Kulturgeschichte der Nutztiere

Part 65

Chapter 653,465 wordsPublic domain

Einst über ganz Mitteleuropa verbreitet, aber heute hier überall ausgerottet ist der ~Elch~ (_Alces machlis_). Diese hochbeinige, stattliche Hirschart mit plumpem Körper, großem Kopf, dicker Schnauze und im männlichen Geschlecht mit Kehlbart und mächtigem, fast wagrecht verlaufendem schaufelförmigem Geweih liebt moorreiche Waldungen. Wenigstens tummelt sich der Elch vom April bis September fast ausschließlich im Sumpf, über dessen Schlammboden ihn die großen, breiten, tief gespaltenen Hufe leicht tragen. Früher war er westlich bis Großbritannien und Frankreich, südlich bis in die Lombardei verbreitet. In Norditalien scheint er bereits zur römischen Kaiserzeit ausgestorben gewesen zu sein. Der Grieche Pausanias schreibt um 170 n. Chr.: „Der Elch (_alkḗ_) sieht dem Hirsch und dem Kamel ähnlich, bewohnt das Land der Kelten. Menschen können es nicht aufspüren und es kann daher nur erlegt werden, wenn man große Strecken einkreist und dann immer näher zusammenrückt.“ Um 208 schaffte Gordian als Konsul nach Julius Capitolinus 10 Elche für die Jagdspiele nach Rom und 273 ließ Kaiser Aurelian auch dieses Tier als Schaustück aus Gallien in seinem Triumphzuge aufmarschieren. In Gallien verschwand der Elch schon im 5. Jahrhundert n. Chr. Länger blieb er in Deutschland erhalten. Im Walde Viergrund bei Nördlingen in Bayern erlegten zwei Hofleute des Königs Pipin einen Elch, dessen riesenhaftes Geweih sich im Original und in einer Abbildung bis heute erhielt. Im 10. Jahrhundert lebte der Elch noch in Flandern, im 14. in Böhmen; im 16. war er schon in Mecklenburg und dem größten Teile Deutschlands ausgerottet. In Sachsen wurde das letzte Exemplar dieser Tierart 1746, in Schlesien 1746, in Galizien 1760 erlegt. In Ungarn, wo es noch im 17. Jahrhundert Elche gab, waren zu Ende des 18. keine mehr vorhanden. Aus Westpreußen ist der Elch erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts verschwunden, in Ostpreußen wird er im kaiserlichen Forst von Ibenhorst gehegt. In Skandinavien, Nordrußland und Sibirien kommt er noch in inselartiger Verbreitung vor, verträgt sich aber nirgends mit geordneter Forstwirtschaft, da er ein schlimmer Waldfrevler ist, fast ausschließlich von Sträuchern und jungen Bäumen äst, und zwar nicht bloß deren Blätter und junge Schößlinge, sondern namentlich auch die Rinde und holzigen Zweige bis zu Fingerdicke. Im Februar und März schält er die Rinde der Nadelholzgewächse, später diejenigen der Laubbäume, und zwar ist für ihn als Sumpfhirsch das Lieblingsgesträuch die Werftweide. Im Winter bilden Baumknospen seine Hauptnahrung. Wo er sich sicher fühlt, zieht er Tag und Nacht, beunruhigt dagegen vor Sonnenunter- und Aufgang seiner Nahrung nach, um die übrige Zeit im Dickicht oder Moore zuzubringen. Nach der Sättigung legt er sich nach Rinderart zum Wiederkauen nieder.

Im allgemeinen friedfertig und gesellig lebt der Elch familienweise; nur die starken Hirsche bleiben bis gegen die Brunstzeit allein. In der Brunstzeit im August bis September verhalten sich die Männchen ähnlich den Rothirschen, fordern auch durch Schreien ihre Nebenbuhler heraus und kämpfen wütend mit ihnen um den Besitz der Weibchen. Besiegte Elchhirsche, die keine Tiere zur Begattung finden, geraten in eine Art Koller, der sie unaufhörlich herumschweifen, wohl gar in bewohnte Gegenden laufen und ebenso abmagern läßt wie die glücklicheren Geschlechtsgenossen. Das beschlagene Tier zieht sich gegen das Ende der 40 Wochen betragenden Tragzeit in einsame Sumpfgegenden zurück, wo es meistens zwei Kälber setzt, die es sorgsam beschützt und ernährt. Nach drei Jahren sind die Weibchen erwachsen, die Männchen dagegen erst im fünften Jahre, wobei sich bei ihnen das Geweih schaufelartig auszubreiten beginnt. Ein ausgewachsener Elchhirsch wiegt 330 _kg_, ein ausgewachsenes Elchtier dagegen nur 280 _kg_, während ein eben gesetztes Elchkalb 10-12 _kg_ wiegt. Der Elch erreicht nur ein Alter von 20 Jahren und hat besonders unter den Angriffen der rudelweise jagenden Wölfe zu leiden, die ihn im Winter auf dem Eise leicht zu Falle bringen. Gefährlich ist ihm auch der Bär, der gern einzelne Elche beschleicht, ebenso der Luchs, der Elchkälbern auflauert und sie bei Entfernung der Mutter überfällt und abwürgt. Bei mehrmaliger Beunruhigung ändert der Elch seinen Stand, haßt überhaupt mehr als die übrigen Hirsche alle Störungen aufs tiefste und verläßt eine Gegend, in der er wiederholt behelligt wurde. Jung eingefangene Elche werden leicht zahm und wurden früher in Schweden zum Ziehen von Schlitten abgerichtet; doch bleiben sie in der Gefangenschaft nur verhältnismäßig kurze Zeit am Leben und sterben an zunehmender Abmagerung vorzeitig dahin. Das Zusammensein mit Vertretern lebhafter Hirscharten ist dem Elch zuwider; nur mit den ruhigen, gelassenen Renntieren verträgt er sich gut, eignet sich aber wegen seiner Hinfälligkeit in der Gefangenschaft nicht zur Domestikation.

Ein trefflich kletternder Bewohner des Hochgebirges ist die kluge ~Gemse~ (_Capella rupicapra_), die ein ausgesprochenes Tagtier ist und durch ihr bei aller blitzartigen Entschlossenheit doch ruhig überlegendes Wesen sich vorteilhaft von der kopflosen Scheu und nervösen Schreckhaftigkeit der mehr nächtlichen hirschartigen Waldtiere unterscheidet. Sie bewohnte früher das Vorland der Gebirge, bis sie sich in harter Bedrängnis durch den Menschen auf das für ihn schwer zugängliche Hochgebirge zurückzog. Aber auch da ist sie nicht wie der Steinbock ein reines Felsentier, sondern eigentlich ein Bewohner des obersten Waldgürtels, wo sie am liebsten weilt. Früh zieht sie zur Äsung auf bekannte Weideplätze, um bis um 10 Uhr saftige Kräuter allerlei Art und junge Triebe von Sträuchern, besonders Alpenrosen, zu fressen, dann wandert sie einem Waldbestand oder einem Legföhrendickicht zu, um hier wiederzukauen. Um 4 oder 5 Uhr wird sie wieder rege, zieht auf den Äsungsplatz, wo sie bis zur Nacht, bei Mondschein bis 10 oder 11 Uhr, frißt, um dann die Nacht über in gedeckter Stellung teilweise wiederkauend zu ruhen. Auf der Flucht entwickelt sie eine überraschende Sprungfertigkeit und Kletterkunst. Mit ihren sehnigen langen Läufen mit starken, scharfrandigen Hufen springt sie dann bis 7 _m_ weit und schnellt sich an senkrechten Wänden bis 4 _m_ in die Höhe. Im Notfall rutscht sie mit zurückgestemmtem Körper und scharf gegen das Gestein eingesetzten Hinterhufen schnurrend die steilsten Wände hinunter und auch ein Absturz bis zu 100 _m_ soll ihr nicht schaden, wenn sie nur unten auf weichen Schnee fällt. Droht oben Gefahr, so eilt sie mit wilden Sätzen abwärts, wobei sie 10-15 _m_ hohe Bergwände herunterspringt, um hart an der Wand zu entkommen. Im Winter rutscht sie oft zum Vergnügen auf dem Bauch mit vorgestemmten Füßen steile Schneehalden hinunter, wobei sie in hockender Stellung so lange mit den Hinterbeinen sich abschnellt, bis sie ins Gleiten gekommen ist. Ihre Sinne, besonders der Geruch, sind vortrefflich ausgebildet; dabei ist sie in hohem Grade wachsam und unterscheidet sehr wohl harmlose Menschen vom sich an sie heranschleichenden Jäger.

Als höchst geselliges Tier vereinigt sich die Gemse zu ziemlich großen Rudeln von 30-40 Stück, die die Geißen, deren Kitzchen und die jüngeren Böcke bis zum zweiten, höchstens dritten Jahre umfaßt. Alte Böcke leben außer der Paarungszeit für sich oder vereinigen sich nur vorübergehend mit einigen wenigen ihresgleichen. Im Rudel übernimmt eine alte, erfahrene Geiß die Leitung, doch wachen alle älteren Mitglieder desselben abwechselnd für die Sicherheit des Trupps. Jede Gemse, die etwas Verdächtiges gewahrt, drückt dies durch ein weithin vernehmbares, mit Aufstampfen des einen Vorderfußes verbundenes Pfeifen aus, worauf das Rudel, sobald es sich von der Tatsächlichkeit der Gefahr überzeugt hat, sofort die Flucht ergreift. Gegen die Paarungszeit hin, welche um Mitte November beginnt und bis Anfang Dezember währt, finden sich die starken Böcke bei den Rudeln ein, indem sie sich dumpfgrunzend um die Geißen bewerben. Bei ihrem Erscheinen stieben die jungen Böcke erschreckt auseinander. Da die starken Böcke keinen Nebenbuhler bei dem von ihnen mit Beschlag belegten Rudel dulden, setzt es unter den geilen Gesellen grimmige Kämpfe ab, wobei der unterliegende Bock gelegentlich einen Abgrund hinuntergestoßen oder ihm mit dem spitzen nach rückwärts gebogenen Gehörn auch der Bauch oder eine andere Körperstelle aufgerissen wird. Zuerst werden die jüngeren, dann die älteren Geißen beschlagen. Dabei läßt der Bock von einer bei ihm viel stärker als bei der Geiß anschwellenden Drüse hinter den Krickeln einen für uns widrig duftenden, den Geißen aber angenehmen und sie sexuell erregenden Duft ausströmen. Bei der Brunst, während welcher er beständig erregt ist und kaum etwas frißt, magert der Gemsbock stark ab, um sich nach Ablauf derselben allerdings rasch wieder zu erholen. Die Satzzeit fällt auf Ende Mai oder Anfang Juni. Während jüngere Geißen stets nur ein Kitzchen setzen, gebären alte deren zwei, ausnahmsweise auch drei, die ungemein rasch heranwachsen, schon im dritten Monat Hörner erhalten und bereits im dritten Jahr die volle Größe der Alten erreicht haben.

Ungeachtet mancherlei Gefahren und der harten Bedrängnis schneereicher Winter vermehren sich die Gemsen da, wo sie gehegt und nur in vernünftiger Weise abgeschossen werden, ungemein rasch und sind eine unvergleichliche Zier unseres Hochgebirges. Die Jagd auf sie ist ein beschwerdereiches Vergnügen, das einen ganzen Mann verlangt. Ihr Wildbret ist vorzüglich und übertrifft an Wohlgeschmack noch dasjenige des Rehs, das als das beste der einheimischen Wildarten gilt, bei weitem durch seinen würzigen Beigeschmack. Das Fell wird zu einem vorzüglichen Wildleder verarbeitet, die Hörner zu allerlei Zierat verwendet, während die 20-23 _cm_ langen, schwarzen Haare mit gelb-weißer Spitze, die als eine Art Mähne dem Rücken entlanglaufen, als „Gamsbart“ in Nachahmung einer Tiroler Sitte einen beliebten Hutschmuck auch für die Städter im Reisekostüm bilden. Nur jung eingefangene Gemsen lassen sich zähmen. Sie werden zunächst mit Ziegenmilch, dann mit saftigen Kräutern, Kohl, Rüben und Brot ernährt und einer gutartigen Ziege mit deren Zicklein zugesellt, in deren Gesellschaft sie zu allerlei keckem Spiel aufgelegt sind. Zutraulich drängen sie sich an ihren Pfleger heran, um sich Futter zu erbitten. Erst in erwachsenem Zustande kommt bei ihnen meist eine gewisse Wildheit zum Durchbruch, die sich durch nachdrücklichen Gebrauch ihrer Hörner bekundet. In einem Stalle behagt es ihnen nicht. Auch im Winter wollen sie Tag und Nacht im Freien zubringen und begnügen sich auch im Schnee mit ein wenig Streu als Lager. Alt eingefangene Gemsen bleiben immer furchtsam und scheu und pflanzen sich in der Gefangenschaft kaum je fort. Von jung eingefangenen Gemsen hat man in verschiedenen Tiergärten Junge gezüchtet.

Häufiger als auf Gemsen findet sich für den deutschen Weidmann Gelegenheit, auf Sauen zu jagen. Das ~Wildschwein~ (_Sus scrofa_) ist der einzige Vertreter der Schweinefamilie in ganz Europa. Mit Vorliebe wählt es sich feuchte, sumpfige Gegenden zu seinem Aufenthaltsort, gleichgültig, ob diese bewaldet oder mit Sumpfwuchs bestanden seien. Nur wo es verfolgt wird, zieht es sich in das Waldesdickicht zurück, um darin unter tiefbeasteten Fichten oder im Gestrüpp tagsüber zu ruhen, wobei es sich eine mit Moos und Farnen gepolsterte Vertiefung im Boden zum bequemen Lager herrichtet. Mit einbrechender Dämmerung erhebt es sich, um zunächst einer Suhle zuzustreben, in welcher es sich ein halbes Stündchen wälzt. Wenn alles ruhig geworden ist, sucht es mit Vorliebe die reifenden Getreidefelder und Kartoffeläcker auf, um sich darin gütlich zu tun. Dabei frißt es weit weniger als es verwüstet, weshalb es dem Landmanne begreiflicherweise so verhaßt ist. Sonst sucht das Wildschwein in Wald und auf Wiesen Erdmast in Form von Trüffeln, fleischigen Wurzeln, Kerbtierlarven, Würmern, Schnecken, aber auch Mäusen und anderen kleinen Säugetieren nebst Leichen aller Art; im Herbst und Winter ernährt es sich vorzugsweise von abgefallenen Eicheln, Bucheln, Haselnüssen und Kastanien, verfolgt angeschossenes und kränkelndes Wild, um ihm den Garaus zu machen, und frißt in der Not die eigenen Jungen. Beim Fressen sichert es häufig mit emporgehaltenem Rüssel, zumal wenn es aus einem Dickicht ins Freie und über einen Weg wechselt. Fällt ihm etwas Verdächtiges auf, so entfernt es sich nach Ausstoßen eines schnaubend-fauchenden Tons so geräuschlos, daß man glauben könnte, es sei in die Erde verschwunden. Das unbedeutendste verdächtige Zeichen genügt, das scheue Tier zu vertreiben. Geruch und Gehör sind bei ihm seiner nächtlichen Lebensweise entsprechend ausgezeichnet, während das Gesicht mangelhaft ist. Den Jäger erkennt es an der Witterung, nicht an seiner Gestalt. Verfolgt stürzt es sich ohne Bedenken in reißende Ströme, um sie zu überschwimmen, wobei es sehr geschickt und ausdauernd schwimmt.

Als sehr geselliges Tier pflegt sich das Wildschwein zu Rudeln zusammenzutun, und zwar die stärkeren Keiler für sich, während die Bachen genannten Weibchen mit den Frischlingen und geringen Keilern gehen. Vom dritten Lebensjahre an leben die dann Hauptschweine genannten Männchen als Einsiedler und schlagen sich erst zur Paarungszeit, zur sogenannten Rauschzeit, zu den Rudeln der Weibchen, um deren Besitz sie mit gleichstarken Keilern erbitterte Kämpfe führen. Die geringeren Keiler werden vertrieben, wenn sie sich zur Rotte, wie man eine Herde Wildschweine nennt, gesellen. Abgeschlagene Wildschweine suchen ihren Geschlechtstrieb vielfach bei Herden von zur Eichel- oder Buchelmast in den Wald getriebenen Hausschweinen zu befriedigen, wodurch dann Blendlinge entstehen, die wegen ihres wilden und scheuen, mit schlechter Mastfähigkeit gepaarten Temperaments dem Zuchtsauenbesitzer wenig willkommen sind. Den Hauptschutz der Keiler bei ihren grimmigen Kämpfen mit den Nebenbuhlern bildet ein an den Schulterblättern zwischen Haut und Fleisch, oft bis zwei Finger dicker „Schild“ aus hornartiger weißer Masse. Harnisch dagegen nennt man die feste Kruste, die sich an Brust und Vorderschulter der Keiler durch Reiben an den Stämmen Harz ausschwitzender Fichten bildet, deren Harz die Borsten und die Unterwolle zu einer harten, schützenden Decke zusammenklebt.

Schon ehe das Wildschwein vollkommen ausgewachsen ist, wird es fortpflanzungsfähig. Von Ende November bis in den Januar dauert die Rauschzeit. Nach einer Tragzeit von 20 Wochen wirft die Bache, für sich abgesondert, so lange sie noch jung ist 4-6, später 10-12 Frischlinge, die auf gelbgrauem Grunde braune Längsstreifen aufweisen. Es ist dies ein altmodisches Gewand, das die Vorfahren einst auch erwachsen trugen. Die Frischlinge werden von der Bache aufmerksam bewacht und im Falle eines Angriffs mutig verteidigt. Schon der geringste Klagelaut eines Jungen ruft die Alte herbei, die sich wutschnaubend auf den Friedensstörer wirft. Die Wildschweine werden 20-25 Jahre alt, erreichen nur ausnahmsweise ein Gewicht von 225 _kg_ bei einer Länge von 1,6 _m_ und einer Höhe von 0,5 _m_. Die einzige Seuche, die bei ihnen auftritt und sie rasch dahinrafft, ist die Halsbräune. Sie werden auf dem Anstand, namentlich auf der Saukanzel, dann auf der Birsch und auf der Jagd mit Treibern und Hunden erlegt. Jedenfalls ist der Schaden, den sie verschulden, nicht so bedeutend, daß er ihre vollkommene Ausrottung rechtfertigen würde. Dadurch, daß sie durch Aufwühlen weiter Bodenstrecken nach Engerlingen (Larven des Maikäfers) diese Schädlinge ausrotten und gleichzeitig die natürliche Besamung der Waldbäume erleichtern, sind sie dem Forstmanne geradezu nützlich. Während sie heute auf freier Wildbahn bei uns selten geworden sind, werden sie noch vielfach in eingehegten Waldbezirken als geschätzte Jagdtiere gehalten. Die Jagd auf sie hat seit alten Zeiten als ein ritterliches Vergnügen gegolten, war es aber nur solange der Jäger mit der Saufeder ihnen direkt entgegentrat, um sie zu fällen. Heute aber, wo man sie ohne alle Lebensgefahr auf weite Distanz mit den weitreichenden Präzisionsgewehren schießt, ist alle Ritterlichkeit dahin. Ihr Fleisch ist sehr geschätzt, weil es neben dem Geschmack des Schweinefleisches den des echten Wildbrets hat. Das Gehirn der Wildsau ist hoch entwickelt, weshalb sie sich leicht abrichten läßt. Auf den britischen Inseln ist sie wie der Wolf schon seit längerer Zeit ausgerottet.

Nur ganz ausnahmsweise kommt ein mitteleuropäischer Jäger auf den ~braunen Bären~ (_Ursus arctos_) zu Schuß. Wer diesen in freier Wildbahn kennen lernen will, der muß schon nach Siebenbürgen oder Rußland gehen, wo er auch jetzt noch in gewissen Gegenden nicht selten vorkommt. In Siebenbürgen bewohnt er die Legföhrenregion des Gebirges, während er in den Rokitnosümpfen Rußlands ein echter Sumpfbewohner ist, der sich nur zur Winterszeit in trockeneres Gelände zurückzieht. Im allgemeinen liebt der Bär schwer zugänglichen oder doch wenig besuchten, dichten Wald, in welchem ihm Höhlen unter Baumwurzeln oder in Baumstämmen, im Felsengeklüfte, mit reichem Unterholz bewachsene Inseln in Brüchen Obdach und Ruhe vor seinem Erzfeinde, dem Menschen, gewähren. Er kann 2 _m_ Länge, 1 _m_ Höhe und ein Gewicht von 300 _kg_ erreichen und trägt im Winter ein dichtes, zottiges, langhaariges Fell, im Sommer dagegen ein viel kürzeres, dünneres und dunkleres von brauner bis schwarzer Farbe. Trotz seines schwerfälligen Körperbaues ist er ein gewandtes Tier, das im tiefen Schnee Sprünge von 3,5-5,5 _m_ machen kann und auch beim Klettern eine große Gelenkigkeit zeigt. Mit seiner urwüchsigen Kraft, die ihn einen 350 _kg_ schweren Hirsch aus einer Grube zu ziehen und weit wegzuschleppen erlaubt, verbindet er eine ungeheure Ausdauer und Zähigkeit im Ertragen von Strapazen und im Aushalten von Verwundungen. Während sein Geruch und Gehör ausgezeichnet sind, ist das Gesicht bei ihm nur schlecht entwickelt. Seine geistigen Fähigkeiten sind sehr gute, doch ist er bei aller Gutmütigkeit höchst falsch und mißtrauisch, liebt Behaglichkeit ungemein, greift aber, sobald er gereizt wird, sofort an. Er ist seinem Gebiß und der Beschaffenheit seiner Eingeweide nach Allesfresser, hält sich im allgemeinen aber mehr an Pflanzen- als Fleischkost. Monatelang kann er sich mit Früchten, besonders Eicheln, Bucheln und Haselnüssen, dann Beeren aller Art, reifendem Mais, saftigem Hafer und anderem Getreide neben Schnecken, Käfern und Insektenlarven ernähren. Wo ihm aber Gelegenheit dazu geboten wird, ergreift er gern Wild oder größere Haustiere des Menschen, besonders Rinder und Schafe, um sie zu fressen. Kann er keine lebenden Tiere haben, so begnügt er sich auch mit Aas. Meist schlägt er sein Opfer mit einer seiner kräftigen Vorderpranken am Rücken, wobei die scharfen, langen Krallen tief ins Fleisch eindringen, und beißt es dann am Halse tot. Beim Verzehren des gestreckten Tieres reißt er ihm zuerst die Brust auf, um die Eingeweide zu verzehren. Was er nicht fressen kann, wird notdürftig von ihm verscharrt oder mit Reisig bedeckt und später wieder aufgewühlt. In Siebenbürgen sind außer Haustieren, besonders Rindern, Wildschweine und Rehe seine gewöhnlichen Opfer, während er in Rußland außerdem auch Elche erbeutet. Begieriger als nach jeder anderen Nahrung ist er aber nach Honig. In den Bäumen, in deren Höhlungen wilde Bienen wohnen und ihre Vorräte angelegt haben, kratzt und beißt er Löcher, um zu der von ihm so geliebten süßen Speise zu gelangen. Wasser kann er nicht längere Zeit entbehren. Solange sein Standquartier wasserreich genug ist, um seinen Durst zu stillen, verläßt er es nie. Erst wenn ein sehr heißer Sommer Wassermangel herbeiführt, besucht er benachbarte, mit Wasser versehene Gegenden, um sofort in sein Revier zurückzukehren, sobald dessen Wassermangel vorüber ist.

Bei der Eichel- und Buchelmast im Herbst hat er sich genug Fett angemästet, um im geschützten Lager gekrümmt, mehr auf der Seite als auf dem Bauche liegend über die für ihn schlimme Jahreszeit zu ruhen. Ein Winterschlaf ist es kaum zu nennen; denn es ist mehr ein duselndes Wachen, bei dem er niemals die angeborene Vorsicht außer acht läßt. Kurze Zeit nach dem Lagern sind die Bären noch unruhig; besonders die schlechtgenährten verlassen das Lager häufig, um sich, weil ihnen die gegen Kälte schützende Fettschicht der feisten fehlt, durch Bewegung zu erwärmen. Sobald sie beunruhigt werden, erheben sie sich, um ein anderes Lager zu beziehen. Eingeschneite oder in Höhlen lagernde Bären liegen am festesten. Bärinnen mit Jungen und alte, früher schon einmal angeschossene Bären sind am ängstlichsten und erheben bei jedem verdächtigen Geräusch den Kopf, um sich bei nahender Gefahr beizeiten zu flüchten.

Solange der Winter anhält, bleibt der Bär im Lager, wobei sich seine Sohlen häuten. Sobald Tauwetter eintritt, erhebt er sich, reckt und streckt und schüttelt sich und geht zunächst auf die Beerensuche, wobei er mit seinen Pranken die die Moosbeerensträucher bedeckende Schneeschicht beseitigt, um zu den roten Beeren zu gelangen. Im Mai oder Anfang Juni suchen sich meist zur Nachtzeit, mitunter schon in der Dämmerung, laut brummend Bär und Bärin, um sich zu paaren. Indessen hält sich die Bärin nicht nur an einen Bären, so daß es unter den Männchen nicht selten harte Kämpfe absetzt, die mit dem Tode des schwächeren endigen können. Um die Mitte des Winters, im Dezember oder Januar, wirft die Bärin in ihrem weich mit Moos, Gras und Blättern ausgestopften Lager das erste Mal höchstens zwei, später drei, auch wohl vier, im Alter aber schließlich nur ein Junges, um vom 16.-18. Jahre an gelte, d. h. unfruchtbar, zu bleiben. Im Gegensatz zum Bären wechselt sie häufig ihr Lager und spielt mit den Jungen auf dem Schnee, den sie nicht selten vollständig festtritt. Sie bleibt aber länger im Winterlager als das Männchen. Erst wenn die Jungen ihr folgen können, verläßt sie es, um zunächst nur in der Nähe umherzustreifen und die Jungen im Aufsuchen von Fraß, im Klettern und in andern Dingen zu unterrichten. Können die Jungen einige Strapazen aushalten, so zieht die Familie weiter, wobei die Bärin als Beherrscherin ihres Distrikts jedes Vorkommnis mißtrauisch überwacht und sich dem Eindringen des Menschen standhaft und mutig widersetzt, auch die Jungen tapfer verteidigt, während sie nicht selten die unbeholfenen Säuglinge bei Gefahr verläßt. Sind die Jungen so weit selbständig, daß sie sich ernähren und erhalten können, so verteidigt sie dieselben fast gar nicht mehr. Die Jungen beziehen auch, falls die Mutter nicht wieder trächtig ist, immer denselben Distrikt zum Überwintern, aber besondere, niemals weit von dem jener entfernte Lagerplätze. Ist die Bärin aber trächtig, so duldet sie die Jungen unter keinen Umständen in ihrem Distrikt, sondern vertreibt sie mit Beißen und Ohrfeigen. Von den Jungen, die von diesem Zeitpunkte an selbständig sind, geht jedes im nächsten Frühjahr seinen eigenen Weg. Erst im fünften oder sechsten Jahre werden sie fortpflanzungsfähig. Vom Menschen aufgezogene Bären, die selbständig fressen und ihren Fraß selbst aufsuchen können, sind ungemein schwer auszusetzen und arten förmlich zu Haustieren aus, die sich nicht mehr vertreiben lassen.