Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 45
Von den ~Aalen~ (_énchelys_ der Griechen und _anguilla_ der Römer) blieb die Fortpflanzung bis in unsere Tage unbekannt. Aristoteles ließ sie aus Regenwürmern entstehen, welche sich von selbst aus Schlamm und feuchter Erde erzeugen und fügt zur Bekräftigung seiner Aussage bei: „Man hat auch gesehen, wie sich Aale von Regenwürmern loslösten, teils werden sie auch bei Zerreißung derselben sichtbar.“ Spätere Autoren sahen Eingeweidewürmer der Aale für die junge Brut an. Heute wissen wir, daß alle Süßwasseraale Weibchen sind, die in allen Gewässern Europas vom 64.-65. Grade nördlicher Breite, auch im Mittelländischen Meer, nicht aber in den Zuflüssen des Schwarzen und Kaspischen Meeres, also auch nicht in der Donau, vorkommen. Sie lieben vor allem tiefes Wasser mit schlammigem Grunde und liegen den Winter über im Schlamme verborgen, bis sie wieder mit Beginn der warmen Jahreszeit ihr bewegliches Räuberleben aufnehmen. Sie wachsen sehr rasch, haben in 2-3 Jahren eine Länge von 50-60 _cm_, in 4-5 dagegen eine solche von 70-80 _cm_ und ein Gewicht von 1,5 _kg_ und darüber erreicht. Ihre Geschlechtsreife erlangen sie aber nur im Meere. Alle Weibchen, die in geschlossenen Gewässern leben und deshalb nicht ins Meer gelangen können, wachsen bis zu 1,5 _m_ Länge bei einem Gewicht von 10 _kg_ heran und sterben schließlich, ohne sich fortgepflanzt zu haben. Die in offenen Gewässern lebenden Weibchen dagegen wandern, sobald sie erwachsen sind, in stürmischen Herbstnächten in Trupps von 20-40 Stück flußabwärts dem Meere zu, wo die bedeutend kleineren, nur etwa 40 _cm_ langen männlichen Aale, die zeitlebens an den Meeresküsten verbleiben, ihrer harren. Gemeinsam ziehen dann beide Geschlechter langsam der Tiefsee zu, wobei ihre bis dahin unentwickelten Geschlechtsdrüsen auswachsen und sie für das Dunkel der Meerestiefe geeignete große Augen von 1 _cm_ Durchmesser erhalten. Hier pflanzen sie sich fort und sterben dann vermutlich ab, wenigstens kehren sie nicht mehr an die Küsten zurück. Die junge Aalbrut steigt im Frühjahr aus der Meerestiefe von 1000 _m_ und mehr allmählich gegen die Küsten, wobei die durchsichtigen, schmalen Larven, die man früher als Leptocephalen, d. h. Schmalköpfe, beschrieb und für eine besondere Tierart hielt, weil sie den eigentlichen Aalen vollkommen unähnlich sind, schließlich Aalgestalt erhalten. Weil diese Aallarven um so kleiner sind, je weiter nach Süden sie im Atlantischen Ozean gefischt werden -- die kleinsten fing man südlich von den Azoren -- glaubt Hjort annehmen zu dürfen, daß die Laichplätze des Aales im südlichen, zentralen Teil des Mittelländischen Ozeans sich finden und die Aallarven durch Meeresströmungen und schließlich den Golfstrom an unsere Küsten geführt werden. Im April und Mai wandern dann die jungen Weibchen dicht aneinandergeschmiegt in langem Zuge, kein Hindernis achtend, ins Süßwasser ein. Sie überkriechen Wehre und Stromschnellen, überwinden sogar den Rheinfall bei Schaffhausen, was für diese Tierchen in Anbetracht der Höhe des Falles eine erstaunliche Leistung ist, um überall ins Quellgebiet der Flüsse zu gelangen. Im Verlaufe von 4-5 Jahren wachsen sie dann aus und vollziehen dann ihren Abstieg ins Meer und die Tiefsee.
Überall wird auf dem Festlande die Aalfischerei eifrig betrieben, da das Fleisch dieser Tiere äußerst wohlschmeckend ist und frisch, geräuchert oder eingemacht einen nicht unwichtigen Handelsartikel bildet. Von Holland aus wird speziell London mit dieser Ware versehen. In Oberitalien sind in den Lagunen von Comacchio an der Pomündung große Aalfischereien, die jährlich über 1 Million _kg_ dieses fetten Fischfleisches liefern. Zum Zwecke des Aalfanges sind dort ganze Systeme von Schleusen, Kanälen und Rinnen angelegt. Diese letzteren, die mit kleinen Querleisten versehen und innen mit Kies und Sand belegt sind, dienen der Einwanderung der Aale, die dann, wenn sie erwachsen zum Meere zurückwandern, abgefischt werden.
Umgekehrt wie beim Aal, der seine Heimat in der Tiefsee hat und sich wenigstens in den weiblichen Vertretern im Süßwasser großfrißt, verhält es sich mit dem ~Lachs~ oder ~Salm~ (_Salmo salar_), der von seiner einstigen Heimat, dem Süßwasser, sich an die Meeresküste begibt, um hier zu erwachsen, wobei er bis 1,5 _m_ lang und 45 _kg_ schwer wird. An dem im Meere reichgedeckten Tisch frißt er sich rasch groß, um zur Fortpflanzung im Herbst in seinen Heimatfluß zurückzuwandern und an sandigen Stellen der Quellzuflüsse zu laichen. Wie die Eier des Aals für ihre Entwicklung die Ruhe der Tiefsee verlangen, so ist umgekehrt bewegtes kaltes Wasser die Vorbedingung für die normale Entwicklung der Lachsbrut. Ihm zuliebe legen deshalb diese Wanderfische mit Aufwand einer Unsumme von Kraft den weiten Weg vom Meer in das Quellgebiet der heimatlichen Ströme zurück, dabei die größten Widerstände, wie Wehren und Wasserfälle, zu überwinden suchend. Die paar Monate, die sie im Süßwasser verweilen, fressen sie überhaupt nicht und benutzen das Fleisch besonders ihrer Seitenmuskeln zur Bildung der Geschlechtsprodukte, die im Oktober und November zur Ablage reif sind. Zum Laichen sucht das stets von mehreren Männchen begleitete Weibchen seichte Stellen mit reinem Sand- und Kiesgrund auf. Oft sind diese Stellen an den Quellbächen so wasserarm, daß darin nicht einmal die Rückenflossen der laichenden Tiere ganz vom Wasser bespült werden. In verschiedene mit dem Schwanz aufgewühlte flache Mulden legt das Weibchen die alsbald von den Männchen besamten und dadurch befruchteten Eier, die dann leicht mit Kies oder Sand bedeckt werden. Nach Beendigung des Laichgeschäftes wandern die Lachse, von der bedeutenden Kraftabgabe stark abgemagert, mit weichem, weißem Fleisch zum Meere zurück. In diesem geringwertigen Zustande bezeichnet man sie im Rhein als Lachs, während sie dort im frischgemästeten Stadium vor der Ausbildung der Geschlechtsprodukte mit festem, rötlichem Fleisch als „Salm“ bezeichnet werden. Abwärts matt und willenlos sich mehr von der Strömung treiben lassend als eigentlich schwimmend, erreichen sie das Meer, um sich darin nach so langem Fasten durch reichliches Fressen wieder festes, rötliches Fleisch anzumästen. Im Laufe des Sommers haben sie sich wieder so weit gekräftigt und Reservematerial für die spätere Ausbildung der Geschlechtsprodukte in ihren Seitenmuskeln aufgespeichert, daß sie abermals zur Fortpflanzung in die Quellflüsse aufzusteigen vermögen. Hier wächst die Brut rasch heran, um im zweiten Jahre, wenn die jungen Lachse bis 0,5 _m_ lang geworden sind, ihren Eltern nach dem Meere zu folgen. Bevor sie sich in die salzige Flut begeben, halten sie sich in großen Scharen wochenlang an den Flußmündungen auf und gehen erst allmählich vom Brackwasser ins Salzwasser des Meeres über. Dieser gewiß für das weichhäutige Tier nicht gleichgültige Übergang vom Süß- ins Salzwasser wurde für diesen einst in den kalten Flüssen des Nordens heimischen Fisch durch die starke Aussüßung der den Flußmündungen zunächstliegenden Meeresabschnitte durch die gewaltigen Schmelzwässer der Eiszeit erleichtert und damit die Änderung seiner Lebensweise angebahnt und überhaupt ermöglicht.
Der Fang der Lachse geschieht in der verschiedensten Weise mit mancherlei Garnen, in großen eisernen Reusen und Lachsfallen und durch Speeren der durch Feuer herbeigezogenen Fische vom Boote aus. Früher war dieser ausgezeichnete Speisefisch so häufig, daß er ein billiges Volksnahrungsmittel bildete. Ja, er war so gemein auf den Tischen der Bürgerhäuser, daß in den Städten am Rhein, z. B. in Basel, sich die Mägde im Mittelalter ausbedangen, nicht mehr als sechsmal in der Woche Salm essen zu müssen. Heute wäre man froh, wenn er billiger zu bekommen wäre. Daß dies in diesen Gebieten nicht mehr geschieht, dafür sorgen die mit Dampf betriebenen Fischereien der Holländer an den Rheinmündungen, die den größten Teil der Salme direkt beim Einwandern in den Fluß im besten Ernährungsstadium abfangen. Was nützt es auch unter diesen Umständen, künstlich ausgebrütete Junglachse in die Oberläufe des Rheins auszusetzen, wenn andere die Früchte all dieser Bemühungen einheimsen! Nichtsdestoweniger hat in vielen Flüssen diese künstliche Versorgung mit Lachsbrut gute Erfolge erzielt, so daß der Fang dieses Edelfisches neuerdings wieder ausgiebiger geworden ist, zumal wenn freundnachbarliche Abkommen sein zu ausgiebiges Wegfangen schon an den Flußmündungen verhindern. In Nordamerika ist der Lachs durch nahe Verwandte, im Gebiete der in den Stillen Ozean mündenden Flüsse durch die schöngefärbte ~Regenbogenforelle~ vertreten, die neuerdings auch bei uns mit Erfolg eingeführt wurde. Dort und in den Flüssen Sibiriens spielen die Lachse volkswirtschaftlich eine große Rolle und werden von einigen Orten der Weststaaten der Union in Menge zur Herstellung einer geschätzten Fischkonserve verwendet.
Im Donaugebiet vertritt die Stelle des Lachses ein naher Verwandter, der ~Huchen~ (_Salmo hucho_), der eine Länge von 1,5-2 _m_ bei einem Gewicht von 20-50 _kg_ erreicht. Im Gegensatz zu jenem geht er aber nicht ins Meer, um sich dort großzufüttern, sondern bleibt im Hauptstrom, um von Ende März bis Mai zum Laichen in die Quellflüsse und Bäche hinaufzusteigen. Wie der Lachs sucht er seichte, kiesige Stellen auf, wühlt dort mit dem Schwanz seichte Gruben auf und ist während des Eierlegens so mit sich selbst beschäftigt, daß man mit einem Kahne über ihn hinwegfahren kann, ohne ihn zu verjagen. Sein weißliches Fleisch steht an Wohlgeschmack demjenigen des Lachses merklich nach. Der Fang geschieht mit großen Garnen oder mit der Angel, auch sticht man ihn, wenn er ruhig in der Tiefe steht. Da er weniger kaltes Gebirgswasser als der Lachs zu seinem Gedeihen bedarf und in Teichen, die beständigen Zufluß haben, gut gedeiht, würde er sich im Gegensatz zu jenem Wanderer für die Teichwirtschaft eignen, wäre er nicht ein so gefräßiger Raubfisch und erläge er nicht so leicht einer bei Fischen häufigen Hautkrankheit.
Neben dem Lachs spielen auch die andern zeitlebens im Süßwasser verbleibenden Verwandten, die verschiedenen ~Forellenarten~, eine wichtige Rolle beim Ertrag der einheimischen Gewässer. Noch mehr als der Lachs werden sie, besonders die ~Bachforelle~ (_Salmo fario_), in den verschiedenen Fischzuchtanstalten zu Jungbrut erzogen und dann in die verschiedenen Bäche, die man wieder zu bevölkern sucht, ausgesetzt. Vielfach werden sie auch in besonderen Teichen mit kühlem Quellwasser durch Füttern mit gehackter Leber und Lunge zu verkaufsfähigen „Portionenfischen“ von 250 _g_ Gewicht auferzogen. Dabei ist man bestrebt, durch künstliche Zuchtwahl eine möglichst raschwüchsige Rasse zu erhalten, die schon in zwei statt wie bisher meist erst in drei Jahren die gewünschte Größe erreicht. Ließe man sie länger leben, so würden sie schließlich ein Gewicht von 5-10 _kg_ und darüber erreichen. Solche Riesen sind aber in unsern Gewässern äußerst selten, da sie bei ihrer enormen Freßgier viel früher dem Menschen zur Beute fallen.
Da die Bachforelle klares, sauerstoffreiches fließendes Wasser liebt, findet sie sich in allen Gebirgswässern bis zum Alpengürtel hinauf. Sie laicht von Mitte Oktober bis zu Anfang Dezember in seichtem Wasser auf Kiesgrund oder hinter größeren Steinen, da, wo eine rasche Strömung sich bemerkbar macht, in eine seichte, durch lebhafte Bewegungen mit dem Schwanze erzeugte Vertiefung und bedeckt nachher die gleich nach dem Legen vom Männchen befruchteten Eier durch weitere Bewegungen mit dem Schwanze mit Sand und feinem Kies, um sie dann ihrem Schicksal zu überlassen. Nach ungefähr sechs Wochen entschlüpfen die Jungen der Eihülle, verweilen mehr oder weniger regungslos auf der Brutstätte, bis sie ihren angehängten Dottersack aufgezehrt haben und ein Bedürfnis nach Nahrungszufuhr verspüren, dem sie zunächst durch kleine und später durch immer größere Wassertiere zu genügen suchen.
Viel größer als die Bachforelle wird die ~Seeforelle~ (_Salmo lacustris_), von der gelegentlich gewaltige Riesen gefangen werden. Während Forellen gelegentlich auch sehr groß werden -- so hat man nach einem Zeitungsbericht als die größten bisher in europäischen Gewässern beobachteten in der Etsch bei Meran zwei Exemplare gefangen, von denen das größere 99 _cm_ lang war und 32 Pfund wog, das kleinere immer noch 27 Pfund schwer war -- ist dies bei der Seeforelle weit häufiger der Fall. So hat Prof. Lunel in Genf solche aus dem Genfer See gesehen, die 15 _kg_ Gewicht und 110 _cm_ Länge besaßen. Im Museum von Genf wird das Skelett einer Seeforelle aufbewahrt, die 131 _cm_ lang ist und im Leben jedenfalls bedeutend über 15 _kg_ gewogen haben muß. Ein anderer Genfer Gelehrter, Jurina, schrieb 1815, daß seit Beginn des 18. Jahrhunderts keine Seeforellen von einem Gewicht über 17,6 _kg_ gefangen worden seien. Er gibt gleichzeitig das Maximalgewicht dieser Tiere zu 19,8 _kg_ an. Gregor von Tours spricht von bis 1 Zentner schweren Forellen, und der Züricher Naturforscher J. J. Wagner meldet in seiner _Historia naturalis helvetica curiosa_ von 1680, daß Anno 1663 eine 62 Pfund schwere Forelle von Genf nach Amsterdam verschickt wurde. Vor wenigen Jahren wurde eine 40pfündige Forelle von Fischern bei St. Gingolph im Genfer See gefangen. Allerdings gehören heute Exemplare von annähernd 30 Pfund auch im Genfer See zu den Seltenheiten. Auch die Seeforelle steigt im Herbst zum Laichen aus den Seen in die betreffenden Quellflüsse hinauf. Ihr Fang ist bedeutend und ihr Fleisch wird sehr geschätzt. Ihr ähnlich ist die ~Lachsforelle~ (_Salmo trutta_), die noch etwas größer, nämlich statt 80 _cm_ bis 1 _m_ Länge und ein Gewicht von 15 _kg_ erreicht. Sie geht wie der Lachs ins Meer, um dort heranzuwachsen und dann im Frühsommer in die Flüsse aufzusteigen, um darin im November und Dezember zu laichen. Da sie nicht so weit flußaufwärts geht wie der Lachs, wird sie im Oberlauf der Ströme nicht mehr angetroffen.
Ein Relikt der Eiszeit ist der ~Saibling~ oder die ~Rotforelle~ (_Salmo salvelinus_) der Gebirgsseen, die in der Regel nicht einmal während der Laichzeit in den einmündenden Flüssen emporsteigt und wie die ~Renken~ oder ~Blaufelchen~ (_Coregonus wartmanni_) mit nicht minder geschätztem Fleisch sich in den tiefen Gründen der betreffenden Seen aufhält, um sich im November zu seichteren Uferstellen zu erheben und ihren Laich dort abzusetzen, wobei sie dann durch Fischen mit Netzen gefangen wird.
In denselben Seen, die die Blaufelchen beherbergen, lebt die ~Bodenrenke~ (_Coregonus fera_), die größer als jene, nämlich 60 _cm_ lang wird und ein Gewicht von über 3 _kg_ erreicht. Sie gehört zu den besten Süßwasserfischen und ist um so wichtiger, als sie das ganze Jahr hindurch, selbst mitten im Winter, wenn die Blaufelchen nicht zu haben sind, gefischt werden kann. Man fängt sie im Winter mit Garnen, im Sommer aber an der Angel; doch stirbt sie, sobald sie aus dem Wasser gezogen wird. Ein mit ihr fast identischer, die Tiefen der großen Seen Norddeutschlands bewohnender Salmonide ist die ~Maräne~ (_Coregonus maraena_), die zum Laichen Mitte November nach den seichten Stellen unweit der Ufer kommt und hauptsächlich im Winter mit großen Netzen gefangen wird. Auch diese Fische sterben außerhalb des Wassers sofort ab, lassen sich aber doch, in Eis verpackt, ziemlich weit versenden oder werden, wie die Bodenrenke, eingesalzen und geräuchert in den Handel gebracht.
Am tiefsten unter allen Renken, nämlich wenigstens in 70-90 _m_ Tiefe, lebt in unsern Seen der ~Kilch~ (_Coregonus hiemalis_), auch ~Kropffelchen~ genannt, weil diesem kleinen, höchstens 40 _cm_ lang werdenden Fisch beim Heraufgezogenwerden im Netz aus so großer Tiefe die von mehr als 7,5 auf 1 Atmosphäre versetzte Schwimmblase so stark ausgedehnt wird, daß er trommelsüchtig wird. Nur gegen Ende September kommt er in höhere Schichten, um hier zu laichen.
Eine für gewöhnlich im Meere lebende Renke, die im Mai aus der Nord- und Ostsee in die Flüsse hinaufsteigt, um darin zu laichen, ist der bis 60 _cm_ lange und 1 _kg_ schwere ~Schnäpel~ (_Coregonus oxyrhynchus_), im Rhein, wo er früher häufig war, aber jetzt sehr selten geworden ist, ~Maifisch~ genannt. Er steigt aber lange nicht so weit in die Ströme hinauf als der Lachs und kehrt gleich nach dem erst von September bis Dezember erfolgenden Laichen ins Meer zurück. Dahin folgen ihm auch die Jungen, wenn sie 8 _cm_ Länge erreicht haben, und kehren nach erlangter Reife zur Fortpflanzung wieder in diejenigen Flüsse hinauf, in denen sie ihre Jugend verbrachten. Ihr zartes, schmackhaftes Fleisch wird sehr geschätzt und frisch wie eingesalzen und geräuchert gegessen. Dieser Fisch bildet in ganz Norddeutschland einen wichtigen Gegenstand des Fanges.
In denselben Gewässern wie die Forelle, obschon sie ein weniger großes Sauerstoffbedürfnis als diese hat, findet sich in allen Flüssen des nördlichen Europa und Asiens die schön rot gefärbte, bis 60 _cm_ lange und 1,5 _kg_ schwere ~Äsche~ (_Thymallus vulgaris_). Ähnlich der Forelle schwimmt sie ungemein rasch und springt nach vorüberfliegenden Kerfen über den Wasserspiegel empor, so daß sie gleich jener mit der künstlichen Fliege an der Angel gefangen werden kann. Sie laicht im April und Mai, wobei die Tiere auf sandigem Grunde wie ihre Verwandten mit der Schwanzflosse seichte Gruben auswerfen, die nach der Ablage des Laichs wieder mit Sand zugedeckt werden. Ihr Fleisch wird dem der Forelle an Güte gleichgeschätzt, ist aber weniger haltbar als jenes, weshalb sie weniger auf den Markt gebracht wird, auch bis jetzt nicht zur Zucht in Fischteichen benutzt wurde, obschon sie sich so gut als die Forelle dazu eignen würde.
Gleich dem Lachs und Schnäpel aus der Familie der Salmoniden treibt es der zur überaus altertümlichen Familie der Schmelzschupper gehörende ~Stör~ (_Accipenser sturio_), der 2-6 _m_ lang wird und im Atlantischen Ozean, in der Nord- und Ostsee und im Mittelländischen Meer, wie auch an der Ostküste Nordamerikas, nicht aber im Schwarzen Meer in mittleren Tiefen lebt, um sich von den verschiedensten Kleintieren zu ernähren, die er vermittelst seiner spitzen Schnauze aus dem Schlamme aufwühlt und mit den vorstreckbaren Lippen erfaßt. Erst zur Laichzeit im Frühjahr kommt er in höhere Wasserschichten herauf und zieht von da den Flußmündungen zu, in welche er eindringt und weit aufwärts schwimmt, um im Quellgebiet zu laichen und dann alsbald wieder dem Meere zuzustreben. Im Schwarzen und Kaspischen Meer und deren Zuflüssen wird der Stör durch die beiden nahe verwandten Arten, den ~Sterlet~ (_Accipenser ruthenus_) und den ~Hausen~ (_Acc. huso_) ersetzt. Ersterer wird selten größer als 1 _m_ lang bei einem Gewicht von 12 _kg_, während letzterer -- von den Russen _belúga_ genannt -- bis 15 _m_ lang und 1000-1600 _kg_ schwer wird. Weil ihr Fleisch, besonders das des Sterlet, sehr wohlschmeckend ist, wird von jeher eifrig Jagd auf sie gemacht.
Plinius sagt in seiner Naturgeschichte, die Störe seien bei den alten Griechen und Römern überaus geschätzt gewesen, wurden aber zu seiner Zeit wenig geachtet, obwohl sie selten seien. Nach dem Griechen Athenaios, um 200 n. Chr., kostete ein Fisch dieser Art 1000 attische Drachmen (= 7500 Mark), was ein unerhörter Preis ist. Man aß ihn unter Flötenspiel, wobei nicht nur die Gäste, sondern auch die Diener bekränzt waren. In Deutschland hat der Störfang nur noch geringe Bedeutung. An der Elbe und Weser erbeutet man jährlich höchstens einige tausend Störe, auch in der unteren Donau, die früher Ungarn und Österreich mit Störfleisch und Kaviar versorgte, empfindet man schwer die Folgen der bisherigen sinnlosen Fischerei, so daß eine Schonzeit eingeräumt werden sollte, damit sich der Fisch wieder erholen kann. Noch sehr ausgiebig ist der Störfang in Rußland, wo an allen in das Schwarze und Kaspische Meer einmündenden Flüssen Fangplätze liegen, die jährlich über 4 Millionen Rubel eintragen. Außer dem wohlschmeckenden Fleisch gewinnt man aus den Eiern ~Kaviar~ und aus der Schwimmblase einen trefflichen Leim. Den besten Kaviar liefern die kleineren Arten. Die Eierstöcke, aus welchen man Kaviar gewinnen will, werden zuerst mit Ruten gepeitscht und dann durch Siebe gedrückt, um die Eier von den sie umgebenden Häuten des Eierstocks zu lösen. Dann werden sie gesalzen, wobei das Salz mit den Händen in die Masse hineingeknetet wird. In Fässern verpackt, kommt dann der Kaviar in den Handel, um wegen seiner Güte überall willige Abnehmer zu finden. Der Name Kaviar kommt übrigens von der italienischen Bezeichnung für den ähnlich eingesalzen genossenen Rogen des Thunfischs _caviale_ und wurde auf den eingesalzenen Rogen der Störarten übertragen, der russisch _ikrá_ genannt wird.
Unter den Edelfischen nehmen die verschiedenen Karpfenarten eine wichtige Stellung im Haushalte des Menschen ein. Der ~Teichkarpfen~ (_Cyprinus carpio_), der bei uns dank den Fastengeboten der katholischen Kirche ganz wesentlich durch die Bemühungen der Klostergeistlichen geradezu zu einem Haustier erhoben wurde und in allerlei Farben- und Schuppenvarietäten in besonderen Teichen gezüchtet wird, war ursprünglich dem Kaspischen und Schwarzen Meer und deren Zuflüssen eigentümlich. Er findet sich dort und weiter gegen Mittelasien hinein noch in beträchtlicher Menge wild, während er in den Gewässern Europas westlich und nördlich davon offenkundig eingeführt ist und in ihnen teilweise verwilderte. In seiner Heimat hält er ebensogut wie im Süßwasser auch in den salzreichsten Sümpfen aus. Im Sommer trifft man ihn vorzugsweise in den seichten Küstengewässern; im Herbst steigt er dann vom Meere aus die Flüsse hinauf, um hier zu überwintern. Seine hauptsächlichste Nahrung besteht vorwiegend aus allerlei kleinem Getier, besonders Würmern, daneben auch aus vermodernden Pflanzenstoffen. Er laicht am liebsten in stehendem oder ruhigfließendem Wasser mit schlammigem Grund und gedeiht nur dann, wenn das von ihm bewohnte Wasser viel den Strahlen der Sonne ausgesetzt ist und Zuflüsse weichen Wassers hat. Bei genügender Nahrung wird er schon im dritten Lebensjahre fortpflanzungsfähig. Sobald er sein Hochzeitskleid anlegt, wird er wanderlustig und versucht, soweit es ihm möglich ist, flußaufwärts zu steigen und überwindet dabei bedeutende Schwierigkeiten. Zum Laichen sucht er mit Wasserpflanzen dicht bewachsene Stellen aus, und zwar legt das Weibchen im fünften Jahre bereits gegen 300000 Eier; später kann sich diese Anzahl noch verdoppeln. Er erreicht die Länge von 1 bis 1,5 _m_ und ein Gewicht von 15-20 _kg_.
Die erste sichere Erwähnung des Karpfens finden wir bei Kassiodor, dem Geheimschreiber des großen Ostgotenkönigs Theodorich (475 bis 526), der in einem scharfen Rundschreiben an die verschiedenen Provinzialstatthalter ihnen vorwirft, sie sorgten durchaus nicht angemessen dafür, daß des Königs Tisch auch königlich beschickt werde. Die Stelle lautet wörtlich: „Der Privatmann mag essen, was ihm die Gelegenheit bietet; auf fürstliche Tafeln aber gehören seltene Delikatessen, wie z. B. der in der Donau lebende Fisch _carpa_.“ Vermutlich wird dieser Fisch auch in den im mittelalterlichen Latein _vivaria_ genannten Süßwasserteichen mit Fischen der Landgüter Karls des Großen in erster Linie gehalten worden sein. Jedenfalls ist in einem Glossar des 10. Jahrhunderts mehrfach von ihm als _karpho_ die Rede. Im 13. Jahrhundert spricht der Geistliche Vincentius von Beauvais im _Speculum naturale_ vom Fisch _corpera_, womit nur der Karpfen gemeint sein kann, und der Mönch Cäsarius von Heisterbach sagt in seinen _Dialogi miraculorum_, „Bruder Simon habe den Teufel gesehen und dieser habe Helm und Panzer getragen, beide mit Schuppen, wie die des Fisches _carpo_.“ Olaus Magnus sagt um 1530 ausdrücklich, es gebe im Norden keine Karpfen außer vom Menschen eingeführte und in künstlichen Teichen gehaltene. In Schweden würden sie wie die Karauschen auch mit eingeweichten Erbsen und dergleichen gefüttert.