Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 15
Das gemeine Landschaf Spaniens ist das Churraschaf von Arkalabstammung, neben dem schon im Altertum eine Abart mit besonders feiner Wolle -- wohl aus Kleinasien importiert -- gehalten wurde. Bereits der 66 n. Chr. gestorbene Grieche Strabon berichtet in seinem Werke über Geographie: „Spanien erzeugt für den Handel herrliche Wolle, feine Gewänder, und die dortigen Schafböcke werden teuer bezahlt.“ Im Mittelalter, unter der maurischen Herrschaft, die die Landwirtschaft so überaus förderte, wurden die Herden dieser Wollschafe noch mehr veredelt. Später nahmen sich die Großgrundbesitzer und klösterlichen Verwaltungen der blühenden Schafzucht an. Sie erhielten unter Ferdinand V., dem Katholischen (geb. 1469, regierte 1479-1516), weitgehende Privilegien und taten sich zu Mesta genannten Verbänden zusammen, die sich selbst dem Privatbesitz gegenüber allerlei Rechte anmaßten, so vor allem dasjenige, ohne Entschädigung an die Eigentümer die Weidewege für die Wanderschafe über fremden Grund und Boden zu bestimmen. Solches nehmen sie laut altem Herkommen bis auf den heutigen Tag für sich in Anspruch. Übrigens hören wir bereits von römischen Schriftstellern, daß es wie in Spanien, so auch in Italien Wanderherden gab, die den Sommer im Gebirge und den Winter in der Ebene zubrachten und dabei Rechte freien Durchzugs besaßen.
Den Winter verbringen die Wanderherden der Merinoschafe meist in der Estremadura, daneben auch in Andalusien und Neukastilien. Im Sommer ziehen sie nordwärts nach Altkastilien, Leon, Burgos usw. Dieses Wanderleben, an dem nur die edlen Zuchten teilnehmen, wirkt höchst vorteilhaft auf den Gesundheitszustand dieser Schafe ein. Die minderwertigen Zuchten gleicher Abstammung, wie z. B. das weitverbreitete, grobwollige Churraschaf, genießen keine Weideberechtigung und sind daher Standschafe geworden.
Das Wort Merino ist dem Spanischen entlehnt und bezeichnete ursprünglich einen vom König eingesetzten Richter, der in seinem Bezirk große Machtbefugnisse ausübte; insbesondere war er ein Weiderichter, der allerlei Anstände zu schlichten hatte, wenn die Hirten mit ihren Wanderschafen (_oviejos transhumantes_) von einer Gegend zur andern zogen. Er war also eine Art Schirmherr der Schafherden und sein Name wurde später kurzweg auf die Wanderschafe selbst übertragen. Die Merinoschafe sind mittelgroße Tiere mit starkem, im Schnauzenteil abgestumpftem Kopf. Das Gehörn ist kräftig entwickelt, schraubenförmig gewunden, dem Kopfe anliegend und mit starken Querwülsten versehen. Die Tränengruben sind tief, die Ohren schmal und zugespitzt, der Hals an der Kehle kropfartig verdickt, der Körper in den Beinen niedriggestellt. Das starke Wollvlies ist äußerst dicht und besteht aus Büscheln fein gekräuselter Wolle, die durch eine Ausschwitzung von Wollfett (Lanolin) verklebt sind.
Diese das ganze Jahr im Freien zubringenden Tiere werden während des Weidebetriebs im Mai und Juni geschoren, nachher mit dem Stempel des Eigentümers versehen und zum Schutze der Haut mit einer ockerhaltigen Salbe bestrichen. Die Wolle wird sortiert, in besondern Waschanstalten gewaschen und das Wollfett daraus ausgezogen. Seit dem Beginne des 18. Jahrhunderts breiteten sich die spanischen Merinos nach verschiedenen europäischen und später auch außereuropäischen Ländern aus, wobei das Produkt Spaniens zum Teil überholt wurde und berühmte Zuchten entstanden, wie die Rambouillets, Elektorals und Negrettis. Den Anfang damit machte Frankreich, indem 1706 eine kleine Zuchtherde durch Dauberton nach Montbard in Burgund gelangte. Weit wichtiger war der 1753 vollzogene Import von 400 Merinos zur Errichtung der Zuchtherde von Rambouillet. Der Transport der Tiere zu Fuß auf dem Landwege von Altkastilien nach ihrem Bestimmungsorte dauerte volle 4½ Monate. Weiter wurde dann im Departement de l’Aisne der höchst wertvolle Stamm der Mauchampschafe mit langer, seidenartiger Wolle herangezüchtet. Im Jahre 1800 gab es in Frankreich bereits über 5000 dieser feinhaarigen Wollschafe. In Deutschland führte zuerst Sachsen das spanische Edelschaf ein; der erste Transport, bestehend aus 92 Böcken und 128 Mutterschafen, langte 1765 an. Dem Kurfürsten Friedrich August zu Ehren erhielten die sächsischen Merinos den Namen Elektoralschafe. In Preußen erfolgte die Einfuhr 1785. Österreich gründete 1772 in der Nähe von Fiume eine Pflanzschule spanischer Schafe; spätere Bezüge gelangten nach Mähren und Ungarn und waren Veranlassung einer intensiven Zucht. Gleichzeitig führte sie Italien und 1802 Rußland über Odessa nach dem Steppengebiet im Süden ein. Doch hatte im letzteren Lande bereits Peter der Große um 1715 deutsche Schafe zur Verbesserung der Wolle der russischen Schafe kommen lassen. Schweden hatte die Merinos schon 1753 eingeführt; doch mißglückte der Versuch völlig, sie in jenem Lande anzusiedeln. Noch großartiger als hier entwickelte sich die Merinozucht in Steppenländern außerhalb Europas, besonders in Australien, wo das Schaf, das heute dort das wichtigste Haustier bildet, erst im Jahre 1788 eingeführt wurde. In diesem Lande wurde in der Folge die Schafzucht die Grundbedingung des ganzen ökonomischen Aufschwungs des Landes, trug aber zugleich zum raschen Verschwinden der Ureinwohner viel bei. Letztere konnten nämlich in ihren kommunistischen Anschauungen nicht begreifen, daß sie kein Recht an den Schafen hätten, die doch die ihnen bis dahin zur Nahrung dienenden Kängurus verdrängten. So begann, als diese sich zur Stillung des Hungers an den Herden vergriffen, ein mit aller Scheußlichkeit geführter Vernichtungskrieg gegen sie, die bald zur Ausrottung der ganzen Rasse aus den Schafzucht treibenden Gegenden führte. Auf den ausgedehnten grasreichen Weideflächen gediehen die eingeführten Schafe so gut, daß der europäische Wollmarkt vom australischen Produkte förmlich überschwemmt wurde. Auch auf Neuseeland nahm die Merinozucht große Ausdehnung an. Ihr einziger Feind hier ist der mit dem Schwanz 50 _cm_ lange Nestorpapagei, der sich bald daran gewöhnte, den Schafen große Wunden beizubringen, die vom Schmerz gepeinigten Tiere so lange zu quälen, bis sie eingingen, und dann von ihrem Fleische zu fressen, besonders aber deren Nierenfett herauszuholen.
Im Kaplande bürgerte sich die Merinozucht schon 1782 durch Vermittlung der Holländer ein. In England schlug die Einbürgerung dieser Schafrasse trotz mehrfacher Versuche fehl. Es scheint, daß das dortige Klima für sie zu feucht ist; denn die Merinoschafe verlangen trockene Luft und gedeihen in Steppen am besten. Auf den Sandwichinseln kommen sie nur mäßig fort, vorzüglich dagegen im Westen der Vereinigten Staaten, in Argentinien und Uruguay, wo gewaltige Herden dieser geschätzten Wollerzeuger weiden.
Ein weniger hochgezüchtetes Edelschaf asiatischer Abstammung als das Merino ist das der Stammform desselben noch recht nahestehende ~Sardenschaf~, das sich auf der Insel Sardinien in einer starken Kolonie erhielt und augenscheinlich eine sehr alte Form des Hausschafes darstellt. Ebenfalls weniger veredelte Abkömmlinge des asiatischen Wollschafes von Arkalabstammung sind die langschwänzigen ~Zackelschafe~, die in beiden Geschlechtern bald merinoartig gewundene, bald in langgezogener Spirale abstehende Hörner tragen. Von letzteren, die man als Zackenhörner bezeichnet, haben sie den Namen Zackelschafe erhalten. Dieser eigenartige Stamm mit grober Wolle nahm seinen Ausgangspunkt von Südosteuropa. Die wichtigsten Wohngebiete desselben sind Kreta, Mazedonien und die übrigen Balkanländer, das Donaugebiet bis nach Ungarn und Siebenbürgen. Das kretische Zackelschaf ist ziemlich groß mit kräftigen Beinen und vorwiegend schmutzigweißer Haarfarbe. Die Spitzen des in Spiraltouren nach rückwärts aufstehenden Gehörns stehen weit auseinander. Ähnlich gebaut, aber etwas kleiner und mit beinahe wagrecht auseinander stehenden Schraubenhörnern versehen, die beim Widder länger als beim Mutterschaf sind, ist das ungarische Zackelschaf. Sein Fleisch gilt als sehr schmackhaft. Die grobe Wolle wird zu Teppichen, Decken und groben Zeugen verarbeitet. Die gegerbte Haut liefert ein weiches Leder. Nahe verwandt mit ihm ist das mazedonische Zackelschaf.
Abkömmlinge der osteuropäischen Zackelschafe drangen früher auch nach Westeuropa vor. Sie spielten unter den früheren wirtschaftlichen Verhältnissen eine gewisse Rolle, sind aber gegenwärtig meist stark im Rückgang begriffen. Dahin gehören das jetzt selten gewordene bayerische ~Zaupelschaf~, das pommersche und hannoversche ~Landschaf~ und als westlichster Ausläufer das englische ~Norfolkschaf~, das früher wegen seiner Genügsamkeit eine große Verbreitung besaß. Diesen Zackelschafen nahe verwandt ist das in der Bergregion des Oberwallis stark verbreitete, ganz schwarze oder schwarz und weiß gefleckte ~Walliserschaf~. Es erinnert an das Norfolkschaf. Sein ziemlich starkes Gehörn ist spiralig ausgezogen und von dunkler Färbung; neben behörnten kommen aber auch hornlose Individuen vor. Ein Abkömmling dieses Walliserschafes ist das hornlose ~Frutigerschaf~ im Berner Oberland.
Ein diesem Formenkreis zugehörender starker Seitenzweig von hornlosen langschwänzigen Schafen umfaßt das stattliche, meist hängeohrige ~Bergamaskerschaf~, daß in den nach Süden mündenden Tälern des mittleren Alpengebietes gehalten und auf den hohen Alpweiden gesömmert wird, dann das diesem ähnliche paduanische und steirische Schaf. Entferntere Ausläufer sind das südfranzösische und ~englische Bergschaf~, dann das ~Rhön-~ und ~Thüringer Schaf~.
Mit Schafen dieser asiatischen Arkalabstammung haben wir es stets zu tun da, wo bei den alten Schriftstellern von Schafen überhaupt die Rede ist. Von ihm schreibt der römische landwirtschaftliche Schriftsteller Columella um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.: „Das Schaf ist ein äußerst nützliches Tier, es gibt uns Kleidung, Käse, Milch und verschiedene Gerichte. Am besten ist die weiße Wolle, weil man sie beliebig färben kann.“ Sein Zeitgenosse Plinius bemerkt: „Großen Wert hat das Schaf als Opfertier und wegen des Gebrauchs, den wir von seiner Wolle machen. Es gibt zwei Hauptrassen: die eine ist weichlicher und wird mit einer Decke belegt, welche man in bester Sorte aus Arabien bezieht, die andere Art ist die gemeine. In Syrien gibt es Schafe mit ellenlangen Schwänzen.“ Damit meint er die schon damals dort gehaltenen Fettschwanzschafe. Der drei Menschenalter vor diesen lebende gelehrte Römer Varro sagt: „Die tarentinischen und attischen Schafe haben eine wertvolle Wolle und werden mit Pelzen bedeckt, damit sie nicht schmutzig werden. Nach der Schur wird das Schaf mit Wein und Öl gesalbt, wozu einige auch weißes Wachs und Schweineschmalz nehmen. Wunden, die das Tier bei der Schur bekommt, werden mit Teer bestrichen. Es gibt auch Leute, welche die Schafe nicht scheren, sondern rupfen, was früher allgemein üblich war.“ In der Tat ist das Ausrupfen der Wolle die von Völkern auf primitiver Kulturstufe stets geübte Sitte, die wir auch den Pfahlbauleuten der späteren Steinzeit zuschreiben dürfen. Womit sonst als mit den Fingern hätten sich diese die Wolle ihrer noch wenig hochgezüchteten Schafe holen können! Heute noch wird allgemein von den Arabern die Kamelwolle mit den Händen ausgerupft und nie mit der Schere entfernt. Der zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. lebende griechische Schriftsteller Älian berichtet: „Die lydischen und mazedonischen Schafe sollen mit Fischen gefüttert und von dieser Kost fett werden.“ Wir haben früher gesehen, daß solches Futter heute noch auf Island an die sonst ausschließlich Gras fressenden Haustiere des Menschen verfüttert wird.
Nachdem einmal die Schafzucht in den Mittelmeerländern volkstümlich geworden und ihr Nutzen klar erkannt worden war, kann es uns nicht wundern, daß hier später auch das einheimische Wildmaterial der Domestikation umerzogen wurde, um daraus neue Schafrassen heranzuziehen. Dazu diente das einst sämtliche Bergländer Südeuropas und der angrenzenden Inseln bewohnende ~Muflon~ (_Ovis musimon_). Dieses kleinste aller Wildschafe ist der Stammvater der heute nach dem Norden von Europa gedrängten kleinen, kurzschwänzigen Hausschafe. Einst auch in Südeuropa gehalten, wurde es hier später vollständig durch die leistungsfähigeren Hausschafe von asiatischer Arkalabstammung verdrängt. Das Muflon kommt in Cypern bis zur Höhe von 2000 _m_ vor, ist auf Sardinien noch vorhanden und lebte vor kurzem auch in Korsika. Er wird einschließlich des höchstens 10 _cm_ langen Schwanzes 1,25 _m_ lang, am Widerrist 70 _cm_ hoch und 40-50 _kg_ schwer. Er ist gedrungen gebaut, in der Rückenlinie dunkelbraun, sonst braunrot gefärbt; dabei spielt der Kopf ins Aschgraue. Das Gehörn des Bockes ist stark und in einer Länge von 65 _cm_ nach außen hinten und zuletzt nach innen unten gebogen; es ist an der Wurzel sehr dick, im Querschnitt dreieckig. Das merklich kleinere Weibchen unterscheidet sich durch seine mehr ins Fahle spielende Färbung sowie durch das Fehlen oder seltene Vorkommen des Gehörns vom Bock.
Wie der Arkal lebt das Muflon im Gegensatz zum Mähnenschaf in Rudeln, deren Leitung ein alter, starker Bock übernimmt. Diese Rudel erwählen sich die höchsten Berggipfel zum Aufenthalt und nehmen hier an schroffen, fast unzugänglichen Felswänden ihren Stand. Wie bei andern gesellig lebenden Wiederkäuern halten stets einige Stück sorgfältig Umschau, um die Genossen bei der Wahrnehmung eines verdächtigen Gegenstandes sofort zu warnen und mit ihnen flüchtig zu werden. Zur Paarungszeit trennen sich die Rudel in kleine, aus einem Bock und mehreren Schafen bestehende Trupps, welche der leitende Widder erst durch tapfer durchgefochtene Kämpfe sich erworben hat. Das Schaf bringt im April oder Mai 1-2 Junge zur Welt, die der Mutter schon nach wenigen Tagen auf den halsbrecherischsten Pfaden mit der größten Sicherheit folgen und bald ebenso gewandt wie sie klettern. Alle Bewegungen des Muflon sind schnell, gewandt und sicher. Erwachsene Tiere vermag man kaum je zu fangen, junge nur dann, wenn man ihre Mutter weggeschossen hat. Sie gewöhnen sich bald an ihren Pfleger, sind anhänglich an ihn, bewahren ein munteres, ja mutwilliges Wesen, zeigen aber nur eine geringe Intelligenz.
Noch im Altertum muß dieses Wildschaf auf den Gebirgen Südeuropas recht häufig gewesen sein; denn Julius Capitolinus berichtet, daß Kaiser Gordian im Jahre 238 n. Chr. 100 wilde Schafe zu den Jagdspielen nach Rom brachte. Von Kaiser Probus, der von 276 bis 282 n. Chr. regierte, meldet Flavius Vopiscus, daß er so viel wilde Schafe als er auftreiben konnte, nach Rom kommen ließ. Schon früh wurde es irgendwo im östlichen Mittelmeergebiet gezähmt, wozu wohl die hier bereits gehaltenen ältesten Hausschafe von Mähnenschafabstammung die Anregung gaben. Schon zur Bronzezeit tauchen, zunächst allerdings noch spärlich, großgehörnte Hausschafe in den Pfahlbauten nördlich der Alpen auf, welche durch ihr großes Gehörn und die in ihrem Bau mit denjenigen des Muflon übereinstimmenden Hornzapfen ihre Herkunft von diesem südeuropäischen Wildschafe beweisen. Gegen das Ende der Bronzezeit erscheinen dann auch hornlose Hausschafe in der Schweiz, welche im Süden von gehörnten Muflonabkömmlingen gezüchtet worden waren. In der helvetisch-römischen Niederlassung von Vindonissa fanden sich beide Schafarten nebeneinander vor. In der Folge aber wurden sie hier wie auch das ältere Torfschaf von den von den Römern eingeführten, mehr und feinere Wolle liefernden Schafen asiatischer Abstammung verdrängt. Nur im Norden erhielten sie sich teilweise in eigentlichen Kümmerformen mit seit der Römerzeit bedeutend verkleinertem Gehörn. Es sind dies die nur einen halben Meter hoch werdenden, schwarz, braun oder grau gefärbten ~Heideschafe~, die ~Heidschnucken~, die als äußerst genügsame Rasse in Gebieten mit primitiver Wirtschaft, namentlich in der norddeutschen Heide bis nach Oldenburg und Ostfriesland, gehalten werden. Nahe verwandt mit ihm sind das die Bergländer Skandinaviens bewohnende ~skandinavische Schaf~, das ~finnische Schaf~ und das bis nach Sibirien hineinreichende ~nordrussische Schaf~, dann das ~Hebriden~-, ~Faröer~- und ~Shetlandschaf~. Das letztere ist bald klein gehörnt, bald hornlos. Sein Fleisch bildet neben Fischen die Hauptnahrung der Bewohner jener rauhen Eilande. Der westliche Ausläufer ist das ~isländische Schaf~, dessen Herden ein elendes Dasein fristen und vielfach mit getrockneten Fischen ernährt werden. Der Wollertrag ist bei all diesen Zwergformen ein geringer.
Im Gegensatz zu diesen überaus genügsamen Heideschafen stehen die ebenfalls vom Muflon abstammenden ~Marschschafe~, die fette Weide beanspruchen und auf mageren Triften nur schlecht gedeihen. Ihre bessere Ernährung macht sich in einer bedeutenderen Größe und großen Fruchtbarkeit geltend. Ihre Haarfarbe ist schmutzig gelblichweiß, rötlichbraun oder einfarbig schwarz. Das Hauptmerkmal bildet neben dem kurzen Schwanz ihre vollkommene Hornlosigkeit. Außer Fleisch und Wolle, die zu Strickgarn und gröberen Stoffen, wie Teppichen und dergleichen verarbeitet wird, liefern sie auch Milch, welche zur Käsebereitung dient. Es sind Vertreter der schon in der Bronzezeit aus dem Süden nördlich der Alpen eingewanderten hornlosen Schafe, die in den Marschen Nordwestdeutschlands, Hollands, Belgiens und Nordfrankreichs heimisch wurden, weiter im Süden aber wie die übrigen Hausschafe von Muflonabstammung von asiatischen Rassen verdrängt wurden. Es sind dies die friesischen, holländischen, belgischen und nordfranzösischen Schafe. Unter letzteren ist besonders das ~Roquefortschaf~ bekannt, das den berühmten Schafkäse dieses Namens liefert. Dieser wird in Roquefort, im französischen Departement Aveyron, in der Weise gewonnen, daß man die zum Gerinnen gebrachte Schafmilch mit von einer spezifischen Schimmelsorte bewachsenem Brote vermischt. Dieses Brot wird eigens für die Käsebereitung aus einer Mischung von Weizen- und Gerstenmehl mit Sauerteig hergestellt und der betreffende Schimmelpilz darauf zur Ansiedelung gebracht. Der damit hergestellte Schafkäse reift dann in 30-40 Tagen in Felsenhöhlen, wobei er sich mit einer dicken Schimmelschicht bedeckt. Diese wird von Zeit zu Zeit entfernt. Diese Fabrikation ist schon recht alt und wird bereits aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts erwähnt.
Außer den drei genannten Wildschafen ist endlich noch ein weiteres Wildschaf vom Menschen domestiziert worden. Es ist dies das zentralasiatische ~Argali~ (_Ovis argali_), von den Mongolen so genannt, ein gewaltiges Tier von der Größe eines dreivierteljährigen Kalbes, das die spärlich bewaldeten Bergzüge Innerasiens nördlich vom Hochlande Tibets vom Alatau bis zum Altai und von Akmolinsk im Westen bis zum Südostrande der mongolischen Hochebene im Osten in einer Höhe von 600-1000 _m_ bewohnt. Es besitzt ein mächtiges, von der Wurzel an mit ringsumlaufenden wellenförmigen Wülsten bedecktes Gehörn, das sich nach hinten außen wendet. Dichtstehende wellige Grannen nebst feinen, kurzen Wollhaaren bilden das überall sehr gleichmäßige, jeglicher Mähne entbehrende Haarkleid, dessen vorherrschende Färbung, ein mattes Fahlgrau, im Gesicht, an Schenkeln wie am Hinterbauch in ein merklich dunkleres Bräunlichgrau, im Vorderteil der Schnauze, auf dem breiten Spiegel am Steiß, in der untern Hälfte der Beine aber in Gräulichweiß übergeht. Es meidet feuchte, waldbedeckte Gebirge und größere Höhen, lebt das ganze Jahr über etwa auf demselben Gebiete und wechselt höchstens von einem Bergzuge zum andern. Bis gegen die Paarungszeit leben Böcke und Schafe getrennt, letztere zu 3-5, erstere meist einzeln. Kurz vor der Paarungszeit vereinigen sie sich zu kleinen Herden von 10, höchstens 15 Stück. Während des Sommers frißt das Argali alle Pflanzen, die auch dem Hausschafe behagen, während des Winters begnügt es sich mit Flechten, Moos und getrocknetem Gras, die der Wind auf den Graten durch Wegfegen des Schnees bloßgelegt hat. Wählerischer als in der Äsung zeigt es sich beim Trinken, da es stets zu bestimmten Quellen kommt; auch salzige Stellen werden zum Lecken oft besucht. Solange der Schnee nicht allzudicht liegt, kümmert es der Winter wenig, denn sein dichtes Fell schützt es gegen die Unbill der Witterung. Seine Sinne sind ausgezeichnet entwickelt. In seinem Wesen spricht sich Bedachtsamkeit und Selbstbewußtsein aus; es ist neugierig, wenig scheu, zeigt sich aber überall sehr vorsichtig, wo es durch wiederholte Verfolgung von seiten des Menschen gewitzigt wurde und seine heimtückische Art kennen lernte. Die Jagd darauf ist durchaus nicht leicht. Sein Fleisch ist trotz seines strengen Beigeschmacks wohlschmeckend und wird von den Mongolen und Kirgisen sehr geschätzt.
Bei solchen Vorzügen ist es kein Wunder, daß sich der Mensch schon früh auch dieses Wildschafes bemächtigte, um es der Domestikation zu unterwerfen. Es ist der Stammvater der großhörnigen Schafe, die in Zentralasien innerhalb der Verbreitungszone des Argali als Schlachttiere und Wollspender besonders auf der Salzsteppe gehalten werden. Dabei hat sich im Haustierstande das Gehörn verkleinert. Noch am wenigsten ist dies der Fall bei den Hausschafen Russisch-Turkestans, mehr dagegen bei denen Tibets und der Südabhänge des Himalaja von Kumaon bis Sikkim. Bei diesen tragen beide Geschlechter Hörner, und zwar stoßen sie wie beim Argali auf der Stirne fast zusammen; dabei sind sie nach außen hin um den Kopf gewunden und noch reich mit Querwülsten versehen in derselben Weise wie beim Argali.
Durch spezielle Züchtung zur Vermehrung des den Hirtenvölkern so wertvollen Fettes, dessen sie sich zum Braten der Mehlspeise und des Reises bedienten, entwickelten sich aus ihnen im Laufe der Zeit die ~Fettsteißschafe~. Da der Schwanz bei ihnen im Gegensatz zu den Abkömmlingen des Arkal zu kurz war, um ihn zur Fettablagerung heranzuziehen, wurde der Steiß dazu ausersehen. Hier bildet die Fettmasse zwei gewölbte Kissen, die ansehnliche Größe erreichen können. Auch dieses Schaf besitzt wie die andern Rassen von Argaliabstammung in beiden Geschlechtern spiralig um den Kopf gewundene Hörner mit Querwülsten, die aber bei manchen hochgezüchteten Rassen schon ziemlich klein geworden, ja teilweise bei den Weibchen ganz in Wegfall gekommen sind. Es ist dies speziell beim ~Tatarenschaf~ der Fall, das vom Ostrand des Schwarzen Meeres bis zum Baikalsee das am häufigsten gehaltene Schaf ist und den Hauptreichtum der dortigen Steppenvölker bildet. Bei den Kirgisen gilt noch heute die uralte Sitte, das einjährige Lamm als Tauscheinheit zu betrachten, wie bei den alten Römern vor dem Aufkommen der Münzen durch die Vermittlung der süditalischen Griechen das Kleinvieh (_pecus_) die Werteinheit bildete, woher noch der spätere Ausdruck _pecunia_ für Geld, Vermögen herrührt.
Beim Tatarenschaf ist der Kopf gestreckt, der Nasenrücken nur wenig gewölbt und die Ohren sind als Zeichen längerer Domestikation durch Degeneration der sie aufrichtenden Muskeln hängend geworden. Die Widder sind stärker behörnt als die Mutterschafe, die stets kleinhörnig sind, wenn sie überhaupt noch, was sehr häufig der Fall ist, Hörner besitzen und nicht völlig hornlos geworden sind. Der Fettklumpen am Steiß ist sehr umfangreich und gleicht zwei miteinander verwachsenen Halbkugeln, zwischen denen ein ganz kurzer Schwanzstummel hervorragt. Die Haarfarbe ist meist weiß, seltener rotbraun oder schwarz. Die filzige Wolle ist kurz und grob und zum Versponnenwerden ungeeignet. Östlich vom Baikalsee und der Mongolei schließt sich an das Tatarenschaf das ebenfalls vom Argali abzuleitende, aber als Zeichen einer sehr hoch getriebenen Zucht bereits völlig hornlos gewordene ~chinesische Schaf~, das allerdings nur einen schwach entwickelten Fettsteiß besitzt, da seine Züchter als Ackerbauer im Sesam und in manchen auf Öl angebauten Retticharten genugsam pflanzliches Fett zur Verfügung hatten, so daß sie auf die Gewinnung tierischen Fettes kein besonderes Gewicht legten.