Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte
Part 71
Sehr beliebte Parkpflanzen sind auch die verschiedenen +Ahorn+arten (~Acer~), deren doppelte Flügelfrucht die Kinder als Nasenreiter benutzen. Sie sind am nächsten mit den Roßkastanien verwandt und besitzen verschieden gelappte Blätter. Mehr in der Ebene und auf niedrigem Gebirge bis zu einer Höhe von 1100 m wächst der +spitzblätterige Ahorn+ (~Acer platanoides~), auch +deutscher Zuckerahorn+ genannt, da sein Frühjahrssaft Zucker gibt, dessen Gewinnung indessen nicht lohnt. Er ist ein allgemein beliebter Alleebaum, der im Harze bis zu 450 m hinaufgeht und hier die Nordgrenze seiner Verbreitung in Deutschland erreicht. Dagegen ist der ebenfalls 20-25 m Höhe erreichende +Bergahorn+ (~Acer pseudoplatanus~) ein echter Gebirgsbaum, der auf den Alpen bis 1600 m gefunden wird, nördlich bis Dänemark und Gothland geht und bei uns als einer der schönsten Bäume in Parkanlagen kultiviert wird. Sein Saft enthält ebenfalls Zucker, der aber nicht ausgebeutet wird. Sein hartes, weißes Holz mit vielen bräunlichen Spiegeln nimmt sehr leicht Politur an und ist als Werkholz geschätzter als das mehr gelbliche, weniger feine des spitzblätterigen Ahorns. Von ihm sind mehrere Spielarten mit weißgescheckten, gelb panachierten und dunkelroten Blättern vorhanden. Letztere Form ist nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls bei uns kultivierten nordamerikanischen +Rotahorn+ (~A. rubrum~), der den Namen von den schon im April vor dem Erscheinen der dreispitzigen grünen Blätter erscheinenden roten Blüten erhielt. Als Ziersträucher pflanzt man den oft nur 3 und nur ausnahmsweise 10 m hoch werdenden einheimischen +Feldahorn+ (~A. campestre~) und den nur 2,5-3 m hohen +südfranzösischen Ahorn+ (~A. monspessulanum~, d. h. von Montpellier), der an felsigen Orten am Mittelrhein wild wächst.
Sehr häufig findet sich bei uns auch der 1734 durch Collinson zuerst nach England gebrachte und von da auf den europäischen Kontinent herübergekommene nordamerikanische +Zuckerahorn+ (~A. saccharinum~), der seinen Namen davon hat, daß sein Frühjahrssaft auf Zucker verarbeitet wird. Er hat unserm Spitzahorn ähnliche, nur unten statt glatte grüne, leicht behaarte, bläulichgrüne Blätter, die im Herbst eine prachtvolle orangerote Färbung annehmen, woran der Baum leicht zu erkennen ist. Trotz seiner Schönheit und Winterhärte hat aber dieser Zuckerahorn bei uns nicht die Verbreitung gefunden, die er verdient, wohl weil ihm frühzeitig schon in dem nicht minder prächtigen, ebenfalls bereits im 18. Jahrhundert aus Nordamerika bei uns eingeführten +Silberahorn+ (~A. dasycarpum~) mit außerordentlich zierlichem, tiefeingeschnittenem, unterseits silberhaarigem Laub ein gefährlicher Mitbewerber entstand. Auch unsere +Mistel+ (~Viscum album~) hat bereits von dem schönen Fremdling Besitz ergriffen, ja, sie ist auf wenigen Bäumen so häufig wie auf dem Silberahorn. Er hat eben ein sehr weiches Holz, so daß er wegen des geringen Holzwertes nicht für den Anbau im Walde in Betracht kommt, während der Zuckerahorn dafür vielfach empfohlen wird.
Auch der nordamerikanische, ebenfalls zur Zuckergewinnung benutzte +schwarze Ahorn+ (~A. nigrum~) ist häufig in unsern Anlagen zu treffen; ebenso der strauchartige, in ganz Rußland, besonders an der Wolga, wildwachsende +tatarische Ahorn+ (~A. tataricum~) mit herzförmigen, gesägten Blättern und lange nach diesen in dichten Rispen hervorbrechenden weißen Blüten, die unsern Ahornarten ähnliche rote Früchte hervorgehen lassen, und der sich durch dreiteilige Blätter mit langem Mittellappen von ihm unterscheidende +mandschurische Ahorn+ (~A. ginnala~). Südeuropa lieferte uns die ebenfalls strauchartigen ~Acer italicum~ und ~A. creticum~. Diese nannten die Griechen ~sphéndamnos~, während die Römer unter ~acer~ wohl den noch in Norditalien vorkommenden Spitz- und Bergahorn verstanden. Aus dem lateinischen Eigenschaftsworte ~acernum~ (ahornen) soll die deutsche Bezeichnung Ahorn entstanden sein.
Am meisten vom Ahorntypus weichen die Blätter des ebenfalls aus Nordamerika in unsere Anlagen gebrachten, bis 12 m hohen zweihäusigen +Eschenahorns+ (~Acer negundo~) ab. Sie sind 3-5zählig gefiedert, haben aber gleichwohl keine besondere Ähnlichkeit mit dem Eschenblatte. Dieser Baum wird in seiner Heimat nächst dem Zuckerahorn am meisten zur Zuckergewinnung benutzt und weist verschiedene Spielarten mit weißbunten und gelbbunten Blättern auf. Diese panachierten Formen werden bei uns noch viel häufiger als die normale Form des Eschenahorns kultiviert. Die kronenlosen Blüten erscheinen lange vor dem Ausbruch der Blätter, und die in langen, schlaffen Trauben herabhängenden Doppelfrüchte sind sehr klein und ihre Flügel krümmen sich so weit gegeneinander, daß sie sich am freien Ende nahezu berühren.
Prächtige Zierbäume unserer Anlagen bilden auch die verschiedenen Arten von +Eschen+ (~Fraxinus~). Die in feuchtem Humus-, nicht aber auf Sandboden gedeihende +gemeine Esche+ (~Fraxinus excelsior~), die ~melía~ der Griechen und der ~fraxinus~ der Römer, spielt in der nordischen Mythologie eine große Rolle. Sie ist der mit seinen weitreichenden Wurzeln alles umfassende Weltenbaum Ygdrasil, und der altgermanischen Sage nach ging aus ihr der Mann hervor, während aus der Erle das Weib entstand. Bei den alten Deutschen hieß nach der Esche ~ask~ der allgemein benutzte (eschene) Speer ~asks~. Noch im Mittelalter pflanzte man in der Nähe der Burgen Eschen an, um aus ihrem Holze Lanzenschäfte, Streitaxtstiele und andere Waffenteile und Geräte anzufertigen. Schon in der Ilias ist der eschene Speerschaft der vorzugsweise gebräuchliche. Da ihr Laub vom Vieh, besonders von Schafen und Ziegen, gerne gefressen wird, pflanzte man sie nach Columella bei den Römern in besondern Plantagen an. Außer der gewöhnlichen Form werden in unsern Gärten verschiedene Zierformen derselben gezogen; so die +Traueresche+ mit im Bogen abwärts gekrümmten Seitenästen. Sie wird häufig in der Weise verwertet, daß solche Hängezweige auf einen 2-3 m hohen Stamm gepfropft werden, so daß mit der Zeit eine dichte, nach allen Seiten gleichmäßig abwärts gewölbte Schirmlaube entsteht, für die ein weiteres Höhenwachstum natürlich ausgeschlossen ist. Dann die +Goldesche+ mit goldgelb gescheckten, die +Krausesche+ mit faltig gekräuselten Blättern, eine einfachblätterige Spielart mit der eiförmigen, ungeteilten Urform des Blattes mit allen Übergängen zum fiederteiligen Eschenblatte und eine solche mit weißgescheckten Blättern.
Von fremden Eschen begegnen wir am häufigsten der auch in unsern Wald eingeführten +Weißesche+ (~Fraxinus americana~), die durch rostbraune Knospen und gelbliche Triebe kenntlich ist, der +pennsylvanischen+ oder +Rotesche+ (~Fr. pennsylvanica~) und der +Schwarzesche+ (~Fr. nigra~), alle drei aus dem atlantischen Gebiete Nordamerikas. Ebenso finden wir als Zierbaum in unsern Anlagen die 6-9 m hohe südeuropäische +Blumen-+ oder +Mannaesche+ (~Fr. ornus~) mit dreipaarig gefiederten Blättern und unverkümmerten, sondern als Kelch und Blumenkrone vierspaltig ausgebildeten weißen oder rötlichen Blüten. Aus ihrer Rinde fließt durch das Anstechen der Mannazikade, am häufigsten aber durch täglich ausgeführte Kreuzschnitte ein süßer, an der Luft erhärtender Saft, der getrocknet den Mannazucker liefert, welcher in großer Menge von Südeuropa, besonders von Sizilien und Kalabrien, wo der Baum in großen Plantagen angebaut ist, in den Handel gebracht wird, um besonders als gelindes Abführmittel für Kinder zu dienen.
Nahe mit den Eschen verwandt sind die Forsythien, der Jasmin und der Flieder. Die erstgenannten haben ihren Namen vom englischen Botaniker W. A. Forsyth, der 1791 über Krankheiten der Bäume und 1802 über die Kultur der Obstbäume schrieb, und stammen aus China und Japan. Die bei uns häufigste Art ist die zu Frühjahrsbeginn, oft schon im März, ihre großen, vierzipfligen, gelben Blüten vor dem Ausbrechen der einfachen, leichtgesägten Blätter hervortreibende +hängende Forsythia+ (~F. suspensa~) mit anfangs aufstrebenden, später überhängenden braunen Zweigen. Seltener ist die gegen Kälterückschläge empfindlichere +grüne Forsythie+ (~F. viridissima~) mit grünen Zweigen, an denen die Blätter fast gleichzeitig mit den ebenfalls gelben Blüten erscheinen. Wie sie stammt auch als weiterer Frühblüher der mit ihr verwandte +gelbe Jasmin+ (~Jasminum nudiflorum~), den man in geschützten Lagen häufig mit ihr zusammen antrifft, aus China. Dessen grüne, vierkantige Zweige schmiegen sich gern an Mauern und Zäune an. Die dreiteiligen Blättchen brechen erst hervor, wenn die an Schlüsselblumen erinnernden gelben Röhrenblüten verblüht haben.
Ähnliche, nur viel kleinere, dafür aber viel zahlreichere, in Rispen vereinigte, sehr wohlriechende, meist violette Blüten hat der +gemeine Flieder+ (~Syringa vulgaris~), auch +türkischer+ oder +spanischer Flieder+ und nach der türkischen Benennung der Pflanze ~lilas~ auch +Lila+ genannt. Dieser 3-7 m hohe Strauch mit herzförmigen Blättern und den schönen, angenehm duftenden „Lilablütensträußen“ stammt aus Vorderasien und ist schon so lange in Kultur, daß von ihm eine Menge auch weiß und rötlich blühender Varietäten gezüchtet wurden. Ja, es gibt von ihm sogar eine gefüllte Form, die der Gärtner Lemoine in Nancy zuerst in den Handel brachte; dieselbe stammt von einem ungefüllten Flieder und entstand als Sprungvarietät im Garten eines Privatmannes in Luxemburg, von dem sie Lemoine erwarb. Dieser im modernen Park wie im altmodischen Bauerngarten gleich beliebte Zierstrauch stammt von einem Exemplar, das Ghislenius Busbequius, der Gesandte Kaiser Ferdinands I., 1560 aus der Türkei zuerst nach Wien brachte. Seitdem ein französischer Gärtner in Vaugirard bei Paris vor 60 Jahren durch Zufall fand, daß sich beim Flieder leicht die winterliche Ruhezeit abkürzen läßt, so daß er schon im Winter wieder zum Blühen gebracht werden kann, wird er in ausgedehntem Maße „getrieben“. Hierzu dient entweder vorübergehendes Betäuben durch Ätherisieren, d. h. Einwirkenlassen von Ätherdämpfen, oder eine genau abgestimmte Hitzewirkung, meist ein Bad in warmem Wasser. Jetzt ist die Fliedertreiberei besonders in Frankreich sehr ausgedehnt. So bringt beispielsweise eine einzige Gärtnerei bei Paris von Mitte November bis zum Mai 100000 Fliederpflanzen zum Treiben. Zur Anzucht dieser gewaltigen Pflanzenmasse dient eine Baumschule von 80 Hektaren, in welcher die Stecklinge bis zum 5. bis 9. Jahre gezogen werden. Dann kommen die Fliederbüsche in ausgedehnte Treibhäuser, wo sie bei 28-30° C. zuerst im Dunkeln gehalten werden. Man läßt an jedem Zweig nur 2-4 Blütenknospen und 2 Blattknospen stehen und entfernt alle übrigen Knospen, damit der Saft die Blüten und Blätter der stehenbleibenden Knospen möglichst kräftig ernähre. Nach 20 Tagen sind die reinweißen Blüten erschlossen, strömen einen köstlichen Wohlgeruch aus und können in der an Blumen so armen Winterszeit zu guten Preisen verkauft werden. Auch in Südfrankreich und an den übrigen Orten der Parfümgewinnung wird der Flieder zur Gewinnung des Blütenduftes im großen angepflanzt. Dabei dient die daraus gewonnene Fliederessenz häufig als Ersatz der Tuberosenessenz.
Auch im Freien hat man mehrfach beobachtet, daß Fliederbüsche, die im Herbst, etwa bei einer Feuersbrunst, großer Hitze ausgesetzt waren, soweit sie dadurch nicht zerstört wurden, bald darauf wieder zu treiben und zu blühen begannen. Frühblühend und zum Treiben verwendbar ist auch der sonst zartere +persische Flieder+ (~Syringa persica~), an dessen mit schmaleren Blättern besetzten Zweigen sich mehr lockere, duftigere Blütenbüschel wiegen. Vom +chinesischen Flieder+ (~S. chinensis~), dessen reichblühende Zweige sich unter der Last der dichten, schwach duftenden Blüten zur Erde neigen, steht nicht fest, ob er nicht nur eine Gartenform, ein Kreuzungsprodukt darstellt. Während alle diese frühblühenden Fliederarten durch glatte, unbehaarte Blätter ausgezeichnet sind, gibt es auch späterblühende Arten mit behaarten Blättern, die uns noch im Juli mit ihrem Blütenschmuck erfreuen. Zu ihnen gehört der wohlriechende +Emodi-Flieder+ (~S. emodi~), so genannt nach seiner Heimat, dem Distrikt Emodi im westlichen Himalaja. Er trägt länglichlanzettliche Blätter, deren weißliche Unterseite die zum Teil rauhbehaarten Blattnerven deutlich hervortreten läßt. Ferner der in Siebenbürgen vorkommende, nach seiner Entdeckerin, der ungarischen Freifrau Rosalie von Josika, benannte +Josika-Flieder+ (~S. josikea~) mit bewimperten Blättern und sehr langen, dunkelvioletten Blütenrispen.
In der heimischen Pflanzenwelt ist dem Flieder am nächsten verwandt der wenigstens in Süddeutschland wildwachsende +Liguster+, auch +Rainweide+ genannt (~Ligustrum vulgare~), der im Juni in weißen Rispen blüht und als „Tintenbeeren“ bezeichnete schwarze, beerenähnliche Steinfrüchte hervorgehen läßt. Wie diese werden verschiedene fremde Arten, so besonders die sehr reichblühende +japanische Rainweide+ (~L. ibota~), gerne zu Hecken benutzt, da sie sich leicht schneiden lassen, ihr grünes Laub zum Teil im Winter behalten und durch ihren dichten Wuchs den Vögeln vollkommene Nistplätze, daneben in ihren Beeren auch Futter spenden.
Ein beliebter Gartenzierstrauch ist endlich auch die +Tamariske+ (~Tamarix~), die ~myríkē~ der Griechen und Römer, die nach Plinius -- von manchen für einerlei mit der ~tamarice~ gehalten -- beim Volke als Unglücksbaum galt, „weil sie nichts trägt und nirgends gepflanzt wird“. Viel häufiger als die 1-2,5 m hohe, buschige +deutsche Tamariske+ (~Myricaria germanica~) mit kleinen rosenroten Blüten in langen Ähren an den Zweigenden, deren Samen von den Bergbächen in die Ebene herabgeschwemmt wird, so daß sie neben dem bereits besprochenen Sanddorn (~Hippophaē rhamnoides~) ein häufiger Gast auf den Flußgeschieben des Alpenvorlandes ist, wird die in Südeuropa an feuchten Plätzen häufige +französische Tamariske+ (~Tamarix gallica~) zur Verzierung von Strauchgruppen in Gärten gepflanzt. Ihre fein zerteilten, überaus zarten Blätter trugen ihr den begründeten Namen „Federstrauch“ ein. Wenn sie blüht, stehen die in außerordentlich dichten Ähren hervorbrechenden kleinen, blaßvioletten Blüten so gehäuft, daß darunter das Grüne der Blätter vollkommen verschwindet.
Nachdem wir nun die um ihrer Schönheit willen gewürdigten Ziersträucher einer eingehenden Besprechung unterzogen haben, wollen wir noch kurz die nützlichen unter denselben würdigen, die in ihren Früchten nicht nur den Vögeln, sondern auch dem Menschen eine willkommene Speise darbieten. Unter ihnen ist zunächst der +Holunder+ (~Sambucus nigra~) zu nennen, von den Griechen ~aktḗ~, von den Römern ~sambucus~ genannt. Er war schon im frühesten Altertum eine bekannte und geschätzte Heilpflanze, deren Blüten als schweißtreibender Tee und deren schwarze Beeren als Hustenmittel genossen werden. Daneben sind letztere vielfach auch, so besonders in Norddeutschland, ein beliebtes Genußmittel geworden. Die Früchte des +Zwergholunders+ (~Sambucus ebulus~) sind nur in vorgeschichtlicher Zeit, so von den anspruchslosen Pfahlbauern der neolithischen Zeit, zusammen mit den Beeren des gemeinen Holunders als Obst genossen worden, doch waren sie nebst andern Teilen der Pflanze schon im Altertum als Heilmittel geschätzt. Bei Dioskurides um die Mitte des 1. christlichen Jahrhunderts heißt er ~chamaiáktē~, d. h. niederer Holunder, bei den Römern ~ebulus~ und bei den Deutschen ~atich~, das sich später in Attich verwandelte. Seine Beeren sollen nach dem schweizerischen Botaniker Oswald Heer, der die Samenkerne in neolithischen Pfahlbauten der Ostschweiz fand, schon von den Pfahlbauern am Ende der Steinzeit zum Färben mit einem hellen Blau verwendet worden sein. Jedenfalls wurden sie, wie diejenigen des gemeinen Holunders, noch im klassischen Altertum zum Färben benutzt. So sagt Theophrast, daß der weinfarbige Saft der unreif rötlichen, reif aber schwarzen Beeren des Holunders den Leuten dazu dient, um sich Hände und Kopf zu färben. Nach Plinius dienten sie besonders zum Färben der Kopfhaare, und in einer Ekloge Vergils heißt es: „Das Gesicht des Gottes Pan war mit den blutigen Beeren des Zwergholunders (~ebulus~) gefärbt.“
Die +Berberitze+ (~Berberis vulgaris~) wird zum erstenmal im Drogenverzeichnis des Platearius aus dem 12. Jahrhundert erwähnt; ihr Name scheint arabischen Ursprungs zu sein. Im 16. Jahrhundert erfreute sie sich großer Beliebtheit und wurde aus ihren Beeren in Frankreich und Deutschland ein Wein gemacht. Der +Brombeerstrauch+ (~Rubus fruticosus~), dessen Früchte ein beliebtes Kompott geben und von jeher vom Menschen gerne gegessen wurden, hieß bei den Griechen ~bátos~, bei den Römern dagegen ~rubus~ und seine Frucht wegen deren Ähnlichkeit mit der Maulbeere ~morum~. Dioskurides und Plinius sagen, daß der Brombeerstrauch den Menschen die eßbaren Früchte liefere, die, wie auch die Blätter, zu Heilzwecken gebraucht werden. Und Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. schreibt: „Im September sammelt man Brombeeren, preßt ihren Saft aus, läßt ihn etwas gären, mischt dann ein Drittel Honig hinzu und kocht die Mischung bis zur Honigdicke ein.“ Wie im Altertum wurden auch im Mittelalter neben den Früchten die Blätter und jungen Schößlinge der Brombeere als Arznei benutzt. In Karls des Großen ~Capitulare de villis~ vom Jahre 812 wird ein mit Honig und Gewürzen bereiteter Brombeerwein als ~moratum~ erwähnt, der ebenso wie das aus Maulbeeren hergestellte gleichlautende Getränk das ganze Mittelalter hindurch in Klöstern wie in Bürgerhäusern gerne getrunken wurde. In den lateinischen Glossen des Abtes Caesarius von Heisterbach im Siebengebirge bei Bonn aus dem 13. Jahrhundert heißt es: „Unsere Leute werden gehalten, Brombeeren zu sammeln zur Bereitung des Moratum für Feierlichkeiten, kranke Klosterbrüder und hohen Besuch.“
Im Altertum wie im Mittelalter wurde sprachlich nicht zwischen Brombeere und Himbeere unterschieden. Der griechische Arzt Dioskurides nennt beide ~bátos~ und unterscheidet letztere von der ersteren durch den Zusatz ~idaía~, weil sie in Menge auf dem (Berge) Ida wachse. Er sagt von den beiden: „Der Himbeerstrauch ist viel zarter als der Brombeerstrauch, hat nur kleine Stacheln und findet sich auch ganz ohne Stacheln (was übrigens auch jetzt noch der Fall ist). Man benutzt beide Sträucher in derselben Weise.“ Nach dem griechischen Beispiele nannten auch die Römer (z. B. Plinius) die Himbeere im Gegensatz zur Brombeere ~rubus idaeus~. Die +Himbeere+ (~Rubus idaeus~), aus deren Früchten ebenfalls ein wohlschmeckender Beerenwein gekeltert werden kann, wurde teilweise schon im Mittelalter in Klostergärten angepflanzt. Vom 16. Jahrhundert an wurde sie dann auch sehr häufig in den Gärten der Bürgersleute kultiviert. Der im Jahre 1560 in Basel als Sohn eines Refugianten aus Amiens in der Picardie geborene Kaspar Bauhin sagt in einem 1598 in Frankfurt a. Main erschienenen Werke botanischen Inhalts, daß die Himbeere in Böhmen aus den Wäldern in die Gärten verpflanzt sei, und Clusius unterscheidet in seiner 1610 in Antwerpen erschienenen Geschichte seltener Pflanzen rote und weiße (gelbe) Himbeeren. Zu unserer einheimischen kam im 19. Jahrhundert die +kanadische Himbeere+ (~R. odoratus~), deren große, rote, in Doldentrauben gehäufte Blüten mit leichtem Wohlgeruch flache, rötliche Früchte hervorgehen lassen, die aber zum Essen keinen besonderen Genuß gewähren. Deshalb wird der mit großen, mehrlappigen Blättern besetzte Strauch bei uns nur als Zierpflanze kultiviert.
Die +Erdbeere+ (~Fragaria vesca~) finden wir zum erstenmal bei Ovid und Vergil im 1. Jahrhundert v. Chr. als ~fragum~ erwähnt. Plinius der Ältere vergleicht die Frucht mit derjenigen des Erdbeerbaums (~unedo~) und sagt, daß beide sich durch ihre Substanz unterscheiden. Nutzpflanze war sie auch im Mittelalter nicht bloß ihrer Früchte, sondern auch der Blätter wegen, die vielfach als Heilmittel benutzt wurden. Kulturpflanze aber wurde sie erst im 16. Jahrhundert. In einem 1537 in Basel erschienenen botanischen Werke erzählt Ruellius, daß die Erdbeere in die Gärten verpflanzt werde, damit sie größere Früchte gebe, und daß dabei die roten Früchte sich teilweise in weiße umgeändert hätten. Ähnliche Angaben finden sich auch bei den deutschen Vätern der Botanik. Bei Elsholtz 1690 werden noch dieselben Varietäten der Walderdbeere als Gartenpflanzen genannt, ebenso bei Weinmann in Regensburg 1737. Es hat also lange gedauert, bevor amerikanische Erdbeeren nach Deutschland gelangten; denn nach Alphonse de Candolle wurde die frühreife +nordamerikanische Erdbeere+ (~Fragaria virginiana~) mit großen, fast kugeligen, tiefgrubigen, scharlachroten Früchten aus Virginien erst 1629 in englische und die +chilenische Erdbeere+ (~F. chilensis~) mit den größten Früchten unter allen Erdbeerarten 1715 in französische Gärten eingeführt. Letztere Art wurde zuerst am ~Musé d’histoire naturelle~ in Paris gepflanzt und von da verbreitete sie sich nach England, Deutschland und den übrigen Ländern Europas. Bastardformen beider hat dann die europäische Gartenkultur in den Ananaserdbeeren hervorgebracht, deren große, wohlschmeckende Früchte heute in solchen Mengen auf den Markt kommen, daß sich auch der Unbemittelte an ihnen für wenig Geld erlaben kann.
Über die chilenischen Erdbeeren schreibt Professor Otto Bürger in seinem 1909 erschienenen Buche: Acht Lehr- und Wanderjahre in Chile: „Die erste Frucht des Frühlings ist die +Erdbeere+. Ende Oktober bis in den Dezember hinein hört man schon früh morgens die Frutilleros, die Erdbeerenverkäufer, welche von Renca und Conchali kommen, ihre Ware, die in zwei Körben aus rohen Häuten über einem Maultiere hängt, ausrufen: „~la frutilla, la frutilla~“ oder „~el frutillero, el frutillero; compra la frutilla~!“ Und dann kann man 100 Mammuterdbeeren anfänglich für 60-50 (1 Mark bis 85 Pfennige), später für 40-30 Centavos (68-51 Pfennige) erstehen.“
„Die Frutilla (~Fragaria chilensis~) ist eine einheimische Art, in den mittleren und südlichen Provinzen, vornehmlich in der Vorkordillere von Nuble und im Bereich der Küste von Concepción bis zum Rio Palena und vielleicht bis zur Magelhaensstraße verbreitet. Die Erdbeere ist das einzige chilenische Gewächs, welches wegen seiner Früchte nach Europa verpflanzt wurde. Dem französischen Gelehrten und Reisenden Frezier gebührt solches Verdienst. Er nahm im Jahre 1712 oder 1713 fünf Pflänzchen von Concepción mit, von denen er aber zwei dem Kapitän seines Schiffes als Vergütung für das zum Begießen erforderliche süße Wasser zu belassen hatte. Die übrigen drei brachte er nach Frankreich, und sie riefen alle jene großen Kulturen ins Leben, welche es bis 1820 gab; dann erst gestattete die größere Handelsfreiheit einen Nachschub (Cl. Gay, ~Agricultura~, Bd. 2, S. 113-114). Nachdem sich die chilenische Erdbeere in Europa veredelt hatte und zu riesigen Dimensionen gezüchtet worden war, wurde sie wiederum nach Chile verschifft und gab hier jenen ausgedehnten Erdbeerchacras (~chacra~, aus der indianischen Quetschuasprache Perus entnommener Ausdruck für kleines Landgut) den Ursprung, wie sie bereits in der Mitte des vorigen Jahrhunderts um Santiago herum bestanden. Namentlich von Kindern wird noch eine kleine Sorte als ~fresa~ angeboten, die der Chilene gern zur Bowle nimmt -- er braut sich ein solches Getränk aus zerquetschten Erdbeeren und Weißwein. Diese stammt von der gemeinen europäischen Erdbeere ab, die 1830 nach Chile eingeführt wurde.“ Von den über 400 Erdbeerarten, die von unseren Gärtnern durch Kreuzungen und Kulturpflege erzielt wurden, ist außer den vorgenannten besonders auch die +großblumige+ oder +Ananaserdbeere+ (~Fragaria grandiflora~) aus Surinam mit großen, scharlachroten, verschieden geformten, meist breiter als hohen, unregelmäßigen, oft fast gelappten Scheinbeeren zur Bastardierung benutzt worden.