Part 10
Er spricht nämlich den Gedanken, mit Luthers Auftreten sei eine Blütezeit angebrochen, als Zukunftsaussicht des Reformators aus. Vor katholischen Ohren! Man denke! Wie könnten da die Seelen der armen Schäflein in Anfechtungen fallen!
Die schrecklichen Verse lauten:
»Der Knospe Deutschland auch, Gott sei gepriesen! Regt sich’s im Schoß! Dem Bersten scheint sie nah, Frisch, wie sie Hermann auf den Weserwiesen, Frisch, wie sie Luther vor der Wartburg sah!«
Nicht minder gefahrdrohend wie für das Glaubensleben der Kinder ist das genannte Buch für ihre Moral. In dem Märchen vom Schlaraffenland heißt es nach Bechsteins Erzählung, dort flögen gebratene Tauben den Leuten ins Maul, auch müsse man sich durch einen Reisbrei +durchfressen+, um ins Land zu kommen. Solche Ausdrücke, sagt der Minister -- übrigens mit Recht --, dürften Mädchen nicht in den Mund nehmen. Aber einen solch gesegneten Appetit, daß man sich durch einen Reisberg durch»essen« kann, hat doch nicht jeder!
In Hebels Gedicht »Der Schneider in Pensa« wird erzählt, wie ein wohlhabender deutscher Schneider 1812 badische Soldaten zu Pensa in Rußland bewirtet habe. Es heißt da, der Schneider habe sich schon vorher auf solche Einquartierung gefreut; er liebte sie, sagt Hebel, schon zum voraus ungesehenerweise, wie eine Frau ihr Kindlein schon liebt und ihm Brei geben kann, ehe sie es hat.
Diesen Satz bezeichnet der Minister als anstößig![155]
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Die Tugendhaftigkeit unserer Zeit macht keineswegs vor der Kastration von Gedichten und Volksliedern halt. Sie hat auch rückwirkende Kraft. Jeder wahre Tugendheld muß sein Herz höher schlagen hören, wenn er wahrnimmt, daß nichts so klein oder kleinlich ist, daß die Sittlichkeit sich nicht seiner bemächtigt.
Ein Beispiel für viele: Ungezählte Jahre stand in den Schülerverzeichnissen, die den Jahresberichten der bayerischen Gymnasien angehängt sind, unter der Rubrik »Stand des Vaters« Privatier etc. Das ist nunmehr insofern geändert, als bei unehelichen Kindern in diesem Falle Privatiere stehen würde, also der Stand der Mutter! Die Folge dieser sittenstrengen Maßnahme ist klar. Die Kinder werden mit der ihnen eigenen Grausamkeit sich die Schande der Eltern, oder das, was die Spießbürger so zu nennen pflegen, vorwerfen und damit einen Wermuttropfen in die Seele des schuldlosen Opfers träufeln. Aber was schadet das weiter? Wenn nur die Moral gerettet wurde![156]
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Mit der Prüderie der Behörden und Geistlichkeit kontrastiert ganz merkwürdig das Verhalten in der Beichte. Der Redakteur der Aschaffenburger Zeitung Pepi Matthes hat vor einigen Jahren unter dem Titel »Wenn Kinder beichten. Eine Anklage« ein Schriftchen herausgegeben, das inzwischen recht selten geworden ist und in dem er seine Erfahrungen mit dem Beichtstuhl voller Entrüstung veröffentlicht. Seine Zentrumsgegner denunzierten ihn darauf, er wurde in eine sehr unangenehme Untersuchung verwickelt und die Schrift konfisziert. Aber da es ihm gelang, den Wahrheitsbeweis zu erbringen, mußte das Verfahren nach § 184 Abs. 1 RStrGB. eingestellt und die Broschüre frei gegeben werden.
Statt nun, daß die Frommen voller Entrüstung sich vom System der Beichte oder mindestens dessen Handhabung abgewandt hätten, verfolgen sie Matthes heute noch mit Feuereifer nach dem altbewährten deutschen Prinzip, nicht den Brandleger zu bekämpfen, sondern den Passanten, der »Es brennt« ruft.
Bezeichnend für die Kampfesweise ist u. a. der in Nr. 410 der Münchener Neuesten Nachrichten vom Jahre 1909 abgedruckte Brief des Gymnasialrektors Dr. J. Straub. Darin heißt es: »... Wohl aber begab ich mich vor einiger Zeit... zu sämtlichen hiesigen Buchhandlungen und erklärte dort, ich müßte den Schülern das Betreten ihrer Geschäftsräume unter Androhung der schwersten Strafen verbieten, wenn sie das angedeutete Preßerzeugnis auf Lager hielten. Damit tat ich lediglich meine Pflicht und erfüllte einen ausdrücklichen Auftrag des k. Staatsministeriums. Auch an Herrn Bürgermeister Dr. Matt wandte ich mich mit der Anfrage, ob von Polizei wegen gegen die Verbreitung solcher Produkte nicht vorgegangen werden könnte.«
In diesem Schriftchen, dessen Wahrheit also gerichtlich festgestellt wurde, finden sich folgende Proben aus der Beichte:
Ich war 14 Jahre alt und legte meine Osterbeichte ab.
»Hast du Unzüchtiges getan?«
»Nein.«
»Hast du dich niemals angerührt?«
»Nein, nur wenn ich’s mußte.«
»Hast du niemals mit der Hand dich an schamhafter Stelle angefaßt, jenen Teil in die Hand genommen und hast so gesündigt?«
»Aber nein.«
»Hast du nie etwas Besonderes aus deinem schamhaftesten Teil kommen sehen oder das gefühlt, wenn du im Bett lagst?«
»Nein, Hochwürden.« -- -- --
Schon oft hatte ich so etwas von Kameraden gehört, die der Beichtvater auch so ausgefragt hatte. Aber ich verstand all das nicht. Am Abend nach jener Beichte lag ich unruhig im Bett. Es war mir so heiß, so schwül.
Meine Beichte fiel mir ein.
Ich warf Bett und Decke zurück, damit ich nicht so heiß bliebe.
Ich mußte am nächsten Morgen kommunizieren. Ach, wie ist das, wenn man so ist, wie der Beichtvater heute gesagt hat? Ich preßte die Schenkel aufeinander. Es half nichts. So war ich noch niemals.
»Hast du...?« »Hast du...?« »Tatest du...?«
Die Fragen gingen mir immer schneller durch den Kopf. »Vater unser...« Meine Sinne waren nicht beim Beten, sondern bei der Beichte.
Die Hand... »Hast du noch nie...?« »Hast du niemals...?«
Gott, Gott, wie +reizten+ mich diese Fragen, so oft ich daran dachte. -- -- --
Am nächsten Morgen konnte ich +nicht+ kommunizieren. »Ich habe aus Versehen nach 12 Uhr noch ein bißchen Brot gegessen,« belog ich meinen Religionslehrer.
Bei der nächsten Beichte aber mußte ich antworten: »Ich habe es getan.«
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Wie Matthes bei einem Augustiner einige Zeit später beichtet, der ihn gleich fragt, wo er wohnt und sich nach den Töchtern der Wirtsleute erkundigt, erzählt er folgendermaßen:
»Die eine heißt Emmy und die andere Anna?«
»Ja.«
»Hast du mit diesen noch nicht unschamhaft verkehrt?«
»Nein.«
»Hast du sie nicht mit lüsternen Blicken angesehen? Auch das ist eine Sünde.«
»Nein.«
»Hast du sie nicht, auch nicht wie zum Scherz, an der Brust gefaßt? Oder am Schenkel, oder gar dazwischen, über oder unter dem Kleid, oder dorthin lüstern gesehen?«
»Nein.«
Matthes bekam drei »Vaterunser« und »Gegrüßet seist du, Maria«, nebst einem Rosenkranz als Buße auf.
Hinfort konnte er die Töchter seiner Wirtsleute nicht mehr so ruhig ansehen.
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Wir wollen den Fall des Pater Sanktes, eines Religionslehrers an unteren Klassen, der sich an seinen Schülern sittlich verfehlt, übergehen, da einzelne Entgleisungen überall vorkommen können. Ob Sanktes wirklich, wie er klagte, in der Beichte von der Versuchung besiegt wurde, bleibe dahingestellt. Wichtiger ist die Feststellung des Matthes, daß er von +sämtlichen+ Beichtvätern mit alleiniger Ausnahme von zweien, mit ähnlichen Fragen gequält wurde. Sogar ob sie mit ihrer Schwester zusammen geschlafen hätten, wurden die Buben gefragt.!!
Ein Schüler erhängte sich aus Furcht vor den Folgen des Lasters, das er in der Beichte gelernt hatte.
Ein Beichtvater fragt: »Hast du dich nie, vielleicht unter einem harmlosen Vorwand, an den Beinen gefaßt?«
»Nein, nein.«
»Hast du niemals ein Mädchen geküßt?«
»Ja.«
»Hast du dabei sinnliche Gefühle erweckt, indem du vielleicht deine Knie oder deinen Körper an sie gepreßt hast, oder deine Brust? Oder hast du mit deiner Zunge zwischen ihren Lippen geleckt?«
»Aber nein.«
»Hast du auf einem Schoße einer weiblichen Person gesessen und dabei Böses gedacht?«
»Nein.«
»+Auch bei deiner Mutter nicht?+«
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Von der Art eines Ordensgeistlichen, die Beichte bei Mädchen anzuhören, berichtet Matthes:
Die kleine Bertha war Erstkommunikantin und wird, nachdem der Pater jedes Gebot einzeln durchgegangen ist, auch nach dem sechsten gefragt.
»Hast du niemals mit Buben gespielt?«
»Ja, oft.«
»Hast du sie auch berührt?«
»Ja.«
»Sie dich auch?«
»Ja.«
»Natürlich, um Schlechtes zu tun!«
»Aber nein, nein, so nicht! Gespielt, so gespielt halt, Nachlaufen, Verstecken, Fangen und so, und so anderes.«
»Lüge nicht! +Ich habe es gesehen+, wie dich Buben angegriffen haben.«
»Aber nein, nein!«
»Hast du dich selbst angegriffen?«
»Ja; nein, so nicht, wie Sie wieder denken!«
»Gewiß, du hast es getan! +Ich weiß es.+ Du hast dich angerührt.«
»Aber nein doch, nein!«
»Sagst du gleich ja? Willst du gleich ja sagen? Nun, wird es bald, willst du ja sagen?«
Dabei polterte der Beichtvater wider das Gitter, das ihn von seinem Beichtkind trennte. Und bebend kam es da von den Lippen:
»Ja.«
»Nun, mit der Hand oder mit dem Stöcken.«
Keine Antwort.
»Mit der Hand oder mit dem Stöcken?«
Wieder schwieg die Kleine.
Da polterte Hochwürden wieder und leise sagte das Kind:
»Mit der Hand.« Nur, damit Hochwürden zufrieden war.
»Sag, hast du auch mit einem Hund dich abgegeben?« usw. usw.
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Man kann sehr freie Ansichten haben und wird doch voller Empörung sich von dieser systematischen Jugendverderbnis abwenden. Gesellt sich dazu aber die Scheinheiligkeit und Prüderie der schwarzen Rotte, dann kann der ehrliche Mann nur bedauern, sich voll Ekel abwenden zu müssen, statt mit einem kräftigen Fußtritt die ganze Gesellschaft an die Luft zu setzen.
Aber was nützt die Keuschheit in Worten, wenn +die in Werken fehlt+! Wenn es auch sehr zu beklagen ist, daß in dieser Hinsicht nicht so viel geschieht, wie zur Reinhaltung der Literatur, so ist doch schon der Anfang zu begrüßen. Die +Keuschheitsgürtel werden nämlich wieder modern+! Das beweist nachstehende Geschichte. Heil allen Tugendhaften! Halleluja!
Der Apotheker Parat wurde im Februar 1910 in Paris zum Gegenstand des Interesses der ganzen Welt, weil sich herausstellte, daß er aus Eifersucht seine Frau in Ketten legte und durch Keuschheitsgürtel ihre Treue sich sicherte. Würde es sich hier um die wahnsinnige Handlung eines einzelnen handeln, dann könnten wir sie so wenig unter die Kultur-Kuriosa aufnehmen, wie die Prozesse in Madrid im Jahre 1892 und in Paris 1899 aus dem gleichen Grunde. In beiden wurden die Männer bestraft, weil ein gewaltsamer Zwang vorlag. Es handelt sich hier aber keineswegs um Unica, vielmehr sind noch heute Keuschheitsgürtel bei uns in Gebrauch. Es existiert sogar eine +Industrie+, die solche »Edozone« erzeugt. Dem Pariser Korrespondenten des Berliner Tageblattes fielen zwei solcher Geschäftsanzeigen in die Hände, aus den Jahren 1879 und 1885, die eine aus Paris, die andere aus einem Orte im Departement Aveyron. In ihnen werden Keuschheitsgürtel je nach der Ausführung im Preise von 120-380 Frs. angeboten. Die Verfasser der Prospekte waren zweifellos geschichtlich unterrichtete Persönlichkeiten. Der eine rechtfertigt sein Angebot wie folgt: »Man wird sagen, ein verrücktes Unternehmen: aber wer ist verrückter, der Mann, der die Zwangsjacke erfunden hat, oder der Wahnsinnige, dem sie angelegt werden muß?«
Dr. Cabanès, der bekannte Sammler von geschichtlichen Kuriositäten, erzählt, daß es in Paris Fabrikanten gibt, die diese merkwürdigen Instrumente auf Bestellung anfertigen und Ehemänner und Liebhaber, die sie für teures Geld kaufen und natürlich ihren Freundinnen anlegen. Das schönste Exemplar, das Cabanès gesehen hat, war ein Gürtel mit kostbarem Goldbeschlag und ziseliertem Schloß und wurde zum Preise von 500 Frs. von einer Demimondaine der Rue de Penthicore einem Sammler zum Kaufe angeboten.[157]
Siebenter Abschnitt
Frömmigkeit
Alle frühmittelalterlichen Heiligen zeichneten sich schon in früher Jugend durch hohe Begabung aus, so daß sie an Sitten und Erfahrung Greisen glichen. Juvenis senex, greisenhafter Jüngling, war, anders wie heute, höchstes Lob und daher stehende Redensart. Dieser Abgeklärtheit entsprach auch der Tatendrang, der dem hl. Bernward von Hildesheim wiederholt den Ehrentitel einer »mater ecclesiae«, dem Sankt Johann sogar den einer »virgo egregius«, einer ausgezeichneten +Jungfrau+ einträgt. Auf +einem+ Gebiet aber kannten Erfindungsreichtum und Energie der frommen Männer keine Grenzen: auf dem der Sonderbarkeiten. Quaeque extrema semper appetiit (Was es nun Sonderbares gab, erstrebte er immer), heißt es von Angilram[158], und das trifft den Nagel auf den Kopf. Es waren wirklich auch für ihre Zeitgenossen sonderbare Heilige, und doch ist die Art ihres Wirkens, da es in fast gleicher Weise stets wiederkehrt, so charakteristisch, ja sogar typisch, daß es wohl mit in erster Linie dazu führte, ihnen Heiligenqualitäten zu verleihen, lag ihm doch das tiefernste Bestreben zugrunde, durch Überwindung der Welt den Himmel zu erobern. Diese Eroberung, im strategischen Plane bei allen gleich, wird taktisch verschieden in Angriff genommen.
Am harmlosesten erscheint uns das Streben, ein »Bild« der Demut und Milde abzugeben. Kein Abschied ohne Tränenfluten, keine Verzeihung, ohne daß die Umstehenden mit dem am Boden sich Windenden nicht mitgeweint hätten. Die Kunst, nach Belieben zu weinen -- wir reden despektierlich in solchen Fällen von Krokodilstränen --, die gratia lacrimarum galt als eine jener Himmelsgaben, die nur dem Erwählten zuteil werden. Kaiser Otto III. und der hl. Bernward weinten beim Abschied so heftig, daß sie sich schämten, unter die Leute zu gehen, Alfkerus weinte, wenn er die hl. Messe las, so ausgiebig, daß der größte Teil seines Körpers naß wurde; Eid von Meißen hatte vom vielen Weinen immer entzündete Augen. Eine Gelegenheit, in Tränen zu zerfließen, durfte, wer nur einigermaßen auf Heiligkeit oder Heiligmäßigkeit Anspruch erheben wollte, niemals ungenutzt vorübergehen lassen. Ob es sich um Reue, Erbitten einer Gnade, Beichte, Messe oder Gebet handelte, wer nur irgend konnte, weinte. Die Tränenfröhlichkeit besonders des 10. Jahrhunderts kann kühn mit der der Wertherzeit in Konkurrenz treten. So +tadelt+ Adam von Bremen an den Dänen, daß sie Tränen und Wehklagen aus Reue oder sogar für Tote verabscheuten. (Mon. germ. SS. VII, p. 336.)
Ernster schon waren die Kasteiungen durch Geißelung, Entzug des Schlafes, Hunger und Durst, besonders wirksam aber die Handlungen, die dem Bestreben, der Niedrigste von allen zu sein, ihr Dasein verdankten. Adalbert von Bremen bittet seinen Feind, der ihn mißhandelt, um Verzeihung.[159] Johann von Gorze hat über jeden heiteren Augenblick nachträglich die schwersten Gewissensbisse. Er putzt (wie auch der hl. Adalbert) seinen Mitbrüdern oder gar dem Gesinde die Stiefel, sogar gegen deren Willen, buttert, bis ihm der Schweiß kommt und flickt in den nächtlichen Mußestunden Netze, ja, er reinigt oft die Latrinen! Ganz ähnlich handelt Angilram.[160] Die Königin Mathilde begibt sich nur scheinbar zur Ruhe, verläßt vielmehr ihr Lager, sobald alles schläft und tut die Nacht durch Gutes, um dann morgens, von niemand bemerkt, wieder ihr Lager aufzusuchen. Sie dringt auch heimlich in die Zellen, um beim Baden der Armen behilflich zu sein, während sie sich selbst Bäder versagt.[161] Der stolze Adalbert von Bremen wusch vor dem Schlafengehen 30 und mehr Bettlern die Füße. Ähnliches hatte schon die Tochter König Chilperichs von Burgund, Chrotechilde, getan, wie Fredegar erzählt. Brun von Köln, der Bruder Ottos des Großen, sitzt im Schafpelz unter Königen.[162] Fast keiner aber gönnt sich den damals so beliebten Genuß eines Bades, und doch berichten die Biographen von der Schönheit ihrer Helden!
Diese Kasteiungen müssen für sehr harmlos gelten im Vergleich zur Sitte der ersten Christen, +sich zu entmannen+. Justinus erzählt von dem Gesuche eines Christen in Alexandrien an den Präfekten Felix: er möchte einem Arzt gestatten, ihn zu entmannen. Denn ohne diese Genehmigung durften die Ärzte die Operation nicht vornehmen. +Origenes entmannte sich selbst+ und das Konzil zu Nicäa von 325 sah sich genötigt, Stellung zu nehmen zu der Frage dieser Verstümmelung.[163]
Rühmend erzählt der Biograph vom hl. Ulrich, daß er sich zwar das Gesicht wusch, aber nicht badete, außer an drei Festtagen im Jahre. Dafür wusch er aber eigenhändig 12 Armen die Füße. Der Königssohn Brun war nicht weniger wasserscheu wie Johann von Gorze, der auch Medikamente verschmähte. Angilram badete auch nicht.[164] Waren die frommen Männer so auch zu Lebzeiten keine Nasenweide der frommen Gemeinde, so holten sie das doch im Tode nach. Denn dann entströmten -- das müssen wir wohl oder übel den Chronisten glauben -- den Särgen der frommen Männer liebliche Düfte. Von Eid, Ansfrid, Evergerius von Köln und Udalrich wird es wenigstens ausdrücklich erzählt.[165]
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Das Weinen gehörte auch noch zur Zeit der Kreuzzüge selbst beim Militär zur Frömmigkeit. Der Chronist erzählt: »Es war Sitte im Heere, daß in jeder Nacht, ehe sie sich zum Schlafen niederlegten, ein dazu bestimmter Mann mit lauter Stimme inmitten des Heeres den gewöhnlichen Spruch rief: ›Hilf, heiliges Grab!‹ In diesen Ruf stimmten alle ein, wiederholten ihn, streckten mit reichlichen Tränen die Hände zum Himmel empor und erflehten Gottes Barmherzigkeit und Hilfe. Dann hub der Herold selbst wieder an, indem er wie vorher ausrief: ›Hilf, heiliges Grab!‹ Und alle wiederholten es; und als er gleichfalls zum dritten Male rief, so taten es ihm alle nach mit großer Herzenszerknirschung und unter Tränen. Wer würde dies in solcher Lage nicht tun? da doch schon diese Tatsache zu berichten Tränen den Hörern entlocken kann. Durch diese Anrufung schien das Heer sich gar sehr gestärkt zu fühlen.[166]«
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Die durch Schönheit, Klugheit, Sittenstrenge und Frömmigkeit ausgezeichnete Athenerin +Irene+ wurde durch den Tod ihres Gemahles, des Kaisers Leo IV., im Jahre 780 für ihren zehnjährigen Sohn Regentin des byzantinischen Reiches. Als der Sohn regierungsfähig geworden war, ließ sie die Truppen auf die noch nie dagewesene Formel »Solange du lebst, werden wir uns deinen Sohn als Kaiser nicht gefallen lassen« schwören. Doch der Staatsstreich mißlang, Irene wurde von der Regierung entfernt, und Konstantin VI., der zuerst sieben Jahre mit Karls des Großen Tochter Rothrude verlobt gewesen war, kam endlich zur Herrschaft. Aus Gutmütigkeit verzieh er schon nach einem Jahre seiner Mutter und setzte sie wieder in ihre bevorzugte Stellung ein. Nach fünfjähriger Wühlarbeit gegen den tapferen Sohn machte sie ihn unpopulär. Dann riet sie ihm, seine Gemahlin zu verstoßen und die schöne Hofdame Theodote zu heiraten (795). Jetzt war der Kaiser verloren. Die Kirche trat wegen des ungesetzlichen Schrittes gegen ihn auf, Irene nahm ihn gefangen und ließ ihm in demselben Purpurgemache des Kaiserpalastes, in dem sie ihm das Leben gegeben hatte, +durch den Henker die Augen ausstechen+! Wiewohl die Verstümmelung mit besonderer Grausamkeit ausgeführt war und in der Absicht, seinen Tod zu veranlassen, ohne der Mutter das Odium der Mörderin aufzuladen, lebte der Kaiser noch einige Jahre. Irene aber nahm mit Ignorierung ihres Geschlechtscharakters den Titel »Kaiser« an. Doch schon 802 fiel sie, deren Ehrgeiz eine Ehe mit Karl dem Großen im Bereiche der Möglichkeit gehalten hatte, als Opfer einer Revolution. Sie starb einsam und verlassen 803 auf Lesbos.
Die byzantinischen Schriftsteller finden für diese Kaiserin kaum ein Wort des Tadels. War sie doch die Wiederherstellerin der Bilderverehrung. Als +Heilige+ gehört sie dem Himmel der griechisch-katholischen Kirche an.[167]
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Robert von Arbrissel (Albresec in der Bretagne), der Stifter des Ordens von Fontaevraud hatte eine sonderbare Probe seiner Keuschheit ersonnen. Er ging nicht nur in +Bordelle+ und bewog durch seine Predigt die Prostituierten, +fromm+ zu werden -- und zwar so viele, daß er für sie drei Klöster errichten mußte, von denen deshalb das eine de la Magdelaine benannt wurde, +er schlief auch öfter zwischen zwei Nonnen -- nackt natürlich, gemäß der damaligen Sitte --, bloß um die Kraft des Willens über das Fleisch zu erproben+.
Der Abt Gottfried von Vendome tadelte ihn wegen der unklugen Erfindung dieses neuen Martyriums; Marbod, Bischof von Rennes, aber ermahnte ihn, sich solchen Verführungen nicht auszusetzen, die den guten Ruf, wenn auch nicht die Seele verwundeten. Er tadelte ihn auch, daß er in haarigem Fell und zerrissenen Kleidern, mit halbnackten Hüften, langem Bart, abgeschnittenem Haupthaar und bloßen Füßen gehe.[168]
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Das Mittelalter in seinem Kinderglauben suchte Befreiung von Sünden, weniger durch innere Einkehr, als dadurch, daß es durch weite Reisen, nach Rom, Jerusalem oder an andere geheiligte Orte, räumlich der Gnadenquelle nahte. Jeglicher Schmerz, jede Form irdischer Qual, selbst jedes Verbrechen konnte sich hoffend nach Rom wenden, um zu den Füßen des Papstes Erlösung zu empfangen. Aber neben wahrhaft Reuigen, die in hellen Haufen jahrhundertelang den Weg über die Alpen einschlugen, befand sich auch manch räudiges Schaf. Ja, die damaligen Anschauungen trieben entsittlichte Menschen, fluchwürdige Verbrecher, die heute in Gefängnissen sorgfältig vom Kontakt mit der Mitwelt ferngehalten werden, zu solchen Pilgerfahrten, trugen sie ihnen doch neben der Hochachtung vor freiwilliger Buße auch noch +sicheren Unterhalt+ ein.
Der Schuldige ward in die Welt geschickt, versehen mit einem Schein seines Bischofs, welcher ihn als Mörder oder Blutschänder offen bezeichnete, ihm seine Reise, ihre Art und Dauer vorschrieb, und ihn zugleich mit einer +Legitimation+, entsprechend unseren Pässen, versah. Er zeigte seine Legitimation allen Äbten und Bischöfen der Orte vor, durch welche er kam. Diesem Verdammungs- und gleichzeitigen Empfehlungsbrief verdankte er +überall gastliche Aufnahme+. Deshalb hüllten sich nicht selten Gauner, die gar kein schweres Verbrechen begangen hatten, in die Maske der scheußlichsten Untat. So hatten sie Gelegenheit zu sorgenfreier Reise und Aussicht auf betrügerischen Gewinn. In Ketten, mit schweren Eisenringen um Hals und Arme, halbnackt zogen sie mit ihren falschen Pässen durch die Länder, stellten sich auch vielfach besessen, warfen sich vor den Heiligenbildern der Kirchen und Klöster nieder und erlangten, indem sie durch deren Anblick plötzlich zur Besinnung gekommen zu sein vortäuschten, von den beglückten Mönchen Geschenke.
Bezeichnend für die Sitten, die in solchen Pilgergesellschaften herrschten, ist, daß schon 744 der Erzbischof Bonifazius von Mailand an Cutbert von Canterbury schrieb, die Synode möge den Frauen und Nonnen solche Reisen untersagen, »weil +viele von ihnen zugrunde gehen, wenige aber unberührt heimkehren. Denn es gibt in der Lombardei nur sehr wenige Städte, desgleichen in Franzien oder Gallien, in denen sich nicht eine Ehebrecherin oder Prostituierte aus englischem Stamme befindet.+«
Viele erlagen also den Versuchungen der Pilgerfahrten. Deshalb +verbot auch die Synode von Friaul 791 bereits den Nonnen, nach Rom zu pilgern+.[169]
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Wahre Frömmigkeit römischer Observanz, überall zu finden, wo die kasuistische Pseudomoral der Kirche herrscht, lehrt uns ein niedliches Geschichtchen kennen, das ebensogut heute passiert sein könnte, wie im Jahre 1580 und überaus bezeichnend ist für die Denkweise weitester Kreise unter dem segenspendenden Krummstab.
Montaigne erzählt: »Un quidam etant avecques une courtisane, et couché sur un lit et parmi la liberté de cete pratique-là, voila sur les 24 heures l’Ave Maria soner: +elle se jeta tout soudein, du lit à terre, et se mit à genous pour faire sa priere+. Etant avecques un autre, voila la bone mere (car notammant les jeunes ont des vielles gouvernantes, de quoi elles font des meres ou des tantes), qui vient hurter à la porte, et avecques cholere et furie arrache du col de cette jeune un lasset qu’elle avoit, où il pandoit une +petite Notre-Dame, pour ne la contaminer de l’ordure de son peché+; la jeune santit un’extreme contrition d’avoir oblié à se l’oster du col, come ell’avoit acostumé.«[170]
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