Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Part 68

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Erst im 10. und 11. Jahrhundert wurden nach den auf uns gekommenen Urkunden die heute so berühmte Weinsorten liefernden Steilgehänge am rechten Rheinufer zwischen Mainz und Bingen mit Terrassenbau für die Rebenkultur in Angriff genommen. Von solchen darauf gewonnenen Weinen wird besonders der Deidesheimer, Heppenheimer, Rüdesheimer, Asmannshauser und Niersteiner hervorgehoben. Von Elsässerweinen, die im Mittelalter sich in Deutschland besonderer Wertschätzung erfreuten, wird von einem St. Galler Mönche der Sigoltsheimer als stark und anfeuernd gerühmt. In der Förderung des Weinbaus gingen überall die Klöster als Haupterben der altrömischen Kultur den Laienkreisen voran; es geschah dies schon aus dem Grunde, weil sie den Wein zu rituellen Zwecken benutzten. Da sie ihn zum Abendmahle nötig hatten, ließen sie sich dessen Anbau überall, wo sie Fuß faßten, angelegen sein. Ihnen folgten dann zunächst die großen Grundherren, die es vorzogen, den Wein durch ihre Hörigen selbst zu erzeugen, statt ihn wie bisher zu teurem Preise aus Gallien zu beziehen; und erst viel später begannen auch Bürger der Städte wie Bauern, die sich bis dahin an Met und Bier erlabt hatten, sich in geeigneten Lagen eigene Rebberge anzulegen, um bei festlichen Anlässen wie die Vornehmen Wein trinken zu können; denn bis dahin hatten sie schon wegen der hohen Transportkosten nicht daran denken können, es hierin jenen gleich zu tun.

Aber dieses deutsche Eigengewächs war in den meisten Fällen recht herb und sauer, im Gegensatz zum feuerigen, milden, ausländischen Weine. Deshalb pflegte man solches das ganze Mittelalter hindurch durch Zusatz von allerlei würzigen Kräutern trinkbarer zu machen. Als solche aromatische Zusätze nennen uns schon die altrömischen Schriftsteller, so Columella im ersten nachchristlichen Jahrhundert, Wermut, Isop, Stabwurz, Thymian, Fenchel, Polei und Myrte. Im Mittelalter dagegen sind Wermut, Rosmarin, Salbei, Alant, Lavendel, Pimpernell, Fenchel, Pfeffer- und Frauenminze die gebräuchlichsten. Im Jahre 854 rät der Mönch Wandalbertus, Diakon der Benediktinerabtei Prüm in der Eifel, ein Rheinländer von Geburt, in einem kürzlich von ihm aufgefundenen lateinischen Gedicht über den Kreislauf der Jahreszeiten „den herben Wein mit duftigen Kräutern zu versetzen, die die Fluren zu allerlei Arznei hervorsprießen lassen und sich damit im voraus gegen die Giftkräutlein der tückischen Stiefmütter zu sichern“. So hat man das ganze Mittelalter hindurch solchen +Kräuterwein+ als beliebten Gesundheitstrank getrunken. Welche Wertschätzung derselbe genoß, zeigt der Refrain eines einst viel gesungenen mittelalterlichen Trinkliedes, der folgendermaßen lautet:

„Er setzt das gleslein für sein mund, krauseminte, er trank es ausz bisz auf den grund, salveie, poleie, die blümlein an der heiden, krauseminte!“

Seit uralter Zeit war es im Orient, wo man Wohlgerüche auch in Speisen überaus hochschätzte, Sitte gewesen, den Wein mit Würzkräutern und duftigen Blüten zu versetzen. Die gebräuchlichsten solcher Zusätze, um ihn zu parfümieren, waren Mastix und Myrrhen; später fanden besonders Gewürznelken und Pfeffer Verwendung, die wie den römischen Zungen des Altertums, so auch den deutschen des Mittelalters durch ihre Stärke vornehmlich zusagten.

Die vornehmen Römer der Kaiserzeit ließen bei ihren Gastmählern die von ihnen bevorzugten alten Jahrgänge des Falerners und Cäcubers durch Rosenfilter gießen, um ihm den von ihnen so geschätzten Duft nach jenen Blüten zu geben, wie im Orient mit Rosen parfümierter Sirup und andere Süßigkeit von alters her beliebt waren. Und wenn die vornehmen Römer und Griechen bei ihren Gelagen begannen berauscht zu werden, so entblätterten sie den ihr Haupt schmückenden Rosenkranz, um die wohlriechenden Rosenblätter in den Wein zu schütten. Mit den aus Indien bezogenen Gewürzen bereiteten sie den ~vinum pigmentatum~ oder ~claratum~. Diese letztere Bezeichnung führte er von der Klärung her, die man ihm zum Schlusse angedeihen ließ, um ihm ein recht appetitliches Aussehen zu geben.

Tafel 77.

Tafel 78.

Einen womöglich noch köstlicheren Blütennektar bereiteten sich die Muhammedaner im Scherbet (vom arabischen ~scharab~ Trank so genannt), den sie durch Abkochen von Rosen-, Veilchen-, Zitronen- und anderen wohlriechenden Blüten in mit säuerlichem Limonensaft versetztem Zuckerwasser bereiteten. Schon Muhammed hat einen solchen aus Honig und wohlriechenden Blüten hergestellten Trank über alle anderen Genüsse gestellt. Da er seinen Anhängern den Genuß des Weines als entnervend verboten hatte, so hielten sie sich gern an dergleichen aromatische süße Tränke, die bis heute in allen dem Islam verfallenen Ländern in der verschiedensten Weise bereitet werden.

Überall, wo die Muhammedaner sich zu Herren des Landes aufwarfen, konnte naturgemäß ein Produkt nicht mehr gedeihen, dessen Genuß das Gesetz der Eroberer den Gesunden aufs strengste untersagte und nur Kranken in mäßiger Menge als Arznei gestattete. So ging nicht nur in Vorderasien, der Wiege der Rebenzucht und Weinkultur, sondern auch in Nordafrika, Spanien und Sizilien der Weinbau nach dem Eindringen der Araber stark zurück. Manche fanatische Kalifen duldeten seinen Anbau überhaupt nicht. So befahl auch in Spanien Hakim II. den größten Teil der Weinberge auszurotten; bloß etwa ein Drittel derselben ließ er stehen zum Genusse ihrer Früchte als reife Trauben, frisch oder getrocknet, oder zu Traubenhonig eingekocht, was zu genießen der Prophet erlaubt hatte.

Was dem Islam in Spanien nicht ganz gelang, wie die heutigen Malaga- und Xeresweine beweisen, das setzte er im gegenüberliegenden Marokko durch. Die atlantische Küste des letztgenannten Landes war im Altertum ein berühmter und ergiebiger Weinbezirk, dem die Rebe schon von den Phönikiern zugetragen wurde. Dort lag das Vorgebirge Ampelusia, d. h. Rebenkap (das heutige Kap Spartel), und die uralte Stadt Lix, die auf ihren punischen und punisch-römischen Münzen die Traube als Wahrzeichen führte. Noch im frühen Mittelalter, bei der Ankunft der Araber, muß eine blühende Rebenkultur hier bestanden haben, da die an Stelle des alten Lix gegründete muhammedanische Stadt den Namen El Araisch, d. h. zum Weinberg, erhielt. Jetzt trägt das überaus fruchtbare Land infolge der arabischen Herrschaft fast keine Weinpflanzungen mehr; nur unter einigen unabhängig gebliebenen Stämmen der Küste konnte der altgewohnte Trank nicht abgeschafft werden und ist deshalb einiger Rebbau zu finden.

Das heutige Griechenland, das einst vorzügliche Weine produzierte, erzeugt mit wenigen Ausnahmen nur schlechten Wein. Der Ruhm der Weine von Chios, Lesbos und Thasos ist längst dahin, und der nach Harz schmeckende Resinato, über den schon der langobardische Bischof Liutbrant von Cremona auf seiner Gesandtschaftsreise nach Konstantinopel im Jahre 968 klagte, ist ein sehr schlechter Ersatz dafür. Auch die heute daselbst angepflanzten +Korinthen+ -- so genannt, weil sie von Korinth aus exportiert werden -- scheinen nur eine durch Degeneration entstandene Varietät der Weintraube zu sein. Sie sollen ursprünglich von der Insel Naxos gekommen und nicht vor dem Jahre 1600 in Morea bekannt gewesen sein. Heute sind sie wiederum gänzlich von Naxos verschwunden und werden ausschließlich in Patras, auf Zante und Kephalonia gepflanzt, von wo jährlich etwa 100 Millionen kg ausgeführt werden.

Nur an zwei Punkten hat am Ausgang des Mittelalters die Hand des Menschen den Bezirk der Rebe wirklich erweitert, nämlich auf Madeira und den Kanarischen Inseln. Auf der ersteren Insel ließ schon der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer am Ende des 15. Jahrhunderts Rebenschößlinge vom Peloponnes und von der Insel Kreta bringen, nach Teneriffe aber verpflanzte der Spanier Alonzo de Lungo gegen das Jahr 1507 Weinstöcke von Madeira. Der dort also aus griechischen Reben gewonnene Wein wurde in der Folge recht berühmt und besonders von den auf weiten Bezirken der Erde angesessenen Engländern gern getrunken, die auch die starken Weine der pyrenäischen Halbinsel, den nach dem Exporthafen Xeres benannten Sherry und den nach dem Einschiffungsorte Oporto geheißenen Portwein bevorzugen, wie sie auch die starken Schnäpse und scharfgewürzten Biere -- man denke nur an das Ingwerbier -- lieben.

Nach Ungarn waren italienische Reben unter König Stephan im 11. Jahrhundert gelangt. Aus ihnen erwuchs dann der Tokayerwein, der seine volle Berühmtheit allerdings erst vom Ende des 15. Jahrhunderts und besonders seit 1560 erhielt, als man begann Ausbruch aus den dortigen Reben herzustellen. Von diesen ungarischen, wie auch griechischen und syrischen Reben brachten französische Ritter aus den Kreuzzügen Ableger in ihre Heimat mit, um die einheimischen Sorten damit zu veredeln. Denn als zu Beginn des 2. christlichen Jahrtausends das Abendland durch die Kreuzzüge regere Verbindungen mit dem Morgenlande anknüpfte, kam begreiflicherweise die Kenntnis und damit auch die Wertschätzung der von den Christen in Palästina gezogenen starken, edlen Weine nach Europa. Diese wurden bald von den Vornehmen, die sich solch teuren Trunk leisten konnten, bevorzugt, bis schließlich auch diese Gebiete wiederum von den Muhammedanern besetzt wurden, wodurch der morgenländische Weinbau rasch ein Ende nahm. Damit hörte auch der Import der palästinensischen Edelweine nach dem Abendlande auf. Dafür bezog man, solange die muhammedanische Invasion dahin noch nicht stattgefunden hatte, den griechischen Wein, der nach der Gegend von Malvasia auf Morea Malvasier genannt wurde, oder als ~kipper~-, auch ~ciperwîn~ von Zypern stammte. Besonders letzterer wurde so sehr geschätzt, daß Gedichte der mystischen Richtung ihn selbst die Seligen im Himmel trinken ließen. Den Charakter eines südlichen Weines trägt auch der aus Ungarn, der unter dem Namen ~osterwîn~ nach Deutschland verführt wurde.

Als diese beliebten Süßweine nicht mehr zu bekommen waren, begann die Christenheit als Ersatz dafür die bis dahin üblichen +Würzweine+ mit Honig zu süßen und an Stelle der schwachwürzenden einheimischen Kräuter die starken Gewürze Indiens zu verwenden, die die Venezianer mit ihren Schiffen aus dem Morgenlande, speziell Ägypten, holten und den Abendländern teuer verkauften. Von da brachten Säumer die kostbare Ware über die Alpen nach den reichen deutschen Städten, wo diese Gewürze trotz ihrer hohen Preise rasch Absatz fanden. Man benutzte sie zur Herstellung von allerlei „~gepîmenteten wînen~“ -- aus ~vina pigmentata~ verdeutscht -- wie die Würzweine damals hießen, deren Feuer dadurch gehoben werden sollte.

Im 14. und 15. Jahrhundert erfreute sich der als ~clarêt~ bezeichnete Würzwein besonderer Hochschätzung. In französischen Klöstern war er zuerst aufgekommen und hatte mit der mittellateinischen Benennung ~claretum~ -- aus ~vinum claratum~, d. h. geklärter Wein -- in deutschen Klöstern und dann auch in Laienkreisen gute Aufnahme gefunden. Er wurde in der Weise hergestellt, daß man Pfeffer, Zimt, Gewürznelken, Kardamomen und Ingwer pulverisiert in Beutelchen in den mit Honig versüßten und, war es Weißwein, mit Safran vielfach gefärbten Wein hing und bis zum völligen Ausgelaugtwerden und Abklären darin beließ. So gewann der Trank, wie man hervorhob, die Stärke und den Reiz des Weines, die Würze und den Duft der Spezereien und die Milde und Süße des Honigs. Eine halbe Verdeutschung ist das mittelhochdeutsche ~clârtrank~, während das völlig deutsche Wort ~lûtertrank~ eine seit dem 12. Jahrhundert in Deutschland zuerst aufgekommene Art mit Honig gesüßten Würzweins von unbestimmter Zusammensetzung bezeichnete. Lange gingen die beiden Ausdrücke ~clarêt~ und ~lûtertrank~ nebeneinander für zwei verschiedene Begriffe, obwohl es sich dabei nur um durch die Verschiedenheit der verwendeten Gewürze entstandene Spielarten eines und desselben Stoffes handelte, bis schließlich keine Unterscheidung mehr bei ihnen gemacht werden konnte.

Wahrscheinlich spielte die Farbe des Weines dabei keinerlei Rolle, und Claret wie Lautertrank konnten ebenso von rotem, wie von weißem Weine gemacht werden. Oft erscheint in den Schilderungen der mittelalterlichen Gastmähler der ~lûtertrank~ hinter dem wîn genannt, und gleichsam als Steigerung hervorgehoben. Jedenfalls war er oder der ~clarêt~ der Ehrentrunk, der bei festlichen Anlässen vornehmen Gästen offiziell reichlich gespendet wurde. Für den gemeinen Mann und für einfache Verhältnisse waren solche Luxusgetränke nicht bestimmt. So verbot beispielsweise der Rat zu Magdeburg im Jahre 1505 bei einfachen Verlöbnissen, ebenso beim Kirchgange der Braut ~clarêt~ zu schenken als zu kostbar.

Eine besondere Sorte solchen Würzweins aus Rotwein bildete der +Sinopel+, der bei manchen Dichtern, wenn auch nicht häufig, erwähnt wird; so z. B. wenn gesagt wird: (sie genossen) „den ~lûtertrank~ und daz ~clarêt~, darzuo den roten ~sinopel~“. Im deutschen Epos Parzival wird dieser rote Sinopel im heiligen Gral wie sonst der das Blut Christi versinnbildlichende Rotwein beim Abendmahl der Christen reichlich gespendet. Der Name rührt vom lateinischen ~cinnabaris~, mittellateinisch ~cinnobris~, deutsch Zinnober her von seiner schön hellroten Farbe, die an das von den alten Römern ~cinnabaris~ genannte rote Drachenblut von der Insel Sokotra erinnerte. Das Wort hat also nichts mit der von uns Zinnober genannten Quecksilberverbindung zu tun, wie man ohne genaue Kenntnis der Drogenkunde der Völker des Altertums glauben könnte, sondern bezieht sich auf die rote Lösung von Drachenblut, mit der das Getränk Ähnlichkeit hatte. Die daneben angetroffene Form ~siropel~ nimmt Bezug auf die Süßigkeit und knüpft an ~siropel~ im Sinne von Sirup an, das seinerseits vom arabischen Worte ~scharab~ für Trank abzuleiten ist.

Ein anderer ebenfalls aus Rotwein hergestellter Würzwein des Mittelalters war der heute noch mancherorts bei festlichen Anlässen, in Basel z. B. an Sylvester und Neujahr, aufgetischte +Hippokras+, der seiner vermeintlichen heilkräftigen Wirkung wegen nach dem angesehensten Arzte des Altertums, dem Vater der Heilkunde, Hippokrates so genannt wurde. Der englische Dichter Shakespeare erwähnt ihn mehrfach in seinen Dramen, und noch im 18. Jahrhundert war er auf der französischen Tafel allgemein verbreitet. Auch er ist als ~hypocras~ wie der ~clarêt~ eine französische Erfindung, obschon der deutsche Arzt Brunfelsz in seinem 1532 erschienenen Spiegel der Arzneikunde erklärt: „Dieser tranck heißt Ipocras, wann Hypocras (gemeint ist natürlich Hippokrates) hat in seer genützt (benutzt), und auch selbst erfunden.“ Man bereitete ihn in der Weise, daß man Rotwein in einer Terrine mit Zucker, Zimt, Pfeffer, Gewürznelken, Muskatblüte, Ingwer und Schnitzen des Reinetteapfels versetzte und diese Mischung einige Tage stehen ließ, dann das Ganze seihte, klärte und in Flaschen abfüllte. Als eine besonders feine Abart kam im 18. Jahrhundert in Frankreich der ~hypocras parfumé~ auf, dem außer geriebenen Mandeln besonders Bisam (Moschus) und Ambra zugesetzt wurde. Auch dieser fand in Deutschland bald Aufnahme und ein märkischer Chronist des 16. Jahrhunderts findet ihn „recht anmutig und schleckerhaft“.

Neben dem Hippokras wurden eine Menge +medizinische Weine+ getrunken, die meist nach ihrer Wirkung auf ein bestimmtes Organ oder einen kranken Körperteil benannt wurden. So empfahl ein Gemminger Arzt, mayster Thoman Rüsz, im Jahre 1479 der Gräfin Margarete von Württemberg gegen ihr Milzleiden einen wahrscheinlich von ihm selbst bereiteten Milzwein, dessen Zusammensetzung allerdings in dem uns erhaltenen Briefe nicht angegeben wird. Wir wissen nur aus den Arzneibüchern, daß die mannigfaltigsten Kräuter dazu verwendet wurden, so vornehmlich je nach der beabsichtigten Wirkung Johanniskraut oder Boretsch oder Augentrost, Salbei oder Isop.

Solchen Würzwein trank man wie den Wein überhaupt je nach Geschmack und Bedürfnis warm oder kalt. Ersteren bevorzugte man in Fällen von Krankheit und bei Kälte. So berichtet uns Gregor von Tours vom Jahre 590, daß sich Wächter einer Stadt Frankreichs im Winter an einem offenen Feuer Glühwein bereiteten und sich daran berauschten; und von Ludwig I., dem Frommen, dem dritten Sohne Karls des Großen von seiner dritten Gemahlin Hildegard, berichtet uns sein Biograph, daß er sich noch kurz vor seinem Tode im Jahre 840 bei Mainz einen Schluck warmen Weines zur Stärkung geben ließ.

Die starken und kräftig schmeckenden gewürzten Weine unserer Vorfahren sind heute außer Mode gekommen, bis auf den +Glühwein+ und die verschiedenen Arten von +Bowlen+. Zu ersterem wird der Wein gewärmt, mit Gewürznelken, Zimt und einem Zitronschnitz versehen, getrunken; bei letzteren verwendet man mit Wasser oder Schwarztee verdünnte gezuckerte Weine, denen durch duftende Früchte wie Erdbeeren, Pfirsich, Ananas oder wohlriechende Kräuter wie Waldmeister mit Zusatz von einigen Apfelsinenscheiben (Maitrank) oder Schalen bitterer Pomeranzen (Bischof) ein angenehmes Aroma verliehen wird. In England ist von solchen Getränken besonders der ~claret cup~ beliebt, der aus Rotwein besteht, in den man grüne Gurkenscheiben geschnitten hat. Von allgemeiner Wertschätzung ist der +Wermutwein+, der dadurch gewonnen wird, daß man dem gärenden Moste Wermutkraut zusetzt, wodurch er einen etwas herben Beigeschmack erhält, den viele lieben. Am bekanntesten ist der norditalische ~Vermut di Torino~.

Außer dem Traubenwein, der nur den Wohlhabenden zugänglich war, und auch von diesen nur bei festlichen Anlässen genossen wurde, trank man von alters her durch ganz Europa die verschiedensten +Obst+- und +Beerenweine+. Die Äpfel und Birnen, die man nicht frisch oder gedörrt aufzubewahren vermochte, wurden im überreifen, weichen Zustande gekeltert und +Most+ aus ihnen gewonnen, der angenehm schmeckte, durch seinen geringen Alkoholgehalt kaum berauschte und durch seinen Reichtum an Pflanzensäuren, besonders Apfelsäure, angenehm durstlöschend wirkte, was besonders in der Sommerhitze von Vorteil war. Im Notfalle mußten Holzäpfel und Holzbirnen zur Herstellung solchen Trankes dienen; selbst aus den sauren Schlehen gewann man einen wegen seiner heilkräftigen Wirkung beliebten ~slêhentranc~. Der aus Kirschen hergestellte ~kerswîn~ und der aus Quitten gewonnene ~kütenwîn~ wurden besonders Kranken als Labetrunk gespendet. Reiche Leute taten sich an solchen Obstweinen gütlich, die mit Honig gesüßt und auf verschiedene Weise gewürzt waren.

Schon zur Merowingerzeit war ein Getränk aus zerquetschten wilden Maulbeeren, worunter auch Brombeeren verstanden sind, beliebt, deren Saft in einem gepichten Faß mit Honig und, nach Belieben, mit würzigen Kräutern versetzt wurde. Ein offenbar romanischer Schreiber des 9. Jahrhunderts gibt uns ausführliche Vorschriften über die Zubereitung dieses als ~vinum moratum~ oder ~moraz~ bezeichneten Getränkes, das sich namentlich in den Klöstern besonderer Beliebtheit erfreute. Anfänglich nur aus Beerensaft bereitet, wurde er dann an den Höfen des Mittelalters in der Weise gewonnen, daß man Maulbeeren beziehungsweise Brombeeren in Wein ansetzte. Auch die Verwendung von Heidel- und Preiselbeeren, wie auch Johannisbeeren für einen gegorenen Haustrunk ist uralt. Schon das ~Capitulare de villis~ Karls des Großen aus dem Beginne des 9. Jahrhunderts hat eine sorgfältigere Bereitung des Beerenweins im Auge, wie es auch das Stampfen der Weintrauben mit den nackten Füßen als unappetitlich verbot, was allerdings durchaus fruchtlos blieb, da diese Sitte nach wie vor geübt wurde und sich teilweise bis in die Gegenwart erhielt.

Die Erzeugung von +gebranntem Wein+ kam in Europa erst im 13. Jahrhundert auf, und zwar durch die Vermittlung arabischer Ärzte, die ein Destillat aus Wein und seinen Häuten und Trebern schon seit dem 10. Jahrhundert kannten und als ~al kehal~, d. h. das Feine, Edle -- woraus dann unser Wort Alkohol wurde -- zu äußerlichem Gebrauche bei Erkrankungen aller Art, besonders bei Gicht, verwendeten. Die Kunst des Brennens gehört dem Orient an, wo sie zuerst im 9. Jahrhundert in Persien, dann auch in Syrien, Kleinasien und den Inseln des griechischen Archipels zur Gewinnung des wohlriechenden ätherischen Rosenöles geübt wurde. Stets haben ja die Morgenländer eine leidenschaftliche Vorliebe für Wohlgerüche gehabt, und da kann es uns nicht wundern, daß sie Mittel und Wege suchten, den Blumenduft zu konzentrieren. Dies gelang ihnen zuerst mit den Rosen, deren Blumenblätter sie mit Wasser angemacht in einem geschlossenen Kessel mit einem schnabelförmigen, langen Abzugsrohr erhitzten, um die Dämpfe mit dem wohlriechenden ätherischen Rosenöl durch Abkühlung in einem andern damit verbundenen Gefäß sich niederschlagen zu lassen. Ein solches Destillat lernte man bald auch aus anderen duftenden Blumen und Pflanzenstoffen aller Art gewinnen, die dann alle als äußere Heilmittel wie auch der Weingeist zum Einreiben gegen mancherlei Krankheit sehr geschätzt waren.

Als dann die Abendländer zur Zeit der späteren Kreuzzüge mit der morgenländischen Methode des Destillierens bekannt wurden und diese Kunst selbständig zu üben begannen, wurden aus sehr zahlreichen Pflanzen alkoholische Wässer für Heilzwecke gebrannt. Diese Kunst übten zunächst Laien, bis die später aufkommenden Apotheker sich ihrer bemächtigten und sie technisch weiter ausbildeten. Sie erst begannen zu Heilzwecken den gebrannten Wein als ~aqua vitae~, d. h. Lebenswasser, in größeren Mengen unter das Publikum zu bringen. Während er vorher nur äußerlich gebraucht wurde, begann man ihn im 14. Jahrhundert den Kranken auch innerlich zu geben. Erst im 15. Jahrhundert begannen ihn auch Gesunde angeblich „zur Erhaltung einer festen Gesundheit“ zu trinken, und zwar „alle Morgen einen Löffel voll“; „wer dies tue“, sagt uns ein Bericht des 16. Jahrhunderts, der „werde nimmer krank“. Leider fand diese Sitte zum Zwecke der Vorbeugung gegen Krankheit nur zu rasch Aufnahme bei den besser Situierten, die sich dieses teure ~aquavit~ oder ~aqua ardens~, weil es beim Hinunterschlucken brannte, als Genußmittel leisten konnten. Schon zu Ende des 15. Jahrhunderts und mehr noch im 16. Jahrhundert erließen die Räte mancher Städte, wie z. B. als eine der frühesten Nürnberg 1496, die Verordnung, daß man ~gebrant wîn~ weder Feiertags noch Alltags auf Straßen oder vor Häusern feilhalten dürfe. Erst der dreißigjährige Krieg (1618-1648), der so namenloses Elend über Deutschland brachte und zu allgemeiner Sittenverwilderung führte, hat das Schnapstrinken, wie auch das Rauchen, in weiteren Kreisen populär gemacht. Die zügellose Soldateska tat sich damit groß, und in der allgemeinen Not der Zeit begannen Bürgersmann und Bauer diese leidige Sitte nachzuahmen. Dabei fanden sie bald genug Geschmack daran.