Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Part 70

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Neuerdings ist es dem berühmten kalifornischen Pflanzenzüchter Luther Burbank in Santa Rosa, der in seinen kostspieligen Versuchen teilweise durch den in Schottland niedergelassenen einstigen nordamerikanischen Stahlkönig Carnegie finanziell unterstützt wurde, gelungen, eine völlig stachellose, großstengelige und überaus saftige Abart der Opuntie zu züchten, die äußerst leicht durch Ableger sich fortpflanzt -- es genügt dazu, einfach ein Stückchen der fleischigen Stengel in den Boden zu stecken, wo es ohne weiteres anwächst -- und sowohl durch die Stengelglieder, als auch durch die sehr wohlschmeckenden und nahrhaften feigengroßen Früchte ein geradezu unschätzbar wertvolles Geschenk für alle wasserarmen, wüstenhaften Gegenden, in denen sich der Mensch niederläßt und durch künstliche Berieselung mit Hilfe von durch Dämme gestautem Wasser sich Existenzbedingungen schafft, zu werden verspricht. Im Jahre 1909 ist dieses einzigartige Züchtungsprodukt des „Zauberers von Santa Rosa“ (wie Burbank von seinen Landsleuten mit Vorliebe genannt wird), das so reiche Ernten wie kaum eine andere Pflanze liefert, zum erstenmal in den Handel gelangt. Sein Anbau soll sich nach dem hauptsächlichen Mitarbeiter von Burbank, ~Dr.~ Doud, auch im südlichen Deutschland in wärmeren Lagen rentieren. Dabei soll die Pflanze eine Durchschnittsernte von 50000 bis 75000 kg auf den Acre (= 40,5 Ar) ergeben. Die Stengelglieder bilden ein wohlschmeckendes, nahrhaftes Gemüse für Menschen und Tiere, das gekocht und roh, auch als Salat, gegessen werden kann, und die ebenfalls stachellosen, rötlichen Früchte sollen von unvergleichlichem Wohlgeschmack sein.

Wir können die Besprechung dieser für die künftige Besiedelung von Wüstengegenden durch den Menschen eine geradezu unabsehbare Bedeutung aufweisende Opuntie nicht verlassen, ohne hier noch kurz zu erwähnen, daß die Opuntien zuerst unter dem mexikanischen Namen tuna in Spanien bekannt wurden und von da, wie De Candolle meint, von den durch Ferdinand V., den Katholischen, nach der Eroberung des letzten Restes maurischer Herrschaft, nämlich Granadas 1492, vertriebenen Arabern -- tatsächlich aber erst später in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch die Spanier selbst -- nach Nordafrika verbracht wurden, wo sie unter dem Namen „Feigen der Christen“ allgemeine Verbreitung fanden. Die Bezeichnung ~Opuntia tuna~ kommt heute einer baumartigen Verwandten der ~Opuntia ficus indica~ mit roten Blüten zu, die in Mexiko und in den Anden des nördlichen Südamerika wild wächst und neben der ~Opuntia pseudotuna~ mit roten Stengelgliedern und gelben Blüten und dem Nopalkaktus (~Nopalea coccinellifera~) in Mexiko, der, nebenbei bemerkt, im Wappen dieses Landes figuriert, früher als Weidepflanzen für die einst zur Gewinnung von Karmin, das heute auf chemischem Wege hergestellt wird, gezüchteten Cochenilleschildläuse diente. Dabei zog man besonders solche Arten vor, die keine Stacheln trugen, weil man sich in diesen Gebüschen beim Ablesen der den vormals sehr wichtigen Farbstoff liefernden Tiere ungehinderter bewegen konnte. Besonders blühte die Cochenillekultur zuletzt auf den Kanarischen Inseln, bis ihr durch die Entwicklung der Teerfarbenindustrie ein jähes Ende bereitet wurde. Auch die Früchte der birnförmigen, fleischigen Tunaopuntien sind eßbar und werden in der Heimat der Pflanzen von der Bevölkerung sehr gern verzehrt.

Zum Schluß sind hier der Vollständigkeit wegen noch zwei Arten berauschender Getränke kurz zu erwähnen, denen eine gewisse Bedeutung nicht abzusprechen ist. Das eine ist der in ganz Polynesien, besonders den Samoa-, Sandwich- und Freundschaftsinseln beliebte +Kawa+, der von der fleischigen Wurzel einer Pfefferart gewonnen wird. Es ist dies der +Kawapfeffer+ (~Piper methysticum~), ein 2 m hoher Strauch mit langgestielten, eiförmigen Blättern und dicker, fleischiger Wurzel. Aus dieser letzteren wird der betäubende Trank in der Weise gewonnen, daß Frauen und Jungfrauen in Scheiben geschnittene Stücke derselben gehörig zerkauen und in Gefäße spucken, worin die Masse, mit Wasser übergossen, eine kurze Zeit liegen bleibt, bis das Stärkemehl mit Hilfe des diastatischen Speichelferments in Zucker und dieser durch die allgegenwärtigen Hefepilze in Alkohol übergeführt worden ist. Der wichtigste betäubende Stoff darin ist aber ein der Wurzel innewohnender Stoff, der in besonderer Weise auf das Zentralnervensystem einwirkt, indem der Trinker bei ausgiebigem Kawagenuß bei vollem Bewußtsein die Herrschaft über seine Glieder verliert. Der in Polynesien wild wachsende Kawapfeffer wird als geschätztes Genußmittel auch von den Eingeborenen angepflanzt. So hat die deutsche Insel Samoa im vergangenen Jahr nicht bloß ihren eigenen Bedarf gedeckt, sondern auch noch 16900 kg im Werte von 25400 Mark nach den Nachbarinseln auszuführen vermocht.

Wer in Samoa, der Perle der Südsee und wohl dem schönsten Stückchen des ganzen deutschen Kolonialbesitzes reist, der darf überall, wohin er kommt, bei der unbegrenzten Gastfreundschaft der Samoaner der besten Aufnahme gewiß sein. In jedem Dorf ist eine Taupo genannte Ehrenjungfrau vorhanden, der als Repräsentantin des Dorfes die Unterbringung und Bewirtung des Fremden obliegt. Mit untergeschlagenen Beinen läßt sich der Besucher auf den mit Matten belegten Boden der sauberen, offenen Hütte nieder. Die Dorfältesten folgen diesem Beispiel, und es beginnt die zeremonielle Bereitung des Nationalgetränkes. Die Taupo, manchmal zusammen mit anderen Mädchen, speit die durch längeres Kauen zerkleinerte Kawawurzel in eine flache, auf mehreren Füßen ruhende Holzschüssel, gießt aus einer hohlen Kokosnuß Wasser hinzu, läßt das Ganze etwas stehen, zieht zum Schluß den ausgelaugten Brei zur Entfernung der holzigen Bestandteile durch ein Bastsieb und die Bowle ist fertig. Lautes Klatschen des Hausherrn zeigt die Fertigstellung der Kawa an. Die Taupo reicht den Becher mit dem graugrünen, von den einen wie Pfefferminztee, von andern wie Seifenwasser schmeckend angegebenen Getränk dem Gaste, dessen Name verkündet wird und der ihn mit dem samoanischen Prosit „~Manuia~“ leert und der Taupo zurückgibt. Das Trinkgefäß macht dann die Runde bei allen Anwesenden, genau in der Reihenfolge ihrer Würde und ihres Alters. Während des Rundtranks werden zahlreiche Reden gehalten. Der Gast wird von den hervorragendsten Anwesenden begrüßt. Man dankt ihm in wohlgesetzter Rede für seinen Besuch und bittet um seine Freundschaft. Nach dem Bewillkommnungstrank werden die Speisen aufgetragen: Bananen, Yams, Taro, Fische, Muscheln, Kokosnüsse, Hühner und eventuell Schweine. Alles, auch das Obdach für die Nacht, soll der Gast mit dem Wirte teilen. In derselben Hütte schläft auch die Taupo; aber sie ist Tag und Nacht von zwei älteren Ehrendamen bewacht, die auf ihre Reinheit acht haben. Denn im Gegensatz zu den gewöhnlichen Mädchen Samoas, die sich in ihrem ledigen Stande alles erlauben dürfen, ohne an Ansehen zu verlieren, muß die Taupo unantastbar bleiben, um später die Frau irgend eines angesehenen Häuptlings zu werden. Wie zur Begrüßung des Gastes spielen die Taupo und die Kawa bei allen Festen, Versammlungen und sonstigen offiziellen Anlässen eine höchst wichtige Rolle im samoanischen Leben.

Das andere berauschende Getränk gehört der Geschichte an und spielte einst beim asiatischen Zweige der Indogermanen eine große Rolle. Es ist dies der +Somatrank+ der alten Inder oder der +Haoma+ der alten Perser. Von keinem berauschenden Getränke reichen die Urkunden so weit zurück, keins ist durch seinen Gebrauch in ein so mystisches Dunkel gehüllt und keins ist je höher gepriesen worden, als dieser heilige, nicht nur belebende und beseligende, sondern Menschen und Göttern Kraft und Gesundheit spendende Trank, mit dem auch Indra -- in der ältesten Zeit, von der wir hier sprechen, der oberste Gott der Inder, der Schöpfer und Erhalter der Welt, der später zum Haupt der niederen Götter wurde -- sich zum Kampfe gegen die Dämonen stärkte. Nach den geschichtlichen Überlieferungen und den Angaben des Sâma-Veda war dieser Somatrank eine Art Met, der aus einer in Gärung gebrachten Honiglösung mit Zusatz von Gersten- oder anderem Mehl und Milch oder Molken hergestellt wurde, wozu höchst sparsam als Würze der Saft einer mit großer Sorgfalt in mondhellen Nächten auf Bergeshöhen gesammelten Staude hinzugefügt wurde. Die blattlosen oder entblätterten Stengel der als ~Soma-lata~ bezeichneten Somapflanze wurden dann unter dem Gesange bestimmter Hymnen mit Steinen zerquetscht und ausgepreßt, um den so hochgeschätzten Saft dem Gemisch von Gerstenmehl und Milch in vergorener Honiglösung zu spenden. Sicheres über diese Pflanze wissen wir nur so viel, daß sie auf dem Gebirge wuchs und Milchsaft führte.

Wie hoch die arischen Inder der vorgeschichtlichen Zeit ihren heiligen Somatrank als Labung für Menschen und Götter priesen, mögen folgende Stellen aus dem Sâma-Veda dartun: „Wir jauchzen dir zu, du ausgepreßter Soma, dir, dem gerstengemischten Somatrank! Gar köstlich schmeckend und von Milch strotzend, gehst du erhebend honigsüßer Glanzstrahl. Du gehst, o Reiniger, unaufhaltsam strömend für Indra, o Soma, ringsum flutbesprengt. -- Den schönen, gottersehnten Trank, in Flut gereinigt und von Männern gepreßt, würzen mit Milch die Kühe. -- Wie Vögel sitzen um dich her beim milchgekochten Met, dem süßen, die Indra preisen. Ihm gebührt der milchgemachte Göttertrank. -- Wir denken dein, Falbrossiger. (Damit ist Indra gemeint.) Im Opfer gedenke unseres Lobgesangs in des Soma Rausch. -- Sprengt ringsum den Soma, das wichtigste Opfer, das wir mit Steinen gepreßt haben. Diesen haben wir, mit Gerste wie mit Milch ihn mischend, versüßt, o Indra, an diesem Feste. -- Freue dich des kuhgemischten Trankes!“

Wie er im alten Indien bei keinem Opfer fehlte, so wurde bei den alten Persern kein Gebet gesprochen, ohne ihn genossen zu haben. Von ihm sollten sich die Götter ernähren. Der um 25 n. Chr. verstorbene griechische Geograph Strabon aus Amasia in Pontos berichtet, daß bei jedem Hause in Persien eine Haomapflanzung und in jedem Hause ein Holzmörser mit Keule zum Stampfen und Auspressen des Saftes ein unerläßliches, heiliges Gerät sei, welches gleich dem Feuer und dem Bündel von Myrtenzweigen vor Entweihung geschützt werden müsse. Wie in Indien so geschah auch in Persien die Bereitung des Haomatrankes unter Lobgesängen und liturgischen Gebeten. Der in Rom als Lehrer der Philosophie lebende griechische Schriftsteller Plutarchos (50-120 n. Chr.) beschreibt die Zubereitung des von ihm als Omomi (= Haomi) bezeichneten Getränkes. Nach ihm wurde dazu der Saft einer in Armenien und Medien wachsenden, dem Weinstocke ähnlichen Pflanze mit knotigen Stengeln, Blättern wie Jasmin, Blüten wie Levkoje, traubenförmigen Samen, duftend und von bitterem Geschmack genommen. Vielleicht ist der auf assyrischen Bildwerken, in denen der König mit erhobener Schale ein Trinkopfer darbringt, dargestellte, in seltsam verschlungener Figur den heiligen Baum, die Dattelpalme, umrankende Gewächs, das uns auch anderweitig auf Skulpturen, von geflügelten, adlerköpfigen Gottheiten adorierend umstanden, entgegentritt, nichts anderes als die Haoma der Alten. Und zwar glaubte man bis in die neueste Zeit zwei nahe miteinander verwandte, in Indien und Persien einheimische milchsaftführende Calotropisarten, die noch wildwachsend angetroffen werden, für die heilige Somapflanze ansehen zu dürfen. Kürzlich hat jedoch Joseph Bornmüller festgestellt, daß die indischen Parsen, die die altiranischen Religionsgebräuche bis in die Gegenwart bewahrten, zu ihren gottesdienstlichen Handlungen die auf felsigen Standorten wachsende sehr ästige, blattlose und äußerlich einem Schachtelhalme ähnliche Strauchart ~Ephedra vulgaris~ aus Persien beziehen. Man darf also diese als die heilige Haomapflanze der Perser ansehen, die von jeher als identisch mit der Somapflanze der Inder galt. Der aus ihr ausgepreßte Saft, der später zum Gotte Soma erhoben wurde, erhielt später bei den Ariern dieselbe Bedeutung wie der Wein im christlichen Abendmahle.

Übrigens wird noch heute der Saft gewisser Calotropisarten von manchen Stämmen des Sudans dem Hirsebrei zugesetzt, während andererseits manche Tatarenstämme ihren aus Pferde- und Kamelmilch bereiteten Getränken gern narkotische Säfte von Kräutern hinzufügen. Bei den alten Ariern wird eben jenes ältere Genußmittel mit der Zeit durch bessere, jüngere verdrängt worden sein, wodurch es bald in völlige Vergessenheit geriet, bis auf die streng an den Gebräuchen ihrer Vorfahren hängenden Parsen, von denen ja heute noch wie vor Tausenden von Jahren das Feuer als eine Gottheit verehrt wird.

XVI.

Die betäubenden Pflanzenstoffe.

Ähnlich wie die geistigen Getränke, aber noch in weit stärkerem Maße die Gehirntätigkeit in besonderer, vielfach krankhafter Weise beeinflussend wirken andere narkotische Pflanzenstoffe, denen wir nunmehr unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden haben. Bei der ungeheuer wichtigen Rolle, die die hierher gehörenden Drogen spielen, sind die sie erzeugenden Pflanzen von der größten kulturgeschichtlichen und wirtschaftlichen Bedeutung. Denn, wie wir bereits zu Beginn des vorigen Abschnitts sahen, sind die narkotischen Gifte dem Menschen vielfach unersetzliche Genußmittel, die er sich schon auf niedriger Kulturstufe unbedingt zu verschaffen sucht. Kein Volk der Erde ist so armselig und primitiv, daß es nicht im Besitze irgend eines Mittels wäre, dessen Genuß den Geist in einen Rauschzustand zu versetzen vermag. Und zwar ist die Erlangung eines solchen Rauschmittels den Naturvölkern vielfach wichtiger als der Besitz von Nahrung spendenden Pflanzen. So bauen manche von Viehzucht lebende Negerstämme Tabak an, pflanzen aber daneben keinerlei Getreide.

Unter diesen „Sorgenlösern“, die den Menschengeist in künstliche Ekstase, d. h. in einen Zustand des Entrücktseins in andere Welten versetzen, spielt der +Haschisch+ eine sehr wichtige Rolle. Sind doch nicht weniger als etwa 250 Millionen Menschen in Asien und Afrika Haschischesser oder Haschischraucher. Mit Vorliebe wird er in Konfekt genossen, wie ja die Orientalen meist das Süße lieben. Dieser Haschisch besteht aus einer ein ätherisches Öl, Harze und verschiedene Glykoside enthaltenden Ausscheidung der in Ostindien heimischen und von dort sehr früh schon in Persien eingeführten +Hanfpflanze+ (~Cannabis indica~). Schon bei uns riecht diese mit dem Hopfen aufs engste verwandte, in weiblichen und männlichen Exemplaren auftretende Krautart aromatisch und betäubend. In noch viel höherem Maße ist dies in warmen Gegenden, speziell im heißen Indien der Fall, wo sie allein ein gelblichgrünes, aromatisch riechendes Gummiharz aus den Stengeln und namentlich den Blütenständen ausscheidet. Dieses wird gesammelt, indem Arbeiter, in der Regel nackt, nur ausnahmsweise mit einem Lederanzuge bekleidet, durch die Hanffelder streifen. Dabei klebt ihnen die vom Hanf ausgeschiedene harzige Masse an. Diese wird dann mit stumpfen Messern abgeschabt und zu einem dem Opium ähnlichen Teig zusammengeknetet. Wie dieses wird es in besonderen kleinen Pfeifen geraucht oder als grünliches Extrakt mit allerlei meist parfümierten Kuchen, sogenannten Fröhlichkeitskuchen, und in Form von Konfekt genossen. Die Wirkung des Haschisch ist derjenigen des Tabaks ähnlich, nur viel stärker, indem er rasch betäubt und Delirien erzeugt.

Besonders reich an diesem narkotischen, harzigen Gifte sind die weiblichen Blütenstände, die deshalb auch getrocknet als solche geraucht oder zur Extraktion von Haschisch verwendet werden. Von der Anwendung des getrockneten Krautes, namentlich der weiblichen Blütenstände als den am narkotischen Stoffe reichsten Teilen, zum Rauchen wie Tabak, um eine beglückende Betäubung an sich hervorzurufen, rührt der Name der Droge her; denn ~haschîsch~ heißt persisch das Kraut. In Indien unterscheidet man zwei Sorten desselben: ~bhang~ oder ~siddhi~, die zur Blütezeit entnommenen, zerkleinerten Blätter, die mit Wasser oder Milch, Zucker nebst schwarzem Pfeffer und anderem Gewürz zu einer grünen Flüssigkeit zerrieben werden, und ~gânjâ~, die getrockneten, jungen, weiblichen Blütentriebe, die, dem Tabak beigemischt, in der Wasserpfeife geraucht werden. Letzterer gilt als viel kräftiger und wird deshalb auch viel teuerer bezahlt. Während von ersterem etwa 30 g für den daran Gewöhnten genommen werden müssen, genügen von letzterem viel kleinere Mengen, um eine ausgiebige Wirkung zu erzielen. In anderen Ländern bindet man die wirksamen Bestandteile an Butter, mischt diese mit Gewürzen und formt aus der Masse Pillen, die als beliebtes ~hadschi~ eingenommen werden.

Nächst Indien ist Persien das Hauptland der Erzeugung und des Verbrauches von Haschisch. Hier ist, wie in Indien, die Kultur des Hanfes als Rauschmittel uralt, und die altpersische Sprache bezeichnet die Trunkenheit mit einem Worte (~banga~), das im Sanskrit Hanf bedeutet. Von Persien drang die Hanfkultur früh schon westwärts vor und gelangte schon um die Mitte des 2. vorgeschichtlichen Jahrtausends nach Südrußland zu den Viehzucht treibenden Skythen. Der im Jahre 484 v. Chr. geborene griechische Geschichtschreiber Herodot nennt uns den Hanf als Betäubungsmittel dieses Volkes. Nach ihm streuten die Skythen, um sich zu betäuben, Hanfkörner auf glühend gemachte Steine, die auf den Boden von kleinen Schwitzbadhütten gebracht worden waren, und atmeten den so entstehenden Qualm ein. Dadurch wurden sie in einen solchen Rausch versetzt, daß sie aus lauter Behagen laut brüllten. Auch bei den Thrakern war sein Gebrauch damals schon üblich; außerdem benutzten sie die Fasern des Hanfstengels, um Stoff daraus zu weben. Beides war den Griechen, die die Pflanze noch nicht kannten, neu. Ebenso bauten die Kelten bereits den Hanf an, um sich seiner sowohl als narkotisches Genußmittel, als auch als Gespinstpflanze zu bedienen. Als der König Hieron II. von Syrakus, der von 269-215 v. Chr. regierte, ein ungeheures Prachtschiff baute, zu dessen Herstellung er aus allen Ländern am Mittelmeer das Beste in seiner Art kommen ließ, wurden Hanf zu Tauen und Pech von den Kelten des unteren Rhonetales im südlichen Gallien bezogen. Also muß die Hanfkultur damals schon bei ihnen in hoher Blüte gestanden haben. Von den römischen Schriftstellern ist der ums Jahr 100 v. Chr. lebende Satiriker Lucilius der erste, der den Hanf als Gespinstpflanze erwähnt und Plinius der ältere (23-79 n. Chr.) berichtet in seiner Naturgeschichte, daß der Hanf um die Ortschaft Reate im Sabinerlande Baumeshöhe erreiche.

Die alten Juden und Ägypter kannten den Hanf noch nicht. Erst die Araber, die sich seiner vorzugsweise als Berauschungsmittel bedienten, brachten dessen Kultur im Nilland, wie in Nordafrika in Blüte. Aber noch am Ende des 18. Jahrhunderts wurde diese Pflanze nur zur Gewinnung von Haschisch gepflanzt, der heute einen sehr großen Teil seiner Anhänger in Afrika zählt. Als neuartige Gespinstpflanze erwähnt den Hanf zum erstenmal in Palästina die jüdische Gesetzessammlung des Mischna.

In geringen Dosen genossen bewirkt der Haschisch ein nicht endenwollendes Lachen, zugleich wird die Phantasie mächtig angeregt und entzückende Bilder ziehen am geistigen Auge vorüber. Die Ideenverkettung wird durch ihn beschleunigt, die Sinneseindrücke werden lebhafter und die Sexualsphäre wird erregt. Etwas größere Dosen rufen ein traumhaftes Glückseligkeitsgefühl hervor, es entsteht ein Gefühl der Körperlosigkeit, der für den Berauschten das Vorhandensein von Raum und Zeit ausschließt. Noch größere Dosen lösen berückende farbige Visionen aus, bewirken aber auch Delirien und Tobsuchtsanfälle. Der Genuß dieses Mittels ist am größten bevor dessen Gebrauch zur Gewohnheit wird. Sobald aber letzteres der Fall wird, stellen sich hochgradige Schädigungen des Nervensystems und aller Körperorgane ein, die eine zunehmende Melancholie mit fortschreitender Verblödung des Geistes und körperlichem Verfall bewirken, bis schließlich der Tod durch Schlaganfall oder Lähmung eintritt. Dieser durch Haschischgenuß hervorgerufene Zustand einer Ekstase spielt bei manchen religiösen Sekten des Morgenlandes eine große Rolle. Am bekanntesten unter ihnen ist die heute nur noch in einigen hundert Familien im Libanongebirge hausende Sekte der Assassinen, die von einem schiitischen Muhammedaner, Hassan aus Chorasan, im Jahre 1090 gegründet wurde, indem er zunächst eine Anzahl persischer Jünglinge um sich sammelte, die er durch Haschischgenuß ihm völlig ergeben und zu willenlosen Werkzeugen seiner fanatischen Ideen machte. Zur Zeit der Kreuzzüge waren die Assassinen als Meuchelmörder von den Christen sehr gefürchtet. Die Burg Kahf im Libanon war die Residenz ihres Häuptlings, des Scheich ul dschebel, d. h. Oberhaupt des Gebirges, von den Europäern nur der „Alte vom Berge“ genannt. In Syrien von den Machthabern namentlich im 12. und 13. Jahrhundert mißbraucht, sanken sie nach und nach zu gewöhnlichen Meuchelmördern herab, die für Geld jedem dienten, so daß seither bei den Romanen ~assassin~ so viel als Meuchelmörder bedeutet.

Bei uns sind alkoholhaltige Getränke die häufigsten, aber auch die ärmlichsten Erreger der künstlichen Ekstase. Dazu dient im Orient, dem der Alkohol nach dem Gebote des Propheten Muhammed in jeder Form versagt blieb, außer dem Haschisch auch das +Opium+. Es ist dies bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft des +Schlafmohns+ (~Papaver somniferum~), der ein Abkömmling des in den Mittelmeerländern, besonders Kleinasien, heimischen ~Papaver setigerum~ ist, der sich durch borstig behaarte Kelchblätter und Stengel von der kultivierten Art unterscheidet. Dieser wilden Urform stand, nach der Beschaffenheit der uns erhalten gebliebenen Samenkörner zu urteilen, noch der Mohn sehr nahe, den die neolithischen Pfahlbauern der Schweiz in ihren wenig sorgsam mit der Hacke bearbeiteten kleinen Feldern an den Seeufern pflanzten. Wie andere vorgeschichtliche Völker werden sie sich der Samen vorzugsweise als Ölspender, daneben aber auch noch als Heilmittel zur Betäubung von Schmerzen bedient haben, wie dies heute noch bei der Bauernbevölkerung auf dem Lande geschieht.

Bei den alten Griechen waren die jene Samenkörner bergenden Fruchtkapseln des Mohns die sinnbildlichen Attribute des Schlafgottes Morpheus. Also müssen sie schon früh die betäubende Wirkung dieser Samen und überhaupt der ganzen Pflanze gekannt haben. Doch bauten auch die Griechen der ältesten Zeit den Mohn nicht zur Opiumgewinnung, sondern zur Ernte seiner ölreichen Samen, wie heute noch die mitteleuropäische Bauernbevölkerung, an. Daneben mögen gelegentlich die schmerzlindernden Eigenschaften der verschiedenen Produkte der Pflanze benutzt worden sein; aber das waren große Ausnahmen. Der Mohn war ihnen eine Ölpflanze. Zu diesem Zwecke muß er schon wenigstens im 9. vorchristlichen Jahrhundert von Kleinasien her in Griechenland eingeführt worden sein; denn der im 8. vorchristlichen Jahrhundert in Böotien lebende Dichter Hesiod nennt uns in seiner Theogonie eine Ortschaft Mēkṓne, d. h. Mohnstadt, wohl von der dort besonders intensiv betriebenen Mohnkultur herrührend. Diese unweit von Korinth gelegene Ortschaft wurde dann später infolge ihrer ausgedehnten Gurkenkultur in Sikyon, d. h. Gurkenstadt umgetauft, als welche sie uns in geschichtlicher Zeit entgegentritt.