Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 66
Zur Jagd auf den Bären gehört persönlicher Mut, kaltes Blut und vollständige Sicherheit in der Handhabung der Waffe; dann ist sie ebenso ungefährlich wie die auf irgend ein anderes Raubtier. Sie wird in verschiedenen Gegenden auf verschiedene Weise betrieben. Entweder wird der Bär mit einer Treiberkette und einer Hundemeute aus dem zuvor festgestellten Lager getrieben oder in diesem selbst geschossen. Im Frühjahr und Herbst, wo er Aas am begierigsten annimmt, jagt man ihn auf dem Anstand bei geschlagenem Vieh. Gewöhnlich besucht der Bär das Aas erst nach eingetretener Dämmerung oder in der Nacht und ist in der Dunkelheit schwer zu treffen. Auch durch Selbstschüsse auf den von ihm begangenen Wechseln und in Tellereisen wird er gefangen. Sein Fleisch ist wohlschmeckend, besitzt zwar durch Reichtum an Glycogen wie das Pferdefleisch einen nicht jedermann zusagenden süßlichen Geschmack; doch sind die Schinken gesalzen und geräuchert ausgezeichnet. Sein weiches, kaum je ranzig werdendes Fett, das einen guten Ruf als ein den Haarwuchs beförderndes Mittel besitzt, wird gut bezahlt und sein Fell gilt 60-250 Mark.
Das gemeinste Beutetier der mitteleuropäischen Jäger ist der ~Feldhase~ (_Lepus vulgaris_), der ganz Mitteleuropa und einen Teil des westlichen Asien bewohnt. Im Süden vertritt ihn der kleinere und rötlich gefärbte Hase der Mittelmeerländer, im hohen Norden der Schneehase und im Hochgebirge der Alpenhase, welch letztere im Sommer bräunlichgrau, im Winter aber bis auf die schwarzen Ohrspitzen weiß gefärbt sind. Die Nordgrenze der Verbreitung des Feldhasen geht von Schottland über Südschweden zu den Gegenden am Weißen Meer; in Sibirien fehlt er. Er hält sich am liebsten auf ausgedehnten, fruchtbaren Ebenen, auch an lichten Waldrändern auf, kommt jedoch im Innern von großen, dichten Wäldern selten vor, wird aber in Gebirgsgegenden noch regelmäßig in der Laubholz-, seltener in der Nadelwaldregion angetroffen. In den Alpen steigt er bis zu 1600 _m_ und im Kaukasus fast bis zu 2000 _m_. Er ist im allgemeinen mehr ein Nacht- als ein Tagtier, obwohl man ihn an heiteren Sommertagen schon vor dem Untergang der Sonne und noch am Morgen im Felde, wo er seine Nahrung sucht, umherstreifen sieht. Für gewöhnlich verläßt er sein Lager oder das ihn bergende Gehölz erst bei Sonnenuntergang, vor Eintritt der Dämmerung, um sich zum Äsen und Spielen ins Freie zu begeben. Bei Sonnenaufgang sucht er wieder sein Lager auf, um tagsüber zu ruhen. Höchst ungern verläßt er den Ort, an welchem er aufgewachsen und groß geworden ist. Er ernährt sich von Gras, jungem Getreide und allerhand saftigen Kräutern, in harten Wintern auch von saftiger junger Baumrinde, besucht aber zu allen Jahreszeiten gern die Kohl- und Gemüsegärten. Er äst nachts und bringt den ganzen Tag, das Auge auch im Schlaf weit geöffnet, schlummernd in einem zwischen Erdschollen oder Gebüsch wohlversteckten, immer gegen den Wind geschützten Lager zu, worin er sich bei stürmischem Schneewetter gern vergräbt oder einschneien läßt. Nie geht er gerade auf den Ort los, wo er ein altes Lager weiß oder ein neues machen will, sondern läuft erst ein Stück über den Ort, wo er zu ruhen gedenkt, hinaus, kehrt um, macht wieder einige Sätze vorwärts, dann wieder einen Sprung seitwärts und verfährt so noch einige Male, bis er mit dem weitesten Satz an den Platz gelangt, auf dem er bleiben will. Bei der Zubereitung des Lagers scharrt er im freien Felde eine etwa 5-8 _cm_ tiefe, am hintern Ende etwas gewölbte Höhlung in die Erde, welche so lang und breit ist, daß der obere Teil des Rückens nur sehr wenig sichtbar bleibt, wenn er die Vorderläufe ausstreckt, auf diesen den Kopf mit anliegenden Löffeln ruhen läßt und die Hinterbeine unter den Leib zusammendrückt.
Der Feldhase verläßt sich mehr auf sein scharfes Gehör als auf sein schlechtes Gesicht, erlaubt dem Menschen, den er weniger als Hunde fürchtet, auf seine Schutzfärbung vertrauend, oft ganz nah an ihn heranzukommen. Plötzlich aufgeschreckt, verläßt er sich lediglich auf die Schnelligkeit seiner Beine, läuft jedoch selten lange geradeaus und nähert sich, Winkel und Hacken schlagend, bald wieder seinem Lager. Weit davon vertrieben, kehrt er, am folgenden Tage anderswo aufgeschreckt, gern dahin zurück. Bei der eiligen Flucht läuft er am liebsten ebenaus oder bergan, da er sich wegen seiner kurzen Vorderbeine beim Laufen bergab leicht überschlägt. Ist dem fliehenden Hasen ein Hund dicht auf den Fersen, so schlägt er, um ihn an sich vorbeischießen zu lassen und einen Vorsprung in umgekehrter Richtung zu gewinnen, einen plötzlichen Hacken; drängt ihn die Not, so durchschwimmt er auch Teiche und Flüsse. Viermal im Jahre setzt die Häsin nach einer Tragzeit von je 30 Tagen 2-4 Junge, die sehr ausgebildet, mit offenen Augen zur Welt kommen. Nur während der ersten 5-6 Tage verweilt sie bei ihren Kindern, dann aber überläßt sie dieselben ihrem Schicksal, kehrt nur während 14 Tagen von Zeit zu Zeit zum Ort zurück, wo sie die Brut verließ, lockt sie mit einem eigentümlichen Geklapper mit den Löffeln herbei und läßt sie saugen. Bei Annäherung eines Feindes verläßt sie freilich ihre Kinder, obwohl auch Fälle bekannt sind, daß alte Häsinnen die Brut gegen Raubvögel und Raben verteidigten. Die Geschwister entfernen sich zunächst nur wenig voneinander, wenn auch jedes sich ein anderes Lager gräbt. Abends rücken sie zusammen auf Äsung aus und morgens gehen sie gemeinschaftlich nach dem Lager zurück. Erst wenn sie halbwüchsig sind, trennen sie sich voneinander. Nach 15 Monaten sind sie erwachsen, können sich aber schon im ersten Jahre fortpflanzen. Ihre Lebensdauer schätzt man auf 8-10 Jahre; doch stirbt der Hase wohl nie an Altersschwäche, sondern wird vor der Zeit von einem seiner zahlreichen Feinde erbeutet und gefressen. Außer dem Menschen stellen ihm alle kleineren Raubtiere und größeren Raubvögel, selbst der Storch, nach. Vom Menschen wird er am häufigsten auf Treibjagden und in Kesseltreiben erlegt, doch auch auf dem Anstand geschossen und mit Hunden aufgesucht. Durch wiederholte Jagden gewitzigt, erhebt er sich schon beim Vernehmen des Jagdlärms vom Lager, um sich an ihm bekannte geschützte Orte zu flüchten. Gefangene Hasen werden leicht zahm, gewöhnen sich ohne Weigerung an alle Nahrung, die man den Kaninchen füttert, sind jedoch empfindlich und sterben leicht dahin. Bringt man junge Hasen zu alten, so werden sie regelmäßig von diesen totgebissen. Außer ihrem wohlschmeckenden Fleisch wird auch das Fell verwendet. Aus der von Haaren entblößten und gegerbten Haut verfertigt man Schuhe und eine Art Pergament oder benutzt sie zur Leimbereitung.
Ein überaus seltenes Wild Mitteleuropas ist der ~Biber~ (_Castor fiber_), der früher hier häufig war, aber dem Menschen und seiner Kultur weichen mußte. Unablässig verfolgt, ist er in den meisten Gegenden, am frühesten in den Mittelmeerländern, ausgerottet worden. Die Griechen nannten ihn _kastor_ und die Römer _fiber_ und machten Jagd auf ihn nicht sowohl seines geschätzten, weichen Felles wegen, als besonders zur Erlangung des Bibergeils. Dieses befindet sich in Form einer gelblichen, schmierigen, eigentümlich nach Karbolsäure riechenden Masse in zwei birnförmigen, zu beiden Seiten der Geschlechtsöffnung gelegenen Beuteln und spielt vor allem zur Brunstzeit zur gegenseitigen Anlockung der Tiere eine große Rolle. Besonders beim Männchen sind die Kastorbeutel stark entwickelt und wird ihr Inhalt an bestimmten Stellen entleert. Die Anziehungskraft dieses Geils ist so groß, daß sich Biber, die, dadurch angelockt, in eine Falle gerieten, aber entkamen, schon nach wenigen Tagen in einer andern Falle fangen, darunter sogar Tiere, die in Eisen Fußteile eingebüßt hatten. Dem Menschen diente es von alters her als geschätzte Arznei. So sagt schon der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Der Biber trägt einen Arzneistoff an sich, den man _castoreum_ nennt. Bei drohender Gefahr beißt er sich den Teil, worin jener Stoff enthalten ist, selbst ab, weil er wohl weiß, weshalb man ihn jagt. Übrigens hat der Biber ein entsetzliches Gebiß, fällt, wie mit Stahl, Bäume an den Flüssen; und hat er einen Menschen gepackt, so läßt er nicht eher los als bis die Knochen zersplittert sind. Er sieht aus wie ein Fischotter, hat aber einen Fischschwanz (d. h. einen fischartig mit Schuppen bedeckten Schwanz). Sein Haar ist weicher als Vogelflaum.“
Noch im Mittelalter war der Biber in allen Ländern nördlich von den Alpen zu finden. In England kam er noch ums Jahr 1188 als seltener Bewohner des Flusses Teify in Wales vor, wurde aber dann auch hier ausgerottet. An einzelnen Flußgebieten Mitteleuropas hielt er sich in kleinen Kolonien bis gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts. In Böhmen, wo die Biber schon im 18. Jahrhundert ausgestorben waren, führte man 1773 aus Polen wieder welche ein, die sich, aus ihrem Zwinger gebrochen, so stark vermehrten, daß sich einmal über hundert Familien um Wittingau vorgefunden haben sollen. Als sie jedoch begannen die Dämme zu untergraben, begann man einen Vernichtungskrieg gegen sie, der 1865 nur noch zehn übriggelassen hatte. Zur Gewinnung des noch immer gesuchten Bibergeils fielen die letzten Tiere bald Wilddieben zur Beute. Das allerletzte hatte man in einem Zwinger im Rosenberger Teiche untergebracht, wo es im Januar 1883 starb. Auch in Österreich-Ungarn kommen heute keine Biber mehr vor. Einzelne fanden sich indessen noch im Jahre 1857 in Siebenbürgen, 1860 in Galizien und 1865 bei Semlin auf den Inseln zwischen Donau und Sau. Bei Fischamend, an der Mündung der Fischa in die Donau, wo noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts größere Biberansiedelungen bestanden, wurden die beiden letzten Biber 1863 erlegt. In Bosnien und der Herzegowina, wo, wie anderswo, verschiedene Ortsnamen für das frühere Vorkommen des Bibers zeugen und Skelettfunde es bestätigen, sind keine Biber mehr zu finden.
Früher noch als aus Österreich-Ungarn verschwanden die Biber in Livland. Noch im 18. Jahrhundert lebten sie dort in Ansiedelungen, und 1724 begünstigten sie in hohem Maße durch ihre Dammbauten die Überschwemmungen. Aber auch dort führte die große Wertschätzung des Bibergeils noch mehr als ihr schönes Fell zu ihrer Ausrottung. Im Jahre 1841 wurde im Quellgebiet der Aa der letzte Biber geschossen. In Skandinavien, wo der Biber einst sehr häufig war, ist er heute vielleicht nicht mehr vorhanden. In Mittelrußland scheint er schon vor Ende des 18. Jahrhunderts ausgestorben zu sein. Nur an einem Nebenfluß des Pripet im Westen und an der Petschora und Dwina im Norden leben noch Biber, obschon ihnen wegen des Pelzes und des vorzüglichen sogenannten moskovitischen Bibergeils stark nachgestellt wurde. In der Schweiz lebten noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts Biber an der Steinach bei St. Gallen, sind aber auch dort schon längst ausgerottet worden. Unter den deutschen Bibern lebten die letzten des Alpenvorlandes auf bayerischem Gebiet, und zwar an der Sur, einem in die Salzach fließenden Bach. Auch in den auf österreichischem Gebiet liegenden Antheringer Auen nordwestlich von Salzburg kam der Biber noch 1867 vor. Am Rhein sollen die Biber schon vor über 300 Jahren ausgestorben sein; im Gebiete der Möhne in Westfalen hielten sie sich länger; dort wurde der letzte talabwärts durch die Ruhr nach dem Rhein vertrieben und am 2. Oktober 1870 an der Werthausener Fähre erschlagen.
Heute lebt der Biber auf deutschem Gebiet nur noch in einem beschränkten Gebiet an der Saale und an der Elbe zwischen Wittenberg und Magdeburg, wo er als große Seltenheit vom Menschen geschützt wird, dennoch aber zusehends abnimmt. Nicht selten fängt er sich in den Stellnetzen der Fischer oder in den für die Fischotter gelegten Eisen. Hier lebt er meist paarweise, nur in den stillsten Gegenden zu größeren Familien vereinigt und meist wie der Fischotter in einfachen unterirdischen Uferhöhlen hausend. Nur wo er ungestört leben kann errichtet er seine Burgen mit im Innern backofenförmigen Hütten, wobei, wie bei den meisten Tieren, das Weibchen der eigentliche Baumeister ist und das Männchen mehr Zuträger- und Handlangerdienst leistet. Außerdem baut er nötigenfalls Dämme von bis 150 und 200 _m_ Länge und 2-3 _m_ Höhe bei einem Durchmesser von 4-6 _m_ unten und 1-2 _m_ oben, um das Wasser aufzustauen und in gleicher Höhe zu erhalten. Die so aufgestauten Flüsse überschwemmen dann die Täler oft auf weite Strecken, bringen dadurch die teilweise unter Wasser gesetzten Bäume zum Absterben und nachträglichen Umstürzen und schaffen so künstliche Teiche und Seen. Zum Bau seiner Dämme und Hütten benutzt der Biber verschieden lange und dicke, der Rinde, von der er außer dem Blattwerk vorzugsweise lebt, beraubte Knüttel, die er übereinander schichtet und mit Steinen beschwert und mit Sand, Schlamm und Lehm verdichtet. Er ist ein durchaus nächtliches Tier, das sich erst nach Sonnenuntergang von seinem Lager erhebt, um mit anbrechendem Tag in seinen Bau zurückzukehren. Bei Tage schläft er auf dem Bauch oder Rücken, nicht aber auf den Seiten liegend, in seiner sehr rein gehaltenen Wohnung. Er entleert sich seines Kotes wahrscheinlich nur im Wasser. Nur in kalten Wintern hält er sich, ohne Winterschläfer zu sein, Tag und Nacht in der Wohnung auf und verläßt sie nur bei Tauwetter auf kurze Zeit, um neue Nahrung zu holen oder die Wohnung auszubessern. Schon Ende Februar beginnt die Brunstzeit des in Einzelehe lebenden Tieres, die bis in den März hinein dauert. Gegen das Ende der wahrscheinlich sechs Wochen langen Tragzeit bleibt das Weibchen ungestört in der Wohnung, um 2-3, höchstens 4 blinde, doch schon behaarte Junge zur Welt zu bringen, die an den vier Brustwarzen der Mutter saugen, dem Schreien kleiner Kinder ähnlich klingende Töne hören lassen, acht Tage nach der Geburt die Augen öffnen und bei günstigem Wetter bald mit ins Wasser genommen werden, wo sie sich gleich schwimmend und tauchend umhertummeln, auch wohl an den Rücken der schwimmenden Mutter anklammern. Nach etwa vier Wochen erhalten sie schon zur Milch Rinde von Espen, Pappeln, Weiden, Erlen und Birken, die die Mutter ihnen zuträgt; nach weiteren 6-8 Wochen gehen sie selbst in den Wald, um Rinden abzunagen und den Eltern bei ihren Arbeiten zu helfen. In diesem Alter eingefangen, sind sie sehr leicht zähmbar und können so zahm werden, daß sie ihrem Herrn wie ein Hund überallhin folgen. Im dritten Lebensjahre werden sie fortpflanzungsfähig und verlassen die Wohnung ihrer Eltern, um sich selbständig zu machen und einen eigenen Hausstand zu gründen. Bäume mit Hartholz benagt der Biber nur, um seine Zähne zu schärfen; sonst hält er sich ausschließlich an solche mit weichem Holz, und zwar Laubholz. Nadelholzbäume fällt er nur, wenn sie ihm im Wege stehen, verarbeitet sie aber nicht weiter, jedenfalls des Harzgeschmackes wegen, der ihrem Holze anhaftet. Leckerbissen sind ihm die saftigen Wurzelstöcke mancher Sumpf- und Wasserpflanzen, wie Seerosen, Schilf, Kalmus und Schachtelhalme. Vor Beginn des Winters sammelt er sich einen Vorrat, wozu er meist berindete Knüttel seiner Lieblingsnahrung wählt, von denen er, wenn er Hunger hat, gewöhnlich nur die Rinde und im äußersten Notfall einen Teil des Holzes verzehrt. Solche Vorratshaufen werden als falsche Hütten oder unechte Burgen bezeichnet. Besonders große Vorräte trägt er dann zusammen, wenn ein strenger Winter bevorsteht. Er erreicht ein hohes Alter, wurde selbst in der Gefangenschaft 50 Jahre alt, und wird heute kaum je gegessen, da sein Fleisch tranig schmeckt. Außer dem Menschen hat der freilebende Biber wenig Feinde.
Ein anderes Nagetier von geringer Bedeutung ist das allbekannte ~Eichhörnchen~ (_Sciurus vulgaris_), das die bewaldeten Gegenden ganz Europas und Nordasiens bewohnt. Meist ist es braunrot, nur in manchen Gebirgen schwarz gefärbt, klettert vorzüglich von einem Baum zum andern, ohne auf den Boden zu kommen, lebt von Haselnüssen, Bucheckern, Eicheln, Nadelholzsämereien, jungen Vögeln und Eiern, im Notfall auch von Knospen und Baumrinde, gelegentlich auch von Pilzen. Von seiner Nahrung, die es, auf den Hinterbeinen sitzend, mit den beweglichen Vorderfüßen zum Munde führt, legt es im Herbst in hohlen Bäumen Wintervorräte an. Es hält keinen eigentlichen Winterschlaf, wenn es auch bei unfreundlichem Winterwetter sein freistehendes, rundes, im Innern weich gepolstertes, mit einem einzigen Eingangsloch versehenes Nest, das es in Mehrzahl für sich erbaut, oft tagelang nicht verläßt. Darin und auch in Baumlöchern wirft das Weibchen vier Wochen nach der die Männchen zu erbitterten Kämpfen mit Nebenbuhlern veranlassenden, von Ende Februar bis in den April dauernden Paarungszeit seine 3-7, etwa neun Tage blind bleibenden Jungen, die es sorgsam nährt und nach Störungen in ein anderes Nest trägt. Nachdem sie entwöhnt wurden, schleppt ihnen die Mutter, vielleicht auch der Vater, noch einige Tage lang Nahrung zu; dann werden sie ihrem eigenen Schicksal überlassen. Doch bleiben sie, häufig spielend und gemeinsam Nahrung suchend, noch längere Zeit beisammen, bevor sie sich zerstreuen. Im Juni wirft die Alte das zweite Geheck, dessen Mitglieder sich später oft mit denjenigen des ersten vereinigen, um in demselben Waldesteil ihr Wesen zu treiben. Im Edelmarder hat das Eichhörnchen seinen furchtbarsten Feind. Das muntere Tierchen ist eine der Hauptzierden unserer Wälder und läßt sich, jung gefangen, leicht zähmen. Es gewöhnt sich bald an seinen Herrn und wird wegen seiner Lebhaftigkeit in Verbindung mit großer Reinlichkeit gerne gehalten.
Wichtiger ist für die Alpenländer, die Pyrenäen und Karpaten das ~Murmeltier~ (_Arctomys marmotta_), das auf den höchsten Steinhalden des Hochgebirges, wo kein Baum und Strauch mehr wächst, auf ringsum von steilen Felswänden eingerahmten, der Sonne möglichst Zutritt gewährenden Grasplätzen lebt und sich am liebsten von saftigen Bergkräutern und deren Blüten ernährt. Es erreicht eine Leibeslänge von 51 _cm_, außer der Schwanzlänge von 11 _cm_, bei einer Höhe von 15 _cm_, ist dicht schwarzbraun behaart, lebt während des Sommers paar- oder familienweise in nur 1, höchstens 2-4 _m_ langen Sommerwohnungen, deren oft kaum das Durchzwängen einer Faust zulassender Gang in einen erweiterten Kessel führt. Dieser ist bald einfach, bald in zwei Arme geteilt, von denen der eine zum Wohn- und Schlafkessel, der andere zum Abort führt. In letzterem Fall wird er auch im Winter benutzt und hat dann einen geräumigeren Wohnkessel. Im ersteren Falle wird eine besondere Winterwohnung bezogen, die 300-600 _m_ tiefer liegt und durch eine 2-6, ja 8 _m_ lange, am Ende meist aufwärts gerichtete Röhre in eine 1-2 _m_ im Durchmesser haltende, längliche oder runde Kammer führt, die die Tiere schon im August mit abgebissenem und getrocknetem Grase und Kraut beschicken. Die losgegrabene Erde der selten tiefer als 1,5 _m_ unter dem Rasen liegenden Höhle wird nur zum kleinsten Teile hinausgeschafft; das meiste wird festgetreten, wodurch die Gänge fest und hart werden. Noch ehe sich die 5-15 Glieder starke Familie zum Winterschlaf in den Bau begibt, wird dessen Winterbenutzung durch davorliegende Heureste verraten. Nach den ersten rauhen Tagen gegen Ende Oktober wird die Winterwohnung bezogen und ihr Eingang mit Heu, Erde, Steinen verstopft, damit kein Raubtier eindringe. Hier ruht die zuvor gemästete Gesellschaft zusammengerollt im Winterschlafe unter stark verminderter Lebensintensität, wobei sie die geringe Wärmeabgabe durch Verbrennen des zuvor angesammelten Fettes bestreitet. Im April erscheinen sie dann stark abgemagert vor der Öffnung ihrer Winterwohnung, um an schneefreien Stellen etwas verdorrtes Gras zur Stillung ihres Hungers zu fressen. Dann verzehren sie wohl auch von dem bis dahin nur als Lager dienenden, im Herbste eingetragenen Heu. Sobald die Vegetation wieder zu sprossen beginnt, finden sie reichlich Futter und erholen sich bald von ihrer Abmagerung, paaren sich, und schon im Juni findet man die 4-6 zuerst aschgrauen, später gelbbraun werdenden Jungen, die sich, ehe sie etwas herangewachsen sind, selten vor dem Baue zeigen. Sie werden von der auf den Hinterbeinen sitzenden und die Vorderbeine weit ausgespreizt haltenden Mutter lange gesäugt und bleiben bis in den nächsten Sommer hinein bei den Eltern. Auch die Familien, die keine höher gelegene Sommerwohnung beziehen, machen oft weite Gänge auf blumenreiche Weideplätze, von denen sie den unwillkommenen, unter erbärmlichem Geschrei fliehenden Artgenossen durch tüchtige, mit den Vorderpfoten auf Kopf und Rücken ausgeteilte Hiebe vertreiben. Dabei fressen, spielen und ruhen sie abwechselnd. Alle Augenblicke sehen sie sich um und überwachen mit der größten Aufmerksamkeit die Umgebung. Das erste, das etwas Verdächtiges bemerkt, einen Raubvogel, Fuchs oder Menschen, pfeift tief und laut durch die Nase, die übrigen wiederholen das Warnungssignal teilweise und im Nu sind sie in die benachbarten Löcher verschwunden. Bei dieser ihrer Wachsamkeit ist es für den Jäger sehr schwer, sie zu beschleichen. Deshalb erbeutet man gerne die Murmeltiere durch das vielerorts allerdings verbotene Ausgraben der Baue, auch wohl in Fallen, die man oft nur für die alten Tiere einrichtet. Man sucht sie auch mit eigens darauf abgerichteten Hunden auf, die ihnen den Rückweg zum Bau abschneiden und sie in den nächsten Schlupfwinkel treiben, wo sie mit einem Stock totgestoßen werden. Da ihr Gewicht im Herbst auf 6-8 _kg_ steigt, liefern sie einen nicht zu verachtenden Braten. Ihr Fleisch hat zwar einen erdigen Wildgeschmack, wird aber gewöhnlich durch Einreiben und Abbrühen mit Salz und Salpeter und Räuchern während einiger Tage vor dem Kochen wohlschmeckender. Das Fett dient den Gebirgsbewohnern als Arznei für allerhand Übel, der frisch abgezogene Balg wird bei Rheumatismus angezogen, und die Tiere selbst dienen dem Älpler als Wetterpropheten. Im halbwüchsigen Alter gefangene Junge lassen sich leicht auffüttern und werden im Umgang mit dem Menschen sehr zahm und zutraulich. Sie achten auf den Ruf ihres Pflegers, sind gehorsam und gelehrig, so daß man ihnen allerlei Kunststücke beibringen kann. Früher durchzogen arme Savoyardenknaben mit solch einem gezähmten Murmeltier Almosen heischend die Städte und Dörfer. Neuerdings ist jedoch der intelligentere Affe an dessen Stelle getreten, und wandern nun an Stelle der Savoyarden Italiener damit durchs Land.
Von andern Nagetieren werden noch die baumbewohnenden, in Wäldern, Hainen und Baumgärten lebenden ~Bilche~ oder ~Schlafmäuse~ (_Myoxus_) gelegentlich gefangen gehalten. Sie sind zwar außerordentlich reinlich wie die Murmeltiere, aber im Gegensatz zur Zutraulichkeit jener scheu und wenig liebenswürdig. Besonders unfreundlich benimmt sich der gefangen gehaltene ~Siebenschläfer~ (_Myoxus glis_), der sich durchaus nicht an seinen Pfleger gewöhnt und ihn, wie jeden andern, der sich ihm nähert, wütend anknurrt. Dieses besonders die Eichen- und Buchenwaldungen Süd- und Osteuropas bewohnende, 16 _cm_ Leibes- und 13 _cm_ Schwanzlänge erreichende aschgraue Tier, das sich tagsüber verborgen hält und nur nachts nahrungsuchend in seinem Revier herumstreift und von einer Gefräßigkeit ohnegleichen ist, außer Eicheln, Bucheln, Kastanien, Hasel- und Walnüssen auch saftiges Obst liebt und alle kleinen Tiere, denen es begegnet und die es zu überwältigen vermag, mordet und frißt, sammelt gegen den Herbst Nahrungsvorräte ein und speichert sie in seinen Höhlen auf. Diese macht es in trockenen Erdlöchern, in altem Gemäuer oder in tiefen Baumhöhlungen zurecht, bereitet sich ein Nest von zartem Moos und fällt darin, gewöhnlich mit mehreren seiner Artgenossen gemeinsam, zusammengekugelt gegen den Oktober hin in tiefen Schlaf, der gewöhnlich sieben Monate lang andauert. Es erwacht daraus Ende April, paart sich und wirft in seiner Höhle 3-6 nackte und blinde Junge, die sich sehr rasch entwickeln und schon vor dem Herbste selbständig sind.