Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 55
In Deutschland suchten die einsichtsvollen Fürsten, vor allem Friedrich der Große, die sehr heruntergekommene Bienenzucht wieder zu heben. Jener Preußenkönig zog in der Bienenzucht erfahrene Kolonisten aus Polen und Preußen in die Mark Brandenburg und interessierte sich in der Folge sehr auch für diesen Zweig der Landwirtschaft. Mehrfach spricht er sich in Briefen erfreut über die Fortschritte der Imkerei in seinem Lande aus, so unter anderem auch in einem Briefe an Voltaire vom 5. Dezember 1775, in welchem er die bis dahin erfolgte Vermehrung der Bienenvölker um ein Drittel hervorhebt. Um die Bienenzucht möglichst zu schützen, verlieh er den Bienenzüchtern manche Erleichterungen und legte einen hohen Einfuhrzoll auf den fremdländischen Rohrzucker. In Österreich war die Kaiserin Maria Theresia in hohem Maße für die Landwirtschaft besorgt und erließ am 8. April 1775 einen Schutzbrief für die Bienenzüchter. In Süddeutschland und der Schweiz interessierte man sich mehr und mehr in den ökonomischen Gesellschaften und landwirtschaftlichen Vereinen für die Bienenzucht, die man immer rationeller durchzuführen bestrebt war. Große Fortschritte darin wurden erst seit der Einführung des Mobilbaues möglich. Haben darin die praktisch veranlagten Nordamerikaner zuerst Großes geleistet, so sind ihnen heute die Deutschen vollständig ebenbürtig geworden. In allen deutschen Landen wird die Bienenzucht durch eine reiche Vereinstätigkeit gefördert. Von größeren Vereinen oder vom Staate angestellte Wanderlehrer halten an vielen Orten regelmäßige Kurse für Anfänger ab. Daneben gibt es eigentliche Imkerschulen, von denen die von Date, Eystrup in der Provinz Hannover und Durlach im Großherzogtum Baden hervorzuheben sind. Österreich besitzt eine solche in Wien und Ungarn in Gödöllö. Gegenwärtig gibt es über 3 Millionen Bienenvölker in Deutschland. Von dem jährlichen Verbrauch von über 20 Millionen _kg_ Honig erzeugt Deutschland etwa 18 Millionen kg im Werte von 30 Millionen Mark.
Baron von Ehrenfels nannte die Bienenzucht mit vollem Recht die Poesie der Landwirtschaft. Sie ist aber nicht nur das, sondern eine eminente Förderin des Nationalwohlstandes und ihre Zucht ein wesentlicher Hebel zur Veredlung und Bildung des Volkes. Neben dem großen materiellen Nutzen gewährt sie Belehrung, Unterhaltung und Erholung nach des Tages Arbeit; denn sie wird meist als Nebenbeschäftigung betrieben, da sie nur einen geringen Aufwand an Zeit und Mühe beansprucht und die meisten dabei erforderlichen Hantierungen in den Mußestunden verrichtet werden können. Wer auch nur 25-50 Stöcke beweglichen Baues hat, kann von denselben eine jährliche Einnahme von 150-300 Mark und darüber erzielen. Dabei ist der Stock durchschnittlich zu 5 _kg_ Honigertrag und das _kg_ zu 1.20 Mark gerechnet. Guter Schleuderhonig wird aber gern mit 2 Mark und Wabenhonig mit 3 Mark bezahlt. Dabei ist nicht einmal die Einnahme für Wachs und etwa verkaufte Schwärme oder Völker in Anrechnung gebracht, ebensowenig, daß man nicht selten einem einzigen Stock 30 _kg_ Honig und darüber entnehmen kann. Tritt auch einmal ein Fehljahr ein, so hat das nichts zu sagen, da ein einziges gutes Jahr nicht nur ein, sondern zwei und drei schlechte Jahre einbringt. Dabei ist zu bedenken, daß die Gewinnung von Honig und Wachs nicht einmal der größte Nutzen ist, den wir von den Bienen haben, daß eigentlich der Vorteil, den wir daraus ziehen, daß sie die Befruchtung sämtlicher Obstbaumblüten besorgen, noch viel wichtiger ist. Wenn sie nicht im April und Mai von Baum zu Baum und von Blüte zu Blüte flögen, um die Befruchtung zu vollziehen, sollten wir sehen, wo unsere Obsternte bliebe. Überall, wo ein Natur- und Tierfreund einen Bienenstand errichtet, um sich eine angenehme und zugleich nützliche, jedermann zu empfehlende Nebenbeschäftigung zu verschaffen, sollten ihn die Nachbarn nicht scheel ansehen, sondern als großen Wohltäter der ganzen Gegend und Beförderer des Obstbaues mit Freuden begrüßen und ihm in seinem Unternehmen alle nur denkbaren Erleichterungen verschaffen. Es gibt ja nicht nur im deutschen Sprachgebiet, sondern in allen Kulturländern eine vortreffliche Literatur über Bienenzucht und deren rationelle Handhabung, so daß sich jedermann daraus Rat holen kann. Dann schließe er sich älteren Imkern an, die ihm gern mit Rat und Tat an die Hand gehen werden, trete einem Bienenzüchtervereine bei, aus dessen Zusammenkünften er reichen Gewinn für die beste Art der Behandlung seiner Schützlinge empfangen wird.
Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier die Grundzüge der rationellen Bienenzucht an Hand der Lebensweise der Bienen und der Einrichtung ihres Staatshaushaltes, die als jedem Gebildeten geläufig vorausgesetzt werden darf, zu geben. Wir möchten nur alle Interessenten auf das von Ulrich Kramer, dem Präsidenten des Vereins schweizerischer Bienenfreunde in Zürich, in dritter vermehrter Auflage herausgegebene, reichillustrierte Buch: Die Rassenzucht der Schweizer Imker und die amerikanischen Zuchtmethoden (für Deutschland und Österreich zu beziehen durch die Buchhandlung Paul Watzel in Freiburg i. Breisgau). Darin wird in allgemeinverständlicher Weise gezeigt, wie die Weiselzucht der Zukunft sich gestalten soll. Jedenfalls hat sie schon mit eintägigen Larven zu beginnen, die man nach amerikanischer Methode in künstliche Weiselzellen bringt, oder noch besser durch Ausstechen einzelner Brutzellen und Anfügen an die Wabenkanten der zu veredelnden Stöcke; denn begreiflicherweise kommt es für die Erlangung guter Bienenvölker vor allem auf die Gewinnung guter Königinnen an. Und diese zu erlangen, hat man so völlig in der Hand. Wir haben nämlich außer den Naturrassen auch verschiedene Kulturrassen der Honigbiene, auf die wir noch kurz einzutreten haben. Sie werden durch Kreuzung verschiedener Naturrassen gewonnen. Von letzteren haben wir anzuführen:
Die ~nordische~ oder ~deutsche Biene~ (_Apis mellifica_ im eigentlichen Sinne des Wortes). Sie ist dunkelbraun mit gelblichbraunen Säumen an den Leibesringen und erscheint an älteren haarlos gewordenen Exemplaren schwarz. Sie ist über ganz Mitteleuropa verbreitet und geht nordwärts bis zum 60. Grad nördlicher Breite (Helsingfors in Finnland). Sie findet sich aber auch in Nordspanien, Dalmatien, Griechenland, Kleinasien und Nordafrika, gelangte nach dem Kap der Guten Hoffnung und Nordamerika, wo sie heute sehr verbreitet ist. Sie ist fleißig und ausdauernd und liefert bei guter Frühlingstracht 2-3 Schwärme. Eine Abart von ihr ist die ~Heidebiene~, die sich durch ihre große Schwarmlust auszeichnet, aber geringeren Honigertrag liefert. Zur Beförderung des Brütens und Schwärmens wird sie gern mit der vorigen gekreuzt. Eine andere Abart, die in der Behaarung weißlicher als die nordische Biene ist und mehr graue Hinterleibsringe hat, ist die ~Krainer Biene~. Sie ist auch sehr fruchtbar und schwarmlustig, bestiftet mehr Drohnenzellen als die nordische und die italienische Biene, ist eine gute Honigsammlerin und viel gutmütiger als die nordische und italienische Biene, so daß man gewöhnlich ohne Rauch und Schleier mit ihr umgehen kann. Wegen ihrer sanften Gemütsart ist sie besonders Anfängern zu empfehlen. Sie eignet sich besonders zur Kreuzung, da, wo man den Bruttrieb zu steigern begehrt.
Die ~italienische Biene~ (_Apis ligustica_). Sie ist so groß wie die vorigen, aber heller gefärbt, und die beiden ersten Hinterleibsringe sind bei ihr rotgelb. Ihr Verbreitungsgebiet ist Italien von den Alpen bis Sizilien. Sie ist fruchtbarer als die nordische Biene, beginnt im Frühjahr früher mit dem Eierlegen und Schwärmen, stellt dafür die Vermehrung im Nachsommer auch eher ein. Bei der Rückkehr von der Tracht verfliegt und verirrt sie sich öfter als die schwarze Biene und ihre Völker sind um so schwächer, je heller sie gefärbt sind. Im Auffinden neuer Honigquellen sind sie besser als die nordischen Völker, auch sind sie sanfter und weniger stechlustig; doch verteidigen sie ihren eigenen Stock mit viel Mut und Geschick. Im Bruttrieb sind sie den schwarzen nordischen Bienen überlegen, im Sammeltrieb mindestens ebenbürtig. Die durch Kreuzung von ihnen mit den schwarzen nordischen Bienen entstandenen Bastardvölker übertreffen in bezug auf Geruchsinn und Sammeltrieb, aber auch in Stechlust ihre beiden Eltern. Die Einführung der italienischen Biene in Mitteleuropa hat viel dazu beigetragen, die einheimische Bienenrasse durch Blutauffrischung zu heben und zu verbessern. Ein Schweizer, Thomas Konrad von Baldenstein auf Schloß Baldenstein in Graubünden, hat die deutsche Imkerwelt zuerst auf die italienische Biene aufmerksam gemacht, worauf der verdiente Pfarrer Dzierzon sie 1853 in Deutschland einführte. Sie wurde durch die Europäer nach China gebracht und 1862 auch in Australien angesiedelt.
Noch stechlustiger als sie sind die ~cyprische~ und ~syrische Biene~, die bei uns ebenfalls eingeführt wurden, aber sich wegen dieser großen Stechlust nicht dauernd einzubürgern vermochten. Ebenfalls ungeeignet für unsere Gegenden ist die über Ägypten, Arabien, Syrien bis nach China verbreitete ~ägyptische Biene~ (_Apis fasciata_), von kleiner Gestalt, mit rotem Schildchen und weißer Behaarung. Sie ist im Gegensatz zu den vorigen wärmebedürftig und hält bei uns den kalten Winter nicht aus. Ihr nahestehend, aber an Brust und Hinterleib graugelb behaart, ist die mit Ausnahme von Algerien und Ägypten über ganz Afrika verbreitete ~afrikanische Biene~ (_Apis adansoni_). Sie ist nach Konrad Keller in den Somaliländern, namentlich längs der Flüsse, häufig und wird wohl am stärksten in Abessinien gezüchtet, das eine Menge Honig produziert und Wachs nicht nur im Inland verwendet, sondern auch in ziemlicher Menge ausführt. Ebenfalls kleiner als unsere nordische Biene, stark behaart und einfarbig schwarz ist die auf der großen Insel Madagaskar und den ihr vorgelagerten vulkanischen Eilanden Bourbon und Mauritius heimische ~madagassische Biene~ (_Apis unicolor_). Außerdem beherbergt Asien die drei vom Menschen in Kultur genommenen Bienenarten _Apis dorsata_, _A. florea_ und _A. indica_, die für uns nicht in Betracht kommen, aber in Südasien von Wichtigkeit sind. In Kaschmir und im Pandschab hält fast jeder Landwirt Bienenstöcke, welche er in seine Wohnung einbaut.
Nordamerika entbehrte der stacheltragenden altweltlichen Honigbiene, als die Europäer die Ostküste desselben besiedelten. Erst im Jahre 1675 wurde sie aus Europa dort eingeführt und in Newbury, (Massachusetts) der erste Bienengarten eingerichtet. Unsere Honigbiene fühlte sich in der Neuen Welt recht wohl, sie flog in entronnenen Schwärmen dem Ansiedler immer weiter nach Westen voran, und die Indianer nannten sie die „Fliege des weißen Mannes“. Im Jahre 1779 hatte sie den Mississippi noch nicht überschritten, aber 1811 war sie bereits 900 _km_ über ihn hinaus in wildlebenden Völkern verbreitet. Heute gibt es in den Vereinigten Staaten über 700000 Imker, und der Wert des jährlich von ihnen geernteten Honigs beläuft sich auf etwa 80 Millionen Mark, der des gesammelten Wachses dagegen beträgt 8 Millionen Mark. Kalifornien erzeugt den besten Honig der Union, und als beste Biene wird die Palästinabiene gerühmt, die im Jahre 1884 dort eingeführt wurde.
In Mittel- und Südamerika war wenigstens der Honig den Eingeborenen vor der Ankunft der Spanier sehr wohl bekannt. In Mexiko fand man in alten Ruinen aus der Zeit der Azteken mit ihm gefüllte hermetisch verschlossene Gefäße. Er stammte von den in Mittel- und Südamerika einheimischen stachellosen Bienen von den Gattungen _Melipona_ und _Frigona_. Diese Bienen, von den Einwanderern „_angelicos_“, d. h. die engelgleichen, weil nicht stechend, genannt, liefern auch heute noch einen großen Teil des in Mexiko gewonnenen Honigs. In wirtschaftlicher Bedeutung werden sie aber mehr und mehr von der europäischen Honigbiene verdrängt, die im letzten Jahrhundert überall, auch in den Republiken Südamerikas, eingeführt wurde. Sie kam 1764 von dem damals noch spanischen Florida zuerst nach der Insel Kuba, warf sich dort aber mit solcher Intensität als Zuckerräuber auf die Siedereien von Rohrzucker, daß die Zuckerpflanzer sie alsbald in ihrem Lande ausrotteten. Von Kuba aus kam sie durch die Spanier nach Haiti, wo sie bald verwilderte. Erst 1839 kam sie nach Brasilien, 1848 nach Chile und 1857 nach Argentinien. Während die Bienenzucht neuerdings in Brasilien so gewachsen ist, daß das Land Honig und Wachs exportieren kann, wovon ein Teil auch nach Deutschland geht, liefert seit einigen Jahrzehnten besonders Chile sehr viel davon. Das milde Klima und der Reichtum des Landes an Honigpflanzen förderten die Bienenzucht ungemein. Ein Bienenstock ergibt hier durchschnittlich 25 _kg_ Honig jährlich; doch sind Fälle, in denen gegen 40 _kg_ gewonnen wurden, nicht selten. Von den 2½ Millionen _kg_ Honig, die aus Chile exportiert werden, geht etwa die Hälfte nach Deutschland. Die Insel Kuba, auf der erst neuerdings die Bienenzucht wieder eingeführt wurde und mit größtem Erfolge betrieben wird, führt gegen 1½ Millionen _kg_ Honig aus, von denen wiederum die Hälfte nach Deutschland geht. So verzehren wir nicht so selten in unseren Lebkuchen Honig, den die Bienen in fernen Ländern jenseits des Atlantischen Ozeans eingetragen haben. Es ist dies kein Wunder; denn von den 300 Millionen _kg_ Honig, die jährlich auf der ganzen Welt gewonnen werden, erzeugt Amerika mehr als die Hälfte. Im Jahre 1840 kam die Honigbiene nach Neuseeland. Schon vorher war sie in Australien eingeführt worden, wo ihre Zucht von 1865 an einen besondern Aufschwung nahm.
XXIII. Der Seidenspinner.
Außer der Honigbiene kommt unter allen Insekten wirtschaftlich nur noch der ~Maulbeer-Seidenspinner~ (_Bombyx mori_) als wichtiges Nutztier des Menschen in Betracht. Und zwar steht er in Ostasien schon so lange unter der Fürsorge des Menschen, daß er im Gegensatz zur Biene sich im Laufe der Zeit zu einem echten Haustier umbildete und deutliche Einwirkungen der Domestikation erkennen läßt. Ja, er ist unter der Pflege des Menschen so unselbständig geworden, daß seine Raupe nicht mehr ihr Futter selbst findet, wenn sie nicht von jenem daraufgesetzt würde. Raupen, die im Freien aufgezogen werden und vom weißfrüchtigen Maulbeerbaum (_Morus alba_), ihrer ausschließlichen Futterpflanze, herunterfallen, finden den Weg zu den beblätterten Zweigen nicht mehr. Sie klettern nicht wie andere Raupen den Stamm hinauf, um zu ihrem Futter zu gelangen, sondern irren planlos umher und verhungern schließlich. So sehr sind sie durch ungezählte Generationen hindurch gewöhnt worden, von ihrem Pfleger auf die beblätterten Zweige gesetzt zu werden, daß sie den angeborenen Instinkt der wildlebenden Vorfahren verloren haben. Die lange Dauer der Domestikation und namentlich die Aufzucht in geschlossenem Raume ist auch anderweitig nicht ohne Einfluß auf den Seidenspinner gewesen. Das Geschlechtsstadium, der Schmetterling, hat viel von seinem Flugvermögen eingebüßt; er schwirrt mehr statt zu fliegen, während die meisten Verwandten sehr fluggewandt sind. Neben größeren Formen sind auch Zwergformen gezüchtet worden und solche mit einer doppelten Generation im Jahr, während das Tier ursprünglich nur eine Generation jährlich aufwies. Auch zeigen die Kokons sowohl in der Größe wie in der Färbung erhebliche Unterschiede; es gibt unter ihnen weiße, goldgelbe und grüne Farbennuancen.
Der unscheinbare Falter von 4-5 _cm_ Spannweite ist an Körper und Flügeln schmutzigweiß mit drei gelbbraunen Wellenlinien über letzteren und gekämmten schwarzen Fühlern in beiden Geschlechtern. Die Vorderflügel erscheinen am Außenrand wie ausgeschnitten und haben gegen die Spitze zu sichelartige Fortsätze. Die Neigung der Falter, sich bald nach dem Ausschlüpfen aus der Puppe zu paaren, deutet darauf hin, daß der kurzlebige Imagozustand lediglich die Aufgabe hat, für die Erhaltung der Art zu sorgen. Nahrung wird in demselben nicht aufgenommen, womit die geringe Entwicklung der Mundwerkzeuge im engsten Zusammenhange steht. Das dickleibige, größere Weibchen läßt sich unschwer vom schmächtigen Männchen unterscheiden. In ihm sind die Eier in den paarigen, jederseits aus vier langen Eischläuchen bestehenden Eierstöcken perlschnurartig aufgereiht. Im Herbst legt das Weibchen durchschnittlich 500 mohnkorngroße Eier, von denen 1450 auf 1 _g_ gehen. Sie sind erst strohgelb, verfärben sich später und werden schiefergrau. In der Regel kommt jährlich nur eine Generation zur Entwicklung. Aus den überwinterten Eiern schlüpfen im Frühjahr, sobald der weißfrüchtige Maulbeerbaum junge Blätter treibt, die kleinen nackten, anfangs dunkelbraunen, später weißlichgrauen Raupen aus, welche am zweiten und dritten Ringe merklich aufgetrieben sind und namentlich wegen ihres Hornes am Leibesende, am elften Ringe, große Ähnlichkeit mit einer Schwärmerraupe haben. Sie verfügen wie alle Raupen über einen sehr guten Appetit und fressen, wie die Chinesen behaupten, an einem Tage das zwanzigfache ihres Gewichtes an Maulbeerblättern. Man rechnet, daß 10000 Raupen während der 32 Tage ihres Raupenlebens etwa 200 _kg_ Maulbeerblätter verzehren. Die Nahrung wird rasch umgesetzt und außer zum Wachstum zur Aufspeicherung von Reservestoffen für die Verwandlung in den Falter verwendet. Die rasch wachsende Raupe wechselt ihr Chitinkleid wiederholt, und bis zur Verpuppung erfolgen fünf Häutungen. Die erste Häutung erfolgt nach fünf, die zweite nach weiteren vier, die dritte nach weiteren sechs und die vierte nach weiteren sieben Tagen. Die letzte Hülle wird erst innerhalb des Gespinstes vor der Verpuppung abgestreift. Jedesmal vor der Häutung setzt sie mit dem Fressen aus und gibt sich der Ruhe hin; nach absolvierter Häutung beginnt sie wieder zu fressen und setzt diese Arbeit so lange fort, bis ihr das Kleid zu eng geworden ist und sie eines weiteren bedarf, was durch erneute Häutung bewerkstelligt wird.
Die Raupe des Seidenspinners ist wohl die vollendetste aller Spinner. Die außerordentlich entwickelten Spinnschläuche liegen neben dem Darm und bilden das Hauptorgan in der Leibeshöhle. Im spinnreifen Zustande schimmern sie durch die dünne Chitindecke des Leibes hindurch und erreichen im ausgestreckten Zustand eine Länge von ¾ _m_. Die fein ausgezogenen Spinnschläuche münden auf der Unterlippe und ermöglichen es der Raupe aus ihrem zähflüssigen, gelblichen Inhalt einen feinen Seidenfaden von etwa 3000 _m_ Länge zu spinnen. Derselbe ist völlig strukturlos und besteht aus 66 Prozent stickstoffhaltiger Seidensubstanz, Fibroin genannt, und 33 Prozent Bast, einer Sericin genannten leimartigen Substanz, die die Farbe enthält und die Seide rauh, hart und steif macht. Beginnt die Raupe das Gespinst anzulegen, so drückt sie die Unterlippe gegen eine Unterlage, etwa einen dargereichten Zweig, und zieht mit eigentümlichen Kopfbewegungen den zähen, an der Luft sofort erhärtenden Spinnstoff aus den Röhren heraus, wobei der Faden natürlich doppelt wird. Erst wird ein lockeres Gespinst von sogenannter Flockseide angelegt, später der feste Kokon in regelmäßigen Achtertouren gesponnen. Die braune Puppe ruht in der seidenen Hülle, die sie zum Schutze gegen Feinde und schädigende äußere Einflüsse in etwa 3½ Tagen um sich herum gesponnen hat, 14-18 Tage lang, um sich während dieser Zeit zum geflügelten Geschlechtstier, der Imago, zu entwickeln. Sobald der Schmetterling fertig ausgebildet ist, reißt er an einem Pol die vorher durch ein verdauendes Ferment aufgeweichte Puppenhülle durch, schlüpft aus und läßt die Flügel erstarren, ohne aber Flugversuche zu unternehmen. Doch so weit läßt es der Mensch in der Regel gar nicht kommen, außer wenn er die Gewinnung von Eiern, sogenannten Grains, zur Fortpflanzung des Seidenspinners beabsichtigt. Da die Kokons abgehaspelt werden müssen, um die Seidenfäden, auf die es der Mensch abgesehen hat und deretwegen er das Tier überhaupt in Pflege genommen hat, zu gewinnen, so wird das Ausschlüpfen des Falters verhindert, indem man die Puppe durch Anwendung von Hitze oder dem giftigen Schwefelwasserstoff tötet.
Bevor der Mensch die Seidenspinnerraupe zur Gewinnung von Seide selbst züchtete, sammelte er deren Kokons auf den Bäumen, von deren Blättern sie sich ernährte. Später trieb er eine wilde Zucht, indem er die Raupen auf bestimmten, in der Nähe seiner Wohnung zu diesem Zwecke gepflanzten Bäumen ansiedelte und hegte, um dann nach deren Einpuppung Ernte zu halten. Diese wilde Zucht wird noch im Norden Chinas, besonders aber in Indien betrieben, in welch letzterem Lande sie noch wichtiger als die häusliche Zucht ist, bei welcher die Raupen in geschlossenen Räumen gehalten und mit vom Maulbeerbaume gepflückten Blättern gefüttert werden. Diese engere Zucht ist in China zuerst eingeführt worden und hat sich von da über zahlreiche Länder der Erde verbreitet. Sie ist jedenfalls in jenem Lande eine uralte, da dort schon im hohen Altertum vom Kaiser und seinem Hofe wie auch von den Vornehmen seidene Gewänder neben den älteren wollenen und leinenen getragen wurden. Nach der Sage soll die Gattin des Kaisers Huang-li im 26. Jahrhundert v. Chr. als erste die Seidenraupe genährt und nach deren Einpuppung mit ihren Fingern, d. h. ohne Zuhilfenahme einer Maschine, die Seidenfäden von den Kokons abgehaspelt haben. In Peking ist ihr ein innerhalb des verbotenen, vom Kaiser und seinem Hofe bewohnten Stadtteils gelegener Tempel geweiht und dort werden ihr alljährlich einmal von der Kaiserin und ihrem ganzen Hofstaat Opfergaben dargebracht. In feierlichem Aufzuge begiebt sie sich dahin. Im Tempelgarten schneidet sie eigenhändig mit einer goldenen Schere Blätter des weißfrüchtigen Maulbeerbaums ab, während die sie begleitenden Hofdamen dies mit silbernen Scheren besorgen. Damit werden dann die Seidenraupen im Innern des Tempels gefüttert. Dann werden der Kaiserin und deren Hofdamen von den Priestern Kokons dargereicht, von denen sie mit den Fingern die Seide abzuwickeln versuchen. Und wie in der Hauptstadt durch die Kaiserin, so wird in den Provinzialstädten durch die Frauen der betreffenden Mandarine, die der Stadt vorstehen, ein solches Fest zu Ehren der vergöttlichten Gattin des Kaisers Huang-li, der Schutzgöttin der Seidenraupenzucht, gefeiert. Bis vor kurzem zog auch die Kaiserin mit ihren Hofdamen, wie auch die Prinzessinen, Seidenraupen. Heute geschieht dies allerdings nicht mehr. Gleichwohl ist bis auf den heutigen Tag die Aufzucht der Seidenraupe überall in China eine Beschäftigung der Frauen, während der Ackerbau Sache der Männer ist.