Kriegsgefangen

Part 8

Chapter 83,540 wordsPublic domain

So ging es fast eine Meile, wo wir in einem großen Dorfe, ich glaube St. Agnair, eine erste Rast machten. Die Auberge hatte ganz den Charakter einer spanischen Posada; alles war räucherig und geschwärzt, ein Hängekessel über dem Feuer, Heiligenbilder, die Weiber alt und häßlich, und inmitten dieser Wüstheit ein großes Bauer mit Canarienvögeln, deren hellgelbes Gefieder wunderbar kontrastirte mit dieser Fülle von Schwarz und Rauch. Ich bestellte Kaffee und gerieth beim Anblick einer großen Kaffeemühle, die herbeigeschleppt wurde, in solche Freudigkeit, daß ich auf einem Schemel am Feuer Platz nahm und energisch zu drehen begann, während in das Gesumm des brodelnden Wassers hinein die Scheite knackten und die Canarienvögel sangen.

Nach einer guten halben Stunde ging es weiter, immer in demselben Aufzuge. Das landschaftliche Bild aber wurde von hier ab ein völlig anderes. Bis St. Agnair hin waren wir durch eine einfache Flachlandsgegend gezogen, die ebenso gut auch bei Alt-Landsberg oder Jüterbog hätte liegen können; jetzt erst traten wir in ein Terrain ein, das diesen Küsten eigentümlich ist, in die »Marais« (Meersümpfe), angeschwemmtes, dem Meere entwachsenes Land, das aber immer noch zweilebig geblieben ist und in seinem Luch- und Sumpfcharakter nicht recht weiß, wozu es sich halten soll. In anderen Gegenden ist dies angeschwemmte Land, wie beispielsweise an der schleswig-holsteinischen Westküste, ein vorzüglicher, die besten Ernten gebender Boden, hier aber erweist er sich als stumpf, lehmarm, unfruchtbar und trägt nur eine kümmerliche Kruste, gerade stark genug, um ein mittelmäßiges Gras zu produciren und eine ziemlich ausgedehnte Viehzucht zu gestatten. Dabei ungesund wie alle Sumpfgegenden.

Die schon mit südlicher Kraft wirkende Sonne an diesem Küstenstriche hat es aber doch ermöglicht, in diesen »Marais« eine eigene Industrie groß zu ziehen, die nicht nur vielfach die Bevölkerung nährt, sondern auch landschaftlich diesen Gegenden einen besondern Stempel aufdrückt. Das ist die Seesalzfabrikation. In große flache Teiche wird, mit Hülfe der Fluth wenn ich nicht irre, das Seewasser geleitet und durch den einfachen Prozeß der Verdunstung auf Seesalz hin bearbeitet. Mit großen Krücken, den »≈râbles≈«, werden die Krystalle herausgefischt und dann in daneben befindlichen, meist backofenartigen Strohhütten aufbewahrt. Auf Meilen hin sieht das Auge nichts wie Wiesen, Teiche und Strohdächer. Sehr monoton, aber sehr eigenthümlich.

Nach abermals anderthalb Stunden erreichten wir eine scharfe Biegung der Chaussee, die Straße begann ein wenig zu steigen und der Thurm von Marennes, eine hohe gothische Spitze, wurde sichtbar. Wir hatten von dieser Wegebiegung aus nur noch eine gute halbe Stunde; das belebte wieder. Die etwas aus Schritt und Tritt gekommene Colonne ordnete sich, die Gensdarmen, die sich nach deutschen Kommandos erkundigt hatten, kommandirten unter Lachen: »links, rechts, links, rechts«, und von der Front her erscholl jetzt der Ruf: #singen#. Ich drehte mich um und nickte ihnen zu, wurde aber in demselben Augenblick von dem bangen Gedanken erfaßt: was wird es jetzt geben? was wird gesungen werden? Richtig, die Wahl überstieg noch meine kühnsten Erwartungen; ein Badenser intonirte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, und die Matrosen fielen sofort heiser und wehmuthsvoll ein: »daß ich so traurig bin«. Sie waren aber alles andere eher wie traurig; namentlich der eine, ein bildhübscher Kerl, der unserem Steffeck in seinen besten Tagen wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah, hatte in St. Agnair dem »≈vin blanc≈« erheblich zugesprochen und hin und her wankend machte er jetzt allerdings den Eindruck einer gewissen Auflösung, aber nicht in Schmerz.

Endlich war man mit allen Versen durch, eine kleine Räusperungspause trat ein, die uns bis auf 1000 Schritt an die im Mittagslichte hell daliegende Stadt führte. Ein Wäldchen, Birken und Eichen, eine sauber gehaltene »Plantage«, lag uns bereits zur Rechten und schon begannen einzelne Spaziergänger sich unserem Zuge anzuschließen. Das gab neuen Künstlermuth, und siehe da, ein alter anhaltiner Marketender, der beim Butteraufkauf in der Nähe von Laon von Franctireurs gefangen genommen worden war, kommandirte jetzt mitten aus der Colonne heraus: »Die Wacht am Rhein.« Ich mußte laut auflachen. Eine auf die größte Dummheit gesetzte Prämie hätte keine bessere Wahl zu Stande bringen können. Die Colonne war aber so unkritisch wie möglich; ein halbes Dutzend Stimmen unterstützten die Forderung, und unter der in jeder Strophe auf’s Neue abgegebenen Versicherung, daß »lieb Vaterland ruhig sein könne«, zogen wir, hundert Meilen westwärts des Rheins, als #Kriegsgefangene# in Marennes ein. Die halbe Stadt hatte sich schon vorher uns zugesellt. Es war, wie wenn die Puppenspieler irgendwo einziehen. Ich als Direktor. Mein Alter mit der Ziegenfell-Pellerine sah aus wie der Zauberer der Gesellschaft. Unzweifelhaft erstes Mitglied.

Das Gefängniß nahm uns auf; Besuche kamen, wir waren weit mehr eine Sehenswürdigkeit, als wie Feinde. Der Souspräfekt begrüßte mich; ein feiner, blaß und kränklich aussehender Herr, der mich lebhaft an Mr. Cialandri, den Souspräfekten in Neufchateau, erinnerte. Was lag alles dazwischen! Tod und Leben.

Wir hatten ziemlich freie Bewegung, jede kleine Annehmlichkeit wurde gewährt, freilich für Summen, die an’s Lächerliche grenzten. Ich bezahlte ein Hammelcotelett wie ein Diner bei Very. Gegen Abend erschienen der Maire und sein erster Secretair in meiner Zelle. Es kam Licht; die beiden Herren nahmen auf einer Bank Platz, ich auf dem Bettrand; so plauderten wir. Sie waren, als #Schäfer verkleidet#, bei Sedan von den Preußen gefangen genommen worden und hatten beide auf dem Punkte gestanden, ihre Schlachten-Amateurschaft mit dem Leben zu bezahlen. Herzog Wilhelm von Mecklenburg hatte sie gerettet und freigegeben. Da waren sie nun wieder in Marennes. Als Dritter im Bunde saß ich daneben! Meine Amateurschaft für romantische Plätze hatte mich auf französischer Seite in dieselbe bedrohliche Situation gebracht. Wir tauschten unsere Erlebnisse aus, zugleich unsere Befriedigung #darüber#, daß wir es überhaupt noch konnten.

Dann trennten wir uns, der Schließer entschuldigte sich, daß er »schließen« müsse; eine halbe Stunde später schloß ich die Augen.

In der Nacht horchte ich auf, ob ich nicht den Wogengang des »Atlantic« hörte, dem ich jetzt auf eine halbe Stunde nahe war. Mitunter schien es mir, als rausche und grüße es herüber.

Aber es war nur der Wind, der durch den Kamin fuhr.

≈Ile d’Oléron.≈

1. Die Insel Oléron.

Auf dem erhöhteren Fels erscheint ein zerfallenes Vorwerk, Mit Schießscharten versehn, sei’s, daß hier immer ein Wachtthurm Ragte, den offnen Strand vor Algiers Flagge zu hüten, Sei’s, daß gegen den Stolz Englands und erfahrene Seekunst Erst in der jüngeren Zeit es erbaut der Napoleonide. Platen.

Zwischen den Mündungen der Loire und Gironde, aber mehr in Nähe dieser letzteren, buchtet der atlantische Ocean ziemlich tief ins Land hinein und schafft hier eine Küstenformation, die eine Landung des Feindes begünstigt. Es handelte sich also seit lange darum, das Land an dieser verwundbaren Stelle fest zu machen. La Rochelle und Rochefort, die an dieser Bucht gelegen sind, wurden Festungen. Dies genügte aber nicht. Die #Annäherung# mußte bereits erschwert werden und hierzu boten die vorgelegenen Inseln die beste Gelegenheit. Die kleineren wurden ihrem ganzen Umfange nach in Forts verwandelt, die größeren wurden mit einem Kranz von Werken umgeben. Dieser größeren Inseln waren zwei: Isle Ré und Isle d’Oléron, von denen man jene als ein Außenfort von La Rochelle, diese von Rochefort ansehen kann. Zwischen beiden, als ein Punkt von besonderer Wichtigkeit, liegt noch die kleine Insel Aix. Zu allen Zeiten hatte diese Inselgruppe eine Bedeutung in der Geschichte des Landes; schon das Mittelalter kannte ein »#Oleronisches# Seerecht« (ich glaube das älteste), und was die Befestigungswerke angeht, so fügte jede neue Regierung seit den Tagen Ludwigs XIV. das eine oder andre hinzu.

Eine ganz besondere Wichtigkeit gewannen diese Inseln während des 25jährigen Kampfes Englands gegen die Republik und das Empire. Hier spielte der letzte Akt des Kaiserreichs. Zwischen Isle Ré und Isle d’Oléron, die Ausgänge schließend, lag die englische Escadre unter Admiral Hotham, die Auftrag hatte, eine Flucht des Kaisers zur See zu hindern; in vorderster Reihe der Bellerophon, Capitain Maitland. Am 3. Juli war der Kaiser in Rochefort, am 12. Juli auf Isle d’Aix, wo er am 14. die berühmt gewordenen Zeilen an den Prinz-Regenten richtete: »≈En butte aux factions qui divisent mon pays, et à l’inimitié des plus grandes puissances de l’Europe, j’ai consommé ma carrière politique. Je viens, comme Thémistocle, m’asseoir sur le foyer du peuple britannique; je me mets sous la protection de ses lois, que je réclame de Votre Altesse Royale, comme celle du plus puissant, du plus constant, du plus généreux de mes ennemis.≈«

Den Tag darauf begab sich der Kaiser an Bord des Bellerophon, um Frankreich nicht wiederzusehen. Am 26. Juli lag er auf der Rhede von Plymouth, am 16. Oktober, am Jahrestage der Schlacht von Leipzig, landete er auf St. Helena.

Seit 1815 wurde die Inselgruppe vor Rochefort und La Rochelle nur immer als Detentionsort genannt, zumal während der ununterbrochenen Kriege jenes zweiten Kaiserreichs, das sich mit den Worten introducirt hatte, der Friede sein zu wollen. Anno 54 und 55 waren Russen, Anno 59 Oesterreicher hier in Gefangenschaft; im Winter 70 auf 71 machte die Insel die Bekanntschaft der Preußen und Bayern.

Isle d’Oléron ist 4½ Quadratmeile groß, also ebenso groß wie Wollin, etwas größer wie Fehmarn. Die Bevölkerung, ziemlich zahlreich und wohlhabend, hat sich in zwei Städten und vier Dörfern concentrirt. Die beiden Städte sind Chateau und St. Pierre. St. Pierre ist um etwas größer, steht aber an Bedeutung hinter Chateau zurück. Hier ist die Citadelle, hier sind die Forts und Kasernen, hier wohnen die Behörden; es ist der beherrschende Punkt, während St. Pierre, als behagliche Ackerstadt, inmitten der Insel liegt. Der Boden von Isle d’Oléron wechselt zwischen großer Fruchtbarkeit und Sterilität; weite Strecken sind Sumpfland wie die Marais zwischen Rochefort und der Küste, und hier wie dort hat man diese unfruchtbaren, wenn auch jetzt trocken gelegten Sümpfe zur Gewinnung von Seesalz hergerichtet, ganz in der Art, wie ich es in dem Kapitel Marennes beschrieben habe. Der ärmste Theil der Bevölkerung lebt von dieser Salz-Industrie; andere sind Schiffer, Fischer und versorgen den inländischen Markt mit Fischen und Austern, von denen sich die letzteren (sie sind grünlich und von einem aparten Wohlgeschmack) der besonderen Geneigtheit der Pariser Gourmands erfreuen. Die Wohlhabenden auf Isle d’Oléron sind die Ackersleute; einige Wenige treiben Handel.

Dies war die Insel, für die wir bestimmt waren, der wir jetzt zufuhren.

2. Ankunft.

Steige, Insel, aus dem blauen Reinen Wogenbad empor, Hell ist schon die Stadt zu schauen Und das weiße Haus am Thor.

B. v. Lepel. (Die Wittwe von Capri.)

Marennes liegt nicht so unmittelbar am Meere, daß sich von hier aus die Ueberfahrt nach der Insel ermöglicht hätte; es bedurfte also noch eines kurzen Marsches, um die eigentliche Fährstelle zu erreichen. Diese ist ein einzeln stehendes Gehöft, das nach der Seeseite zu einen Quai bildet. An diesem Quai liegt das Dampfschiff, das den bescheidenen Dienst einer Fähre versieht.

Es regnete, als wir in das Fährhaus eintraten, und so hatten es denn die hohen, durchwärmten Räume mit ihren flackernden Feuern verhältnißmäßig leicht, einen anheimelnden Eindruck auf uns zu machen. Es war aber nicht blos der Gegensatz von draußen und drinnen, der uns hier mit einem lebhaften Behagen erfüllte, die Ordnung, die Sauberkeit, die Wohlhabenheit, die hier unverkennbar zu Hause waren, trugen das Ihrige dazu bei. Inmitten des großen Gastzimmers standen zwei riesige Betten von Nußbaumholz mit grünen Decken und Vorhängen von derselben Farbe. Das Holz war spiegelblank und gab einen ordentlichen Glanz durch das ganze Zimmer hin.

Die Beherrscherin dieser Räume war eine Frau von Mitte siebzig, klein, aber mit großen, klugen Augen voll unerloschenen Feuers, unverkennbar eine Person, die vor 50 Jahren allen jungen Männern zwischen Marennes und Isle d’Oléron die Köpfe verdreht hatte. Sie wählte mich gleich aus der Gruppe heraus, um mir in einer liebenswürdigen, kleidsamen und ihrem Alter entsprechenden Weise den Hof zu machen. Dabei beherrschten ihre Augen mitten im Geplauder den ganzen Haushalt, nichts entging ihr und man sah, daß alles ängstlich nach ihr hinüber fragte.

Es ist sehr interessant, derartige Frauen zu beobachten; sie bilden eine ganze Gruppe. Von Jugend auf gewöhnt zu gefallen, Aufmerksamkeit zu erregen und eine #Macht# auszuüben, bleibt ihnen eine gewisse Koketterie (die nach den Jahren sich #modelt#) bis in ihr höchstes Alter hinein, während zugleich ihre Siegergewohnheit sich zu jener absoluten Herrschergewalt ausbildet, von der die Haushaltungen und ihre #nominellen# Vorstände zu erzählen wissen. Diese Alte, die mir mit Eleganz, Schelmerei und mütterlichem Wohlwollen den Kaffeetisch arrangirte, während ihr Augenzwinkern durch drei Stuben hin dirigirte, war ein Musterstück ihrer Gattung. Ein Haus- und Eheherr, den ich in Verdacht hätte haben können, der zeitige Bewohner einer jener blanken Nußbaumbettstellen zu sein, war nicht sichtbar; — ich vermuthe #längst# seinem Geschick erlegen.

Der Regen legte sich, der Dampfer zischte, die Gensdarmen mahnten zum Aufbruch; eine Viertelstunde später schwammen wir zwischen Festland und Insel; noch zehn Minuten (durch die übliche Unterhaltung, die mich am Beobachten hinderte, leider getrübt) und wir lagen an dem Quaderdamm von Isle d’Oléron. Im Geschwindschritt, durch Neugierige wenig belästigt, ging es auf die Commandantur zu.

Sie lag am andern Ende der Stadt; wir hielten vor einem Gartenzaun, über dessen Spitzen allerhand Baum- und Strauchwerk hinüberwuchs; das Ganze mehr idyllisch, nach Art einer Pfarrerwohnung, als kommandanturhaft-militairisch. So war auch das spalierumhegte Haus, in das wir jetzt eintraten. Wir wurden rangirt; ich, in einigem Abstand, erhielt den rechten Flügel; es fehlte mir nur noch der Sponton des Unteroffiziers. Dann erschien ein freundlicher Herr in Civil mit dem üblichen Ponceau im Knopfloch, das aber diesmal eine rothgefärbte beinerne Rosette war und aussah wie eine kleine Schachfigur. Der Herr selbst war Capitain Forot, Bataillonschef, Kommandant von Isle d’Oléron. Er musterte uns, entließ die Colonne und bat mich, ihm in sein Zimmer zu folgen. Hier wurde ich den Damen vorgestellt, unter denen sich, neben der Frau vom Hause, eine hübsche blonde, eben erst verheiratete Elsässerin befand, deren eigentliche, stillschweigend verabredete Aufgabe dahin ging, im Verkehr mit den täglich eintreffenden Gefangenen den Interpreten zu machen; eine Aufgabe, deren sie sich aber nach Möglichkeit entschlug, indem sie, wie mir Capitain Forot vertraulich versicherte, ihre Zeit lieber dahin anlegte, »Vormittags Briefe zu schreiben und Nachmittags zu weinen.« Er setzte hinzu: »So ein Krieg, der in die Flitterwochen fällt, ist allerdings das Empörendste, was man sich denken kann.«

Wir plauderten das Uebliche, und der Friede (wie immer) wurde wieder auf Tag und Stunde durch mich festgestellt. Inzwischen waren einige Flaschen Straßburger Bier erschienen, die junge Elsässerin präsentirte das vaterländische Gebräu und ich letzte mich nach 6 Wochen zum ersten Male wieder an einer Art Gerstensaft. Es war ein sehr mäßiges Produkt, aber, wie immer auch, es war doch #Bier#, hatte etwas von jenem nervenstärkenden Bitterstoff, der die Hauptsache bleibt, und so kam es mir vor, als ob ich Gesundheit tränke. Capitain Forot ließ bald die Politica fallen und ging in den Ton über, der seiner feinen und liebenswürdigen Natur der entsprechendste war, in humoristische Neckerei. Sein Hauptstichblatt war die junge Blondine mit ihrem antecipirten Wittwenschmerz; aber auch ich erhielt meinen Theil und mußte mir Scherze über die Gefahren des Romanticismus gefallen lassen. Ich that es nur zu gern. Es waren doch wieder verwandte, anheimelnde Töne. »≈Enfin≈, so schloß er, ich sehe die Tage heraufziehen, wo Sie die Gefangenschaft auf Isle d’Oléron segnen werden; Sie werden einen guten Stoff gewinnen und Ihr zukünftiger Biograph einen noch besseren.«

3. Die Citadelle.

Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergolden. Th. Storm.

≈Thy fire, thy wine, All is mine.≈

Inzwischen wurde gemeldet, daß der »Fournisseur« eingetroffen sei, eine behäbige Person mit rothblondem Bart und Klapphut, etwas Engländer, etwas Hecker-Struve und ganz Fournisseur. Unter seinem Beistand sollte eine Wohnung für mich gesucht werden, und zwar auf der »Citadelle«. Wir schritten zu Dritt dieser zu, passirten ein Glacis, dann ein paar Brücken und Thore und standen nunmehr auf einem Triangel-Hof, dessen drei Seiten von eben so vielen kasernenartigen Gebäuden umstellt waren. Zwei davon waren bereits mit Gefangenen belegt; die dritte Seite, die die Offiziersquartiere enthielt, war noch frei.

Wir traten in diese dritte Seite ein. »Ich muß nun schon ein Uebriges für Sie thun«, sagte der Kommandant, »wie könnten Sie Ihre Tage besser verbringen, als angesichts des ewigen Meeres!« damit wurde ein Zimmer aufgeschlossen, das die prosaische Inschrift trug: »≈No. 7: Lieutenant≈«, das aber allerdings durch seine großen Fenster hindurch einen entzückenden Blick auf das Meer gestattete. Ich schwankte einen Augenblick; dann hatte ich meine Wahl getroffen und erwiderte ihm lachend, daß ich nicht gern zum zweiten Male als Opfer des Romanticismus fallen möchte; Aussicht sei viel, aber Comfort sei mehr. »Nehmen wir ein anderes.« Damit traten wir in einen Nebenraum, der den Eindruck machte, als müsse die Heerdplatte hier noch warm sein, als sei das »Camp« an dieser Stelle vor wenig Stunden erst abgebrochen. Vielleicht war es so. Aber es konnte mich auch hier nicht halten, denn die Fensterscheiben, bis zu beträchtlicher Höhe, waren mit lauter, aus rothem Papier geschnittenen Teufelchen beklebt, die sich unter einander neckten, Gesichter schnitten und unanständige Geberden ausführten. Beneidenswerther, der hier in einer Art Mischgattung von Höllenbreughels und Struwelpeter sich verewigt hatte! #Meine# Nerven wären diesem Anblick nicht gewachsen gewesen, und so schieden wir denn auch von diesem Raume. Ein drittes Zimmer »≈No. 9: Capitaine≈« entsprach endlich meinen Wünschen; der Kommandant empfahl sich und der Fournisseur fing an seine Notizen zu machen. Eine Stunde später wurde ein Karren abgeladen; Matratzen, Decken, Gardinen erschienen in buntem Durcheinander, sogar eine endlose gelbe Fahne mit einer Grecque-Borte, die den Anspruch erhob (er blieb unerfüllt), als Betthimmel installirt zu werden.

Beinah gleichzeitig war aus der benachbarten Cantine ein alter, dort beschäftigter Invalide bei mir eingetreten, um seine vorläufigen Dienste anzubieten. Ich bat ihn, mir Holz und Cognac zu bringen, um meinem Frösteln, denn es regnete und stürmte wieder, auf doppeltem Wege beikommen zu können. Der Alte lächelte. Ich hätte nichts fordern können, das ihm lieber gewesen wäre. Eine Viertelstunde später — ich war inzwischen allein geblieben und lief auf und ab, um mich zu erwärmen — erschien er mit einer unglaublichen Menge Holz und einer Quartflasche ≈Eau de vie≈. Ich kann wohl sagen, daß ich erschrak. Das Ganze, in seiner Massenhaftigkeit, hatte etwas, wie wenn sich ein Caraiben-Fest vorbereiten solle. Auf viel was Besseres lief es auch wirklich nicht hinaus. Das Holz waren gespaltete Eichenrippen eines gestrandeten Schiffes, in dem noch die großen rostigen Nägel steckten, rostig vom Seewasser und langem Liegen im Regen. Der Alte packte einen wahren Scheiterhaufen auf, schob einige Strohwische drunter und verschwand mit der Versicherung, »daß es gleich brennen würde«. Es brannte auch, aber wie. Große Massen Rauch schlugen in das Zimmer hinein; ich begann zu blasen und zu pusten, opferte eine ganze Schachtel Streichhölzer; alles umsonst; es blieb ein Schwelfeuer, die Augen fingen an zu thränen und ich nahm endlich den Wasserkrug, um dieser Herrlichkeit ein Ende zu machen. Mir blieb nichts als der Cognac. Ich stürzte ein viertel Glas voll hinunter. Furchtbar. Wer aber will dies blinde Vertrauen tadeln.

Nach einer Stunde kam der Alte. Er sah listig genug aus; wenigstens schien es mir so. Ich lehnte entrüstet jeden Conversationsversuch ab, stellte die grünglasige dicke Bouteille auf den Scheiterhaufen, der eigentlich nie gebrannt hatte, und forderte ihn auf, persönlich und sachlich zu verschwinden.

Das war es, was er gewollt hatte. Er nickte, packte alles auf seinen Arm, steckte die Flasche in seinen weitabstehenden Westenflügel und empfahl sich unter den landesüblichen Höflichkeitsformen.

Ich höre noch sein »≈bon soir, Monsieur≈«.

4. Rasumofsky.

Hier fragt niemand, was Einer glaubt, Was nicht verboten ist, ist erlaubt. Wallensteins Lager.

Bequartiert war ich nun; alles war da, nur die oberste Dienstcharge, die zu besetzen war, war noch unbesetzt geblieben, — der Bursche fehlte noch. Aber auch darüber wurde ich beruhigt. »≈Demain matin≈«.

≈Demain matin≈ kam und beinahe gleichzeitig mit ihm erschien ein Hausbeamter, um mir, vorbehaltlich meiner Zustimmung, meinen zukünftigen Burschen, den Verwalter meiner Wirtschaft, vorzustellen, Max Rasumofsky. Er gefiel mir auf der Stelle; daß er ein schwarzer Husar war, besagten die Ueberreste seiner Uniform, daß er ein Pole war, entnahm ich seinem Namen, daß er ein Schneider war, ergaben die ersten Recherchen. Ich hatte also alles in ihm vereinigt, was man von einem Burschen Tüchtiges erwarten kann: Husar, Pole, Schneider. Ich griff zu und hatte meine Wahl nicht zu bereuen. Er war, was der militairische ≈terminus technicus≈ #schneidig# und #findig# nennt. Unschätzbare Eigenschaften überhaupt; im Besondern auch hier.

Seine »Schneidigkeit« fiel natürlich in die Zeit #vor# seiner Gefangenschaft, und was die Beweise dafür angeht, so bin ich zum besten Theile auf seine eigene Berichterstattung angewiesen. Wer aber viele Leute hat erzählen hören, weiß bald, ob er Dichtung oder Wahrheit vor sich hat. Rasumofsky war als »Spitze« in einen Wald eingeritten, hatte Feuer bekommen und den Fehlschuß des nächststehenden Franctireurs mit einem Treffer aus seinem Karabiner erwidert, aber dies erste Lächeln des Sieges war auch das letzte gewesen. Wie aus einem Bienenkorb schwärmten die feindlichen Schützen aus, hundert Kugeln pfiffen um ihn her, eine riß ihm den Stiefelhacken weg und schlug klirrend den Steigbügel in Stücke, er selbst war ungetroffen und die Möglichkeit der Rettung lag noch vor ihm; da traf eine zweite Kugel die Kruppe seines Schimmels, Pferd und Reiter stürzten und im nächsten Moment war er umringt, gefangen. Ein junger deutsch sprechender Offizier, mit breiter rother Schärpe, sprang auf ihn ein: »Warum hast Du geschossen?« »Wozu hab’ ich denn meinen Karabiner? Wir kriegen die Waffen, um sie zu gebrauchen.« Der Offizier lachte. »Was wird nun aus Dir.« »Nun, ich werde todtgeschossen.« »Sei kein Narr; Du bist ein guter Husar und kein Haar soll Dir gekrümmt werden.« Die Franctireurs nahmen ihn in die Mitte, wickelten die lange Hängetasche um eine ihrer Flinten und schleppten den Todtenkopf-Husaren im Triumphe fort.