Kulturgeschichte der Nutztiere

Part 16

Chapter 163,451 wordsPublic domain

Von seiner zentralasiatischen Heimat hat sich das Fettsteißschaf von Argaliabstammung auch weithin nach Süden verbreitet, so nach Persien und Arabien. Von letzterem Lande verbreitete es sich in die Länder am oberen Nil bis in das Gebiet der Dinkas, die es ebenfalls halten, und in die Somaliländer, wo es überall in Menge gezüchtet wird. Es ist wie das chinesische Schaf als hochgezüchtetes Hausschaf in beiden Geschlechtern völlig hornlos geworden und fast stets von weißer Farbe mit tiefschwarzem Kopf und Hals. In der Gegend von Massaua fand C. Keller neben schwarzköpfigen Schafen auch braungefärbte und gefleckte Tiere. Häufig pflegt man ihnen die Ohren bis auf einen kurzen Stumpf abzuschneiden. Es hat gleichfalls keine verspinnbare Wolle, sondern ein straffes, glattanliegendes Grannenhaar. Für die es haltenden Stämme ist es fast ausschließlich Fleischlieferant; daneben bilden die Häute einen nicht unwichtigen Exportartikel. Bei Abmagerung verschwindet der überhaupt schwach entwickelte herzförmige Fettsteiß fast vollständig. Auch Südafrika besitzt Fettsteißschafe; ebenso der ostafrikanische Archipel, doch sind sie dort nicht zahlreich. Im Innern von Madagaskar findet man sie bei den Howas, aber in einer degenerierten Rasse, deren Fleisch trocken ist. An der Küste dieser großen Insel scheinen sie nicht zu gedeihen. Von Persien aus nach Osten nehmen sie rasch an Menge ab und erreichen nicht mehr Indien, das als von vorzugsweise Ackerbauern bewohnt und mit einem heißen Klima ausgestattet, geringen Bedarf an tierischem Fett besaß. In Birma wurden sie erst 1855 eingeführt, sind jedoch dort nicht von Bedeutung geworden.

Wenn wir Europäer uns auch keine Fettsteißschafe wünschen, so wäre es doch sehr angezeigt, wenn ein Tierzüchter wie Herr Falz-Fein in seinem großen Tierpark Askania Nova auf der südrussischen Steppe oder ein Tierimportgeschäft wie dasjenige Hagenbecks in Stellingen bei Hamburg den Argali aus seiner Gebirgsheimat zu Zuchtzwecken in Europa einführen würde. Es würde sich außer zur selbständigen Zucht besonders zur Kreuzung mit den teilweise durch Inzucht degenerierten Hausschafen sehr eignen. So hat man in solcher Weise das leichter zu erlangende Muflon mehrfach zur Bastardierung mit Hausschafen verwendet. Beide Wildschafarten wären auch, wie das in derselben Weise zu benützende zentralasiatische Wildschaf _Ovis poli_ (nach dem Venezianer Marco Polo so genannt) und andere Wildschafe teils aus Asien, teils aus Nordamerika zur Akklimatisation zum Zwecke der Belebung der Alpen und Voralpen geeignet und böten zudem dem Jäger ein willkommenes Wildpret.

Von andern Horntieren aus der Familie der Paarzeher kämen zur Domestikation von seiten des Menschen noch verschiedene ~Antilopen~ in Betracht, von denen tatsächlich auch verschiedene Vertreter von den alten Ägyptern zu Haustieren erhoben wurden, deren Zucht aber später wieder vollkommen verloren ging. So finden wir in Grabmalereien des Alten Reiches, der 4., 5. und 6. Dynastie (2980-2475 v. Chr.), neben Ziege und Schaf auch den einheimischen ~Steinbock~ (_Capra sinaitica_), die ~Gazelle~ (_Antilope dorcas_), die ~Säbelantilope~ oder ~Steppenkuh~ (_Oryx leucoryx_) und den ~Wasserbock~ (_Kobus ellipsiprymnus_) in des Menschen Hegung und Pflege. Nach den begleitenden Inschriften müssen diese damals auf den Gütern der Fürsten große Herden gebildet haben und mit Schafen, Rindern und Ziegen zusammen geweidet haben. Zur Zeit der 12. Dynastie, während des Mittleren Reiches (2160-1788 v. Chr.), bildete nur noch eine der drei Antilopenarten, die Säbelantilope, von Hirten bewachte Herden, während die beiden andern samt dem Steinbocke wieder wie in Urzeiten als Wild gejagt wurden. Und wieder ein Jahrtausend später, zur Zeit des Neuen Reiches (1580 bis 1205 v. Chr.), war auch diese letzte Gazellenart in Ägypten aus der Zucht von seiten des Menschen verschwunden, und blieben fortan von Paarzehern außer Rindern nur Schafe und Ziegen als Haus- und Nutztiere der Bewohner des Nillandes zurück. Der französische Archäologe François Lenormant meint in seinem Buche: _Les premières civilisations_, dessen erster Teil die vorhistorische Archäologie Ägyptens betrifft, daß der Einfall der Hyksos- oder Schasu-Beduinen (um 1650 v. Chr.) dieser nationalägyptischen Zucht ein Ende bereitet habe. Es ist dies höchst wahrscheinlich und dieses Ereignis nicht nur, wie Julius Lippert in seiner Kulturgeschichte der Menschheit (Bd. 1 S. 503) glaubt, der Schlußmoment in einem ganz natürlichen Ausleseprozeß; denn es ist nicht einzusehen, weshalb diese Tiere nicht fernerhin in des Menschen Hegung und Pflege hätten bleiben können.

Dieser Autor schreibt daran anschließend: „Wir dürfen uns diese älteste Art ‚Zähmung‘ großer Herden, die niemals die freie Weide verließen, nicht anders vorstellen, als etwa die Hegung des Wildes in unseren ‚Tiergärten‘, nur daß die großen Besitzer etwa die gegen die Wüste hin offene Grenze ihres Geheges durch ein Überwachen mit Hirten und Hunden abschlossen, während gegen das fruchtbare Land hin Wassergräben die Grenze bildeten. Welche Verwendung solche zur Güterbegrenzung fanden, das bezeugt unter anderem die ägyptische Vorstellung vom Jenseits, das nicht ohne solche Begrenzung gedacht werden konnte. Nach der Wüste hin mochten aber den Hirten natürliche Terrainverhältnisse zu Hilfe gekommen sein, abgesehen davon, daß die oasenartig gelegenen Weiden selbst Anziehungspunkte für die wilden Herden der Grasfresser bildeten. Darstellungen von Jagdszenen zeigen uns, wie die so von Hunden zusammengedrängten Tiere lebendig ergriffen wurden, während man andere durch die Fangleine zu Falle brachte. Während sich dieser Stufe von Hegung noch eine große Anzahl von Weidetieren willig anbequemte, mußte bei einer näheren Heranziehung an das stabile Haus des Menschen immer mehr Gattungen ausscheiden, während Schaf und Ziege als die ausgesiebten Arten auch dann noch zurückblieben.“

Was die Darstellungen an den Grabwänden der Vornehmen aus der 4. und 5. Dynastie anbetrifft, so finden wir also die Säbelantilope (altägyptisch _mut_ genannt), die Gazelle (altägyptisch _kehes_) und den Wasserbock (altägyptisch _nutu_) mit dem noch heute auf dem Gebirge zwischen Niltal und Rotem Meer besonders in Mittelägypten vorkommenden Steinbock (altägyptisch _naâ_) vollkommen domestiziert auf den Gütern der Großen des Reichs angesiedelt. Daß sie sich als echte Haustiere auch in der Gefangenschaft fortpflanzten, beweist schon die Szene aus dem Grabe des Nub hotep aus der 4. Dynastie der großen Pyramidenerbauer von Giseh (2930-1750 v. Chr.), die zeigt, wie mitten in der Herde eine Gazelle ihr Junges an ihrem Euter trinken läßt, dann die verschiedenen Darstellungen, in denen die Hirten auf ihren Armen oder auf ihren Schultern die Antilopenjungen wie junge Kälber, Zicklein und Lämmer tragen. Im Grabe des Ma nefer der 5. Dynastie (2750-2625 v. Chr.) in Sakkara sehen wir, wie Hirten außer den Säbelantilopen, Gazellen, Wasserböcken und ägyptischen Steinböcken auch ~Springböcke~ (_Antilope euchore_) -- altägyptisch _schekes_ genannt -- herbeitreiben, um sie von den Schreibern notieren zu lassen. Es ist dies die einzige Darstellung dieser Antilope im Stande der Hegung; denn auf allen andern Bildern wird sie stets nur als von den Windhunden der Ägypter verfolgtes Wild dargestellt. Diese Antilopenart muß also nur ganz vorübergehend in des Menschen Zucht gestanden haben.

Welchen Umfang diese Antilopenzucht in Ägypten in der ersten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends angenommen hatte, beweist die Inschrift auf dem Grabe des Sabu in Sakkara aus der 6. Dynastie (2625-2475 v. Chr.), in welcher als Besitztum des Verstorbenen 1235 Rinder und 1220 Kälber der für gewöhnlich dargestellten langhörnigen Rasse, 1360 Rinder und 1138 Kälber der kurzhörnigen Rasse, 405 Rinder einer besonderen, seltenen Rasse nebst 1308 Säbelantilopen, 1135 Gazellen und 1244 Wasserböcke angegeben sind.

Ein Basrelief des Grabes des Itefa in Sakkara aus der 5. Dynastie stellt, wie leicht zu erkennen ist und zudem durch eine begleitende Inschrift erläutert wird, die Mästung der Säbelantilope, des Wasserbocks und des Rindes dar, indem den betreffenden Tieren durch einen Knecht ein besonders nahrhafter Mehlteig mit der Hand ins Maul gestrichen wird.

In den Grabdarstellungen des Mittleren Reiches (11. und 12. Dynastie, 2160-1788 v. Chr.) findet sich, wie gesagt, keine Spur mehr von der Zucht der Gazelle und des Wasserbocks. Diese Tiere finden sich nur noch als Jagdwild dargestellt. Einzig die Säbelantilope findet sich noch in größeren Herden gezähmt. In den berühmten Grabmälern von Beni Hassan aus der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) sehen wir die Herden dieser Antilopenart durch ihre Hirten geführt neben Herden von Rindern, Schafen und Ziegen. Im Grabe des Num hotep, dem schönsten von allen, hat der Künstler ebenfalls das Mästen der Säbelantilopen durch den mit der Hand ins Maul gestrichenen Mehlteig dargestellt, neben solchem von Rindern, Ziegen und Gänsen vermittelst desselben Verfahrens.

Erst in den Grabmalereien des Neuen Reiches (18. u. 19. Dynastie, 1580-1205 v. Chr.) ist auch die Haltung von Säbelantilopen völlig aufgegeben worden und finden wir darin auch dieses Wild nur vom Menschen mit Hilfe von Windhunden aller Art gejagt.

Leider ist später nie mehr ein Domestikationsversuch mit diesen und andern Gazellen gemacht worden. Und weiter südlich hat der auf niedriger Kulturstufe stehengebliebene Neger niemals an solche Errungenschaften gedacht. Selbst die Europäer taten es nicht, als sie sich am Kap der Guten Hoffnung festsetzten. Da schossen die Buren mit ihren weittragenden Flinten vielfach zwecklos jene gewaltigen Antilopenherden zusammen, denen sie zu gewissen Jahreszeiten auf deren Wanderungen begegneten. Unter ihnen wird die ~Kuhantilope~ (_Bubalis caama_), das Hartebeest der Buren oder Kama der Betschuanen, wenn von Jugend an unter menschlicher Pflege stehend, ungemein zahm und folgt ihrem Pfleger auf dem Fuß. Erst erwachsen zeigt sich insbesondere bei den Böcken die Rauflust ihres Geschlechts.

Besonders geeignet und recht eigentlich dazu prädestiniert, vom Menschen in Zucht genommen zu werden, ist die gewaltige, am Widerrist bis gegen 2 _m_ Höhe und ein Gewicht von 1000 _kg_ erreichende ~Elenantilope~ (_Buselaphus oreas_). Nach den übereinstimmenden Berichten der Reisenden sollen diese Tiere auf weite Entfernungen kaum von den Zeburindern zu unterscheiden sein, weil auch die Stellungen und Bewegungen der ruhenden und grasenden Tiergestalten ganz dieselben sind. Nach Holub soll zwar der Kaffernstamm der Matabeles Herden zahmer Elenantilopen besessen haben; doch ist dies nur eine vorübergehende Zucht gewesen, die keine weiteren Folgen zeitigte. Jedenfalls sollte unbedingt auch von europäischer Seite der Versuch der Zähmung dieser größten aller Antilopen gemacht werden, bevor sie vom Erdboden verschwindet; denn sie besitzt auch erwachsen, im Gegensatz zu den rauflustigen Kuhantilopen, einen recht gutmütigen, sanften Charakter und pflanzt sich auch in der Gefangenschaft ohne alle Schwierigkeiten fort. Ihr Fleisch wird als ganz vorzüglich gerühmt.

V. Das Schwein.

Ausschließlich zur Gewinnung von Fleisch und Fett hat der Mensch das Wildschwein in den Haustierstand erhoben. Während der wandernde Nomade hierzu in erster Linie das Schaf mit den ihm am Schwanz oder am Steiß angezüchteten Fettmassen benutzte, hielt sich der ansässige Ackerbauer an das von ihm leichter zu haltende Schwein. In den sumpfigen Waldstrecken muß der Mensch gar häufig dem Wildschwein begegnet sein und es, wie uns schon die paläolithischen Darstellungen desselben an den Wänden von Höhlen Nordspaniens und Südfrankreichs beweisen, mit Vorliebe erlegt und gegessen haben. Aber nicht das europäische, sondern das südasiatische Wildschwein ist zuerst in menschliche Pflege genommen und zur Würde eines Haustieres erhoben worden. Dies geschah wohl einfach so, daß eines selbständigen Lebens ohne Muttermilch fähige ältere Frischlinge nach Tötung der Mutter gefangen und in eingehegte Plätze gesperrt wurden, um sie großzuziehen und gelegentlich bei Nahrungsmangel infolge Unergiebigkeit der Jagd zu verspeisen. Südostasien ist der weitaus älteste Herd der Schweinezucht, die jetzt noch dort eine wichtige Rolle spielt. Dort wurde das einheimische Wildschwein in Pflege genommen. Es ist dies das ~Bindenschwein~ (_Sus vittatus_), so genannt, weil es eine von der Wange über den Hals verlaufende weiße Binde aufweist, ein Überbleibsel der aus dunkeln Längsstreifen bestehenden Zeichnung der älteren Schweine, die sich noch im Jugendkleide auch unseres erwachsen nicht mehr gestreiften europäischen Wildschweins zeigt. Dieses Bindenschwein wird jetzt hauptsächlich auf Java, Sumatra und Borneo gefunden, war aber einst höchstwahrscheinlich auch in Hinterindien verbreitet. Von dort kam es gezähmt schon sehr früh nach China, wo es bereits im vierten Jahrtausend v. Chr. in Menge gezüchtet wurde; ebenso nach Indien und Westasien, von wo es bereits zu Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends nach Ägypten vorgedrungen war. So hat Flinders Petri aus der 1. Dynastie (3400 bis 3200 v. Chr.) eine recht gute Umrißzeichnung des Schweins in Oberägypten gefunden, das offenbar gemästet war und wie die indischen Schweine Stehohren besitzt. Von da an fehlen bildliche Darstellungen des altägyptischen Hausschweins bis zur Zeit des Neuen Reiches (18. und 19. Dynastie, 1580-1205 v. Chr.), so daß man früher glaubte, das Schwein sei erst zur Zeit der 18. Dynastie ins Niltal eingeführt worden. Dies ist aber durchaus falsch. Von der ältesten Königszeit an wurden Schweine in Ägypten gehalten und, wie uns griechische Schriftsteller mitteilen, zum Eintreten der Saat in den frisch gepflügten und geeggten Acker benutzt; doch galten sie dem Ägypter, wohl weil sie gelegentlich auch Aas verzehrten, als unreine Tiere, und so hütete man sich eben, sie an den Wänden der Tempel und Grabkammern abzubilden. So berichtet der zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. lebende Claudius Älianus in seinem griechisch geschriebenen Werk über die Tiere: „Das Schwein ist so gefräßig, daß es weder seine eigenen Jungen, noch menschliche Leichen verschont; deshalb verabscheuen es die Ägypter. Der Ägypter Manetho, ein Mann (Priester) von hoher Weisheit, behauptet auch, daß man aussätzig wird, wenn man Schweinemilch genießt.“ Lange vor ihm schrieb der griechische Geschichtschreiber Herodot, der im 5. Jahrhundert v. Chr. Ägypten selbst bereiste: „Bei den Ägyptern gilt das Schwein für ein unreines Tier. Wird jemand zufällig von einem solchen am Kleide berührt, so geht er gleich an den Fluß und wäscht sich. Unter allen eingeborenen Ägyptern sind die Schweinehirten die einzigen, die in keinen Tempel gehen dürfen; auch kann ein Schweinehirt in Ägypten nur die Tochter eines Schweinehirten heiraten, weil ihm kein anderer seine Tochter gibt. Keiner Gottheit opfern die Ägypter ein Schwein, mit Ausnahme der Mondgöttin und dem Bacchos, und zwar bei Vollmond. Das Schwein, das diesen Gottheiten geopfert wird, wird noch an demselben Tage gegessen. Arme Leute, welche kein wirkliches Schwein haben, backen eins aus Teig und opfern es.“ Herodot sah selbst, wie die Schweine im Nildelta zum Einstampfen der Saat verwendet wurden. Bei einem Tiere, das so verachtet war, daß diejenigen, die sich mit dessen Aufzucht befaßten, nicht einmal einen Tempel betreten durften, um ihn nicht zu verunreinigen, ist es kein Wunder, daß es in der älteren Zeit nicht an heiligen Bauten dargestellt wurde. Erst zur Zeit der 18. Dynastie war man so freidenkend geworden, daß man in Grabdenkmälern jener Zeit in Theben dieses Borstentier wie die übrigen Herdentiere darstellte. Aber auch damals werden nur die Ärmsten in Ägypten das Fleisch dieses verachteten Tieres gegessen haben.

Anders als in Ägypten stand es im alten Griechenland und Rom, wo das Wildschwein im Gegensatz zum Niltal, wo es in geschichtlicher Zeit ausgerottet war, häufig vorkam, viel gejagt und sein Fleisch gern gegessen wurde. Dementsprechend war auch das Fleisch des Hausschweines als Speise geschätzt. Schon bei Homer ist vielfach von Herden des zahmen Hausschweins die Rede und war der Stand der Schweinehirten durchaus nicht verachtet, sonst wäre dem Sauhirten des Odysseus auf Ithaka mit Namen Eumaios sicher nicht der Ehrentitel des „Göttlichen“ gegeben worden. Nach dem Urteile der gebildetsten Griechen hatte die Schweinezucht viele Vorteile für sich. So schreibt der berühmte Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr.: „Von allen Tieren gewöhnt sich das Schwein am leichtesten an jedes Futter, wird auch am schnellsten groß und dick. In 60 Tagen kann man es ausmästen. Wer sich mit der Mast beschäftigt, füttert die Schweine die drei ersten Tage mager, dann werden sie bei gutem Futter desto schneller fett, wie meist alle Tiere, die recht ausgehungert sind. Das Fettwerden wird durch Ruhe befördert und geht beim Schwein schneller vor sich, wenn es sich im Schlamm wälzen kann. Dieses Tier kämpft selbst gegen den Wolf.“

Wie bei den Griechen wurde auch bei den Römern eine ausgedehnte Schweinezucht getrieben und dieses Haustier mit Vorliebe als Opfer geschlachtet. Der gelehrte Varro (116-27 v. Chr.) meint sogar -- allerdings durchaus falsch -- die griechische Bezeichnung _hys_ habe ursprünglich _thys_ gelautet und daher komme das Verbum _thýein_ opfern. Er fährt dann fort: „Schweine scheinen die ersten Opfertiere gewesen zu sein. Beim Anfang der Ernte, beim Schließen von Bündnissen, bei Hochzeiten werden Schweine geopfert.

Der Sage nach hat die Natur das Schwein geschaffen, daß es verschmaust werden soll, auch hat sie ihm, da sie es nicht von vornherein einsalzen wollte, die Seele statt des Salzes gegeben, um sein Fleisch, solange es lebt, vor Fäulnis zu schützen. Die besten Speckseiten und Schinken kommen aus Gallien nach Rom. Cato sagt, daß in Gallien die Schweine so fett werden, daß sie weder stehen noch gehen können und auf Wagen fortgeschafft werden müssen, wenn sie an einen anderen Ort sollen. Der Spanier Attilius, ein durchaus rechtlicher Mann, sagte mir, daß ihm der Senator Volumnius von einem in Lusitanien (Portugal) geschlachteten Schwein ein Stück Fleisch mit zwei Rippen zusandte, das 23 Pfund wog; die Dicke des Specks habe von der Haut bis zu den Knochen 1 Fuß 3 Zoll betragen. Es hat mir auch jemand gesagt, er habe in Arkadien ein Schwein gesehen, das sich vor Fett nicht rühren konnte, und in dessen Speck eine Maus nistete. Das soll auch anderwärts vorgekommen sein.

Für das Schweinevieh paßt eine sumpfige Weide am besten; denn es hat seinen Gefallen an Wasser und Schlamm. Das Hauptfutter besteht aus Eicheln, Bohnen, Gerste und anderem Getreide, davon wird es fett und wohlschmeckend. Im Sommer treibt man es früh auf die Weide, bevor die große Hitze eintritt, mittags bringt man es im Schatten und bei Wasser unter, abends läßt man es abermals weiden. Im Winter treibt man es nicht eher aus, als bis Reif und Eis weggetaut sind. Die ersten Jungen bekommt man von den Sauen, wenn sie zwei, die letzten, wenn sie sieben Jahre alt sind. Man läßt die Ferkel (_porculi_) zwei Monate bei der Alten und trennt sie dann, zu welcher Zeit sie schon fressen können, von ihr. Die im Winter geborenen sind klein, werden auch schlecht gesäugt, weil die Alte dann wenig Milch hat und die Ferkel ihr aus Hunger die Euter wund beißen. Man gibt der Sau mit ihren Ferkeln einen eigenen Koben. Dieser wird gehörig rein gehalten und öfters nachgesehen, ob die Alte ein Junges totgedrückt hat. Sie bekommt übrigens zweimal jährlich Junge. Um die Milch zu vermehren, muß sie gut gefüttert werden, namentlich mit eingeweichter Gerste. Solange die Jungen saugen, heißen sie _lactentes_. Die Saugschweinchen sind vom 10. Tage an zu Opfern tauglich und heißen deshalb _sacres_. Abgesetzte Saugschweine heißen _delici_ oder gewöhnlicher _nefrendes_, weil sie noch keine Bohnen kauen (_frendere_) können. _Porcus_ ist ein altgriechisches Wort. Jetzt sagen die Griechen _choíros_. Die Sau (_scrofa_ oder _varro_) muß, wenn sie säugt, täglich zweimal getränkt werden. Eigentlich muß sie so viel Junge bekommen, als sie Euterstriche hat. Bekommt sie weniger, so taugt sie nicht zur Zucht; bekommt sie mehr, so weissagt sie dadurch Wunderdinge. Das älteste bekannte Beispiel dieser Art stammt von der Sau des Äneas, welche 30 weiße Ferkel bekam. Die Prophezeiung traf ein, indem 30 Jahre später die Lavinienser die Stadt Alba gründeten. Noch jetzt findet man in Lavinium die Bildnisse der 30 Ferkel in Bronze aufgestellt und die Sau selbst wird, gut eingesalzen, von den Priestern gezeigt.

Die Schweine werden vom Schweinehirten gewöhnt, alles nach dem Klang des Hirtenhorns zu tun. So z. B. stößt er ins Horn, wenn er sie aus den Ställen läßt, wenn er sie im Walde zusammenruft usw. Die Herde alter Schweine kann aus 100 bis 150 Stück, diejenige junger aus doppelt soviel bestehen.“

Der ältere Plinius schreibt: „Wenn Schweine ihre Jungen fressen, so sieht man das nicht als schlimme Vorbedeutung an. Das Ferkel gibt am 5. Tage ein reines Opfer, das Lamm am 8., das Kalb am 30. Das Schwein ist überaus dumm, doch kennt man auch ein Beispiel, daß gestohlene Schweine die Stimme ihres Herrn erkannten, das Schiff, auf das die Räuber sie gebracht, versenkten, indem sie auf der einen Seite das Übergewicht gaben, und dann zurückschwammen; auch lernen die Anführer der Herde den Markt und die Häuser finden. Die Kunst, bei Sauen eine große Leber wie bei Gänsen zu erzeugen, ist eine Erfindung des Marcus Apicius (eines berühmten Feinschmeckers, der auch ein Kochbuch für die feine Küche schrieb) und besteht darin, daß man sie mit trockenen Feigen tüchtig füttert und mästet, ihnen dann Met zu trinken gibt und sie plötzlich tötet. Kern anderes Tier liefert Speisen von verschiedenerem Geschmack für die Küche; denn wenn von anderen Tieren jedes nur einerlei Geschmack hat, so hat das Schwein dagegen fünfzigerlei, weswegen auch durch mancherlei Gesetze den Zensoren einzelne Teile, wie Euter, Kopf usw., bei Gastmählern verboten sind; aber freilich kehrt sich nicht jeder an solche Gesetze.“ Die Feinschmecker Roms begnügten sich aber in der Regel nicht mit dem gewöhnlichen Schweinefleisch, das auch gesalzen und geräuchert wurde, wie dies heute noch geschieht, sondern ließen sich mit Vorliebe solches aus Sardinien kommen, von wo aus große Schweinezüchter (_suarii_), die zur Kaiserzeit besondere Rechte erlangt hatten, den Markt mit besonders feiner Ware versorgten.

Welcher Tafelluxus im kaiserlichen Rom und im üppigen Alexandreia herrschte, zeigen uns folgende Tatsachen. Petronius meldet: „Die Tafel war gedeckt: ein ganzer gebratener Eber ward aufgetragen. Das Jagdmesser wurde erhoben und in des Ebers Bauch gestoßen, -- da flogen zur Belustigung der Gäste aus der Wunde Drosseln hervor.“ Der um 220 n. Chr. in Alexandreia lebende Grieche Athenaios erzählt, wie bei einem Gastmahle eine silberne, reichvergoldete große Schüssel auf die Tafel kam, auf der ein erwachsenes Schwein gebraten auf dem Rücken lag und seine Beine zum Himmel streckte. Als sein Bauch mit einem Schnitte geöffnet ward, fand sichs, daß es mit gebratenen Drosseln, anderen kleinen Vögeln, Austern usw. gefüllt und in die Zwischenräume Eidotter gebracht war.