Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte
Part 69
Auch in der Folgezeit waren es stets die Kriege mit der sich daran knüpfenden Verrohung und Verwilderung der Sitten, welche wie die Unmäßigkeit im Genusse geistiger Getränke überhaupt, so auch speziell dem Schnapstrinken gewaltigen Vorschub leisteten. So waren es besonders der Siebenjährige Krieg (1756-1763) und danach die napoleonischen Feldzüge, welche diese für das Volkstum überaus verderbliche Unsitte in hohem Maße förderten. Zugleich damit wurden die Verfahren zur Herstellung konzentrierter geistiger Getränke immer mehr vervollkommnet und besonders auch billige Rohmaterialien wie Korn und Kartoffeln zu deren Gewinnung verwendet, wodurch der Preis natürlich mehr und mehr sank, so daß selbst die Ärmsten sich für wenige Pfennige den Genuß von Schnaps gestatten konnten. Die Folge davon war die „Branntweinpest“, die besonders im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts eine bedenkliche Verbreitung fand. Sie veranlaßte die erste antialkoholische Bewegung, welche recht schöne Früchte zu zeitigen begann, als die Revolution von 1848 einsetzte und ihren verdankenswerten Bestrebungen ein vorzeitiges Ende machte.
In der Folge nahm der Mißbrauch geistiger Getränke wieder bedeutend zu und erreichte eine beängstigende Höhe als die moderne Temperenzbewegung einsetzte und den Alkohol in jeder Form als Plasmagift feststellte, das den Einzelnen wie auch seine Nachkommen vom Mutterleibe an zugrunde richtet, die größten sozialen Schäden hervorruft und geradezu den Kulturfortschritt bedroht. Ist es nicht eine geradezu beunruhigende Tatsache, zu vernehmen, daß die Bevölkerung des Deutschen Reiches nicht weniger als drei Milliarden Mark jährlich für den Kauf geistiger Getränke ausgibt. Das macht pro Kopf, selbst die keine geistigen Getränke zu sich nehmenden Säuglinge und Kinder mitgerechnet, +60 Mark jährlich+. Es ist dies ein ungeheurer Luxus, der im Begriffe ist, die bedenklichsten Folgen zu zeitigen! Gibt doch das deutsche Volk in demselben Zeitraum eines Jahres nur wenig mehr, nämlich 3060 Millionen Mark, für das wichtigste Lebensmittel, nämlich für Getreide, Brot, Mehl und Backwaren einschließlich der Kartoffeln aus.
Unter diesen 3000 Millionen Mark, die das deutsche Volk jährlich für geistige Getränke ausgibt, fallen fast zwei Drittel auf das Bier. Der Bierkonsum hat durch alle Schichten der Bevölkerung eine solche Ausdehnung erlangt, daß er trotz seines verhältnismäßig schwachen Alkoholgehaltes die schlimmste Geißel des neu angetretenen Jahrhunderts zu werden verspricht. Sein Konsum hat sich in den letzten 40 Jahren bei uns geradezu vervierfacht und beträgt heute schon über 140 Liter auf den Kopf der Bevölkerung jährlich. Davon entfällt mehr als das Doppelte dieser Zahl an jeden Einwohner der eigentlichen Bierländer wie München, wo das Bierherz und die Biernieren sehr gewöhnliche Erscheinungen der Krankenhäuser sind.
Es ist durch sorgfältige statistische Erhebungen nachgewiesen, daß heute im Deutschen Reiche nicht weniger als 1/15 des Ackerbodens allein für die Gewinnung der Rohprodukte zur Bereitung alkoholhaltiger Getränke verwendet wird, und daß jeder sechzehnte arbeitsfähige Deutsche für die Erzeugung und den Vertrieb geistiger Getränke arbeitet. Alle diese Leute erhöhen nicht im geringsten den Volkswohlstand, sondern untergraben ihn vielmehr direkt, indem sie unter vorzugsweiser Bereicherung des Großkapitals der Verarmung und geistigen wie körperlichen Zerrüttung der großen Massen des Volkes den denkbar größten Vorschub leisten, die Kranken- und Armenhäuser, die Gefängnisse und Irrenanstalten füllen helfen und eine Unzahl sozialer Übel heraufbeschwören.
Heute trinkt man nicht mehr die leichten, nicht haltbaren Biere, wie dies unsere Vorfahren taten, die höchstens 2 Prozent Alkohol enthalten, sondern solches von durchschnittlich 4,5 Prozent bis zum schweren Exportbier mit 8 Prozent Alkohol. Diese nähern sich sehr dem Wein, der zwischen 9 und 15 Prozent Alkohol enthält, während die mit Branntweinzusatz haltbar gemachten Südweine bis 22 und 24 Prozent Alkoholgehalt steigen können und allmählich zu den Likören führen, die 30 und mehr Prozent daran enthalten. Diese +Liköre+ werden in der verschiedensten Stärke und Zusammensetzung aus entfuseltem Branntwein mit Zusatz von Zucker, der ihm den milden, öligen Charakter verleihen soll, aromatischen Pflanzenextrakten und Wasser in verschiedener Menge hergestellt und, mit den verlockendsten Phantasienamen versehen, zum Kaufe angeboten. Diese führen unmittelbar zu den eigentlichen Schnäpsen, deren schwerste bis zu 70 Prozent Alkohol enthalten und ätzend wie Feuerwasser den Schlund hinabgleiten.
Von dem im Deutschen Reiche erzeugten Branntwein kommen abzüglich des exportierten durchschnittlich etwa 12 Liter auf den Kopf der Bevölkerung. Nicht weniger als 78 Prozent desselben werden aus Kartoffeln, 16 Prozent aus Getreide, 3 Prozent aus Melasse, 2 Prozent aus Wein, Weinhefe und Trebern und nur 1 Prozent aus Obst und Obsttrebern hergestellt. Für die Gewinnung des gemeinen +Spiritus+, der auch für die technische Verwertung große Bedeutung erlangt hat, ist heute die stärkemehlreiche Kartoffel das wichtigste Rohmaterial, wie sie auch im Speisezettel von uns Mitteleuropäern eine dominierende Rolle spielt.
Da der muhammedanischen Welt der Genuß geistiger Getränke von ihrem Propheten verboten wurde, benützt sie die Trauben, soweit sie dieselben nicht frisch genießt, durch Einkochen von deren süßen Saft zur Herstellung von Sirup und verwendet sie auch getrocknet in Form von Rosinen. In Asien ist die Traubenkultur besonders in Persien verbreitet, wo die einheimische Kischmischtraube, aber auch die südspanische Malagatraube gezogen wird. Dort wird außer dem Schire genannten Traubensirup auch ein von den weniger strenge an den Satzungen Muhammeds hängenden Persern genossener würziger Wein hergestellt, der als Wein von Schiras oft genug von den Dichtern besungen wurde. Außerordentlich alt ist die Rebenkultur auch in Ostasien, wo das sehr früh zu namhafter Kultur emporgestiegene mongolische Volk der Chinesen außer dem jetzt dort einzig noch gebräuchlichen Reisbranntwein schon vor 4000 Jahren den Wein kannte und die heute noch in Nordchina wildwachsende Rebe mit herrlichen Trauben zu dessen Herstellung fleißig anpflanzte. Am Wein labten sich damals nicht nur die Menschen, sondern er diente wie im Orient und bei Griechen und Römern gleicherweise als Opfertrank für die zu ehrende Gottheit. Doch wurde später seine Gewinnung und Benutzung von einsichtsvollen Regenten verboten, und auf ihre strenge Weisung hin mußten die Weingärten unerbittlich ausgerodet werden. Auch als zur Zeit der römischen Kaiser die von Seidenhändlern aus Westasien nach China mitgebrachte Rebe angebaut und Wein daraus zu bereiten versucht wurde, untersagte die Regierung dieses Beginnen abermals. So vermochte der Weinbau selbst im nördlichen China, wo er sehr gute Bedingungen fände, bis heute nicht aufzukommen. Doch haben seit 1890 Europäer kalifornische und österreichische Reben in Tschifu in der Provinz Schan-tung eingeführt, und auch die fortschrittlich gesinnte Regierung von Japan hat seit 1880 sehr gut gedeihende Versuchsweinpflanzungen mit französischen, deutschen und österreichischen Reben eingerichtet.
Am Kap der Guten Hoffnung, von wo heute ein vorzüglicher Wein in großen Mengen exportiert wird, begründeten französische Hugenotten im Jahre 1685 den Weinbau. In Nordamerika schlug 1620 ein Versuch, aus der wilden Rebe Virginiens Wein zu bereiten, fehl. So mußte der Wein aus Europa für die Liebhaber desselben in der Neuen Welt eingeführt werden, bis Schweizer Kolonisten ums Jahr 1800 aus der einheimischen Fuchsrebe (~Vitis labrusca~) einigermaßen trinkbaren Rotwein herstellten. Festen Fuß faßte der Weinbau in den Vereinigten Staaten aber erst seit dem Jahre 1821, als Adlum die der Fuchsrebe nahe verwandte, ebenfalls rotbeerige +Catawbarebe+ vom Flusse Potomac nach Washington brachte. Heute sind sie in vielen Varietäten im Norden der Vereinigten Staaten zur Weinbereitung kultiviert, während im Süden der Union die mehr die Wärme liebende +Büffelrebe+ (~Vitis rotundifolia~) gezüchtet wird. Da diese amerikanischen Reben noch nicht durch Jahrtausende alte Kultur verzärtelt sind, erweisen sie sich viel widerstandsfähiger gegen die Reblaus, jene bei uns so überaus gefürchtete Wurzellaus des Weinstocks (~Phylloxera vastatrix~), welche in Frankreich fast sämtliche weinbautreibende Departements heimsuchte und seit ihrem Auftreten im Jahre 1869 bis heute jenem Lande einen Schaden von über 20 Milliarden Franken brachte. In Deutschland trat dieser Schädling zuerst im Jahre 1874 auf, zeigte sich im Jahre 1881 im Ahrtal und hat von da aus dank seiner unglaublichen Fruchtbarkeit -- die Nachkommenschaft eines einzigen Tieres beziffert sich nämlich im Laufe eines Sommers nach Millionen -- in der Folge auch andere Gebiete ergriffen, so daß man sich zu den strengsten Gegenmaßregeln verpflichtet sah. Vor allem begann man in den von der Reblaus am meisten heimgesuchten Gegenden die dagegen bedeutend widerstandsfähigeren amerikanischen Reben als Unterlagen für die europäischen zu benützen.
In den Vereinigten Staaten, die nun auch die besseren europäischen Rebensorten besitzen, entwickelte sich der Weinbau am günstigsten im Staate Ohio, bis in den letzten Jahren Kalifornien wie in der Anpflanzung sämtlicher Obstarten, so auch im Anbau von Reben den größten Vorsprung gewann. Endlich kam die Rebenkultur im Jahre 1862 auch nach Australien, wo sie heute schon eine ganz erhebliche Ausdehnung besitzt.
Was nun die Weinerzeugung in den verschiedenen Weinbauländern betrifft, so steht Italien mit 52 Millionen Hektolitern jährlichem Ertrag obenan, ihm folgt Frankreich auf dem Fuße nach, dessen Durchschnittsertrag der letzten zehn Jahre 49 Millionen Hektoliter betrug. Im Jahre 1908 hat Frankreich 60 Millionen Hektoliter Wein hervorgebracht. (Außerdem wird in diesem Land eine Milliarde Hektoliter Kunstwein gebraut und konsumieren das Departement du Nord 300 Liter Bier und das Departement Calvados 350 Liter Apfelwein, auf den Kopf der Bevölkerung berechnet.) An dritter Stelle steht Spanien mit einer Produktion von 21 Millionen Hektoliter Wein pro Jahr. In weitem Absatz folgt an vierter Stelle Algerien mit 8,6 Millionen Hektolitern. Nach ihm kommen Portugal mit 4,5 Millionen, Österreich mit 3,5 Millionen, Ungarn mit 3,1 Millionen, Rußland und Rumänien mit je 2,6 Millionen, Bulgarien und Chile mit je 2,1 Millionen, Deutschland mit 1,9 Millionen, die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 1,6 Millionen, die Türkei und Cypern mit 1,5 Millionen, Argentinien mit 1,3 Millionen, Griechenland mit 1,5 Millionen und endlich die Schweiz mit 0,9 Millionen Hektolitern als durchschnittlichem Jahresertrag an Wein. Dabei beträgt der mittlere Weinverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung in Litern jährlich: in Spanien 115, Griechenland 109,5, Bulgarien 104,2 Portugal 95,6, Italien 95,2, Frankreich 94,4, Schweiz 60,7, Rumänien 51,6, Österreich-Ungarn 22,1, Türkei 20,3, Deutsches Reich 5,7, Rußland 3,3, Belgien 3,2, Holland 2,2, Vereinigte Staaten 1,9, Großbritannien 1,7, Dänemark 1,2, Norwegen 0,9 und Schweden 0,5.
Dieselbe Rolle, die die Rebe als Lieferantin eines berauschenden Getränkes bei den Kulturvölkern der Alten Welt spielt, kommt bei denen der Neuen Welt dem in alkoholische Gärung gebrachten zuckerigen Saft der Agave zu. Wie die Kakteen sind die zu den Amaryllisgewächsen gehörenden +Agaven+ ausschließlich in Amerika zu Hause und wachsen dort in etwa 80 Arten in den regenarmen Steppen im südlichsten Teile Nordamerikas, besonders aber in Mexiko und teilweise noch im Andengebiet Südamerikas. Die wichtigste unter ihnen ist die in Mittel- und im nördlichsten Südamerika heimische ~Agave americana~, in Mexiko ~maguey~, weiter im Süden ~metl~ genannt. Bei uns wird sie fälschlicherweise wegen einer gewissen Ähnlichkeit mit der afrikanischen Lilienart Aloë, deren bitteres Harz als Abführmittel vielfach bei allen Kulturvölkern der Erde Verwendung findet, auch Aloë genannt, und zwar im Gegensatz zu jener +hundertjährigen Aloë+, weil es bei uns viele Jahrzehnte gehen kann, bis sie zur Blüte gelangt und mit der Fruchtreife ihre Vegetationsperiode abschließt, ein Ziel, das sie in ihrer heißen, fast regenlosen Heimat, wo die Sonne das ganze Jahr hindurch mit ungeschwächter Kraft scheint, in wenigen Jahren erreicht. Am kurzen Stamm sitzt eine Rosette von 1-3 m langen, am Grunde oft über 40 cm breiten und bis 30 cm dicken, graugrünen, dorniggezähnten, fleischigen Blättern, deren inneres Gewebe als Nahrungs- und zugleich Wasserreservoir dient. Hat die Pflanze genug Reservematerial erworben und in ihren Blättern aufgespeichert, was in ihrer tropischen Heimat im Alter von 6-10 Jahren, in unsern Gewächshäusern jedoch erst nach 40-60 Jahren der Fall ist, so treibt sie einen an der Basis über armdicken, bis 10 m hohen Blütenschaft, der oben kandelaberartig viele Hunderte von einschließlich der Staubgefäße 12-13 cm langen, gelbgrünen Blüten aufweist. Nach Befruchtung derselben durch bestimmte Immen reifen die dattelartigen Früchte heran, wonach die Pflanze, die dabei all ihre Vorräte erschöpft hat, abstirbt, nachdem sie noch zahlreiche Wurzelschößlinge hervorgetrieben hat, die man auch neben dem Samen zur Vermehrung verwendet.
Die Magueypflanze wurde schon von den alten Mexikanern zur Gewinnung eines berauschenden Getränkes in Plantagen angebaut, wie dies heute noch in jenem Lande geschieht. Sobald sie ihren Blütenschaft zu treiben beginnt, schneidet man ihr die Gipfelknospe heraus und vertieft die Wunde zu einer schüsselförmigen Mulde von 30 bis 50 cm Durchmesser. Diese füllt sich 1-6 Monate lang täglich mit dem für die Blüten- und Fruchtbildung bestimmten zuckerreichen Saft in der Menge von 4-5, ja bei kräftigen Pflanzen 7 Litern im Tag, so daß eine Pflanze nach und nach bis 1100 Liter Zuckersaft liefert. Täglich wird dieser vermittels eines langen, hohlen Kürbisses durch Aufsaugen gesammelt und in lederne Schläuche gefüllt, in denen man ihn vergären läßt. Er liefert dann, auf Flaschen gezogen, ein stark moussierendes, erfrischendes, aber leicht berauschendes Getränk, das in Farbe und Geschmack an Berliner Weißbier erinnert und das Nationalgetränk der Mexikaner bildet, die unglaubliche Mengen davon vertilgen. Bei den alten Azteken hieß er ~oktli~, die heutigen Bewohner Mexikos dagegen nennen ihn +Pulque+ (sprich pulke). Überall im Lande gibt es sogenannte Pulquerias, d. h. Lokale, die ihn frisch aus den Lederschläuchen, in denen er vergor, ausschänken. Es sind meist nur offene Schuppen, die gleichzeitig als Tanzböden dienen, in denen das vom Pulque animierte Volk seine Feste feiert. Aus dem Pulque wird durch Destillation ein als ~tequila~ bezeichneter Branntwein gewonnen, während mit Wasser und Zucker vermischter Agavensaft nach kurzer Gärung den leichten, nur wenig berauschenden ~tepache~ liefert.
Durch Röstung des zuckerreichen Gewebes der treibenden Knospe und der jungen Blätter und nachherige Gärung erhält man den sehr alkoholreichen ~mescal~. Schon die alten Mexikaner liebten den Pulque leidenschaftlich, aber dessen Genuß war vorsorglich nur bei hohen Festen oder bei harter Arbeit den Männern vom 30. Jahre an gestattet. Die jüngeren Leute und Frauen mußten sich mit dem aus Maismehl mit Zusatz von etwas Honig und teilweise Kakao bereiteten Bier begnügen. Außer dem beliebten Getränk lieferte ihnen die Agave in ihren äußerst zugfesten Fasern, welche die fleischigen Blätter durchziehen und auf höchst einfache Weise gewonnen wurden, Bindfaden und Stricke, wie auch das Rohmaterial für Kleidungsstoffe und Papier. Die saftigen Blätter wurden und werden heute noch als Gemüse gegessen, dienen teilweise auch zum Dachdecken, während die starken Dornen als Nägel oder zu Pfeilspitzen und die dürren Blütenschäfte als Lanzenstangen benutzt wurden. Wie einst, so wird auch die Wurzel heute noch arzneilich verwendet, und zwar besonders gegen die Syphilis, die schon in vorkolumbischer Zeit stark im Lande verbreitet war, wie wir auch aus mexikanischen und peruanischen Gesichtsurnen mit den typischen Erscheinungen der tertiären Lues entnehmen können. Die Begleiter des Kolumbus müssen diese Krankheit nach Europa gebracht haben, wo sie kaum vorhanden war, jedenfalls keine nennenswerten Erscheinungen bot. Kolumbus landete am 15. März 1493 in Südspanien nach der Entdeckung des neuen Weltteils, den er aber bis zu seinem Tode nicht als solchen erkannte, sondern für Indien ansah. Und seine Matrosen verbreiteten alsbald die Krankheit, die, von den laxen Sitten und der mangelhaften Reinlichkeit der damaligen Zeit begünstigt, in den Jahren 1494 und 1495 als neue Krankheit besonders in dem von Karl VIII. von Frankreich geführten Heere stark auftrat und durch die heimkehrende Soldateska eine gewaltige Ausdehnung durch ganz Europa fand, so daß sie von den höchsten bis zu den niedersten Schichten der Gesellschaft zahlreiche Opfer forderte.
Erst lange nach der Lustseuche, nämlich im Jahre 1561, kam auch die Agave durch die Spanier aus Mexiko nach Spanien und von da nach dem übrigen Südeuropa, wo sie sich überall, wie auch durch ganz Nordafrika, so leicht verbreitete, so daß sie heute eine Charakterpflanze der Mittelmeerländer geworden ist. Auch in Mittel- und Nordeuropa wird sie vielfach in großen Kübeln zur Zierde gezogen, muß aber in trockenen, frostfreien Räumen überwintert werden. Aber nicht nur in den Mittelmeerländern, über alle tropischen und subtropischen Gegenden hat sich die Agave verbreitet und wird vorzugsweise als Heckenpflanze und zur Befestigung von Flußsand angebaut. Überall ist sie mit einer anderen Amerikanerin, der +Opuntie+ oder dem +Feigenkaktus+ (~Opuntia ficus indica~) vergesellschaftet, die beide aus demselben Lande stammen und infolgedessen dieselben Lebensbedürfnisse aufweisen.
Die Opuntien sind wie alle Kakteen amerikanischen Ursprungs und wurden ihrer schmackhaften Früchte wegen schon von den Mexikanern angepflanzt. Mit den Agaven repräsentieren die Kakteen die Sukkulenten, d. h. mit den Nährstoffen auch Wasser, an Schleim gebunden, in ihren Geweben aufspeichernde Pflanzen, wie solche in den trockenen Gegenden der Alten Welt, speziell Südafrikas, die Euphorbiazeen darstellen, die teilweise den Kakteen sehr ähnliche Formen aufweisen.
Die eigentümlichen Gestalten der Kakteen und Agaven erregten bei den im Gefolge des Fernando Cortez im Jahre 1549 670 Mann stark mit 15 Geschützen zur Eroberung des Landes auf die trockene Hochebene von Mexiko hinaufsteigenden Spaniern um so mehr Aufsehen, als sie bis dahin noch keinerlei Art aus der Familie der Sukkulenten gesehen hatten. Schon im Berichte des Mönches Hernandez, der die Eroberung des alten Kulturlandes auf der Hochebene von Anahuac mit der 2282 m über Meer gelegenen Hauptstadt der Azteken, Tenochtitlan -- dem heutigen Mexiko -- schildert, werden die Opuntien noch mehr als die Agaven mit Ausdrücken des höchsten Erstaunens erwähnt. Auf jener Hochebene, wo diese Kaktusart ihre Heimat hat, unterschied jener Mönch schon neun verschiedene, kultivierte Opuntienarten, von denen die +baumartige Feigendistel+, auch +indischer Feigenbaum+ genannt (~Opuntia ficus indica~) mit 50 cm langen und 30 cm breiten Gliedern wegen ihrer wohlschmeckenden Früchte wohl am häufigsten angepflanzt wurde. Sie war damals schon als willkommener Obstspender über ganz Mittel- und Südamerika verbreitet und gelangte in der Folge nach allen warmen Ländern der Erde.
Von den 150 Opuntienarten, die in allen Ländern Amerikas heimisch sind, wo überhaupt Kakteen gedeihen, und zwar meist in gebirgigen Gegenden mit heißem, trockenem Klima vorkommen, ist bald auch die +gemeine Fackeldistel+ (~Opuntia vulgaris~) mit kürzeren Gliedern und zitronengelben Blüten von den Spaniern aus den südwestlichen Vereinigten Staaten nach den Ländern am Mittelmeer gebracht worden, wo sie jetzt neben der Agave ebenfalls als Charakterpflanze der Landschaft auftritt. Wie jene ist sie, sich selbst überlassen, überall verwildert und überzieht nun mit ihren stacheligen Stengelgliedern die unfruchtbarsten Felswände und Steingründe und bietet in ihren Früchten monatelang ein geschätztes Nahrungs- und Erfrischungsmittel für das Volk wie in ihrer Heimat. Weil sie im Geschmack ähnlich wie Feigen sind, haben sie den Opuntien, die sie erzeugen, die Bezeichnung Feigenkaktus oder indischer Feigenbaum eingetragen. Da sie über und über mit feinen Stacheln mit Widerhaken versehen sind, die sich ungemein leicht bei der leisesten Berührung in Finger und Lippen beziehungsweise Zunge einbohren, müssen sie zuvor sorgfältig geschält werden. Die Stengelglieder frißt das Vieh und die ganze Pflanze dient mit Vorliebe zu Einzäunungen. In ihrer Heimat, den trockensten Gegenden von Nordmexiko und Texas, sind sie als nahrhaftes Futter und Wasserspender für das Vieh ungemein wichtig, so daß sich die Verbindungswege durch die steinigen Wüsten danach richten, wo die meisten Exemplare dieser Pflanzenart wachsen.
Tafel 79.
Tafel 80.
In seinem lateinischen Buche über die Gärten Deutschlands vom Jahre 1561 erwähnt der Züricher Naturforscher Konrad Gesner zum erstenmal die Fackeldistel als Bürgerin Europas unter der Bezeichnung ~ficus indica~, d. h. indische Feige. Sie muß damals in Spanien, Nordafrika und Süditalien schon ziemlich häufig gewesen sein und hat sich seither, wie die Agave, nördlich bis Bozen verbreitet. Seit etwa 50 Jahren ist sie besonders in Neusüdwales und Queensland, wohin sie ihrer Früchte wegen wie in die übrigen Länder der Tropen und Subtropen vom Menschen verbracht wurde, dermaßen verwildert, daß sie Tausende von Quadratkilometern Land für die Kulturen des Menschen entzogen und wertlos gemacht hat. Alle Verteidigungsmaßregeln gegen ihr Überwuchern blieben erfolglos.