen trifft man nicht selten bei uns im Winter die Nordasien bewohnende ~Bläßgans~ (_Anser albifrons_). Alle sind sehr vorsichtige, scheue Tiere, die sehr wohl den gefährlichen Jäger vom harmlosen Bauern zu unterscheiden vermögen. In China, wo sie in großer Zahl überwintern und gesetzlich geschützt sind, erweisen sie sich infolge des Schutzes, den sie genießen, viel zutraulicher gegen den Menschen als bei uns. Besonders zahlreich sind auch dort die Saatgänse, die sich sogar im Innern von Peking in Scharen niederlassen, während sie bei uns überall geschossen werden, wo sie sich zeigen.
In Waldrevieren gewinnt gelegentlich die Jagd auf ~Drosseln~ Wichtigkeit, da sie mitunter mehr abwirft als diejenige des übrigen Federwildes. Diese geschieht fast nur mit Dohnen in Form von an die unteren Baumäste aufgehängten Bügeln, die Vogelbeeren oder Holundertrauben als Lockspeise erhalten, bei deren Verzehrenwollen sich die armen Tiere an den heimtückischerweise angebrachten Schleifen aus Pferdehaar fangen und dabei erwürgt werden. Für solche Drosselarten, die, wie die Wacholder- und Ringdrossel, sich mehr an der Erde aufhalten, werden zwischen den von ihnen mit Vorliebe besuchten Wacholderbüschen Pferdehaarschleifen als sogenannte Laufdohnen am Boden befestigt.
Auch der ~Krammetsvogel~, so genannt, weil er auf seinem Durchzuge im Herbst gern Krammets- oder Wacholderbeeren nascht, oder die ~Wacholderdrossel~ (_Turdus pilaris_) ist ein vorzugsweise im Norden brütender Vogel, dessen Heimat fast die Grenze des Baumwuchses erreicht. Hier nistet er als ein echter Waldvogel in großen Kolonien gesellig in den lichten, niederen Wäldern des Nordens, um im November zu uns zu kommen, in gelinden Wintern auch wohl ganz bei uns zu bleiben, meistens aber nach Südeuropa und selbst Nordafrika zu ziehen. Er wird wegen seines Fleisches geschätzt; doch kommen als Krammetsvögel auch seine Verwandten auf den Markt, vor allem auch die ebenfalls hochnordische ~Weindrossel~ (_Turdus iliacus_) und die außer im Norden auch auf den Alpen und anderen südlichen Gebirgen lebende ~Ringdrossel~ (_Turdus torquatus_). Schon von Mitte September an führt der Herbstzug diese Drosseln in beerenreiche Wälder Südeuropas, Kleinasiens, Persiens und Nordafrikas, von wo sie Ende März oder im April in ihre kalten Brutgebiete zurückkehren. Mit ihnen wird dann auch die am liebsten in hohen Wäldern lebende, Nadelholz dem Laubholz vorziehende ~Misteldrossel~ (_Turdus viscivorus_) erbeutet, die ein nicht minder wohlschmeckendes Fleisch besitzt. Sie bewohnt Nord- und Mitteleuropa und Nordasien bis zum Himalaja hinauf. Im Norden ist sie Zug-, weiter südlich dagegen Strich- und Standvogel, der im Vorfrühling und Spätherbst familienweise umherstreicht, um Futter zu suchen und sich dabei vielfach in den schnöden Dohnen fängt.