Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte
Part 81
Die erste Bekanntschaft mit dem Mahagoniholz machten die Europäer bald nach der Entdeckung Amerikas. Schon zur Zeit des Fernando Cortez und seiner Begleiter soll das Holz zum Bau von Schiffen benutzt worden sein. Ebenso verwendete es der britische Seefahrer Walter Raleigh in Westindien zur Ausbesserung seiner Fahrzeuge. In unbearbeitetem Zustande gelangte es erst zu Anfang des 18. Jahrhunderts als Ballast eines von Westindien zurückkehrenden Schiffes nach England. Der Schiffskapitän schenkte die großen Blöcke seinem Bruder, einem angesehenen Arzte in London, der sie lange Zeit unbenutzt in seinem Hof lagern hatte, bis seine Gattin durch den Schreiner Wollaston einen Kasten daraus verfertigen ließ. Dieser gefiel so gut, daß der Doktor sofort noch einen Schreibtisch für sich daraus herstellen ließ. Die schöne Farbe und glänzende Politur des Möbels ließen in der Herzogin von Buckingham den Wunsch aufkommen, für sich auch solche zu bestellen. Es war dies im Jahre 1724. Die Nachfrage nach diesem ausländischen Zierholz nahm dann in der Folge langsam zu, so daß schon im Jahre 1773 allein aus Jamaika 520000 Kubikfuß davon nach England eingeführt wurden. Da es damals noch sehr selten war, sahen sich die Tischler schon aus Sparsamkeitsgründen dazu gezwungen, es fast nur als Furnierholz zu gebrauchen. Besonders schöne Stücke desselben erzielen heute noch recht hohe Preise; so bezahlte eine Pianofortefabrik vor nicht sehr langer Zeit für einen einzigen, in drei Blöcke zerschnittenen Mahagonifurnierstamm die ansehnliche Summe von 60000 Mark. Besonders geschätzt ist das geflammte, sogenannte Pyramidenmahagoni. Es kommt in verschiedener Qualität aus Kuba, Mexiko und Zentralamerika zu uns. Britisch-Honduras führt jährlich für gegen 3 Millionen Mark davon aus. Als +weißes Mahagoni+ wird das Holz des in Westindien heimischen Acajoubaums (~Anacardium occidentale~) verwendet, während das +afrikanische Mahagoni+ von verschiedenen Khajaarten aus Westafrika gewonnen wird. Das +australische+ oder +Bastardmahagoni+ dagegen stammt von verschiedenen Eucalyptusarten Australiens. Diese bis zu 150 m erreichenden Bäume, die somit zu den höchsten Bäumen der Erde zählen, haben ein rotbraunes, sehr hartes und dauerhaftes, von Insekten nicht angegangenes Holz. In Südeuropa wird wegen seiner Schnellwüchsigkeit und der aromatischen Ausdünstung seiner Blätter seit der Einführung durch Ramel im Jahre 1856 der +blaue Gummibaum+ (~Eucalyptus globulus~) angepflanzt, der 1792 von Labillardière in Tasmanien entdeckt wurde, eine Höhe von 110 m erreicht und ein vorzügliches Bauholz liefert, das mit Vorteil zum Schiffsbau dient, da es im Wasser nicht leicht fault. Durch die Fähigkeit, auch auf sumpfigem Boden schnell zu wachsen und zu dessen Entwässerung beizutragen, soll der Baum günstig zur Bekämpfung des Wechselfiebers wirken. Ein aus ihm hergestelltes ätherisches Öl wird vielfach in der Medizin verwendet.
Eines der wertvollsten Zierhölzer für Drechsler und zur Herstellung von Einlegearbeiten ist das schön rötlichbraune +Schlangen-+ oder +Tigerholz+, so genannt, weil es einer Schlangenhaut ähnlich, mit größeren und kleineren dunkelbraunen Flecken gezeichnet ist. Es ist sehr hart, dicht und schwer und kostet pro 100 kg wenigstens 1600 Mark. Es kommt in mittelstarken Stämmchen von Nordbrasilien und Guiana in den Handel und wird zur Anfertigung von Spazierstöcken, Geigenbogen, Furnieren und eingelegten Arbeiten benutzt. Ob es von der Morazee ~Brosimum aubletti~, von der Leguminose ~Machaerium schomburgki~ oder von einem andern Baum stammt, ist ungewiß. Ebensowenig sind die Bäume bekannt, die das +Ferolia-+ oder +Satinholz+ liefern, das aus Ost- und Westindien zu uns gelangt. Mit Rücksicht auf die Farbe unterscheidet man gelbes, rotes und braunes Satinholz. Letzteres ist am häufigsten und wird als „Nußsatin“ für Möbel fast allgemein verwendet. Es ist leicht, weich, von mattbrauner Farbe und unserem Nußholz sehr ähnlich, doch von feinerem Gefüge, während das gelbe Satinholz schwer, hart, wunderschön atlasglänzend und in manchen Arten auch wohlriechend ist. Mit diesem letzteren wird vielfach das +Zitronenholz+ (von ~Citrus medica~) verwechselt, das in neuerer Zeit wegen seiner schönen gelben Farbe und seidenartig geflammten Struktur ein sehr beliebtes Furnierholz für Möbel geworden ist.
Ein sehr schönes und wertvolles Zierholz kommt unter dem Namen +Königsholz+ von Sumatra und Java, aber auch aus Westindien, namentlich Jamaika, nach Europa. Es stammt vom Tembesubaume (~Fagrea peregrina~), doch werden noch verschiedene andere Arten als Königshölzer bezeichnet. Der Name stammt daher, daß die Häuptlinge der betreffenden Gegenden den Handel mit diesen Holzsorten als ihr Monopol betrachten. Ihre Farbe ist violett bis schwarzbraun, oft mit rötlichen Adern durchzogen. Aus dem tropischen Amerika kommt das kaffeebraune, mit dunkleren, unregelmäßig verteilten Längsstreifen schön gezeichnete +Ziricota-+ oder echte +Zebraholz+, ferner das tief rötlichbraune mit teils helleren, teils dunkleren, oft auch welligen Tupfen gezeichnete +Patridge-+ oder +Rebhuhnholz+, sowie das im frischen Schnitte lebhaft gelbrote, später braunrot werdende, äußerst schwere und harte +Kokoboloholz+ in den Handel. Die Abstammung aller dieser drei Hölzer ist ungewiß. Sie dienen hauptsächlich für Einlegearbeiten, als Bürstenhölzer und für die Stockindustrie.
Ein wegen seiner prächtig hellroten Farbe für Möbel, Einlegearbeiten usw. sehr geschätztes Holz ist das aus Indien und von den Sundainseln stammende +Padukholz+ von ~Pterocarpus macrocarpus~, während das aus dem tropischen Amerika kommende +Panakoko-+ oder +Pferdefleischholz+ von ~Robinia tomentosa~, so genannt, weil es frischem Pferdefleisch ähnlich bräunlich mit roten oder grünschwarzen Schattierungen ist, hauptsächlich zu Geigenbögen, Einlegearbeiten, sowie in der Stockindustrie Verwendung findet.
Als das wichtigste Holz für den Schiffbau muß das im tropischen Asien heimische +Tiekholz+ bezeichnet werden, das einen bedeutenden Handelsartikel bildet. Es ist hell braunrot mit starkem, an Kautschuk erinnerndem Geruch. Weil manche Sorten äußerlich unserem Eichenholze ähnlich sind, wird es auch als „indisches Eichenholz“ bezeichnet. Es ist aber dauerhafter als dieses und hat vor ihm den Vorzug, daß es von Insekten nicht angegangen wird und vor allem auch dadurch, daß mit ihm in Verbindung gebrachte eiserne Nägel, Schrauben, Bolzen usw. nicht rosten, was beim Eichenholz nicht vermieden werden kann. Daneben ist es außerordentlich fest und schwindet kaum. Der echte Tiekbaum (~Tectona grandis~, aus der malabarischen Bezeichnung ~tekka~ für diesen Baum entstanden) ist ein in Ostindien, Hinterindien von Birma bis Malakka, und auf Java heimischer, sehr großer Baum mit gegenständigen, großen, eiförmigen, unterseits weißfilzigen Blättern, weißen Lippenblüten in großen, endständigen Rispen und im vergrößerten Kelch eingeschlossenen, haselnußgroßen Früchten. Er gedeiht am besten auf trockenem Waldboden, meidet aber die immergrünen Bergwälder, wie auch das Meeresufer und steigt in den Gebirgen bis zu 1300 m empor, gedeiht aber schon bei 1000 m Meereshöhe nicht mehr so gut wie am Fuße der Gebirge. Auf angeschwemmtem Boden erreicht er in 80 Jahren, im Gebirge dagegen kaum vor 200 Jahren seine höchste Entwicklung. Der Stammumfang mißt dann bis 7 m und die großen Äste stehen bis 30 m über dem Boden. Der Baum wird seines Holzes halber viel kultiviert und ist auch auf Sumatra, Cochinchina und in Südchina eingeführt worden. Sehr ausgedehnt sind die Tiekwälder in Birma und Siam. Gewöhnlich fällt man die Bäume zwischen dem 40. und 60. Jahr, wenn sie eine Höhe von 17-20 m und eine Stammstärke von 1 m erreicht haben. Um recht trockenes Holz zu erhalten, ringelt man in Indien am untern Teil des Stammes Rinde und Splintholz ab und läßt den schnell absterbenden Baum zwei Jahre lang stehen. Da aber dadurch das Rissigwerden des Holzes begünstigt wird, ist diese Methode neuerdings auf Malabar verlassen worden. Das Holz wird in Indien vielfach benutzt, aber auch in großen Mengen nach Europa und Nordamerika eingeführt, wo es außer als Schiffbauholz zu großen Konstruktionen und zum Bau von Eisenbahnwagen verwendet wird. Es enthält in frischem Zustande ein Öl, das in Indien häufig das Leinöl ersetzt. Die Rinde benützt man zum Gerben, mit den Blättern färbt man Seide und Baumwolle purpurrot, auch dienen sie wie die Blüten als Heilmittel.
Ein sehr leichtes und weiches Holz kommt von Nordamerika in großer Menge nach Europa und findet hier hauptsächlich als Blindholz für furnierte Arbeiten, dann zu Wagenkastendecken und als Füllungen im Wagenbau, wie auch zu leichten Möbeln ausgedehnte Verwendung. Es ist dies das +amerikanische Pappelholz+ oder ~white wood~, das von dem auch bei uns als Zierbaum angepflanzten nordamerikanischen +Tulpenbaum+ (~Liriodendron tulipifera~) stammt. Auch das Holz des in China heimischen +Kampferbaums+ (~Laurus camphora~) findet außer zur Kampfergewinnung wegen seiner schön blaßrötlichen Farbe, vornehmlich in gemaserten Stücken, als Furnierholz vielseitige Benutzung.
Die +Palmenhölzer+, deren Farbe im Querschnitt gewöhnlich einen hellbräunlichen Grundton mit einer Menge kleiner, tiefschwarzer Punkte zeigt, die wie Fliegenkot aussehen, finden meist nur als Furnierhölzer zu Einlegearbeiten Verwendung. Damit hätten wir die für uns in Betracht kommenden Nutzhölzer erschöpft.
[6] Siehe das Nähere über die „Pilzwurzel“ oder ~Mycorrhiza~ im 13., die Pflanzengenossenschaften behandelnden Abschnitt meines Werkes: Das Leben der Erde, Verlag von Ernst Reinhardt, München 1908.
XXXII.
Die Nutzpflanzen der Wüste.
Nicht nur die mit atmosphärischen Niederschlägen gesegneten Gebiete der Erde haben ihre Nutzpflanzen, sondern auch die niederschlagsarmen und infolge ihrer Trockenheit allem Leben so feindlichen Wüsten. Und in diesen Wüsten sind solche begreiflicherweise von Tieren und Menschen, die ihnen begegnen, doppelt geschätzt. Nun sind alle Wüstenpflanzen vor allem darauf angewiesen, möglichst haushälterisch mit dem ihnen so spärlich zu Gebote stehenden Wasser umzugehen. Deshalb haben sie alle stark das Wasser verdunstenden Organe, so namentlich die Blätter, vielfach ganz abgeschafft oder doch bis auf kleine, bedeutungslose Schüppchen reduziert und haben außerdem, sei es in den unterirdischen Zwiebelknollen, wie bei den Lilienarten, sei es im oberirdischen Stamm, wie bei den sämtlich in Amerika heimischen Kakteen, teilweise sehr umfangreiche Wasserspeicher angelegt, während bei den altweltlichen, fast ausschließlich in Afrika vorkommenden Euphorbiazeen oder Wolfsmilchgewächsen und Aloëarten der Stamm auf ein Minimum reduziert ist und dafür die fleischigen Blätter zu Wasser aufspeichernden Organen geworden sind. In diesen schwammigen Geweben, die als Wasserreservoire dienen, ist das Wasser, um es nach Möglichkeit zurückzubehalten, an einen dicken, gallertartigen Schleim gebunden. Die ganze Pflanze ist von einer lederartigen, festen Oberhaut umgeben, die die Atmungsöffnungen auf das geringste Maß vermindert hat, um dem angesammelten Wasser keinen Durchlaß zu gewähren. Außerdem schränken Haare, Stacheln und Wachsüberzüge die Verdunstung fast bis zur Unmöglichkeit ein.
Die +Kakteen+ sind der Typus solcher Wüstenpflanzen. Sie sind lebende Wasserreservoire in der trockenen Wüste und deshalb für ihre wasserlosen Standorte so überaus bedeutsam. Die Hauptmasse eines jeden besteht aus an Schleim gebundenem Wasser, was ihnen in den wasserfreien Gegenden, auf die sie beschränkt sind, für Tiere und Menschen die größte Wichtigkeit verleiht. In Mexiko und in den mittel- und südamerikanischen Bergländern entscheiden sie durch ihr Vorhandensein oder ihre Abwesenheit geradezu über Leben und Tod. Und was dort der Mensch mit seinem langen Buschmesser, dem ~machete~, bewirkt, nämlich die zu ihrem Schutze an der Pflanze haftenden Stacheln abschlagen, um sie ergreifen und essen zu können, das erzielt das Maultier mit seinen Hufen. Mit derselben Leidenschaft, wie bei uns die Esel den Spuren der Disteln folgen, so geben sich dort die Maultiere mit wahrer Virtuosität dem Sport des „Kaktusschlagens“ hin, um in der wasserlosen Gegend zum allzu verlockenden saftigen Bissen zu gelangen. Allerdings werden sie dabei nur zu oft zu Krüppeln, indem die eisenharten, langen Stacheln tief in den Huf der Tiere eindringen, so daß viele dieser Einhufer mit gelähmten Beinen herumhumpeln. Nichtsdestoweniger müssen sie meist mit Gewalt von ihrer leidenschaftlichen Begierde nach dem leckeren Mahle abgehalten werden. Für den Menschen gibt es zwar angenehmere Getränke als den schleimigen, kühlen Saft der Kakteen; nichtsdestoweniger hat dieser klebrige Trunk verschmachtende Reisende, ja, ganze Expeditionen oft genug vom Tode des Verdurstens gerettet.
Außer durch ihr saftiges Mark sind die Kakteen auch durch ihre Früchte Tieren und Menschen in der Wüste nützlich. Unter diesen Kakteenfrüchten sind am bekanntesten diejenigen des von den Mexikanern Tuna genannten +Tuna-Feigenkaktus+ (~Opuntia tuna~). Sie sind bis apfelgroß, hellrot, angenehm säuerlich und werden nach Entfernung der dicken, stacheligen Schale frisch oder gedörrt in Menge vom Menschen gegessen; aus den unreifen Früchten gewinnt man durch Kochen ein an Apfelmus erinnerndes Kompott. Einige Indianerstämme rösten auch die saftigen, süßen Stengel, bevor sie sie essen. Ein naher Verwandter von ihm ist der +gemeine Feigenkaktus+ (~Opuntia ficus indica~), der bald nach der Entdeckung Amerikas von den Spaniern nach ihrer Heimat gebracht wurde und sich von da über das ganze Mittelmeergebiet, Nordafrika und Westasien verbreitete und dem Menschen ein geschätztes Obst liefert.
Die weitaus wohlschmeckendsten Früchte unter allen Kakteen besitzt aber der in Westindien heimische ~Cereus triangularis~. Man nennt sie +Erdbeerbirnen+, da sie an beide Früchte erinnern. Sie haben die Größe eines Gänseeis und sind außen und innen scharlachrot. Der in Mexiko heimische, 6-13 m hohe und 0,6-1,3 m dicke +Riesenkaktus+ (~Cereus giganteus~) besitzt birnenförmige, grünlichgelbe Früchte in der Nähe des Wipfels, die innen schön rot und schmackhaft sind und viele kleine, schwarze Samen enthalten. Ihre Schale ist weichfaserig, saftig und süß. Für die Indianer sind die Früchte, die in bezug auf Geschmack an Feigen erinnern, nur viel saftiger sind, wahre Leckerbissen, mit denen sie sich als einziger Nahrungsquelle begnügen, solange sie solche haben können. Das Mark der Früchte wird von ihnen in luftdicht verschlossenen irdenen Töpfen konserviert, auch wird daraus ein klarer, lichtbrauner Sirup gepreßt.
Noch besser als die Früchte des Riesenkaktus sollen nach dem Urteil der Mexikaner diejenigen des +Thurberschen Kaktus+ (~Cereus thurberi~) schmecken, die ebenfalls in großen Mengen von ihnen gegessen werden. Sie sind etwa hühnereigroß und mit langen, schwarzen Stacheln besetzt. Sobald sie reif sind, was an ihrer rötlichen Farbe erkennbar ist, fallen die Stacheln ab, die Schalen bersten und lassen reichlich ein rotes, saftiges Mark, mit kleinen, schwarzen Samen durchsetzt, zutage treten. Dieser, wegen seiner süßen Früchte von den Mexikanern ~pitahaja dolce~ genannte Kaktus wird 5,5-6 m hoch und 15-20 cm dick und wird nach den Begriffen der Indianer und Mexikaner kultiviert, d. h. diese streuen den Samen der von ihnen gegessenen Früchte irgendwohin und überlassen das übrige der Natur. Auch aus dem saftigen, süßen Fruchtfleisch dieser Kaktusart läßt sich ein feiner Sirup gewinnen.
Ebenso nützlich ist der +Seeigelkaktus+ (~Echinocactus wislizeni~), der bei einem Durchmesser von 0,5 m nur 3 m hoch wird. Das Stengelmark dieses von den Mexikanern ~visnaga~ genannten, sehr stark bestachelten Kaktus schmeckt im Innern angenehm säuerlich und den Durst löschend, wenn es gekaut wird, während das Mark der Früchte sauer ist und deshalb nur selten als Speise dient; dagegen wird aus den kleinen schwarzen Samen durch Mahlen ein schmackhaftes Mehl bereitet. Die Reisenden in den Wüsten des nördlichen Mexiko und südlichen Arizona sind höchst erfreut, wenn sie ihm begegnen, da sie bei ihm ihren Durst auf angenehme Weise zu löschen vermögen. Fast alle an beiden Seiten der Wüstenwege wachsenden Seeigelkaktusse zeigen große Löcher, die von den durstigen Reisenden gebohrt wurden. Einzelne Abschnitte des Stammes werden als Kochgeschirr benutzt. Wenn ein wandernder Indianer sich ein Mahl zu bereiten wünscht, sucht er einen großen Echinokaktus, haut ein etwa 1 m langes Stammstück ab und höhlt es zu einem Troge aus. In diesen wirft er den weichen Markkern, welchen er bei der Aushöhlung gewann, und was er sonst Genießbares an Wurzeln oder Fleisch besitzt und fügt Wasser hinzu. Dann erhitzt er einen Feldstein im offenen Feuer so stark wie möglich und wirft ihn in den Trog. Ist der Stein abgekühlt, so wird er abermals erwärmt und ein zweites Mal in den Trog geworfen. Das genügt gewöhnlich zum Durchkochen der Masse; nur selten ist eine dritte Erwärmung des Steines notwendig.
Die Papajoindianer schälen die Rinde mit den Stacheln vom Stamm dieses Kaktus ab ohne ihn umzuhauen, lassen ihn einige Tage der Sonne ausgesetzt, spalten dann den Stamm, um den weichen Markkern zu gewinnen, den sie in Stücke schneiden und in dem aus den Früchten des Riesen- und Thurberkaktus bereiteten Sirup kochen. Wenn diese Stücke getrocknet sind, sollen sie einen Geschmack wie Zitronat besitzen.
Der in Zentralamerika heimische +Melonenkaktus+ (~Melocactus communis~), der eine 30-60 cm hohe, runde oder ovale, längsgefurchte Masse bildet, wird in Zeiten der Dürre besonders vom Vieh aufgesucht, das ihn mit den Hörnern von den Stacheln zu befreien und aufzubrechen sucht, um sich am saftigen Stamme zu laben. Seine angenehm säuerlich schmeckenden Beeren werden nicht bloß in Zentralamerika, sondern auch in Westindien häufig gegessen.
Alle Sorten von Kakteen dienen dem Vieh als Futter. Auf den großen Hazienden des nordwestlichen Mexiko wäre auf dem grasarmen Boden die als einzig lohnender Zweig der Landwirtschaft betriebene Viehzucht nicht möglich, wenn die Kakteen nicht wären, die die Rinder, Pferde und Maultiere geradezu am Leben erhalten. Und auch getrocknet dienen die Stämme als Nutz- und Brennholz, das nicht nur gegen alle Witterungseinflüsse unempfindlich, sondern auch so überaus leicht ist, daß ein Maultier die zehnfache Menge desselben an Stelle gewöhnlichen Holzes tragen kann.
Endlich hat einst zur Blütezeit der Cochenillezucht eine bestimmte Art derselben, die ~Nopalea coccinellifera~ in Mexiko, dem Dorado aller Kakteen, und in der Folge auch in anderen Tropenländern, wo diese lukrative Industrie eingeführt wurde, als Nährpflanze der Cochenilleschildlaus eine große wirtschaftliche Bedeutung gehabt; gehört doch das aus jenen Läusen gewonnene Karmin auch heute noch zu den edelsten Farbstoffen. Dadurch aber, daß die billigen Anilinfarben mit ihm in Konkurrenz traten, wurde der Cochenillekarmin als nicht mehr konkurrenzfähig in den Hintergrund gedrängt.
Da doch die verschiedenen Kakteen für alle wasserarmen und daher für eine andere Vegetation als diese ungeeigneten Gegenden so überaus wertvoll sind, ist es sehr zu verwundern, daß man sie nicht eigentlich durch systematische Züchtung zu verbessern suchte. Den ersten vielverheißenden Anfang dazu hat neuerdings der berühmte Pflanzenzüchter Luther Burbank in Santa Rosa in Kalifornien gemacht, dem es gelang, eine stachellose, großstengelige und überaus saftige Abart der Opuntie zu züchten, die sich außerordentlich einfach, durch Stecken eines Stückchens des fleischigen Stengels in den Boden, fortpflanzen läßt und außerdem ebenfalls stachellose, sehr wohlschmeckende und nahrhafte, feigengroße, rötliche Früchte zeitigt. Ein solches Zuchtprodukt ist für die Menschheit von unschätzbarem Wert, da es ihr auch die sterilsten Wüsten zu besiedeln gestattet. Erst mit einer solchen Nutzpflanze, die auch ohne Bewässerung gedeiht, kann sie sich mit ihren Haustieren in den ihr bisher verschlossenen Gebieten festsetzen und so weite Länderstrecken der Kultur erschließen, die bisher lebenfeindliche Öde und Wildnis waren. Durch solche Neuerungen ist der Menschheit, mag sie sich noch so sehr vermehren, auf unübersehbare Zeiten hinaus Raum genug zur Ausdehnung auf unserem Planeten gegeben. Welch herrliche Gärten werden dann die unendlichen, bisher toten Wüsten der Erde sein, wenn der Mensch auch die Sonnenwärme sich als Energiequelle dienstbar gemacht und überall durch Staubecken oder Pumpen Wasser zu seinen leiblichen und industriellen Bedürfnissen, wie auch zum Tränken seiner Haustiere und Nutzpflanzen, die desselben zu ihrer Existenz bedürfen, zur Verfügung haben wird!
Außer den Kakteen gibt es noch viele andere wenig bekannte Wüstenpflanzen, die schon heute in ihrer unveredelten, wilden Form dem Menschen von teilweise recht großem Nutzen sind. Es seien hier nur einige der wichtigsten kurz angeführt. So wächst im Gebiet der Kakteen, speziell auch in Mexiko, die noch auf trockenem, sandigem Boden gedeihende ~Yucca baccata~, von den Spaniern ~bayonett~ genannt. Sie liefert alle Jahre 1-6 Früchte, die in reifem Zustande in Form und Größe Bananen ähneln. Deren Farbe ist grünlichgelb und das Fruchtfleisch, in welchem große, schwarze Samen eingebettet sind, ist süß und schmackhaft. Ihre unreifen Früchte werden wie Kartoffeln in der Asche geröstet. Die kurz vor dem Aufbrechen gepflückten Blütenknospen werden ebenfalls geröstet und in diesem Zustande als Leckerbissen betrachtet. Aus den Blättern wird ein grober, aber sehr dauerhafter Faserstoff gewonnen.
Von dem Werte der auf dürrem, vulkanischem Boden Mexikos, Arizonas und Südkaliforniens wachsenden +Agaven+, die von den Mexikanern im großen kultiviert werden, ist an anderer Stelle bereits die Rede gewesen. An ihnen ist mancherlei nutzbar. Die Wurzeln werden geröstet genossen. In Wasser gekocht gibt die frisch geschnittene, kopfgroße Blütenstengelknospe einen guten Sirup und ein sehr angenehmes Gericht. Meist wird sie aber vor dem Ausbrechen vertieft abgeschnitten und der sich reichlich in die Höhlung ergießende Zuckersaft gesammelt, um durch Vergärung eine Art Wein, den Pulque, das Nationalgetränk der Mexikaner, daraus zu gewinnen.
In den westlichen Steppen Nordamerikas wächst die +Kama+ (~Camassia esculenta~), deren walnußgroße Zwiebelknollen von den Indianern sehr geschätzt sind, da sie wie Kartoffeln, nur süßer schmecken. Ihr Zuckergehalt muß ein beträchtlicher sein, da sie zerstampft und in Wasser gekocht einen guten Sirup liefern. Noch vor kaum mehr als einem Menschenalter hat diese bevorzugte Speise der Indianer im Staate Idaho zu einem blutigen Kriege, dem berüchtigten Kamakriege, geführt. Das Vieh der Ansiedler vernichtete diese Pflanze, welche sie, die Indianer, für ihren Lebensunterhalt nicht entbehren könnten. So lautete wenigstens die Begründung der Kriegserklärung gegen die Weißen. Aber auch die Blaßgesichter essen die Kamawurzel gern; denn nicht wenige Farmer lassen zur Erntezeit dieser Knollen im Juni und Juli von ihren Kindern Vorräte für die Küche sammeln.